XX.

Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester, als der Zug in

Rorschach einlief. Hier ist also Friede. Und Frühling. Kein Schnee,

keine rosa Kälte mehr. Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen

Gesträuch.

Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein. Kinder sprangen wie

Kaskaden steinerne Stufen herunter. Mädchen zwitscherten unter den

Laubengängen. Burschen lachten dröhnend.

Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen Gassen. Aus

einem Restaurant, an dem ein Schild »Frohsinn« angebracht war, tönte

kleines Orchester. Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen von

Pergolesi.

Ein Brunnen rauschte.

Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die Gassen sich den Berg

hinauf. Und Sylvester glaubte zu weinen, sinnlos an eine Laterne

gebeugt.

* * * * *

Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in Dämmerung übergegangen.

Noch blaute der Tag über Sylvester.

Er trat an den Bug.

Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen, die nach Futter suchen.

Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel; und auch mein Herz ist

schon zu zermürbt und von andern Vögeln zerfressen, als daß ich es euch

noch zum Fraß hinwerfen könnte.

* * * * *

Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn schwebte Lindau, in das

der Dampfer wie ein Komet flammend und rauchend rauschte.

* * * * *

Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck hielt.

Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu.

Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten gelbe Wolken. Sie waren

wie Aeroplane einer fremden Macht hinter ihm her, aber er war ihnen

längst entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ sie weiter,

immer weiter hinter sich.

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 30 / 32 题