Und jener Stein? --

Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und

stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten -- hättest du den leisen

monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern,

die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach

einem _Stein_ gefragt -- ein _lebendes_ Monument seines Stammes, kauerte

der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab -- seines

_Vaters_, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen

lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den

Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf

und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.

Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt -- die hohe

Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere

Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem

noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu

horchen.

Es kam näher -- er unterschied Stimmen -- er vernahm das Krachen und

Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig

erhebend -- das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die

störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden

Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem

Dunkel.

* * * * *

»Ich sage dir Patrik -- du bist ein Esel!« rief Doktor Mac Botherme,

als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden

Äste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine

reibend, aufstand -- »du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen

Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen

könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von

knochenzerbrechenden Bäumen -- Herr Gott!« unterbrach er sich hier

selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem

Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben

war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen

fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute.

»Aber Doktor Mac Botherme« -- fuhr der dadurch ungerührte Patrik in

seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen

Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde

niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah

-- »ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald

rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, mein

Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter -- gehe keinen Schritt weiter,

in dieser gesegneten Nacht -- es kostet sonst deine Seele -- du bist ein

verlorenes Schaaf.« --«

»Du bist ein _geborener Ochse_ -- Patrik, mein Herzchen!« rief der

Doktor ärgerlich, dem die Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam.

»Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es die Zweige und

wilden Rebenstöcke sind, in denen du hängen bleibst; -- wenn du dich

nicht jedesmal bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber

sehen.«

»Arrah Sir« -- seufzte der sich hier höchst unbehaglich befindende Ire,

»mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch

heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich -- bin ich erst

einmal wieder in der Stadt -- keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in

eine solche Gegend. -- Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« -- fuhr

er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig

um seine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich

befanden; -- »Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika

machen sollen -- und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes

ehrliches Stück Rindfleisch -- o Jäses, o Jäses, wenn uns heute der Böse

nicht holt, dann giebt's gar keinen!«

Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen,

und kauerte sich, die Hände über die Knie gefaltet, ängstlich nieder.

Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geister_furcht_ zu bannen

vermochte -- aus seiner Tasche holte er die mit Leder überzogene

Feldflasche vor, zog den Stöpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem

Arm dem Muthlosen entgegen.

»Hier Patrik!« sagte er dabei -- »deine Einbildungskraft wird trocken

-- gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln -- nachher erholt sie

sich wieder, und -- bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich

beistehst, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld

und -- zwei Gallonen -- sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, und den

zwar vom besten!«

»=Honey my dear!=« sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stöpfels

den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der

Flasche hinübergeworfen hatte. -- »Doktor Mac Botherme ist der Mann,

der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der

Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie

Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.«

»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn der Doktor, und warf

einen scheuen Blick umher -- »wir können nicht mehr weit von der Stelle

sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists.

Es -- es könnte ja doch =per= Zufall so eine verwünschte Rothhaut im

Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig

als möglich. Komm Patrik -- in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft

abgemacht sein.«

Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die

Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise

flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte:

»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem

rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel

d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme

fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis

Goldhaar haben könnten?«

»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der Doktor, und machte seinen

Arm von dem des Dieners los -- »komm lieber, und sei gescheidt -- denk

an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der

klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er

jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!«

Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn

hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine

weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so,

wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen

zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein

im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber

auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den

stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen,

unheiligen Händen entweihen wollten.

»Patrik,« flüsterte der Doktor -- »das hier ist die Stelle -- _hier_

ist das Grab -- da gerade in der Mitte. -- So, nun nimm deine Hacke und

Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal

das Pulverhorn -- wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der

Henker traue doch dem Frieden -- besser ist besser -- nun? hörst du

nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!«

»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik erstaunt, »steckt denn

nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?«

»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die

Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken

eingesteckt habe. -- »Unsinn Pat, _hier_ ist's nicht -- und da nicht

-- und da vorne auch nicht -- ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick

ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.«

»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell -- »und ist es weiter

Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr

sucht?«

»Nein, das gerade -- hast du's? --«

»O Misther -- macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel

hinter der Thür.« --

»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet -- »hab' ich dir nicht noch

ausdrücklich befohlen -- du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht

naß würde.«

»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's

hinter die Thüre hing?« erwiederte der unverwüstliche Ire -- »wie hätt'

ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?«

»=O sancta simplicitas!=« murmelte der Doktor -- »da -- jetzt sitzen wir

in einer ganz gemüthlichen Patsche -- _wenn_ nun die Indianer kämen,

Patrik, _wenn_ sie nun kämen?! -- das war der dümmste Streich, den

deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht -- jetzt hab' ich doch das

Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau

ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.«

Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom

Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein

»Misther« so ärgerlich sei -- da sie ja doch den _Whiskey_ nicht

vergessen hatten; er begnügte sich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf

zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton

gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. Er warf also

die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke

auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als

wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen

hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam,

und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen

Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick

nach allen Seiten umherwarf.

Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks

entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen

hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war,

nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen

Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.

»Patrik -- =honey=!« sagte der würdige Mann, während er den Spaten

aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm

und lass' uns munter an's Werk gehen. -- Je länger hier, je später dort

-- hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin

-- denk' an den Whiskey, Paddy!«

»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten

hat« -- sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast

geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche

zurückschob -- »war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt

und gewärmt hat -- aber Misther Doktor -- segne unsere Seele -- ich

wollte es wäre vorbei -- s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten

Todtengräber zu spielen -- hallo, was war das?«

»Was war _was_?« rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen

Seiten um. »Was war _was_, Sir?«

Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise

Rauschen der Bäume, das melancholische Quaken der Frösche konnten sie

hören -- sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu

ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch:

»Nun hab' ich's satt -- Sirrah -- hack' ein und mach' ein Ende -- wir

wollen doch nicht die ganze _Nacht_ hier auf dem Grabe zubringen.«

»Mit Gott denn« -- sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten

Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die

breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage

aus -- da krachten und brachen -- gar nicht weit von ihnen entfernt,

die Büsche -- durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im

Walde aufgescheucht -- eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen

war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob

irgend Jemand -- ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden

-- durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den

amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.

»Doktor -- was war das?« flüsterte Patrik leise, während er die Hacke

bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte.

»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, »ob's bloß ein Hirsch war,

der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde -- das _muß_ es auch

gewesen sein, -- wer, zum Henker sollte denn jetzt --«

»Doktor -- Misther Doktor,« zischelte Patrik und blickte sich scheu,

bald über die rechte, bald über die linke Schulter -- »Patrik O'Flaherti

ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird -- Jäses -- ich wollte ich läge in

Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« --

Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und

horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusch

-- aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig -- selbst der Wind

schien erstorben -- kein Lüftchen regte sich.

»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst

kaum vernahm was er sprach -- »Patrik -- wir wollen unsere Arbeit

schnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hause kommen -- es ist

unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings

herum.«

Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück

gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und

schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein.

Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen

Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so

schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei

auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche -- knackten und brachen

die Zweige, und heraus aus dem Dickicht -- Gespenstern gleich, mit den

fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken

gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf

die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein.

Starr und entsetzt dastehenden -- ja -- im ersten Augenblick der

Überraschung -- als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas

Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne -- plötzlich aber -- wie

der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die

Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach

vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: »O Jäses!« ließ die Hacke

fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes

verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen

Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben um dessen

Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief

ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.

Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter

sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu

unterscheiden -- glaubte natürlich nicht anders als es sei Einer seiner

rothhäutigen Verfolger -- beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so

mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich,

und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er

übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem

er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten

konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in

ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich

zärtlichem Tone seinen Namen rief -- wandte er nicht einmal den Kopf,

sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und

Schlingpflanzen hinein.

Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber

nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß

er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern

ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um

in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald

schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch

wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab

gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht

einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine

Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in

der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den

Büschen raschelte.

Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum

Besinnen bleiben -- im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und

eine dunkle Gestalt, mit -- wie er damals glaubte -- weißbemaltem

Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.

* * * * *

Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren,

so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als

sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache

gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung

von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr

Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerst

Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie

besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar

nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der

sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu

entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner,

keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des

Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und

Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt

war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam

um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden

Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und sie

zu immer wilderer Eile antrieb.

»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz -- »der Sieg

ist gelungen -- die Festung erstürmt -- die Besatzung mit Zurücklassung

ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür, daß --«

Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm

stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand -- die wollene Decke leicht

von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von

der raschen Bewegung -- ein wirklicher, lebendiger Häuptling -- ein

»scalpsüchtiger« Wilder -- ein Rächer der geschändeten Grabstätte.

Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den

Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark

blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe

herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber -- vom vielen Schreien

ordentlich blauschwarz im Gesicht -- wollte eben über den Hügel

wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit

einem »allerletzten« Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer

stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu

wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der

Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte,

Freunde oder Feinde wären.

Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange

Stich gehalten hätte -- denn _daß_ es einer war, erkannte er auf den

ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen Nachbar, den

entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine

trugen, in das ihm nächste Dickicht.

Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder -- kaum

sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht

bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu

warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im

Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit

gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick

schon wenigstens für scalpirt hielt.

Weppel -- auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der

Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres

Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so

schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy -- sonst der Muthigste

von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der

Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich

überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh -- Einer brach, mit dem

Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen -- hoch auf dem

Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger

-- was blieb ihm da anderes zu glauben übrig -- als sie wären von irgend

einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst -- waffenlos

mitten zwischen ihnen -- konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle

verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.

Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite,

um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen

Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das schützende

Dunkel zu erreichen.

Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang

indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in

das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er

folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte.

In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen

hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen

Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und

umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume

und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an

dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn

mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich -- großer Gott, so muß

er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen -- vor einer

dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen.

Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum

Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies

war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab -- mit

Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das

nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders

glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht

abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach

er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt

gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren

Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben

einer umgestürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen

Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der

Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Ähnliches

einmal in einem Buche gelesen.

Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf

dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen,

stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen

Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des

Verblichenen. --

Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung. -- Josy

traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als

nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen,

gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in

die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und

ließ sie das Schlimmste fürchten.

Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und

von dort Hülfe holen? -- Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das

vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich

wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe gefunden, wäre rettungslos

verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und

bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestürzung, da sie die

erstgehörte Unglückskunde nicht allein betätigten, sondern sogar noch

hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben

bemalt gesehen hätten, -- wonach Waterton also das Äußerste erwarten

durfte.

Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn,

wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natürlich

nicht weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden

noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls

in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche

Befürchtung sich um so mehr bestätigte, da bis Sonnenuntergang am

nächsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, während die

Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles

hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder

Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. Besonders steigerte

sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste,

da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt

hervorbrechen. --

Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne stieg still und

majestätisch über den rauschenden Wipfeln der Bäume empor, und ihr

Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht

leuchtete keinem mörderischen Angriff -- ihr heiteres Auge sah auf keine

rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder.

Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft -- der Mittag verging

-- die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang -- kein Laut ließ

sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der Stadt. Da endlich -- es

fing schon an zu dämmern, -- wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten

Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei,

und er, der noch gestern ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen,

da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr sämmtlicher

Watertonisten wälzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von

Furcht und Noth befreien konnte.

Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben

-- das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in

ihren wildesten Träumen gedacht. -- Er hatte den ganzen Wald voll Wilder

gefunden -- hinter allen Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie

die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen

entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das

Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen

bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurückzukehren, mochten

es nun die Indianer zerstört haben oder nicht.

Da -- während noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit

ängstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen

ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen

Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den

für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie sah der aus

-- beinahe sechsunddreißig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst

durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten,

erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich

zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch

haarklein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel

mehr unterworfen, daß ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht

gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen

einen ernstlichen Überfall unterlassen hätten.

Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es käme, daß so viele

Männer von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber

beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes

Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte

es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien wieder

zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die

Überreste eines vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete.

--

Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern

entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den

Feind zu bekämpfen. -- Der Platz lag noch so öde und still da, wie an

jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstücke der beiden

Leichenräuber deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen

worden, den Boden -- nur der Hügel selbst zeigte eine Veränderung. Das

Grab des Indianers war geöffnet -- der Sarg erbrochen -- die Leiche

-- fort. --

Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus

dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein

undurchdringliches Geheimniß -- nur am Fluß fand Josy die tief

eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit

hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß

hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur

Vermuthung, und da sämmtliche an jener Scene betheiligte Personen in

ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben

übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der

Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt

gehalten.

Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten

nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die

Ansiedelungen, die sie zufällig erreichten, durch ihre entsetzlichen

Erzählungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach

vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell

ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und von da nach den

östlichen Staaten zurück, da er erklärte »sein goldenes Haar nicht nach

Illinois getragen zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger Schurke

Staat damit machen sollte.« Was aber Waterton anbetraf, so erwähnte er

von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das

wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück könnte gemacht haben, wenn

ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende

scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei er selbst nur

noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre. --

Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer

Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, während vorn, zwischen den

Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene

Decke eingehüllt, der starre Körper des alten Indianers lag. Der junge

Häuptling aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos die

leichte Barke über die spiegelglatte Fläche trieb, und den Takt schlug

zu dem wehmüthig monotonen Lied:

»Früher warst Du ein Häuptling --

Der Wald hier gehörte Dein,

Jetzt führ ich Dich leise und heimlich

Hinunter den stillen Strom --

Und früher warst Du ein Häuptling.«

»Früher warst Du ein Häuptling

Die Erde gehörte Dein,

Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen

Sie gönnten Dir selbst kein Grab --

Und früher warst Du ein Häuptling.«

»Früher warst Du ein Häuptling

Und zähltest der Krieger viel,

Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche

Dein einziger Sohn -- allein --

Und früher warst Du ein Häuptling. --«

Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Fluß

hin -- weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden

silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Sträuchen sein

wehmüthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von

dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. -- Der Tag dämmerte und das

leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die

Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete -- weit weit aus der

fernen Prairie herüber -- der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet

und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem Tritt zurückschlich.

-- Und dort -- dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich

tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, unruhig

erzitterten und bebten, -- dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der

jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff

-- glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit

dem fröhlichen Lebensgruß des jungen Tages.

Nordamerikanische Jagd.

Jagd auf Hirsche. -- Auf Truthühner. -- Ein amerikanischer Jäger.

-- Bärenjagd. -- Der Panther. -- Der Wolf. -- Der Fuchs. -- Der

Waschbär. -- Das Opossum. -- Schnepfen in Louisiana. -- Ausrüstung

des amerikanischen Jägers. --

Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit

das unbegränzte Jagdgebiet der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar

von diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht nur mit wenigen

Ausnahmen, allein die ungeheuren Wälder und Steppen des gewaltigen

Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von

Riesenhirschen (=Elks=), die sonst das Land belebten, sind von

den sicheren Büchsen der Amerikaner und eingewanderten Ausländer

erlegt, oder mit den rothen Söhnen der Wildniß weiter nach Westen

zurückgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher

Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes einher und Bären und Panther,

wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der

westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, -- so nennt man die

einzeln liegenden Häuser und Felder der Amerikaner, -- eine Meute Hunde

zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schützen.

Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den

lockenden Beschreibungen jener Wälder nicht lange widerstehen, und

verließ von unbezwingbarer Lust für das edle Waidwerk getrieben, bald

nach meiner Ankunft in New-York, die östlichen Staaten, um den fernen,

so viel gepriesenen Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff oder

Wagen, sondern zu Fuß, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim

geringsten Geräusch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum

Schusse fertig. Sehr häufig sah ich mich dabei im Anfang durch die

frei im Walde weidenden Heerden getäuscht, und ich weiß mich noch recht

gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch

dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen über umgestürzte Bäume und toll

und wild umhergestreute Äste hinweg, ja durch einen, über drei Fuß mit

Wasser gefüllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das

langsam brummend und im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie

ich einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz aussah,

beschleichen wollte.

Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer

Fährte zu sehen, und war nicht wenig überrascht, als ich endlich, mit

der Hülfe eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der wilde Jäger

durchraste, um dem Bären, denn für nichts Geringeres hielt ich mein

ausersehenes Opfer, den Weg abzuschneiden, ein gemüthlich im dürren

Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte,

stutzte, mich anschnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte.

Ich kam damals in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschöpf eine

Ladung Posten nachzusenden, mußte aber doch selbst zuletzt über den

komischen Irrthum lachen und war nur froh, daß ich bei der ganzen

Geschichte keinen Zeugen gehabt hatte.

Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten gar nicht, außer wild

gewordene zahme, die jedoch dann nur von den dort angesiedelten Farmern

geschossen werden dürfen; jede andere Jagd ist frei.

In den östlichen Staaten fand ich sehr wenig jagdbares Wild -- Rebhühner

und Kaninchen ausgenommen, denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, soll

aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen Meere, ziemlich häufig

sein. Die Rebhühner sind kleiner als die unsrigen und auch etwas anders

gezeichnet; ihre äußeren Schwungfedern zum Beispiel ganz grau; auch ist

ihr Ruf anders wie der unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen.

Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz gleich und leben in Erdbauen

und hohlen Bäumen, färben aber im hohen Norden im Winter und werden

weiß.

Vielen Spaß machten mir später, als ich den Staat Illinois mit seinen

ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehühner,

die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan hatten. Ich wollte

erst meinen Augen gar nicht trauen, wie's überall um mich herum

emporschwirrte und _tausende_ von starken Hühnern aufstiegen; fand aber

bald so viel von ihnen, daß ich die Suche gern aufgab und nur dann und

wann, am Wege hin, schoß was ich brauchte.

Das Prairiehuhn ist etwa von der Größe unseres Haushuhns -- von

graulicher Farbe, mit befederten Ständern und kurzem, feldhuhnartigem

Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn und die Flügel sind

ganz denen der Fasanen ähnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich

habe aber stets gefunden, daß es selten vor einer englischen Meile

wieder einfiel, was denn das Nachsuchen sehr beschwerlich macht. Das

Fleisch ist, die Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht dem

der Truthühner bedeutend nach; seine Federdecke aber ist im Winter so

dicht, daß es ziemlich starken Schrot erfordert, hindurchzudringen.

Sonst ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es scheut den

Menschen sehr wenig und kommt Morgens und Abends selbst zu den in den

Prairien zerstreuten Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzäunungen)

derselben niederzulassen, wo es dann natürlich sehr leicht erlegt werden

kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen sie gern auf die Bäume und

sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas stark gefroren hat,

fast gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewählten Baumes

herauszutreiben. Ich selbst schoß eines Morgens fünf von einer niedrigen

Eiche, in der etwa zwanzig bis dreißig standen, einzeln herunter, und

die übrigen blieben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach

St. Louis und die benachbarten kleineren Städte auf den Markt gebracht,

und es leben viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben

beschäftigen.

St. Louis gegenüber kreuzte ich den Mississippi und wanderte von hier

durch den dichten Wald dem südlicher liegenden, wegen seiner Jagd

berühmten Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr wenig Wild;

Feldhühner und Kaninchen wieder ausgenommen; auch lebt hier noch der

sogenannte amerikanische Fasan, der sonderbarer Weise in einem weiter

südlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Fasan

nennen, so ist er doch keineswegs dem unsrigen gleich, sondern

unterscheidet sich von diesem in vielen Stücken.

Es giebt zwei Arten -- den im Norden, in Canada, fand ich von graulicher

Farbe, mehr dem Prairiehuhn ähnlich -- der weiter südlich kam dagegen

dem deutschen etwas näher und sah bräunlich aus. Auf dem Kopfe trägt er,

wie dieser, einen Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, statt

dessen schlägt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und schleift wie

der Truthahn. Die Ständer sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und

er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat aber noch die

sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit sich auf umgestürzte Stämme

oder abgehauene Baumstümpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen zu

schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu »trommeln,« was man eine

lange Strecke weit hören kann. Sein Fleisch ist äußerst zart und weiß,

und er gehört zu dem besten Federwild der vereinigten Staaten.

In Missouri nun findet sich in großer Anzahl der amerikanische oder

sogenannte virginische Hirsch, den ich vor allen Dingen etwas näher

beschreiben will, ehe ich zur Jagd desselben übergehe.

Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und ähnelt in vielen Stücken

dem Damwild, trägt auch den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des

Damwildes sehr verschiedenes Gehörn.

Sein ausgelegtes Geweih zählt selten mehr als vier, höchstens fünf und

sehr selten sechs Enden, obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes

fand, an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte.

Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen Riesenhirsches oder

Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthümliches,

fremdartiges Aussehen. Äußerst selten findet man gefleckte oder weiße

Hirsche.

Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirsch sein

Winterkleid an und wird »grau«; im April erscheint er »roth« und wird

im August und September »blau«! Das Thier färbt stets etwa vier Wochen

später als der Hirsch. Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom

Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem letzteren Monat die

meiste Festigkeit erlangen.

Die Brunftzeit der Hirsche fällt durch die vereinigten Staaten, wegen

ihrer großen Ausdehnung nach Norden und Süden, sehr verschieden; -- in

Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, daß sie mit dem

ersten Frost eintritt, also etwa im October; -- weiter unten, in

Louisiana, fällt sie später, -- im Norden früher. Die Thiere setzen im

April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Kälber, die bis zum Herbst

gefleckt bleiben und dann mit den übrigen »blau« werden.

Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten Staaten, werden aber nicht

im mindesten beachtet und jeder schießt, wann es und was ihm beliebt;

daß dies übrigens dem Wildstand ungeheueren Schaden thun muß, liegt klar

am Tage, und nur die wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt

der Ausrottung widerstehen können. Die Jagdbenutzung, d. h. wie sie bei

den Jägern dort gebräuchlich ist, will ich der Sonderbarkeit wegen

hierher setzen.

Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beisammen; die

Schmalthiere sind feist, und werden des Wildprets und Feistes wegen, die

Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da der Jäger von den

letzteren nur diese und die Keulen mitnimmt, das übrige Wildpret aber

den Raubthieren und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fangen starke

Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen und dieser Monat, wie Februar

und März, heißt die »graue Jahreszeit!«

Februar wie Januar.

März. Das Rothwild hält sich jetzt, des Färbens und der überhand

nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugänglichsten

Dickichten auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. Der März ist

daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne

Stücke geschossen werden; will ein Jäger aber eins haben, so zündet er

gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen umgestürzten Baumstamm an,

-- das Wild kommt dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch

Schutz gegen die quälenden Insekten zu finden.

April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, wie die Hirsche, die

Salzlecken. Ende dieses Monats beginnt die »rothe Jahreszeit« und dauert

bis Mitte September. Die Hirsche fangen an ihr Geweih aufzusetzen.

Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln und angerichteten

Gestellen, wird jetzt ernstlich betrieben und Hirsche und Thiere werden

geschossen.

Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen roth; die Hirsche

werden feist und stehen, abgesondert von den Thieren, in Rudeln von

sieben, acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem bestimmten Waldorte

beisammen, so daß man sicher darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis

von zwei bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der schwächsten

Hirsche ist gewöhnlich der Führer und erlegt man diesen zufällig zuerst,

so daß er im Feuer zusammenstürzt, so hat man nicht selten Gelegenheit,

die Übrigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. Die Thiere werden

jetzt nur der Decke wegen geschossen.

Juli -- wie Juni. -- Kälber sind alt genug, um geschossen zu werden;

Hirsche fangen an zu fegen, vernachlässigen aber die Salzlecken.

August. Bei den Hirschen beginnt die »blaue Jahreszeit« und sie sind

nun am feistesten, die Decken auch in diesem und dem nächsten Monat

am geeignetsten für die Bereitung für Moccasins -- (Indianische

Halbstiefel.)

September. Desgleichen.

October. Mitte dieses Monats beginnt gewöhnlich die Brunftzeit, oft auch

erst zu Anfang November, besonders in recht späten Wintern. Nun eröffnet

sich für den amerikanischen Pürschjäger die beste Jagdzeit, denn der

Hirsch, den Fährten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich

sorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken

wegen geschieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von

starken Hirschen sechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen.

Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zustand wieder erreicht.

November. Desgleichen.

December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes

Eicheljahr war, anfangen feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen

wieder in Rudeln zusammen.

Das ist ungefähr Alles, was über die in Amerika gebräuchliche Ordnung

bei der Hirschjagd zu sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten

betrieben. Die erste ist das _Pürschen_, die zweite die _Hetze_ und die

dritte die _Nacht-_ oder _Feuerjagd_.

Das Pürschen bleibt sich natürlich in allen Ländern gleich und ist auf

jeden Fall nach der Bärenhetze die edelste und schönste Jagd.

Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten Lande, wo oft fast

undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden

Jäger aufhalten, eine genaue Kenntniß des Bodens und Wechsels, und

eignet sich auch mehr für ein Land, wo das Wild schon dünner wird und

der Jäger froh ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag einen

Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo es noch Hirsche genug

zum Pürschen giebt, wird, den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd

vorgezogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage sehr drückend und

das Tragen der schweren Büchse zu beschwerlich ist, nimmt der Jäger zum

Feuer seine Zuflucht und schießt sein Wild Nachts bei der Kienflamme.

Sollte es übrigens unseren deutschen Jägern auffallen, daß Rothwild,

sonst das Feuer scheuend, bei diesem erlegt werden kann, so muß ich hier

bemerken, daß es in Amerika unter ganz anderen Verhältnissen aufwächst.

Im Frühjahr durchzieht wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne

das dürre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief den Boden bedeckt,

an eben so vielen Stellen anzuzünden, als er sein Lager aufschlägt,

oder sein Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das Laub zu

beseitigen und den neuen jungen Graswuchs zu befördern, sondern auch das

lästige Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tödten,

die sonst in einigen Jahren so überhand nehmen würden, daß an eine

Pürschjagd gar nicht mehr zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber

selten oder nie gesunde und kräftige Stämme an, sondern beschränken sich

darauf, die am Boden liegenden Blätter und trockenen Dornen zu verzehren,

kleineres Buschwerk zu tödten und die dürren, halb oder ganz verfaulten

und umgestürzten Stämme in Brand zu stecken.

Die Hirsche gewöhnen sich hierdurch ganz an diese Feuer und sammeln

sich, besonders im Frühjahr, gern um sie, bezeigen daher auch nicht

die mindeste Furcht, wenn sie ihre gewöhnliche Salzlecke annehmen und

dort eine helle Flamme finden. Ihre großen, klaren Lichter der Gluth

zuwendend, schreiten sie still herbei und stürzen meistens, von der

sicheren Kugel getroffen, ehe sie nur die Nähe eines Feindes ahnen.

Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei

Salzlecken durchwachten Nächte beschreiben.

Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der

Hauptstadt von Arkansas über den Arkansas-Fluß ging und die Sümpfe

durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben um die sogenannte

Bayou-Meter (eine Art Fluß mit fast gar keiner Strömung, der im

Arkansas entspringt und auch wieder in denselben mündet) herum lagen.

Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Sümpfen, besonders im

Frühjahr, wenn der größte Theil derselben noch überschwemmt ist und

die Mosquitos dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe

gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, wie mitten im

Sommer, und fast keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im

Freien Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen hat,

tüchtig durchweicht.

Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe eines kleinen Baches

folgend, kam ich zu einem flachen, sumpfigen Fleck, der mitten im sonst

schönen, grünen Rasen so von Hirschen ausgetreten war, daß ich, in einem

Raume von dreißig bis vierzig Schritt im Durchmesser, auch nicht die

Spur von Grünem darauf sehen konnte. Es schien eine jener salzigen

Sumpfstellen zu sein, die das Rothwild besonders im Frühlings-Anfang

aufsucht, während es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz

enthaltenden Lehmufer der keinen Bäche annimmt. Kaum vier bis

fünfhundert Schritt von der erwähnten Stelle standen Kiefern, und ich

war schnell entschlossen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im

Englischen genannt wird, »=lick=« zu wachen.

Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt

von dem am meisten besuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell,

wozu ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier Holzgabeln abhieb

und diese, das Gerüst etwa vier Fuß hochlassend, in den Boden trieb.

Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt grüne Zweige

ausgebreitet und diese etwa fünf Zoll dick mit Erde und Rasen bedeckt,

damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, ging

ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und

Fichten zurück, und spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten

Stämmen genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu

unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das

Gerüst herum aufhäufte, damit ich es in der Nacht leise und geräuschlos

abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere

Vorsichtsmaßregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thürmten

sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und ließen mich nicht

ohne Grund vermuthen, daß ich vor anbrechendem Tageslicht nähere

Bekanntschaft mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegenden Stämme

mußten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantität

zu meinem Verstecke hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu

können.

Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine

kleine Vorrichtung, die Büchse (ich hatte schon seit Jahren das leichte

Schrotgewehr gegen die schwere Büchse vertauscht) auflegen und sicherer

schießen zu können, stellte mir dann Messer, Kugeltasche und Pulverhorn

zurecht, sah nach den Zündhütchen, daß die nicht wieder im Augenblick

der Noth im Unterfutter säßen und dachte, nachdem ich mein »Handwerkszeug«

in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menschen, zu

dessen Stärkung ich ein paar Stücke gedörrten Hirschwildprets, die

Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte.

Der vorbeifließende kleine Bach sah gerade nicht eben einladend aus,

doch sind Hunger und Durst ein guter Koch; ein Becher voll des etwas

bräunlichen Wassers spülte das trockene Brod und Fleisch hinunter,

und ich würde mich sehr wohl und behaglich befunden haben, wären die

Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. Im

Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige angeflogen und sogen

sich voll; diese mußten aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut

mein Blut schmecke, denn scharenweis drängten sie jetzt auf mich ein,

und hätt' ich sie ruhig gewähren lassen, so würden sie mich, noch vor

dem nächsten Morgen, so trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In

der Dämmerstunde sind sie überhaupt stets am schlimmsten, und ich konnte

mich kaum gegen sie schützen, bis endlich die Schatten der Nacht sich

auf den Wald zu lagern begannen und der =Whip poor will= (Nachtvogel,

eine Art Ziegenmelker) sein eintöniges Lied sang.

Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in eine Handvoll dürrer

Blätter und erhielt durch Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit

fein gehaltenen Kienspänen nährte und nun mein Feuer oben auf dem

Gestell entzündete.

Es war indessen völlig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade über

mir, unter der ich völlig im Schatten saß, bewies sich als der schönste

Mosquito-Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tausenden

stürmten sie in die Gluth, die sie eben so schnell vernichtete, und

mit wahrhaft teuflischer Schadenfreude saß ich darunter und sah sie

elendiglich umkommen.

Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der

peinigenden Insekten wegen hatte niederlegen müssen, und schaute

lauschend dabei umher, die Ankunft eines Stückes Wild erwartend.

Es ist ein herrliches Gefühl, in stillem Waldesdunkel bei der rothen

Kienflamme zu wachen, die um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr

als vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die gewaltigen,

magisch beleuchteten Stämme gleich Riesengespenstern zum schwarzen

Nachthimmel emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner

Wolf sein klägliches Geheul erhebt, das seine Brüder von den Hügeln

beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintönigen Ruf, die quakenden

Frösche und zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthümlich wildes

Concert entsteht, -- dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer

ordentlich schauerlich behaglich zu Muthe.

Diese Töne verhallen aber nach und nach, sobald erst wirklich die Nacht

ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefähr herrscht eine nur selten

vom =Whip poor will= und von einzelnen Fröschen unterbrochene

Todtenstille.

Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, und mit äußerster

Aufmerksamkeit horchte ich dem leisesten Geräusch, jedem Rascheln der

Blätter, jedem Säuseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. Um durch

den schimmernden Lauf nicht geblendet zu werden, hatte ich eben das

Visir über die Kienflamme gehalten und geschwärzt, dabei auch eine

Handvoll frischer Späne auf die fast niedergebrannten Kohlen gelegt

und hüllte mich wieder in meine wollene Decke ein; -- denn wenn auch

die Sonne den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte doch kühl;

-- als nicht weit entfernt von mir ein dürrer Zweig krachte. Das war

ein Stück Wild, und mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir

lehnenden Büchse.

Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem sie dicht umschließenden

Gebüsch, das, von den riesenhaften Bäumen des sumpfigen Thallandes

überragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden Mondes

hindurchließ; der von dem Rothwild benutzte Platz selber aber war

länglich oval und an ihm entlang floß der kleine, schon früher erwähnte

Bach, dessen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte Büsche einfaßten.

An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke

mein Gestell errichtet, damit ich die ganze Länge derselben beschießen

könnte, und gerade mir gegenüber schien das eben gehörte und sich

jetzt wiederholende Geräusch herzutönen. Regungslos lauschte ich mit

zurückgehaltenem Athem den lang ersehnten Lauten, als -- trap -- trap

-- trap -- in langsam abgemessenen Zwischenräumen der schwere Schritt

eines Hirsches zu mir herüberschallte. Jetzt stand er und ich wußte, er

äugte nach der Flamme. Schnell und geräuschlos spannte ich den Hahn und

machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das

Geringste mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an etwas düsterer

zu brennen und ich mußte frisch nachlegen, als die Schritte aufs Neue

hörbar wurden, und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde Lichter

aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüsch zu mir herüber. In demselben

Augenblick theilten sich auch die Zweige und vorsichtig und bedächtig

mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern betrat ein

stattlicher Hirsch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine,

eingeschlossene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme

herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber

den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu.

Ich war jedoch indessen auch nicht müßig gewesen, hatte die Büchse

gehoben und den nichts Böses ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und

gerade, als er wieder stand, mit etwas mißtrauischem Blicke das Gestell

und die dicht daneben aufgehäufte Rinde betrachtete und mit dem rechten

Vorderlauf ungeduldig die Erde schlug, berührte mein Finger den Stecher

und hoch aufspringend stürzte er schreiend zusammen.

Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Büchse

wieder lud, und schaute dann nach dem Hirsche hinüber; er war aber schon

verendet und lag bewegungslos dort.

Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nähe befindenden, Hirsch

zu verscheuchen, verhielt ich mich übrigens ganz ruhig und ging nicht

hinaus, ihn abzufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder

gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hörte.

Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne sich im mindesten aufzuhalten,

ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu würdigen, betraten sie den

offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die Salzlecke zu

bekümmern, kreuzen, als ein junger Spießer, der Führer der Ihrigen, von

dem frischen Schweiß Witterung bekam und schnaubend absprang. Wohl wußte

ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum Überlegen bleiben würde, drum

hob ich schnell die Büchse und in demselben Augenblick krachte auch der

Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer den Bach und war gleich

darauf im Dickicht verschwunden. Als sich der Pulverdampf verzogen

hatte, konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr sehen und nur

in der Ferne hörte ich sie schnaubend und pfeifend davon eilen.

Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch schon

recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir

herüberdröhnte, der mir mit klaren Worten erzählte, was ich zu erwarten

hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienspäne, um

mir den Anschuß und den Schweiß zu besehen, um daraus zu beurtheilen,

wie weit der Spießer wohl noch gegangen sein könne; denn schickt in

diesen Sümpfen ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter,

den Regenguß, herunter, so ist's nachher mit dem Ausmachen sehr

unsicher, weil die Fährten nachher gewöhnlich in einem freundlichen

Gemisch von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn nicht die

Aasgeier, die merkwürdig rasch bei der Hand sind, das verendete Stück

anzeigen, sieht's mit dem Finden oft traurig aus.

Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu,

überzeugte mich aber gar bald, daß der Hirsch einen Lungenschuß bekommen

hatte und nicht weit fort sein könnte. Schweiß lag im Überfluß auf dem

Anschuß und in der Fährte; als ich aber eben über den Bach hinüber

wollte, um den Platz, wo der Spießer lag, aufzusuchen und zu verbrechen

oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet sein sollte (in Amerika

ist allgemein der Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück

Wild), als einige große, schwere, fallende Tropfen das jetzt rasend

schnell herbei eilende Gewitter verkündeten; ich ließ also Hirsch Hirsch

sein und sprang zu meinem Gestell zurück, nahm schnell das Feuer

herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um die Kohlen zu

bewahren und es nachher, wenn alles Andere naß sein würde, wieder

anzünden zu können, und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften

Rindenstücke dachartig über das Gerüst, indem ich sie, um mir unter

demselben einen größeren Raum zu gestatten, etwa einen Fuß breit an

jeder Seite vorstehen ließ.

Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen verdeckt und rabenschwarze

Nacht umgab mich; die fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber

gewährten hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit

zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gießen.

Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber ich war doch

gewissermaßen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos,

jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz

unter meinem Aufbau behaglicher findend als den nassen Regen draußen,

noch dazu da solch ein süßes Stück Menschenfleisch, in eine dünne

wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin

gesetzt schien, fingen an mich so wüthend zu umschwärmen und zu

peinigen, daß ich schon mein Dach verlassen und lieber den fluthenden

Regen als diese Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum

Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stück Rinde liegend und

mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme

empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich nasses Holz

legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, daß ich fast zusammen mit den

Mosquitos erstickt wäre; das schützte mich doch wenigstens in etwas

gegen diese, und nach einer Stunde fürchterlichen Gießens hörte endlich

das Unwetter auf.

Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzündete aufs

Neue die Flamme, die Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich

verwandelt und ich selbst saß, am Fuße der gewaltigen Eiche, auf dem

einzigen, inselähnlichen und trockenen Flecke. Natürlich ließ sich

weiter kein Hirsch sehen, und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das

sumpfige Thal und schlug mich in die dicht daran stoßenden Hügel, wo

ich das Balzen eines Truthahns gehört hatte.

Die Truthahnjagd ist in diesen Wäldern eigentlich die am wenigsten

beschwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil sie keinen

Nutzen bringt. Der Amerikaner schießt wohl, was er zu seinem eigenen

Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hühner selber essen muß und

nicht verkaufen kann, so verwendet er nie mehr Pulver und Blei auf sie,

als unumgänglich nöthig ist. Mir war's auch an diesem Morgen nur um

einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirsche

konnte der Jahreszeit nach nicht sehr vorzüglich sein. Ich schritt also

schnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Töne des

balzenden Hahnes herüberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es

vollkommen Tag wurde.

Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten Staaten, vom

Norden bis Süden, vorzüglich aber in den südwestlichen Theilen, in

ungeheuerer Anzahl. Im Frühjahr, März und April balzt der Hahn und ist

dann auch, bis Anfang Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt er

fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders im März, beim Anfang

der Balzzeit, den Magen eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die

Spur von Nahrung darin, sondern die inneren Wände desselben nur mit

einer reinen, öligen Feuchtigkeit überzogen gefunden, wie sie etwa der

Bär während des Winterschlafes bei sich trägt. Wenn daher im Mai die

Hennen brüten, sind die alten Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß

also dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne zieht acht bis zwölf,

ja manchmal sechszehn Junge auf, von denen sie sich nicht mehr trennt,

bis im nächsten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten

Truthähne halten sich übrigens nicht gern zu diesen Familien und

bilden sehr häufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft

dreißig Stück, die dann stattlich und ehrbar mit ihren großen Bärten

(ein Borstenbüschel, der bis sechs und sieben Zoll lang, etwa einen

Finger stark, ihrer Brust entwächst und »Bart« genannt wird) den Wald

durchschreiten. Besonders halten sie sich gern im Winter zusammen und

balzen dann manchmal aus reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den

stillen Wald schallt.

Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugänglichen Büschen aus

dürrem Laub und Reisern auf die Erde und verlassen ihre weißen, am

dicken Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie aber mehre Male

gestört und vom Neste vertrieben, so kehren sie nicht mehr zu diesem

zurück und lassen es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrütet

haben, im Stiche.

Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind dann ein gar delikates Essen,

verlieren aber viel von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie

nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen muß, indem die in dieser

Jahreszeit den Wald erfüllenden kleinen Holzböcke auf keine andere Art

als mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen sind.

In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und wo er nur das

Geringste, was ihm gefährlich dünkt, äugt, so flieht er und ist auf

keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich

aber der Jäger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens nicht, so

kommt er auch, durch das Nachahmen des Hennenrufs herbeigelockt, bis

dicht an das Rohr hinan.

Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus dem zweiten, dünnen

Flügelknochen der Truthenne selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten,

des Markes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denselben

einziehend, der Ton der Henne auf das Täuschendste nachgeahmt werden

kann. Einen solchen Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf etwa

vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn

oben auf einem Baume stehen mußte; zu weit aber schien mir der Tag

vorgerückt, um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen zu

können; ich suchte mir daher einen umgefallenen Baumstamm aus, hinter

dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen

Kopf so viel als möglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu

locken.

Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten Laute hörte,

wahrscheinlich nur, um sich erst genau zu überzeugen, von welcher

Richtung her sie tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren schien,

balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und ich hörte, wie er gleich

darauf vom Zweige abstiebte und auf mich zu streichend etwa hundert

Schritte vor mir einfiel.

In kleinen Zwischenräumen ließ ich jetzt und zwar nur leise die Locke

tönen, auf die er schleifend und dann und wann kullernd, als ob er sich

halb zu Tode freue, zukam.

Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte tiefe Blöße, und bald

darauf sah ich den blauangelaufenen Kopf, mit den rothen herunter

hängenden Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden Gebüsche

ragen, auf welche er gleich darauf selber heraustrat. Zwar hatte ich ihn

jetzt sehr schön zum Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete

ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schießen, so lange er die

Federn gesträubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher

Stelle sich der Körper befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut

und kurz. --

»=Kitt,=« sagte der Truthahn und glättete, sich hoch aufrichtend, am

ganzen Körper, indem er vorsichtig nach allen Richtungen umherspähete;

mehr verlangte ich nicht, und beim Krach der Büchse flatterte er empor

und kam dann, in scharfem Laufe, gerade auf mich zu; -- dicht vor mir

aber hielt er, drehte sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flügel

aus und stürzte zuckend zusammen.

Es war ein merkwürdig feister Bursche und mußte etwas über zwanzig Pfund

wiegen.

Ich warf ihn aus; denn vernachlässigt man dies, so wird ein Truthahn in

wenig Stunden, selbst im Winter, anbrüchig, band seine Ständer mit dem

Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, über die Schulter,

nahm dann meine Büchse wieder auf und wanderte langsam der Salzlecke

zu, um meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fünf

englische Meilen entfernten Hause anzutreten.

Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestürzten zog ich einen dünnen

Streifen Baumrinde durch das Geäs und schleppte, oder schwemmte ihn

eigentlich, zum nächsten trockenen Platz; dann aber machte ich mich

daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tödtlichen

Schusse, seine gehörigen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen

Teich verwandelt, in dem sich Frösche, Eidechsen und Schlangen sehr

behaglich zu fühlen schienen, der sich aber doch keineswegs dazu

eignete, einen Hirsch auszumachen.

Der Regen hatte selbst von den Büschen den Schweiß rein herunter

gewaschen und dornige Schlingpflanzen zogen sich überall in dichten,

festen Massen zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht mehr

weit gegangen sein, und nach kaum viertelstündiger Suche fand ich ihn,

etwa zweihundert Schritt vom Anschuß, verendet.

Wie das vorige Stück schaffte ich den Spießer vor allen Dingen auf

trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den

angeschwollenen Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, also durchwaten,

eigentlich fast durchschwimmen mußte, denn das Wasser ging mir bis unter

die Arme. Als das geschehen, zündete ich jetzt vor allen Dingen neben

meiner Beute ein tüchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck

entsprach, mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil meines

Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Während ein paar der

saftigsten Stücke am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche,

nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das »=brisket=« (der Theil

zwischen den Blättern vorn, wo die kurzen Federn zusammenstoßen), schlug

es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, aber

darum nicht minder gutes Frühstück, hing mir nachher die Überreste des

Truthahns, meine wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den

darin liegenden Keulen über, ergriff meine Büchse und wanderte, das

übrige Wildpret den Aasgeiern oder Wölfen überlassend, der nächsten

Ansiedelung zu. --

Wer übrigens je eine längere Zeit in den südlichen Theilen Nordamerikas

jagte, hat auch gewiß mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den Wölfen

in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem Jäger, wenn er erst einmal

einige Stücke Wild erlegt hat, fortwährend, und lassen ihm kaum Zeit

seine Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier sitzen sie in

den benachbarten Bäumen, und erwarten den Augenblick, in welchem der

Jäger den Platz verläßt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnäbeln

über das Zurückgelassene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden

selten mehr als die Knochen übrig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich

ihrer in etwas zu erwehren und das ist, das Stück Wild in der Decke

zu lassen und am Kopfe aufzuhängen; dann finden sie nirgends einen

Anhaltepunkt, als an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet,

herumzuhacken.

Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das Aufhängen nicht viel

nützt, sind die großen Raben, die nun zwar dem Wildpret selber nicht

viel Schaden thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukühlen,

doch aufgebrochen werden muß. Einige weiß geschälte Stöckchen aber,

durch die Wammen querüber gesteckt, sind ziemlich zweckmäßig, diese

Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weißen Hölzer

hinein zu schieben wagen. Im Winter geht das übrigens noch Alles an,

es sind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens theilweise

noch begegnen kann; im Frühjahr und Sommer aber erscheint eine

Jägerplage, gegen die es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind

die Schmeißfliegen, die zu Tausenden fast in demselben Augenblick

erscheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen stürzt. Will man das

Wildpret später mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, um es

von dieser Landplage frei zu halten, es in's Wasser zu legen. Aber nicht

überall hat man Wasser, welches dazu tief genug ist, in der Nähe, und in

den ganz südlichen Staaten geht dies auch überhaupt nicht an, da die

Alligatoren sonst bald das ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen

würden. Wollte man einen starken Rauch unter dem Wildpret unterhalten,

so würde dies auch nur theilweise gegen diese Insekten schützen; will

daher der Jäger im Sommer Wildpret bewahren, so muß er es an Ort und

Stelle in schmale Streifen schneiden und über einem langsamen Feuer

dörren; dann hält es sich Monate lang. --

Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf eine andere Art als mit

aufgebautem Gerüst betrieben, und besonders dort in Anwendung gebracht,

wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer und derselben

Gegend finden und der Hirsch zwischen ihnen wechselt. Um nämlich unter

solchen Verhältnissen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu

können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiserne langstielige Bratpfanne

(wo diese nicht zu bekommen ist, muß eine künstlich aus Zweigen und Erde

gemachte, den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe noch ein etwa

3-4 Fuß langes, einige Zoll breites Bret, damit sie leicht auf der

Schulter liegt und sich nicht wenden kann, und thut in diese nun den

fein gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen

hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geschnitzte,

kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchse hineinlegen

zu können, wo dann der schwere Kien in der hinten mehre Fuß vom Kopf

abstehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und eine feste

Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche Flamme läßt nun dem

Jäger die Lichter eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert

Schritte erkennen, und da sich das erstere (Raubthiere lieben die helle

Flamme nicht, äugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer

fürchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne Geräusch sich nähert,

auch besonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend

ziehenden Stücke herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden

Lichter der Hirsche in _einen_ glühenden Feuerball, der sich jedoch,

bei dem immer näher und näher Kommen scheidet, und erst in richtiger

Schußnähe sieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen Entfernung

zu einander stehen. Den Wind kann man dabei sehr leicht nach dem Rauch

beobachten, der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf.

Springt nach dem Schuß das Wild schnell und flüchtig ab und rennt fort,

so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Kugel sitzt; hat aber der Jäger

gefehlt, so verschwinden die Lichter plötzlich; der Hirsch wendet sich

und geht langsam, ohne die mindeste Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt

man nahe genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu erkennen, so

schießt man natürlich auf's Blatt; ist das aber nicht der Fall, so hat

man ein so schönes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß man

getrost zwischen die beiden Lichter hinein halten kann, was überdies

immer der beste Schuß ist. --

Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikanische

Jäger ebenfalls sehr viel Rücksicht nimmt: der Mond nämlich, nach

welchem sich das Hochwild mit seiner Äsung richtet. Scheint dieser die

ganze Nacht, so zieht es am stärksten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa

zwei Uhr Morgens umher, wo es sich dann niederthut und bis zur frühen

Morgendämmerung sitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, so äßt

auch das Wild nicht sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchstens

ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken;

dahingegen äßen sie am Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf

bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch läßt sich darüber

nichts ganz Genaues bestimmen. Einzelne findet man fast zu jeder

Tageszeit munter.

So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche mit Hunden gehetzt

werden, so interessant ist diese Jagd auf Truthühner, wenn sie sich

im Winter zusammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 30-50

Stück, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bäumen sie

augenblicklich und äugen nun, sich auf ihrer Höhe sicher glaubend, mit

großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und wild umspringenden

Hunde hernieder, bis der Jäger heranschleicht und mit der Kugel (denn

Schrot würde in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung sein),

den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu übrigens nur eines

Flügelschusses, denn das Wild ist so schwer, daß es fast stets durch

den Fall, wenn auch sonst nicht tödtlich getroffen, verendet.

So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, so albern und

unbehülflich stellt er sich an, wenn er sich gefangen glaubt, und eben

auf diese seine Dummheit sind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der

Ansiedler, -- denn der Jäger nimmt sich selten die Mühe, das mit der

Axt zu bekommen, was er mit der Büchse erlegen kann, -- eine Kette

Truthühner zu fangen wünscht, sei es nun in einem abgeärnteten Maisfeld

oder im Walde, da macht er von langen, gehaltenen, schweren Stangen eine

Umzäunung, die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat hat und so hoch sein

muß, daß der größte Truthahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann.

Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, daß sie dem

Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wände, am besten nach der

Richtung hin, in welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, wird

eine kleine Thüre gesägt. Gerade unter dieser hinweg führt eine Art

schmaler Laufgraben in das Innere der Umzäunung; unter der Thür ist

dieser Graben am tiefsten und läuft nach Innen wieder auf die Oberfläche

hinaus. Dieser Graben wird bis auf zwölf und funfzehn Schritt von der

Falle weggeleitet und nach ihm hin sparsam, in ihm aber reichlich Mais

gestreut, der bis in den eingezäunten Raum hinein führen muß, wo es gut

ist, wenn ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen

lacht. Der Graben aber und die darüber hingehende Thür dürfen zusammen

nur so hoch sein, daß ein ausgewachsener Truthahn, wenn er, mit dem

Kopf auf der Erde, der Äsung nahe geht, gerade hindurch schreiten kann,

also etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald

durchgreifenden Hühner den umher gestreuten Mais, so folgen sie den

einzelnen Körnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell

wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo sie sich gar bald an dem

dort aufgeschichteten Vorrath eine Güte thun. Auf diese Weise gehen

manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hinderte

sie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieselbe Art das Gestell

zu verlassen, wie sie es betreten haben; sobald aber nur einem von

ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei er sich natürlich

aufrichtet und, den fest verwahrten Ort über sich erblickend, das

Warnungszeichen giebt, so erheben in demselben Augenblick Alle die Köpfe

und versuchen flatternd in die Höhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt

von dem Augenblick weder mehr daran, den Mais zu berühren, noch sich

überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, daß sie sich auf diese Art

gegen Abend gefangen haben und bis zum nächsten Nachmittag darin

geblieben sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie einzeln heraus

holte.

Der arme Truthahn hat übrigens auch noch außer dem Menschen sehr viele

andere Feinde, denn Wölfe, Füchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen

nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weißköpfige Adler, dem sie

auch nicht einmal entfliehen können, und zeigt sich ein solcher in der

Luft und umkreist die Bäume, dann rührt sich kein Truthahn in seinem

Versteck und man kann sie, wenn man sie zufällig findet, fast mit der

Hand greifen.

* * * * *

Als ich zuerst die wirklichen Wälder Amerika's betrat, hatte aber nicht

allein das Wild für mich Interesse, sondern auch die eingebornen Jäger

selbst, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen,

welches ich mir in meiner Phantasie von ihnen gemacht hatte.

Besonders viel war mir von den sogenannten »Hinterwäldlern« erzählt

worden, die in der Bevölkerung Amerika's gewissermaßen eine eigene

Gattung bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel Welschkorn

bauen, als sie für sich und ihre Familie und ein Paar Pferde und

Schweine bedürfen, im Übrigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und

führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß sie Häuser bauen und

kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn selten bleiben sie

länger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, sondern

sind stets bereit, ihr mit saurem Schweiß urbar gemachtes kleines

Besitzthum um Weniges wieder zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen.

Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst Illinois liegt jetzt schon

zu östlich für diese Menschenklasse), hörte ich, etwa sechzig Meilen

unterhalb St. Louis, von einem gewissen _Coltert_, der ein alter,

tüchtiger Bärenjäger sein und mitten im Wald in einer kleinen Hütte

leben solle. Die Beschreibung dieses Mannes, wie er lebte, was er schon

alles für Abenteuer durchgemacht, wie viel Bären und Panther er erlegt,

wie oft er verwundet worden, ein Mal sogar lebensgefährlich, als er

seinen Lieblingshund einem Bären entreißen wollte, das Alles spannte

meine Neugierde auf das Äußerste und machte mich sehr begierig diesen

Mann kennen zu lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz nach

indianischer Art, mit allen möglichen Waffen und Jagdgeräth versehen,

aus, und beschloß, wenn ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn

aufzusuchen.

Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen vor seinem Hause vorbei

führen, wo, wenn ich einen gewissen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts

abging, der bis zu seiner Hütte hinlief. Bis zu diesem Flusse hatte

ich etwa noch sechs englische Meilen zu marschiren und wanderte frisch

darauf los, um den alten Jäger so bald wie möglich kennen zu lernen, als

ich einen Mann auf der Straße überholte, der sich ganz gemüthlich dicht

am Wege seiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem

unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich auf einem umgehauenen

Baumstamm saß und die etwas sehr zerrissenen flickte. -- Sonst trug

er einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und ein Paar grobe

rindslederne Schuh, welche drei letzteren Kleidungsstücke, als ich zu

ihm trat, seinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand ein

alter, recht ungesetzlich außer Façon gedrückter Filzhut, und an einem

Baume lehnte eine lange Büchse -- (ohne die selten oder nie ein Landmann

ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und einem in ein buntes

Taschentuch eingebundenen Päckchen.

Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich stehen blieb und ihm

freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter

um mich zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine

Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte

Kleidungsstück wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten

Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bündel

in die linke Hand und dann den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend,

warf er sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter,

indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!«

Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkürlich

anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, über vielerlei.

Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und

wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des

alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wünschte.

»Kennt Ihr den alten _Coltert_?« fragte er mich und wechselte mit der

Büchse auf die andere Schulter.

»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber kennen zu lernen!«

»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das Vergnügen habt Ihr die

letzten zwei Stunden gehabt!«

Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen,

wollenen Frack meinen Bärenjäger zu finden, der noch dazu so ächt

waidmännisch die Büchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber

nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm

zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige

der delikatesten Bärenrippen und viele romantische Erzählungen aus

dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr

befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen. -- Hatte mir einen

amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht.

Die Erzählungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mächtiger in

mir aufgeregt und ich beschloß, was ich auch später redlich gehalten

habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die

Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, selber

mitzumachen.

Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei auch einträglichsten

Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich,

nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres,

gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich

nicht widersetzen _kann_, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht

sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön und der den Männern

angeborene Zerstörungsgeist macht es schon anziehend für uns; mir fehlte

aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch

nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt hätte, bis ich das erste

Mal »Fuß an Fuß« mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun

auch wußte, ich trüge das große Messer nicht blos zum Staate an der

Seite.

Die Bären fangen übrigens schon an in den vereinigten Staaten

sehr selten zu werden, nur noch in den unermeßlichen Sümpfen des

Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast

unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem

Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise von

Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend

und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine

Seltenheit sein wird.

Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten

betrieben:

Erstens durch _Pürschen_,

Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band. · 第 3 / 8 题