XIX.

Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit an Sybils Grab.

»Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. Einen blonden Baum.«

Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte:

»Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum in unserm Davoser

Klima sich auch nur einen Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde,

eine Minute, eine Sekunde hält.«

Sylvester blieb starr.

»Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, verlassen Sie sich

darauf.«

Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, den Herrn von

seinem Aberwitz zu überzeugen.

»Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige Schwedin. In Schweden

liebt man die Zitronenbäume nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das

Richtige oder eine Trauerweide.«

»Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum auf das Grab

pflanzen. Es muß ein Baum sein, der Früchte trägt.«

»Nicht _eine_ Frucht wird er tragen«, schrie der Gärtner und schlüpfte

aus der Friedhofspforte.

Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten auf dem Metallblau des

Himmels.

Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf standen nur diese zwei

Worte: Sybil Lindquist. Keine Altersangabe. Kein Geburts- und kein

Todesdatum.

Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der Pneumo, dem Bulgaren, dem

Japaner und dem Leutnant gemeinsam gestiftet worden.

Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof durchwandeln,

werden glauben, sie sei erst gestern gestorben.

* * * * *

Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem Java-Kapok gefüttert

und mit Schulterklappen und seitlichen Mufftaschen versehen war, auf

seinem Privatbalkon.

Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: eine nicht einmal

besonders gelungene Ansichtskarte, die sie in einer ihrer Filmrollen als

amerikanische Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler

Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel.

Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, klangen die

eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... Bob ... an sein durch wollene

Ohrmuscheln vor der Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen

hilfeheischend wie die Rufe von Ertrinkenden.

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 29 / 32 题