genossen, der mich wirklich interessierte, denn der Lehrer, der
gleichzeitig protestantischer Pastor in Bonn war, ließ uns das neue
Testament in griechisch lesen und wußte die handelnden Personen so
lebendig und im Zusammenhang mit den großen historischen Ereignissen
jener Zeit zu schildern, daß ich einen Begriff bekam nicht allein von
der großen sittlichen Kraft der christlichen Lehre, sondern auch von
der gewaltigen geistigen, sozialen und politischen Bewegung, die sie
ausgelöst hat. Aus den Schilderungen dieses Mannes waren mir die alten
christlichen Gebräuche, die Katakomben zu Rom und ähnliche Dinge längst
bekannt, ehe ich sie im Original gesehen habe.
Außerhalb der Schule war ich in Bonn sehr gut aufgehoben; denn ich
wohnte bei einer Familie ~Kemp~ in der Bonngasse, wenige Schritte vom
Gymnasium entfernt, wo es eine vortreffliche Verpflegung gab. Außer
mir wohnte dort noch ein Oberprimaner ~Fischenich~, der Sohn eines
Landwirtes aus der Nähe von Flamersheim, recht musikalisch und ein
guter Kamerad. Es hat mich gefreut, daß mein Sohn ~Hermann~ mit dem
Sohn dieses alten Schulkameraden an der Schlachtfront in Lothringen
bekannt wurde und ihn etwa vor einem Jahre als Gast in Berlin mir
zuführte. Dann gab es noch zwei viel jüngere Gymnasiasten der unteren
Klassen. Wir alle waren bei den Mahlzeiten mit der Familie und den
Angestellten des Geschäfts versammelt. Der Wirt betrieb mit seinem
Sohn unter der Firma »~Paul Kemp & Sohn~« ein einträgliches Geschäft
in Galanteriewaren, studentischen Artikeln jeder Art, in Pelzwaren und
sogar zur Faschingszeit in Maskenanzügen. Das brachte einen großen
Verkehr und viele lustige Ereignisse ins Haus, und ich habe dort zwei
wirklich heitere Jahre verlebt. Mein Vetter ~Ernst Fischer~ studierte
zur selben Zeit in Bonn Medizin, und obschon seine Bude in einem
anderen Hause lag, so haben wir doch manchmal zusammen musiziert.
Selbstverständlich wurden wir auch in Bonn mit dem studentischen Leben,
seinen berechtigten und unberechtigten Eigentümlichkeiten, vertraut und
ich habe schon damals mit Eifer Unterricht im Säbelfechten auf dem
Universitätsfechtboden genommen. Die Folge davon war, daß ich später
als Angehöriger der Universität an diesen Dingen kein Interesse mehr
besaß.
Im August 1869 bestand ich in Bonn das Abiturientenexamen, und das
Abgangszeugnis beweist, daß ich kein schlechter Schüler gewesen bin.
Trotzdem habe ich zu meinem eigenen Bedauern dem Gymnasium kein
freundliches Gedenken bewahren können. Ich halte mich für verpflichtet,
das hier auszusprechen, weil ich das Gefühl habe, daß das humanistische
Gymnasium die Anforderungen nicht erfüllt, die man an es stellt, und
nicht, wie meist behauptet wird, seinen Zöglingen die allgemeine
geistige Reife gibt, die zum Besuch der Hochschule nötig ist. Ich
spreche hier nicht als Naturforscher, der es immer beklagen mußte, auf
der Schule einen ungenügenden mathematischen Unterricht genossen zu
haben. Mein Urteil bezieht sich auch auf den sprachlichen Unterricht,
der in der jetzigen Form mit der unmäßigen Betonung grammatikalischer
Kenntnisse sicherlich verkehrt ist. Wieviel kostbare Zeit haben wir
auf das unsinnige Auswendiglernen von Regeln verwenden müssen! Die
seltensten Ausnahmen von einer Deklination oder Konjugation, die selbst
dem Berufsphilologen in der Praxis kaum vorkommen, mußte man wissen,
um ein guter Schüler zu sein. Von den Schönheiten der klassischen
Literatur, von ihrem engen Zusammenhang mit der bewundernswerten
allgemeinen griechischen Kultur war beim Unterricht fast nie die Rede.
Ich bin fest überzeugt, hätten unsere Lehrer auf solche Dinge den
Hauptnachdruck gelegt, die meisten von uns wären ihnen mit Begeisterung
gefolgt, während wir so den Geschmack am klassischen Altertum geradezu
verloren haben und froh waren, mit dem Abiturium diese Studien aufgeben
zu können.
Zur Feier des Schlußexamens konnte ich die ganze Klasse in den Garten
meines Wirtes einladen, denn mein Vater hatte zu diesem Zweck ein
stattliches Faß Bier aus der Dortmunder Brauerei gestiftet.
Im Alter von 16¾ Jahren stand ich nun vor der Wahl des Berufes.
Nach meinem Geschmack wäre ich am liebsten Mathematiker und Physiker
geworden, aber mein Vater hielt diese Wissenschaften für zu abstrakt
und die Möglichkeit für zu gering, sich mit ihnen eine materiell
gesicherte Existenz zu schaffen. Er pflegte deshalb seinen Rat in die
Worte zu kleiden: »Wenn du durchaus studieren willst, so wähle die
Chemie«, deren praktisch nützliche Seite ihm von seinen geschäftlichen
Unternehmungen her bekannt sei. Im geheimen mag er aber wohl immer
noch die Hoffnung gehabt haben, daß ich mich zu einer kaufmännischen
Tätigkeit entschließen würde, da ich der einzige Sohn war und er mich
begreiflicherweise gern als Nachfolger in seinem Geschäft gehabt hätte.
Da ich zudem noch recht jung war und der unmittelbare Besuch einer
Universität für mich keinen besonderen Reiz mehr bot, so machte er mir
den Vorschlag, auf 1 bis 2 Semester in ein kaufmännisches Geschäft
einzutreten. Damit war ich einverstanden und kam deshalb im Oktober
1869 in das Holzgeschäft meines Schwagers ~Max Friedrichs~ zu Rheydt
und gleichzeitig als Pensionär zu meiner Schwester ~Fanny~, seiner Frau.
Nach den strengen Regeln des Geschäfts wurde ich als unterster Lehrling
betrachtet und behandelt. Zu meinen Funktionen gehörte das Abholen der
Post, das Zukleben der Briefe und dergl. und zur Übung mußte ich ein
kleines Geschäftsjournal, aber nur zu meiner Belehrung ohne Gültigkeit
für das Ganze führen. Hier und da wurde ich auch mit einem kleinen
Auftrage zu den Kunden, die zum großen Teil kleine Tischler waren,
geschickt.
Auf dem Holzplatz hatte ich nichts zu sagen, durfte aber den
verschiedenen Arbeiten, Sägen, Hobeln, dem Transport der Stämme, dem
Verpassen des Bauholzes usw. zuschauen. Dieses Technische, das damals
noch sehr unvollkommen war und meistens mit der Hand gemacht wurde,
hat mich mehr interessiert, wie die pedantischen Kontorarbeiten.
Aber das Ganze war doch für meinen Geschmack so langweilig, daß
ich schon nach wenigen Wochen auf Rat eines Lehrers der höheren
Schule zu Rheydt mir ~Stöckhardts~ Schule der Chemie mit den dazu
gehörigen Apparaten anschaffte und in einem leerstehenden Zimmer des
Geschäftsgebäudes ein winziges Laboratorium einrichtete. Die Versuche
waren natürlich höchst stümperhaft, endigten mit einigem Gestank oder
beschmutzten und verbrannten Fingern, und wurden dem Geschäftsinhaber
wegen der Feuersgefahr recht unbequem. Die Abende verbrachte ich mit
Klavierspielen oder im Gasthaus mit Biertrinken, Tabakrauchen und
Billardspielen.
Der Schwager war mit meinen Leistungen sehr unzufrieden, erklärte mich
für den schlechtesten Lehrling, den er je gehabt, und ließ sich einmal
im ärgerlichen Unwillen anderen Mitgliedern der Familie gegenüber zu
der Bemerkung hinreißen: »Aus dem Jungen wird nie etwas«. Er ist später
wegen dieses Urteils viel geneckt worden, aber allmählich kam auch mein
Vater zu der Überzeugung, daß die kaufmännische Laufbahn für mich nicht
das Richtige sei. Er drückte diese Meinung drastisch aus in dem Satze:
»Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren«.
Inzwischen hatte ich bei dem erwähnten Lehrer der Chemie einige
Privatstunden genommen, und mir dabei eine ganz oberflächliche Kenntnis
der Atomtheorie angeeignet. Ich kann aber nicht sagen, daß ich davon
besonders ergriffen worden wäre. In der Form, wie sie mir dargestellt
und wie ich sie auch aus einem kurzen Lehrbuch der Chemie kennen
gelernt hatte, erschien sie mir gegenüber den abgerundeten Lehren der
Physik zu dürftig und unsicher.
Im Frühjahr 1870 hatte ich das Unglück, mir, wahrscheinlich
durch Erkältung, einen Magenkatarrh zuzuziehen, der infolge von
Vernachlässigung und ungenügender ärztlicher Behandlung in einen
chronischen Zustand überging. Vorbereitet war vielleicht das Leiden
durch das unsinnige Rauchen und Biertrinken, das ich schon in jungen
Jahren in Wetzlar begonnen und seitdem dauernd beibehalten hatte. Der
akute Ausbruch der Krankheit erleichterte mir den Abschied von Rheydt
und ich kehrte nach Euskirchen zurück, um mich auszukurieren. Aber der
chronische Magenkatarrh war in der Familie etwas ganz Unbekanntes, und
auch die Ärzte verstanden damals von der Behandlung desselben recht
wenig. Mit den schönen Methoden der Jetztzeit hätte ich in 4 bis 6
Wochen meine volle Gesundheit wieder erlangen können. So aber habe ich
trotz der Ratschläge meines sonst als Arzt so ausgezeichneten Onkels
in Cöln fast 2 Jahre mich mit der Krankheit herumgeschlagen, und der
Verdauungstraktus ist niemals wieder so kräftig geworden, wie er zuvor
gewesen. Den Sommer 1870 verbrachte ich in Euskirchen, beschäftigte
mich viel im Garten und soweit es möglich war, auf der Jagd. Auf
Anraten der Ärzte ging ich Mitte Juli, am Tage der preußischen
Mobilmachung mit meiner Mutter nach Bad Ems, um das dortige alkalische
Wasser als Heilmittel für den Magen zu trinken. Es herrschte damals
eine begreifliche Unruhe im Rheinland, da man glaubte, daß Frankreich
sich für den Krieg längst vorbereitet habe und seine Truppen alsbald
in die preußischen Rheinlande schicken würde. Mein Vater hatte sich
schon darauf vorbereitet, meine unverheirateten Schwestern, sowie Geld,
Wertpapiere und andere leicht transportable Gegenstände auf das rechte
Rheinufer zu bringen. Um so merkwürdiger berührte es meine Mutter und
mich, daß wir auf der Fahrt nach Ems, wobei wir die Festung Coblenz
passierten, gar keine militärischen Vorbereitungen beobachteten. Der
einzige Soldat, den wir von der Eisenbahn aus in der Festung sahen,
war ein Offiziersbursche, der einen Kinderwagen schob. Aber im Stillen
war der preußische Mobilisierungsapparat schon im vollen Gange, und 8
Tage später sah man überhaupt fast nur noch Soldaten. Dann begannen
auch die großen Truppentransporte, von denen wir in Ems viel zu sehen
bekamen, da es an einer Haupteisenbahnlinie von Ost nach West gelegen
ist. Anfangs August fanden die siegreichen Schlachten bei Weißenburg,
Woerth, Saarbrücken statt, und in Deutschland hatte man sofort das
Gefühl, daß die Gefahr einer feindlichen Invasion beseitigt sei. Zwei
Tage vor meiner Ankunft in Ems war König Wilhelm von dort abgefahren
und von den Erinnerungen an ihn, sowie an die Verhandlungen mit dem
französischen Botschafter war in der Kurgesellschaft noch viel die
Rede. Obschon die Zahl der Gäste stark abgenommen hatte, nahm doch das
Kurleben seinen ungestörten Fortgang.
Nach 4 Wochen konnten wir ohne das geringste Hindernis nach Hause
zurückkehren, da der Eisenbahnverkehr sich wieder in normalem Zustande
befand. Für die aktive Teilnahme am Krieg war ich noch zu jung und auch
damals nicht gesund genug, da die Kur in Ems ohne Erfolg geblieben war.
Im Nebenhause waren die 3 ältesten Söhne schon dienstpflichtig und
deshalb eingezogen. Von ihnen hat aber nur der eine, Vetter ~Lorenz~,
kriegerische Lorbeeren gesammelt. Als Einjährigfreiwilliger in einem
Jägerbataillon nahm er teil an den Schlachten bei Metz. Bei Belagerung
der Festung erkrankte er an Ruhr, kehrte nach Deutschland zurück, ging
aber bald -- noch nicht ganz wieder hergestellt -- freiwillig von
neuem ins Feld, wo er an den Kämpfen des Generals Werder gegen die
Armee Bourbaki bei Dijon beteiligt war. Er wurde im Felde zum Offizier
ernannt. Aber das kriegerische Leben, das ganz seinen Neigungen
entsprach, ist ihm später zum Unglück geworden; denn es hat mit dazu
beigetragen, seine Neigung, dem Bacchus zu huldigen, ins Übermaß zu
steigern, so daß er schon im Alter von etwa 35 Jahren gestorben ist.
Vorsichtiger war der Vetter ~Heinrich~, ein gedienter Artillerist; er
kam nicht ins Feld, sondern blieb bei einem Ersatzbataillon in Coblenz.
Vetter ~Ernst~, der bereits das erste medizinische Examen bestanden
hatte, trat freiwillig als Unterarzt in das Heer ein und hatte in
dieser Eigenschaft, wie er später gern erzählte, besonders in der
Umgegend von Orléans ein recht vergnügtes und wenig anstrengendes
Feldleben geführt. Kurzum, der Krieg 70 ist nach allen Schilderungen
seiner Teilnehmer ein ganz anderer, als der jetzige gewesen. Die
Verluste auf deutscher Seite waren verschwindend gering, sind doch
nicht mehr als 28000 Mann auf unserer Seite gefallen. Auch die
Kriegführung war sehr viel humaner. Ein Teil der Truppen hat sogar mit
der französischen Bevölkerung auf ganz gutem, fast freundschaftlichem
Fuße gestanden. Dazu kam die rasche Beendigung des Krieges und als
schönster Lohn für Deutschland seine politische Einigung im deutschen
Reiche.
Den Sieg von Sedan verlebte ich in Euskirchen. Ich erfuhr die Nachricht
bei der Rückkehr von der Hühnerjagd. Man meinte damals allgemein, der
Krieg sei nun zu Ende. Das war aber ein Irrtum, da die Republik unter
Gambetta ihn hartnäckig fortzusetzen suchte. Aber die Widerstandskraft
Frankreichs war doch gebrochen, nur dauerte das kriegerische Leben auch
bei uns auf dem linken Rheinufer mit Truppenbewegung, Einquartierung
fort bis zum Waffenstillstand.
Mein Gesundheitszustand hatte sich inzwischen kaum geändert und mein
Onkel in Cöln lud mich deshalb ein, im November zu ihm zu kommen und in
seinem Hause einige Zeit zu wohnen, damit er mich dauernd beobachten
könne. Seine liebe Frau, die durch besondere Güte ausgezeichnete Tante
~Mathilde~, nahm sich des kranken Neffen in der liebenswürdigsten Weise
an. Ich bekam besonders zubereitete Speisen und durfte dazu auf Rat des
Onkels so viel guten Bordeaux-Wein trinken, wie ich glaubte vertragen
zu können.
Wohltuend wirkte auf mich die gleichmäßige Wärme des Hauses, das schon
eine Zentralheizung besaß, was man damals als ungewöhnlichen Luxus
ansah. So bin ich den ganzen Winter in Cöln geblieben und nur während
des Weihnachtsfestes auf 8 Tage nach Hause zurückgekehrt. Ich habe mich
in meinem späteren Leben immer mit großer Dankbarkeit gegen den Onkel
und die Tante an diese Zeit erinnert; denn damit trat eine Besserung in
meinem Zustande ein.
In Cöln war auch in geistiger Beziehung leichter Anregung zu finden,
als in Euskirchen. Ich habe hier Theater und Konzerte besucht. Vor
allen Dingen wurde mir aber Gelegenheit geboten, bei einem Engländer
Unterricht in der englischen Sprache zu nehmen. Da ich nichts anderes
zu tun hatte, so war es mir nicht schwer, in 2½ Monaten so weit zu
kommen, daß ich kleine englische Aufsätze schrieb und mich mündlich
leidlich ausdrücken konnte. Leider habe ich diese Übungen später nicht
fortgesetzt und auch niemals längeren Aufenthalt in England nehmen
können, so daß ich die wichtige Sprache nie vollkommen beherrschen
lernte.
Selbstverständlich bin ich in Cöln auch den Kindern meines Onkels näher
getreten. Die älteste ~Marie~ war schon an Herrn ~Eugen Coupienne~ in
Mülheim a. d. Ruhr verheiratet, kam aber öfter mit Mann und Kind zum
Besuch nach Cöln. Herr ~Coupienne~ brachte bei dieser Gelegenheit nicht
selten gefangene französische Offiziere, die in Cöln sich frei bewegen
durften, als Gäste in das Haus meines Onkels. Es machte dann meinem
Onkel besonders Freude, die französische Sprache, die er in Paris recht
gut gelernt hatte, wieder zu gebrauchen.
Die zweite Kusine ~Helene~, ein schönes wohlgenährtes Mädchen, die den
Beinamen »Dick« trug, und mir von verschiedenen Besuchen in Euskirchen
her wohl bekannt war, ist bald nachher ihrer Schwester gefolgt und
hat einen Tabakfabrikanten, ~Carl von Eicken~, ebenfalls aus Mülheim,
geheiratet. Sie lebt noch jetzt zusammen mit ihrem Gemahl in Hamburg,
in sehr glücklichen Verhältnissen, und ist die Stammmutter von 4
blühenden Kindern und einer ganzen Anzahl von Enkeln geworden. Ihr Sohn
~Karl~, jetzt ordentlicher Professor der Ohren- und Nasenheilkunde in
Gießen, war als Student öfters Gast in meinem Hause zu Berlin, und ich
hatte gleich den Eindruck, daß er die Eigenschaften eines guten Arztes
vom Großvater ~Fischer~ geerbt habe.
Die Tochter ~Helene~ lebt mit ihrem Mann Dr. ~Kroehnke~ und 4
hoffnungsvollen Söhnen in Zehlendorf und ist eine durch Liebreiz und
Güte ausgezeichnete Frau geworden.
Eine zweite Tochter des Ehepaares ~von Eicken~ ist in Hamburg
verheiratet und der zweite Sohn, ein großer Sportsmann, führt zusammen
mit dem Vater das bedeutende Tabakgeschäft. Er ist verheiratet mit der
einzigen Tochter meines Vetters ~Julius Fischer~.
Die dritte Cölner Kusine, »Tönn« genannt, war klug und wissbegierig
und erhielt in der Schule die besten Zeugnisse. Sie hat später einen
Fabrikanten Herrn ~Vorster~ aus Mülheim a. d. Ruhr geheiratet und ist
Schwiegermutter des bekannten Malers ~Petersen~ in Düsseldorf geworden.
Der einzige Sohn ~Fritz~, von den Schwestern nur »der Fischer« genannt,
wurde von ihnen viel geneckt, war 4 Jahre jünger wie ich und deshalb
noch Gymnasiast. Er war der Liebling des Vaters und pflegte sich sehr
viel in dessen Studierstube aufzuhalten. Wie leicht begreiflich, ist er
in die Fußstapfen des Vaters getreten, hat Medizin studiert und zwar
in Straßburg, wo ich wieder viel mit ihm zusammentraf. Er wurde auch
an der dortigen Universität außerordentlicher Professor der Chirurgie,
starb aber verhältnismäßig früh im Alter von etwa 50 Jahren. Er war
verheiratet mit ~Anni~ geb. ~Stinnes~ aus Mülheim a. d. Ruhr und hat
einen Sohn ~Otto~ hinterlassen, der wiederum Medizin studiert und z.
Zt. als Unterarzt im Felde steht. Er ist in den letzten Jahren meinem
lieben Sohn ~Alfred~ näher getreten, der von der Tante in Straßburg
viele Freundlichkeiten erfahren hat.
Während meines Aufenthaltes in Cöln hatte der Onkel seinen Kindern den
strengen Auftrag gegeben, den kranken Vetter in keiner Weise zu ärgern
und ihm womöglich nicht zu widersprechen, selbst wenn er in seiner
etwas aufgeblasenen Gelehrsamkeit gewagte Behauptungen aufstelle. So
schwer das auch den mundfertigen Kusinen wurde, so haben sie sich doch
alle Mühe gegeben, mir den Aufenthalt in Cöln angenehm zu machen.
Mit dem Vetter stand ich selbstverständlich als früherer Gymnasiast
auch auf gutem Fuße. So steht der Winteraufenthalt in Cöln bei mir
in bester Erinnerung und dem trefflichen Onkel, der mir nicht allein
in seiner ärztlichen Kunst, sondern auch als vornehmer Charakter und
als origineller Mensch stets ein Vorbild geblieben ist, sowie der
herzensguten Tante habe ich mich Zeit meines Lebens zu warmem Danke
verpflichtet gefühlt.
Im Frühjahr 1871 war meine Gesundheit soweit wieder hergestellt,
daß ich die Universität beziehen konnte, um Chemie zu studieren.
Das Leben im Gasthause war mir allerdings noch nicht zuträglich,
aber ich wurde in freundlicher Weise wieder aufgenommen in meinem
alten Gymnasiastenquartier. Dort waren inzwischen einige persönliche
Veränderungen vor sich gegangen. Das alte Ehepaar ~Kemp~ hatte sich
zurückgezogen und das Geschäft dem Sohn übergeben. Der hatte inzwischen
die zu meiner Zeit als Verkäuferin im Geschäft tätige Fräulein
~Marie~ geheiratet und die junge, liebenswürdige Frau erklärte sich
sofort bereit, die Verpflegung für mich ganz nach meinen Wünschen
einzurichten. Das ist auch in gewissenhafter Weise geschehen. Ich
lebte also so weiter, wie ich es in der Familie meines Onkels gewohnt
war, und der Hausherr, der sich bei seinem früheren Aufenthalt in den
Vereinigten Staaten von Nordamerika infolge von Malaria und übermäßigem
Chiningenuß den Magen verdorben hatte, lernte von mir die für solche
Zustände angemessene Diät. Er wurde in der Tat auf diese Weise auch
wieder gesund und hat mir später wiederholt für die guten Ratschläge
gedankt.
Im Sommersemester 71 habe ich mich in Bonn nicht überanstrengt, sondern
in aller Behaglichkeit Vorlesungen über Physik, Botanik und nur wenig
Chemie gehört. Das botanische Kolleg von Professor ~Hanstein~ fand
schon morgens um 7 Uhr im Schloß zu Poppelsdorf statt, war sehr populär
und nur auf die Bedürfnisse eines Mediziners zugeschnitten. Systematik
und Anatomie standen im Vordergrund und die Physiologie, die mich viel
mehr interessiert hätte, spielte nur eine geringe Rolle.
Die Physik wurde von dem berühmten Thermodynamiker ~Clausius~ gelesen,
war recht langweilig und in experimenteller Beziehung geradezu dürftig.
Meine alte Vorliebe für die Physik ist dadurch etwas gedämpft worden
und erst als ich später in Straßburg den glänzenden Vortrag und das
gute Praktikum von ~Kundt~ besuchte, wurde mir erst wieder klar, welch
herrliche Wissenschaft sie ist.
Das gerade Gegenteil von ~Clausius~ war der Chemiker ~August Kékulé~,
ein ausgezeichneter Redner, guter Experimentator und eindrucksvolle
Persönlichkeit. In dem Sommersemester las er allerdings nur ein
zweistündiges Kolleg über organische Chemie, aber in dem darauf
folgenden Winter habe ich auch seine große Vorlesung über anorganische
Experimentalchemie besucht.
Nachdem ich in den Herbstferien 71 zusammen mit dem Vetter ~Lorenz~,
der inzwischen aus Frankreich zurückgekehrt und noch ganz von den
Erlebnissen des Feldzuges erfüllt war, das Seebad Blankenberghe bei
Ostende besucht hatte, war mein Gesundheitszustand wieder so gut,
daß ich im Winter 71/72 mit voller Kraft an das Studium herantreten
konnte. Zu den Vorlesungen kamen jetzt auch die praktischen Übungen
im Laboratorium. Das Institut lag in Poppelsdorf, war 1864/65 von
~Hofmann~ erbaut und machte äußerlich einen pompösen Eindruck. Viel
weniger schön waren die inneren Einrichtungen, z. B. Raumverteilung
und Beleuchtung. Besonders die Ventilation ließ sehr zu wünschen
übrig. Der Direktor hielt die großen Vorlesungen und leitete die
praktischen Arbeiten in der organischen Abteilung. Der analytische
Unterricht war dem außerordentlichen Professor ~Engelbach~ anvertraut.
Ohne irgendwelche Vorbereitung in der Anstellung von Experimenten
wurde man sofort vor die Aufgabe gestellt, nach den Tafeln von ~Will~
eine qualitative Analyse auszuführen. Dazu war ich nicht imstande
und hatte gegenüber den anderen Praktikanten, die meistens Apotheker
waren, einen schweren Stand, denn diese pflegten meist auf illegitimen
Wege die Aufgaben zu lösen, während ich ohne jede Anleitung viele
Fehler beging und dann unbarmherzig zur Wiederholung angehalten
wurde. Dazu kam, daß die Vorlesung über analytische Chemie, die ich
pflichteifrig besuchte, äußerst trocken und langweilig gehalten wurde.
Mein Eintritt in die Wissenschaft vollzog sich also unter ziemlich
ungünstigen Verhältnissen, die mich sehr niederdrückten. Und als ich
im darauffolgenden Sommer an die quantitative Analyse herankam, wurde
die Sache noch schlimmer. ~Engelbach~ war inzwischen gestorben und Th.
~Zinke~, der bisherige erste Assistent in der organischen Abteilung
und gleichzeitig Privatdozent, wurde sein Nachfolger. Er war gewiß ein
geschickter und auch schon verdienter Chemiker, aber der Unterricht
in der analytischen Chemie lag ihm nicht besonders nahe, und wenn er
sich auch große Mühe gab, und mir manchmal einen guten Rat erteilte,
so war es doch auch für ihn schwer, die Hindernisse zu beseitigen,
die der Ausführung einer guten quantitativen Analyse im Bonner
Institut entgegen standen. Schon allein die Ungenauigkeit der Waagen
war groß genug, um das Innehalten der üblichen Fehlergrenzen bei den
Analysen unmöglich zu machen. Der Gebrauch der Wasserluftpumpe, die
schon längst von ~Bunsen~ erfunden war, fand in Bonn eine ungünstige
Beurteilung und man begnügte sich noch immer mit der alten primitiven
Wäsche der Niederschläge auf einem gewöhnlichen Filter. Das waren
harte Geduldsproben. Als ich schließlich einen Niederschlag von
Aluminium- und Eisenhydroxyd, der wohl nicht unter den richtigen
Vorsichtsmaßregeln gefällt war, 8 Tage lang gewaschen hatte, ohne die
Mutterlauge ganz verdrängen zu können, war ich so verzweifelt, daß ich
die Chemie aufgeben und mich wieder der Physik zuwenden wollte. Daß ich
es nicht getan habe, ist wohl hauptsächlich dem Einfluß meines Vetters
~Ernst~ zuzuschreiben, der mir riet, es in einem anderen Institut
nochmals zu versuchen.
Inzwischen war auch Vetter ~Otto~ mit der Schule fertig geworden,
hatte ebenfalls das Studium der Chemie in Berlin begonnen und war dann
auch nach Bonn gekommen. Er nahm die Schwierigkeiten keineswegs so
tragisch wie ich, trotzdem gefiel auch ihm der Gedanke, die Hochschule
zu wechseln, nicht allein der Studien halber, sondern um in der Welt
sich umsehen zu können. So kam es, daß wir am Ende des Sommersemesters
1872 Bonn verließen und dann halb durch Zufall nach Straßburg i. E.
kamen. Das war für uns beide ein rechtes Glück, denn wir sind so mit
~Adolf Baeyer~ in Berührung gekommen, und ich wüßte nicht, was mir
Besseres hätte passieren können, um die chemische Experimentierkunst
zu lernen. Den Aufenthalt im Straßburger Laboratorium habe ich
versucht in einem kleinen Aufsatz zu schildern, den ~Baeyer~ seiner
Selbstbiographie eingefügt hat. Auf diese Art ist er in der Einleitung
zu ~Baeyers~ gesammelten Abhandlungen zum Druck gelangt. Ich habe ihm
nur wenig zuzufügen, um noch ein Bild von unserer Lebensweise und dem
Freundeskreise außerhalb des Laboratoriums zu geben.
Im ersten Semester wohnte ich mit Vetter ~Otto~ zusammen bei zwei
sehr alten Frauen in einem ebenso alten Hause, wie denn überhaupt
die ganze Stadt damals einen recht alten und verkommenen Eindruck
machte. Verschärft wurde dieser durch die starken Verwüstungen, die
von der Belagerung herstammten. So lag das sogen. Steinviertel noch
größtenteils in Trümmern.
Mein Magenkatarrh war inzwischen geheilt, aber er hatte doch eine
Empfindlichkeit des Organs hinterlassen, die mir eine gewisse
Vorsicht in der Diät auferlegte. Die gute Straßburger Küche und
der noch bessere, in großen Vorräten vorhandene französische Wein
kamen mir zugute, und ich habe im Wintersemester im badischen Hof
nach Verabredung mit dem sehr verständigen Wirt ein stattliches Faß
ausgezeichneten Burgunder konsumiert, war dadurch in einen recht guten
Ernährungszustand gekommen, so daß ich von den Professoren unter dem
Titel »der dicke Fischer« von dem Vetter unterschieden wurde.
Bei dem nächsten Besuch während der Osterferien erregte mein Aussehen
bei der Mutter große Freude, während der erfahrene Vater mich mit den
Worten begrüßte: »Du hast einen ziemlich vertrunkenen Kopf gekriegt.«
Infolgedessen habe ich das Burgundertrinken aufgegeben und mich dem
guten aber viel unschuldigeren Elsasser Landwein zugewandt. Auch
die Mehrzahl der Kollegen, die vielfach aus dem Rheinland stammten,
besuchten die Weinhäuser. Zwar gab es auch Bier in mannigfaltiger
Qualität, sowohl einheimisches, in dem Orte Schiltigheim gebraut,
wie auch bayerisches, aber diese Häuser pflegten wir nur im Sommer
zu besuchen, der in Straßburg ungewöhnlich heiß ist und deshalb zum
Bierverbrauch anregt.
Das studentische Leben, wie es auf anderen deutschen Hochschulen üblich
ist, war zu unserer Zeit wenig entwickelt. Es gab zwar einige Corps,
aber sie spielten keine große Rolle, weil ihnen der Resonanzboden in
der Bevölkerung und der ganzen Tradition der Stadt fehlte. Dagegen war
der zwanglose Verkehr der Studenten in den Gasthäusern und auch in
den Vorlesungen sehr angenehm. Die vielen fremdländischen Elemente,
Russen, Polen und andere Ausländer störten denselben nicht. Die
Elsässer hielten sich anfangs zurück, kamen aber doch in den späteren
Semestern in die Institute. Es waren darunter manche fein gebildete
junge Männer mit sehr angenehmen Umgangsformen. Mit den gebildeten
Familien in Straßburg sind wir nicht in Berührung gekommen, wohl
aber habe ich das Volk und speziell auf mancherlei Ausflügen in die
Vogesen die Landbevölkerung kennen gelernt und einen recht guten
Eindruck erhalten. Mit Ausnahme vom Südelsaß, wo die Tuchindustrie
sehr entwickelt und in ihren geschäftlichen Interessen auf das übrige
Frankreich angewiesen war, verriet sich in der Bevölkerung durchweg
die alte deutsche Abstammung. Die Leute sprachen ihr Elsasser Deutsch,
vermischt mit französischen Brocken, waren aber zum erheblichen Teil
garnicht imstande, französisch zu sprechen. Sie waren zwar nichts
weniger als deutsch-freundlich und schimpften gerne auf die »Schwoben«.
Aber wenn man die Politik beiseite ließ, so konnte man mit ihnen recht
gut auskommen. Es ist mir ein Rätsel, daß die deutsche Verwaltung es
nicht fertiggebracht hat, in 40 Jahren bei dieser im Grunde gutmütigen,
allerdings demokratisch gesinnten Bevölkerung mehr Sympathie zu
erwerben.
In Straßburg selbst waren noch manche Überreste französischer
Einrichtungen und Sitten geblieben. In öffentlichen Tanzlokalen
belustigte man sich noch am Cancan, und es war drollig anzusehen, wie
selbst auf dem Lande beim sonntäglichen Tanz einzelne Bauernburschen
die beim Cancan üblichen Sprünge versuchten, aber selten einen
durchschlagenden Erfolg erzielten. Auch im sittlichen Verkehr zwischen
den beiden Geschlechtern herrschte für deutsche Begriffe eine zu freie
Form.
Der Verkehr zwischen Studenten und Professoren, die fast alle noch
im jugendlichen Alter standen, war behaglicher und anziehender als
auf irgendeiner anderen Hochschule. Besonders profitierten davon
die Naturforscher und die Mediziner. Da auch die Institute von der
deutschen Regierung reichlich mit Geld ausgestattet wurden und die
Zahl der Studierenden in den ersten Jahren gering blieb, so war der
praktische Unterricht ausgezeichnet und gab sich auch bald in den
wissenschaftlichen Leistungen kund. Dieser Vorzug von Straßburg übte
allmählich seine Anziehungskraft aus, und wenn nicht die Stadt als so
teuer verschrieen gewesen wäre, so würde auch bald die Studentenzahl
derjenigen der altdeutschen Universitäten gleichgekommen sein.
Unsere Schilderungen von dem akademischen Leben an der jungen
Universität in der alten Reichsstadt haben auch in der eigenen Familie
ihre Werbekraft ausgeübt. Schon nach einigen Semestern kam der Vetter
~Ernst Fischer~ dorthin, nachdem er das medizinische Staatsexamen
bestanden und einige Zeit als Assistent in der chirurgischen Abteilung
des Cölner Bürgerhospitals tätig gewesen war. Er besuchte in Straßburg
nicht allein die chirurgische Klinik, die unter Leitung von Professor
~Luecke~ stand, sondern interessierte sich auch für Studien auf der
Anatomie bei ~Waldeyer~ und auf der pathologischen Anatomie bei ~von
Recklinghausen~. Bei dieser Gelegenheit hat er eine kleine Erfindung
gemacht, mit der sein Name wohl dauernd verbunden bleiben wird, und die
ich erwähnen will, weil ich dazu die Anregung geben durfte. Damals war
das Färben von anatomischen Präparaten, das von meinem Schwiegervater
~Josef von Gerlach~ mit der Anwendung des Carminrots in die
Wissenschaft eingeführt wurde, schon allgemein üblich. Aber die Zahl
der benutzten Farbstoffe war gering. Als ich davon durch den Vetter
~Ernst~ hörte, riet ich ihm, das Eosin zu versuchen, das kurz zuvor
von ~Baeyer~ und ~Caro~ entdeckt worden war und das ich bei meiner
Doktorarbeit über Fluorescein nicht allein als chemisches Präparat,
sondern auch an meinen Händen als prächtiges Färbemittel für tierische
Gewebe kennen gelernt hatte. Die Versuche vom Vetter fielen dann auch
so gut aus, daß er den Farbstoff in die anatomische Praxis einführen
konnte, worin er sich bis jetzt erhalten hat.
Nebenher interessierte er sich besonders für die Antisepsis in der
chirurgischen Praxis, die durch den ~Lister~'schen Verband schon eine
hohe praktische Bedeutung erlangt hatte. Er bemühte sich, diesen zu
verbessern und war schon damals der Ansicht, daß der Antisepsis in
der Chirurgie die Asepsis folgen würde. Zunächst bemühte er sich
aber, anstelle der Carbolsäure unschuldigere Antiseptica zu finden
und so kam er auf das Naphtalin, dessen Giftigkeit für Ungeziefer
man schon kannte. Er hat für den medizinischen Gebrauch dieses
Kohlenwasserstoffes Propaganda gemacht und es auch bei der damals in
Frankreich so stark wütenden Phylloxera (Reblaus) empfohlen, ohne aber
in der Praxis durchzudringen.
An diese Bemühungen knüpfte sich eine andere Erfindung, deren
Zustandekommen wie eine Anekdote anmutet. Infolge der Empfehlung des
Naphtalins als Antiseptikum von ~Ernst Fischer~ kamen 2 Assistenten
der Klinik für innere Medizin zu Straßburg auf den Gedanken, den
Kohlenwasserstoff zur Desinfektion des Darms im krankhaften Zustande
zu verwenden. Sie bestellten das Mittel bei einer Straßburger
Drogenhandlung mit dem Bemerken, daß es ganz rein sein müsse, und sie
erhielten dann auch ein Präparat, vom dem das Geschäft behauptete, es
sei so rein, daß es keinen Geruch mehr habe. Als sie nun dieses Mittel
bei fiebernden Darmkranken anwendeten, beobachteten sie das rasche
Sinken der Temperatur. Glücklicherweise war der eine Mediziner, ein
Bruder des Chemikers ~Eduard Hepp~, auch chemisch gut gebildet, und er
kam bald zu der Überzeugung, daß das von ihnen angewendete Mittel kein
Naphtalin sei. Die chemische Untersuchung durch ~Eduard Hepp~ ergab
dann auch, daß es sich um Acetanilid handelte, welches der Drogist
offenbar durch Verwechselung der Flaschen als Naphtalin geliefert
hatte. So ist das Acetanilid unter dem Namen Antifebrin ein bekanntes
und noch jetzt namentlich in Ostasien viel gebrauchtes Fiebermittel
geworden. In Europa wurde es verdrängt durch das Phenazetin, das
im wesentlichen ein modifiziertes Antifebrin ist, und die gleiche
fieberstillende Atomgruppe besitzt.
Es scheint mir nützlich, solche Zusammenhänge zu schildern, nicht
allein aus historischen Gründen, sondern auch als neues Beispiel dafür,
daß häufig der Zufall bei Erfindungen mitspielt.
Vetter ~Ernst~ hat sich später wieder ausschließlich der Chirurgie
zugewandt, ist Privatdozent und außerordentlicher Professor an der
Universität geworden und besaß eine chirurgische Privatklinik in
der Küfergasse, von der früher schon die Rede war. Er starb während
des Krieges an Typhus und Lungenentzündung. Bald nachher ist sein
einziger Sohn an der Westfront gefallen. Zwei von seinen Töchtern sind
in Frankreich verheiratet. Seiner Frau und seinen Kindern zuliebe
ist ~Ernst~ zum Katholizismus übergetreten. Daß dabei religiöse
Überzeugung mitgewirkt hat, glaube ich nicht; denn ich habe ihn nur als
vollkommenen Freigeist gekannt.
Etwas später kam noch ein zweiter Vetter ~Fritz Fischer~, Sohn des
Chirurgen in Cöln als Student der Medizin nach Straßburg. Gleich
nach Beginn seiner Studien erkrankte er nicht unbedenklich an
Scharlachfieber, wahrscheinlich infolge einer Infektion auf der
Anatomie. Wie schon erwähnt, ist er ebenfalls dort geblieben und auch
als außerordentlicher Professor der Chirurgie gestorben.
Von den sonstigen studentischen Bekannten muß ich noch erwähnen ~Josef
von Mering~, mit dem zusammen ich später mehrere chemisch-medizinische
Arbeiten ausgeführt habe. Er war schon damals ein Original, als echter
Sohn Cölns ein Freund des Humors, mit ungewöhnlicher Körperkraft
ausgestattet und als gefährlicher Säbelfechter gefürchtet.
Die Sommermonate waren in Straßburg ungewöhnlich heiß und brachten
infolge der durch Ill und Rhein stark versumpften Umgebung eine
recht lästige Mückenplage. In diesem Sumpf gediehen auch die Frösche
ausgezeichnet und diese waren zweifellos wieder die Vorbedingung
für die Existenz der zahlreichen Störche, die auf den hohen Giebeln
der alten Häuser ihre Nester angelegt hatten. Es war ein drolliger
Anblick, wenn man von der Plattform des Straßburger Münsters auf die
Stadt herabschaute und in das Getriebe von Hunderten von Storchnestern
Einblick erhielt. Die warmen Sommer und die Lage der Stadt im
Rheintal zwischen Schwarzwald und Vogesen brachten auch ungewöhnlich
schwere Gewitter mit sich, und ich habe oft von meiner Wohnung in
der Kalbsgasse, die ganz nahe beim Münster lag, das elektrische
Wechselspiel zwischen dem Blitzableiter am Münsterturm und den
Gewitterwolken bewundert. An solchen heißen Tagen fuhren wir gerne nach
Kehl, um dort im Rhein zu baden und später in einem guten Gasthaus
badischen Landwein zu trinken. Hier haben wir Chemiker auch im Juli
1875 ein kleines Abschiedsfest für Professor ~Baeyer~ veranstaltet,
bei dem ich meine erste Tischrede hielt und glücklich stecken blieb.
Das erregte großen Jubel, war aber für mich eine Mahnung, bei späteren
Gelegenheiten mich besser vorzubereiten.
Das Baden im Rhein war übrigens keine ungefährliche Sache; denn die
Strömung betrug in der Mitte des Stromes 3 m in der Sekunde und das
Geschiebe der schweren Kieselsteine am Boden war so stark, daß man es
im Wasser leicht belauschen konnte.
Im Sommer verlockte die schöne Umgebung Straßburgs verführerisch zu
Ausflügen. Wir haben sie meistens nach dem Badischen ausgeführt.
Schwarzwald und Odenwald sind mir auf diese Weise früh bekannt
geworden. Zweimal führte mich der Weg auch nach der Schweiz. Die eine
Reise, die ich mit Vetter ~Julius~ unternahm, ist früher geschildert.
Ein Jahr zuvor hatte ich aber schon zusammen mit Vetter ~Otto Fischer~
und einem Studierenden der Pharmazie aus Bayern eine lustige Tour
durch das Berner Oberland gemacht. Den Schluß dieser Rundfahrten in
der Süd-Westecke Deutschlands machte ein Besuch der südlichen Vogesen
in Gesellschaft von Vetter ~Ernst Fischer~. Wir sind dabei auf dem
Kamm des Gebirges, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich
bildet, marschiert und kamen schließlich in die Schlucht beim großen
Belchen, wo sich ein sehr gutes Gasthaus gleichen Namens befand. Hier
war eine große, rein französische Gesellschaft versammelt, die einen
Ausflug über die Grenze gemacht hatte. Bei Tisch blieben wir ziemlich
isoliert. Die Unterhaltung mit der Nachbarschaft beschränkte sich
auf einige höfliche Phrasen. Aber plötzlich erkrankte eine Dame der
Gesellschaft an einer Unterleibsblutung und man verlangte dringend nach
einem Arzt. Da kein anderer in der Gesellschaft zugegen war, so bot
Vetter ~Ernst~ seine Hilfe an und hatte rasch die Gefahr beseitigt. Von
nun an war die Stimmung der Gesellschaft gegen uns wie umgewandelt.
Man lud uns ein, an den Spielen teilzunehmen und überbot sich in
Liebenswürdigkeiten gegen uns. Aber bald mußten wir uns verabschieden,
um unser Ziel, die Stadt Mülhausen, noch am gleichen Tage zu erreichen.
[Illustration: MÜNCHENER ZEIT]
Am nächsten Tage trennte ich mich von Vetter ~Ernst~, der die
Krankenhäuser in Mülhausen kennen lernen wollte, und fuhr allein nach
Straßburg zurück. Bei der Gelegenheit habe ich auf komische Art die
Bekanntschaft von ~Otto N. Witt~ gemacht. Er saß in der Eisenbahn
mir gegenüber und richtete nach kurzer Zeit an mich die Frage: »Mein
Herr, sie sind gewiß Chemiker?« Ich bejahte das und meinte lachend,
er habe das wohl an meinen stark gefärbten Händen gesehen, er selbst
scheine aber auch nicht weit vom Handwerk entfernt zu sein. Die
Diazokörper, mit denen wir beide vorher gearbeitet hatten, waren die
Verräter und brachten uns in kollegiale Verbindung. Wir stellten uns
vor und erzählten uns gegenseitig von unseren Arbeiten. Ich war mit dem
Phenylhydrazin beschäftigt gewesen und ~Witt~ hatte damals gerade das
Chrysoidin entdeckt. Er kam von Zürich und fuhr nach England, um dort
seine Entdeckung praktisch zu verwerten. Ich lud ihn ein, in Straßburg
Station zu machen, worauf er auch einging und wir haben dann einen sehr
vergnügten Tag zusammen verlebt. Als ich viele Jahre später nach Berlin
kam, war es mir ein Vergnügen, diese alte Bekanntschaft zu erneuern. Am
nächsten bin ich ihm getreten, als wir beide Kurgäste in Kissingen im
Sanatorium von ~Dapper~ waren und genug Muße fanden, uns in zwanglosen
Gesprächen nicht allein über wissenschaftliche Dinge gegenseitig zu
belehren und zu belustigen. ~Witt~ war eine Künstlernatur, sehr gewandt
in Schrift und Sprache, humoristisch veranlagt und eine impulsive
Natur. Nur mußte man sich sehr in acht nehmen, seine Eigenliebe zu
verletzen. Begleitet war er damals von seiner ebenso hübschen wie
liebenswürdigen Gattin, einer Engländerin.
Einige Wochen nach der Vogesenfahrt habe ich Straßburg verlassen und
mit Vetter ~Ernst~ eine Fahrt durch Süddeutschland gemacht, wobei
wir zuerst Tübingen, Stuttgart und dann München kennen lernten, und
viele lustige Erlebnisse hatten. In Tübingen herrschten damals noch
patriarchalische Zustände. Als wir in ein Weinhaus eingekehrt waren,
setzte sich sofort das Wirtstöchterlein zu uns, um uns über die Stadt
und das städtische Treiben Auskunft zu geben. Ebenso ging es uns im
chemischen Institut, dessen Leiter Professor ~R. Fittig~ schon als
Nachfolger von ~Baeyer~ nach Straßburg berufen war. Als wir dort
nach einem Assistenten frugen, der uns das Institut zeigen könne,
meldete sich eine junge Dame, die im Hause von ~Fittig~ tätig war. Sie
wußte so gut Bescheid im Institut wie ein Fachchemiker und machte in
liebenswürdigster Weise den Führer.
In Stuttgart gab es natürlich sehr viel mehr an Merkwürdigkeiten zu
sehen, und in der bayerischen Hauptstadt trafen wir Professor ~Baeyer~,
der schon einige Wochen vorher übergesiedelt war. Es machte ihm
besonderen Spaß, uns abends in einige originelle Wirtshäuser zu führen,
um namentlich mir die Stadt sympathisch zu machen. Ich erinnere mich
noch, daß eine der Kneipen den klassischen Namen »Orlando di Lasso«
führte und in der Nähe des Hofbräuhauses gelegen war.
Die Kunstschätze Münchens haben wir natürlich gewissenhaft angeschaut,
aber ich muß offen gestehen, daß im Gegensatz zu dem großen Eindruck,
den ich von den Bildern der Pinakothek hatte, die bemerkenswerten
Skulpturen der Glyptothek mich ziemlich kalt ließen. Auch zum
Kunstgenuß müssen die meisten Menschen erzogen werden. Die Bedeutung
der Antike für Skulptur und Architektur ist mir erst bei späteren
Besuchen Italiens klar geworden. Was mich damals am meisten in München
interessierte, waren doch das wissenschaftliche und das materielle
Leben; denn es handelte sich um die Frage, ob ich meinem Lehrer
folgen und mich für längere Zeit dort binden sollte. Meine Eltern und
besonders meine Mutter waren entschieden dagegen, weil München damals
in gesundheitlicher Beziehung einen recht schlechten Ruf genoß. Der
Typhus war so verbreitet, daß junge Leute aus dem Rheinlande, falls sie
nicht durch vorherige Erkrankung immunisiert waren, ziemlich sicher
darauf rechnen konnten, in München infiziert zu werden. Und zwei Jahre
vorher, im Jahre 1873 hatte dort auch die Cholera sehr stark gehaust.
Zudem war das Klima der hochgelegenen Stadt mit rasch wechselnden
Temperaturen im Rheinland gefürchtet.
Über alle diese Dinge beruhigte mich aber Professor ~Baeyer~ und
versprach mir den hygienischen Schutz der ~Pettenkofer~'schen Schule.
Das ist auch später in ausgiebigem Maße der Fall gewesen. Wir lernten
durch ~Baeyer~ die Assistenten Pettenkofers kennen, unter ihnen
besonders Dr. ~Forster~, einen sehr liebenswürdigen und kenntnisreichen
Mann, der später Professor der Hygiene in Amsterdam und zuletzt in
Straßburg i. Els. war. Er besaß eine Typhuskarte der Stadt, in der
nicht allein die verdächtigen Straßen, sondern die einzelnen Häuser mit
Typhuserkrankung bezeichnet waren. Wir haben nach dieser Karte unser
Quartier in der gesunden Umgebung des chemischen Instituts gewählt und
sind auch sonst immer dem hygienischen Rat von ~Forster~ gefolgt.
Als ich damals von München aus weiter reiste, war ich entschlossen, im
Spätherbst dorthin zurückzukehren, um im ~Baeyer~'schen Laboratorium
meine Studien über Hydrazinverbindungen fortzusetzen.
Zunächst ging ich allein über Salzburg nach Wien, von dessen Vorzügen
die österreichischen Studiengenossen in Straßburg so viel erzählt
hatten. Meine Erwartungen sind in der Tat nicht enttäuscht worden. Die
prächtige Lage in der Nähe des mächtigen Stroms und am Fuße lieblicher,
bewaldeter Berge, die an historischen Erinnerungen reiche Altstadt
und die prächtigen Neubauten am Ring, die großen Kunstschätze und
die ausgezeichneten Theater, dazu das liebenswürdige naive Wesen des
Volkes, die vielen schönen Frauen und die gute Natural-Verpflegung
waren wohl geeignet, einen jungen Menschen wie mich zu bestechen, und
ich würde vielleicht München gegen Wien ausgetauscht haben, wenn nicht
der Besuch des chemischen Instituts mich ernüchtert hätte. Es war zwar
ein Neubau kostspieliger Art, machte aber in keiner Beziehung den
Eindruck der Zweckmäßigkeit. Viel besser gefielen mir die Menschen,
die darin auch in den Ferien beschäftigt waren. Zunächst wandte ich
mich an einen alten Bekannten, den Straßburger Studiengenossen Dr. ~O.
Zeidler~, der mich dann den anderen Assistenten vorstellte. Unter ihnen
ragte hervor Dr. ~Zdenko Skraup~, mit dem ich mich sofort befreundete.
Beim Mittagstisch lernte ich noch Professor ~Weidel~ kennen, der aber
10 bis 15 Jahre älter war als wir, und im Verkehr mit jungen Leuten
sich ziemlich zurückhaltend zeigte. Professor ~A. Lieben~, der die eine
Abteilung des Instituts leitete, habe ich nur aus der Ferne gesehen.
Erst später bin ich mit diesem fein gebildeten und liebenswürdigen
Fachgenossen in nähere Berührung gekommen.
~Skraup~ und ~Zeidler~ waren die Führer in denjenigen Teilen des Wiener
Lebens, das in die Nachtzeit fällt und nicht in den Reisebüchern
beschrieben wird. Wir haben aber auch zwei kleine Ausflüge in die
Umgebung Wiens gemacht und mit ~Skraup~ zusammen besuchte ich die große
Oper. Er war durch seine materielle Lage zu bescheidener Lebensweise
gezwungen, und wir gingen deshalb in das billige Stehparkett, was mir
auch sehr sympathisch war.
Vernünftigerweise durften auch die Offiziere dorthin gehen, und sie
hatten sogar den Vorzug, nur die Hälfte des Eintrittspreises zu
bezahlen. Da ~Skraup~ Reserveoffizier war, so erklärte er sofort aus
Sparsamkeitsgründen die Uniform für diesen Theaterbesuch anlegen zu
wollen. Dazu mußte er sich aber rasieren. Da die Zeit sehr knapp war,
so erklärte ich mich bereit, ihm diesen Liebesdienst zu erweisen.
~Zeidler~ lieh dazu sein Rasiermesser, das, wie er später gestand,
von ihm für viel niederere Zwecke benutzt wurde. Als ich nun meine
Barbieroperation noch nicht zur Hälfte ausgeführt hatte, erklärte
~Skraup~ schimpfend, er wolle sich lieber einen Zahn ausziehen lassen,
als solche Tortur länger zu dulden, sprang auf und lief halb rasiert
und noch mit Seife beschmiert zum ziemlich weit entfernten nächsten
Rasierladen. Seitdem habe ich nie mehr Leibesoperationen an anderen
Menschen vollzogen. Nach etwa achttägigem höchst befriedigendem
Aufenthalt kam der Abschied von Wien, wohin ich später noch zweimal zum
Besuch von Naturforscherversammlungen zurückgekehrt bin. Die Rückreise
ging über Nürnberg, Würzburg, Frankfurt a. M. nach Euskirchen, wo
ich noch einige Wochen meinen Vater in der Hühner- und Hasenjagd
unterstützen konnte. Gleichzeitig suchte ich meinen Eltern klar
zu machen, daß ich mit dem Phenylhydrazin eine hübsche Entdeckung
gemacht hätte und daß es mein Wunsch wäre, diese weiter zu verfolgen
in dem Münchener Laboratorium als freier Privatgelehrter. Obschon
mein Vater behauptete, die Sache nicht zu verstehen, und überhaupt
die Nützlichkeit dieser Erfindung, die man nicht praktisch verwerten
könne, anzweifelte, so ließ er mir doch vollkommen freie Wahl.
Zudem hatte er mich schon selbständig gemacht; denn sobald ich mit
Vollendung des 21. Lebensjahres mündig geworden war, übergab er mir
dieselbe Summe, die meine Schwestern als Heiratsgut erhalten hatten.
Die Zinsen reichten bei meinen nicht übertriebenen Ansprüchen zum
Lebensunterhalt vollkommen aus. Das Kapital überließ ich gerne meinem
Vater zur Verwaltung, und er hat diese auch noch später weiter geführt,
bis ich 40 Jahre alt wurde und nach Berlin übersiedelte. Dann meinte
er, ich sei nun alt genug, um solche Dinge selber zu besorgen. Die
Bedenken meiner Mutter bezüglich der gesundheitlichen Gefahren ließen
sich beschwichtigen und so zog ich Mitte Oktober nach München. Das
Laboratorium, in dem ~Baeyer~ sich provisorisch eingerichtet hatte, war
nach den Plänen von ~Liebig~ 20 Jahre früher erbaut worden.
Bei seiner Berufung nach München hatte der große Forscher ausdrücklich
die Verpflichtung abgelehnt, praktischen Unterricht an Studierende
zu erteilen. Er hielt deshalb nur die großen Vorlesungen über Chemie
und im Laboratorium widmete er sich ausschließlich seinen eigenen
Forschungen. Die Zeit der großen Experimental-Untersuchungen war
übrigens bei ihm schon vorüber und die Münchener Zeit hat er mehr
literarischen Arbeiten gewidmet. Infolgedessen war das Laboratorium, in
dem sich auch die Wohnung ~Liebigs~ befand, recht klein. Mit dem Einzug
von ~Baeyer~ wurde die Dienstwohnung geopfert und im alten Gebäude ein
provisorisches Laboratorium eingerichtet. Gleichzeitig begannen die
Vorarbeiten für den Neubau des Instituts.
Von Straßburg waren die Assistenten Dr. ~E. Hepp~ und Dr. ~C.
Schraube~, ferner der Inspektor ~Kamps~ und der Diener ~Gimmig~ mit
übergesiedelt. Als einzigen früheren Insassen des Instituts trafen wir
den außerordentlichen Professor an der Universität ~Jacob Volhard~. Er
hatte seit vielen Jahren seinem Onkel ~Liebig~ sowohl als Vertreter
bei den Vorlesungen, als auch bei der Redaktion der Annalen der Chemie
Hilfe geleistet. Er war ein kluger, feingebildeter Mann und eine
anziehende Persönlichkeit. Durch ungewöhnliche Größe und körperliche
Schönheit ausgezeichnet, formgewandt und humoristisch veranlagt,
hatte er sich namentlich im Verkehr mit Künstlern einen flotten, von
jeder Pedanterie freien Umgangston angeeignet. Seine offene Art, sich
auszusprechen, die im allgemeinen Vertrauen erweckte und namentlich
uns jungen Leuten sympathisch war, konnte sich aber auch zu heftiger
Grobheit steigern. Das geschah, wenn er in Jähzorn geriet, wovon ich
selbst eine Probe erfahren sollte. Eines Tages traf er mich nämlich
bei der Ausführung einer Elementaranalyse und begann eine gemütliche
Plauderei, bis sein Blick auf eine Pipette fiel, die mir von einem
Diener als wertloses Stück übergeben und zu niederen Zwecken benutzt
worden war. In Wirklichkeit gehörte sie zu einem Satz von Pipetten,
die ~Volhard~ sich eigens für analytische Zwecke kalibriert hatte. Und
nun erfolgte ein so plötzlicher und furchtbarer Zornesausbruch, daß
ich fürchten mußte, es würde zu Tätlichkeiten kommen, und mich deshalb
in Verteidigungszustand setzte. Glücklicherweise ging der Anfall
bald vorüber. Die Heftigkeit tat ihm dann leid, wir haben uns leicht
versöhnt und sind von da an immer gute Freunde geblieben. Ich bin sogar
zweimal, in München und auch in Erlangen, sein Nachfolger geworden.
Die Vorlesungen, die Professor ~Baeyer~ rechtzeitig in München begann,
erfreuten sich von Anfang an eines recht guten Besuches. Auch in der
kleinen analytischen Abteilung des Instituts, deren Leitung Professor
~Volhard~ übernommen hatte, herrschte ziemlich reges Leben. Bescheiden
blieb dagegen im ersten Semester der Besuch der organischen Abteilung.
Außer mir gab es vielleicht 6 Praktikanten. An die einzelnen Personen
kann ich mich nicht mehr erinnern, aber wenn ich nicht irre, waren
~Paul Friedländer~ und ~Wilhelm Königs~ darunter. Dieser präsentierte
sich gleich als eine originelle Persönlichkeit; denn er erschien im
Institut mit einem Schuh und einem Pantoffel bekleidet und blieb auch
bei dieser Ausrüstung wochenlang, obschon scheinbar kein zwingender
Grund dazu vorhanden war. Leute, die sich so wenig um die Verwunderung
anderer Menschen kümmern, haben mir von jeher gefallen und so habe ich
denn auch die Bekanntschaft von ~Königs~ gerne gesucht, wobei sich
noch das erfreuliche Resultat ergab, daß er als Cölner ein Landsmann
von mir sei. Die äußere Hülle war bei ihm nicht schön, sie umschloß
aber eine um so schönere Seele. Mir sind nicht viele Leute im Leben
begegnet, die bei hervorragendem Verstand und ausgesprochener Begabung
für Witz eine so vornehme Denkweise und ein so mildes Urteil über die
Fehler ihrer Mitmenschen hatten. Dieser Eigenschaft verdankte er auch
die allgemeine Beliebtheit und ich selbst habe ihn immer gerne zu
meinen Freunden gezählt.
~Theodor Curtius~ hat ihm eine liebenswürdige Biographie gewidmet, aber
das kann mich nicht abhalten, auch hier seiner zu gedenken und einige
gemeinsame Erlebnisse zu schildern. ~Königs~ besaß einen offenen Kopf,
hatte für wissenschaftliche Dinge volles Verständnis und war keineswegs
arm an guten experimentellen Ideen. Dagegen fehlte ihm die praktische
Gewandtheit. Wie er selbst öfter beklagte, war es ihm nicht möglich,
verschiedene Versuche zu gleicher Zeit anzustellen oder auch nur zu
beaufsichtigen. Dazu kam eine gewisse Langsamkeit in der praktischen
Arbeit, an der zum Teil wohl seine frühere chemische Erziehung schuld
war. Er kam nämlich von Bonn, wo er auch promoviert hatte und wo das
rasche Arbeiten offenbar nicht sehr gepflegt wurde. So erzählte er bei
seiner Ankunft, daß er zu einer Elementaranalyse in Bonn gewöhnlich
2 bis 3 Tage gebraucht habe. Als ich ihm darauf lachend erwiderte,
daß ich 5 an einem Tage machen könne, wollte er es nicht glauben, bis
ich ihm den tatsächlichen Beweis dafür lieferte. Allerdings ist dafür
doppelte Apparatur erforderlich. Ohne die Langsamkeit des Experiments
hätte ~Königs~ bei seiner Begabung und seinem Ideenreichtum der
Wissenschaft noch viel größere Dienste leisten können.
In der Geselligkeit junger Leute wurde ~Königs~ durch seinen
schlagfertigen Witz rasch der Mittelpunkt. Daneben besaß er die Gabe,
recht hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele zu verfassen.
Manche davon hätten wohl verdient, im Druck zu erscheinen. Sie würden
zweifellos, ähnlich den Werken des Berliner Chemikers ~Jacobsen~ eine
wertvolle Bereicherung der humoristischen chemischen Literatur bilden.
Dem Inhalt, leider nicht dem Wortlaut nach ist mir ein Gedicht in
Erinnerung geblieben, das er zu einem kleinen Feste der chemischen
Gesellschaft in München bei meinem Abschied von dort beisteuerte. Es
war dem Guanolied von Scheffel nachgebildet und bezog sich auf die von
mir aufgefundene Bereitung des Kaffeins aus dem Xanthin und Guanin.
Die Kunde davon war durch ein Heft der Berichte zu den Vögeln an der
Guanoküste gedrungen. Um nun der deutschen Konkurrenz die Spitze zu
bieten, macht ein alter Vogel zur Beruhigung der jungen Kollegen
den Vorschlag, »von nun an in homologen Reihen zu scheißen«, und
»wenn dann schließlich gelungen, das homologe Produkt, so wird eine
besondere Probe Herrn ~Fischer~ zu Ehren gedruckt«. Diesem Liedchen
fügte der Dichter noch einem Spottvers zu: »So sangen 2 muntere Vögel
auf Kosten des Herrn Präsident und tranken dazu von dem Weine, den nie
vor Anderen er nennt«. Damit hatte es folgende Bewandnis: ~Königs~ und
ich wohnten damals bei derselben Wirtin im gleichen Stock und besuchten
uns spät abends häufig, um gemeinsam ein Glas Wein zu trinken. Kurz
vor dem Feste traf ich ~Königs~ bei meiner Heimkehr auf seinem Zimmer
in Gesellschaft eines jungen Chemikers, beide offenbar etwas betroffen
durch meinen Eintritt. ~Königs~ hatte nämlich eben das Guanolied
verfaßt und sich dazu aus meinem Weinkeller eine der besten Sorten
kommen lassen, die bei meiner Ankunft aber rasch durch Kutscherwein
ersetzt worden war. Der junge Fachgenosse war der Conkneipant; denn
~Königs~ hatte beim Dichten Wein und Gesellschaft nötig und ließ sich
von solchen Assistenten den Versfuß vortreten, um nicht zu entgleisen.
Als ich mich dann entfernt hatte, fügte er dem Gedicht noch den oben
erwähnten Vers hinzu.
Meine Weinvorräte waren damals nicht ganz gering und es befanden sich
darunter einige recht gute Sorten. Beim Umzug nach Erlangen Ostern 1882
hatte ich der Wirtin den Auftrag gegeben, denselben nachzuschicken.
Der Wein kam aber nicht und eine Anfrage ergab, daß ~Königs~ ihn mit
seinen Freunden getrunken hatte. Statt dessen erschien ein großes Faß
Münchener Hofbräu als Ersatz für den verschwundenen Wein. Er wußte
genau, daß ich über den Spaß ebenso lachen würde, wie er es im gleichen
Fall getan haben würde.
Mit ~Königs~ bin ich auch wiederholt gereist, das letzte Mal 1902 nach
Nervi an der Riviera di Levante. Der dritte in unserem Bunde war ~S.
Gabriel~, ebenfalls ein richtiger Witzbold. Wenn wir abends zusammen
bei einem Glase Bier saßen, so bemühten die beiden Kollegen sich in
Witzen zu überbieten. Es ging wie ein Raketenfeuer und ich hatte
stundenlang nichts weiter zu tun, als zu lachen. Fast noch komischer
als die Witze war das außerordentliche Vergnügen, das die beiden
Herren an ihren gegenseitigen Produkten hatten. Es waren heitere Tage,
die wir zu prächtigen Fußwanderungen in dieser herrlichen Landschaft
benützten. Auch hierbei passierten komische Dinge. Eines Tages kehrten
wir auf einem sehr steilen, gepflasterten Fußweg nach der Stadt zurück
und begegneten dabei drei italienischen Knaben im Alter von ungefähr
10 bis 12 Jahren, die sofort ihre Bemerkungen über die Forestiere
machten, ohne zu ahnen, daß wir etwas von der Sprache verstanden. »Che
banda senile« meinte der erste, »gleich wird er hinfallen« meinte
der zweite, und dann schlossen sie sofort eine Wette, wen von den
dreien dieses Schicksal treffen würde. Es dauerte auch nur noch wenige
Sekunden, da saß ~Gabriel~ wirklich auf dem Boden, was der jungen Bande
natürlich einen unbändigen Spaß machte. An der Heiterkeit hat sich aber
auch die alte Bande gründlich beteiligt.
Eine andere Italienfahrt, die ich mit ~Königs~ von München aus machte,
führte bis Neapel. Infolge seines roten Haares und seiner doppelten
Brille wurde er von Droschkenkutschern, Bettlern und ähnlichem Volk
schon aus weiter Ferne als Fremder erkannt und dementsprechend
bestürmt. Das führte auch zuweilen zu komischen Auftritten. Die
Droschkenkutscher hatten damals in Neapel die üble Angewohnheit,
den Fremden nicht allein zur Benutzung ihres Fahrzeuges einzuladen,
sondern auf offener Straße zu folgen und überall in den Weg zu
fahren, wo man eine Straße kreuzen wollte. Unserem Freund ~Königs~
schien das eine Gelegenheit, die Zudringlichkeit mit einer Neckerei
zu erwidern. Er stieg also ruhig in das Fahrzeug hinein und auf der
anderen Seite ebenso rasch wieder hinaus. Wenn der Kutscher dann los
fuhr, war der Wagen leer. Kaum aber hatte er dieses Experiment einige
Male ausgeführt, als die Kutscher auch schon eine Gegenlist erfanden.
Sobald er nämlich seinen Fuß in den Wagen hineinsetzte, war dieser auch
schon in Bewegung, dann gab es ein großes Gelächter und ~Königs~ mußte
bezahlen.
Über solchen Dummheiten wurde aber doch der Hauptzweck der Reise
niemals versäumt, denn ~Königs~ war gebildet genug, um für die
ungeheuren Kunstschätze Italiens und für die Fundstätten der antiken
Kultur Verständnis zu besitzen. Für gute Bilder konnte er sich sogar
begeistern. Dazu mag auch wohl das Beispiel seines einen Bruders
beigetragen haben, der in Berlin Bankier war und seine stattlichen
Einkünfte für den Ankauf von guten Bildern verwendete. Der größte Teil
der wertvollen Sammlung ist nach dem frühzeitigen Tode des Bankiers von
den Geschwistern der Nationalgalerie geschenkt worden.
In späteren Jahren hat ~Königs~ mich in Berlin regelmäßig wenigstens
einmal im Jahre besucht und dann manchmal mit seinen Geschwistern,
besonders mit seiner klugen und fein gebildeten Schwester Fräulein
~Elise Königs~ in Berührung gebracht, die den Berliner Gelehrten
als weiblicher Mäcen wohl bekannt ist und von der Akademie der
Wissenschaften durch Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille geehrt
wurde.
Eine ganz andere Natur als ~Königs~ war ~Paul Friedländer~, der Sohn
eines Universitätsprofessors in Königsberg, mit dessen Persönlichkeit
meine Münchener Erinnerungen auch eng verknüpft sind. Er kam als
Student in das ~Baeyer~'sche Laboratorium, wurde aber wegen seiner
Begabung auch von uns älteren Chemikern als gleichberechtigt angesehen.
Nebenher war er sehr musikalisch und konnte recht schwierige klassische
Sachen auf dem Klavier aus dem Gedächtnis vortragen. Durch seine
späteren Arbeiten über Thio-Indigo und über den antiken Purpur, den
er als Dibromindigo erkannte, hat er sich in der Wissenschaft einen
geachteten Namen geschaffen. Auch mit ihm habe ich mehrere Reisen nach
Italien gemacht, sogar meine erste, die über Verona, Venedig, Padua,
Florenz und Mailand ging und bei der er mir wegen seiner besseren
Sprachkenntnisse ein wertvoller Führer war. Er ist 6 Jahre jünger wie
ich und noch in voller Rüstigkeit an der technischen Hochschule zu
Darmstadt tätig. Ich bin durch die Kriegswirtschaft, woran er sich auf
Veranlassung von Professor ~Haber~ beteiligte, wieder öfter mit ihm in
Berührung gekommen.
Im Frühjahr 1876 kehrte auch der Vetter ~Otto Fischer~ in ~Baeyers~
Laboratorium zurück, nachdem er das Wintersemester bei ~Liebermann~
über Methylanthracen gearbeitet hatte, und wir haben bald nachher
die gemeinsame Untersuchung über Rosanilin begonnen, wovon später
ausführlich die Rede sein wird.
Ungefähr um dieselbe Zeit gesellte sich zu unserem Kreise als älterer
Student der Chemie ~Hans Andreae~ aus Dresden, dessen Mutter eine
geborene ~Dilthey~ aus Rheydt und deshalb meine Kusine war. Der Vater,
ein Kunstmaler, stammte aus der rheinischen Familie ~Andreae~, die in
Mülheim a. Rh. eine große, sehr bekannte Sammetfabrik hatte. Dieser
~Hans~ war ein frischer, lustiger Geselle, aber stark verbummelt und
dem Gambrinus ergeben. Gearbeitet hat er in München kaum, aber sehr
viel Bier getrunken, Skat gespielt und Späße gemacht. Bei seiner
unvernünftigen Lebensweise waren Unfälle nicht selten. Schon in Leipzig
hatte er bei einer Rauferei einen Messerstich in die Lunge bekommen.
In München zog er sich eine langwierige Verrenkung des Fußknöchels zu
und ein Semester später erkrankte er an einem schweren Typhus. Da er
auch nach dieser Krankheit die alte Lebensweise beibehielt, so riet ich
seinem Vater, der sich an mich gewandt hatte, ihn wieder ins Elternhaus
zurückzunehmen und auf der technischen Hochschule zu Dresden seine
Studien fortsetzen zu lassen. Das war seine Rettung; er wurde nun
vernünftig, machte seine Examinas und ist dann wohlbestallter Fabrikant
in Burgbrohl in der vulkanischen Eifel geworden, wo er eine natürliche
Kohlensäurequelle ausnutzt und hauptsächlich zur Bereitung von
Alkalibicarbonat verwendet. Sogar zum kirchlichen Würdenträger hat er
es gebracht, denn bei seinem letzten Besuche in Berlin erzählte er mir,
daß er als Vertreter der niederrheinischen Synode an einer kirchlichen
Versammlung teilnehme.
In dem provisorischen Laboratorium zu München haben wir es trotz
mancherlei Mängel der Einrichtungen recht behaglich gehabt; denn die
Arbeiten waren von Erfolg begleitet, wie ich in einem besonderen
Kapitel noch ausführen werde, und Professor ~Baeyer~ tat alles, uns zu
fördern und den Aufenthalt angenehm zu machen. Ebenso wie in Straßburg
habe ich mich auch hier seiner besonderen Gunst erfreut. Obschon ich
nur einfacher Praktikant ohne jede Verpflichtung gegen das Institut
war, so räumte er mir doch mancherlei Rechte ein, die sonst nur den
Assistenten zustanden. Auch im persönlichen Verkehr sind wir uns näher
getreten. Er lud mich öfters zu Gesellschaften in seiner Familie und im
Sommer, wo diese frühzeitig auf das Land ging, sind wir auch manchmal
zusammen ins Gasthaus gegangen. Aus den hier geführten Gesprächen
habe ich manches gelernt, das außerhalb des wissenschaftlichen
Ideenkreises lag. Einer Unterhaltung aus dem Sommer 1876 erinnere ich
mich noch deutlich, weil ich ~Baeyer~ darin meine Absicht kund gab,
bei der wissenschaftlichen Laufbahn zu bleiben. Zu dem Zweck wollte
ich im nächsten Winter wieder nach Straßburg gehen, um bei Rose den
analytischen Unterricht näher kennen zu lernen. Er hielt das für ganz
vernünftig, weil ~Robert Bunsen~ doch wohl schon zu alt sei, knüpfte
daran aber lachend die Bemerkung, daß ich mit großer Überlegung auf
mein Ziel lossteuere.
Zunächst habe ich aber die Herbstferien 76 zu einer Reise nach
Berlin, Kopenhagen und Hamburg benutzt, die sehr genußreich und zum
Schluß belehrend für mich ausfiel. Der erste Teil der Reise ging über
Dresden und Leipzig. Mein Begleiter war Vetter ~Otto~. Die sächsische
Hauptstadt hat uns durch die schöne Lage, die prächtigen Bauten und die
wunderbaren Kunstsammlungen sehr imponiert. Wir hörten auch manches
über die Bewohner durch die dort ansäßige und früher erwähnte Familie
~Andreae~, ein Ehepaar mit 10 Kindern, das uns Vettern sehr freundlich
aufnahm.
Leipzig hat uns nicht allein als Universität, sondern auch als
Handelsstadt gut gefallen. In Berlin, wo wir uns 8 Tage aufhielten und
mit ~Wilhelm Königs~ zusammentrafen, der sich dann als Reisegefährte
anschloß, konnten wir noch viel mehr Interessantes sehen und erleben,
da der Bekanntenkreis von ~Königs~ dort groß war und wir durch ihn
auch in die nächtlichen Geheimnisse der Großstadt rasch eingeweiht
wurden. Trotzdem war der Gesamteindruck, den die Stadt mir hinterließ,
nicht besonders freundlich. Infolge der Gründerperiode war sie in
einem Umwandlungsprozeß begriffen, der sich durch gewaltiges Wachstum
und viele häßliche Bauten auszeichnete. Aber auch von den unschönen
Einrichtungen des alten Berlins war manches übrig geblieben, und ich
erinnere mich noch jetzt mit Schaudern, nächtlicherweile in einen
Rinnstein gefallen zu sein, der wenigstens ⅓ m tief und mit keiner
angenehmen Flüssigkeit gefüllt war. Auch der Grundzug der Bevölkerung,
ihre schnarrende und schnoddrige Redeweise, mit dem befehlshaberischen,
an das Militär erinnernden Ton, waren mir recht ungewohnt.
Die chemischen Institute, die wir ansahen, konnten ebenso wenig unseren
Beifall erwecken, und wenn mir jemand damals prophezeiht hätte, daß ich
einmal nach Berlin berufen würde, so hätte ich sicherlich in Gedanken
ein solches Angebot energisch abgelehnt. Von dort ging die Reise weiter
über Stettin, wo wir sofort das Schiff nach Kopenhagen bestiegen.
Vetter ~Otto~ trennte sich für diese Zeit von uns und fuhr in der
zweiten Kajüte, weil er annahm, daß hier die Gesellschaft besser sei.
Es war meine erste Meerfahrt, und sie ist mir dauernd im Gedächtnis
geblieben, weil sie recht stürmisch verlief. Schon auf dem Haff wurden
viele Personen seekrank, und als wir auf das offene Meer kamen, geriet
das kleine Schiff in bedenkliche Schwankungen. ~Königs~ und ich
haben uns tapfer gehalten, bis wir am späten Abend, durch die Kälte
gezwungen wurden, in die Kajüte zu gehen. Hier haben wir dann ebenfalls
Neptun unser Opfer bringen müssen, und als wir am nächsten Morgen in
Kopenhagen ankamen, war die ganze Schiffsgesellschaft in ziemlich
trostlosem Zustand.
Der Aufenthalt in der prächtig gelegenen und durch die große Kunst
Thorwaldsens geweihten dänischen Hauptstadt hat uns für die erlittene
Mühsal reichlich entschädigt.
Die Dänen sind ein sehr höfliches Volk und trotz der politischen
Abneigung, die sie damals gegen Deutschland hegten, haben sie uns mit
großer Zuvorkommenheit behandelt. Nur einmal stießen wir mit ihrem
Vorurteil zusammen. In einem Caféhaus, wo wir die einzigen Gäste waren,
zog ~Königs~ ein Kartenspiel hervor, das er immer auf Reisen mitführte,
und wollte ein kleines unschuldiges Skatspiel beginnen. Dagegen
erhob aber der Wirt entschiedenen Widerspruch, weil in den besseren
Gasthäusern der Stadt das Kartenspiel Anstoß errege.
Natürlich haben wir auch die schöne Umgebung von Kopenhagen, das Seebad
Klampenborg, die kleine Stadt Helsingoer, mit dem alten aus Hamlet
bekannten Schlosse, und endlich das im Innern gelegene prächtige
Schloß Frederiksborg besucht. Ich bin später nicht mehr nach Dänemark
gekommen, habe aber dem schönen Seeland eine dauernde freundliche
Erinnerung bewahrt.
Die Überfahrt über Korsoer nach Kiel ging ohne Zwischenfall von
statten, da die See ruhig war. Kiel machte damals den Eindruck einer
kleinen schmutzigen, ziemlich unbedeutenden Seestadt. Von der großen
deutschen Marine mit den gewaltigen Werftanlagen der Neuzeit war
noch sehr wenig vorhanden, dagegen hatten wir bei der Einfahrt, die
früh morgens erfolgte, das Vergnügen, die prächtige Kieler Bucht zu
bewundern.
Ebenso gab uns die Eisenbahnfahrt von Kiel nach Hamburg willkommene
Gelegenheit, das hübsche und freundliche Holstein'sche Land mit manchen
kleinen Seen und prächtigen Waldungen zu sehen. Hamburg war damals noch
nicht die gewaltige Handelsstadt wie heute. Aber als Seeplatz nahm es
doch schon den ersten Rang in Deutschland ein, und das Leben im Hafen
bot für uns Landratten viele Überraschungen. Auch die Stadt selbst mit
den schönen Bauten an der Alster, mit der prächtigen Kunsthalle und
den guten Theatern war wohl geeignet, die Aufmerksamkeit des Reisenden
zu erwecken. Als junge Leute, die den ganzen Tag auf der Schau sein
konnten, haben wir das alles in ein paar Tagen gesehen.
Inzwischen hatte die Tagung der deutschen Naturforscher und Ärzte
begonnen, an der wir als Mitglieder teilnahmen. Die chemische Sektion
war nicht sehr besucht, aber ich habe doch einige für mich interessante
Bekanntschaften gemacht. Zunächst ~A. Ladenburg~, damals Professor der
Chemie an der Universität Kiel, dann der außerordentliche Professor
~Michaelis~ von Karlsruhe, der gerade aus England kam und sich ebenso
durch einen ungeheuren Bart wie durch einen altersschwachen Cylinderhut
auszeichnete. Endlich Dr. ~E. Noelting~, ein Freund und späterer
Schwager von ~Witt~. Er interessierte sich besonders für Farbstoffe und
interpellierte mich sofort über das Rosanilin, über das ich mit dem
Vetter ~Otto~ eine kleine Publikation gemacht hatte. In einer Sitzung
der chemischen Abteilung habe ich meinen ersten wissenschaftlichen
Vortrag gehalten. Er war ziemlich kurz und handelte von dem
asymmetrischen Diphenylhydrazin, das ich kurz vorher gefunden hatte,
und dessen Isomerie mit dem Hydrazobenzol interessante Vergleiche
gestattete. Der Präsident der Sitzung, Professor ~Ladenburg~, hat mir
dazu einige freundliche Worte der Anerkennung gewidmet.
Von den allgemeinen Sitzungen, die wir ebenfalls besuchten, ist mir nur
ein Vortrag des Zoologen ~Moebius~ aus Kiel in Erinnerung geblieben,
weil er ein chemisches Kuriosum brachte. Es war die Identität des
mysteriösen Urschleims (Bathybius Haeckelii) mit amorphem Gyps, der
beim Vermischen von Seewasser mit Alkohol ausfällt.
Die Stimmung der Naturforscher, die im Hamburger Volksmund »die
forschen Naturen« hießen, war die denkbar beste, gehoben durch das
prächtige Herbstwetter, die vielen Vergnügungsgelegenheiten der
Seestadt und die flotte Gastfreundschaft der Hamburger Bürgerschaft.
Von den Festlichkeiten ist mir in Erinnerung geblieben eine
Dampferfahrt nach Blankenese. Bei der Rückkehr hatten wir Gelegenheit,
die Ausgelassenheit und Rohheit der Hafenbevölkerung kennen zu lernen.
Es war schon halb dunkel und Scharen von halbwüchsigen Burschen
vergnügten sich nun damit, unserer Gesellschaft und besonders den Damen
kleine, aber doch scharf explodierende Feuerwerkskörper unter die Füße
zu werfen. Anderwärts hätte man sich über diesen Unfug entrüstet, die
Hamburger aber waren daran gewöhnt und blieben ganz gelassen.
Von Hamburg sind wir drei ohne Unterbrechung an den Rhein gefahren, und
ich habe mich dann im Oktober von den beiden anderen für ein Semester
getrennt, da ich nach Straßburg ging, um bei meinem früheren Lehrer
Professor ~F. Rose~ in der analytischen Chemie und ganz besonders
im Unterricht der Anfänger Erfahrungen zu sammeln. Angemeldet hatte
ich mich natürlich schon während des Sommers und dabei den Wunsch
ausgesprochen, als Volontärassistent von Rose in der analytischen
Abteilung des Laboratoriums zu Straßburg mitwirken zu dürfen. Der
Direktor des Instituts Professor ~Fittig~ ließ mir aber sagen, er
könne meinen Wunsch nur erfüllen, wenn ich die Stelle eines bezahlten
Assistenten annehme. Das habe ich auch getan, mußte nun aber nach
einigen Monaten die Überraschung erleben, daß mein schon an und
für sich recht bescheidenes Gehalt herabgesetzt wurde. Es war eine
Maßregel, die aus Verwaltungsgründen vielleicht gerechtfertigt war,
aber es hat doch auf die anderen Angestellten des Instituts, besonders
die Diener einen merkwürdigen Eindruck gemacht, weil sie es als eine
Degradation für mich ansahen. Ich habe natürlich darüber gelacht,
aber es passte zu der Persönlichkeit von ~Fittig~, der durch seine
Anordnungen, ohne es zu wollen, andere Leute leicht vor den Kopf stieß.
Ich hatte vor ~Fittig~ wegen seiner ausgezeichneten Arbeiten die
größte Hochachtung, aber bei näherem Verkehr mit ihm merkte ich doch
den großen Unterschied im Vergleich zu ~Baeyer~. Trotz seiner scharfen
Beobachtungsgabe und seiner Geschicklichkeit im Experimentieren sowie
seiner gesunden Kritik, entbehrte er der Genialität und war neuen
Ideen, z. B. der Stereochemie und den physikalischen Lehren schwer
zugänglich. Obschon ein guter Lehrer für Anfänger, besaß er auch nicht
die Fähigkeit, ältere Chemiker an sich zu fesseln und dadurch eine
größere wissenschaftliche Schule zu bilden. Von Tübingen her war er
gewöhnt, auch den Unterricht in der chemischen Analyse zu erteilen.
Das hätte er am liebsten auch in Straßburg getan, wenn nicht die von
~Baeyer~ schon getroffene Organisation, die den Extraordinarius ~Rose~
zum selbständigen Leiter in der Abteilung machte, vorhanden gewesen
wäre. Ich war als Assistent nur in dieser Abteilung beschäftigt.
Leider blieb mir dabei eine gewisse Enttäuschung auch nicht erspart.
Der Unterricht von ~Rose~, dem ich als Student so viel verdankte,
erschien mir jetzt mehr wie eine einseitige, allerdings mit den vielen
praktischen Erfahrungen des ~Bunsen~'schen Laboratoriums geschmückte
Dressur. Neue Methoden, die in der Literatur erschienen, wurden
garnicht versucht und die geringste Abweichung von der Schablone galt
als Fehler. Trotzdem ist mir das, was ich in bezug auf Unterricht bei
~Rose~ lernte, später sehr zustatten gekommen, als ich selbst die
analytische Abteilung des Münchener Laboratoriums übernehmen mußte.
Die Zahl der Studierenden im Straßburger Laboratorium war nicht so
groß, daß meine Zeit durch den Unterricht ganz in Anspruch genommen
worden wäre. Es blieb mir deshalb die Möglichkeit, nebenher andere
Dinge zu treiben. So habe ich mich ziemlich regelmäßig an dem
physikalischen Kolloquium bei ~Kundt~ beteiligt, und vor allen Dingen
konnte ich einige Studien über die Morphologie und Physiologie der
niederen Pilze machen. Wie früher schon erwähnt, erhielt ich die
Anregung dazu von Dr. ~A. Fitz~, der mir von früher her flüchtig
bekannt war, und dem ich jetzt auch persönlich näher treten durfte.
Er war ein wohlhabender Weingutsbesitzer aus der Pfalz, schon in
reiferen Jahren, unverheiratet und führte damals interessante Versuche
über Spaltpilzgärung aus, durch die er sich in der Geschichte der
Gärungschemie einen geachteten Namen gemacht hat. Durch ihn lernte
ich einige Schriften von ~Pasteur~, vor allem das Buch ȃtudes sur
la bière« kennen. (Welche praktische Folge das für eine Brauerei in
Dortmund gehabt hat, ist früher geschildert). Die Pilzchemie hat mich
damals so interessiert, daß ich bei längerem Aufenthalt in Straßburg
sicherlich eigene Forschungen auf diesem Gebiete angestellt hätte.
Zunächst war es aber für mich nötig, morphologische Kenntnisse
zu erwerben und Übung in der Handhabung des Mikroskops und der
Pilzkulturen zu bekommen. Die Gelegenheit dazu bot das botanische
Institut, das unter Leitung von ~de Bary~ stand, der einer der besten
Kenner der niederen Pilze in Deutschland war. Mit geringer Mühe habe
ich dort eine Reihe von Schimmelpilzen und Hefearten kennen gelernt,
die meist auf trockenen Nährböden wie Kartoffeln, Rüben, Möhren gezogen
wurden. Es ist mir deshalb immer ein Rätsel geblieben, daß erst
Jahre nachher für die Kultur der Spaltpilze ~Robert Koch~ die festen
Nährböden in die Mykologie einführen mußte, und seitdem als Erfinder
dieser Methode angesehen wird. Tatsächlich hat ~Pasteur~ die Kultur von
Mikroben immer nur in Flüssigkeiten, d. h. in seinem bekannten Kolben
angestellt und auch seine Nachfolger wie ~Fitz~ usw. waren nicht auf
den Gedanken gekommen, den festen Nährboden zu benutzen.
Außerhalb der Laboratorien hat es mir an Unterhaltung und Gesellschaft
in Straßburg nicht gefehlt, und als junge Leute durften wir uns
auch hier und da kleine Streiche erlauben. So erinnere ich mich
eines Spaßes, wobei wir Dr. ~C. Wurster~, der damals in Straßburg
sein einjährigfreiwilliges Jahr abdiente, und bei einer nächtlichen
Kneiperei den Urlaub überschritten hatte, vor der Festnahme durch eine
Patrouille schützen mußten, indem wir ihn auf der Straße rasch in einen
Zivilisten verwandelten.
Von neuen Bekanntschaften, die ich in ziemlich großer Zahl machte,
will ich nur zwei erwähnen. Einmal den Vorstand der Apotheke am
Bürgerhospital Dr. ~Musculus~, ein Freund von ~Mering~. Er war
erheblich älter wie wir, ein geborener Elsässer, ein liebenswürdiger
Gesellschafter und guter Chemiker. Ihm verdankt man die erste Synthese
künstlicher Dextrine aus Traubenzucker, mit denen ich mich 15 Jahre
später eingehend beschäftigt habe. Noch viel origineller als Mensch
war der Physiker Dr. ~Fuchs~, ein Kneipgenie und nebenher ein Mann
von umfassender Bildung. Er hatte ursprünglich Philologie studiert
und war dann Mediziner geworden. Nach Abschluß aller dazu nötigen
Examinas hatte er kurze Zeit als Nervenarzt praktiziert, war dann
aber zur Physiologie übergegangen. Als auch diese Wissenschaft ihm
noch nicht exakt genug erschien, wurde er Physiker, und infolge
der Unterhaltungen, die er öfters mit mir führte, bekam er Lust,
auch noch Chemiker zu werden. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen,
weil inzwischen sein bescheidenes väterliches Erbe zur Neige ging,
und er genötigt war, Geld zu verdienen. Er hat sich später in Bonn
habilitiert und ist, wie ich zu meinem großen Vergnügen hörte, zum
Schluß als Pseudoleibarzt zu ~Friedrich Krupp~ in Essen gekommen.
Ich kann mir denken, daß es diesem Schöpfer des größten deutschen
Industrieunternehmens am Schluß eines arbeitsreichen Lebens
Vergnügen bereitet hat, mit dem vielseitig gebildeten, witzigen und
kindlich-naiven Gelehrten zu verkehren.
Im Frühjahr 1877 hatte ich meinen Zweck in Straßburg erreicht und
kehrte schleunigst nach München zurück, um die liegengebliebenen
Arbeiten über die Hydrazinverbindungen und das Rosanilin fortzusetzen.
Dort war inzwischen der Neubau des Instituts mächtig gefördert worden
und man bereitete sich schon darauf vor, im Herbst desselben Jahres den
Umzug aus dem alten Hause zu bewerkstelligen.
Der Sommer verlief wie sein Vorgänger für uns als eine zweckmäßige
Kombination von fleißiger Arbeit und heiterem Leben. Die Zahl der
Studierenden und der älteren Chemiker war gewachsen und auch unser
gesellschaftlicher Kreis hatte sich dementsprechend vergrößert. Wir
waren alle inzwischen gute Münchener geworden und hatten uns dem
Bierleben ganz angepaßt. Besonders unterhaltend waren die Abende auf
den sogen. Bierkellern, d. h. den Ausschanken der großen Brauereien
in hübschen Gärten, die zum Teil auf der Theresienwiese, zum Teil auf
dem rechten Isarufer lagen. Hier herrschte ein gemütliches Treiben,
eine aus allen Teilen der Bevölkerung zusammengesetzte Gesellschaft
erfreute sich an dem köstlichen Bier. Das Abendessen dazu brachte man
sich mit, indem man unterwegs in einem Fleischer- und Bäckerladen
die nötigen Einkäufe machte. Ganze Familien, von kleinen Kindern bis
zum Greise konnte man hier versammelt sehen. Das Bierleben bot auch
sonst manche Merkwürdigkeiten. So gab es in gewissen Stadtlokalen
eine Bierbettelei, d. h. einzelne Leute, die behaupteten, kein Geld
zum Ankauf von Bier zu besitzen zogen mit einem leeren Krug umher, um
ihn von mildtätigen Menschen in kleinen Beiträgen füllen zu lassen.
Der sonderbarste Auswuchs von Biergemütlichkeit entwickelte sich aber
beim Ausschank des Salvatorbiers, das von einer einzigen Münchener
Brauerei hergestellt wurde und gewöhnlich in 5 bis 6 Wochen auf dem
Salvatorkeller ausgetrunken wurde. Meinen ersten Besuch machte ich dort
gemeinschaftlich mit Professor ~Baeyer~. Es war ein fürchterlicher
Betrieb. Trotz der kalten Jahreszeit lagen die Menschen dutzendweise
betrunken im Garten und an den Abhängen des Berges. Das Hereinkommen
in den ungeheuren geschlossenen Raum bot erhebliche Schwierigkeiten,
weil fortwährend Ruhestörer oder Betrunkene hinausgeworfen wurden.
Als wir schließlich drin waren, wurden wir durch eine Persönlichkeit,
die ~Baeyer~ kannte, aufgefordert, in einem reservierten Zimmer Platz
zu nehmen. Dort war eine sonderbare Gesellschaft versammelt, die man
für Leute niederen Standes hätte halten können. Auch die Unterhaltung
belehrte darüber zunächst nicht. Ich erinnere mich noch, daß einer der
Männer einen alten stark riechenden Käse aus der Tasche zog, mit dem
dolchartigen Messer, das die Bayern immer tragen, zerlegte und dann
seinen Nachbarn zum Konsum anbot. Auf meine Erkundigung nach seiner
Person erfuhr ich, daß es ein hoher Offizier sei. Mein Nachbar, den
ich nach dem Äußeren auch sehr unterschätzt hatte, war der bekannte,
feinfühlige Dichter ~Lingg~. Und so entpuppte sich allmählich die ganze
Gesellschaft als hochgeachtete Männer, Künstler, Gelehrte, Offiziere,
hohe Staatsbeamte, Großkaufleute usw. Ich bin damals zu der Überzeugung
gekommen, daß kein Mittel in der Welt existiert, welches ähnlich dem
Bier alle Standes- und sozialen Unterschiede verwischt und die Menschen
gleich macht.
Ein großer Vorzug von München ist die Nähe des Gebirges. Man konnte
schon damals mit der Eisenbahn in einigen Stunden nach Tegernsee
oder in die Nähe des Walchensees gelangen, und wir haben die in
Bayern recht häufigen katholischen Feiertage des Sommers vielfach
zu kleinen Touren in die Berge benutzt. In den Pfingstferien, die
länger dauerten, führte uns der Weg in der Regel nach Tirol, weil dort
Küche und Wein erheblicher besser waren. Großer Bergsteiger bin weder
ich, noch die anderen Mitglieder unseres Kreises gewesen, aber auf
mittlere Höhen, wie auf Herzogenstand, Wendelstein haben wir uns öfters
hinaufgetraut. Daß auch hier durch ungünstige Umstände Gefahr entstehen
kann, hat mich die Besteigung des Kitzbüchlerhorns während eines
Pfingstausfluges gelehrt. Die Spitze des Berges war noch mit ziemlich
viel Schnee bedeckt. Unsere Gesellschaft bestand aus etwa 5 Personen.
Glücklicherweise hatten wir einen Träger, der gleichzeitig als Führer
diente. Als wir oben angekommen waren, erkrankte Dr. ~Boesler~, von dem
später noch die Rede sein wird, an Bergkrankheit so stark, daß er sich
nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Wir haben ihn in unsere Mäntel
gewickelt und in den Schnee legen müssen und uns dann selbst in dem
eisigkalten Wind durch starke Bewegung, Freiübungen usw. warm halten
müssen. Da die Sorge entstand, daß der Patient nicht mehr imstande
sein würde, den Heimweg anzutreten, so richteten wir an den Führer
die Frage, was nun zu tun sei. Er erwiderte kaltblütig, daß er den
Herrn in den Rucksack stecken und bergabwärts tragen werde. Vor dieser
sicherlich wenig bequemen Beförderungsweise blieb aber glücklicherweise
Dr. ~Boesler~ verschont, weil er sich bald wieder so weit erholte, daß
er mit unserer Unterstützung den Rückweg machen konnte.
Derartige Ausflüge haben mich im Laufe der 7-jährigen Münchener Periode
fast nach allen schönen Punkten von Oberbayern und Südtirol geführt.
Manche davon sind mir noch in Erinnerung. Besonders eine Bergfahrt,
die ich zusammen mit dem Physiologen Dr. ~Tappeiner~, dem Zoologen
Dr. ~Graf~ und einem Professor der Anatomie an der tierärztlichen
Hochschule zu München Dr. ~Frank~ unternahm. Sie ging zunächst per
Eisenbahn über den Starnberger See bis Pensberg, wo sich das einzige
Kohlenbergwerk in Bayern befindet, und von dort zu Fuß nach Kochel.
Hier gerieten wir in die Herbstmanöver bayerischer Truppen, welche
die Gegend gänzlich ausgegessen hatten. Es gab schon kein Brot mehr,
wohl aber noch reichlich Bier. Quartier mußten wir auf dem Heuboden
in Gesellschaft von Soldaten nehmen, wobei es mir passierte, daß ich
nachts durch das Heuloch sanft in den darunter gelegenen Kuhstall
hinabfiel. Am Abend vorher hatte sich im Gasthause vor unseren Augen
eine charakteristische Szene aus dem bayerischen Volksleben abgespielt.
In unserer Nähe saß ein Mann, wahrscheinlich Holzfäller, der, wie
später bekannt wurde, den Versuch gemacht hatte, die Kellnerin zu
betrügen. Diesem Mann flog plötzlich, ohne daß ein Wortwechsel
stattgefunden hatte, vom Ausschank her ein leerer Maßkrug an den Kopf.
Gleichzeitig trat ein starker Mann aus derselben Ecke hervor -- es
war der sogen. Zapfbube -- prügelte den Getroffenen mit gewaltigen
Schlägen und verschwand dann wieder ganz ruhig in die dunkle Ecke des
Ausschankes. Der Geprügelte verließ ebenso ruhig die Gaststube und die
Sache war erledigt.
Am nächsten Morgen sind wir, nachdem am Brunnen flüchtig Toilette
gemacht war, den Kochelberg hinauf, zum Walchensee und von dort immer
per pedes bis nach Partenkirchen. Den Führer der kleinen Gesellschaft
machte Professor ~Frank~; denn er hatte vor seiner akademischen
Laufbahn lange hier als Tierarzt gewirkt und war deshalb mit Land und
Leuten auf das Genaueste vertraut. So kamen wir mit der Bevölkerung
in enge Fühlung und ich habe damals einen recht guten Eindruck von
dieser frischen, tatkräftigen und sich sehr natürlich und frei gebenden
Rasse gehabt. Leider ließ die Küche, namentlich in den Gasthäusern
zweiten und dritten Ranges, wohin ~Frank~ uns führte, viel zu wünschen
übrig und die Folge davon war, daß ich mir schon am vierten Tage in
Partenkirchen den Magen und Darm gründlich verdarb und allein nach
München zurückkehren mußte.
Eine andere Fahrt, die für mich besser verlief, habe ich zusammen
mit Dr. ~Fluegge~ gemacht, der jetzt Professor der Hygiene an der
Universität Berlin ist. Er war vorher praktischer Badearzt gewesen,
hatte sich aber dann der frisch aufblühenden Hygiene zugewandt und war
nach München gekommen, um bei ~Pettenkofer~ zu arbeiten. Wir haben
auf der langen Fußtour, die von Tegernsee über den Achensee nach dem
Inntal und von dort über Mittenwald, Partenkirchen, Walchensee und
Herzogenstand nach Benedictbeuren ging, uns trefflich unterhalten.
Er war ein lustiger Gesellschafter, flotter Fußgänger mit offenen
Augen für landschaftliche Schönheiten und Eigentümlichkeiten
der Bevölkerung. Auch an wissenschaftlichen Gesprächen hat es
nicht gefehlt, und ich habe mich damals bemüht, ~Fluegge~ von
der Wichtigkeit der ~Pasteur~'schen Untersuchungen und von der
Bedeutung der Stoffwechselprodukte der pathogenen Mikroben bei den
Infektionskrankheiten zu überzeugen.
Im September desselben Jahres fand die Versammlung der deutschen
Naturforscher und Ärzte in München statt. ~Baeyer~ hatte die
Organisation der chemischen Abteilung übernommen und die Folge davon
war, daß ich zusammen mit Dr. ~Wilhelm von Miller~ von der technischen
Hochschule zum Schriftführer ernannt wurde. Die Geschäftsführung
geriet aber in einige Schwierigkeiten, weil Frau ~Baeyer~ während
eines Ferienaufenthaltes im bayerischen Gebirge gerade zu jener Zeit
den Herrn Gemahl mit einem Söhnchen, dem jetzigen Professor der
Physik zu Berlin ~Otto von Baeyer~ beschenkte und infolgedessen der
Gatte mit einer kleinen Verspätung bei der Versammlung erschien. Die
Tagung war für uns Chemiker recht interessant, weil ungewöhnlich viele
Fachgenossen zusammengeströmt waren. Ich wurde hier zuerst bekannt mit:
~Victor Meyer~, ~C. Liebermann~, ~J. Wislicenus~, ~F. Tiemann~, ~C.
Scheibler~, ~C. A. Martius~ und ~Peter Gries~. Dieser war unstreitig
die originellste Persönlichkeit in unserem Kreise, wie man nach dem
allerliebsten Nekrolog, den ~A. W. Hofmann~ ihm später gewidmet hat,
gerne glauben wird. Wegen Überfüllung stieß er in München auf allerlei
Unbequemlichkeiten, besonders bei den festlichen Veranstaltungen. Er
pflegte dann stumm eine Weile in den Wirrwarr hineinzuschauen und
hinterher seinem Gefühl im richtigen kurhessischen Dialekt mit den
Worten Luft zu machen: »Die Leute verstehen keine Massen zu bewältigen«.
In der chemischen Sektion wurde er mit großer Aufmerksamkeit behandelt
und auch zum Vorsitzenden gewählt. Hinterher hat ihm die Münchener
Universität noch den Titel eines Dr. phil. h. c. verliehen, denn es war
gerade die Blütezeit der Benzolchemie und die von ~Gries~ aufgefundenen
Reaktionen wurden in ausgiebigster Weise zur Lösung von Stellungsfragen
benutzt. Zudem hatte eben die Industrie der Azofarben einen großen
Aufschwung genommen. Endlich waren Leute, die wie ~Gries~ in einem
praktischen Berufe stehen und trotzdem in den Mußestunden vortreffliche
wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, in Deutschland eine große
Seltenheit.
Von den Vorträgen der chemischen Sektion ist mir keiner in Erinnerung
geblieben, wie denn überhaupt solche Versammlungen für die Publikation
von fachwissenschaftlichen Dingen keine große Rolle spielen. Ihre
Bedeutung liegt vielmehr in dem persönlichen Verkehr der Teilnehmer,
und in dem Austausch von Erfahrungen, die man der öffentlichen Rede
oder Abhandlung nicht anvertraut. Dann geben sie auch den jüngeren
Gelehrten eine willkommene Gelegenheit, sich den Alten zu präsentieren
und ihre Kunst im Vortrag zu zeigen. Ich bin in späteren Jahren
häufig auf die Naturforscherversammlungen gegangen hauptsächlich zu
dem Zwecke, jüngere Fachgenossen kennen zu lernen. Bei dem zwanglosen
Verkehr wird auch der Grund zu mancher Freundschaft gelegt. Von der
Münchener Versammlung her datieren z. B. meine freundschaftlichen
Beziehungen zu ~Victor Meyer~ und ~F. Tiemann~.
In der ersten allgemeinen Sitzung der Tagung erregte ein Vortrag
von ~Haeckel~ großes Aufsehen, weil er aus den Fortschritten der
Biologie weitgehende Schlüsse für das ganze geistige und sittliche
Leben der Welt zog, und mit scharfen Angriffen auf Kirche und
staatliche Unterrichtsanstalten verband. Wenige Tage darauf, in
der zweiten allgemeinen Sitzung antwortete ihm ~Virchow~ und führte
in interessanter und geschickter Weise die Theorien und Forderungen
~Haeckels~ auf das legitime Maß zurück. Man hatte allgemein den
Eindruck, daß nur wenig deutsche Gelehrte in der kurzen Frist von
einigen Tagen eine so musterhafte wissenschaftliche Kritik in Form
einer populären Rede abfassen könnten.
Natürlich fehlte es bei einer so großen Versammlung in München nicht
an mannigfachen Festlichkeiten. Unter anderem hatte der Magistrat der
Stadt im alten Rathause eine zwanglose Begrüßung veranstaltet. Dabei
wurde auch das politische Gebiet gestreift, was sonst bei diesen
Tagungen nicht gerade üblich ist. Ein alter bayerischer Professor hieß
nämlich die in ziemlich großer Zahl erschienenen Deutschschweizer
herzlich willkommen, knüpfte aber daran die politische Aufforderung,
sich von dem Welschtum abzuwenden und dem im neuen Reiche geeinten
Deutschtum anzuschließen. Das wurde von den Schweizern höflich, doch
recht entschieden abgelehnt mit der zutreffenden Bemerkung, daß die
Schweiz nach ihrer politischen und kulturellen Struktur, sowie nach
der geschichtlichen Entwicklung es für ihre Pflicht ansehen müsse, mit
allen benachbarten Völkern und Staaten in einem freundschaftlichen
Verhältnis zu bleiben.