Fäulnisbazillus. „Meine Natur bringt es mit sich, daß ich mich winde
und drehe. Wenn ich aufhören würde, es zu tun, dann würde ich auch
aufhören zu leben, und alles würde aufhören.“
„Hat man je so etwas gehört?“ fragte der Cholerabazillus.
„Er ist schwachsinnig,“ sagte der Diphtheriebazillus.
„Das ist der reine Größenwahn,“ rief der Tuberkelbazillus.
„Sehen Sie, meine Herren ... Sie haben vorhin von den Menschen
geredet,“ fuhr der Fäulnisbazillus fort. „Auch ich kann über sie
mitreden, da es den Anschein hat, daß Sie sehr großen Respekt vor ihnen
haben. Die Menschen sind lächerliche, kleinliche, dumme Geschöpfe. Das
steht fest. Aber natürlich haben sie auch ihre guten Seiten, wie der
selige Gärungsbazillus mit Recht bemerkte. Ich muß zugeben, daß meine
Bedeutung von den Klügsten von ihnen erkannt worden ist. Für die große
Menge bin ich allerdings nur ein Gestank für die Nasen. Aber das ist
mir vollkommen gleichgültig. Ich lasse sie verfaulen, die Klugen und
die dummen, ohne Ansehen der Person.“
„Soll das eine Erklärung sein?“ fragte der Cholerabazillus.
„Allerdings,“ entgegnete der Fäulnisbazillus. „Überall, wo ein
Wesen liegt, das gestorben ist, erscheine ich und verwandle es
im Handumdrehen in die nützlichsten Stoffe, die die lebenden
Wesen brauchen können. Existierte ich nicht, so wäre die ganze
Welt ein Haufen von Leichen. Nehmen wir z. B. an, daß der geehrte
Cholerabazillus eine Anzahl der Menschen erschlagen hat, auf die er so
ergrimmt ist. Dann komme ich und bewirke, daß sie verfaulen. Ich lasse
Menschen verfaulen und lasse Cholerabazillen verfaulen, ohne Ansehen
der Person. Und selbst wenn die Menschen die sämtlichen drei anwesenden
Herren und alle möglichen andern Krankheiten, die sie plagen,
überwunden haben, +mir+ entgehen die Menschen darum doch nicht. Sterben
müssen sie; und wenn sie gestorben sind, dann lasse ich sie verfaulen.
Darum mache ich mich so oft über alle ihre Sorgen und Faxen lustig. Sie
endigen ja alle bei mir.“
„So so,“ sagte der Cholerabazillus nachdenklich.
Und auch die beiden andern dachten nach. Der Diphtheriebazillus wollte
soeben etwas sagen, als sich der Fäulnisbazillus wand, wie er es noch
nie getan hatte.
„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,“ bemerkte er. „Und
vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollten! Ich bedaure, daß ich dem
Beispiel des Gärungsbazillus folgen und sterben muß. Ich bin ganz
eingetrocknet, und hier ist nichts für mich zu tun. Mein verstorbener
Kollege dort ist zu klein und zu vertrocknet. Sonst würde es mir eine
Ehre und Freude sein, ihn verfaulen zu lassen. Adieu also, meine
Herren!“
Damit war auch er tot.
„Tja,“ sagte der Cholerabazillus. „Komisch! Ich glaube, der war echt.“
„Das glaub’ ich auch,“ stimmte der Diphtheriebazillus zu.
„Ich auch,“ gestand der Tuberkelbazillus.
Nun lagen sie eine Weile schweigend nebeneinander. Dann krümmte sich
plötzlich der Cholerabazillus sehr heftig.
„Warum kommt Katharine nicht mit dem nassen Tuch?“ seufzte er. „Was für
ein Pech, daß ich in so ein unordentliches Haus hineingeplumpst bin! Es
ist ja doch ein dringendes Bedürfnis, daß hier abgestäubt wird.“
Die andern sagten nichts dazu, und der Cholerabazillus krümmte sich
noch mehr. Er glich einem ganz kleinen, fürchterlich alten Mann mit
krummem Rücken.
„Ich sterbe,“ rief er schließlich „Adieu, meine Herren! Lassen Sie es
sich gut gehen!“
Damit war er tot.
„Nun sind nur wir beide noch übrig,“ seufzte der Tuberkelbazillus.
„Das sind wir.“
„Das kommt daher, weil wir am zähesten sind. Zähigkeit ist die
wichtigste Eigenschaft für einen Bazillus.“
„Allerdings,“ bestätigte der Diphtheriebazillus. „Nächst seiner
Kleinheit natürlich. Stellen Sie sich einmal vor, daß wir so groß wie
Elefanten wären!“
„Ho ho ho,“ lachte der Tuberkelbazillus „Ja, dann wären wir allerdings
bald fertig. Oder was meinen Sie dazu, wenn wir so empfindlich wären
wie die Menschen?“
„Hi hi hi,“ lachte der Diphtheriebazillus. „Ja, dann wäre wirklich kein
Staat mit uns zu machen.“
In diesem Augenblick wurde eine Tür geöffnet. Ein Zugwind wehte durch
die Stube. Es war ein so schwacher Zugwind, daß ein Mensch schon
fürchterliche Zahnschmerzen hätte haben müssen, um ihn zu merken. Aber
für die Bazillen war es ein regelrechter Sturm.
Er packte sie und wirbelte sie in die Luft empor; und wo sie geblieben
sind, das weiß ich nicht.
Der Nebel.
Die Sonne war soeben untergegangen.
Der Frosch quakte sein Gutenacht, das so lang war, daß er gar nicht
fertig damit wurde. Die Biene kroch in ihren Bienenkorb; und die
kleinen Kinder weinten, weil sie zu Bett sollten. Die Blume schloß ihre
Blätter und neigte ihren Kopf, der Vogel barg seinen Schnabel unter dem
Flügel, und der Hirsch ließ sich in dem hohen, weichen Grase auf der
Waldwiese nieder.
[Illustration]
In der Dorfkirche läutete die Glocke, und als das besorgt war, ging der
alte Küster nach Hause. Auf dem Heimwege plauderte er ein wenig mit
den Leuten, die draußen ihren Abendspaziergang machten oder vor der
Tür standen und eine Pfeife rauchten; und dann sagte er gute Nacht und
schloß seine Tür.
Allmählich wurde es ganz still, und die Dunkelheit brach herein. Im
Pfarrhof und beim Doktor war noch Licht. Aber in den Häusern der Bauern
war es dunkel; denn die stehen im Sommer früh auf, und darum müssen sie
früh zu Bett.
Die Sterne schimmerten am Himmel hervor, und der Mond schlich sich
höher und höher hinauf. Drunten im Dorfe bellte ein Hund. Aber das
war sicher im Traume, denn es war nichts da, weswegen er hätte bellen
können.
„Ist hier niemand?“ fragte der Nebel.
Aber niemand antwortete, denn da war niemand.
Da brach der Nebel in seinen hellen, leichten Gewändern hervor. Er
tanzte hin über die Wiesen, auf und nieder, hin und her. Dann lag er
ein Weilchen ganz still da, und nun begann er seinen Tanz wieder.
Hinaus über den See hüpfte er und in den Wald hinein, wo er seine
langen, nassen Arme um die Baumstämme schlang.
„Wer bist du, Kamerad?“ sagte die Nachtviole, die dastand und ihren
Duft zu ihrem eigenen Vergnügen aussandte.
Der Nebel antwortete nicht, sondern tanzte weiter.
„Wer bist du, Kamerad?“ fragte die Nachtviole. „Weil du mir keine
Antwort gibst, vermute ich, daß du ein Grobian bist.“
„Jetzt werd’ ich dich einschließen,“ flüsterte der Nebel und legte sich
um die Nachtviole.
„Nimm deine Finger fort, Freund! Mir ist, als wäre ich in den Teich
getaucht. Du brauchst doch nicht gleich so böse zu werden, weil ich
dich frage, wer du bist.“
Da hob sich der Nebel wieder.
„Wer ich bin?“ sagte er. „Du würdest es doch nicht verstehen, wenn ich
es dir auch erzählte.“
„Versuch’s einmal,“ bat die Nachtviole.
„Ich bin der Tautropfen an der Blume, die Wolke am Himmel und der Nebel
auf der Wiese,“ begann der Nebel.
„Was ist das?“ sagte die Nachtviole. „Willst du das nicht noch einmal
sagen! Den Tautropfen kenne ich. Der setzt sich jeden Morgen auf meine
Blätter: und mir scheint, er gleicht dir gar nicht.“
„Ja, und doch bin ich es,“ sagte der Nebel betrübt. „Aber keiner kennt
mich. Ich muß mein Leben in mancherlei Gestalten zubringen. Manchmal
bin ich Tau, und manchmal bin ich Regen, und manchmal riesle ich als
klare, kühle Quelle durch den Wald. Aber wenn ich am Abend auf der
Wiese tanze, dann sagen die Menschen: der Fuchs braut.“
„Das ist eine sonderbare Geschichte,“ erklärte die Nachtviole.
„Möchtest du sie mir nicht erzählen? Die Nacht ist so lang, und ich
langweile mich zuweilen wirklich ein wenig.“
„Es ist eine traurige Geschichte,“ erwiderte der Nebel. „Aber ich will
sie dir gern erzählen.“
[Illustration]
Damit wollte er sich niederlegen, aber die Nachtviole bewegte
erschrocken alle ihre Blätter.
„Sei so freundlich und bleib mir ein paar Schritt vom Leibe,“ sagte
sie, „wenigstens bis du dich ordentlich vorgestellt hast! Ich bin nie
gern gleich mit Leuten intim gewesen, die ich noch nicht kenne.“
Da ließ sich der Nebel ein Endchen weiter weg nieder und fing an zu
erzählen:
[Illustration: „Dann lag er ein Weilchen ganz still da ...“]
„Ich bin tief unten in der Erde geboren -- viel tiefer, als deine
Wurzeln reichen. Da kamen wir, ich und meine Schwestern -- denn
wir sind eine große Familie, mußt du wissen -- zur Welt als reine,
kristallklare, kleine Quellen, und da unten mußten wir lange verborgen
liegen. Aber eines Tages sprangen wir plötzlich an der Halde hervor,
mitten im vollen, hellen Sonnenlicht. Du kannst dir nicht denken,
wie herrlich das war, so durch den Wald dahinzutollen. Wir hüpften über
die Steine und plätscherten gegen das Ufer. Hübsche Fischlein tummelten
sich in uns, und die Bäume neigten sich über uns und spiegelten ihre
grüne Pracht in uns. Fiel ein Blatt herunter, so wiegten wir es und
liebkosten es und trugen es in die weite Welt hinaus. Oh -- es war so
schön! Das war die glückseligste Zeit meines Lebens.“
„Bekomme ich bald zu wissen, wie es zuging, daß du zu Nebel wurdest?“
fragte die Nachtviole ungeduldig. „Die Quelle kenne ich. Wenn es ganz
still ist, kann ich sie von hier aus, wo ich stehe, rieseln hören.“
Der Nebel hob sich ein wenig und machte ein Tänzchen über die Wiese
hin. Dann kam er zurück und erzählte weiter:
[Illustration]
„Das ist das schlimmste hier im Leben, daß man nie zufrieden mit dem
ist, was man hat. So liefen wir weiter und weiter, und zuletzt liefen
wir in einen großen See hinaus, auf dem die Seerosen auf dem Wasser
schaukelten und über dem die Libellen mit ihren großen, steifen Flügeln
schwirrten. An der Oberfläche war der See blank wie ein Spiegel, aber
wir mochten wollen oder nicht, wir liefen ganz unten am Boden entlang,
wo es dunkel und unheimlich war. Und das konnte ich nicht aushalten.
Ich sehnte mich nach den Sonnenstrahlen. Die kannte ich ja so gut von
der Zeit her, wo ich mit im Bache dahinlief. Da guckten sie zwischen
den Blättern durch und fuhren wie hastige Lichter über mich hin. Ich
wollte sie wiedersehen, drum schlich ich an die Oberfläche hinauf und
legte mich im Sonnenschein mitten zwischen die weißen Seerosen und
ihre großen, grünen Blätter. Aber, o weh, wie die Sonne da draußen
auf dem See brannte! Es war gar nicht auszuhalten, und ich bereute es
bitterlich, daß ich nicht da unten auf dem Grunde geblieben war.“
„Das macht mir keinen Spaß,“ sagte die Nachtviole. „Kommt nun bald der
Nebel?“
„Hier ist er!“ drohte der Nebel und legte sich von neuem um die Blume,
daß ihr fast der Atem verging.
„Au! Au!“ schrie die Nachtviole. „Du bist wahrhaftig der hitzigste
Gesell, den ich kenne. Weg mit dir; und erzähle weiter, wenn es denn
nicht anders sein kann.“
„Am Abend, als die Sonne untergegangen war, wurde mir plötzlich so
sonderbar leicht zumute,“ fuhr der Nebel fort. „Ich weiß nicht, wie es
zuging, aber mir war, als müßte ich aus dem See aufsteigen und fliegen.
Und ehe ich mich’s versah, schwebte ich wirklich über dem Wasser, fort
von den Libellen und Seerosen. Der Abendwind trug mich von dannen; hoch
in der Luft flog ich, da traf ich viele von meinen Schwestern, die
ebenso neugierig wie ich gewesen waren, und denen es ebenso ergangen
war. Wir schwebten am Himmel dahin ... wir waren Wolken geworden,
verstehst du?“
„Ich weiß nicht,“ sagte die Nachtviole. „Sehr glaubwürdig klingt das
eigentlich nicht.“
„Aber wahr ist es doch,“ antwortete der Nebel. „Höre jetzt weiter ...
Ein langes Stück trug uns der Wind durch die Luft. Aber da auf einmal
mochte er nicht mehr und ließ uns fahren. Als ein plätschernder Regen
fielen wir auf die Erde nieder. Die Blumen hatten es eilig damit, sich
zu schließen; und die Vögel verkrochen sich -- nur die Enten und Gänse
nicht; denn die waren um so froher, je nässer sie wurden. Ja ... und
dann der Bauer, der freute sich, weil sein Getreide Wasser nötig hatte.
Er machte sich nichts daraus, daß er naß wurde. Aber sonst richteten
wir gar große Verwirrung an.“
[Illustration]
„So so, also der Regen bist du auch,“ sagte die Nachtviole. „Hör’ mal,
du hast eigentlich ziemlich viel zu besorgen.“
„Ja ... ich habe nie Ruhe,“ erwiderte der Nebel.
„Aber ich habe nun doch nicht gehört, wie du zu Nebel wurdest,“ sagte
die Nachtviole. „Werd’ aber nur nicht gleich wieder hitzig ... du
hast mir ja selbst versprochen, es mir zu erzählen; und ich will
lieber die ganze Geschichte von vorne hören, als noch einmal in deinen
widerwärtigen, feuchten Armen liegen.“
Der Nebel lag ein Weilchen traurig da, und dann erzählte er weiter:
„Nachdem ich als Regen zur Erde niedergefallen war, sank ich durch das
schwarze Erdreich hindurch und freute mich schon darauf, an meinen
Geburtsort zurückzukommen, zu der tiefen, unterirdischen Quelle. Da
hatte man doch wenigstens Frieden und keine Sorgen. Aber wie ich
schön sank, saugten mich die Wurzeln der Bäume auf; und ich mußte
mich dareinfinden, den lieben, langen Tag rings in den Zweigen und
Blättern umherzuspazieren. Die gebrauchen mich als Lasttier, verstehst
du. All die Nahrung, die die Blätter und Blüten nötig hatten, mußte
ich von der Wurzel her zu ihnen hinaufschleppen. Erst am Abend kam
ich frei. Als die Sonne untergegangen war, seufzten alle Blumen und
Bäume tief auf, und ich und meine Schwestern flogen bei ihren Seufzern
fort als helle, leichte Nebel. Heute nacht tanzen wir auf der Wiese.
Aber morgen, wenn die Sonne aufsteht, werden wir wunderschöne, klare
Tautropfen, die unter deinen Blättern hängen. Dann schüttelst du uns
ab; und wir sinken tiefer und tiefer, bis wir zu der Quelle kommen, von
der wir herstammen, wenn uns nicht diese oder jene Wurzel unterwegs
aufschnappt. Und dann geht die Fahrt weiter: durch den Bach, in den See
hinaus, in die Luft hinauf und wieder zur Erde nieder ...“
„Halt!“ rief die Nachtviole. „Mir wird ganz schwindlig, wenn ich dich
höre.“
Jetzt fing der Frosch an, sich zu rühren. Er streckte seine Beine aus
und ging in den Graben hinab, um sein Morgenbad zu nehmen. Die Vögel im
Walde fingen an zu zirpen, und der Hirsch brüllte zwischen den Stämmen.
[Illustration]
Der Morgen graute, und die Sonne guckte über den Hügel.
„Was ist das?“ rief sie. „Wie sieht es hier aus? Man kann ja nicht die
Hand vor Augen sehen. -- Morgenwind, auf mit dir, du Faulpelz, und feg’
die häßlichen Nebel fort!“
Und der Morgenwind fuhr über die Wiese und blies die Nebel weg. Da
sandte die Sonne ihre ersten Strahlen gerade auf die Nachtviole hinab.
„Potztausend!“ sagte die Blume. „Da haben wir schon die Sonne. Dann muß
ich mich aber schnell schließen. Wo in aller Welt ist nun der Nebel
geblieben?“
„Hier bin ich ja,“ sagte der Tautropfen, der an ihrem Stengel hing.
Aber die Nachtviole schüttelte sich ärgerlich.
„Das kannst du anderen weismachen,“ sagte sie. „Ich glaube kein Wort
von dem, was du erzählt hast. Das ist alles dummes, wässeriges Zeug.“
Die Sonne aber lachte und sagte:
„Da hast du recht!“
Der Regenwurm und der Storch.
Mitten in einem alten Garten lag einmal ein altes Haus, und rings um
den Garten dehnten sich grüne Wiesen, soweit man sehen konnte.
[Illustration]
Das Haus hatte ein Strohdach und war ganz mit Efeu überwachsen. Die
Ranken krochen über das Dach bis zum Schornstein hin und über diesen
weg und hingen vor den Fenstern wie dichte, grüne Gardinen hinab, so
daß beinahe gar kein Lichtstrahl in die Stuben hineinschlüpfen konnte.
Das machte freilich nichts aus, denn das alte Haus war leer.
Vor vielen Jahren hatte ein Pastor darin gewohnt; als aber seine Frau
und seine beiden kleinen Jungen infolge der Feuchtigkeit gestorben
waren, reiste er fort; und seitdem wollte niemand mehr dort wohnen.
Das Haus lag einsam und verlassen da, die Wände waren schimmlig
vor Feuchtigkeit, der Keller stand voll Wasser, und die Fußböden
verfaulten. Im Garten wuchsen die Bäume, wie sie Lust hatten, und das
Gras wucherte wild auf allen Wegen.
Doch draußen auf den Wiesen weideten und brüllten im Sommer die Kühe,
und die Frösche quakten am Abend munter in den tiefen Gräben. Wenn die
Erntezeit heranrückte, kamen die Knechte oben vom Gute, mähten das
Gras und banden es zusammen und fuhren es nach Hause. Dann wurde es
Herbst, und der Sturm heulte, und die Blätter fielen von den Bäumen
im Garten. Und dann kam der Winter, und der Schnee lag auf dem alten,
toten Hause und den großen Wiesen.
Doch wenn der Schnee geschmolzen war, und die Wiesen wieder grün
wurden, und das Frühjahr seinen Einzug hielt, dann kam der Storch.
Er hatte sein Nest seit langer Zeit auf dem Dache des alten Hauses
gehabt und seine Sommerwohnung da oben behalten, als der Pastor auszog.
Die Feuchtigkeit drang nicht so hoch hinauf, und im übrigen war die
Wohnung ganz nach seinem Geschmack. Ruhig konnte er auf den Gartenwegen
spazierengehen, das ganze Haus hatte er zu seiner Verfügung; und
anderswo hätte er lange suchen müssen, um so viele Frösche zu finden,
wie auf den großen Wiesen. Er wußte auch recht gut, daß er den besten
Storchbezirk im ganzen Lande hatte, und machte sich in jedem Frühjahr
schleunigst auf den Weg dort hinauf, daß kein anderer Storch ihm
zuvorkäme.
[Illustration]
An einem Sommertag kehrte er einmal von einem Wiesenspaziergang nach
Hause zurück. Er hatte fünf Frösche zu seiner Frau und den Kindern
hinaufgebracht, die im Neste auf dem Dache lagen. Er selbst hatte zwei
verzehrt und dann eine halbe Schlange zum Nachtisch, so daß er satt und
guter Laune war. Die andere Hälfte der Schlange hatte er im Schnabel.
Mitten auf dem Wege blieb er stehen; denn er hatte einen gewaltigen
Regenwurm bemerkt, der sich auf der Erde wand.
„Du hast doch nicht etwa Angst?“ fragte der Storch.
„Verschont mein Leben, hoher Herr, wer Ihr auch seid!“ bat der
Regenwurm und krümmte sich noch jämmerlicher.
„Du kannst doch sehen, wer ich bin,“ erwiderte der Storch.
„Ach nein!“ sagte der Regenwurm. „Das kann ich nicht; denn ich bin
ja blind. Aber ich hörte Euch kommen und habe einen solchen Schreck
gekriegt, daß ich vor lauter Verwirrung das Erdloch nicht finden
konnte.“
Dem Storch schmeichelte die Angst des Wurmes. Er legte die halbe
Schlange vor sich in das Gras und blähte sich und stand auf einem Bein,
was dasselbe ist, wie wenn ein feiner Mann die Arme über der Brust
kreuzt.
„Ich bin der Storch!“ sagte er und sah senkrecht in die Luft.
„Jesses!“ rief der Regenwurm.
„Kennst du mich nun?“ fragte der Storch.
„Wie sollte ich den vornehmsten Vogel im ganzen Lande nicht kennen?“
wehklagte der Regenwurm. „Die Frösche zittern ja vor Euch in den
Gräben, und die Schlangen ziehen Siebenmeilenstiefel an, wenn sie Euch
nur in der Ferne erblicken. Ach ja! Ihr habt, weiß Gott, viele Hunderte
meiner Brüder gefressen.“
„Allerdings,“ erwiderte der Storch, „und bei Gelegenheit fresse ich
dich natürlich auch. Zufällig bin ich im Augenblick satt. Dafür kannst
du deinem Schöpfer danken.“
„Ich danke Ew. Hochwohlgeboren viel tausendmal,“ sagte der Regenwurm.
„Oh ... ich kenne Euch ja so gut vom Hörensagen. Die Menschen verehren
Euch mehr als irgendeinen andern Vogel. Ihr seid es doch wohl, der die
kleinen Kinder bringt?“
„Nun,“ antwortete der Storch ein wenig verlegen und setzte das Bein
hastig wieder auf die Erde. „So ist es eigentlich nicht ... das heißt:
das ist eine Übertreibung. Übrigens habe ich nichts dagegen, daß man
sich das erzählt. Es verleiht einem immerhin ein gewisses Ansehen.“
Inzwischen war der Regenwurm ein Stück weitergekrochen.
„Wohin willst du?“ fragte der Storch und hackte mit seinem langen
Schnabel ein wenig auf den Rücken des Wurmes ein.
„Au ... ach ... Verzeihung!“ stöhnte der Wurm. „Ich wollte bloß zu
meinem Erdloche hin. Ich habe keine Zeit, hier zu liegen und zu
faulenzen, und wage außerdem nicht, Ew. Hochwohlgeboren Edelmut zu
mißbrauchen.“
„Solange ich Zeit habe, hast du sie auch, sollte ich meinen,“ belehrte
ihn der Storch. „Ich verspreche dir, daß ich dich nicht fressen werde;
und ein Kavalier hält sein Wort. Aber das gilt nur für heute und für
den Fall, daß ich nicht hungrig werde.“
„Ihr seid zu gütig,“ antwortete der Regenwurm ehrerbietig.
Nun fing der Storch an, auf dem Wege auf und ab zu spazieren. Er legte
den Nacken zurück, drückte den Bauch heraus und hob die Beine ungeheuer
hoch. Aber dann fiel ihm ein, daß der Regenwurm ihn ja nicht sehen
konnte, und da stand er wieder still. In diesem Augenblick rief die
Störchin oben vom Neste her, und er klapperte mit dem Schnabel, um ihr
zu antworten.
„Sagten Ew. Hochwohlgeboren etwas?“ fragte der Regenwurm.
„Ich habe mit meiner Gemahlin ägyptisch gesprochen,“ erwiderte der
Storch. „Wir haben ein Gut in Afrika, weißt du. Und wir sprechen
diese Sprache immer, wenn wir unter uns sind. Übrigens ist es da viel
schöner; und ich bliebe gern immer in Afrika, wenn man nicht Rücksicht
auf die Kinder nehmen müßte. Aber du verstehst wohl kaum, was ich sage
... Hast du jemals Reisen gemacht?“
„Ach nein!“ seufzte der Regenwurm.
„Wo bist du denn im Winter?“
„Ich bleibe hier,“ antwortete der Wurm.
„Uha! Das muß häßlich sein, hier im Schnee und Eis umherzuwaten.
Bekommst du denn keine kalten Füße?“
„Ich habe gar keine Füße,“ antwortete der Regenwurm vergnügt. „Und ich
grabe mich tief in die Erde hinein, wenn es kalt ist.“
Der Storch besah sich den Regenwurm nachdenklich und sagte dann:
„Ich weiß eigentlich nicht recht, ob es sich für mich paßt, hier zu
stehen und mit einem Burschen, wie du einer bist, zu schwatzen. Dir
fehlt ja fast alles, was zu einem ordentlichen Menschen gehört. Bist du
von Rang?“
„Rang?“ wiederholte der Regenwurm verwundert. „Was ist das? Ich bin ein
fleißiger Arbeitsmann. -- Ist das Rang?“
[Illustration]
Da tanzte der Storch vor Lachen umher und teilte seiner Frau oben mit,
was der Wurm gesagt hatte.
„Ich hoffe nicht, daß ich etwas Unpassendes geäußert habe,“ sagte der
Regenwurm verzagt. „Übrigens bin ich der älteste Regenwurm hier am
Platze; ich war schon zur Zeit des Pastors hier.“
„Ach!“ sagte der Storch gnädig. „Du bist also eine Art Altmeister
aller Regenwürmer. Das ist doch wenigstens etwas. Dann kann ich mich
wenigstens im Gespräch mit dir sehen lassen; unsere +Familien+
brauchen ja nicht zu verkehren.“
„Ich habe, weiß Gott, keine Familie,“ unterbrach ihn der Regenwurm.
„Du hast keine Familie?“ fragte der Storch und gähnte vor lauter
Verwunderung.
„Nein,“ antwortete der Wurm. „Ich weiß nicht, wo meine Frau und meine
Kinder sind, habe meine Eltern nie gesehen und würde meine Geschwister
nicht wiedererkennen, wenn ich sie träfe.“
Der Storch zog das eine Bein unter sich ein und sah außerordentlich
würdig aus.
„In den niederen Klassen herrschen fürchterliche Zustände,“ sagte er.
„Ich will nichts mehr hören; es verdirbt meine Laune. Leb’ wohl. An
einem andern Tage komme ich vielleicht wieder; aber nimm dich in acht,
mir zu begegnen, wenn ich hungrig bin!“
Dann flog der Storch auf das Dach des alten Hauses hinauf; und der
Regenwurm machte, daß er in sein Erdloch hinunterkam. -- -- --
Ein paar Tage später ging der Storch wieder auf dem Wege spazieren, wo
er mit dem Wurm geredet hatte.
„Regenwurm!“ rief er; aber niemand antwortete ihm.
„Regenwurm, komm herauf! Ich will mit dir reden!“
„Ich wag’ mich nicht hervor,“ erwiderte der Regenwurm schließlich unten
aus seinem Loche.
Aber da wurde der Storch sehr böse. Er schlug so stark er konnte, mit
seinem großen roten Schnabel auf die Erde, und der Wurm kam herauf und
krümmte sich in größter Angst und Untertänigkeit.
„Will Er wohl kommen, wenn ich rufe!“ gebot der Storch streng auf einem
Bein stehend. „Weiß Er nicht, wer ich bin, und wer Er ist? Weiß Er die
Ehre, die ich Ihm erweise, wenn ich mich mit Ihm unterhalte, nicht
besser zu würdigen?“
„Werdet nicht böse, Ew. Hochwohlgeboren!“ bat der Wurm. „Ich hatte so
große Angst; und Ihr sagtet selbst, ich solle mich in acht nehmen, Euch
zu begegnen, wenn Ihr hungrig wäret.“
„So ist es!“ sagte der Storch stolz. „Aber erzähle mir jetzt ein wenig
von deinem Leben! Ich langweile mich, und uns vornehmen Herren schadet
es nicht, wenn wir das Leben in den niederen Volksschichten kennen
lernen.“
„Was soll ich erzählen? Es würde Euch ja doch nicht interessieren,“
sagte der Wurm bescheiden. „Ich rackere mich ab, seitdem ich auf der
Welt bin; und bis man mich frißt, pflüge ich die Erde um und lege
Gräben an ...“
„So so!“ sagte der Storch freundlich. „Du bist es, der die Gräben
gräbt, in denen die Frösche sind?“