nicht fertig. Unten unter der Erde grabe ich winzig kleine Gänge in die
Kreuz und Quere.“
„Was für Nutzen haben wir Störche denn nun zum Beispiel von dir?“
„Ja,“ antwortete der Regenwurm, „erstens können Ew. Hochwohlgeboren
mich ja fressen, wann es Euch beliebt.“
„Das weiß ich,“ sagte der Storch und warf den Kopf in den Nacken. „Du
solltest mich nicht so oft daran erinnern. Und dann noch?“
„Außerdem mache ich die Erde zurecht, damit das Gras und die Blumen
und Bäume wachsen und gedeihen können. Ich bereite die fruchtbare
Ackererde.“
„Ist das der Dreck, in dem man watet?“ fragte der Storch.
„Verzeiht, wenn ich widerspreche,“ erwiderte der Regenwurm ehrerbietig;
„aber Ihr dürft das nicht Dreck nennen. Es ist die fruchtbare Erde, in
der alle Pflanzen wachsen; und von den Pflanzen leben die Insekten, und
von den Insekten leben die Frösche, und die geruht ja sowohl Ihr wie
Eure Familie zu verspeisen.“
„Glaubst du, das wüßte ich nicht alles?“ fragte der Storch, zog dabei
das Bein unter sich ein und starrte vornehm in die Luft. „Ich will dich
bloß auf die Probe stellen. Wie machst du denn diese -- wie nanntest
du’s doch?“
„Ackererde,“ sagte der Regenwurm. „Ich trage die Erde, die am tiefsten
liegt, zur Luft, zur Sonne und zum Regen hinauf; und die, die oben
liegt, trage ich hinunter. So mische und vertausche ich, und dann wird
Ackererde daraus.“
„Sehr vernünftig!“ sagte der Storch. „Was dann weiter?“
Der Regenwurm kroch eifrig näher und erzählte; denn er war es nicht
gewohnt, daß jemand Lust hatte, ihm zuzuhören.
„Habt Ihr nicht bemerkt, daß die welken Blätter zuweilen
zusammengerollt auf der Erde stehen wie eine Tüte, mit der Spitze nach
unten? Das ist mein Werk. Ich tu’ es in der Nacht, wenn es dunkel und
still ist, und niemand mir etwas zuleide tut. In der nächsten Nacht
ziehe ich weiter daran; und das setze ich fort, bis das Blatt ganz in
die Erde hinabgezogen ist. Dann mache ich Erde daraus.“
„Das interessiert mich.“
„Ach, wenn nur alle so gnädig wären wie Ew. Hochwohlgeboren! Ich will
mich wirklich nicht rühmen, denn andere würden es gewiß viel besser
machen. Aber wenn man ein fleißiger Regenwurm ist und seine Pflicht
tut und keiner Menschenseele ein Haar krümmt, dann ist es hart, von
allen +verkannt+ und +verfolgt+ zu werden. Du lieber Gott! Sobald man
das Unglück hat, Ew. Hochwohlgeboren in den Weg zu laufen, wenn Ihr
hungrig seid, oder wenn die jungen gnädigen Herren oben im Nest eine
kleine Erfrischung nötig haben, dann wird man natürlich gefressen. Das
ist ganz in der Ordnung, und ich sage nichts dazu. Aber alle verachten
uns und treten auf uns herum. Sie nennen uns häßlich; doch was sollten
wir wohl unten in der feuchten, schwarzen Erde mit schönen Kleidern
anfangen? Dann könnten wir ja unsere Arbeit gar nicht verrichten. Sie
treten uns und glauben, wir haben kein Gefühl im Leibe; die Knaben
hängen uns an den Angelhaken ... Ach, Ew. Hochwohlgeboren, es ist
mitunter nicht leicht für einen, der tut, was in seinen Kräften steht.“
„Hm hm!“ sagte der Storch. „Du weißt dich ja in ein ganz gutes Licht zu
rücken, wenn du erst einmal in Gang kommst. Ich habe wirklich Mitleid
mit dir.“
„Tausend Dank, Ew. Hochwohlgeboren!“ sagte der Regenwurm und wand sich.
„Seht, es gibt für einen Regenwurm nichts Schöneres, als an einem
feuchten Sommerabend nach beendetem Tagewerk ganz langsam auf der Erde
herumzukriechen. Dann genießt man das Leben so recht und sucht sich
die Blätter aus, die man zur Nacht hinunterziehen will. Aber man wagt
es kaum, weil die Leute so schlecht sind. Zum Beispiel der Pastor, der
hier wohnte, das war ein guter Mann; aber er hatte nicht das richtige
Verständnis. Ich hörte einmal, wie er zu einem von den Jungen, der auf
einen Wurm trat, sagte, das dürfe er nicht; es sei zwar ein ekelhaftes
Tier, und er solle es nicht anrühren; aber er dürfe ihm auch kein Leid
antun, denn es sei doch eins von des Herrgotts Geschöpfen. Das war
ja sehr schön; aber warum sagte er dem Jungen nicht lieber, daß wir
schlichte Kleider haben, weil wir arbeiten, und daß unsere Arbeit allen
anderen Tieren und den Menschen zugute kommt.“
„Tja--a!“ sagte der Storch. „Da haben wir diese Unwissenheit.“
„Könnte Ew. Hochwohlgeboren nicht ein gutes Wort für uns einlegen?“ bat
der Regenwurm.
Der Storch blähte sich und sah sehr tiefsinnig aus, als er antwortete:
„Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. An dem, was du da
sagst, ist etwas Wahres; und du tust mir wirklich leid; aber ich weiß
nicht recht; vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich hungrig
werde. Doch ich will mir die Sache überlegen. Ich bin ja nicht ohne
Einfluß bei den Menschen. Allerdings fresse ich Frösche und Schlangen
und eine ganze Menge andere ihnen nützliche Tiere; aber ich bin ja
schön und ziemlich selten, und dann ist da noch das mit den Kindern, du
weißt ja. Wie gesagt, ich werde es mir überlegen.“
„Tausend Dank, Ew. Hochwohlgeboren!“ sagte der Regenwurm entzückt. „Und
dann hört ... Ich kann Euch zur Entschädigung einen Dienst leisten.“
„Jetzt bildest du dir gewiß allerhand ein,“ rief der Storch und stellte
sich sofort auf ein Bein.
„Ach Gott, nein! Ich weiß nur allzugut, was für ein geringes Geschöpf
ich im Vergleich mit Euch bin. Ich will Euch bloß vor einer Gefahr
warnen, die Euch droht!“
„Mir? Mir droht keine Gefahr. Ich werde im ganzen Lande geehrt und
geschätzt; und der, der Jagd auf mich macht, muß Strafe zahlen. Ich
glaube, du bist ein wenig übergeschnappt, mein lieber Regenwurm.“
„Wenn Ihr mich nur einen Augenblick anhören möchtet! Seht, -- wir
graben ja unsere Gänge allerorten; und weil unser so viele sind, ist
die ganze Erde durch Gräben unterwühlt. Hier im Garten sind wohl
fünfzigtausend Regenwürmer vorhanden.“
„Das ist ja eine ganze Schar,“ sagte der Storch und leckte sich den
Schnabel, so daß der Regenwurm schleunigst auf sein Loch zukroch.
„Wohin?“ fragte der Storch.
„Ich wage nicht, hier zu bleiben, wenn Ew. Hochwohlgeboren in einem so
hungrigen Tone sprechen,“ sagte der Wurm.
„Spute dich und erzähle,“ rief der Storch ungeduldig.
Der Regenwurm steckte nur den Kopf zum Loche heraus und sagte:
„Ich will Euch nur mitteilen, daß wir das ganze Haus untergraben haben.
Es kann jeden Tag einstürzen.“
„Ha ha ha!“ lachte der Storch.
„Ihr dürft nicht über mich lachen! Was ich da sage, ist wirklich wahr.
Denkt daran, wie viele unser sind. Es liegt oft an uns, wenn die Häuser
sich senken und Risse bekommen. Und der alte Pfarrhof ist so baufällig
und morsch, daß er bald einfallen wird.“
Der Storch fuhr fort zu lachen und hackte mit seinem Schnabel nach dem
Wurm. Aber der war schon tief unten in der Erde. Und der Storch flog
aufs Dach zu seiner Frau hinauf und erzählte ihr von dem lächerlichen
Regenwurm, der sich einbildete, er könne das Storchennest und das ganze
Haus zerstören.
[Illustration]
„Man soll sich mit dieser Sorte nicht einlassen,“ sagte die gnädige
Frau; „solche Leute bilden sich zu leicht etwas ein.“
„Das nächste Mal fresse ich ihn,“ sagte der Storch.
* * * * *
Eine Woche verging, und der Storch und der Regenwurm sprachen nicht
mehr miteinander.
An einem schönen, warmen Sommertag saß das Storchenpaar oben auf dem
Dache und besah sich seine Jungen, die im Neste lagen.
„Nun haben sie Flaumfedern,“ begann die Störchin.
„Ja ... es dauert aber noch lange genug,“ sagte der Storch. „Die
Frösche fangen an, vorsichtig zu werden. Es wird uns schwer genug
werden, bis wir so weit sind. Heute morgen hab’ ich nur einen gefangen.
Könnte ich den Regenwurm heute treffen, so sollte er gefressen werden,
ehe er den Mund auftun könnte.“
„Was ist denn das?“ rief in diesem Augenblick die Frau. „Mir scheint,
das Dach schwankt.“
„Was ist das ...“ schrie der Storch.
Doch bevor er ausgesprochen hatte, stürzte das Haus unter ihnen mit
gewaltigem Getöse zusammen. Eine Staubwolke wirbelte hoch empor, und
die beiden Störche flogen mit Geschrei in die Luft.
Das alte Haus war nur noch ein Haufen von Ziegelsteinen und morschen
Brettern. Alles lag traurig aufgestapelt da, und ganz zu unterst lagen
das Nest und alle Storchenkinder zermalmt und begraben.
„Meine Kinder! Meine Kinder!“ schrie die Frau.
[Illustration]
Beide Vögel kreisten viele Stunden lang über den Trümmern. Sie hackten
mit den Schnäbeln in den Steinen und dem Kalk umher, sie horchten und
riefen, aber niemand antwortete, denn die Kinder lagen tief unten tot
da.
Am Abend saß das Storchenpaar in einem hohen Baume im Garten; und sie
besprachen das große Unglück, das sie betroffen hatte.
„Der Regenwurm!“ schrie der Storch plötzlich.
Die Warnung, die ihm der Wurm gegeben hatte, fiel ihm ein; und jetzt
bereute er, daß er ihr nicht gefolgt war.
„Wie konnte ich ahnen, daß der närrische Wurm die Wahrheit sprach? Aber
komm jetzt, wir wollen ihn fressen! Er und seine Brüder sind’s, die das
Haus untergraben und den Tod unserer Jungen verschuldet haben.“
Damit flogen sie beide auf den Weg nieder und riefen den Regenwurm mit
den zärtlichsten Worten:
„Komm getrost hervor, lieber Regenwurm!“ säuselte der Storch; denn er
machte seine Stimme so sanft, wie er nur konnte. „Meine Frau ist hier
und möchte gern hören, was du von deinem interessanten Leben drunten in
der Erde zu erzählen weißt.“
Aber der Regenwurm hatte den Fall des Hauses vernommen und war so tief
hinuntergekrochen, wie er nur konnte. Er hörte die Worte des Storches
nicht und merkte es auch nicht, als die beiden Vögel wütend mit ihren
Schnäbeln auf die Erde klopften.
Schließlich flogen die Störche fort, um bei den Nachbarstörchen Besuch
zu machen und ihnen ihr Unglück zu erzählen. Aber als es dunkle Nacht
war, kroch der Regenwurm ans Licht und streckte sich mit Wohlbehagen in
dem taufeuchten Grase aus.
„Wie ist die Luft so wunderschön schwer,“ sagte er. „Wir bekommen Regen
heut nacht. Ach ja, das Leben ist herrlich -- besonders seitdem Seine
Hochwohlgeboren abgereist sind. Er war ja allerdings ein freundlicher
Herr, aber man lebte doch in ewiger Angst, daß er hungrig werden
könnte.“
In der Tiefe.
Der Einsiedlerkrebs ging auf dem Meeresgrunde spazieren. Schwerfällig
zog er das Schneckenhaus hinter sich her, worin sein Magen und sein
ganzer Hinterleib steckten. Er hatte gerade genügend gefressen, so daß
er nicht hungrig war; freilich hätte er deswegen einen besonders guten
Happen nicht verschmäht, falls ihm einer in die Quere gekommen wäre.
Aber dazu war keine Aussicht vorhanden. Der Einsiedlerkrebs sah nichts
als eine alte Krabbe, die, in Gedanken versunken, mit seitlichem Gange
daherkam, ferner eine Meerschnecke, die sich im Wasser wiegte, und
endlich ein lächerlich-runzliges, eingeschrumpftes Ding, das auf dem
Grunde lag und einer Feige glich.
„Du bist mir eine lächerliche Schnecke,“ höhnte die Meerschnecke.
„Ich bin gar keine Schnecke,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs. „Ich bin
ein Krebs.“
„Dann bist du ein lächerlicher Krebs,“ sagte die Krabbe. „Scheren hast
du ja und einen Panzer auf der Stirn und Stielaugen, aber mit was
für einem Schneckenhaus schleppst du dich in aller Welt herum? Ist
vielleicht etwas Gutes darin?“
„Das sollt’ ich meinen! Mein +Magen+ ist in dem Schneckenhaus.“
„Wo ist denn aber die Schnecke?“
„In meinem Magen,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs freundlich.
„Pfui,“ sagte die Meerschnecke und wiegte sich durchs Wasser weiter.
Gedankenvoll sah ihr der Einsiedlerkrebs nach:
„Wie ärgerlich, daß sie Reißaus genommen hat! Ihr Haus hätte so gut für
mich gepaßt. Na ... es eilt nicht. Dann behelfe ich mich eben noch eine
Weile mit dem alten.“
„Hast du vor, die Wohnung zu wechseln?“ fragte die Krabbe.
„Das muß man ja von Zeit zu Zeit,“ entgegnete der Einsiedlerkrebs. „Man
wächst ja.“
„Ja, das bleibt ewig wahr. Die Wachstumsgeschichte ist das größte
Unglück. Die anderen Geschöpfe wachsen +nach und nach+ und merken
es nur daran, daß sie größer werden und mehr Appetit bekommen. Aber
wir armen Krebse müssen es unsrer harten Schalen wegen auf einmal
abmachen. Es ist noch gar nicht so lange her, seitdem ich die alte
Schale abgeworfen und ganz weich und unglücklich dagestanden habe. Das
kleinste Sandkorn, das ich berührte, tat mir weh. Oh, wie verdrießlich
war ich da; und Appetit hatte ich auch nicht! Volle vierzehn Tage lang
hab’ ich unter einem großen Stein gehockt und wäre vor Angst beinah
gestorben. Wäre der kleinste Stichling gekommen, so hätte er mich
umbringen können. Es ist eine aparte Sache.“
„Ja, mit meinen Scheren ist es genau so,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
„Mit deinem Hinterleib verhält es sich wohl auch nicht anders,“ sagte
die Krabbe.
„Mein Hinterleib hat keinen Schild,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.
„Was sollte er auch damit? Er liegt ja wohlverwahrt im Schneckenhause.
Für ihn brauche ich keinen Kalk und kann meine Scheren desto stärker
machen.“
[Illustration]
„Wie apart!“ sagte die Krabbe. „Es interessiert mich außerordentlich,
das zu hören. Ich bin auf alles Aparte versessen. Ich bin selber apart.
Onkel Hummer geht rückwärts, und Cousine Garnele hüpft. Mich lachen
sie aus, weil ich einen seitlichen Gang habe. Aber nun sage mir einmal
Vetter ... denn ich darf dich doch wohl Vetter nennen?“
„Ja, was liegt mir daran!“
„Sag’ mir einmal, Vetter ... wenn du nun umziehst, suchst du dir dann
einfach ein neues Schneckenhaus?“
„Natürlich,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.
„Und dann ziehst du um?“ fragte die Krabbe weiter. „Das ist apart. Du
hast es in Wirklichkeit viel besser als wir. Du kannst dir dein Haus
selber aussuchen; und sobald du darin bist, ist alles in Ordnung.“
„Allerdings. Mein Hinterleib muß sich freilich erst ein bißchen an die
neue Wohnung gewöhnen. Beim Umzug ergeben sich stets allerhand kleine
Unzuträglichkeiten.“
„Höchst apart!“ sagte die Krabbe. „Willst du denn nicht bald umziehen?
Ich würde mir die Sache gern einmal ansehen.“
„Das könntest du ja,“ entgegnete der Einsiedlerkrebs. „Freilich nur,
wenn du gerade selbst die Schale wechselst; sonst fürchte ich, daß du
meinen leckeren Hinterleib mit deinen Scheren attackierst.“
„Na, na. Wir sind doch anständige Leute. -- Ist er denn wirklich so
lecker?“
„Anständige Leute +essen+, wenn sie hungrig sind.“
„Und dann gehören wir doch auch zu derselben Familie. Selbst wenn wir
beide apart sind.“
„Familie ist Blödsinn. Da lobe ich mir einen rechten, guten Freund.
Aber den findet man auf dem Meeresgrunde nicht so leicht.“
„Ich denke, wir könnten uns recht gut Freunde nennen, nachdem wir uns
so voreinander ausgesprochen haben,“ sagte die Krabbe.
„Findest du?“ meinte der Einsiedlerkrebs. „Ich finde, nur Dummriane
sprechen gleich von Freundschaft, sobald sie eine Stunde miteinander
geplaudert haben, nachdem sie sich satt gefressen. Sollte ich einen zum
Freunde wählen, so müßte es einer sein, der mir nützlich wäre, und dem
auch ich Nutzen brächte. An andre Freundschaft glaube ich nicht.“
Da machte die Krabbe den Vorschlag: „Ich will dein Freund sein. Ich
will daneben stehen, wenn du in ein andres Schneckenhaus einziehst, und
achtgeben daß niemand dir etwas antut. Das wird apart.“
„Du alter Schwätzer!“
„Beschimpfst du mich?“
Die Krabbe wurde plötzlich wütend und ging auf ihren Vetter los.
[Illustration]
„Nimm dich in acht,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es mag sein, daß du
ein bißchen behender bist als ich, aber dafür sind meine Scheren auch
doppelt so groß.“
„So ein Wichtigtuer!“ rief die Krabbe. „Du glaubst, du seist besser als
wir, weil dein Gesäß in einem Schneckenhause steckt. Und doch bin ich
überzeugt, daß du der dümmste Wicht im ganzen Meere bist.“
„Und vorhin sprachst du von Familienzusammengehörigkeit,“ spottete
lachend der Einsiedlerkrebs.
„Ich begreife nicht, wie ich mich überhaupt mit dir einlassen konnte,“
sagte die Krabbe. „Treff’ ich dich einmal mit bloßem Hinterleib, so ist
es um dich geschehen.“
„Und soeben hast du noch von Freundschaft geschwatzt!“ rief der
Einsiedlerkrebs und lachte noch mehr.
„Warte nur,“ sagte die Krabbe und lief dreimal nach der Seite um ihn
herum.
„Gutnacht!“ sagte der Einsiedlerkrebs.
Er zog die Scheren ein und legte sie so, daß sie die Öffnung zum
Schneckenhause ganz verdeckten. Da schimpfte die Krabbe noch ein wenig,
und dann schwamm sie auf und davon.
Gleich nachdem die Krabbe fort war, steckte der Einsiedlerkrebs Kopf
und Scheren wieder heraus.
Er konnte nicht einschlafen. Er dachte an das, was er selber von
Freundschaft und Verwandtschaft gesagt hatte. Es war ihm nicht nur
vorübergehend eingefallen, sondern er hatte schon oft darüber
nachgegrübelt.
Wenn er so auf dem Meeresgrunde dahinkroch oder sich im Wasser in
seinem Schneckenhause wiegte, dann +dachte+ er mehr nach als die
meisten andern dort unten in der Tiefe. Und vor allem dachte er, wie
schön es sein würde, wenn er irgendeinen guten Freund oder Kameraden
hätte, auf den er sich ganz verlassen, mit dem er Plaudern und
schweigen könnte, ganz nach Belieben.
Angehörige hatte er nicht. Seine Frau hatte er am Hochzeitstage zum
ersten- und letztenmal erblickt. Kinder hatte er zu Tausenden in die
Welt gesetzt, ohne sie je gesehen zu haben und ohne zu wissen, wo sie
sich aufhielten. Niemals ließ er sich in Schwärmen sehen, wie die
Garnelen und Fische. Darum war es nicht so verwunderlich, daß er sich
zuweilen einsam fühlte.
„Könnte ich doch einen guten Freund ausfindig machen!“ dachte er.
„Einen, der mir Nutzen brächte, und dem ich gleichfalls nützen könnte.“
Wie er nun seine Scheren im Wasser vorstreckte, stieß er auf das
seltsame, verschrumpelte Ding, das da unten lag und wie eine Feige
aussah.
„Gott weiß, was das für ein Kerlchen sein mag,“ dachte er. „Daß er
hübsch sei, kann man nicht gerade sagen. Aber darauf kommt es auch
nicht an. Vielleicht ist er tot. Vielleicht ist es ein einsamer
Kavalier wie ich.“
Er stieß mit den Scheren daran, aber das Wesen regte sich nicht.
„Auf mit dir,“ rief der Einsiedlerkrebs. „Ich bilde mir ein, daß Leben
in dir ist, und daß du dich bloß totstellst. Auf mit dir, oder ich
beiße!“
Er schnappte ein klein wenig zu, um zu zeigen, daß er es ernst meinte.
Im selben Augenblick fuhr er aber erschrocken zurück und retirierte, so
schnell er es mit seinem Schneckenhause konnte.
[Illustration]
Das unbekannte Geschöpf schwoll plötzlich an und faltete sich mit
fabelhafter Geschwindigkeit auseinander. Im Augenblick hatte es sich in
eine wunderbare, bunte Blume auf dickem Stengel verwandelt, der unten
mit breiter Scheibe auf dem Meeresgrunde festsaß.
„Wer bist du?“ fragte der Einsiedlerkrebs. „Woher kommst du? Was willst
du hier? Warum entfaltest du dich so? Warum hast du vorher wie ein
sonderbarer Klumpen dagelegen?“
„Ich bin die Seeanemone,“ sagte der Fremdling.
„Das klingt hübsch,“ rief der Einsiedlerkrebs ihr zu. „Es deutet darauf
hin, daß du eine Blume bist. Wir haben hier unten nicht gerade viele
Blumen. Schön bist du auch. Und nun will ich noch mit deiner Erlaubnis
feststellen, wie du duftest.“
Er streckte seine Fühlhörner mitten in die Krone der Seeanemone hinein,
zog sie jedoch mit lautem Gebrüll wieder zurück.
„Ja, ich bin eine Brennessel,“ sagte die Seeanemone. „Du hättest mir
fernbleiben sollen.“
Da schüttelte der Einsiedlerkrebs seine Fühler und putzte sie ächzend.
Die Seeanemone aber freute sich und fächelte munter mit ihren schönen
Blättern.
„Was wolltest du von mir? Warum warst du so naseweis?“
„Warum sollte ich zurückhaltend sein? Ich konnte ja nicht wissen, ob du
nicht ein guter Happen für mich wärest. Noch bin ich eigentlich nicht
hungrig, aber für einen guten Bissen habe ich stets Platz.“
„Mir geht es genau so,“ sagte die Seeanemone seufzend. „Ich weiß mich
gar nicht mehr zu entsinnen, daß ich jemals richtig satt geworden bin.
Sähest du nicht so verflucht hart aus, dann fräße ich dich.“
„Na, nur immer sachte,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich lasse mich denn
doch nicht so mir nichts dir nichts fressen. Aber wenn ich auch außen
hart bin, in meinem Innern bin ich dafür um so weicher. Du kannst dir
keinen Begriff davon machen, was für einen leckeren Schwanz ich in dem
Schneckenhause habe!“
„Laß mich ihn sehen!“ sagte die Seeanemone.
„Pah!“ rief der Einsiedlerkrebs. „Du würdest ihn mit deinen Brennesseln
einklemmen und fressen.“
Die Seeanemone leugnete es nicht: „Natürlich. Dazu hab’ ich ja meine
Brennesseln; das sind übrigens meine Fangarme, denn ich bin gar keine
Pflanze, sondern ein richtiges, gefräßiges Tier wie du selber.“
„Ich mag dich gut leiden,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „In dir steckt
keine Hinterlist.“
In diesem Augenblick kam ein Fisch daher, den die Seeanemone einfing
und fraß. Und bald darauf trieb eine tote Muschel mit offenen Schalen
heran. Sie segelte gerade auf den Einsiedlerkrebs zu, der ein Stück
von ihr fraß und den Rest zur Seeanemone hinüberschob.
„Bitte schön,“ sagte er.
„Schmeckt sie nicht?“ fragte die Seeanemone.
„Ganz gewiß. Ich hab’ nur keinen Hunger mehr. Sonst hätte ich sie
natürlich selber gefressen.“
„Natürlich.“
Als die Seeanemone gefressen hatte, zog sie die Arme ein, so daß sie
wieder einer Feige glich.
„Jetzt bist du nicht mehr so schön wie vorher,“ sagte der
Einsiedlerkrebs.
„Jetzt bin ich satt,“ sagte die Seeanemone. „Dann ist kein rechter
Grund vorhanden, sich zu putzen. Und du bist gleichfalls satt; darum
brauche ich keine Angst vor dir zu haben.“
„Wie vernünftig du sprichst! Dich möchte ich zum Freunde haben.“
„Was ist Freundschaft?“ fragte die Seeanemone. „Befreundet ist man,
wenn man einander nützen kann.“
„Genau dasselbe sage ich,“ fiel der Einsiedlerkrebs voll Entzücken ein.
„Ich sagte es noch vorhin zur Krabbe, diesem Rindvieh.“
„Ich habe es gehört.“
„Ja richtig, du warst ja hier. Erzähle mir ein bißchen von dir!“
„Soll ich mit der Jugend beginnen?“ fragte die Seeanemone.
„Ach ja; die Jugend ... die wunderschöne Jugend,“ erwiderte der
Einsiedlerkrebs.
„Hast du auch eine Jugend gehabt?“
„Und ob. Du würdest mich ganz und gar nicht wiedererkennen, wenn du
mich in meiner Jugendgestalt sähest. Hier geh’ ich jetzt Schritt
für Schritt als bedächtiger, alter Knabe umher, der ein großes
Schneckenhaus auf dem Rücken trägt. Als ich jung war, da hab’ ich im
wilden Meere umhergeschwärmt und mir keine Sorgen gemacht.“
„Genau wie ich,“ meinte die Seeanemone.
„Wie ulkig!“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es besteht wirklich eine
merkwürdige Übereinstimmung zwischen uns. Wünschest du dir nicht oft
die frohen Jugendtage zurück? Es war herrlich, so frei umherzuschweben.
Man sah sich um. Und man erlebte etwas!“
„Das tat man,“ sagte die Seeanemone. „Aber es hatte auch seine
Unzuträglichkeiten. Man riskierte z. B. überaus leicht gefressen zu
werden.“
„Das ist wahr. Die allermeisten meiner Geschwister sind von den Fischen
gefressen worden. Die Fische haben sie zu Hunderten in einem Mundvoll
genommen und gleich verschlungen. Wenn ich nachdenke, so ist es das
reine Wunder, daß ich entwischt bin.“
„Dasselbe sage ich. Also in dieser Hinsicht sind wir jetzt eigentlich
besser daran. Man hat Lebenserfahrung. Man kann sich vorsehen. Man hat
Waffen und kann um sich beißen, wenn ein Feind herankommt.“
„Das sind wahre Worte,“ sagte der Einsiedlerkrebs.
„Und dann ist da noch etwas,“ fuhr die Seeanemone fort. „Man kann viel
mehr fressen als damals, und man frißt mit viel mehr Verstand.“
„Sehr richtig,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Das ist mir aus der Seele
gesprochen.“
„Streng genommen, weiß man nicht, was fressen heißt, bis man großjährig
wird und seine endgültige Gestalt annimmt.“
„Nein. Alles in allem ist der ruhige Tagesverlauf viel mehr wert als
das Getümmel und Vergnügen der Jugend.“
Dann sprachen sie noch eine Weile zusammen und erfreuten sich mehr und
mehr aneinander. Aber ein jeder hält sich sorgsam für sich und war
stets auf dem Posten. Und durch diese Vorsicht stiegen sie noch höher
in der gegenseitigen Achtung. Dann gingen sie zur Ruhe und schliefen. --
Sie ruhten so lange, bis sie sich wieder frisch fühlten, denn da unten
auf dem Meeresgrunde gibt es weder Tag noch Nacht; dort scheint nicht
Sonne, nicht Mond. Als sie also erwachten, schloß der Einsiedlerkrebs
sein Haus auf und steckte Haupt und Scheren heraus, und die Seeanemone
entfaltete ihre ganze, strahlende Blüte.
„Guten Morgen,“ sagte der eine.
„Guten Morgen,“ die andere.