Die Eltern

Mein Vater ~Laurenz Fischer~ wurde am 4. November 1807 in Flamersheim

geboren, war also fast 45 Jahre älter wie ich. Seine Geburtsurkunde

ist in französischer Sprache ausgefertigt; denn damals stand das linke

Rheinufer unter französischem Regiment und die Funktionen der heutigen

Standesämter waren schon damals dem »Maire« übertragen.

Flamersheim ist ein kleiner Ort am Fuße der Eifelberge, aber noch in

der fruchtbaren Ebene gelegen, etwa 7 km von Euskirchen entfernt.

Es besaß eine alte protestantische Gemeinde mit dem Sitz des Pastors,

der zu meiner Zeit auch die kleine Gemeinde in Euskirchen mitbesorgte.

Die Protestanten waren wie überhaupt in dem katholischen Rheinlande

durchgehend gebildeter und betriebsamer als die katholische Volksmasse

und erfreuten sich deshalb auch eines verhältnismäßig großen

Wohlstandes. Ihre geschäftlichen Unternehmungen hatten auch dem Ort

Flamersheim eine über seine Einwohnerzahl weit hinausgehende Bedeutung

verschafft. Dazu kam, daß der größte Grundbesitz des Ortes, die sogen.

Burg mit dem stattlichen schloßähnlichen Wohnhause, hübschen Park und

reichen Ländereien dauernd im Besitz eines protestantischen Herrn blieb.

Der Überlieferung nach war diese Burg aus einer Meierei Karls des

Großen hervorgegangen. Sie soll zahlreiche Vorwerke gehabt haben, von

deren speziellen Aufgaben Sachverständige die Namen der umliegenden

Dörfer, wie Schweinheim (Schweine), Stotzenheim (Stuten), Roitzheim

(Rosse), Buellesheim (Bullen), Kuchenheim (Kühe) ableiteten. Ob diese

Interpretation historisch berechtigt oder ob sie ein Erzeugnis der

lebhaften rheinischen Phantasie ist, vermag ich nicht zu sagen.

Genug, dieses Flamersheim war mehrere Jahrhunderte der Sitz meiner

Vorfahren; der älteste in den Kirchenbüchern genannte ist ~Johann

Fischer~, der im Jahre 1695 fast gleichzeitig mit seiner Ehefrau geb.

~Hermany~ zu Flamersheim starb.

Mit meinem Großvater wäre beinahe der männliche Stamm erloschen.

Denn er hat erst mit 49 Jahren geheiratet, und die Familiensage

berichtet, daß diese Ehe ein zufälliges Ereignis gewesen sei. Er

lebte nämlich mit einer unverheirateten Schwester zusammen, die ihn

offenbar tyrannisierte und ihm eines Tages den Schlüssel zum Weinkeller

versagte, als er unerwartet einen Gast mitgebracht hatte. Darauf soll

er den Entschluß gefaßt haben, sich durch Heirat selbständig zu machen.

Seine Wahl fiel auf Fräulein ~Helene Conrads~ aus Mülheim am Rhein,

ebenfalls einer Kaufmannsfamilie entsprossen. Die Ehe war mit vier

Söhnen und einer Tochter gesegnet.

Mein Vater war das zweite Kind. Die beiden letzten, mein Onkel ~August~

und Tante ~Elisabeth~ kamen 1812 als Zwillinge zur Welt. Ihre Geburt

hat der Mutter das Leben gekostet. Auch der Vater ist verhältnismäßig

früh mit 61 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.

Die fünf verwaisten Kinder würden wahrscheinlich ein trauriges

Lebenslos gehabt haben, wenn sich nicht die unverheirateten Geschwister

der Mutter, zwei Brüder und eine Schwester, ihrer in rührender Weise

angenommen hätten.

Der älteste, Onkel ~Hermann Conrads~, gab seine behagliche Tätigkeit

in Mülheim auf und zog nach Flamersheim, um den Kindern das väterliche

Geschäft zu erhalten. Er behielt die beiden jüngsten Kinder (Zwillinge)

bei sich. Die drei anderen Brüder ~Friedrich Arnold~, mein Vater und

~Otto Fischer~ kamen nach Mülheim am Rhein und wurden hier vorzugsweise

von der Tante erzogen. Diese Frau spielte in den Jugenderinnerungen

meines Vaters eine große Rolle. Sie war ungewöhnlich begabt, verkehrte

nur mit Männern, am liebsten im Disput mit Studierten, besonders

Theologen. Sie hatte sich mit der lateinischen Sprache vertraut gemacht

und wollte im Alter sogar noch Hebräisch lernen, um die Bibel im Urtext

zu lesen, ob schon sie als geistiges Kind der französischen Revolution

ganz atheistisch dachte.

Sie führte hauptsächlich das Geschäft in Mülheim und nicht minder das

Regiment im Hause, wo der gute Onkel ~Heinrich~, ein ungewöhnlich

starker Mann, nichts zu sagen hatte.

Die drei Knaben, die ihrer Obhut anvertraut waren, wurden in

keiner Beziehung verwöhnt, sondern frühzeitig abgehärtet und zur

Selbständigkeit angehalten.

Als sie bereits erwachsen und verheiratet waren, pflegte die Tante sie

noch immer mit »Burschen« anzureden und jeden Widerspruch gegen solche

Titulatur oder ihre scharf ausgeprägten Ansichten auf das lebhafteste

zu bekämpfen.

Trotzdem waren die Knaben ihr in Dankbarkeit zugetan, genau so, wie sie

die beiden Oheims als ihre Beschützer verehrten. Mein Vater und sein

älterer Bruder ~Friedrich Arnold~ waren von vornherein zum Kaufmann

bestimmt, und das entsprach, besonders bei meinem Vater, durchaus

der Veranlagung. In der Schule hatte er keinen großen Erfolg, verließ

sie deshalb schon mit 14 Jahren und wurde als Lehrling in einem

kaufmännischen Geschäft in Luettringhausen bei einem Herrn ~Moll~

untergebracht.

Hier erhielt er frühzeitig Gelegenheit, sich als Verkäufer auf Reisen

zu betätigen, was ganz seinen Neigungen und auch der folgenden mehr als

70-jährigen Geschäftstätigkeit entsprach.

In späteren Jahren pflegte er oft scherzhaft zu sagen, er habe mehr im

Wirtshaus als in der Schule gelernt. Aber er war doch klug genug, die

Lücken der Schulbildung zu empfinden und hat sich deshalb später durch

Privatunterricht im Französischen und in der Beherrschung der deutschen

Sprache, sowie in rechtlichen und gewerblichen Dingen ansehnliche

Kenntnisse erworben.

Im Alter machte er noch den Versuch, Englisch zu lernen, da er öfter

zum Ankauf von Wolle nach London fahren mußte. Aber dazu war es doch zu

spät; sein Englisch hat niemand verstanden.

Bei der Prüfung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, der

damals schon in Preußen eingerichtet war, fiel er durch, aber ein

vermeintlicher körperlicher Schaden, der sicherlich nichts weiter

als eine falsche ärztliche Diagnose war, bewahrte ihn vor der

Notwendigkeit, drei Jahre Soldat zu sein. In Wirklichkeit war er ein

Mann von ungewöhnlich kräftiger Konstitution und Gesundheit. Es wird

davon später noch die Rede sein.

Als er 18 Jahre alt geworden war, übergab der Onkel ~Conrads~ ihm und

dem Bruder ~Friedrich Arnold~ das väterliche Geschäft zu Flamersheim

und zog sich nach Mülheim a. Rh. zurück.

Die beiden jungen Leute waren sich ihrer Verantwortung wohl bewußt

und haben mit großem Fleiß und kaufmännischem Geschick die für ihre

Jahre doch ziemlich schwierige Aufgabe in Angriff genommen. Es ist ein

schönes Zeichen geschwisterlicher Eintracht, daß der Geschäftsgewinn

nicht den beiden Brüdern allein, sondern allen fünf Geschwistern

gleichmäßig zufiel.

Der dritte Bruder ~Otto~ war ein ausgezeichneter Schüler, bekundete

frühzeitig die Neigung zum Studieren und wurde nach Absolvierung des

Gymnasiums zu Duisburg Mediziner. Nach Erledigung des medizinischen

Staatsexamens, das damals in Berlin abgelegt werden mußte, ging er auf

1 Jahr nach Paris und entschloß sich dazu, Chirurge zu werden. Nicht

lange nachher wurde er der leitende Arzt in der chirurgischen Abteilung

des städtischen Hospitals zu Cöln.

Einen später an ihn ergangenen Ruf als Professor der Chirurgie

nach Bonn lehnte er ab, weil ihm die dortigen Hilfsmittel und das

Krankenmaterial zu dürftig erschienen.

In seiner Stellung zu Cöln hat er sich während einer mehr als

40jährigen Tätigkeit durch glänzende Operationen und überaus

sorgfältige Nachbehandlung der Kranken großen Ruf erworben und war ein

paar Jahrzehnte hindurch wohl der gesuchteste Arzt am Niederrhein.

Selbst aus Holland, Belgien und Frankreich wurde seine Hilfe in

Anspruch genommen.

Als Persönlichkeit war er ein Original, ein Volksmann im besten Sinne

des Wortes, um den die geschäftige Phantasie der cölnischen armen Leute

eine Reihe von Legenden geflochten hat.

Der vierte Bruder ~August~ erhielt auch eine gute Schulbildung. Nachdem

er die kaufmännische Lehre durchgemacht und bei dem Pionierbataillon

zu Cöln als Einjähriger seiner Dienstpflicht genügt hatte, trat er

ebenfalls in das Geschäft zu Flamersheim ein.

Ungefähr um dieselbe Zeit heiratete die Zwillingsschwester ~Elisabeth~

einen Herrn ~Dilthey~ aus Rheydt. Ursprünglich gewillt, Theologe zu

werden, war dieser durch den frühzeitigen Tod seines Vaters genötigt

worden, mit seinem Bruder ~Wilhelm~ das väterliche Geschäft, Seiden-

und Sammet-Fabrikation, zu übernehmen, und aus dieser Ehe stammt die

zahlreiche Familie ~Dilthey~ in Rheydt und Umgegend. Von seinen sechs

Söhnen und drei Töchtern sind nur der Jurist ~Richard Dilthey~ und eine

Schwester unverheiratet geblieben. Alle übrigen erfreuten sich einer

zahlreichen Nachkommenschaft, und als meine Tante im hohen Alter von 87

Jahren starb, waren etwa 40 Enkel vorhanden. Die alte Frau bildete bis

zum Ende den Mittelpunkt der Familie und erfreute sich infolge ihrer

Klugheit, Tatkraft und Güte allgemeiner Verehrung.

Das Geschäft in Flamersheim war durch die gemeinsame Arbeit der Brüder

in Blüte gekommen. Mein Vater sorgte durch vielfache Reisen für

Vergrößerung des Absatzes und durch die Aufnahme neuer Artikel für

Erweiterung des Betriebes. So erzählte er öfters mit Befriedigung,

daß er nur wenige Jahre nach Erfindung der Schnellessigfabrikation

einen Betrieb dieser Art in Flamersheim angelegt und damit viel Geld

verdient habe. Auch eine kleine Mälzerei wußte er schon damals dem

Geschäft anzugliedern. Aber gerade durch diese Erweiterungen und durch

die Erfahrungen auf seinen Reisen kam er auch zu der Überzeugung, daß

Flamersheim nicht der richtige Ort für ein Großgeschäft sei, und er hat

wiederholt den Plan erwogen, dieses nach Cöln zu verlegen. Seine Brüder

waren aber durchaus dagegen, aus Abneigung gegen die Großstadt und das

vergrößerte Risiko. Dagegen setzte er durch, daß das Hauptgeschäft nach

Euskirchen, welches gerade zu der Zeit schon gute Landstraßen nach

Cöln, Bonn und der Eifel erhalten hatte, verlegt wurde. So entstand,

allerdings erst allmählich, der Gebäudekomplex, den ich früher

geschildert habe.

Die beiden Haupthäuser wurden, wenn ich nicht irre, im Jahre 1835/36

errichtet. Von der Zeit an ist Euskirchen der Hauptsitz der Firma

»~Gebrüder Fischer~« gewesen. Nur der Onkel ~Friedrich Arnold~ blieb

in Flamersheim, aber die alte Kompagnie hat noch etwa 30 Jahre

fortgedauert und sich auch auf andere Geschäfte, z. B. den Ankauf eines

schönen Waldes bei Flamersheim, erstreckt.

Mein Vater und seine Brüder ergänzten sich auf das glücklichste. Er

liebte nicht die Kleinarbeit im Kontor und den Lagerräumen, die aber

von den beiden anderen Geschäftsinhabern mit allergrößter Sorgfalt und

Sachkenntnis besorgt wurde.

Andererseits ging er gerne auf Reisen, wobei er nicht allein verkaufte,

sondern auch in früheren Jahren Geld einkassierte und Gelegenheiten

nach neuen Geschäften aufspürte. Er nannte sich deshalb scherzhaft den

Minister des Äußern.

Zu seinen Aufgaben gehörte natürlich die Vertretung der Firma bei

Gerichten, Verwaltungsbehörden, bei öffentlichen Verkäufen usw.

Seiner Initiative war es auch in der Regel zuzuschreiben, wenn neue

Unternehmungen begonnen wurden, unter denen an Bedeutung der schon

erwähnte Waldankauf hervorragte.

Die Gemeinde Flamersheim besaß in dem benachbarten Vorgebirge der Eifel

einen schönen, meist aus Eichen und Buchen bestehenden Hochwald, aus

dem sie bei dem damaligen Betriebe nur geringe Einkünfte bezog. Die

Mitglieder der Gemeinde hatten sogen. Gerechtsame, die ihnen Anrecht

auf den Bezug von Bau- und Brennholz gaben, das damals nur wenig Wert

hatte. Infolgedessen ging der allgemeine Wunsch auf eine Teilung des

Gemeindewaldes hinaus, konnte aber erst wegen des Widerstandes der

königl. Regierung im Jahre 1848/49 durchgesetzt werden. Der Wald wurde

dann öffentlich versteigert und der Erlös in bar an die einzelnen

Gerechtsamen verteilt.

Von diesem Walde kaufte mein Vater für die Firma ein ansehnliches

Stück, etwa 750 Hektar.

Da einige Jahre später infolge des Baues von Eisenbahnen der Preis des

Eichenholzes außerordentlich stieg, so wurde der Wald bald abgeholzt,

die schönen Eichenstämme meist zu Eisenbahnschwellen verarbeitet und

auf dem Boden Eichenschälwald zur Gewinnung von Lohe gezogen. Durch

die Anstellung eines Försters sorgte mein Vater rechtzeitig für

forstmäßigen Betrieb des schönen Besitzes.

An diesem Walde haben auch wir jüngeren Mitglieder der Familie viel

Freude gehabt. Er war reich an Wild, namentlich an Rehen, Sauen und

Waldschnepfen. Zur Bequemlichkeit wurde darin ein kleines Jägerhaus

auf dem schön gelegenen Heidberg mit prächtigem Blick in die Eifelberge

errichtet. Wir haben dorthin manchen Ausflug, meist zu Jagdzwecken,

unternommen, konnten auch über Nacht bleiben. Ein gut ausgestatteter

Weinkeller sorgte für fröhlichen Trunk, und unser Förster war ein

vortrefflicher Koch, der die meist von Euskirchen mitgebrachten

Fleischspeisen zusammen mit Bratkartoffeln, Butterbrot und Kaffee

zu einem köstlichen Mahle zu vereinigen wußte. Den Höhepunkt des

Jagdbetriebes bildeten die Treibjagden, die im November und Dezember

stattfanden, zu denen mein Vater zahlreiche Einladungen ergehen

ließ, und die mit einem höchst lustigen Mahl in einem Gasthause zu

Flamersheim zu schließen pflegten.

Nach mehr als 50jährigem Besitz hat mein Vater den Wald mit gutem

Nutzen wieder verkauft, und zwar an die Familie ~Haniel~, weil niemand

von unserer Familie sich um den Besitz mehr kümmern konnte.

Ein anderes Unternehmen, das für die Wahl meines Berufes mitbestimmend

geworden ist, war der Erwerb einer kleinen Wollspinnerei, die in

Wisskirchen, einem etwa 4 km von Euskirchen entfernten Dorfe, lag.

Meinem Vater, der von dieser Industrie nichts verstand, gelang es,

in Aachen einen ausgezeichneten Spinnmeister, Herrn ~Allmacher~, zu

gewinnen, und da die Firma auch keine Mittel scheute, um die Fabrik

mit den besten Maschinen auszustatten, und anstelle der Wasserkraft

Dampfbetrieb einzuführen, so gehörten die Erzeugnisse der Firma an

Garn bald zu den besten des Bezirks. Ihr Verbrauch blieb nicht auf die

Tuchindustrie in Euskirchen beschränkt, sondern die Garne gingen auch

nach dem Bezirk München-Gladbach-Rheydt, wo sie zu halbwollenen Waren

verarbeitet wurden.

Den Einkauf der Rohmaterialien, vor allen Dingen der Wolle besorgte

natürlich mein Vater, ursprünglich bei den Schafzüchtern der Umgegend

und besonders der Eifel. Ich habe in jungen Jahren solche Wollfahrten

hier und da mitgemacht. In den armen Dörfern der Eifel wurde das

Geschäft zuerst mit dem Pastor abgeschlossen. Sobald das geschehen war,

kamen die Bauern von selbst mit ihrer Ware. Diese wurde sofort taxiert,

abgewogen, in bar bezahlt und auf den mitgenommenen Wagen geladen. Aber

bald reichten die heimischen Quellen für die vergrößerte Fabrik nicht

mehr aus, auch waren sie für feinere Tuche zu grob. Damals begann der

Import der überseeischen Wolle, besonders aus der Kapkolonie und aus

Brasilien. Deutsche Händler besorgten dieses Geschäft, natürlich mit

einem entsprechenden Preisaufschlag. Der Markt für diese Wolle war

London, wo sie auf grossen Auktionen verkauft wurde.

Sobald dies meinem Vater bekannt geworden war, reiste er nach London,

wo er mit Hilfe eines Agenten seinen Wollbedarf deckte. Er gehörte

mit zu den ersten Fabrikanten in Euskirchen, die den direkten Bezug

des Rohmaterials ausnutzten. Für eine weitere Verbilligung der Garne

war die Anlage einer Färberei erforderlich. Auch das hat mein Vater in

die Hand genommen, ist dabei aber auf recht erhebliche Schwierigkeiten

gestoßen.

Die Teerfarben kannte man damals noch wenig und das Färben mit den

natürlichen Farbstoffen wie Indigo, Krapp, Gelbholz, Blauholz war rein

empirisch. Es gab zwar einige recht dürftige Bücher der praktischen

Färberei und man konnte auch Rezepte von den Färbern kaufen, aber

in der Praxis pflegte das alles zu versagen, und die Leitung einer

Indigoküpe galt geradezu als eine schwierige Kunst, die nur durch

langjährige Übung erworben werden konnte.

Es war darum begreiflich, daß in der neu angelegten Färberei zu

Wisskirchen, von der unser sonst so trefflicher Spinnmeister nichts

verstand, viele Mißerfolge eintraten und nicht allein zu Verlusten,

sondern auch zu ärgerlichen Verhandlungen mit den Kunden führten.

Mein Vater, der von jeher die Selbsthilfe hoch eingeschätzt hatte,

fing deshalb eine kleine Versuchsfärberei in Euskirchen an, wo er die

von verschiedenen Färbern gekauften Rezepte eigenhändig prüfte und es

dabei an Variationen besonders im Beizen nicht fehlen ließ. Aber er

spürte doch bei diesen Versuchen bald, wie hinderlich ihm der Mangel

an chemischen Kenntnissen war, und er pflegte öfters zu sagen, wenn

einer von uns Jungen Chemie studierte, so würden alle Schwierigkeiten

spielend überwunden werden. Seine Achtung vor der Chemie steigerte sich

noch, je mehr er mit der aufblühenden rheinischen Industrie, besonders

der Fabrikation von Eisen und Zement in Berührung kam. Ich erwähne das

ausdrücklich, da es die Wahl des Berufes sowohl bei mir, wie bei meinem

Vetter ~Otto~ beeinflußt hat.

Die bisher besprochenen Geschäfte wurden alle mit den Mitteln und

zugunsten der Firma »~Gebrüder Fischer~« geführt. Als aber die

Unternehmungslust meines Vaters mit dem wachsenden Wohlstande sich

steigerte, während die konservativer gestimmten beiden Onkel mit

zunehmendem Alter jedes größere Risiko vermeiden wollten, blieb er

zwar Mitglied der Firma, beteiligte sich aber an anderen Geschäften

auf eigene Rechnung. So hat er zusammen mit Cölner Kaufleuten größere

Landgüter, die wegen nachlässiger Wirtschaft der in Konkurs geratenen

Besitzer öffentlich versteigert wurden, angekauft und in kleinen Teilen

an die umliegenden Bauern wieder verkauft.

Die Zeit war damals für die Landwirtschaft am Rhein recht günstig, und

die meisten Ankäufer konnten aus dem Verdienst in 9jährigen Terminen

die Ankaufsumme für den neuerworbenen Acker bezahlen. Das geschah fast

durchweg in barem Silbergeld, welches die Bauern persönlich brachten

und das ganze Geschäft vollzog sich nicht in dem Kontor der Firma,

sondern in unserm Wohnhause. Da mein Vater vielfach verreist war, so

wurde es von meiner Mutter besorgt mit einer Pünktlichkeit in der

Buchführung, die jedem Kontoristen Ehre gemacht haben würde.

In der Abschätzung von Grundstücken sowie im An- und Verkauf hatte

mein Vater solche Übung erlangt, daß man mit vollem Vertrauen seinem

Urteil glauben konnte. Er erkannte auch rechtzeitig die allgemeine

wirtschaftliche Gefahr, die im Rheinland in den 70er Jahren der

Landwirtschaft durch den Wettbewerb des überseeischen Getreides

erwuchs. Er pflegte mit aufrichtigem Bedauern für die Bauern häufig zu

sagen: »Mit der Landwirtschaft ist nichts mehr zu verdienen«, und er

hielt schon damals einen staatlichen Schutz in Form von Getreidezöllen

für nötig.

Seine Geschäftsinteressen wandten sich deshalb immer mehr der Industrie

zu. An kleinen Unternehmungen in der Eifel, die auf die Gewinnung

von Eisenerzen gerichtet waren, erlebte er wenig Freude. Dasselbe

galt bezüglich des finanziellen Ergebnisses für eine Beteiligung an

einer Zementfabrik in Obercassel bei Bonn. Sie war gegründet von Dr.

~Bleibtreu~, einem ehemaligen Schüler von ~A. W. Hofmann~ in London.

Er hatte in England die Herstellung von Portlandzement kennen gelernt

und die erste derartige Fabrik in Deutschland bei Stettin ins Leben

gerufen. Eine zweite Gründung war das Werk in Obercassel. Es würde

wahrscheinlich ebenso wie die Stettiner Anlage guten Gewinn gebracht

haben, wenn es nicht mit anderen unrentablen Unternehmungen verknüpft

worden wäre. Damals war die Rente der Aktiengesellschaft »Bonner

Bergwerks- und Hüttenverein« recht bescheiden, aber mein Vater hat

selten eine Aufsichtsratssitzung in Bonn versäumt, da er dort immer mit

einer Reihe guter Freunde aus Köln und Düsseldorf zusammentraf und man

den oft ärgerlichen Geschäftssitzungen ein fröhliches Mahl im Gasthof

Stern folgen ließ. Ich durfte daran zu meiner großen Freude öfters

teilnehmen, als ich das Gymnasium in Bonn besuchte, und der Chemiker

Dr. ~Bleibtreu~, der nicht allein Zement machen konnte, sondern auch

ein Meister im Ansetzen von Pfirsichbowlen war, hat mir bei solchen

Gelegenheiten immer zugeredet, Chemiker zu werden.

Die markantesten Persönlichkeiten in diesem Aufsichtsrat waren

der Freund meines Vaters, ~Albert Poensgen~, Großindustrieller in

Düsseldorf, und ein Herr ~Muehlens~ aus Cöln, Fabrikant von Eau de

Cologne, ein hervorragender Spaßmacher.

An der Tafel, wo der Aufsichtsrat in Gesellschaft von zwei meiner

Schwestern eines Tages Platz genommen hatte, speiste auch das

studentische Corps Borussia, dem damals die beiden Söhne Bismarcks

angehörten. Die Herren schienen keinen großen Hunger zu haben; denn

sie begannen das Mahl mit Sekttrinken und zündeten dazu Zigarren an.

Das war den alten rheinischen Herren denn doch zu burschikos, und mit

weitschallender Stimme gab Herr ~Muehlens~ dem Oberkellner den Auftrag,

er sollte den jungen Herren sagen, es sei hierzulande nicht Sitte,

in Gesellschaft von Damen das Mahl mit Tabakrauchen zu beginnen. Der

Kellner entledigte sich seines Auftrages. Das ganze Corps erhob sich

sofort und schritt, dicke Tabakwolken verbreitend, aus dem Saal heraus.

Herr ~Muehlens~ sah ihnen belustigt zu und begleitete den Durchzug mit

den Worten »Sehr gut gemacht«. Auch mein Vater war geneigt, solche

Verstöße gegen gute Sitten vor aller Öffentlichkeit zu rügen.

Ende der 60er Jahre hatte sich mein Vater mit einer erheblichen Summe

an einem Geschäft beteiligt, das ihm zwar viel Sorge und Ärger, aber

auch später sehr viel Freude bereitet hat. Es war die Gründung einer

Brauerei in Dortmund. Die Anregung dazu ging aus von einem Ingenieur

~Heinrich Herbertz~, der in Dortmund eine große Kokerei besaß und aus

dem Aufblühen der anderen dortigen Brauereien den Schluß zog, daß hier

noch ein gutes Geschäft zu machen sei. Er war verwandt und befreundet

mit meinem Schwager ~Mauritz~ und dessen Bruder ~Heinrich~.

Nachdem mein Vater die nötigen Erkundigungen eingezogen hatte, ging

er auf den Vorschlag ein, und so entstand die Brauerei ~Herbertz~ &

Co., an der mein Vater ursprünglich der meist beteiligte war. Sie war

von Anfang an ein gutes Geschäft, denn das dort erzeugte Bier erfreute

sich bald des besten Rufes und der Absatz stieg mit dem steigenden

Wohlstand, besonders nach dem deutsch-französischen Krieg.

Leider wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandelt

und hat dann infolge schlechter Leitung böse Zeiten durchgemacht.

Seine Sanierung wurde nötig und mit dem völligen Wechsel der leitenden

Persönlichkeiten trat auch bald wieder ein ordnungsmäßiger Betrieb und

allmählich eine Rentabilität ein.

Die Aktien sind noch jetzt zum größeren Teil im Besitz der Familien

~Fischer~ und ~Mauritz~, und das Unternehmen hat seit etwa 40 Jahren

recht gute geschäftliche Erfolge gehabt.

Mein Vater war mehrere Jahrzehnte Vorsitzender des Aufsichtsrats. Er

hat auch lange Zeit den Einkauf von Hopfen für die Brauerei besorgt,

und zur Zeit meines Aufenthalts in Erlangen bin ich mehrmals mit ihm

auf dem Hopfenmarkt in Nürnberg gewesen. Mit großer Sicherheit wußte

er aus rein empirischen Proben, wie Farbe, Geruch, Gefühl die sehr

verschiedene Qualität des Hopfens abzuschätzen und jede Übervorteilung

von seiten der Händler zu vermeiden.

Auch sonst war er für das Wohl der Brauerei in hohem Maße interessiert

und tätig, besonders was den technischen Betrieb anging. Er pflegte

immer zu sagen, »Vor allem muß das Erzeugnis gut sein«, und schon bei

der Legung des Grundsteins hat er seine Wünsche für die Zukunft in

einen hübschen Vers gekleidet, »Brau gutes Bier, das rat ich Dir«.

Durch seine Vermittlung habe auch ich einige Gelegenheit gehabt, der

Brauerei kleine Dienste zu leisten.

In den ersten Jahren meines Aufenthaltes zu München hatte ich zufällig

von neuen Eismaschinen des Professor ~Linde~ und ihrer Verwendung

in der Brauerei von ~Sedlmeier~ gehört. Ich erzählte dies bei einem

Ferienbesuch meinem Vater, und er beauftragte mich sofort, genauere

Erkundigungen einzuziehen. Diese fielen sehr günstig aus und wurden

bestätigt durch die Firma ~Meister, Lucius & Brüning~ zu Höchst a.

Main, welche die ~Linde~sche Maschine in dem Betrieb für Azofarbstoffe

verwendete. Die Folge davon war, daß die Dortmunder Brauerei sofort

mit der von ~Linde~ gegründeten Gesellschaft in Verbindung trat und

meines Wissens als erste norddeutsche Brauerei in den Besitz einer

~Linde~schen Maschine und später auch einer damit betriebenen sehr

zweckmäßigen Kellerkühlung gelangte.

Wohl nicht minder wichtig war eine Belehrung, die ich dem Braumeister

in bezug auf den Gärprozeß geben konnte.

Während des Wintersemesters 1876/77 hielt ich mich wieder in Straßburg

auf und lernte dort durch Dr. ~Albert Fitz~ das Buch von Pasteur

»Études sur la bière« kennen, das kurz vorher erschienen war. Der

geniale Forscher hatte darin seine Erfahrungen über die Verunreinigung

der Bierhefe durch andere Mikroorganismen und deren schädlichen Einfluß

auf die Beschaffenheit des Bieres niedergelegt. Als ich davon meinem

Vater berichtete, bat er mich dringend, die Materie gründlich zu

studieren, und da diese mich auch wissenschaftlich interessierte, so

erklärte ich mich gerne dazu bereit. Ein feines Mikroskop wurde sofort

angeschafft und mit Hilfe von Dr. ~Fitz~ und dem Botaniker Prof. ~de

Bary~ habe ich dann in Straßburg Studien über Schimmel-, Sproß- und

Spaltpilze angestellt, die mir später bei den Zuckerarbeiten sehr

zustatten gekommen sind. Zunächst mußte ich aber die neuen Kenntnisse

praktisch verwerten. Darum bin ich mit meinem Mikroskop für einige

Wochen nach Dortmund gezogen, um den Beamten der Brauerei die neuen

Errungenschaften klar zu machen. Wahrscheinlich war ich der erste

Chemiker in Deutschland, der diesen Versuch unternahm, und ich muß

gestehen, daß ich bei den Männern der Praxis auf großes Mißtrauen

stieß. Man bemühte sich auf alle mögliche Weise, mich irre zu führen,

besonders mit falschen Angaben über den Ursprung und die Beschaffenheit

der zu prüfenden Hefesorten.

Als ich aber mit Hilfe des Mikroskops ohne Mühe die verdorbenen

Hefesorten herausfand, wurde man ernster. Es ist mir zwar nicht

gelungen, einen der Männer zum richtigen Gebrauch des Mikroskops

heranzubilden und dadurch eine dauernde Kontrolle der Hefe

einzurichten. Aber meine Belehrung über die Art, wie gute Hefe und

damit auch das Bier verdorben werden kann, fiel doch auf guten Boden.

Z. B. befanden sich direkt neben dem Kühlschiff, wo die fertige Würze

an offener Luft abgekühlt wurde, der Pferdestall und ein stattlicher

Dunghaufen. Auf meine Vorstellung hin ist hier bald Wandel geschaffen

worden. Auch die von mir als besonders wichtig gepredigte Sauberhaltung

aller Gefäße, mit denen die kalte Würze und das Bier in Berührung

kommen, hat dem verständigen Braumeister gefallen, weil sie mit seinen

Erfahrungen in der Praxis wohl übereinstimmte.

Etwa 30 Jahre später bin ich bei einer Jubelfeier des Instituts für

Gärungsgewerbe in Berlin zu dessen Ehrenmitglied ernannt worden,

und der Leiter des Instituts, Professor ~Max Delbrück~, hat bei

dieser Gelegenheit die Wahl nicht allein durch meine chemischen

Arbeiten motiviert, sondern auch scherzhaft auf meine Bemühungen in

der Dortmunder Brauerei und das dadurch bekundete Interesse für das

praktische Braugewerbe hingewiesen.

Was ich damals als ~Pasteur~'sche Lehre zu verbreiten suchte, war

inzwischen durch die Studien von Professor ~Ch. Hansen~ in Kopenhagen,

der auch dem Jubelfeste beiwohnte und zum Ehrenmitglied des Instituts

ernannt wurde, außerordentlich vervollkommnet worden und hatte für das

Braugewerbe eine grundlegende Bedeutung erlangt.

Wie schon erwähnt, gehörte mein Vater zum Aufsichtsrat der

Aktienbrauerei und hat viele Jahre das Amt des Vorsitzenden geführt.

Auch andere Aktiengesellschaften, z. B. der Bonner Bergwerks- und

Hüttenverein, das Röhren- und Eisenwalzwerk Poensgen in Düsseldorf,

eine Glashütte in Stolberg, eine Röhrenkesselschmiede zu Kalk a. Rh.

und die Versicherungsgesellschaft Concordia in Cöln wählten ihn in den

Aufsichtsrat. Und wenn er wegen zunehmender Schwerhörigkeit irgendwo

seinen Austritt erklären wollte, so pflegte man den verständigen und

stets heiteren, originellen alten Herrn zur Beibehaltung des Amtes

aufzufordern.

So kam es, daß er nach Überschreitung des 90ten Lebensjahres sich

scherzhaft rühmen konnte, das älteste Aufsichtsratsmitglied in Preußen

zu sein.

Wie die vorangehende Schilderung seiner geschäftlichen Unternehmungen

zeigt, war mein Vater ein vielseitiger, kluger Kaufmann, der die

Möglichkeiten des gewerblichen Lebens richtig abschätzte und selten ein

schlechtes Geschäft begonnen hat.

Den Mangel der Schulbildung hat er später durch die Erfahrungen der

Praxis auszugleichen gewußt. Er war kein rascher Denker, aber wenn

er eine Angelegenheit, die seinem Ideenkreis nicht zu fern lag,

durchstudiert hatte, so konnte man sicher sein, daß er sie völlig

erfaßt und auch in den Konsequenzen durchschaut hatte.

Ich habe es mit erlebt, daß er Notaren Verträge oder

Verkaufsbedingungen für öffentliche Auktionen diktierte, weil ihre

eigenen Entwürfe nicht klar genug waren. Das letzte Beispiel dieser Art

bot sein autographisches Testament, das durch dieselbe Klarheit der

Form und der Gedanken ausgezeichnet war, wie alle seine Schriftstücke.

Kurz vor seinem Tode war es auf seinen Wunsch durch einen Berliner

Notar in ein amtliches Dokument umgewandelt worden. Als ich dann

für die Erbteilung dieses Schriftstück meinen Schwägern vorlegte,

erklärten sie einstimmig, »das hat Großpapa nicht verfaßt; denn so

unklar hat er sich niemals ausgedrückt«. Die Verwirrung war durch die

Bearbeitung des Notars und seine juristischen Redewendungen entstanden.

Glücklicherweise konnte ich durch Vorlage des autographischen

Testaments alle Zweifel über den Sinn des notariellen Schriftstückes

beseitigen.

Mit der Klarheit des Geistes war bei ihm eine ungewöhnliche körperliche

Rüstigkeit verbunden, die schon dem scharfen Auge seiner Mutter nicht

entgangen war; denn wie er selbst gerne erzählte, hatte diese in einem

Brief an ihre Schwester ~Conrads~ über den kleinen Lor berichtet: »Er

scheint etwas dumm zu sein, aber es ist ein wahres Vergnügen, seinen

kräftigen Körper anzuschauen«. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß

er allen körperlichen Künsten zugetan war. Reiten, Tanzen, Turnen,

Schießen waren ihm wohl vertraut und die Jagd hat er bis ins höchste

Alter getrieben. Hand und Auge waren so leistungsfähig geblieben, daß

er mir noch mit 93 Jahren einen selbstgeschossenen Hasen schicken

konnte. Dazu kam eine große Heiterkeit des Gemütes, die auch durch

herbe Verluste nur vorübergehend gestört werden konnte. Alltäglich

Bewegung in frischer Luft und abends 1 bis 2 Stunden Geselligkeit im

Gasthause oder Casino bei einem Glase Wein und einer Cigarre oder

einer Pfeife Tabak waren ihm Bedürfnis. Und wenn er dann nach Hause

kam, so war seine Fröhlichkeit geradezu ansteckend für den ganzen

Familienkreis. Das Gelächter in unserem Hause war häufig so laut und

anhaltend, daß Passanten auf der Straße erstaunt Halt machten.

Selbstverständlich übte er mit besonderer Freude eine freie

Gastfreundschaft, und meine Mutter hatte manchmal Mühe, die plötzlich

in großer Zahl herbeigeführten Gäste zu versorgen. Besonders hoch

und lustig ging es her an Familienfesten, z. B. bei den Hochzeiten

meiner Schwestern. Es sind ihrer nicht weniger als 7 in unserem Hause

gefeiert worden, sechs bei meinen Schwestern, von denen eine zum

zweiten Mal heiratete. Und als das einzige Töchterlein meines Onkels

im Nachbarhause in die gleiche Lage kam, wurde nach alter Gewohnheit

das Fest auch von meinem Vater in unserem Hause veranstaltet; nur mußte

der Onkel, wie billig, die Kosten tragen. Bei solcher Gelegenheit ließ

mein Vater alle Quellen seiner Fröhlichkeit springen. Obschon er keine

besondere Rednergabe besaß, so erweckten doch seine Tischreden, die

manchmal mit kleinen lustigen Versen geschmückt waren, stets großen

Jubel.

Sein rheinischer Humor und seine Freude an Späßen führten ihn auch

ziemlich regelmäßig zur Karnevalsfeier nach Cöln. In hohem Alter hat er

einmal zu solcher Gelegenheit eine große Gesellschaft von Verwandten

und Freunden in ein Gasthaus zu Cöln eingeladen. Niemand wußte, zu

welchem Zwecke, bis der Gastgeber in seiner Tischrede das Rätsel löste.

»Alle Welt feiert jetzt Jubiläen«, so begann er, »Drum habe auch ich

geglaubt, eine solche Feier veranstalten zu müssen; denn heute ist es

das fünfzigste Mal, daß ich an dem Cölner Karneval teilnehme«. Man kann

sich denken, welche Stimmung bei diesem Feste geherrscht hat.

Noch charakteristischer und für Nichtrheinländer schwer verständlich

war ein karnevalistischer Einfall, den er bald nach dem Tode seines von

ihm sehr verehrten Bruders ~Otto~, des Arztes in Köln verwirklichte.

Obschon er damals fast 80 Jahre alt war, glaubte er doch dem Fasching

nicht ganz entsagen zu dürfen. Er ging deshalb auf den Maskenball, aber

zum Zeichen der Trauer in der Maske eines Mohren. Diese beschränkte

sich allerdings auf die Schwärzung des Gesichts, die mit einem

angebrannten Korken hergestellt war.

Unvermeidliche Dinge, wie den Tod seiner vier Geschwister, mit denen

er in treuester und stets hilfsbereiter Freundschaft gelebt hatte, und

die alle erst im hohen Alter starben, überwand er sehr leicht. Viel

schwerer hat ihn der Tod meiner Mutter getroffen, mit der er 46 Jahre

in glücklicher Ehe verbunden war und die er 20 Jahre überlebte. Nach

ihrem Tode hat er noch 10 Jahre in Euskirchen verbracht, dann wurde

er plötzlich auf eine eigentümliche Art veranlaßt, nach 57-jährigem

Aufenthalt diesen Wohnsitz aufzugeben.

Im Jahre 1892 war für die preußische Einkommensteuer die obligatorische

Selbstangabe des Einkommens eingeführt worden. Im Kreise Euskirchen

stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß mein Vater das höchste

Einkommen im Kreise besaß, was man nach seiner einfachen Lebensweise

nicht erwartet hatte.

Die erhöhte Einkommensteuer kam bei der in Preußen üblichen

Veranlagung auch der Gemeinde zugute und der Prozentsatz, in welchem

die Gemeindesteuer bis dahin erhoben wurde, hätte vernünftigerweise

ermäßigt werden müssen. Das hatte auch mein Vater angeregt; aber

statt dessen wurde nur die Gewerbesteuer herabgesetzt. Als mein Vater

das als ungerecht bezeichnete und die Möglichkeit andeutete, daß

vermögende Leute, die kein Gewerbe mehr betrieben, bei der nunmehr

recht hohen Gemeindesteuer die Stadt verlassen könnten, entgegnete man

ihm spöttisch: Ein Mann wie er, der im Alter von 84 Jahren stehe, würde

sich nicht mehr zu einem Wechsel des Wohnsitzes entschließen können.

Dieser Appell an seine Altersschwäche ärgerte ihn, und um den Leuten

das Gegenteil zu beweisen, entschloß er sich sofort, Euskirchen zu

verlassen. Ohne einem seiner Kinder ein Wort davon zu sagen, löste er

den Haushalt auf und verließ die Stadt und Preußen und zog im Sommer

1892 nach Straßburg i. Els. Kurz vorher machte er bei mir noch einen

Besuch in Würzburg, wovon später die Rede sein wird. Es war aber damals

schon zu spät, seinen Entschluß zu ändern.

Der endgültige Umzug ist in den einfachsten Formen erfolgt. Ein

Verwandter traf den alten Herrn zu Cöln am Bahnhof, im primitivsten

Anzug, die Jagdflinte auf dem Rücken, den Hund an der Strippe und

in der anderen Hand einen bescheidenen Handkoffer. Auf die Frage:

»Nun, Herr ~Fischer~, wo geht's hin?« erfolgte die knappe Antwort:

»Domizilveränderung nach Straßburg«. Hier wohnte er zuerst im Gasthaus

und später bei meinem Vetter ~Ernst Fischer~, dem außerordentlichen

Professor der Chirurgie, der in seinem geräumigen alten Hause in der

Küfergasse eine Privatklinik eingerichtet hatte und dessen Frau aus

einer elsässischen Bauernfamilie einen einfachen aber guten Haushalt

führte.

Mein Vater hat hier rasch einen ihm zusagenden Bekanntenkreis gefunden,

besonders unter den Jägern. Nach wenigen Monaten war er an einer Jagd

beteiligt und hatte, wie er lachend erzählte, auch schon einen Prozeß,

den er richtig gewann. In späteren Zeiten hatte er Fühlung mit den

Offizieren der Garnison und wurde zu deren Treibjagden eingeladen.

Wegen seines hohen Alters erhielt er dann den Ehrenplatz neben dem

Höchstkommandierenden, und es machte ihm großen Spaß, diesem die Hasen

fortzuschießen, was die jüngeren Offiziere sich nicht erlauben durften.

Den Verkehr mit Offizieren war er übrigens gewohnt, da in der Umgebung

von Euskirchen sehr oft im Herbst militärische Übungen stattfanden.

Zweimal wurde sogar das Kaisermanöver dort abgehalten und dann waren

immer hohe Offiziere in unserem Hause einquartiert. Auch an Hirsch- und

Saujagden in den Vogesen hat er sich beteiligt.

Häufige Reisen führten ihn von Straßburg nach dem Niederrhein und auch

nach Berlin, um geschäftliche Dinge, besonders die Teilnahme an den

Aufsichtsratssitzungen zu erledigen.

Als er 90 Jahre alt wurde, entschloß er sich zur Rückkehr nach Preußen.

Aber bezüglich der Steuern hatte er sich inzwischen feste Grundsätze

zurechtgelegt, die nicht ganz leicht zu verwirklichen waren. Die

Staatssteuer, so hörte man ihn öfters sagen, wolle er gerne bezahlen,

weil der Schutz des Staates für jedermann unentbehrlich sei. Dagegen

die Gemeinde habe er nicht mehr nötig und er sehe nicht ein, daß er

für diese viel bezahlen solle. Er wolle deshalb den Wohnsitz in einer

Gemeinde wählen, die durch niedere Steuern ausgezeichnet sei. So kam er

zuerst im Sommer 1898 zu mir nach Wannsee bei Berlin, wo damals nur 40%

Zuschlag zur Staatssteuer erhoben wurden. Als er aber aus der ersten

Steuerrechnung ersah, daß noch 30% Kreissteuer dazukamen, meldete er

sofort seinen Wegzug an.

Die nächste Wahl fiel auf einen kleinen Ort im Harz, wo sein ältester

Enkel ~Heinrich Mauritz~ als königl. Bergbeamter tätig war.

Der Zuzug des wohlhabenden Mitbürgers erschien nun den anderen

Gemeindeangehörigen als eine günstige Gelegenheit, alle möglichen

neuen Bedürfnisse der Gemeinde zu befriedigen, und die Steuern

gingen im folgenden Jahre erstaunlich in die Höhe. Sofort war der

alte Herr wieder verschwunden und jetzt fand er einen Wohnsitz in

Griethausen, einem Dorfe in der Nähe von Cleve, wo man auf die

Ausbeutung des Zugvogels verzichtete. Er mietete sich ein Zimmer bei

dem Gemeindediener und behielt das Domizil bis zu seinem Tode, obschon

er kaum 24 Stunden sich dort aufgehalten hatte.

Statt dessen wohnte er abwechselnd bei seinen Kindern oder

Schwiegersöhnen oder Enkeln in Rheydt, Uerdingen, Berlin oder Herdt

bezw. Dortmund, durfte aber nirgends länger bleiben als 89 Tage, weil

er sonst nach dem Gesetz zur Zahlung von Gemeindesteuern verpflichtet

gewesen wäre. Den übrigen Teil des Jahres, namentlich die Sommermonate

verbrachte er auf Reisen und machte dabei noch alle möglichen

Bekanntschaften. So schrieb er mir eines Tages, daß er in einem

Gasthaus zu Heidelberg ~Robert Bunsen~ zufällig getroffen und sich ihm

als Vater eines Chemikers vorgestellt habe. Dieser sei zwar jünger,

aber noch schwerhöriger wie er selbst. Trotzdem habe sich ein langes

und interessantes Gespräch zwischen ihnen entwickelt.

Im Winter 1900/01 hat er zum letzten Mal an der Jagd teilgenommen, weil

das früher so gute Auge versagte. Das kam von einer leichten Trübung

der Linse, während der Sehnerv noch ganz intakt geblieben war. Im

übrigen erfreute er sich im Frühjahr 1902 noch voller Gesundheit, wenn

man von der Schwerhörigkeit absehen will. Er hat damals noch in Frack

und weißer Binde einer Abendgesellschaft in meinem Hause beigewohnt.

Als aber die üblichen 89 Tage vorüber waren, zog er mit der gewohnten

Pünktlichkeit nach Rheydt zu seinem Schwiegersohn ~Arthur Dilthey~.

Hier soll er bei häufigem Verweilen in den Gasthäusern, besonders

in jugendlicher Gesellschaft dem Bier- und Weingenuß über das Maß

der Zuträglichkeit gehuldigt haben. Dem war das alte Herz nicht mehr

gewachsen und das erste Zeichen seiner Insuffizienz gab sich kund in

der Schwellung der Beine. Die Mahnung des Arztes, seine Lebensweise

zu ändern und den Genuß alkoholischer Getränke zu vermeiden,

beantwortete er mit der Frage: »Wieviel Leute in meinem Alter haben

Sie schon behandelt?« Er blieb also bei seinen Gewohnheiten. Die

Wassersucht wurde im Laufe des Sommers schlimmer, ohne ihn aber stark

zu belästigen, und Anfangs Oktober kam er in Begleitung seines Enkels

~Alfred Dilthey~ als schwer kranker Mann zu mir nach Berlin. Ohne

besonders zu leiden ist er hier am 16. Oktober 1902, 18 Tage vor seinem

95. Geburtstage sanft verschieden.

Einen Tag vor seinem Tode hat er nochmals das Bett verlassen, und 5 bis

6 Stunden auf die Vervollständigung seines Hauptbuches, das er stets

auf Reisen mit sich führte, verwendet. Die spätere Prüfung des Buches

ergab nur einen einzigen Fehler, der an diesem letzten Tage begangen

war.

An seinem Todestage hat er in einem Gespräch mit mir die Bilanz seines

Lebens gezogen und sich sehr befriedigt darüber geäußert. Eine Stunde

vor seinem Tode trank er noch ein großes Glas Bier, offenbar mit Genuß;

denn seine letzten Worte waren: »Es ist ein Glück, daß der gemeine Mann

für billig Geld einen so guten Trank haben kann«. Er starb, wie er

gelebt hatte, als vollkommener Atheist, aber in treuer Anhänglichkeit

an Frau und Kinder, an die weitere Familie und an zahlreiche Freunde.

Politisch war er früher rheinischer Fortschrittsmann, später

nationalliberal und immer in scharfer Opposition zur ultramontanen

Partei.

Obschon ganz im kapitalistischen Zeitalter groß geworden, hatte er

doch Sinn und Verständnis für die soziale Bewegung der Neuzeit. Vom

sozialistischen Zukunftsstaat wollte er gar nichts wissen, aber von

den Bestrebungen der Arbeiter pflegte er zu sagen: »Die Leutchen haben

ganz recht, wenn sie versuchen, ihre Lage zu verbessern«. In der

großen Öffentlichkeit ist er weder als Redner noch als Schriftsteller

hervorgetreten. Dagegen hat er als langjähriger Stadtverordneter und

als Mitglied mancher Kommissionen an der Verwaltung von Gemeinde

und Kreis teilgenommen, und wenn es sich darum handelte, allgemein

wirtschaftliche Zwecke, wie den Bau von Eisenbahnen in der dortigen

Gegend zu fördern, so war er gewöhnlich Mitglied der Abordnungen,

die nach Cöln oder Berlin zur Verhandlung mit der königl. Regierung

geschickt wurden.

Trotz seiner Tatkraft in allen geschäftlichen Dingen war er von

Charakter gutmütig und huldigte dem Grundsatz: »Leben und leben

lassen«. Gegen Frau und Kinder war er nicht allein sehr gütig, sondern

auch rücksichtsvoll und überließ die strenge Seite der Erziehung ganz

der Mutter. Meine Schwestern konnten mit einigen Schmeichelworten fast

alles von ihm erreichen. Nur in ernsten Dingen, z. B. in der Wahl des

Gatten, mahnte er dauernd zur Vorsicht und Vernunft, und phantastischen

Heiratsplänen wäre er sicherlich mit großer Entschiedenheit

entgegengetreten. Er hat dann auch wirklich das Glück gehabt, mit allen

Schwiegersöhnen sehr zufrieden sein zu können.

Ich selbst erinnere mich nicht, von ihm gestraft worden zu sein.

Ja, ich habe kaum ein böses Wort von ihm gehört. Zwar hat er

öfters sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß ich kein Interesse

an kaufmännischen Dingen und dem Erwerb von materiellen Gütern

besitze, aber er ließ mich doch ruhig meinen Weg gehen und sprach

nur Anderen gegenüber mit Bedauern darüber, daß der Sohn die Kunst

des kaufmännischen Rechnens nicht besitze. Leider hat er es nicht

mehr erlebt, daß dieser unpraktische Gelehrte den Nobelpreis für

Chemie erhielt, und sich später durch einige kleine Erfindungen

Jahreseinkünfte verschaffte, wie er selbst sie niemals gehabt hat.

Wesentlich verschieden von dem Vater war trotz der sehr glücklichen

Ehe in Charakter, Anschauungen und Neigungen meine Mutter. Sie stammte

aus der zweiten Ehe des Eisenfabrikanten ~Johann Abraham Poensgen~

in Schleiden (Eifel) mit ~Wilhelmine Fomm~ und war am 19. Februar

1819 geboren. Wie ich einer recht gut geschriebenen und im Druck

erschienenen Geschichte der Familie ~Poensgen~ entnahm, haben meine

Vorfahren mütterlicherseits Jahrhunderte lang als Erzeuger von Eisen

und Eisenwaren im Schleidener Tal gewirkt und vielleicht habe ich von

ihrer Seite die Freude an chemischen und technischen Prozessen geerbt.

Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich jetzt im Alter durch die Kaiser

Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften mit der Kohlen-

und Eisenindustrie wieder in nähere Berührung gekommen und in jüngster

Zeit sogar Kuratoriumsmitglied des großartig geplanten Kaiser Wilhelm

Instituts für Eisenforschung geworden bin.

Da meine Großmutter nach dem Tode des ersten Mannes den Arzt Dr. ~Fuß~

zu Gemuend im Schleidener Tal heiratete, so hat meine Mutter dort den

größten Teil ihrer Jugend verlebt. Zur Vollendung ihrer Ausbildung kam

sie mit etwa 16 Jahren in die Erziehungsanstalt der Herrnhutergemeinde

in Neuwied a. Rhein und daher stammte wohl die tiefe religiöse

Überzeugung, der sie während ihres ganzen Lebens treu blieb.

Sie war sehr klug und wissensdurstig und von dem vielen Lesen hatte

sie schon in der Jugend eine ziemlich starke Myopie erworben, die

ich von allen ihren Kindern allein geerbt habe. Sie wäre heutzutage

wahrscheinlich eine gelehrte Frau geworden, aber das Frauenstudium war

zu ihrer Zeit noch nicht üblich. Da sie schon mit 18 Jahren heiratete

und in den nächsten 15 Jahren 8 Kinder zur Welt brachte, so war ihre

Zeit durch andere Pflichten ausgefüllt. Sie wurde eine tüchtige

Hausfrau und half meinem Vater auch in geschäftlichen Dingen. Sie wußte

sich überall in Respekt zu setzen und niemand von den Kindern oder dem

Dienstpersonal hätte es gewagt, ihre Anordnungen zu mißachten. Sie war

ernster wie mein Vater, konnte aber doch recht herzlich über seine

Späße lachen. Nur wo sie rohen oder gemeinen Äußerungen begegnete, gab

sie ihrer Entrüstung so deutlichen Ausdruck, daß jedermann in ihrer

Gegenwart gezwungen war, sich anständig zu benehmen. Bei alledem war

sie eine liebevolle Mutter, voller Fürsorge für ihre Kinder und später

auch für deren Familien.

In ihrer tiefen Religiosität ließ sie sich durch den Unglauben meines

Vaters und seinen gelegentlichen Spott über Kirche und Pfaffen nicht

irre machen.

Ebenso selbständig waren ihre politischen Anschauungen, und als eifrige

Protestantin verehrte sie Preußen als die Vormacht des evangelischen

Glaubens in Deutschland.

Als unter der Ministerpräsidentenschaft ~Otto von Bismarcks~ der böse

Konflikt zwischen der preußischen Regierung und dem Abgeordnetenhause

im Jahre 1863/64 tobte, und fast alle Rheinländer, unter ihnen auch

mein Vater, zur Oppositionspartei gehörten, war sie ganz auf Seiten

Bismarcks: »Jetzt hat Preußen wieder einen Minister, der seiner würdig

ist und ihr seid viel zu dumm, diesen Mann zu begreifen«. So sprach

sie wohl zu ihren Kindern und auch meinem Vater machte sie in ihren

politischen Urteilen so lebhafte Opposition, daß er sie scherzhaft

»Frau Bismarck« nannte.

Dabei war sie eine recht hübsche Frau, besonders ausgezeichnet durch

das üppige tiefschwarze Haar und durch die großen klugblickenden Augen.

Als einziger Sohn habe ich mich besonders ihrer Liebe und Fürsorge

erfreut. Sie hat auch stets meine Neigung zu wissenschaftlichen Studien

gefördert, nur von der Wahl der Chemie als Berufsstudium war sie

enttäuscht, weil ihr das zu sehr nach Apotheke schmeckte. Sie hätte es

viel lieber gesehen, daß ich Jurist oder Mediziner geworden wäre.

Im allgemeinen erfreute sie sich einer guten Gesundheit, und noch mit

59 Jahren reiste sie nach Meran, um meiner dort zur Kur weilenden

kranken Schwester ~Mathilde~ während des Winters Gesellschaft

zu leisten. Von München aus habe ich sie damals während der

Weihnachtsfeiertage besucht. Die Fahrt machte ich in Gesellschaft

meines Freundes Dr. ~Tappeiner~, dessen Vater in Meran der bekannteste

Arzt war.

Als wir von Bozen in einem besonderen Mietwagen abends nach Meran

fuhren, war die Kälte so groß, daß wir uns recht unbehaglich fühlten,

und bei unserer Ankunft in Meran war die Temperatur unter 12° gesunken.

Ich habe damals meine optimistische Ansicht über das warme Klima der

südlichen Alpenorte geändert und bei mancher anderen Fahrt nach dem

Süden dieses Urteil bestätigt gefunden. In Meran war der Berg hinter

der Stadt so mit Eis inkrustiert, daß man mit gewöhnlichen Schuhen

kaum auf die Höhe steigen konnte. In dem Gasthause »Erzherzog Johann«

fand ich das Wasser in der Waschschüssel am nächsten Morgen gefroren.

Für die Kranken wurde allerdings durch fortwährende Ofenheizung besser

gesorgt.

Von Meran kehrte meine Mutter Mitte Februar nach Deutschland zurück,

um ihren 60. Geburtstag zuhause zu feiern. Sie besuchte mich noch in

München und freute sich, einige meiner Freunde als ihre Gäste im Hotel

»Bayrischer Hof« kennen zu lernen.

Aber diese lange Reise bei damals noch recht ungenügender Heizung der

Eisenbahnen und selbstverständlich ohne Schlafwagen trug ihr einen

heftigen Bronchialkatarrh ein. Die dadurch erschwerte Zirkulation in

Verbindung mit den seelischen Sorgen um das Schicksal meiner Schwester

haben wahrscheinlich bei ihr eine Herzkrankheit ausgelöst, die im

Frühjahr 1879 begann und nach 3½jährigem, recht schweren Leiden

am 14. September 1882 den Tod herbeiführte. Sie starb in Uerdingen im

Hause meines Schwagers ~Mauritz~ unter der sorgfältigen Pflege meiner

Schwester ~Bertha~. Sie ist ebenso wie mein Vater beerdigt auf dem

kleinen protestantischen Friedhof zu Uerdingen in der Familiengruft

~Mauritz-Fischer~. Der Friedhof lag früher ganz hübsch auf freiem

Felde, ist aber jetzt leider infolge der raschen industriellen

Entwicklung des Ortes von hohen und unschönen Gebäuden umgeben.

Von meinen Schwestern ist schon vorher wiederholt die Rede gewesen. Die

kleine Abneigung, die der Bruder bei der Abwehr ihrer Erziehungskünste

früher manchmal empfunden hatte, war im Laufe der Zeit ins gerade

Gegenteil umgeschlagen, und ein wirklich freundschaftliches Verhältnis

hat mich dann sowohl mit meinen Schwestern, wie auch mit ihren Männern

verbunden.

Die älteste Schwester ~Laura~ habe ich als Mädchen wenig gekannt, da

sie bereits im Jahre 1858 einen jungen Kaufmann, ~Friedrich Mauritz~

aus Uerdingen a. Rhein heiratete. Infolgedessen wurde mir schon

mit 7 Jahren die Würde eines Onkels zuteil, was mir von seiten der

Altersgenossen manchen Spott eingetragen hat.

Durch diese Heirat wurde zwischen den Familien ~Fischer~ und ~Mauritz~

eine Verbindung geschaffen, die sich im Laufe der Zeit erweiterte und

vertiefte. Mein Schwager war ein prächtiger, frischer Mann, tüchtig

in seinem Geschäft, einem Kohlenhandel, und mein Vater ist zu ihm in

ein besonders herzliches Verhältnis getreten. Er liebte es, im Alter

monatelang im Hause des Schwiegersohnes zu wohnen, hatte mit ihm

mancherlei Geschäfte, z. B. die Brauerei in Dortmund begonnen, ging

gerne zusammen mit ihm auf Reisen und hat sich oft dahin geäußert, der

Fritz sei ihm so lieb wie sein eigener Sohn.

Ich selbst habe bei dem Schwager als Knabe in den Schulferien mich

öfters aufgehalten und in der mir neuen Umgebung des mächtigen Stromes,

des eigentümlichen Geschäftsbetriebes und der weit verzweigten und

kinderreichen Familie ~Mauritz~ viel Unterhaltung und Freude erlebt.

Leider starb meine Schwester ~Laura~, eine gesunde und kräftige Frau,

bald nach der Geburt des dritten Kindes ~Alfred~, der jetzt als

Direktor der Aktienbrauerei, als Stadtverordneter und auch sonst in der

Öffentlichkeit vielfach tätiger Mann in Dortmund eine sehr angesehene

Stellung hat. Sie scheint das Opfer einer Infektion gewesen zu sein,

über deren Natur ich aber keine bestimmte Auskunft erhalten konnte.

Fünf Jahre später, mitten im Kriege 1870 heiratete der Witwer meine

dritte Schwester ~Bertha~, die dem Gatten auch drei Söhne schenkte. Sie

starb leider auch früh an einer Lungenentzündung 1888. Mein Schwager

~Fritz~ ist ihr etwa 10 Jahre später im Tode gefolgt, was für meinen

Vater im hohen Alter ein besonders schmerzlicher Verlust war.

Von seinen 6 Kindern sind nur noch 2 übrig geblieben, der eben erwähnte

Brauereidirektor und aus der zweiten Ehe der Sohn ~Otto~, der in

Nürnberg als Ingenieur in einer großen Maschinenfabrik tätig ist.

Meine zweite Schwester ~Emma~ hat ebenfalls ziemlich früh geheiratet

und zwar einen Arzt Dr. ~Albert Winnertz~ in Krefeld, den sie durch

meinen Schwager ~Mauritz~ kennen lernte.

Der Doktor war ein sehr kluger und liebenswürdiger Mensch, aber

leider krank und starb schon nach 3½jähriger Ehe an Tuberkulose.

Die junge Witwe kehrte dann mit 2 Kindern, ~Hedwig~ und ~Clara~, ins

Elternhaus nach Euskirchen zurück, und blieb dort fast 10 Jahre. Das

ist der Grund, warum ich sie am besten von allen meinen Schwestern

kennen gelernt habe und ihr besonders nahe getreten bin. Sie war

hübsch, liebenswürdig und sehr gewandt, sodaß mein Vater sie immer

Salondame nannte. Sie spielte recht gut Klavier. Ich erinnere mich

manchen Abends, wo ich stundenlang ihrem Spiel zuhörte, weil sie meist

klassische Sachen auf einem guten Piano vortrug. Ich glaube, daß ihr

Spiel mich hauptsächlich bewogen hat, ebenfalls Musik zu treiben. Im

Jahre 1872 entschloß sie sich nach langem Zögern, eine zweite Ehe mit

meinem Vetter ~Carl Fischer~ einzugehen, der in treuer Geduld um sie

geworben hatte. So kam sie nach Rheydt, wo schon zwei andere Schwestern

von ihr verheiratet waren. Ich habe sie dort öfter besucht und sie

kam wiederholt nach Würzburg und Berlin. Auch sind wir in späteren

Jahren häufig zusammen gereist. Sie trieb ihre Freundschaft für den

Bruder manchmal so weit, daß ihr Gatte eifersüchtig wurde und sich

über Zurücksetzung beklagte. Sie starb im Jahre 1901 am Typhus in

Nassau, und mein Schwager ~Carl~ überlebte sie um 14 Jahre. Sie hatte

den Schmerz, drei Söhne im jugendlichen Alter zu verlieren. Die vier

Töchter, zwei ~Winnertz~ und zwei ~Fischer~, haben sämtlich geheiratet

und sind mir liebe Nichten geblieben.

Meine dritte Schwester ~Berta~ war eine recht originelle Person, im

Grunde ihres Herzens sehr gutmütig, aber als Mädchen voller Launen,

gegen die Männer häufig recht unliebenswürdig, aber sehr tüchtig.

Nachdem sie im Alter von 29 Jahren meinen Schwager ~Mauritz~ geheiratet

hatte, wurde sie in Uerdingen wegen ihrer ungewöhnlichen Kunst im

Kochen und der Erziehung von Dienstboten, sowie wegen der Originalität

ihres Wesens eine bekannte Frau. Besonders jungen Leuten, z. B.

den Söhnen aus erster Ehe und deren Freunden war sie eine richtige

Kameradin, mit denen sie Karten spielte, Wein trank und Ausflüge

machte, fast wie ein Student. Ihr leider so früher Tod ist schon

erwähnt.

Die vierte Schwester ~Fanny~ war von kräftigem Körperbau, aber wenig

schön von Gesicht. Sie zeichnete sich in der Jugend durch Vorliebe für

Turnen, Tanzen und sogar Pistolenschießen aus. Sie zog als Gattin des

Holzhändlers ~Max Friedrichs~ im Jahre 1865 nach Rheydt, und ist hier

im Jahre 1912 im Alter von 70 Jahren gestorben. Sie war klug und als

Schülerin ebenso tüchtig, wie später als Hausfrau. Wie schon erwähnt,

konnte sie mit den bei Herrn ~Vierkötter~ erworbenen mathematischen

Kenntnissen noch im Alter eine Kubikwurzel ausziehen. Auch als

Dichterin besaß sie in der Verwandtschaft einen gewissen Ruf. Hübsche

Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele, um die sie von manchen

Seiten gebeten wurde, konnte sie in unglaublich kurzer Zeit verfassen.

Von ihren Kindern leben noch zwei Söhne, ~Ernst~ und ~Max~, die das vom

Vater ererbte bedeutende Holzgeschäft weiterführen, und zwei Töchter,

~Helene~ und ~Adele~, die auswärts verheiratet sind. Vom Schwager ~Max

Friedrichs~ wird später noch ausführlich die Rede sein.

Die jüngste Schwester ~Mathilde~ war nur 4 Jahre älter wie ich und

hat mir deshalb in der frühen Jugend am nächsten gestanden. Sie war

ein liebes, sehr gutmütiges, recht hübsches Mädchen, geistig nicht

besonders begabt, aber liebenswürdig und deshalb überall gerne

gesehen. Ihr Wesen hat ihr manche Huldigung von seiten der Offiziere

eingebracht, die während der Manöver oder während des Krieges 70/71 bei

uns im Quartier lagen, aber sie zog es doch vor, beim Zivil zu bleiben

und heiratete meinen Vetter ~Arthur Dilthey~ in Rheydt. Nach der Geburt

des dritten Kindes erkrankte sie und starb im Herbst 1879 in Rheydt

nach einer vergeblichen Kur in Meran. Es war nicht allein für meinen

Schwager, dem sie zwei Söhne und eine Tochter hinterließ, sondern auch

für meine Eltern und ganz besonders für meine Mutter ein schwerer

Schlag, der sehr ungünstig auf ihren eigenen Gesundheitszustand

zurückwirkte.

Ich habe dieser lieben »~Tilla~« ein dankbares und warmes Gedenken

bewahrt. 5 Jahre später ging mein Schwager eine zweite Ehe ein mit

~Frieda Weuste~, und diese hat es verstanden, den drei Kindern eine

wirkliche zweite Mutter zu sein. Das Ehepaar ~Arthur Dilthey~ lebt

jetzt noch in voller Rüstigkeit in Bonn. Von den drei Kindern ist

leider der Jüngste ~Alfred~ als Opfer des unseligen Krieges 1915 in

Rußland gefallen. Von meinem Schwager ~Arthur~, mit dem mich dauernde

Freundschaft verbunden hat, wird später die Rede sein.

Fast ebenso nahe wie die Schwestern standen mir in früher Jugend die

Vettern und die Kusine im Nebenhause. Der Älteste, ~Heinrich Fischer~,

5 Jahre älter wie ich, der als einziger Vertreter der Familie in

Euskirchen zurückgeblieben ist, war als Junge geneigt, sich von dem

übrigen Kreise etwas abzusondern. Er ist unverheiratet geblieben und

hat mehr und mehr die Gewohnheiten eines Originals angenommen.

Er wohnt jetzt in unserem früheren Hause und betreibt mehr zu seinem

Vergnügen das alte Spinnereigeschäft, aber in beschränktem Umfange.

Von den Vettern ~Ernst~ und dem Jüngsten ~Otto Fischer~ werde ich

später noch Manches zu berichten haben.

Vetter ~Lorenz~ ist früher schon wegen seiner hervorragenden

Eigenschaften als Jäger und Krieger erwähnt worden. In der Schule war

er weniger tüchtig, und infolge unvernünftiger Lebensführung ist er

im Alter von 35 Jahren an Tuberkulose gestorben. Sein jüngerer Bruder

~Hermann~ war ebenfalls für körperliche Leistungen besser veranlagt als

für geistige Tätigkeit. Er war ein sehr hübscher Mann, guter Turner und

Reiter und übersiedelte bald nach dem Tode seines Vaters nach Cöln.

Er wurde der Stammvater einer kriegerischen Familie; denn seine beiden

Söhne ~Kurt~ und ~Walter~ sind Berufsoffiziere geworden und seine durch

Schönheit ausgezeichneten Töchter sind beide glücklich verheiratet und

wohnen in Groß-Berlin.

Auch die drei Söhne meines Onkels in Flamersheim kamen bei der geringen

Entfernung von Euskirchen durch häufige wechselseitige Besuche vielfach

mit uns in Berührung. Die beiden ältesten ~Karl~ und ~August~ wurden

Kaufleute und haben später ein Geschäft in Baumwollgarn in Rheydt

geführt. Dort sind sie auch beide gestorben. Wie schon erwähnt, wurde

~Karl~ der zweite Gatte meiner Schwester ~Emma~. Er war trotz ziemlich

dürftiger Schulbildung ein kluger und geschäftsgewandter Mann, den man

gern in praktischen Dingen um Rat frug und mit dem ich häufig einen

Teil der Osterferien in Territet am Genfer See verbrachte.

Der zweite Sohn ~August~ war körperlich ungewöhnlich stark, ein

trefflicher Jäger und ein gutmütiger, zur Heiterkeit hinneigender

Gesellschafter. In geschäftlichen Dingen folgte er gern der größeren

Autorität seines Bruders Karl.

Ganz anders als die Brüder war der jüngste Flamersheimer Vetter

~Julius~, ein sehr gescheidter und kritischer Kopf, der am meisten

die geistige Regsamkeit und die Originalität seines Vaters geerbt

hatte. Er wurde Jurist, schlug die Richterlaufbahn ein und starb

verhältnismäßig früh an vernachläßigtem Diabetes in Cöln, wo er Richter

beim Oberlandsgericht war. In seinem früheren Aufenthaltsort Cleve

hat er sich verheiratet. Aus der Ehe stammt ein Sohn, der die Tochter

eines Großschafzüchters in Australien heiratete und dort eine neue

Heimat gefunden hat. Ich hoffe, daß er durch Naturalisation und durch

den Schutz des Schwiegervaters den Unbilden entgangen ist, die unsere

Landsleute während des Krieges in den englischen Kolonien erdulden

müssen. Die einzige Tochter hat einen ~Hans von Eicken~ aus Hamburg

geheiratet, den Sohn meiner Kusine ~Helene~ geb. ~Fischer~ aus Köln.

Der Vetter Julius besaß nicht allein Begabung für geistige Arbeit,

sondern hatte auch das besondere Talent, Erkundigungen einzuziehen.

Schon als Junge wußte er alles, was sich in der näheren und weiteren

Umgebung zutrug. Auch geschäftliche Dinge interessierten ihn. Man

konnte kaum etwas Komischeres hören, als wie eine Unterhaltung zwischen

ihm und seinem Vater, der von den Gaben des Sohnes sehr hoch dachte

und im vertraulichen Kreise nicht selten die Äußerung tat, »der »Jul«

wird noch Minister«. Im Alter hatte sich der Erwerbs- und Sparsinn

des Vaters bis ins Groteske hinein gesteigert, und er würde direkt

materiellen Mangel gelitten haben, wenn nicht der Sohn ~Julius~

zusammen mit seinen Brüdern im geheimen die Hauptkosten des Haushaltes

getragen hätten. Charakteristisch ist folgende Geschichte. Eines

Tages vermißte der Vater auf seinem kleinen Kontor die Hälfte eines

Hunderttalerscheines, und er kam auf den Verdacht, daß ein kleiner

Hund, der Liebling vom Sohn ~Julius~, diese Hälfte gefressen habe.

Er entschloß sich sofort, das Tier aufschneiden zu lassen und hatte

schon einen Operateur bestellt, als Julius von der Gefahr für seinen

Liebling Kenntnis erhielt. Es gelang ihm auch, den Vater zu beruhigen,

indem er ihm den Hund für 100 Taler abkaufte. Das Geschäft konnte

glücklicherweise bald nachher rückgängig gemacht werden, da sich die

zweite Hälfte des unglücklichen Hunderttalerscheines wieder vorfand.

Ich bin dem Vetter ~Julius~ in meiner Bonner Studienzeit näher

getreten. Er war damals Assessor beim Landgericht, und wir haben

hier und da im Rheinischen Hof eine gute Flasche Wein zusammen

getrunken. Ich mußte immer sein besonderes Talent bewundern, eine

Sache, die an und für sich ganz klar schien, von einer anderen

Seite zu betrachten, und Möglichkeiten zu entwickeln, an die ein

Laienverstand gar nicht denken konnte. Diese Art, die Welt in einem

besonderen Spiegel anzusehen, war für mich sehr anziehend, so daß ich

nach dem Doktorexamen im Herbst 1874 den Vetter zu einer Reise nach

der Schweiz aufforderte. Obschon zum Reisen wenig aufgelegt, ging er

darauf ein, und ich habe selten so viel gelacht, wie auf dieser Tour.

Schon bei der Abreise ließen ihn die landschaftlichen Schönheiten des

Oberrheintals, die lieblichen Bergzüge des Odenwaldes und Schwarzwaldes

ziemlich gleichgültig. Dagegen kontrollierte er aufs Genaueste den

fahrplanmäßigen Gang des Zuges und registrierte jede Minute Verspätung.

Zu dem Zweck hatte er gleich nach Besteigung des Zuges Krawatte,

Hemdenkragen und Rock ausgezogen und dafür einen Regenmantel angelegt.

Das sei die beste Methode, um sich gegen den Staub und Schmutz zu

schützen, den er für ungesund und unästhetisch hielt. In Basel machten

wir zuerst Station. Die Stadt und die Bewohner interessierten ihn

lebhaft, aber aus den Sehenswürdigkeiten und der Landschaft machte

er sich nicht viel. Er proklamierte damals für Reisen gleich den

Grundsatz: Die öffentlichen Gebäude von außen, die Berge von unten und

die Gasthäuser von innen anzuschauen. Ich habe später auch von anderen

Mitreisenden, z. B. meinem Freunde ~Wilhelm Königs~ ähnliche Worte

vernommen, aber sie wurden doch niemals so gewissenhaft durchgeführt,

wie von Vetter ~Julius~. Gegen die Abendstunde hatte er immer das

Bedürfnis, ein Glas Wein zu trinken, und beim Hinschlendern durch die

Stadt war sein Augenmerk auf die Entdeckung eines geeigneten Weinhauses

gerichtet. Dem Reisehandbuch traute er gar nicht, ebensowenig den

Aussagen der Hotelbedientesten, aber plötzlich entdeckte er auf der

Straße einen Mann mit einer ungewöhnlichen großen und feuerroten Nase.

»Der muß es wissen« sagte er sofort, und die Auskunft, die wir von dem

Herrn erhielten, bewies in der Tat, daß wir uns an die richtige Adresse

gewandt hatten.

Von Basel ging's nach Luzern, wo wir in einem Gasthause zweiten Ranges,

einem echten Schweizer Hause Quartier nahmen. Den Vetter interessierte

es besonders, mit der einheimischen Bevölkerung Fühlung zu nehmen, ihre

Sitten, Einrichtungen und Anschauungen kennen zu lernen. Es gelang ihm

auch rasch, mit einheimischen Stammgästen ins Gespräch zu kommen. Das

alles war begleitet von dem Konsum ziemlich ansehnlicher Weinmengen.

Der Reiseweg von dort aus war von ihm auf das genaueste festgestellt

und ist auch bis in Kleinigkeiten hinein inne gehalten worden. Er ging

zunächst über Flüelen, Andermatt und das Wallis zum Genfer See. Als wir

morgens das Schiff bestiegen hatten, um über den Vierwaldstätter See

in einer Landschaft, die wirklich des Sehens lohnt, nach Flüelen zu

fahren, fiel der Vetter, trotz prächtigen Wetters und des sehr schönen

Platzes auf dem Deck gleich nach der Abfahrt in tiefen Schlaf und

erwachte erst am Ende der Fahrt. Er schaute sich dann ganz befriedigt

um und sagte trocken: »Die Leute müssen denken, ich sei oft hier

gewesen«. Von Flüelen hatten wir die Wahl, nach Andermatt entweder mit

der Post oder auf Schusters Rappen zu kommen. Vetter ~Julius~ entschied

sich kurz für letzteres. Es war ein schwüler Tag und die Landstraße

von der Mittagsonne recht heiß und staubig. Das Gepäck hatten wir

der Post übergeben, die später abfuhr und zogen nun los. Der Vetter

meinte, der Mantel trage sich am bequemsten, wenn man ihn anziehe. Das

geschah, und trug nicht wenig dazu bei, den üppig genährten und an

körperliche Anstrengungen durchaus nicht gewöhnten Vetter in Dampf zu

versetzen. Unglücklicherweise machte um dieselbe Zeit eine Schwadron

schweizerischer Kavallerie Übungen in der Gegend. Kleine Trupps kamen

häufig an uns vorbei und entwickelten eine ungeheure Staubwolke, die

der Vetter für sehr schädlich hielt und der er zu entgehen suchte,

indem er den Straßendamm hinab ins freie Feld flüchtete. Durch all

diese Umstände war er nach 2 Stunden so erschöpft, daß ich Sorge bekam

und ihn aufforderte, in das nächste Gasthaus einzutreten und dann den

staubigen Teil des Weges mit der Post abzumachen. Er ging darauf ein

und hat nun die Post nicht mehr verlassen, bis wir an den Genfer See

gelangt waren. Ich selbst habe die schöneren Teile des Weges zu Fuß

gemacht, besonders die Strecke von Andermatt über die Furka nach dem

Rhonegletscher. Ich befand mich dabei in der Gesellschaft eines jungen

Amerikaners, dessen praktische Weise, zu reisen, mir besonders gefiel.

Er war von Kalifornien herüber gekommen und hatte kein anderes Gepäck,

als ein kleines Täschchen für Geld, Zahnbürste und Seife. Sobald er

in eine Stadt kam, kaufte er neue Leibwäsche, und verschenkte die

schmutzige. So hatte er sich schon 2 Monate in Europa herumgetrieben,

viel gesehen, sich trefflich unterhalten und hoffte den Trip noch

einige Wochen zu verlängern. Abends traf ich immer wieder mit dem

Vetter ~Julius~ im Gasthause zusammen und er wußte dann zahlreiche

Schnurren über abenteuerliche Postreisen im Gebirge und sonderbare

Reisegefährten zu erzählen. An der Teufelsbrücke hatte er sogar ein

neues physikalisches Phänomen entdeckt, d. h. einen umgekehrten

Regenbogen. Ich wollte es anfangs nicht glauben, habe mich aber später

überzeugt, daß bei Wasserfällen durch die Zerstäubung des Wassers in

kleine Tropfen bei richtigem Stand der Sonne und des Beobachters diese

Erscheinung in der Tat eintreten kann.

Von den landschaftlichen Schönheiten der Schweiz war wenig die Rede.

Dagegen interessierte ihn Genf als die Stadt Calvins und als der

Hauptsitz des schweizerischen Finanzgeschäftes. Auch hier erlebte ich

mit ihm eine komische Szene. Er behauptete, das Wasser, das er zuhause

niemals trank, sei in der Schweiz besonders heilsam, nur müßte man es

direkt aus der Naturquelle entnehmen. So liebte er es denn, bei den

vorgefundenen Brunnen direkt vom Wasserstrahl zu trinken. Das machte

er auch bei einem Brunnen in Genf, mußte sich aber, um ans Wasser

heran zu kommen, auf die gemauerte Brüstung legen und pendelte hier

nun hin und her, um den Strahl mit seinem Munde aufzufangen. Das Bild

des kleinen, stark genährten Mannes, auf der Brüstung des Brunnens

liegend und trinkend, war so überaus komisch, daß sich ein großer Kreis

von Zuschauern bildete. Als er fertig war und die versammelte Menge

erblickte, sagte er ruhig, da sehe man wieder, daß man mit wenig Mühe

den Leuten viel Spaß machen könne. Von Genf sind wir mit dem Omnibus

nach Chamonix gefahren und ich habe dort mehrere kleine Bergtouren

gemacht. Seinem Grundsatze getreu blieb Vetter ~Julius~ im Hotel; durch

fleißige Erkundigungen bei Touristen, Führern und sonstigem Volk war

er aber nachher über Bergtouren viel besser unterrichtet als die große

Zahl der Reisenden. Selbstverständlich kontrollierte er auch alle Gäste

des Hotels und berichtete eines Abends, draußen beim Wetterhäuschen sei

ein aufgeregter deutscher Professor, der die Instrumente kritisiere

und das Publikum über den bevorstehenden Wechsel des Wetters belehre.

Ich erfuhr nachher, daß es ~Rudolf Fittig~ aus Tübingen sei, der mir

als trefflicher Chemiker aus der Literatur schon bekannt war. Ich

habe damals nicht gewagt, mich ihm vorzustellen, bin aber einige Jahre

später zu ihm in ein näheres Verhältnis getreten. Unter den Fußtouren,

die ich von Chamonix unternahm, war auch die damals sehr beliebte

Überquerung des mer de glace und der Abstieg über den mauvais pas. Für

berggeübte Wanderer ist das ein Spaziergang, aber Leute ohne Erfahrung

und ohne das richtige Schuhwerk konnten doch recht leicht ausgleiten

und verunglücken. Ich habe deshalb beim Übergang über das Eis mit einem

gewissen Schrecken mich daran erinnert, daß mein Vater 5 Jahre vorher

denselben Weg mit 5 Damen, d. h. meiner Mutter, zwei Schwestern und den

beiden Kusinen ~Marie~ und ~Helene Fischer~ aus Cöln unternommen hatte.

Er erzählte auch hinterher, daß es die angstvollsten Stunden seines

Lebens gewesen seien.

Die Damen schienen sich dieser Gefahr weniger bewußt zu sein, sie

haben im Gegenteil auf dieser Schweizer Reise eine ganze Anzahl von

merkwürdigen und lustigen Erlebnissen gehabt, von denen noch lange in

unserem Hause geredet wurde.

Der Eindruck, den Vetter ~Julius~ von der Schweiz mit nach Hause nahm,

war viel nüchterner; denn als wir wieder im Rheintal waren, meinte er,

es sei nicht der Mühe wert, nach der Schweiz zu fahren, denn hier gäbe

es auch Berge und Wasser und im Winter Schnee und Eis im Überfluß.

Er hat meines Wissens nie mehr die Grenzen des deutschen Reiches

überschritten. Dagegen bin ich in späteren Jahren oft und gern in die

Schweiz und besonders an den Genfer See zurückgekehrt, habe aber das

Chamonixtal nicht mehr gesehen.

Gymnasialzeit.

Begleitet von meinem Vater fuhren Vetter ~Ernst~ und ich anfangs

Oktober 1865 nach Wetzlar, wo mein Vater uns bei dem Direktor des

Gymnasiums anmeldete. ~Ernst~ wurde auf Grund seines Abgangszeugnisses

von Duisburg ohne Anstand in die Prima aufgenommen. Ich mußte aber

eine Prüfung durchmachen, weil die Schule zu Euskirchen nicht als

gleichberechtigt angesehen wurde. Ich habe sie ohne Mühe bestanden und

wurde in die Untersekunda, die mit der Obersekunda in einer Klasse

vereinigt war, aufgenommen. Noch heute klingt mir das Gelächter in

den Ohren, das die Mitschüler erhoben, als ich zum ersten Mal in

meiner markanten niederrheinischen Mundart in der Klasse sprechen

mußte. Natürlich erschien mir der Wetzlarer Dialekt, der stark an das

Frankfurter Deutsch anklingt, ebenso ungewöhnlich und komisch. Ich habe

mich aber bald in dem Kreise zurechtgefunden und wurde nach ½ Jahr

sogar Primus der Untersekunda.

Die originellste Persönlichkeit unter den Lehrern war der Mathematiker

~Elstermann~. Die stark mit Kreide beschriebene Tafel pflegte er im

Eifer mit seinem langen schwarzen Rock zu reinigen, und die dabei

beschmutzten Finger steckte er in das lange buschige Haar. Er war ein

guter Mensch und ausgezeichneter Lehrer, der die schwierige Aufgabe,

mathematisches Denken in so viel jugendliche Köpfe hineinzubringen,

geradezu mit Leidenschaft betrieb.

Wenn er beim Abfragen der einzelnen Schüler auf Mangel an Verständnis

oder Interesse stieß, so pflegte er zur eigenen Beruhigung einem gerade

in Reichweite befindlichen anderen Schüler eine kleine Ohrfeige zu

versetzen. Wenn diese mit steigender Erregung heftiger wurden und der

Empfänger unwillig den Lehrer anblickte, dann pflegte er zu sagen:

»Gib sie später dem, der sie verdient hat, wieder«. Er hat es aber

mit seiner Methode erreicht, daß der mathematische Unterricht an dem

Wetzlarer Gymnasium ungewöhnlich gute Resultate brachte.

Das gerade Gegenteil von diesem Mann war der Religionslehrer, den wir

fürchteten und haßten, weil er boshaft war und in vielen Dingen den

Spion machte. Auch unser Ordinarius, ein klassischer Philologe, genoß

wenig Sympathie. Ich habe nur seinen Spitznamen »Specht« behalten. Er

war mir anfangs gewogen, entzog mir aber schon im zweiten Semester

seine Gunst, weil er mit dem Vetter ~Ernst~ in der Prima Differenzen

gehabt hatte. Der Zorn meines Vetters auf diesen Lehrer war so groß,

daß er sich zu einem dummen Streich hinreißen ließ, der ihm schweren

Schaden hätte bringen können. In Verbindung mit einem anderen Primaner

warf er nämlich in tiefer Nacht mehrere Fenster in der Wohnung des

Lehrers ein. Ich erfuhr von dieser Tat erst, als sie begangen war, und

ich bin glücklicherweise der einzige Mitwisser geblieben. Der Streich

erregte großen Lärm in der Schule und der Lehrer Specht machte in

den Klassen verlockende Versprechungen für einen Verräter, aber das

Geheimnis blieb gewahrt.

Wir lebten in Wetzlar, abgesehen von der Schulaufsicht, ähnlich

wie Studenten, denn der Hauswirt kümmerte sich um unser Tun und

Treiben gar nicht. Der Hausschlüssel lag jede Nacht in einer Rinne

im Steinsockel unter der Haustüre, und wenn wir für Schulversäumnis

Zeugnisse über Unwohlsein und dergl. nötig hatten, so unterschrieb

er alle Schriftstücke, die wir ihm vorlegten. Wir nannten ihn das

Kaffeehäubchen, wegen eines runden Käppchens, das er gewöhnlich trug.

Sein Bruder trug den Spitznamen »Der Eisbär«.

Vetter ~Ernst~ und ich hatten zusammen ein Wohn- und Schlafzimmer.

Außerdem waren noch zwei andere Gymnasiasten und ein Einjährig-

Freiwilliger in dem Hause einquartiert. Der Pensionspreis war

recht billig. Er betrug für Wohnung, Heizung und völlige Verpflegung

mit Ausnahme alkoholischer Getränke im Jahre nur 110 Taler, also

pro Tag und Person etwa 1 Mk. Man kann sich denken, daß es dafür

keine lukullischen Mahlzeiten gab. Im Gegenteil, die Kohlrübe und

Backpflaumen mit Schweinefleisch spielten dabei eine erhebliche Rolle.

Ich sehe noch immer den Eisbär in dem Bache, der an unserem Wohnhause

vorüber floß, in einer Bütte die Rüben waschen, die für unsere

Ernährung bestimmt waren. Ich habe mir damals nicht träumen lassen, daß

die Kohlrübe 50 Jahre später ein so viel gebrauchtes und ebenso viel

verwünschtes Nahrungsmittel für das deutsche Volk werden würde.

Die Kontrolle unserer Lebensweise von seiten der Schule war nicht allzu

streng. Man besuchte sich gegenseitig auf den sogen. »Buden« und unser

Haus bildete von je her einen beliebten Versammlungsort. Leider war

die Mehrzahl der Mitschüler, mit denen ich verkehren mußte, erheblich

älter als ich; denn es befanden sich darunter viele Bauernsöhne, die

erst im reiferen Alter zum Studieren bestimmt worden waren. Einer

davon, der noch in unserer Klasse saß, zählte schon 21 Jahre. Die

Gewohnheiten dieser jungen Männer waren natürlich anders, als sie für

einen Knaben von 13 Jahren paßten. Ihre Gesellschaft war deshalb nicht

gerade vorteilhaft für mich. Man bemühte sich, mir möglichst bald das

Tabakrauchen, Biertrinken und Skatspielen beizubringen und die übliche

Unterhaltung war auch in der Regel auf einen rohen und unanständigen

Ton abgestimmt. Das alles ist gewiß nicht ohne Einfluß auf meine von

Hause aus recht gute Gesundheit gewesen und ich fürchte, daß der Grund

zu meiner späteren Magenkrankheit schon damals durch Unmäßigkeit im

Rauchen und Trinken gelegt worden ist.

Glücklicherweise bot die Musik ein Gegengewicht gegen die so

ungünstigen Einflüsse. Vetter ~Ernst~ war musikalisch ungewöhnlich

begabt und hatte eine Zeitlang sogar die Absicht, Musiker von Beruf zu

werden. Auf dem Klavier war er für unsere Begriffe schon ein halber

Virtuose, aber außerdem spielte er Geige, Violoncell und Flöte. Ich

selbst war gegen ihn ein Stümper, hatte es aber durch fleißige Übung

auf dem Klavier soweit gebracht, daß ich Sonaten von Haydn, Beethoven

und Mozart usw. leidlich spielen konnte. Infolgedessen wurde ich vom

Vetter ~Ernst~ auch beim Zusammenspiel zugelassen, und da sich noch

einige Andere musikalische Mitschüler fanden, so haben wir häufig Trio

und Quartett auf unserem Zimmer gespielt. Unsere Musik war so gut, daß

manche Leute in der Nachbarschaft freudigen Anteil daran nahmen. Den

Ansprüchen der Schule konnten Vetter ~Ernst~ und ich ohne große Mühe

Genüge leisten. Eine für uns ganz erwünschte Unterbrechung erfuhr der

Schulbetrieb im Sommer 1866 durch den Krieg Preußens mit Oesterreich

und den Süddeutschen Staaten. Der preußische Kreis Wetzlar war damals

ganz umgeben von feindlichen Staaten d. h. von Hessen-Darmstadt und

Nassau.

Nachdem die preußischen Truppen ausgerückt waren, blieben wir infolge

der Unterbrechung des Eisenbahn- und Postdienstes für mehrere Wochen

ganz abgeschnitten, und dann kam noch ein viel wichtigeres Ereignis,

die Invasion feindlicher Truppen. Es war, wenn ich nicht irre, eine

Badische Division, die aus der Umgegend von Gießen in den Kreis

einrückte. Sobald wir davon Kenntnis erhielten, trieb uns die Neugier

diesen feindlichen Kriegern entgegen, und ich selbst mit einigen

Mitschülern genoß das Vergnügen, von einer Feldwache gefangengenommen

zu werden. Wir wurden regelrecht verhört und dann wieder weggeschickt.

Zu unserer ungewöhnlichen Freude ging es aber dem unbeliebten

Religionslehrer des Gymnasiums viel schlechter. Er hatte sich ebenfalls

die fremden Soldaten ansehen wollen, die aber gleich in ihm die

Spionnatur, die wir Schüler so fürchteten, erkannten und ihn mehrere

Tage festhielten. Einige Tage später rückten die Feinde auch in die

Stadt Wetzlar ein und belegten die öffentlichen Gebäude, zu unserer

Freude auch das Gymnasium. Wir hatten also etwa 8 Tage unerwartete

Schulferien und dadurch Muße genug, uns mit den feindlichen Truppen zu

beschäftigen.

Die Kriegführung war damals gemütlicher als heute. Die badischen

Soldaten ließen sich zwar gut auf Kosten der Stadt verpflegen,

betrugen sich aber sehr anständig, und das Verhältnis zwischen

ihnen und den Bürgern der Stadt und namentlich uns Gymnasiasten

war recht freundlich. Sie zogen wieder ab, weil inzwischen die

preußischen Truppen durch kräftige Schläge bei Kissingen und am Main

das Hauptheer der süddeutschen Staaten besiegt hatten. Die nächsten

Soldaten, die in die Stadt einzogen, waren leider nur Verwundete,

meist Preußen und Bayern, denen wir aufrichtige Teilnahme schenkten;

dann kam auch alte preußische Landwehr, die in den benachbarten

hessischen und nassauischen Dörfern als sogen. Fresskompagnie zur

Beruhigung der etwa rebellischen Bevölkerung verteilt wurde. Durch die

siegreichen Schlachten in Böhmen ging der Krieg bald zu Ende und der

Schulunterricht wurde nun mit verdoppelter Strenge bis zu den Ferien

wieder aufgenommen.

Die Herbstferien dieses Jahres wurden mir völlig verdorben durch

die Konfirmation, die in Flamersheim stattfand; denn ich mußte

in etwa 4 Wochen den ganzen Heidelberger Katechismus und eine

Reihe von Kirchenliedern auswendig lernen, da ich vorher an dem

Konfirmandenunterricht nicht teilnehmen konnte. Das gelang mir

infolge meines guten Gedächtnisses, aber es trug nicht dazu bei,

meinen kirchlichen Glauben, der schon vorher durch den Einfluß meiner

älteren Mitschüler in Wetzlar, durch das Lesen des Lebens Jesu von

~David Strauß~ größtenteils verloren gegangen war, zu kräftigen.

Tatsächlich bin ich als Freigeist, aber doch mit einem gewissen Gefühl

der Beschämung an den Tisch des Herrn getreten, und ich habe den

positiven Glauben, den ich in der frühen Jugend besaß, niemals wieder

gewonnen. Dagegen bin ich in späteren Jahren wieder zu der Überzeugung

gekommen, daß die Religion ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur

ist und daß der christliche Glaube dem einzelnen Menschen großen

sittlichen Wert und inneres Glück geben kann. Meine eigene Mutter und

manche der katholischen Mitschüler oder Studiengenossen lieferten den

Beweis dafür, und ich habe später in Berlin bei meinen eigenen Söhnen

bedauert, daß der Einfluß der Großstadt und leider auch die Atmosphäre

der Berliner Schulen der Pflege religiösen Gefühls so wenig günstig

sind.

Ein zweites Jahr in Wetzlar verlief ohne politische Störung und

brachte schließlich dem Vetter ~Ernst~ das Zeugnis der Reife und

mir die Versetzung nach Prima. Ich hatte aber inzwischen Wetzlar

satt bekommen und verließ deshalb mit dem Vetter die Schule. Als

Erinnerungen an den Wetzlarer Aufenthalt sind mir geblieben die

landschaftlichen Schönheiten, die altertümliche Bauart der alten, an

einem Bergabhang gelegenen Stadt und die zahlreichen, auch von uns mit

Ehrfurcht gepflegten Goethe'schen Überlieferungen. Werthers Leiden

war selbstverständlich ein viel gelesenes Buch, ohne daß wir aber von

der krankhaften Stimmung des Helden beeinflußt worden wären. Mit den

Schulkameraden aus dieser Zeit bin ich niemals wieder in Berührung

gekommen und auch die Stadt habe ich nicht wieder gesehen.

In den Herbstferien, die ich gewöhnlich zu Hause verbrachte, wurde

als Schule für mich zunächst das Friedrich Wilhelm-Gymnasium zu Cöln

in Aussicht genommen. Mein Vater machte auch die nötige Meldung

bei dem Direktor, einem Professor ~Jäger~, der als Verfasser einer

Weltgeschichte bekannt geworden ist, und der als ausgezeichneter

Schulmann aus Württemberg nach Cöln berufen worden war. Die Schule war

wegen der guten Leitung überfüllt. Trotzdem hatte mich der Direktor

für die Prima vorgemerkt, weil er meinem Onkel, dem Chirurgen, für die

Errettung seiner Frau aus schwerer Lebensgefahr sich zu besonderem

Danke verpflichtet fühlte. Aber in der brieflichen Antwort, die er

meinem Vater schickte, war meine Aufnahme nicht klar ausgesprochen und

die Überfüllung der Schule so stark betont, daß wir das Gefühl der

Ablehnung unseres Gesuches hatten.

30 Jahre später habe ich den Direktor auf der zweiten Schulkonferenz

im Kultusministerium zu Berlin kennen gelernt. Dabei wurde das

Mißverständnis über die vermeintliche Ablehnung meiner Anmeldung

aufgeklärt, und der alte joviale Herr knüpfte daran die scherzende

Bemerkung: »Was hätte aus Ihnen werden können, wenn Sie unter meinen

Bakul gekommen wären«. Durch die Verhandlungen in Cöln war viel Zeit

verloren gegangen. Das Schuljahr hatte schon begonnen und ich mußte

nun schleunigst sehen, anderswo unterzukommen. Die Wahl fiel auf das

Gymnasium zu Bonn, wo ich auch richtig an meinem 15. Geburtstage

Aufnahme fand. Mein Einzug in die Schule vollzog sich unter scheinbar

wenig erfreulichen Auspizien. Es war gerade die Stunde der Mathematik

und als der alte Lehrer, Professor ~Zirkel~, der Vater des bekannten

Leipziger Professors der Mineralogie, mich erblickte, frug er mich

zornig nach Namen und Herkunft und erklärte dann, meine späte Ankunft

wäre eine Rücksichtslosigkeit; denn jetzt sei er genötigt, seine Liste

wieder zu ändern. Bald darauf klopfte es an der Klassentür und der

Schüler, der zum Nachsehen hinausgeschickt wurde, kam lachend zurück.

Draußen sei der Vater des neuen Primaners und lade seinen Sohn ein,

heute Mittag um 1 Uhr zum Essen im Gasthof Stern zu erscheinen. Das

brachte den Zorn des Lehrers von neuem in Wallung und er wurde zum

Jubel der ganzen Klasse in seinen Vorwürfen so heftig, daß ich im

Begriff war, die Schule wieder zu verlassen und jede Antwort auf seine

weiteren Fragen verweigerte. Da merkte er, daß er zu weit gegangen war.

Er änderte den Ton, und um mich zu versöhnen, frug er nach Euskirchen

und dem Flamersheimer Walde, den er wohl kannte. Nun wurde mir erst

klar, daß er im Grunde ein gütiger Mann war, und da er bald mein

Interesse für Mathematik entdeckte, so sind wir die besten Freunde

geworden. Wenn er sich über die anderen Primaner, von denen manche

nicht sehr ehrerbietig gegen ihn waren, geärgert hatte, so pflegte

er den Rest der Stunde mit mir allein mit Rechnungen an der Tafel zu

verbringen.

Das Gymnasium war im allgemeinen, was den Unterricht anbetraf,

der Schule in Wetzlar nicht ebenbürtig. Das lag zum Teil an dem

Übergewicht, das der Religionslehrer, ein katholischer Geistlicher

besaß. Er übte eine wahre Tyrannei aus, worunter allerdings wir

Protestanten nicht litten, wodurch aber der wissenschaftliche

Unterricht sicherlich geschädigt wurde. Der zweite Grund waren das

Alter und die Krankheit des Direktors. Er besaß von früher her als

Philologe und besonders als Horaz-Übersetzer einen recht guten Ruf.

Aber zu meiner Zeit war er kaum mehr arbeitsfähig, und ist bald

nachher gestorben. Auch seinem Nachfolger, einem kleinen Geist,

gelang es nicht, die Schule zu neuer Blüte zu bringen. Von den

Lehrern war der tüchtigste ein Herr ~Deiters~, der später in das

Provinzialschulkollegium zu Coblenz berufen wurde; aber wir haben

ihn wegen seines Sarkasmus und seiner Strenge gefürchtet. Nächst dem

Mathematiker ~Zirkel~ war der Lehrer des Deutschen Professor ~Remacly~

die originellste Persönlichkeit. In lebhafter Erinnerung ist mir auch

der Ordinarius geblieben, ein klassischer Philologe, der infolge seiner

außerordentlichen Kurzsichtigkeit große Mühe hatte, die Schuldisziplin

aufrecht zu erhalten. Als Liebhaberei betrieb er das Sammeln von alten

Münzen und man konnte ihm durch Lieferung römischer Münzen, die damals

im Rheinland vielfach gefunden wurden, die größte Freude bereiten.

Seine Neigung, alle Stücke, die man ihm zur Prüfung vorzeigte, als

Eigentum zu behalten, gab eines Tages Anlaß zu einem übermütigen

Schabernack. Zwei Spaßvögel aus unserer Klasse hatten Hosenknöpfe, die

den Namen eines Bonner Schneiders »Hannes« trugen, durch geschickte

mechanische und chemische Behandlung in einen Zustand versetzt, der sie

stark verwitterten römischen Münzen ähnlich machte. Diese Kunstprodukte

wurden dann dem Herrn Ordinarius als merkwürdige Fundstücke

überliefert. Er war aber Kenner genug, um nach einigen Studien die

Fälschung festzustellen und gab dann seiner berechtigten Entrüstung

einen sehr energischen Ausdruck. Auch für römische Inschriften besaß

er großes Interesse, und er brachte uns die Kunst bei, Abdrücke

davon in Pappe zu machen. Es hat mir Freude bereitet, diesen Mann,

dessen wissenschaftliche Bemühungen mir Achtung einflößten, Abdrücke

von einigen römischen Inschriften aus der Gegend von Zülpich, dem

angeblichen Tolbiacum der Merovinger Zeit, und Weingarten bei

Euskirchen, wo sich die Überreste eines römischen Kastells befanden, zu

liefern.

Aus meinem Leben(#75055) · 第 8 / 16 题