XXI.

»Gehen wir in den Kino!« sagte Sylvester.

»In welchen?«

»In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt, in dem der erste

Platz dreißig Pfennig kostet, und in dem man sich unbedingt eine Angina

holt. -- Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.« --

Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes Plakat: ein

bleicher, blonder Frauenkopf, der sich wie eine Narzissenblüte auf einem

Stengel wiegte. »Narzissenblüte« hieß der Film, und das sollte den Namen

des Mädchens symbolisieren, denn unten auf dem Plakat waren ein

Negerboxer und ein brauner Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer

Viscount oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich,

daß der Film auf einem Konflikt zwischen dem Neger und dem Weißen

aufgebaut war. Ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond.

Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur neben dem Kino.

Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen.

Harry sah einer schmalen Kellnerin nach.

»Ißt du das Zeug gern?«

Sylvester schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen Kastanien wärmen.« --

Die Leinwand flammte auf.

Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen und Lauben

umgeben, trat eine schlanke, blonde Frau.

Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes Sommerkleid und

einen Biedermeierstrohhut mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband

schwang sich vom Hut hernieder um den zarten Hals.

Sie sah sich suchend um.

Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden. Sie biß die

Lippen aufeinander.

Nun glitt ihr Blick gradeaus.

Er blieb an Sylvester haften.

Sybil hatte Sylvester entdeckt.

Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten, seine Hände

zitterten, die Muskeln ließen nach und die Kastanien rollten am Boden.

»Ruhe!« rief eine Stimme.

Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer.

Sylvester marterte sich das Hirn:

Wird sie tanzen?

Da eilte von links ein eleganter junger Herr im Zylinder, Cutaway, in

grauen Hosen mit schwarzer Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend,

auf sie zu.

Sie reichte ihm die Hand.

Ihre Unruhe war verschwunden.

Sie lächelte.

Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor.

Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete äffisch grinsend den

Wagenschlag.

Sybil stieg ein.

Der Herr folgte.

Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine Parkallee von

Pappeln fliegen ... nun glitt es in den Wald und war den Blicken aller

hinter Bäumen entschwunden.

Sylvester stand auf.

An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der Schweiß stand ihm auf der

Stirn.

»Gehen wir«, sagte er. --

Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf der Straße waren,

und das Entsetzen übte schon wieder Macht über ihn. Man müßte ihn wie

einen Hund über den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des

grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den Neger auf der Stelle

niederknallt, wer soll dann den Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen

Chausseegraben sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser Hirn würde

auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen im Winde wehen. Ein Kopf

ohne Hirn ... ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen ...

und ... so süß zu hoffen ...

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 31 / 32 题