Curtis Brautfahrt

An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen

überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein

Mann Namens Jeremias Curtis.

Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen

sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau

an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem

erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's

Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs

und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen.

Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte

indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch

wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und

schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu

heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias

Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte,

sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn

vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau

wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine

Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen

Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne.

»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür

auf- und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß;

hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht

gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen

_wollte_, er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem

guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit

»Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes

Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen;

zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß

und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in

die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren);

einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn das _seine_

Sau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche

Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider

(zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky

Jeannet[5], die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und -- die

Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert

und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde -- _harten Gelde_!«

5: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug.

Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male

»_hartem Gelde_ -- keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld

-- Arkansas-Real-Estate -- 72 pro Cent Discount -- Puh!«

»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei

der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren

Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte,

wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause

vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen

gestikulirte.

»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er

stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde

Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen.

»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob

ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann

übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr

verlangt.«

Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze

hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das

Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die

sogenannten _Kobs_, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den

Boden scharrte.

»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich

den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der

Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen

Kopfe auf- und niederfuhr -- »nun warte -- ich hole dir noch ein paar

Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der

Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger

Beistimmung, hellauf wieherte.

Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit

wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames

Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken

dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen

Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen,

neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars -- harte, silberne

Dollars.«

»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er

zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen

extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah -- »ich will fortreiten

-- hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus -- und reich' mir den

Zügel heraus -- er liegt unter meinem Bett.«

Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis

seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den

Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten

Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den

etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in

tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer

Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie

drückte er sich den Hut -- fast etwas zu tief -- in die Stirn, schwang

sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten,

wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.

»Nancy«, sagte er endlich -- »ich will ausreiten.«

»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«

»Ja Nancy, und -- wenn ich vielleicht -- es könnte sein, daß ich -- ich

setze den Fall ich käme -- nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das

Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; -- wir -- wir bekommen

vielleicht -- Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend,

setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende

Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort.

Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd

und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem

Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:

»Nun wenn _der_ nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht

Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber

doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß

hinauf -- sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter -- ih«

-- lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad

wieder beginnend -- »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja

wahrscheinlich seine Auserwählte heim.«

Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße

entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu

bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende

Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt,

entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber

kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich

Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können,

ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal

mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den

lieben Gott für das weitere sorgen lassen.

Im besten Mannesalter, sah er -- Nancy hatte ihm das selbst mehr als

einmal versichert -- gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags

seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße

Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu

partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd

hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann

wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen

kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten

Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme

den geistlichen Gesang auf's Neue.

Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft

fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses

entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte;

anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen

Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam

seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt

mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.

Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer -- das er in einer

ledernen Scheide im Gürtel trug -- an einem Baum befestigt, dann

förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe

der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte

nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.

Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt

befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für

einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr;

leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches

Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und

fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen

mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die

Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge

von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er

hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte.

Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da

einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen

hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines

ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu

erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier

silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich

wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser

beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl

ausersehen.

Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen

»guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner

zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt,

als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin

zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die

Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber

wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so

völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal

die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit

aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der

einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene

Schwester.

»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst

wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy

zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um

Ihre Toilette zu machen?«

»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer

noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein -- »er übte sich schon im

Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche,

aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die

Kriegsfarben trägt.«

»Das ist möglich,« kicherte Lucy -- »dort im Baum steckt sein

Scalpirmesser.«

»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß,

»dann müssen Sie ja auch _tanzen_, und da Sie doch jetzt erst zu den

Methodisten --«

»Miß Lucy -- Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme

Curtis -- »ich -- ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig

Dollar --«

»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon

im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel

-- buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten

Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht

-- Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke

nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß

der Wald tönend das helle Echo zurückgab.

Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes,

stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher,

erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er

in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine

unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser

für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth,

auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu

lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz,

hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin

entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug

jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was

sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle

allein zu thun hätten.

»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu

rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie

in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen

Sie das freundliche Gesicht Jessina's?«

Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig

Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden

Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen,

vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte

und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die

je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.

»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme

Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen,

doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick

vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort

zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden.

Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.

Nein -- Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern

auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche

Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage

wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh -- sehr viel Vieh und

-- was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders

von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen

Sprößling aethiopischer Race -- romantische Gebilde von fabelhaft großen

Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren

Seele vorüber -- jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens

zweitausend Dollar werth -- er drückte sich den Hut etwas fester auf

den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr

Betragen zu bereuen -- sie flüsterten leise und ernst zusammen -- sie

wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten -- Reue

kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf

keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte

erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der

Sterblichen zu machen.

Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf -- der

Augenblick der Entscheidung war da.

Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:

»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn --«

»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung

schöpfende Freier, -- wie können Sie nur glauben, daß ich -- ich

habe --«

»Wenn ich eine Frage an Sie richte --« fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung

zu beachten, fort -- »Betsy und ich haben miteinander gestritten

-- Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung

ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke

mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?«

Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb

begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd

am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden

Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern

ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo

fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung

auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren

schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem

Sprung im Sattel.

»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er

hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase,

so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen

Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu.

Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und

bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu

necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts

von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihm _teuflisch_

vorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er

schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich

anfing, die Sache ruhig zu überdenken.

»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres

ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den

gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch

größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem

gesegneten Morgen genossen? Aber gut -- gut -- spottet nur, lacht nur,

meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen

Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch

einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner

Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten

Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch

lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.«

Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob

drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er

eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über

die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln

umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im

Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen

Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog.

Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte -- denn

diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten

gegenwärtig gar nicht für ihn -- gehörte einem Leidensgefährten, einem

Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des

alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht

und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische

Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens

Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil -- die Neger

fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden,

seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche,

sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht

geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten

Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb

Lucy und Bet -- aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen

denken -- sie verdienten es nicht.

Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an

dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und

nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene,

schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben;

die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief

das lockende »Huph -- huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch

schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die

kühle Nacht herbeischaffen mußte.

Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und

Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte,

und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben,

vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus

dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme

und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.

»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas

fernwohnenden »Nachbar« erkannte, während er im Holzhacken einhielt und

dem Ankommenden entgegentrat, -- »das macht Ihr gescheidt, daß Ihr Euch

endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm

Bill -- nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen

hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch

nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles

Acht geben.«

Curtis athmete hoch auf -- in der Thür der Hütte stand Anna, das holde

liebe Kind, und lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter

seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er stieg aber

vom Pferd, schüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und

herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau

nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot.

»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer

gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem

Genickfänger einen Span zu zerschneiden, -- »wie steht Euer Mais? schon

gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist

merkwürdig trocken dieses Jahr.«

»Nicht so ganz -- wenigstens nicht bei mir,« erwiederte Curtis, dem es

war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand

dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer

brodelnden Abendessen vom Gesims herunter -- »mein Feld liegt, wie Ihr

wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin -- neun Acker urbar gemachtes

Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben -- eine schöne

Fenz, drum --«

»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht

aufnehmen.«

»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem

Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man

behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere

Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), »Mr. Ewis, mein Land wurde durch

die Feldmesser ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen County

erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebäude, ein

Rauchhaus, eine kleine Küche --«

»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner dies Frühjahr viel Saat

weggefressen? ich mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal

nachpflanzen.«

»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete Curtis, auf's Neue die

Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum

im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich habe einen kleinen

Neger, und der muß gehörig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen

kleinen Neger« -- er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf

schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz

ernsthaft am Tisch, und war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu

ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer -- »kleinen Neger zu haben«,

fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei

die hundert und funfzig --«

»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen?

oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich

mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getränk.«

»Oh bewahre -- ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da

ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen

hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige

Arbeit gethan zu bekommen.«

»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, während er mit

dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend

zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der

Absicht seines Besuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles

eifrig in den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche

seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfügt, blos um bei ihm

zu übernachten. --

»Hm« -- sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter,

bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit

eisernem Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte.

Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die Sache, und schien das

=pro= und =contra= bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber

doch wohl das =pro= den Sieg davon getragen haben, denn er stand auf,

und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus.

Curtis war auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte was er

brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der übrigen

Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte

Eigenheit, daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, durfte, wie

der Alte meinte, bei einem Mädchen auch weiter keinen Unterschied machen,

wenn der Mann nur sonst brav und gut wäre.

Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft _gegen_ sich, wohl aber alle

die andern _für_ sich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade

keine übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten auf seiner

Seite habe, und beschloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell

in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf

ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die

Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem

Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm

wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen:

»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal

herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.«

Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte sich aber endlich

ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem seiner zärtlichsten

Blicke:

»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy besuchten, vielleicht

gefiel Ihnen der Ort?«

»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, »sie hat es versprochen.«

Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's

Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen:

»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen suchte.

»Ja!« sagte Anna.

Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald über die

an der Wand hängenden Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten

Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt,

die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu

sehen.

»Miß Anna!« sagte Curtis.

»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend.

»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der Freier, »daß ich einzig und

allein darum hierher gekommen bin, um -- um Sie -- um mich bei Ihnen

-- bei Ihnen zu erkundigen, -- ob Sie --«

»Ob ich?« -- fragte das Mädchen, den neugierig lächelnden Blick fest auf

ihn gerichtet.

Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle

Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so -- er wußte selbst

nicht wie, so -- so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's Neue sein

Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen,

die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend --

»Haben Sie das selber geräuchert?«

Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn so lange

dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten

in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war.

»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen geritten?« frug sie endlich

mit noch thränenden Augen, »blos um sich zu erkundigen, ob ich das

Fleisch geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer

haben können, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.«

Curtis wurde leichenblaß -- er wußte, sein böses Geschick arbeitete

jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch

unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte

ihn --

»Ich habe einen kleinen Neger --«

»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,« kicherte Anna.

»Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.«

»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte Ewis, der durch das

Gelächter angelockt, in die Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig

-- ich glaubte --«

»O Vater, denke Dir nur --« lächelte Anna -- aber ein flehender Blick

des Unglücklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie

hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein

lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nöthiger Arbeitszeit,

und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf

einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen sind, da wird

und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis

war aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaßen

_prophezeit_ worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen,

was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und

Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen auch schon zusammengekichert

und gelacht, welche von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine

Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten würden. Auf diese

Art war gewissermaßen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und

er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem

Maskenball umherwandert, fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen

kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand

angeheftet, seine eigene Visitenkarte trägt.

Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte

also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war

dann sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen,

wich aber sorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging sogar

ebenfalls hinaus, als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's

Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und überzeugte die

beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß sie auf die Pläne, die sie

zu brüten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei.

Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig -- es war ihm, als ob ihm

die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund

und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die

Mahlzeit wurde auch sehr abgekürzt -- der alte Ewis führte allein das

Wort, erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther

gefressen haben sollte und die nachher wieder plötzlich zum Vorschein

gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein

stilles, einsames Lager suchen.

Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen

Lebensmuth sog er aus diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem

zweiten, eigentlich nur _ersten_ Versuche abschrecken lassen, denn bei

Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein -- noch gab

es mehr und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und solche auch

wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers

und seiner hundert und fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des

anderen Eigenthumes zu gedenken.

Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hüllte er sich

dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in

seine Arme.

Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein

Pferd; dringende Geschäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch

weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen

durch die Thüre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt,

drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der

Countystraße weiter.

»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich selber, »wegwerfen thust

Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein

ordentlicher Kerl und hast« -- er griff plötzlich dem Pferd in den

Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und im Reiten an. Ein Gedanke

durchzuckte ihn -- »ich glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen

Neger lustig gemacht -- sie lachte auf eine höchst unanständige Art,

als ich ihn erwähnte -- nun gut,« fuhr er, dem Braunen den linken

Sporn wieder eindrückend, fort, indem dieser einen, der Anreizung

entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den

thauträufelnden, duftigen Zweigen davonflog, »nun gut -- wir werden ja

sehn. Doch Miß Anna -- die _Einzige_ sind Sie _nicht_ in der Ansiedlung

-- Sie wahrhaftig nicht.«

Aber armer Curtis! -- wieder und immer wieder solltest Du Deine

Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getäuscht und betrogen sehen;

wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen und

ach, an vielen Orten gar verspottet.

Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch

gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der,

der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht

wahr?« An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen

sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur

nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier

tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spät Abends an

der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen

Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten Nachbarn

zusammenkam und verkehrte.

Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe und brave Mädchen,

neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas

gestorben. Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr

Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besaß, und war ein sehr

schönes, dunkeläugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild und

ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon früher einmal bei Curtis

darüber beklagt, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen

Bengel zu heirathen, der -- _Advokat_ wäre. »Ein Mensch, der erstlich

einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei geäußert, »solle nie, so lange

er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern

zur Frau bekommen, wenn _er_ es verhindern könne -- ein Advokat, der

den Leuten weißmache, roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig

nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst derselbe Lasse

seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's

Kühen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er -- Peterson selbst, die

Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen wollte,« über dessen

Fenz hängen sehen? nein -- ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande

sei, der sei zu _Allem_ fähig. Überdies konnte er nicht einmal einen

Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, und hatte ihn selbst

-- er konnte das beschwören -- gefragt, ob die Baumwolle auf solchen

Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und die Baumwollenbäume

hießen.

Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage

werden? nein -- Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und

zwanzigsten _müßte_ sie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde sie schon

Vernunft angenommen und eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich

und trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte

bewahrte.

Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen;

ja so herzlich, daß er schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über

seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich

zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider schienen die

beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen

geführt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt,

kein Wort, keine Sylbe äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon

mißtrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden

Teufel, der in den Herzen der Waldschönen lauerte.

Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm

-- plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar

Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- Curtis hatte es deutlich

gemerkt -- so forschend, so theilnehmend an, daß ihn einmal, als er

diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter,

aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon

in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel

beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er

ließ sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein

lassen -- rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas

Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie

trage, und meinte dabei:

»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt

besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt -- das, ist

der Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann --«

»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte Kitty, die jüngste, mit

einer etwas malitiösen Betonung auf dem Pronomen.

Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber schnell aus

der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr

Zeug selbst gewoben und hielte es auch für passend, daß eine Hausfrau

das thun solle.

Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde

gesprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die

Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschütten

wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem

einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos darum

gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, darüber war Niemand in der

ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« dachte

er bei sich selber, »hat sie doch endlich den verwünschten Advokaten

vergessen; ich wußte es aber wohl, der _Rechte_ mußte nur kommen; das

ist mit allen Mädchen so.«

Das Abendessen war verzehrt -- der alte Peterson hatte sich, sehr

vernünftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, »wenn er sich

niederlegen wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten

ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten Bemerkungen

ihre Arbeit, verschwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an

den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand

sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen.

Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, seiner ersten Frau

die Leidenschaft gestanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein

unbeschreiblich ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn wenn

er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen etwas abgestumpft

geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte

er doch, daß hier Alles -- Alles für ihn spreche, denn Fanny wäre sonst

nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen.

So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein

sein würde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit

der Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er

nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und

fing an zu schnitzeln.

Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, also so weit

wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben

gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es nicht, er wußte

keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und

doch fühlte er wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen

würde, wenn er noch länger so still und stumm wie der Klotz, der neben

ihm zum Nachlegen lehnte, da saß.

Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine

Zunge in Banden hielten und sagte zögernd:

»Miß Fanny -- sind Sie noch nicht müde?« -- er fühlte, sobald ihm die

Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts

Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch wenigstens _Worte_

gewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten.

Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises

Lächeln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und für einen

Augenblick stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte,

wunderliebliche Grübchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen

aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur

mit leiser Stimme sagte sie:

»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich weiß

nicht --« »Miß Fanny,« stotterte Curtis.

»Onkel schläft schon,« meinte Fanny -- »wir werden ihn wieder aufwecken

durch unser lautes Reden.«

Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von

seinem Stuhle auf und rückte diesen neben das schöne, leichterröthende

Mädchen.

»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen,« meinte

er.

»Aber Mr. Curtis.«

»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle

Furcht und Scheu überwunden hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben,

daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll-Fest?«

Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzähne und blickte

still vor sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt selbst mit

niedergeschlagenem Blicke fort -- »ich habe Niemanden zu Hause, der

-- der Theil an mir nimmt -- oder der -- der mich lieb hätte; ich -- ich

habe lange gewünscht, -- lange gewünscht ein Herz zu finden, das -- das

gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen -- Miß -- Miß

Fanny.«

Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite

des Kamins neben ihr herunter hing. --

»Und wollte Sie fragen, Miß« -- fuhr Curtis mit angehaltenem Athem

fort -- »ob Sie -- ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten,

der -- der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in

seinen Kräften steht, Sie glücklich zu machen.«

Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das

Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust

beängstigt hatte.

Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ängstlichen Blick

nach der Thür und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen

Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht war.

»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen kühn

gemacht, der Glückliche -- »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener

Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, und mit jedem neuen

Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht -- ich habe

ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus

-- neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines

Rübenstück -- zwei ausgezeichnet gute Pferde -- sieben und dreißig Stück

Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem

-- die beste Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von --«

Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren,

und Fanny barg plötzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab

-- Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; -- lachte sie ihn aus?

Eine peinliche Pause entstand -- um Gotteswillen -- sie schluchzte.

»Ach Gott! -- Miß Fanny -- was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend

etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch -- Sie

bringen mich zur Verzweiflung.«

»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen noch immer hinter dem

Tuche vor --

»Miß Fanny,« bat Curtis.

»Für wie eigennützig -- niedrig denkend müssen Sie mich halten, daß Sie

mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz

bestechen zu wollen.«

»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und

Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er

fühlte, wie Recht sie hatte; -- Freude aber, da dieser Ausbruch des

Gefühls ein sicheres Geständniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude

trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.

»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die Hände -- »Fanny -- wollen

Sie die Meine sein?«

Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem Gesicht reichte ihm ihre

Hand, die er glühend an seine Lippen preßte.

»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich das holde Mädchen, indem

sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand -- wie mit Purpur

übergossen war ihr liebes Angesicht -- »wir müssen uns für heute Abend

trennen -- sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.«

»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille

legen, »Sie haben mich zum Glücklichsten --«

Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter

kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und

Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen gelagerten

Rüden an, und umbellten wüthend das Haus.

»Was um Gotteswillen?« rief Curtis.

»=Sick' em=!« sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend.

»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen zu; »gute Nacht, Mr.

Curtis.«

»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser entzückt, drückte noch

einen heißen Kuß auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte

und suchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager.

Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte

es ihm in den Schläfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese,

bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hähne

krähten schon wieder, draußen im Walde kullerte der wilde Truthahn und

die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf

der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten

Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der

Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, in's Feuer warf.

Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier

gestand er ihm denn seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer

Einwilligung gewiß zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung.

Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet,

sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue,

daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen,

und versprach ihm dafür zu sorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl

gehen solle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht

allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches

Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum

mitbrächte.

Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wünschte nun mit

seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem

nächsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt

zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und

sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter

Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets

den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten

Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.

Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit

zufrieden, und seinem Wunsche nach wären sie augenblicklich aufgebrochen;

Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, daß der

Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorschlug,

den nächsten Morgen abzuwarten, »sie wünsche bei einer Freundin, die

etwa auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu

übernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein würde, da sie dort

schon viel von ihm gesprochen.«

Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste Bitte abschlagen können?

was Fanny wünschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen

Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da

er der dringenden Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der

Nichte einen Zettel[6] für den Friedensrichter, der -- freilich etwas

unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wünschen

bekannt zu machen.

6: Der Zettel lautete wörtlich: »=Plees Sir -- merry the too young

peepel; yoors M. Peterson.=«

Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in

welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünschte, wurden hier auf das

Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich

Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung

ward übrigens sehr lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel

von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus den Ozark-Gebirgen

zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrängende

Wetterwolken eine stürmische Nacht verkündeten.

Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei Nächte lang hatte er

fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er

sich befunden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung und

Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer

bemerkte auch bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte ihn in

die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er

sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos

gewesen, in die Arme sank.

In der Nacht machten die Hunde einmal einen fürchterlichen Lärmen, und

Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte

aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und

ein Auf- und Zuschlagen der Thüren erweckte ihn.

Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des

Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg,

und der Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um

seine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch

noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends.

Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran

gewöhnten Hinterwäldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der

Bettdecke soweit an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den übrigen

Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum

Feuer.

Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen.

»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen

Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf,

hinter denen die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen Sie

es schon?«

»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht -- »wissen? was?«

»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener kopfschüttelnd.

»Von was denn, um Gotteswillen?«

»Hm!« sagte der Alte --

»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen?

was soll ich wissen? so reden Sie doch -- wo ist Fanny?«

William, Petersons ältester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf

bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte sich den

Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell -- ihm ahnte Schreckliches.

»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus

nicht mehr sehen konnten, stehen blieb -- »Mr. Curtis, ich habe einen

Auftrag an Sie auszurichten?«

»Auftrag -- von wem?«

»Von Miß Fanny Lowland!«

»Von meiner Braut?«

»Von Miß Fanny Lowland.«

»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder

heimgekehrt?«

»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William.

»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, »ja das ist was

anderes; aber so lange hätte sie doch noch warten können, bis ich mich

angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach --«

»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden zurück -- »ich habe

auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.«

»Einen Brief? von wem?«

»Von Miß Fanny Lowland!«

»Von meiner Braut?«

»Von Miß Fanny Lowland.«

»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« dachte Curtis, und riß dem

Lächelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt,

und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, tröstliche

Nachricht.

»=Dear Sir= --

Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List verzeihen, zu der mich

freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen

Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch

Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hörte ich von Ihrer

Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die

Nachricht gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter

angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen

lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so

konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu

sehen. Mein Plan war augenblicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die

schriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen

-- ich sandte meinem Bräutigam durch einen sicheren Neger Kunde,

und versuchte nun selbst, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will

aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben,

die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm

wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber führten

mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erst

mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich

abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, -- sein Weib.«

Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz seines

Begleiters -- dann fuhr er fort zu lesen.

»Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames

Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die

hundert und fünfzig Dollar -- leben Sie wohl und machen Sie eine

Andere glücklich.«

»=P. S.= Meine Cousinen wußten Nichts von meiner List, auch

Peterson's haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann,

der Ihnen diesen Brief übergiebt, ist im Geheimniß -- ihm können

Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schwestern; und da Sie

gerade an Ort und Stelle sind -- doch einem Manne von Ihrer

Erfahrung --«

Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken

seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die

Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den

jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen;

dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund,

trat lächelnd näher und sagte leise, des Ärgerlichen Arm ergreifend:

»Pst, Mr. Curtis -- Blatt vor den Mund -- um Gottes Willen Blatt vor den

Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder

-- Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, wahrscheinlich nicht hier

wieder vorbei -- also _stillgeschwiegen_, das ist das Gescheidteste,

was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit einem Mädchen, das

Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.«

»Ich will ihr nach« knirschte Curtis.

»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. »Wollen Sie einen guten Rath

annehmen, Mr. Curtis?«

Curtis sah fragend zu ihm auf.

»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen --«

»Sir!«

»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber -- gehen

Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen

nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.«

»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen

bedarf,« rief Curtis entrüstet, eilte zum Hause zurück, warf dort seinen

Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen

wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten,

drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal die Zeit nahm

festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden

»good bye« oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die

Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu.

Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin

strich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der

nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine Wangen

und -- seinen Jähzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zürnender

Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, aber

des jungen Peterson's Worte: »Sie werden nur ausgelacht,« schallten noch

immer in seinen Ohren.

»_Ausgelacht_?« er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend

auf die Straße nieder; »_ausgelacht_ -- und hat jenes -- Geschöpf

-- verdient, daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel auf die

frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen

augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern

geritten.

Curtis -- der fromme Curtis fluchte -- er schwur, er wolle verdammt

sein, wenn er nicht Rache -- »nein -- er wolle _nicht_ verdammt sein«

-- sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und

sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.

»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, »Curtis, bist

Du nicht ein rechter strafwürdiger Narr gewesen?«

Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte

-- es hatte Hunger. »Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und

ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung

weiter zu beachten, »hast Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten

gesucht, während Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis -- Du

hast diese Strafe verdient -- lange hättest Du merken müssen, daß Dir

Nancy gut sei, und -- gestehe es Dir nur ein, Du _hast_ es gemerkt,

Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich liebe, aber von schnöder

Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben,

verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und

das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten und zu

pflegen.«

Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder,

dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken

durchglüht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den

Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit Folge leistete, und

sprengte dann »daß Kies und Funken stoben« -- zurück, der eigenen

Heimath zu.

Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, deshalb verließ er

bald die breite ausgehauene Countystraße und trabte durch den Wald dem

Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann

durchschneidend erreichte er bald den Fuß der südlich liegenden Hügel,

wo er wußte, daß er, ohne an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine

eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel und

so schnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter.

Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe -- die ganze

Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn

dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, seine Pläne

untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses

verübt? war es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen wachte und

die schönsten Keime noch in der Blüthe erstickte? -- nein -- er hatte

sonst in Allem Glück, seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein

Viehstand wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es selber zu hoffen

wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerriß der Panther

weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger

vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er

ein ordentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, aber

tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der

Arbeit unermüdlich.

Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt,

verschmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenschaften

seine Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden

wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die

Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen

Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war _verlacht_ und

_verspottet_ worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen

anerkannten _Schuft_ geheirathet, als einen Mann, der sich einmal

-- _lächerlich_ gemacht.

Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß hinfüro die Aufzählung

seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde -- »doch«

-- fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort -- »was bedarf ich dessen

weiter -- Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn sie kennt

meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück

zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden

suchte.«

Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeschieden

von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Hütte

gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche

Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; schlief auch, da er die

Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von seinem Unglück erfahren

haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die

Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, schon wieder unter

Weges.

Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen

fortgetrieben, und freudig und stürmisch klopfte sein Herz, als er

endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem

Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.

Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog

erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefühl den schöngeformten

Hals. -- Ha -- da war Nancy -- sie hatte das bekannte Wiehern des

Braunen gehört, und war in die Thür gesprungen, das heimkehrende Paar zu

begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern

den Herrn und dessen -- Frau; sie blieb auch etwas überrascht in der

Thüre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber

drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht

vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und sagte:

»Guten Morgen, Nancy?«

»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche Mädchen, »Sie scheinen

ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten

Gesellschaft?«

»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung

weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr

aufsah -- »wie ist es die Tage über gegangen?«

»Danke -- gut, Mr. Curtis -- sehr gut -- aber warum steigen Sie denn

nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert

und gekehrt.«

»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den

-- kleinen Neger nieder, der höchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem

Pferde nach dem Zügel griff -- »ja Bob,« rief er diesem dann zu, »führ

ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der

Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei

können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er sich dann an das junge

Mädchen -- »ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas

fragen.« --

»Mich? -- ei um was denn?«

»Sollst es gleich erfahren, aber -- Du hast Dir ja all Deine

Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nähe?«

»Ach Mr. Curtis -- ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,« sagte Nancy,

und wurde feuerroth.

»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte dieser, »heraus mit der

Sprache -- was ist's?«

»Ach, Sie werden mich auszanken!«

»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?«

»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen

Neger« --

»Oh -- Unsinn,« sagte Mr. Curtis.

»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« fuhr Nancy fort.

»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzählen?«

»Mr. Pelter, Sir, -- der junge Mr. Pelter.« --

»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die

Füße abgelaufen hat?«

»-- Nein -- er -- er hat,« sagte Nancy zögernd und bis in die Haare

hinauf erröthend -- »er hat um meine Hand angehalten.«

Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte

dem Mädchen so wild, so stier in's Auge, daß dieses erschreckt einen

Schritt zurücktrat und ausrief:

»Mr. Curtis!«

Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen

Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem

andern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erste nachzudenken,

während schon das zweite und dritte nachbricht -- die ganze Sache kam

ihm komisch vor -- er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing

dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.

Nancy sah ihn erschrocken an -- was konnte dem Manne wohl fehlen? sein

ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen -- sollte er -- es

wäre schrecklich -- übergeschnappt sein? --

»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an --

»Jes Massa.«

»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich muß fortreiten.«

»Aber Mr. Curtis« -- sagte Nancy.

»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?«

»Sobald Sie zurückkamen -- heute« -- stotterte Nancy.

»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?«

»Gern -- von Herzen gern -- welchen?«

»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis

ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?«

»Das will ich mit Freuden, aber -- wo wollen Sie denn hin?« --

»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« sagte Curtis, und

trat vor die Thüre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen.

»Good bye Nancy« -- sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang.

»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie ihm kopfschüttelnd

nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, über

den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt

links, rechts in die Countystraße ein, und murmelte, als er dem feurigen

Rappen den Hacken fester in die Seite drückte:

»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen

könnte.«

* * * * *

Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und wie es hieß, sogar über

den Mississippi hinüber.

Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern,

keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, schloß nicht mit

Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie

sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Mensch

allein sei, besonders in den dichten Wäldern des fernen Westens, so

verband schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreise der

benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und »der junge Mr.

Pelter« zog, da »die Heerden doch unmöglich so lange ohne männliche

Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter auf Curtis Farm.

Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günstige Nachrichten über

Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem

freundlichen Leser mitzutheilen, ob _Curtis eine Frau bekam_.

Schulen in den Backwoods.

Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte

Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das

Erlernen von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten

anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff

gegenüber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem

Menschen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur so viel als er zum Stiel

einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm

so gering erschienenen Span angegriffen und gefällt sah. So ist es mit

den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Hütte,

im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen

Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber

ihre Fähigkeiten wachsen -- bald stehen ihnen die sie umstarrenden

Riesenstämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume

fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und

Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen

knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär sein stilles

und ungestörtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche

Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers

und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will.

Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des Lebens folgt die trockene,

ernste Prosa, der fröhlichen Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter,

den bunten, glänzenden Luftschlössern des Kindes die düsteren, kalten

Gebäude des Mannes mit ihren zugigen Gängen und rauchenden Kaminen,

dem Brautstand die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug und

die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibstube des Gelehrten

und Kaufmanns. Die Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der

Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich

rauchenden Hütten des Landmanns, aus den blühenden Städten und belebten

Landstraßen, die sich zwischen grünen Hecken und blühenden Obstbäumen

hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tausend qualmenden Fabrikschlünden

wälzt sich erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger Mehlthau

auf die grünen Matten, der Staub der Landstraßen bedeckt Blätter und

Blüthen, und gespalten und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde,

des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau und Erquickung.

»Die Welt ist civilisirt und hat ihren großen Endzweck, sich zu

vervollkommnen, erreicht,« so sagen die Weißen; der Indianer aber

wickelt sich schweigend in seine Decke, wirft noch einen trauernden

Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie sein Alles,

seine Heimath, sein Glück zerstörte, Verwüstung erscheint, und -- stirbt.

-- Die Welt ist civilisirt.

Doch ich spreche hier Gefühle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang

finden möchten; die Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier

nicht anders -- sie sind sich »nur des einen Triebes bewußt,« und es ist

auch vielleicht recht gut so; das wilde Leben _muß_ der Cultur, die rohe

Kraft dem höheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers düngen

mit dem Wald, der einst seine Heimath war, den Acker des weißen Mannes.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht diese Umgestaltung mit

rasend schnellen Schritten vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die

Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tausend verschiedenen Stellen

hinüberleckt und weit und weiter um sich greift, so bricht sich auch

Aufklärung und Cultur im Norden, Westen und Süden Bahn durch die

Wildniß, und noch von den Wigwams der Ureinwohner umgeben, entsteigen

blühende Pflanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des

erstaunten Indianers dem Boden.

Die Bevölkerung der verschiedenen Staaten ist namentlich in den letzten

zehn Jahren ungeheuer gewachsen; nach einer Zählung vom Januar 1840

belief sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt

auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter diesen waren 386,245 freie Neger

und Abkömmlinge von Negern, oder sogenannte =coloured persons=, ferner

2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. Von den letzten 14

Millionen waren 6,439,700 zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von

diesen konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. Hieran waren

aber bis jetzt größtentheils die Kriege und Kämpfe mit den Eingebornen

Schuld, denn die kühnen Pionniere des Westens, allein und unbeschützt

zwischen ihnen feindlich gesinnten Stämme vorgedrungen, konnten, wenn

sie wirklich die Kenntnisse dazu besaßen, keine Zeit darauf verwenden

ihre Kinder zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes

Leben und Eigenthum gegen den schlauen und wilden Feind zu schützen;

jetzt aber, wo dieser, mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der

Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzählungen der Nachwelt

leben wird, ändert sich auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder

dürfen allein das schützende Haus verlassen, um der meilenweit

entfernten Schule zuzueilen.

Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist beträchtlich; Universitäten

und höhere Schulen giebt es 173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und

von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten Instituten für die ersten

Anfangsgründe, von sogenannten Abcschulen, 47,209. Auf die erstern

werden dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern

1,845,244 Schüler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskosten oder

Freischüler gezählt werden müssen. Die Universitäten und Schulen

der östlichen und selbst der südlichen Staaten sind übrigens den

europäischen zu ähnlich, um hier besonders viel über sie zu sagen, die

westlichen oder Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch so

viel Eigentümliches aus, daß sie allerdings eine kurze Beleuchtung

verdienen, die manchem nicht uninteressant erscheinen wird.

Vom Staate selbst ist für die Erziehung der Kinder immer die sechzehnte

Section (640 Acker) jedes Townships[7] bestimmt, und wird das »Schulland«

genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorgehenden

Lehrers verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den sogenannten

Backwoods, geschieht wenig mehr mit diesem Landstrich, der, wie es sich

trifft, bald aus dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden

besteht, als daß höchstens ein kleines Blockhaus, das Schulgebäude,

darauf errichtet wird und der Schullehrer, welcher eine solche Stelle

selten auf länger als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahreszeit,

den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen davon urbar macht und

Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, was denn vielleicht im nächsten

Jahr, wenn sich sein Nachfolger nicht darum bekümmert, so verwächst und

verwildert, daß es, ordentlich wie zornig darüber, seinem Naturzustande

auf kurze Zeit entrissen gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von

Unterholz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten ist. Sonst

beschützen es aber die in der Nähe lebenden Ansiedler insofern, daß sie

den Flötzern (=rafters=) nicht gestatten, sich von diesem Landstrich,

wenn er gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, Stämme zu holen

und diese den Fluß hinabzuschwemmen, gegen welchen Erwerbszweig sie

sonst, wenn es blos Onkel Sams[8] Grund und Boden wie Holzung betrifft,

höchst nachsichtig sind.

7: Das Township selbst besteht aus einem Quadrat von sechzehn

Sectionen.

8: Launige Bezeichnung der =U. (nited) S. (tates). Uncle Sam=.

Wo Ansiedler nun ganz allein und nachbarlos leben, die z. B. in

den Sümpfen des östlichen Theiles von Arkansas und Missouri, wo sie

vielleicht 15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern müssen, ehe sie

die Spuren menschlichen Wirkens und Fleißes erblicken können, da hört

denn freilich jedes Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch

gar nicht angefangen; die Knaben durchstreifen den Wald und jagen und

fischen, und die Mädchen bleiben daheim bei der Mutter und spinnen die

Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann von seinen »Zügen« in

das nächste Städtchen mitbringt, oder die sie auch wohl selbst in einem

kleinen Feld neben dem Hause gezogen haben. Nähern sich aber diese

Ansiedlungen einander auf 5 bis 6 Meilen, dann fangen die Farmer an

sich nach einem Schullehrer umzusehen; gewöhnlich treibt Einer von ihnen

irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal auch einen Deutschen auf, und

der Grund zur Civilisation wird gelegt.

Haben sie den Schullehrer erst, dann stellt sich ihnen auch die

Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu bauen, wobei dieser gleich mit Hand

anlegen kann, die Nachbarn werden also zusammenberufen und in wenig

Tagen steht die kleine anspruchslose Hütte fertig mit Dach und Thüre da.

Zwar befindet sich das Kamin noch sehr im Naturzustande, und eine Diele

fehlt gänzlich, es ist ja aber »nur die Schule,« und da kommt das nicht

so genau darauf an.

Sind nun in dem District, aus welchem die Kinder gemeinschaftlich die

Lectionen besuchen sollen, recht gescheute Leute, die sich berufen

glauben, dem Manne, der ihr junges Amerika bilden soll, einmal ernstlich

auf den Zahn zu fühlen, so wird ein Examen angesetzt, in welchem der

Lehrer einige sehr verfängliche Fragen über Grammatik und amerikanische

Geschichte vorgelegt bekommt, und ihm verschiedene entsetzlich klingende,

und zu diesem Zweck besonders ausgesuchte fünf- bis sechssylbige Wörter

zum Buchstabiren aufgegeben werden; hat er diese Fragen zur Genüge

beantwortet und kann er (auf schöne Schrift wird weniger gesehen)

besonders recht schnell und klein schreiben, so ist sein Ruf begründet,

die Männer betätigen, daß er »=knows a heap=,« oder mit andern Worten

ein sehr gescheuter und gebildeter Mann sei, und am nächsten Montag

beginnt die Schule.

Von diesem Augenblick an ist der Schullehrer heimathlos, denn er geht

nun aus einer Hand in die andere, d. h. er »boardet« oder wohnt in

dieser Woche bei dem, in der Woche bei einem andern Farmer und hat

nirgends einen Platz, den er sein eigen nennen könnte, das Schulhaus

selbst ausgenommen, das sich übrigens stets in einem nichtsweniger als

wohnlichen Zustand befindet. Sein Gehalt beträgt von 10 bis 15, oft

sogar 20 Dollars den Monat, und täglich hat er dafür seinen Zöglingen

sechs, auch sieben Stunden zu geben. Diese kommen Morgens, wenn sie über

eine Meile entfernt wohnen, was auch fast bei allen der Fall ist, auf

ihren kleinen, indianischen Poneys angallopirt, binden diese an die das

Schulgebäude umgebenden Büsche, nehmen ihre Bücher und ihr Mittagbrod,

das sie in einer Blechbüchse bei sich tragen, mit hinein, und setzen

sich auf die zu ihrem Nutz und Frommen roh aufgeschlagenen Bänke von

weichem -- Holz.

Fenster hat das Zimmer oder vielmehr das Haus (denn das ganze Haus

besteht nur aus einem Zimmer) nicht, die Thür bleibt deßhalb offen, um

das nöthige Licht hereinzulassen; zum Schreiben aber läuft ein zwischen

zwei Stämmen an der einen Seitenwand schräg befestigtes Brett hin,

welches dadurch erhellt wird, daß man den Zwischenraum zwischen den

gerade über demselben befindlichen Blöcken nicht ausgefüllt hat, was,

wenn man diese Spalte nur an der Süd- oder Südostseite anbringt, dem

Zweck ziemlich entspricht, da es von der Wetterseite her hineinregnen

würde.

Die Hauptwissenschaft in diesen Anstalten besteht im Buchstabiren und

richtigen Abtheilen der Wörter, in der englischen Sprache allerdings

nicht so ganz leicht zu erlernen, und dieses Buchstabiren wird wirklich,

selbst noch von erwachsenen Personen, mit wahrer Leidenschaft getrieben;

es kommen ordentliche Gesellschaften zusammen, nur um zu buchstabiren,

und in diesen bilden sich dann zwei Parteien, die einander recht

schwierige Wörter aufgeben. Sobald die Schüler hierin einige Fortschritte

gemacht haben, beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin und wieder

einige Stunden Geschichte, wo vor allen Dingen, wie das auch nicht mehr

wie recht und billig ist, der nordamerikanische Freiheitskrieg

durchgenommen wird.

Das ist der regelmäßige Cursus in den gewöhnlichen Backwoodsschulen;

oft aber geschieht es auch, daß, wie ich ein Beispiel aus den Bay de

View-Sümpfen in Arkansas weiß, irgend ein durchziehender Krämer oder

Kaufmann, dessen Geschäft auf eine andere Art nicht recht gut gehen

will, Gastrollen als Schullehrer giebt. Dieser also, wenn er in eine

Gegend kommt, in der noch früher nie Schule gehalten wurde, macht auf

einmal bekannt, (d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es selber),

daß er das »Winterhalbjahr« Stunden geben würde, und ladet nicht allein

die Kinder, sondern mehr noch die schon erwachsenen jungen Leute ein,

gegen ein gewisses Honorar an dem Unterricht Theil zu nehmen.

In dem oben erwähnten Fall hatte der plötzlich von Tenessee

hereingeschneite Lehrer, ein Handlungscommis aus Memphis, Schreibestunden

angekündigt, und wohl einige 30 Schüler, meistens junge Mädchen und

junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jahren bekommen; von diesen allen aber

konnten, drei ausgenommen, _keiner_ weder lesen noch buchstabiren, und

sie lernten nur, nach den ausgelegten Vorschriften und persönlichen

Anweisungen, die Buchstaben und zuletzt die Worte nachmalen, worin sie

es, ein Beispiel was Übung thut, schon zu ziemlicher Fertigkeit gebracht

hatten.

Die Folgen waren übrigens leicht vorauszusehen, der Lehrer blieb

nur etwa vier Monate, und ging, da er das kalte Fieber nicht wieder

loswerden konnte, mit seinem indessen verdienten Gelde nach Tenessee

zurück. Als ich darauf in Jahresfrist jene Gegend zum zweitenmal

durchzog, und bei einem Farmer übernachtete, dessen erwachsene Kinder

ebenfalls an dem Unterricht Theil genommen hatten, und diese bat, mir

auf ihrer Schiefertafel, auf der sie mit einander Wolf und Schafe, oder

wie sie's dort nennen »Fuchs und Gänse« spielten, etwas vorzuschreiben,

so waren sie auch gern dazu bereit, aber welcher Sprache diese

fremdartigen Zeichen und Hieroglyphen angehörten, sah ich mich nicht im

Stande zu bestimmen, den Begriff der Buchstaben und Worte hatten sie nie

gelernt und die Form und Gestalt derselben bald wieder vergessen.

Rechnen gehört auch schon eigentlich zu den höheren Wissenschaften, doch

wird das immer noch eher betrieben, weil es mehr in's Leben eingreift;

mit der Geographie müssen sich die Lehrer dagegen sehr vorsehen, denn

ich weiß selbst ein Beispiel, wo sich ein alter Backwoodsman einst die

Karten von Arkansas und Missouri, nach welchen der Lehrer unterrichtete,

zeigen und erklären ließ, und nach einer Weile entrüstet aufsprang und

seinem Sohn befahl, sein Buch zu nehmen und mitzukommen: »wo solche

Lügen gelehrt würden, wollte er sein Kind nicht hinschicken,« meinte er

und zeigte dann, als der Lehrer ganz verwundert und erstarrt dastand,

zornigen Blickes das Messer aus der Scheide reißend, mit dessen Spitze

auf die vor ihm ausgebreitete Karte.

»Also hier kommt White River heraus, oh? und da entspringt er -- und die

kleinern Striche hier, und die Grasbüschel, das ist Sumpf -- oh?«

»Ja -- so steht's auf der Karte, und ist so nach den neuesten

Vermessungen angegeben.«

»So? also das soll ich glauben, und dann ist auch da an der Buffalofork

kein Berg, nicht wahr? und Mulberry mündet über Ozark in den Arkansas?

und wo ist denn der Richland und der Wareagle, und wo ist der Spiritcreek

und Frog-Bayou? Also jetzt soll mein Junge die Lügen lernen, und wenn

er nachher hinein in den Wald kommt, dann steht er da, wird irre und

verläuft sich -- nein so was kann ich ihn selber lehren, da brauch' ich

die Papierverderber nicht dazu.«

Der alte Jäger nahm seinen Sohn wirklich mit zu Hause, und es bedurfte

der ganzen Überredung seiner Frau und Schwägerin, daß er ihm endlich

wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen aber dringend an's

Herz, »kein Wort von dem zu glauben, was ihm der Yankee vorschwatzen

würde.«

Der Sonnabend ist in den Vereinigten Staaten, in den westlichen

wenigstens, durchaus schulfrei. Fünf Tage wird nur gelehrt, und der

Freitag Abend gewöhnlich zu Red- und Denkübungen benutzt, an denen dann

nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen, ja alte Personen aus der

Umgegend Theil nehmen. Es ist dieß aber in der That eine sehr gute und

zweckmäßige Einrichtung, und gewöhnt nicht allein die jungen Leute

daran, über ihnen vorgelegte schwierige oder verwickelte Fragen scharf

nachzudenken, sondern macht sie auch zu frühen Rednern und lehrt sie die

Scheu, öffentlich zu sprechen, abzulegen.

Diese Versammlungen heißen kurzweg »Debatten,« und jeder hat dazu freien

Zutritt. Ich habe übrigens einen solchen Abend in meinen »_Streif- und

Jagdzügen_« ziemlich ausführlich beschrieben, und will nur hier noch die

ungefähren Gesetze und Verhältnisse derselben kurz angeben.

Zuerst werden zwei Richter gewählt, die sich gewöhnlich etwas vom Feuer

zurück gerade gegen das Kamin zu setzen; dann folgt die Wahl zweier

Capitäne, um die Verhandlungen zu leiten, und diese suchen sich nun

unter den Anwesenden solche aus, von denen sie sich die besten Argumente

versprechen; erst dieser Capitän einen, und dann der andere, bis

sämmtliche Mitglieder verbraucht sind. Die zwei feindlichen Parteien

nehmen jetzt die beiden Seiten des Kamins ein, und nun wird von den

Richtern ein Thema oder vielmehr eine Disputation aufgegeben, über

welche debattirt werden soll; verständigen sich die Capitäne, welchen

Theil sie vertheidigen wollen, gut, so bedarf es weiter keiner

Anordnungen; ist das aber nicht der Fall, so entscheiden die Richter

diesen Punkt. Gewöhnlich wird ein Geldstück in die Höhe geworfen, um

die beginnende Partei zu bestimmen, wo es denn vorher ausgemacht wird,

ob Kopf oder Schrift den Ausschlag giebt.

Das Thema oder die Debatte wird sehr verschieden, manchmal ernst,

am meisten aber komisch gewählt, und es kommen oft, besonders unter

den Schulkindern, gar sonderbare Argumente dabei zum Vorschein.

Beispielshalber will ich hier die folgenden aufführen:

»Ob Neger oder Indianer das meiste Unrecht von den Weißen erlitten

haben« (ein wunderbares Capitel für einen amerikanischen Sklavenstaat,

und doch kam es in Arkansas vor); »ob die katholische oder jüdische

Religion die bessere sei.« (Die Richter, ein paar strenge Methodisten,

wollten sich weder zu Gunsten der einen noch der andern entscheiden und

erklärten einstimmig, daß alle beide nichts taugten).

»Ob die Erfindung des Pulvers oder des Papiers Amerika den meisten

Nutzen gebracht haben,« (die Entscheidung fiel für das Pulver günstig

aus).

»Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem Hühnerei gebrütet, diese

oder das alte Huhn als seine Mutter zu erkennen habe.«

»Ob eine böse Frau oder ein rauchendes Kamin schlimmer sei etc.«

Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen Verhandlungen erschien,

war der Ernst, mit dem sämmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn

lauschten, besonders wenn ein Jüngerer sprach; er mochte schwatzen was

er wollte, so lachten sie nie, ausgenommen die Sache gehörte an und für

sich zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundsatz

aus, man müsse die jungen Leute nicht abschrecken und sie den Muth

verlieren machen.

Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht gewährt, ist

augenscheinlich, besonders in den westlichen Staaten, wo ich junge

Leute, die sonst schüchtern und ängstlich schienen, bei politischen

Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumstumpf treten, und

lange, wenn auch nicht tief durchdachte aber doch durch kein Stocken

unterbrochene Reden halten sehen; schon die Schulkinder üben sich auf

diese Art unter einander.

Das Verhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist ebenfalls in Amerika

ein ganz anderes, als in den europäischen Ländern. Jene Freiheit und

Gleichheit, die alle Stände mit einander verbindet, dehnt sich auch

auf diesen aus, und so ernst und streng der Lehrer in der Schule sein

mag, so ungezwungen beträgt er sich außerhalb derselben oder in den

Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schüler. Selten spielen diese

ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und

oft ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie aber auch weiß

ich, daß Knabe oder Mädchen, in den Backwoods nämlich, einen Schlag

von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon einander

selbst zum Lernen an, und dieses wöchentliche Zusammenkommen zum

Debattiren und Buchstabiren ist gewissermaßen ein eben so oft

wiederholtes Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwärtig sind, und

der junge Amerikaner möchte um die Welt nicht am schlechtesten bestehen,

denn er würde ja zu Hause damit geneckt werden und in der Classe nicht

unter den ersten sein, auch würden ihn die Mädchen auslachen (Knaben

und Mädchen theilen stets dieselben Stunden), und das wäre doch zu

entsetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn also schon sein innerer Trieb

zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt

er fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern sitzt ehrbar und

andächtig mit seiner Schiefertafel in der Ecke und malt seine Buchstaben

und Zahlen.

Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele der Jugendzeit, das

Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick

an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, gehört er nicht mehr

sich selbst, sondern seinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an

der großen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, so muß er mit in's

Feld und kleine Büsche zusammentragen, auf einen Haufen werfen und

später anzünden und verbrennen, Späne und trockene Rinde für Mutter

oder Schwester zum Kochen herbeischleppen und tausend andere kleine

Handreichungen thun; wird er etwas stärker, so holt er den Mais aus dem

»Corncrib« und füttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit

im Kornfeld die Maishügel anhacken. Ist es ein Mädchen, so lernt es

schon, wenn es kaum auf den Tisch sehen kann, das Geschirr auswaschen

und Brodteig anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, spinnen

und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt

es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden Farmen wegen,

selten oder nie in Berührung und wird schon mit dem achten oder neunten

Jahre »=an old woman=« (eine alte Frau), wie es sich gern nennen läßt.

Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer

Thätigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am

Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber

(der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen können,

und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis sie todt war); sie

hinterließ sechs Kinder, von denen das älteste ein Mädchen etwa neun

Jahre alt, das jüngste noch ein Säugling war, und der Vater konnte sich,

da er seinen Mais pflanzen mußte, wenn er das kommende Jahr etwas für

sich und seine Familie zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit

gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekümmern. Da fiel dann die ganze

Arbeit, die ganze Sorge, nicht allein für sämmtliche Kinder, sondern

auch für die Wirthschaft, auf das arme Mädchen, selbst noch ein Kind,

das vorher schon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen müssen, und

alle lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Blockhaus, mit nicht

ausgefüllten Spalten zwischen den Stämmen, ohne Diele und fast ohne

Bett; der Vater mußte sich wenigstens Nachts mit seinen drei Knaben

Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten und auf darüber gelegten

Hirschfellen und mit wollener Decke gegen den Wind geschützt, der

überall das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer

förmlich lagern, während die übrigen vier Kinder sich auf zwei

Betten zusammenkauerten, wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten

Truthahnfedern gestopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich

ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, sie wußten es

nicht anders, und ich erinnere mich, daß sie uns mit Jubel empfingen,

als wir, mein alter Jagdgefährte und ich, dort eines Abends Schutz gegen

ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen wilden

Truthahn mitbrachten, den ich geschossen.

In den östlichen Staaten und Städten verbessert sich freilich das

Schulwesen mit jedem Tage; die Ansiedlungen liegen dort dichter;

breite, gute Straßen setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander in

Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krämer oder Yankee wird

angenommen, sobald er den Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer

Kinder zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon 1841 drei

Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern

auch Englisch und Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde,

und auch in St. Louis, wie überhaupt im Norden der Vereinigten Staaten,

hat das Erziehungswesen bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders sind

in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher werden vorzüglich die

jungen Indianer aus dem Westen von Arkansas gebracht, um in den Künsten

und Wissenschaften der Weißen unterrichtet zu werden.

Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, so versehen dieß bis

jetzt noch einzig und allein die Missionäre; die civilisirten Stämme

natürlich, als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und einige andere, dicht

an den Grenzen der Weißen lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens

für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikanischen

Missionären liegt aber keineswegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder

allein am Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes Volk, um

der Religion jedes andere Interesse nachzusetzen. So kommt es denn, daß,

wie dieß besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Männer

sehr ehrbar und eifrig mit der Religion anfingen, bald aber, nachdem sie

die rothen Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen gebeugt hatten,

den Yankee hervorsteckten und unter dem Vorwande, sie mit dem Segen des

Ackerbaues bekannt zu machen, für sich selbst große Farmen anlegten

und dann, wenn sie erst einmal eine eigene Heimath gegründet, damit

zufrieden waren, _die_ Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich

gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen sie zufällig in

Berührung kamen. Aus den Missionären wurden so nach und nach Farmer, und

das religiös zugeschnittene Kleid wich dem bequemern Jagdhemd.

Die Alligator-Jagd.

In den ungeheueren Sümpfen Louisiana's und überhaupt in dem ganzen

südlichen Theil der vereinigten Staaten lebt in den warmen Wassern der

Lagunen und Flüsse der Alligator (=crocodilus lucius. Cuv.=) in

ungeheuerer Anzahl.

Er gehört zu dem Geschlecht der Eidechsen und hat ganz die Gestalt

und Beschaffenheit dieser Thiere, erreicht aber, besonders in den

südlichsten Theilen von Louisiana und Florida, oft eine Länge von zwölf

bis sechszehn Fuß. Der ungeheuere Kopf, der fast den vierten Theil des

ganzen Thieres ausmacht, öffnet, wie der Haifisch, den Oberkiefer, statt

des Unterkiefers, und zeigt dann ein äußerst anständiges Gefänge, das

den gewaltigen, rosenrothen Schlund einfaßt. Den Körper selbst umgiebt

eine harte, panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stücken bestehende

Haut, die unter dem Bauche in weißen, harten Schuppen ausläuft. Die

Nasenlöcher ragen, am Ende des Rachens, über diesem empor und liegen

dicht zusammen, und wenn der Alligator an einem stillen, sonnigen Tag

auf dem Wasser gewissermaßen ruht, so schauen nur die Lichter, mit

einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und dann weiter vorn, oft

sechszehn bis zwei und zwanzig Zoll von ihnen entfernt, die Nasenlöcher

über dem Wasserspiegel hervor. Die Lichter selbst sind sehr klein und

sehen tückisch und katzenartig aus, die Läufe dabei kurz und zum Gehen

ungeschickt, desto besser schwimmt aber dafür der Alligator. Eine seiner

Lieblingsbeschäftigungen ist es, im heißen Sonnenschein auf den sandigen

Uferbänken der Seen oder Flüsse zu liegen und mit aufgesperrtem Rachen

das Herbeifliegen von Insekten abzuwarten, die durch den bisamartigen

Geruch, welchen einige Drüsen, die er unter dem Halse trägt, verbreiten,

angelockt werden, sich auf seine breite Zunge setzen und von ihm,

wenn er genug zu haben glaubt und zuschnappt, mit größtem Wohlbehagen

verspeist werden.

Die Brutzeit ist im April und Mai; das Weibchen legt seine Eier in ein

gewöhnlich aus Schlamm und Schilf zusammengebautes Nest und zwar von

achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreißig Stück welche es von der

Sonne ausbrüten läßt. Die jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch

sehr viele Feinde; Aasgeier oder Bussards, Schlangen, ja das Männchen

selbst, das oft fast die ganze Brut verschlingen soll, stellen ihnen

nach; es bleiben aber doch noch genug übrig, die zahlreichen Seen und

Lagunen der südlichen Länder im Überfluß mit ihnen zu bevölkern.

In der Paarzeit kämpfen die alten Alligatoren manchmal mit Rachen

und Schwänzen blutige Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz ist

überhaupt seine gefährlichste Waffe, doch gebraucht er ihn weniger

zur Erlegung als zur Erreichung seiner Beute, denn er faßt damit das

ausersehene Opfer und wirft es nach vorn, gegen seinen Rachen zu, der

es dann mit freundlichem Zuschnappen empfängt.

Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hinsicht wie Maria Stuart --, er

ist besser als sein Ruf -- denn die schrecklichen Geschichten, die man

sich von seiner Mordgier und seinem unverwüstlichen Haß gegen das

menschliche Geschlecht erzählt, sind doch meistens übertrieben. -- Ein

Weißer hat, wenn er ihn nicht selber angreift und verwundet, (und

auch dann nur selten) sehr wenig von ihm zu fürchten, den Negern

freilich stellen sie nach; der pikante, dieser Race eigene Geruch, der,

aufrichtig gesagt, besonders an heißen Sommertagen gerade nicht zu den

angenehmsten gehört -- lockt sie an -- sie lieben diesen Geruch einmal,

und wer kann sie deshalb tadeln, -- kauen doch manche Menschen =asa

foetida=, um ihren Athem zu reinigen, also sie lieben die Neger

-- wenigstens dann und wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und

die schwarzen Söhne Äthiopiens hüten sich wohl, tief in eine dieser

Sumpflagunen hinein zu waten. Dabei hegen sie auch noch eine zärtliche

Leidenschaft für Ferkel und Hunde, welche erstere sie gewöhnlich ganz,

letztere nur theilweise verzehren, da der Hund, von dem Alligator

erfaßt, kaum einen Schmerzschrei ausstößt, als auch schon die anderen

dadurch angelockt von allen Seiten herbeiströmen und die Beute theilen;

den weißen Mann aber scheuen sie, verlassen bei seiner Ankunft das Ufer,

an dem sie sich gesonnt, und tauchen unter.

Schaden thun sie also nur insofern, daß sie die hie und da sich ihnen

nähernden Ferkel abfangen, seltner einmal einen jungen Neger unter

Wasser ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu waschen gedenkt, bei

einem Beine erwischen; da aber auch der Nutzen, den sie der menschlichen

Gesellschaft bringen, sehr gering ist, und sie überdies noch ein

häßliches, boshaftes, gefährliches Aussehen, was aber noch das

Allerschlimmste ist, einen schlechten Ruf haben (denn es ist ein

altenglisches Sprichwort: »Hängt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen

schlechten Namen macht«), so wird ihnen, wo man ihrer habhaft werden

kann, mit Kugel und Harpune, oft auch gar mit großen Angelhaken

nachgestellt.

Ganz unnutzbar sind sie übrigens doch nicht, denn die großen, feisten

Burschen werden in Kessel gethan und das Fett heraus geschmolzen, das

besonders gut zu den verschiedenen Maschinerien, die das Reinigen der

Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. Die Schwänze der kleineren

-- (bis höchstens fünf oder sechs Fuß lang) schmecken dabei delikat, nur

muß das Fleisch bald von der Rückengräte abgelöst werden, da es sonst

den, diesen Thieren eigenen, bisamartigen Geschmack annimmt.

Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in Pointe Coupée hatte mich lange

schon geplagt, eine ordentliche Alligator-Jagd vorzunehmen, da er gar

so gern einige Gallonen von dem Fett dieser lieben Bestien zu haben

wünschte und ich die einzige gute Harpune dort in der Gegend besaß;

als er daher eines Morgens mit seinem Sohne und zwei pechschwarzen

Negersklaven zu mir kam und erzählte, daß er schon am vorigen Abend

zwei leichte Kähne in den hinter seinem Hause liegenden See, der durch

schmale Lagunen mit fünf oder sechs anderen in Verbindung stand,

geschafft hätte und nun eine ordentliche Jagd beabsichtige, so schulterte

ich meine Harpune, steckte mein kleines Scalpirmesser in den Gürtel,

und dem jungen Harbour die Büchse überlassend, mit der er ziemlich gut

umzugehen wußte, schlenderten wir langsam dem etwa anderthalb englische

Meilen entfernten See zu.

»Was trägst Du denn da, Ben?« fragte ich den einen der Neger, der etwas

in grobes Baumwollenzeug einschlagen, das mir Leben zu haben schien,

unter dem Arme hielt.

»Kann selber reden -- Massa!« sagte der Schwarze grinsend, indem er den

fürchterlichen Mund von einem Ohr bis zum andern aufriß und zwei Reihen

blendend weißer Zähne zeigte -- »kann selber reden,« und dabei preßte er

mit dem linken Ellbogen das seiner Sorgfallt Empfohlene.

»Quitsch!« sagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt mit allen vier Läufen

anfing zu strampeln.

»Stille halten, Kleines.« beruhigte es der Neger -- »gutes Thierchen

-- so recht!«

Er trug es mit sich, um durch das Schreien desselben die Alligatoren

herbeizulocken und dann leichter zu schießen. Endlich erreichten wir

einen schmalen Damm, der den größten See in zwei Hälften theilte und an

dessen Einlauf die Kähne befestigt lagen; obgleich wir aber schon Ende

Juni hatten, war das Wasser doch noch sehr hoch, denn der Mississippi,

durch den Schnee der Felsengebirge angeschwellt, hielt die tiefer

als seine Ufer liegende Niederung gefüllt, daß all das innere Land

überschwemmt und einem ungeheueren See gleich da lag, den nur hier und

da schmale Streifen Landes oder Dämme durchzogen. Auch dieser Damm, an

welchem unsere Kähne befestigt waren, ragte kaum zwei Zoll, naß und

schwammig, über die Wasserfläche empor.

Zwei Drucker, welche die »Pointe Coupée Chronicle« redigirten, setzten

und druckten, hatten sich unserer Jagd noch angeschlossen, und wir

machten jetzt also im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Personen, die sich

nun der alte Harbour anschickte gleichmäßig zu vertheilen. Zuerst kam in

jedes Boot ein Neger »zum Rudern,« dann ein Buchdrucker »zum Zusehen,«

-- denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von ihnen -- dann der

junge Harbour mit der Büchse in ein Boot und ich mit der Harpune in das

andere »zum Jagen«, und ich bekam das Ferkel, während der alte Harbour

zu seinem Sohn in den Kahn trat, der jetzt ganz kaltblütig bemerkte:

»das Ferkelchen und er -- (der Vater) wären zum Quitschen.«

Die Sonne brannte grimmig heiß und kein Schatten bot sich auf der ganzen

weiten Wasserfläche, als der, den manchmal einzeln stehende Cypressen,

mit dem langen, grauen Moose bewachsen, warfen; nicht ein Lüftchen regte

sich, kein Vogel zirpte -- kein Frosch quakte, Alles lag in träger

-- schlaffer Ruhe, und selbst die einzelnen Alligatoren, die mit

ihren schwarzen Köpfen, wie Stücke halbverbrannten Holzes, auf der

spiegelglatten Wasserfläche trieben, sahen aus, als ob sie schliefen,

hätte nicht manchmal einer der großen Burschen den rosenrothen Rachen

aufgerissen, dessen Oberkiefer dann einen Augenblick emporstand und mit

schwerem Schlage wieder zuklappte.

»Selbst die Alligatoren langweilen sich hier,« -- sagte Kelly -- der

eine Drucker, der bei mir im Boote war.

»Wird schon lebhaft werden, Massa,« lachte der Neger, »wenn das Kleine

hier spricht!«

Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band. · 第 6 / 8 题