Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918

~Aus meinem Leben~

Mußt Du Gram im Herzen tragen

Und des Alters schwere Last,

Rufe Dir aus jüngeren Tagen

Die Erinnerung zu Gast!

(~Kußmaul~)

In der fruchtbaren Ebene, die nach Süden vom Vorgebirge der Eifel und

im Osten von dem Villegebirge begrenzt ist, liegt die kleine Kreisstadt

Euskirchen, mein Geburtsort, nur wenig entfernt von dem Erftfluß, der

in der Eifel entspringt und zu Neuß in den Rhein mündet.

Die Stadt wird durchflossen von mehreren Bächen, die den dort

heimischen Industrien sehr zustatten kommen und uns Knaben reichlich

Gelegenheit zur Übung von Wasserkünsten gaben.

Sie zählte vor 60 Jahren etwa 3500 Einwohner, von denen wohl die Hälfte

vom Ackerbau lebte, der sich in der fruchtbaren Umgebung lohnte.

Außerdem gab es eine alte Tuchindustrie, die vorzugsweise für den

Heeresbedarf arbeitete und die in den Kriegsjahren 1864/66 und 1870

durch die zahlreichen »Kommiß«-Lieferungen der Stadt viel Wohlstand

brachte. Weniger lohnend war der Betrieb mehrerer Gerbereien, welche

die in den benachbarten Wäldern reichlich vorhandene Eichenrinde

verarbeiteten. Endlich war die Stadt der Mittelpunkt des Kleinhandels

für die ländliche Umgebung und hatte den Vorzug, auf 30 km ohne

Konkurrentin zu sein. Diese günstige Lage hat Euskirchen später

zum Eisenbahnknotenpunkt gemacht und ihm eine rasche vorzugsweise

industrielle Entwicklung gebracht. Der Bau der ersten Eisenbahn, die um

das Jahr 1862 eröffnet wurde, war für die ganze Bevölkerung und nicht

am wenigsten für die Jugend ein staunenerregendes Ereignis. Dasselbe

galt für die Anlage der Gasbeleuchtung, die ungefähr in die gleiche

Zeit fiel.

Die Stadt war in früheren Jahrhunderten befestigt und die alten Mauern

mit Türmen, Wällen und Wassergräben waren in meiner Jugend noch

teilweise erhalten. Sie haben uns viel Kurzweil bei unseren Spielen

verschafft. Besonders vertraut war uns der sogen. Judenwall, wo wir

uns spielend und auch den Boden durchwühlend öfters herumtrieben und

von wo aus wir staunend Einblick in den Betrieb einer tiefer gelegenen

Gerberei hatten.

Mein Elternhaus lag einige Minuten vor der alten Stadt, an der nach

Cöln führenden Landstraße. Der Gebäudekomplex bestand aus zwei

geräumigen Wohnhäusern, wovon das eine von meinem Onkel bewohnt war,

einem Geschäftshause, verschiedenen kleinen technischen Betrieben und

einigen bescheidenen landwirtschaftlichen Baulichkeiten, die einen

großen Hof umschlossen.

Dieses Ganze war umgeben von Gärten, die auf der einen Seite an einen

Bach grenzten und von einem kleinen Wassergraben durchzogen waren.

Hier bin ich am 9. Oktober 1852 geboren als letztes und achtes Kind

meiner Eltern. Von meinen Geschwistern waren ein Knabe und ein Mädchen

vorher gestorben, alle anderen waren Schwestern, von denen die älteste

mir um 14 Jahre voraus war.

Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen meine Ankunft den

Eltern viel Freude gemacht hat, und daß mir auch später ein gewisser

Vorzug gewährt wurde.

Die Schwestern haben ihr Interesse an dem einzigen Bruder, den sie nur

den »Jungen« nannten, in der mannigfaltigsten Weise bekundet, und ich

habe mich ihrer Erziehungskünste des öfteren erwehren müssen, so daß

eine gewisse Abneigung gegen junge Damen bei mir über die Knabenjahre

hinaus hängen blieb.

Glücklicherweise waren die Verhältnisse in dem Hause meines Onkels, das

nicht allein durch den Hof, sondern auch durch den Speicher und einen

besonderen Korridor mit unserm Hause in direkter Verbindung stand,

gerade umgekehrt; denn es gab dort fünf Söhne und eine Tochter, die

merkwürdigerweise wie ich die Jüngste war.

Wenn mir die allzu weibliche Behandlung im eigenen Hause zu viel wurde,

so zog ich mit Erlaubnis der Eltern für einige Tage ins Nachbarhaus,

bis ich dort durch reichliche Prügel von seiten der stärkeren Vettern

belehrt, wieder in die mildere Atmosphäre des eigenen Heims gerne

zurückkehrte.

Mein Vater ~Laurenz Fischer~ betrieb zusammen mit seinem Bruder

~August~ ein kaufmännisches Geschäft, hauptsächlich in Kolonialwaren,

Wein und Spirituosen. Außerdem besaßen sie eine Wollspinnerei, die aber

auf einem Dorfe Wißkirchen, etwa eine Stunde von Euskirchen, gelegen

war und ursprünglich mit Wasserkraft, später mit Dampf betrieben wurde.

An dem gesamten Geschäft war noch ein anderer Onkel, ~Friedrich Arnold~

beteiligt, der in Flamersheim, dem Stammsitz der Familie, wohnte und

dort das vom Großvater her stammende Anwesen verwaltete.

In der eben geschilderten Umgebung zu Euskirchen habe ich eine

überaus glückliche Jugend verlebt. Der Betrieb des kaufmännischen

Geschäfts, das die Krämer der Umgegend bis weit in die Eifel hinein

mit Waren versorgte, brachte reges Leben mit sich. Der Verkehr im

Kontor, den Lagerräumen und auf dem Hofe hat mich lebhaft erinnert

an die Schilderungen, die ~Gustav Freytag~ in dem Roman »Soll und

Haben« von dem Kaufmannshause zu Breslau entwarf. Allerdings waren die

Verhältnisse bei uns trotz des Wohlstandes der Firma bescheidener.

Aber dafür war das Ganze in sehr viel heiterere Farben gekleidet.

Die lebhafte Art der rheinischen Bevölkerung und die glückliche

humoristische Veranlagung der Geschäftsinhaber gaben sich trotz

der sehr geordneten, nach den strengen Grundsätzen kaufmännischer

Ehrbarkeit geregelten Geschäftsführung in zahlreichen munter und

scherzhaft geführten Gesprächen kund.

Ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, der im wesentlichen die

Bedürfnisse des eigenen Hauswesens befriedigte, trug dazu bei, das

Gesamtbild mannigfaltiger und für uns Kinder interessanter zu gestalten.

Man denke sich dazu zwölf jugendliche Personen, die auf dem Hof und

in den Gärten eine einzige Familie bildeten und die später, als meine

Schwestern verheiratet waren, noch durch Enkel vermehrt wurden, und man

wird sich eine Vorstellung machen können von der vielfachen Kurzweil,

die wir alle in diesem Kreise gefunden haben.

In der früheren Jugend waren es Spiele verschiedener Art, vom Ballspiel

bis zum Indianerwigwam, vom Fisch- und Vogelfang bis zum Bivouak, dann

Kämpfe der verschiedensten Art unter uns Knaben oder in geschlossener

Phalanx gegen feindliche Kräfte. Die Schlachten, in denen man sich

nicht allein der Fäuste und Stöcke, sondern auch des Steinwurfs und der

Schleuder bediente, arteten zuweilen bis zur Lebensgefährlichkeit aus

und mußten dann durch den Eingriff von erwachsenen Personen beendet

werden.

Mit dem zahlreichen Dienstpersonal, besonders mit den Knechten,

standen wir auf vertrautestem Fuße, und die Unterhaltung wurde hier

ausschließlich in dem derben niederrheinischen Dialekt geführt.

Selbstverständlich hatten wir alle Spitznamen. Ich wurde »Baron«

genannt, ob wegen des üppigen Ernährungszustandes oder wegen der

besseren Kleidung, ist mir immer ein Geheimnis geblieben.

Von Verzärtelung war weder in körperlicher noch seelischer Beziehung

die Rede. In leichtester Kleidung schlugen wir uns tapfer durch den

Winter, und die einzigen Schmerzen, deren ich mich aus der frühen

Jugend erinnere, kamen von Panarizien an verletzten Fingern oder von

erfrorenen Füßen oder von Stiefeln, die durch Schneewasser hart und eng

geworden waren.

Beim Eissport bin ich mehrmals eingebrochen, einmal sogar in eine

Jauchengrube bis über den Kopf eingetaucht, und als ich in diesem

Zustande nach Hause kam, stark beschmutzt und übel duftend, wurde ich

trotz der scharfen Kälte außerhalb des Hauses ausgezogen. Alles das

ging ohne Schaden vorüber.

Ein anderes Mal fiel ich von einem mit Wollballen beladenen Wagen

kopfüber auf das Pflaster des Hofes und kam mit einer ziemlich tiefen,

stark blutenden Kopfwunde ins Haus. Dort begrüßte man mich mit den

tröstlichen Worten: »Besser ein Loch im Kopf als in der Hose.«

Allerdings gab es auch ernstere Unfälle. Beim Spielen mit Pulver wurde

ich durch den Leichtsinn eines Kameraden im Gesicht und am Kopf stark

verbrannt. Diesmal gab es einen größeren Schrecken, denn als ich mit

geschlossenen Augen, geführt von einer alten Frau vor meiner Mutter

erschien, hielt sie mich für erblindet und brach in lautes Schluchzen

aus. Glücklicherweise ging aber das Unglück wiederum bei guter

ärztlicher Behandlung ohne dauernden Schaden vorüber, und ich hatte

noch die Genugtuung, bei hartnäckigem Schweigen keinen Mitschuldigen

verraten zu haben. Das Gefühl der Solidarität war bei uns Knaben

überhaupt in hohem Maße entwickelt, besonders galt das auch in der

Schule, wo jede Lüge in unseren Augen gerechtfertigt war, wenn sie dazu

diente, Kameraden vor der Strafe zu schützen.

Es war damals Sitte, die Kinder schon mit fünf Jahren zur Schule zu

schicken, und dasselbe Schicksal wurde auch mir zuteil; denn einen Tag

nach meinem 5. Geburtstage wurde ich von meinen älteren Schwestern mit

zur Schule genommen.

Da die Volksschule meiner Vaterstadt unter dem Einfluß der

katholischen Geistlichkeit stand und über den kirchlichen Übungen

der eigentliche Unterricht vernachlässigt wurde, so hatte mein

Vater eine protestantische Privatschule ins Leben gerufen und dafür

glücklicherweise einen ausgezeichneten Lehrer, Herrn ~Vierkoetter~

gewonnen. Dieser unterrichtete die Kinder von 5 bis 14 Jahren in einem

Raum. Eine strenge Einteilung in Klassen gab es nicht. Trotzdem war der

Unterricht in allen Elementarfächern ausgezeichnet, sodaß sowohl meine

Schwestern wie ich beim Eintritt in andere Schulen den Altersgenossen

im Wissen voraus waren. Der Lehrer ging sogar so weit, die begabteren

Schüler und Schülerinnen in euklidischer Mathematik zu unterrichten,

und es erregte in späteren Jahren große Heiterkeit, als meine

Schwester ~Fanny~ ihrem Gatten, einem Holzhändler, in dessen Geschäft

die Ausziehung einer Kubikwurzel unerwarteterweise nötig wurde, aus

der Verlegenheit half, indem sie diese Aufgabe nach den bei Herrn

~Vierkoetter~ erworbenen Kenntnissen löste.

Der gute Unterricht, den wir hier genossen, war allerdings nur möglich

bei der geringen Zahl der Schüler, die kaum 20 überstieg; denn die

Schule wurde ursprünglich nur von Kindern der wenigen protestantischen

Familien und einigen Judenkindern besucht. Erst später baten auch

einzelne aufgeklärte Katholiken um die Erlaubnis, Kinder dorthin

schicken zu dürfen. Das war zu der damaligen Zeit schon ein kleines

Wagnis; denn der Gegensatz zwischen den beiden Konfessionen war

recht stark und machte sich namentlich auch für uns Kinder häufig

in recht unangenehmer Weise bemerkbar. Als sogen. Blauköpfe, auch

kalvinische Kalbsköpfe, wie wir Protestanten genannt wurden, haben

wir Fischer-Jungen manche Prügel einstecken müssen, wenn die Überzahl

der katholischen Knaben eine erfolgreiche Verteidigung aussichtslos

erscheinen ließ.

Bei anderer Gelegenheit, wo wir nicht vereinzelt, sondern als

gesammelte Macht auftreten konnten, ist uns aber auch mancher Sieg

zuteil geworden. Bei diesen Heldentaten spielte in der Regel die

Hauptrolle mein Vetter ~Lorenz Fischer~, der später auch im Kriege

1870 als Soldat und außerdem im Zivilleben als Jäger hervorragende

Leistungen aufwies.

Als ich 9 Jahre alt wurde, gab der Lehrer ~Vierkoetter~ seine Stellung

in Euskirchen auf, weil ihm der viel einträglichere Posten eines

Inspektors an der Besserungsanstalt zu Brauweiler übertragen wurde.

Ich trat deshalb in die höhere Bürgerschule meiner Vaterstadt

über, welche, wie die damaligen Progymnasien, 4 Jahresklassen mit

lateinischem, griechischem und französischem Unterricht umfaßte. Sie

war in den Nebenräumen der Klosterkirche untergebracht und stand unter

Leitung katholischer Priester. Der Rektor, Kaplan ~Heine~, war eine

ausgeprägte Persönlichkeit, tyrannisch, jähzornig, aber trotz alledem

ein recht guter Lehrer, der auch auf seine Kollegen anregend wirkte und

damit der Schule in bezug auf Leistungen eine ebenbürtige Stellung mit

den staatlichen Gymnasien verschaffte.

Die Handhabung der Schuldisziplin war allerdings recht willkürlich, und

mir passierte eine Ungerechtigkeit, die mir zum erstenmal den großen

Wert väterlichen Schutzes zum Bewußtsein brachte.

Ein Mitschüler, namens ~Flecken~, bekannt durch Gewalttätigkeit,

hatte mir ohne jeden Grund ein Spielzeug entrissen und in den Schmutz

geworfen. Ich beantwortete diese Herausforderung, indem ich ihm die

Mütze vom Kopfe riß und in denselben Schmutz hineinwarf. Er ließ sie

trotzig liegen und erstattete dann beim Rektor ~Heine~ die Anzeige

meiner angeblichen Missetat. Meine Entschuldigung, daß ich der

Angegriffene gewesen sei, wurde kaum angehört, und ich erhielt den

Befehl, die Mütze in ordnungsmäßigem Zustand wieder herbeizuschaffen.

Das war aber nicht möglich, da sie inzwischen von fremder Hand

entwendet war. Infolgedessen erhielt ich zunächst eine Arreststrafe, so

daß ich nicht zum Mittagessen gehen konnte und den ganzen Tag hungernd

in der Schule bleiben mußte. Als am nächsten Tage die Mütze noch

immer nicht zur Stelle war, wurde ich von dem Herrn Rektor nach Hause

geschickt mit der Bemerkung, ich sei von der Schule entlassen.

Jetzt hielt mein Vater es an der Zeit, einzugreifen, und sandte mich

am nächsten Tage mit einem Brief an den Herrn Rektor zur Schule

zurück. Ich habe den Inhalt desselben niemals kennen gelernt,

aber es mag manches kräftige Wörtlein drin gestanden haben von

willkürlicher Behandlung des kindlichen Streites und vom Appell an

die Staatsregierung, falls der Rektor seinen ganz ungesetzlichen

Ausweisungsbefehl aufrechterhalte.

Die Wirkung dieses Briefes war in der Tat erstaunlich. Ich konnte ruhig

meinen Platz in der Schule wieder einnehmen und habe mich seitdem einer

guten und gerechten Behandlung erfreut. Ja, ich kann sogar sagen,

daß ich mit dem Herrn Rektor später auf recht gutem Fuße stand; denn

er liebte wie ich die Mathematik und er freute sich, mir schwierige

Probleme klar zu machen. Ich habe ihm ein besseres Gedenken bewahrt als

den meisten anderen Lehrern aus der Gymnasialzeit.

Noch nicht 13 Jahre alt wurde ich aus der Tertia der letzten Klasse

der Schule mit einem guten Zeugnis entlassen und mußte nun auf ein

Gymnasium übertreten.

Bis dahin waren alle Söhne der Familie, die sich höheren Studien

zuwenden wollten, in das Gymnasium der früheren Universitätsstadt

Duisburg eingetreten, da es unter protestantischer Leitung stand, einen

guten Ruf genoß und auch nicht allzu weit von unserer Heimat entfernt

war.

Aber unglücklicherweise war es kurz vorher meinem Vetter ~Ernst

Fischer~ auf der Sekunda dieses Gymnasiums schlecht ergangen; er war

bei einem kleinen Verstoß gegen die Schulregeln ertappt und zu einer

verhältnismäßig hohen Karzerstrafe verurteilt worden.

Da die Strafe auch von unseren Eltern als zu hart angesehen wurde,

so nahm man ihn von der Schule weg und diese kam dann überhaupt

für unsere Familie in Verruf. Es wäre nun für uns am einfachsten

gewesen, ein Gymnasium in Köln, Bonn oder Aachen zu wählen, aber

meine Eltern und ganz besonders meine Mutter legten Wert darauf, daß

wir eine protestantische Schule besuchten, und so fiel die Wahl auf

Wetzlar, obschon diese Stadt eine volle Tagereise von unserer Heimat

entfernt war. Um sicher zu gehen und um unseren starken Drang nach

Selbständigkeit zu schonen, rieten uns die Eltern selbst, zuvor Wetzlar

anzusehen und ein passendes Quartier auszusuchen.

So reiste ich denn in den Herbstferien 1865 mit meinem Vetter ~Ernst

Fischer~, der 4 Jahre älter war, und in Begleitung von Vetter ~Lorenz~

über Cöln nach Wetzlar. Die altertümliche Stadt gefiel uns. Wir

fanden auch bald ein nach unserem Begriff gutes und vor allen Dingen

freiheitliches Quartier bei einem Bürger, der den größeren Teil seines

Hauses an Gymnasiasten und einjährigfreiwillige Soldaten, die im

dortigen Jägerbataillon standen, vermietete.

Nach der raschen Beendigung der geschäftlichen Angelegenheit setzten

wir vergnügt unsere Reise fort über Gießen nach Frankfurt a. M. Diese

alte Stadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten und historischen

Erinnerungen hat auf uns einen großen Eindruck gemacht. Aber unser

Aufenthalt erfuhr eine jähe Unterbrechung, veranlaßt durch einen Besuch

in einem Mädchenpensionat, wo meine jüngste Schwester ~Mathilde~ als

17-jähriger Backfisch zur jungen Dame erzogen wurde. Sie war außer sich

vor Freude, den Bruder und die Vettern so unerwartet wiederzusehen und

bestürmte uns sofort mit der Bitte, sie in einen Zirkus zu führen, der

damals in Frankfurt gastierte.

Die Leiterin der Pension gab nach einigem Widerstreben ihre

Einwilligung, stellte aber die Bedingung, daß wir außer der Schwester

noch eine zweite junge Dame und eine Lehrerin zur Aufsicht mitnehmen

und dann den ersten Platz besuchen müßten.

Mit vornehmer Ritterlichkeit gingen wir auf diese Bedingungen ein.

Aber die Auslagen waren für unsere bescheidene Reisekasse zu groß, und

am nächsten Morgen beeilten wir uns, die schöne aber teure Stadt zu

verlassen. Das übrig gebliebene Geld reichte noch gerade aus, um auf

den billigsten Plätzen über Mainz, dann mit dem Schiff rheinabwärts

über Bonn nachhause zurückzukehren. Es war meine erste größere Reise,

hatte 7 Tage gedauert und hinterließ bei mir einen so günstigen

Eindruck, daß die Reiselust mir bis ins Alter treu geblieben ist.

Bald darauf kam der Abschied vom Elternhause, in das ich nun viele

Jahre hindurch nur noch in den Schulferien zurückkehrte. Der

glücklichste Teil der ersten Jugend war vorüber; denn ich habe es

draußen niemals so gut gehabt, wie unter dem Schutze und in der

fröhlichen Atmosphäre des Vaterhauses.

Trotz des Wohlstandes, der von dem erfolgreichen Betrieb des Geschäftes

herstammte, war unser materielles Leben zwar recht behaglich, aber

doch einfach. Verwöhnt waren wir nur durch die gute, kräftige und

wohlschmeckende Nahrung, auf deren Zubereitung man im Rheinland damals

viel größeren Wert legte als in den meisten übrigen Teilen Deutschlands.

Auch der Wein floß reichlich in unserem Hause, in dem häufig Gäste

verkehrten. Aber es war strenge Regel, daß wir Kinder unter 14 Jahren

von dem Genuß aller geistigen Getränke ausgeschlossen wurden. Vor allen

Dingen stand das Familienleben im Zeichen der Fröhlichkeit, die durch

das Wesen meiner Eltern und ihre glückliche Ehegemeinschaft bedingt

war.

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