_Friedrich Gerstäcker_.
Dritte Auflage.
_Erster Band_.
Leipzig,
_Arnoldische Buchhandlung_.
1862.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Der Leichenräuber 1
Nordamerikanische Jagd 55
Curtis Brautfahrt 131
Schulen in den Backwoods 185
Die Alligator-Jagd 206
Die Leichenräuber.
Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) hatten sich die Stämme der
nordamerikanischen Indianer ziemlich still und ruhig verhalten und
die Regierung selbst vermied natürlich Jedes, was wieder zu Reibungen
und Streitigkeiten Anlaß geben konnte. Nichts desto weniger und trotz
tausend verschiedenen Freundschaftsversicherungen und geschlossenen
Bündnissen, drängte sie die armen Kinder der Wildniß immer weiter und
weiter von den Gräbern ihrer Väter zurück, und nahm ihnen sogar, wenn
ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zustimmung gegeben, wieder
Strecken hinweg, in deren _fortwährendem_ Besitz sie frühere Präsidenten
bestätigt hatten.
Da standen, dieser Willkühr müde, im April des Jahres 1832 die
Winnebagoes, die Füchse und Sioux's auf, und wollten unter ihrem
tapferen Häuptling _Black Hawk_ -- _der schwarze Falke_ -- ihr
schönes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum von den frechen
Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch
fürchterliche Verwüstungen in den Grenzländern ihrer weißen Unterdrücker
an; sie umzingelten und vernichteten ganze Ansiedlungen, mordeten und
scalpirten jedes lebende Wesen und erfüllten den ganzen Staat mit Furcht
und Beben.
Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte Maaßregeln zu
ergreifen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; denn die Indianer,
von ihrem leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten
mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. Die Generäle Atkinson und
Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt.
Unter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von
Dampfbooten schaffte, um sie in der dringenden Noth auch schnell dem
Kriegsschauplatz zuführen zu können, brach die Cholera aus -- die
übermäßige Hitze und das Zusammendrängen so vieler Menschen in einem
kleinen Raum war die Ursache, entsetzliches Elend aber die Folge dieser
Krankheit. Viele starben, Viele desertirten, und mußten dann, von Seuche
und Hunger gleich aufgerieben, in den Wäldern umkommen. General Atkinson
dagegen traf durch forcirte Märsche an der Mündung des oberen Iowa mit
Black Hawks Kriegern -- es war am 2. August -- zusammen, schlug nach
glücklichem Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Häuptling und
dessen Sohn gefangen, die beide zuerst in Fort Monroe mehrere Monate
festgehalten, dann aber durch alle Hauptstädte der vereinigten Staaten
geführt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die sie einen Krieg
unternommen, und ihnen zugleich zu beweisen, wie thöricht, wie ganz
hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche ungeheure Streitkräfte
sein müßte.
Black Hawk erschrack besonders über die für ihn so bedeutende Anzahl
waffenfähiger junger Männer, und kehrte, bestürzt über das was er
gesehen, zu den Seinigen zurück. Er widersetzte sich auch von da an
nicht länger dem Beschluß der Regierung, die, um einem zweiten Einfall
der Wilden vorzubeugen, und sich zugleich das schöne Land vollkommen zu
sichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, sämmtliche Stämme an
das westliche Ufer des Mississippi schaffte.
Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe jener tapferen Nationen
wühlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen
des von ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch
einzelne und nicht oft die besseren der Stämme waren zurückgeblieben und
im weiten Land zerstreut, wo sie sich mit Körbeflechten, oder auch mit
der Jagd kümmerlich ernährten.
In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 hatte sich auch ein alter
Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton,
einem kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, und für Prairiehühner
oder einen gelegentlich erbeuteten Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was
er sonst brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, ob er nun des
Guten ein Bischen zu viel gethan, oder sonst vielleicht schon vorher
krank gewesen, hatte er kaum das gewöhnliche Geschäft beendet, und einen
Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zufälle bekam, zu
Boden stürzte und wenige Minuten darauf den Geist aufgab.
Allerdings wurde der Doktor -- der einzige im kleinen Städtchen und
zwar ein Ire -- augenblicklich gerufen -- jede Hülfe kam jedoch zu spät,
der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge
trug man ihn etwa eine englische Meile von der Stadt fort, wo ein
alter »Indianischer Mound« oder Erdhügel lag, der stets von dort
vorbeikommenden Wilden besucht ward und der Begräbnißort eines großen
Häuptlings der »Füchse« sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das
dem armen alten Indianer gerade da seine Grabstätte anwies, grub man
ihm sein letztes Bett, und bald verrieth nichts weiter, als die frisch
aufgeschüttete Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, der doch
wenigstens in dem Lande schlafen durfte, in dem sein Stamm einst
geherrscht und glücklich gewesen war.
Eine Person lebte aber in Waterton, die alles Mögliche gethan hatte, um
dieses Begräbniß zu hintertreiben, und diese Person war eben der, schon
früher erwähnte kleine irische Doktor, der -- zum Nutzen der Menschheit,
wie er behauptete -- seit dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten
und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn
seciren und dadurch vielleicht wichtige Entdeckungen in diesem Zweige
der Wissenschaft machen könne. -- So lautete nämlich der Grund, den er
angab, eigentlich wünschte er aber nur das Skelett zu besitzen, für das
er in New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen wußte.
Nun hätten sich die guten Wolferinen[1] wohl allerdings sehr wenig
daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die sie,
der verübten Gräuel wegen, sämmtlich in die höllischen Regionen
wünschten; eben diese Greuelscenen waren aber auch noch zu frisch in
ihrem Gedächtniß, und nicht mit Unrecht fürchteten sie, wenn so etwas von
ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der übrigen Wilden, die, wenn
auch nicht offen ausgeführt, ihrem kleinen unbeschützten Flecken um so
verderblicher werden konnte.
1: Spitzname für die Bewohner von Illinois.
Überdies war der alte »_Salomo_« -- wie sie ihn genannt hatten, obgleich
er sich keineswegs zur christlichen Religion bekannt -- so lange Jahre
dort aus- und eingegangen, daß wirklich eine Art Freundschaft zwischen
ihnen aufgesprungen schien, und zugleich mit der Scheu, die _alle_
Hinterwäldler vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen
Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig der Bitte des Doktors.
Der Indianer wurde begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht.
Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme sah allerdings, daß hier mit
weiteren Protestationen Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb
ihm noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam
stehlen helfen, und wenn auch _die_ Zeit viele viele Jahre lang hinter
ihm lag -- Jahre, in denen er noch kräftig und jung gewesen -- so
wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines Körpers mitten im Wald,
wo er Entdeckung gar nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger
Schwierigkeiten und Gefahr verknüpft sei -- ja, wäre es nicht des
unbemerkten Heimschaffens der Leiche und vielleicht der halbunbewußten
Furcht vor Indianern wegen gewesen, er hätte das ganze Abenteuer allein
bestehen können; so aber mußte er sich nach einem Gehülfen umsehen,
und den fand er augenblicklich in seinem eigenen Diener, einem erst
in demselben Monat eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in Amerika
sagen, _wilden_ Irländer, den er leicht, durch Versprechung eines guten
Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch später über die
ganze Sache reinen Mund zu halten.
Um aber nun mit dem Doktor, der so kühne Absichten hatte und einer
ganzen Gemeinde und den Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas
näher bekannt zu werden, muß ich den guten Mann wohl bei dem Leser in
Lebensgröße einführen.
Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes Wesen, mit rothen
Backen, etwas echauffirter Nase, kleinen grauen Augen, grauen
Augenbraunen und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm übrigens
ein keineswegs nordländisches Aussehen verliehen haben würde, wären
nicht die aufgestülpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche,
breitgedrückte Antlitz des immer munteren Doktors zu sichere Bürgen
der »grünen Insel« gewesen. Nach seiner, dem Leser eben mitgetheilten
Absicht, möchte dieser jedoch verleitet werden, den Doktor für ein
Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit zu halten, da
er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner
Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht Nebel stehlen
wollte -- ein Geschäft, vor dem selbst der kühnste Jäger jener Wälder
zurückgeschreckt sein würde. Dem war aber gar nicht so. --
Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch schon sein »Geschäft«
mit sich brachte, keine Furcht vor Leichen -- der menschliche Körper
war ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze
ist, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen classificirt; er
würde also auch das Stehlen der Leiche an sich selbst als etwas sehr
unschuldiges, ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wäre nicht
noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings der ganzen Sache
eine Schattenseite gab, und ihn sogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er
mochte sich dagegen sträuben so viel er wollte -- der _Furcht_ ungemein
ähnlich sah.
Die Leiche lag nämlich im Wald -- eine Meile von jeder menschlichen
Wohnung entfernt, und erst vor wenigen Tagen hatten die Jäger von
Waterton gerade dort einen Panther gejagt und _nicht_ erwischt. Der
Panther mußte also noch nothwendiger Weise im Walde sein, denn es war
nicht einmal auf ihn geschossen worden, so daß man sich vielleicht damit
hätte beruhigen können, er sei verwundet und später irgendwo verendet.
Außerdem schienen auch die Einreden der Bewohner von Waterton einen
nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß sich nämlich
in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes
eben in der Gegend gezeigt hätten, die, wenn sie von dem Leichenraub
eines ihres Stammes hören sollten, nie im Leben eine solche That
vergessen, sondern sie an dem Thäter und seiner ganzen Nachbarschaft
rächen würden, indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft würden,
doch wenigstens ihre Maisfelder und Häuser in Brand steckten und ihnen
vielleicht auch noch außerdem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten.
Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung zeigte sich aber hier zu
stark, Mac Botherme konnte nicht widerstehen, und beschloß nun, der
äußeren Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen wegen seinen eben
angenommenen Diener Patrik O'Flaherti zu Schutz und Hülfe _mit_zunehmen
und die Sache wo möglich vollkommen geheim zu halten.
O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irländers der niederen Klassen,
mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken sprühender Nase
-- starkknochig und keck, mit unverwüstlichem Humor und nicht zu
ermüdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders noch durch die
zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, gern bereit, dem Doktor, wie
er sich ausdrückte, »durch dick und dünn zu folgen,« heißt das, wenn sie
es nur »mit wirklich todten« Personen zu thun hätten, und nicht etwa gar
der Geist des »seligen Rothfells« neben dem Grabe säße und aus seinem
Tomahawk schlechten Tabak rauche.
Auch hatte Patrik -- der sonst _keinen_ Menschen fürchtete, eine nicht
unbedeutende Scheu vor den Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath
die fürchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht waren, die
dort als Cannibalen und wahre Teufel verschrieen wurden. Das was er,
in Illinois angekommen, hie und da über die letzten Einfälle und
Gräuelscenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen besseren
Begriff von ihnen beizubringen, und so äußerte er denn auch diese
Befürchtung ziemlich frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac
Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab, hütete sich
jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu lassen; im Gegentheil suchte er
mit dem unbefangensten Lächeln von der Welt jede etwa aufsteigende
Furcht in ihm zu beschwichtigen.
Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausführung des Unternehmens
wurde auf den nächsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem
Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht irgend Jemand von
Waterton auf der Jagd draußen sei, und zufällig in die Nähe des
Indianischen Mound kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wurden
nun getroffen, und der Plan schien sich auch leicht und gefahrlos
ausführen zu lassen.
Der Doktor bewohnte nämlich ein eigenes kleines Haus mit zwei
Abtheilungen, in deren einer er und der Diener schlief, während er die
andere zu seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In das erstere
nun sollte die Leiche geschafft und dort zubereitet werden, bis sich
später einmal eine Gelegenheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne
Aufsehen an den Ort seiner Bestimmung zu befördern.
Patrik mußte sich dabei Hacke und Schaufel zurecht legen, und der Doktor
nahm die alte Muskete vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu
Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirschfänger um, steckte ein
Brecheisen und kleines Beil zu sich, um ohne weitere Mühe den Sarg
öffnen zu können, und während er noch das Letzte -- einen großen grauen
Leinwandsack über seine Schultern hing, um darin den Leichnam desto
leichter fortschaffen zu können, brachen an dem bezeichneten Abend die
Beiden, als der Mond eben unterging (und das war etwa gerade um neun
Uhr) vorsichtig auf, wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und nicht
etwa von einem noch zufällig auf der Straße Weilenden bemerkt zu werden,
das kleine Haus umgingen, die nächste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld
einschloß, übersprangen, und dann durch dieses hin, und von den hohen
breitblättrigen Maisstöcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten.
Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den sie machten;
sie hatten ja aber die ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und
geräuschlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. --
Indessen saßen in der Schenke von Waterton die vier einzigen _nicht_
religiösen Männer, die, außer dem Doktor und Patrik in dem kleinen
Städtchen zu finden waren, fröhlich beisammen, und thaten dem erst
frisch von Vincennes eingetroffenem Biere alle nur mögliche Ehre an.
Diese vier waren aber erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit
der frühsten Gründung von Waterton hier eingewanderter Pennsylvanier,
und kurzweg von seinen Bekannten und Gästen _Jim_ genannt, dann _Josy_,
der Schmied, _Weppel_, der Schulmeister, und _Shark_, der Krämer.
Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei einander saßen, wirkte
höchst störend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der
vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte -- sie
waren alle viere Demokraten, hatten für Polk gestimmt, und im Ganzen
eine so genau übereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß
Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er
werde nächstens _gegen_ seine Überzeugung des Whigticket stimmen, blos
um einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft widersprechen
zu können.
Die Politik war deshalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt,
und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im
letzten Monat gefunden, während sich Josy seines Glücks auf der Jagd
rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthühner
geschossen und Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirsch und
noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade,
als er die Büchse heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die
Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, und dadurch ein
ungemein delikates Stück Wildpret für sich gewonnen hätte.
»Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,« fuhr jetzt Weppel auf,
»daß diese schleichenden Hallunken, diese Indianer, hier immer um die
Ansiedlung herum kriechen -- in Arkansas leiden sie's auch nicht -- ich
hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen
ganzen Trupp von ihnen auf -- es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn
-- nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.«
»Ja,« sagte Shark geheimnißvoll -- »das hat aber auch hier eine andere
Bewandtniß -- wißt Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes über
Waterton erzählt?«
»In Vincennes?« frug ungläubig Josy -- »was wissen sie denn in Vincennes
von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehört
haben sollten -- Unsinn -- wäre doch verdammt neugierig _das_ zu
erfahren!«
»Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen,« fuhr Shark fort,
trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin
augenblicklich wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl ein
bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf,
stützte gegen die zurückgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte
dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder Stimme:
»Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.« --
»Nicht ganz richtig?« frugen die drei übrigen wie aus einem Munde.
»Nein« -- sagte der Krämer -- »nicht ganz richtig -- oder eigentlich
_gar_ nicht richtig, denn die Indianer schnüffelten blos deshalb hier
noch in der Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt
stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie heben müßten, ehe sie
sämmtlich das Land verlassen dürften.«
»Einen Schatz?« rief die junge Wirthin, erstaunt näher tretend.
»Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und
Schmucksachen« -- fuhr der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort.
»Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben,« sagte der
Wirth ungläubig -- »das was die Indianer für kostbar halten, ist für
uns Weiße keinen Pfifferling werth -- das sind gewöhnlich immer nur
Muschelstückchen, die an den Wampum genäht werden, rothe Erde, um
Pfeifen d'raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in
New-York für einen Spottpreis kaufen kann.«
»Wo sie's hergekriegt haben sollen?« rief Shark in allem Eifer;
-- »haben sie denn nicht von jeher die weißen Ansiedlungen überfallen,
und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird
denn nicht sogar behauptet, daß es in dem Alleghany-Gebirge Stellen
gebe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl
gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was sie damit
anfangen sollten, bis sie es später durch die Gier der Europäer
erfahren! Nein, die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie hier in
der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt
sitzen, das ist auch möglich. Was _hätten_ denn auch wirklich die rothen
Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien
begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen zu schießen, in den Wald ging.«
»_Die_ sind nach Vincennes zu,« unterbrach ihn hier die Wirthin, »sie
wollten auch blos eine Parthie Otterfelle verkaufen und dachten gewiß
wenig genug an Schätze.«
»So?« rief der Krämer pikirt. -- »Otterfelle verkaufen, als ob sie
deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton
Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige Otterfelle
abzukaufen. Nein, das hat einen anderen Grund, und wir werden's schon
noch erfahren. Deshalb war ich übrigens auch so dagegen, daß der kleine
Doktor den Indianer zerschneiden sollte -- der Teufel hole die rothen
Schurken, vielleicht hätten sie das als eine Ausrede genommen, uns die
Häuser über dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, was sie
mitzunehmen wünschten.«
»Ja, das sag' ich auch« -- meinte Josy -- »das wäre auf keinen Fall
gegangen; ich weiß noch recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem
Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem am Mississippi
begrabenen Häuptling hatte stehlen wollen -- sie erwischten ihn dabei
-- zogen ihm den Scalp ab, und ließen ihn laufen -- drei Stunden drauf
war er todt. Ich habe die Geschichte Mac Botherme zur Warnung erzählt.«
»Ja, und nachher haben sie noch fünf aus derselben Ansiedlung
erschossen,« sagte Weppel -- »ich kann mich recht gut darauf besinnen,
denn ich kam acht Tage später durch Greentown.«
»Und dann war Salomo auch ein herzensguter Mensch« sagte Mrs. Glassy
-- »gar nicht wie die anderen Indianer -- überall gefällig und immer
freundlich -- es hätte mir in der Seele weh gethan, wenn er nicht einmal
ruhig im Grabe geblieben, sondern von dem -- Irländer da, zerschnitten
wäre. Soviel weiß ich -- wenn der hier in Waterton Menschen die
Eingeweide herausnimmt und an ihnen herumsticht als wie an einem anderen
Stück Vieh, dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, dann dank'
ich ihm für seinen Besuch -- ich ekelte mich zu Tode.«
»Na, das wäre nun das Wenigste,« lachte ihr Mann -- »das wäscht
sich Alles wieder ab, und was Salomo betrifft, so ist Einer von den
Moccasinzertretern so schlimm wie der andere -- je freundlicher sie sich
stellen, desto mehr muß man sich vor ihnen in Acht nehmen. Aber darin
hat Shark recht -- ich möchte nachher nicht mehr vor die Thür gehen,
wenn es unter dem Stamm bekannt würde, wir hätten hier in Waterton Einen
von ihnen nicht allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten
-- am Ende glaubten sie gar, wir wären Menschenfresser.«
»Brrr,« sagte Mrs. Glassy, und schüttelte sich bei dem Gedanken.
»Ja Kinder,« meinte Mr. Weppel, als er jetzt aufstand und ans Fenster
trat, um hinaus auf die menschenleere Straße zu sehen -- »was Besonderes
ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hause
gehen -- meine Alte möchte doch sonst brummen.«
»Wie viel Uhr hat's denn?« frug Jim -- »es muß ja noch früh sein.«
»Es ist gerade neun vorbei,« sagte der Schullehrer, »der Mond drückt
sich auch da drüben in's Nest -- morgen muß ich um sieben wieder auf den
Beinen sein und Schule geben -- also gute Nacht, meine Herren.«
»Wartet Weppel,« rief Shark, während er aufstand und nach seinem eignen
Hute griff -- »ich gehe mit -- ich muß so ein Bischen in's Freie, habe
in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. Aber wer klopft da
draußen -- ist denn zugeschlossen?«
Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy öffnete sie schnell,
hätte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich,
halbgebückt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner,
etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche
Angst in den dunklen Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und nicht
zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte.
»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem sie überrascht einen Schritt
zurücktrat, »habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer,
der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was willst du denn noch so
spät, Sip? schickt dich dein Master?«
Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger
vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach
irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand
kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu
gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen
ließ. -- Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß,
und mit leiser, bebender Stimme stotterte er:
»Ne -- ne -- nein, Missus -- Ma -- Massa nicht, a -- aber -- ich ha
-- habe wa -- wa -- was gehört --«
»Du hast was gehört?«
»Ja -- Mi -- Missus« -- fuhr der Kleine ängstlich fort -- »w -- w -- wie
ich durch Ma -- Ma -- Massa Glassys Me -- Melonengarten ging --«
»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrüstet -- »was
hast du in Ma -- Ma -- Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich
dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur
über die Fenz herüber anzusehn?«
»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was er gesehen hat?« lachte
Weppel -- »der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst
und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich dadurch, daß er sich hier
so urplötzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und
stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glassy
erst wieder beruhigen mußte, bis er sich nur wenigstens in so weit
verständlich machen konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle.
Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens näher auf ihr kaum
unterbrochenes Gespräch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte
ihnen jetzt, daß er _durch_ eben den fraglichen Melonengarten, aber blos
_durch_gegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht
an der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen der Eine eine
Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm
seien sie eine Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die Stimme
des kleinen irischen Doktors erkennen können, der mit seinem Diener
davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu
Hause zu tragen.
Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das Ganze, weil er seinen
eigenen Master schon vor dem Begräbniß des Indianers sagen gehört,
sie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend
umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts
weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte
Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, seien zu Allem fähig
und würden die Weißen nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen,
rauben, und die Neger -- eine Hauptsache für _Sip_, in Gefangenschaft
schleppen.
So unausführbar nun auch das Letztere gewesen wäre, da die Indianer,
nach einem ausgeführten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften
zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig
bekannt, seine Existenz auf das Äußerste gefährdet, und bat jetzt die
Männer mit thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen nicht
zugeben, daß die bösen Menschen ihr Vorhaben ausführten.
»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schüchtern in
eine Ecke zurückgetreten war -- »der verwünschte kleine Doktor wird uns
am Ende noch zu schaffen machen.«
»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy -- -- »wir wollen ihm nach -- wer
fürchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht,
und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen draußen
herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach
Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von
Leib und Leben zu bringen.«
»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel -- »er hat bei uns
um den Leichnam angehalten -- er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn
jetzt _stehlen_ will, so brauchen wir das nicht zu leiden.«
»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen -- »der Teufel
brauchts zu leiden -- aber wir nicht -- hol' doch den ganzen Irländer
der Böse -- mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine
Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber _hier_ leben will, so soll er
sich auch den Gesetzen des Landes fügen, oder -- ich will ihn mit ein
paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als
zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach,
und wenn _ich_ ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen
Holzkopf.«
Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien,
ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen;
Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte,
während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:
»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten -- der Indianer gehört nicht mehr
in den Staat -- er liegt auf _Congreßland_ begraben und _wir_ haben eben
so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor -- _gesetzlich_ können
wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und
fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und
die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als
das bis jetzt schon geschehen; -- ließe sich das Ganze nicht auf irgend
eine andere Art beilegen?«
»Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?« frug Mrs. Glassy
-- »das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!«
»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten
mitten durch die Stadt laufen,« -- sagte der Schulmeister -- »so
gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's
wahrhaftig gedacht.«
»Ach was _denken_,« fiel der Schmied hier ärgerlich ein -- »hol' der
Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das
Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich,
wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die
Amerikaner verlangen.«
»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark -- »dagegen muß ich zweierlei
einwenden -- erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon
jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte
herausreißen lassen, und dann -- könnte die verwünschte Flinte _doch_
einmal losgehen -- _die_ Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt
ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst
recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht
die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre,
einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas
Besseres besinnen. -- Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten
Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt.«
»Oh Go -- Golly, Ma -- Ma -- Massa!« schrie Sip entsetzt, »was hat a
-- a -- arme Nigger gethan, -- N -- nein -- Sip we -- we -- weiß 'was
Be -- Besseres!«
»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du« -- lachte Weppel
-- »heraus mit dem Be -- Besseren!«
»Massa Bo -- Botherme, fü -- fü -- fürchtet Indian -- i -- i -- ich
schreie ge -- gerad wie Indian« -- und ohne eine weitere Aufforderung
abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender
Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der
Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die
Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick
begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus:
»Bei Gott, Kinder, ich hab's -- Sip hat recht, das ist ein kapitaler
Einfall -- wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist
unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen,
und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an
das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen
einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei
ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.«
»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« meinte Josy, dem
der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor
sich hin.
»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche Krämer, »wozu? der Wald ist
dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es
soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.«
»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« -- meinte Weppel.
»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth -- »wenn der die Büsche
rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möchte ich
meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse
hinter ihm wäre.«
»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte Shark -- »sonst holt er ihn
später am Ende doch noch.«
»Wenn der _einmal_ verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder« -- sagte
Glassy -- »übrigens ist's einerlei, ob wir bei _dem_ einen ächten
oder unächten Schlachtschrei haben -- der versteht ihn doch nicht zu
unterscheiden -- was hilft auch der Kuh Muskate -- doch gleich viel,
jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt,
durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er
an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht
hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke und auf der
breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe
Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen
Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können,
und jetzt ihr Herren -- an's Werk.«
Es war Nacht -- droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die
schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder -- ein leiser Südwind
strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das
schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden
Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. -- Sobald
er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen,
da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig
zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte
und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen
habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen -- sie
wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts
Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« sagten sie, »wenn er von da
drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern
nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder
einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber -- laßt ihn
weiter ziehen, Schwestern -- es ist ein Südländer -- er tritt patzig
auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und ist dann eben so
leicht verschwunden, wie er gekommen.«
So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß
mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort
unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen
in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus,
vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.
Die Natur feierte ihren Sabath -- heilige Ruhe lag über der ganzen
Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise
und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle
hineinzuquaken in die stille -- hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte
auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht
durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine
Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden
brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen
Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den
leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.
Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo
das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand -- es
war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen
westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen,
während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume
trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme
hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle
umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben
zu schließen.
Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen
Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher
Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde
trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm
festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines
Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.
Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden
Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging,
umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf
geheult zu den Sternen -- die Spuren seiner scharfen Krallen
bezeichneten noch den weichen Grund.
Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu
Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner
von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? -- Hatten sie soweit sein
Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von
ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten
ihn früher erquickte? Ach nein -- nein -- nicht Liebe war's, die das
erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne -- den Leichnam
aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das
geschehen konnte, so schnell geschah es -- daß sie das indianische Grab
dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst
bewiesen.