„Schönen Dank für den gestrigen Tag,“ sagte der Einsiedlerkrebs.

„Gleichfalls,“ sagte die Seeanemone.

„Ich habe in meinem Schneckenhaus gelegen und mir etwas überlegt,“

erzählte der Einsiedlerkrebs. „Siehst du ... nicht alle Tage trifft man

jemand, mit dem man so vernünftig reden kann, wie wir beide gestern

geredet haben.“

„Das ist wahr,“ gab die Seeanemone zu. „Mit den meisten, mit denen ich

spreche, ist kein Staat zu machen. Außerdem sind da natürlich die, die

man frißt. Aber mit denen spricht man ja nicht. Und die, die einen

fressen. Aber die sprechen ja auch nicht mit einem.“

„Findest du nicht, daß wir zusammenbleiben sollten?“ schlug der

Einsiedlerkrebs vor.

„Tja -- --,“ sagte die Seeanemone. „Das könnte ja recht amüsant werden.

Aber ich weiß nicht recht, wie es zugehen sollte; denn es besteht

eigentlich kein sonderlicher Unterschied in unserer Ernährungsweise.

Wenn dann eines Tages nicht genug für uns beide vorhanden ist, könnten

wir leicht aneinander geraten; und das Ende vom Liede wäre vielleicht,

daß der eine den andern auffräße.“

„Ja, das wäre allerdings nicht schön.“

„Für den, der gefressen würde, wäre es nicht schön. Für den andern wäre

es ja, streng genommen, nicht so schlimm.“

„Du bist furchtbar spaßig,“ sagte der Einsiedlerkrebs.

Die Seeanemone fächelte mit ihren bunten Armen ins Wasser hinein und

ließ sie mit dem Strome hin und her wogen. Sie sah hübsch und heiter

aus, wie die Blumen auf dem Lande. Aber auf einmal ergriffen die bunten

Arme einen kleinen Fisch, der in den Magen hinabglitt und sofort

verzehrt war.

„Den kleinen Fisch hättest auch du essen können,“ sagte die Seeanemone.

„Da siehst du es.“

„Ich hab’ auch meinen Fisch im Leibe,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.

„Hast du nicht gesehen, daß es zwei waren?“

„Nein,“ sagte die Seeanemone. „Ich habe nur einen gesehen, und den habe

+ich+ gepackt.“

„Es war noch einer da. Er schwamm direkt auf mich los, ohne mich zu

sehen; denn deine Arme verbargen mich von der Seite, von der er kam.“

Als er das gesagt hatte, machte er einen gewaltigen Sprung auf die

Seeanemone zu, die sofort alle ihre Brennesseln gegen ihn kehrte.

„Au, au,“ schrie der Einsiedlerkrebs.

„Ist das eine Art, auf die Leute loszufahren?“ zeterte die Seeanemone.

„Besonders wenn man weiß, daß du noch nichts gefressen hast.“

„Du hast mich gänzlich mißverstanden,“ sagte der Einsiedlerkrebs und

putzte seine Fühlhörner. „Ich bin vor Freude so gesprungen; denn jetzt

hab’ ich eine Methode ausfindig gemacht, wie wir ewig zusammenbleiben

können.“

„Dann solltest du dich deutlicher ausdrücken.“

„Hör’ einmal. Worauf sitzest du?“

„Augenblicklich sitze ich auf einem Stein,“ sagte die Seeanemone.

„Aber ich möchte mich nicht verpflichten, bis zu meinem Tode hier

sitzenzubleiben, obwohl es mühselig genug ist, sich von der Stelle

zu bewegen. Es ist noch nicht lange her, da saß ich auf einem

Schiffsanker, der untergegangen war. Einmal hab’ ich auch auf einem Hai

gesessen, der sich hier unten zur Ruhe gelegt hatte und so lange liegen

blieb, daß ich annahm, er würde nicht mehr fortgehen. Aber er hat sich

nur ein bißchen ausgeruht, und eines Tages suchte er das Weite. Es war

höchst unbehaglich, auf wie stürmische Weise das geschah.“

„Nun will ich dir was sagen,“ meinte der Einsiedlerkrebs. „Ich habe

eine Methode ausfindig gemacht, wie du ganz glatt von der Stelle kommen

kannst. +Du sollst dich auf mir festsetzen.+“

„Auf dir?“

„Auf mir. Auf meinem Schneckenhaus. Dann trag’ ich dich mit mir herum.

Ich bin ein gesetzter Bursche, der keine Luftsprünge mehr macht; und

andererseits komme ich viel schneller vom Fleck als du.“

Die Seeanemone zog sich mit grauenhafter Geschwindigkeit zusammen.

Weg war die ganze Blume, und nur die kleine Feige war noch da, die so

unglaublich mißtrauisch aussah.

„Du scheinst nicht an meine ehrlichen Absichten zu glauben,“ sagte der

Einsiedlerkrebs.

„Was kostet das Billett?“ fragte die Seeanemone.

„Ach so. Deinen eigenen Profit bei der Sache erkennst du recht wohl,

und nun willst du wissen, was +ich+ dabei verdiene. Ja, siehst du, ich

denke an den kleinen Fisch von vorhin, der mir direkt ins Maul rannte.“

„Aha, du meinst, ich soll dich verstecken, wenn du auf Beute ausgehst.“

„Ganz recht,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Wir können ganz famos

zusammen jagen. Der Fisch, der sich vor mir fürchtet, rennt dir direkt

in den Rachen. Und wer +dir+ entgehen will und sich schon gerettet

glaubt, der ist +mir+ verfallen.“

Die Seeanemone dachte nach: „Hm, das hat allerdings manches für sich.“

„Nicht wahr? Und dann werden mir deine Brennesseln großartige Dienste

gegen meine Feinde leisten. Die großen Fische sind sehr hinter mir her,

aber vor deinen Brennesseln nehmen sie sich in acht.“

Die Seeanemone entfaltete wieder ihre Blüte. Sie leuchtete, daß es eine

Lust war, sie anzusehen.

„Komm doch,“ sagte der Einsiedlerkrebs ungeduldig.

„Laß uns erst essen,“ entgegnete die Seeanemone. „Ich glaube nicht, daß

es zuträglich ist, einen solchen Freundschaftsbund mit nüchternem Magen

zu schließen. Ich nehme den Fall an, wir säßen beieinander, und der

Hunger quälte uns, dann könnten leicht böse Gedanken in uns auftauchen.“

„Wie vorsichtig du bist! Ich versichere dir: es könnte mir niemals

einfallen, dich zu fressen.“

„Ja, aber mir könnte es vielleicht einfallen, dich zu fressen,“ sagte

die Seeanemone.

Nun kam eine Schnecke heran, die der Einsiedlerkrebs mit seiner Schere

fing, zerdrückte und sofort fraß. Gleich darauf kam noch eine und noch

eine und wiederum eine. Die letzte stieß der Krebs zur Seeanemone

hinüber, die nichts mitbekommen hatte.

„Glaubst du, daß du nun satt genug bist, um auf mein Haus hinüberziehen

zu können?“ fragte der Einsiedlerkrebs.

„Ich weiß nicht,“ erwiderte die Seeanemone. „Aber du bist jedenfalls

satt, und das ist die Hauptsache. Dreh’ dich ein bißchen nach der

Seite, denn jetzt komme ich!“

„Setz dich über die Mündung des Schneckenhauses! Wir müssen uns von

Anfang an so praktisch wie möglich einrichten.“

„Weg mit der Schere!“

Die Seeanemone bewegte sich auf ihrem Fuße fort, der nichts als eine

große Saugscheibe war, bis sie sicher und gut saß.

„Nun reisen wir ein bißchen,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Breite die

Arme tüchtig aus, damit alle Leute sehen können, daß eine prachtvolle

Seeanemone kommt, und damit niemand ahnt, daß ein böser Einsiedlerkrebs

darunter liegt.“

[Illustration]

Der Einsiedlerkrebs kroch weiter, und die Seeanemone fächelte mit ihrer

Blüte.

„Dir werd ich schon aus dem Wege gehen,“ sagte ein kleiner Fisch, der

ihnen entgegenkam.

Er machte einen flotten Purzelbaum, tauchte unter die Seeanemone hinab

und lief dem Krebs unmittelbar in den Schlund.

„Nimm die Hälfte,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Wir haben ihn ja zu

zweien gefangen. Jetzt segeln wir ein bißchen.“

Nun schaukelte das Schneckenhaus mit den beiden Passagieren durchs

Wasser dahin; und überall, wohin sie kamen, erweckte die Seeanemone

unter allen Bewohnern der Meerestiefe großes Aufsehen.

„I, du Allmächtiger,“ rief der Seeigel. „Wer hat je eine Seeanemone

so schnell daherkommen sehen! Ich gehöre mit zur Familie; und ich muß

sagen, daß mir die Sache ganz unbegreiflich ist.“

„Es muß etwas dahinter stecken,“ äußerte eine große Auster, die gähnend

im Tang saß.

„Ich stecke dahinter,“ sagte der Einsiedlerkrebs und streckte seine

große Schere zwischen die Schalen der Auster.

„Au,“ sagte die Auster und preßte ihre Schalen zusammen.

„Es hilft dir nichts. Ich bin dir zu hart. Eine herrliche Auster,

Seeanemone! Nun sollst du deine Hälfte abbekommen, sobald ich sie

aufgedrückt habe.“

„Behalte sie nur,“ erwiderte die Seeanemone. „Ich hab’ meinen Magen

noch nie im Leben so voller Würmer und kleiner nackter Schnecken

gehabt. Sie gehen mir noch nicht einmal aus dem Wege; denn sie glauben

ja nicht, daß ich mich so schnell von der Stelle bewegen kann.“

„Da siehst du es,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Es lebe unser

Kompagniegeschäft!“

* * * * *

Eines Tages ging es dem Einsiedlerkrebs nicht recht gut. Er fühlte

einen unangenehmen Druck im Magen und konnte fast gar keine Luft

kriegen.

„Was ist denn mit dir los?“ fragte die Seeanemone. „Du hast dir soeben

einen Fisch entgehen lassen.“

„Ja,“ versetzte der Einsiedlerkrebs. „Es geht mir jämmerlich. Ich

werde nicht anders können, ich muß umziehen.“

„Du willst umziehen?“ rief die Seeanemone.

„Ja, ich muß. Ich kann in diesem Hause nicht mehr bleiben. All das gute

Essen hat mich zu dick gemacht.“

„Das ist ja eine schöne Geschichte. Und es ging uns doch gerade so gut.“

„Es wird uns auch weiterhin gut gehen. Wir wollen uns nach einem neuen,

großen Schneckenhaus umsehen.“

Da machten sie sich auf die Wanderung; und noch am selben Tage fanden

sie eine wunderschöne große Königsschnecke, die auf dem Meeresgrunde

lag. Der Einsiedlerkrebs wandte und drehte sie, klopfte mit der Schere

darauf und sah nach, ob sie dicht sei.

„Sie ist gut,“ sagte er. „Die nehme ich.“

„Und obendrein ist sie leer,“ sagte die Seeanemone. „Das ist ein Vorzug

mehr.“

„Das kann ich nun freilich nicht finden,“ sagte der Einsiedlerkrebs.

„Wäre eine Schnecke darin gewesen, so hätten wir sie ja fressen können.

Und dann wäre das Haus auch rein gewesen. Jetzt ist es vermutlich

voller Sand und kleiner Steine, und ich muß vor dem Einzug ein

gehöriges Reinemachen veranstalten.“

„Wie genau du es nimmst!“

„Ich bin dazu gezwungen. Wenn auch nur das kleinste Sandkorn drinnen

zurückbliebe, so würde es meinen Hinterleib furchtbar martern, daß ich

gleich wieder ausziehen müßte.“

„Ja, es ist wahr ... dein Hinterleib,“ sagte die, Seeanemone. „Den hab’

ich ja noch gar nicht zu sehen gekriegt. Heraus mit ihm, damit ich

mich davon überzeugen kann, ob er wirklich so weich und lecker ist, wie

du sagst.“

„Er kommt schon, wenn es Zeit ist,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs.

[Illustration]

Und nun fing er mit dem Reinemachen an. Er stülpte das Schneckenhaus

um, schüttelte es, beklopfte es mit den Scheren und steckte seine

langen Beine hinein, um in allen Winkeln herumzuscharren. Dann drehte

er es mit der Mündung nach der Richtung, aus der der Strom kam, so daß

das Wasser gehörig hindurchspülen konnte. Zuletzt schnüffelte er mit

seinen Fühlhörnern nach, ob noch ein wenig Sand oder Fäulnisstoff darin

war. Das Ganze dauerte über zwei Stunden, und der Seeanemone fing die

Sache an langweilig zu werden.

„Jetzt genügt es, glaube ich,“ sagte sie. „Man kann auch +zu+

sorgfältig sein.“

„Nicht, wenn es sich um den Schwanz handelt,“ sagte der Einsiedlerkrebs.

Er saß eine Weile in Gedanken versunken da, betrachtete sein neues Haus

und betrachtete auch die Seeanemone.

„Bist du wirklich satt, lieber Freund?“ fragte er dann.

„Nicht allzusehr,“ erwiderte die Seeanemone. „Hast du einen

Leckerbissen für mich, so soll’s mich freuen.“

„Allerdings habe ich einen,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich habe

meinen Schwanz. Und es würde mir außerordentlich leid tun, wenn er den

Anlaß zur Beendigung unserer Freundschaft geben würde.“

Er sah die Seeanemone scharf an, und die Seeanemone erwiderte seinen

Blick. Dem Einsiedlerkrebs kam es so vor, als ob sein lieber Freund

einen sehr hungrig-gierigen Ausdruck im Gesicht hätte.

„Tu’ mir den Gefallen und dreh’ dich nach der andern Seite um, wenn

ich den Schwanz aus dem alten Schneckenhause hervornehme,“ sagte er.

„Ich muß dir gestehen, deine Anwesenheit ist mir äußerst peinlich. Ich

glaube, ich habe mein Hinterteil noch niemand gezeigt.“

„Ach was, ich bin doch dein bester Freund,“ sagte die Seeanemone.

„Ganz richtig,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Aber ich kann trotzdem

nicht. Hör’ einmal ... ich hab’ eine Idee. Ich will dir zuerst auf das

neue Schneckenhaus hinüberhelfen. Das ist das Allervernünftigste.“

Sie machten sich an die Arbeit, und nach Verlauf einer geraumen Weile

saß die Seeanemone da, wo sie sitzen sollte.

„Du bist nicht hungrig,“ sagte sie.

„Das bin ich allerdings nicht,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich kann

bloß nicht verstehen, woher du das wissen willst!“

„Ich merke es an der Art, wie du mich mit deinen Scheren anrührst,“

erwiderte die Seeanemone. „Ich merke es immer an den Scheren der Leute,

ob sie hungrig sind. Aber komm nun ... jetzt ist die Reihe an dir. Kann

ich helfen, so stehe ich zu Diensten.“

Der Einsiedlerkrebs rührte sich nicht von der Stelle.

Er hatte eingesehen, daß er sich sehr dumm angestellt hatte. Er hätte

die Seeanemone zuerst hinabsteigen und in einiger Entfernung warten

lassen sollen. Dann hätte er selbst hinüberziehen können, und die

Seeanemone wäre nachgekommen.

„Ich bin doch nicht recht zufrieden mit dem Schneckenhaus,“ sagte

der Einsiedlerkrebs dann. „Bleib du nur so lange sitzen, während ich

umherkrieche und mich nach einem andern umsehe! Ich werde bald wieder

hier sein.“

„Niemals,“ sagte die Seeanemone. „Es kann nicht deine Absicht sein, daß

ich die Unbequemlichkeit noch einmal haben soll. Komm ... sonst ist es

vorbei mit uns.“

„Dann schließe dich,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Zieh’ die Arme mit

den Brennesseln ganz ein, wie du es machst, wenn du dich ausruhst.“

„Schwatz’ nicht so dumm! Nimm einmal an, es käme gerade ein schöner

Fisch heran! Du weißt ja, ich bin hungrig.“

„Dann wart’ ich, bis du satt bist.“

Und dabei blieb es. Die Seeanemone fing ein paar Fische und fraß

sie. Dann zog sie die Arme ein und saß wieder wie eine trockene,

eingeschrumpfte Feige da. Da ließ der Einsiedlerkrebs das alte Haus

fahren und kam heraus.

„Nä --,“ sagte die Seeanemone und guckte heraus.

„Hinein mit dir,“ schrie der Einsiedlerkrebs. „Wenn du nicht gleich

hineingehst, beiß’ ich dich.“

Die Seeanemone entfaltete sich ganz und fächelte mit den Brennesseln

ganz nah am Hinterleib des Einsiedlerkrebses herum.

„Denk’ daran, wieviel Freude und Nutzen wir noch voneinander haben

können,“ sagte der Einsiedlerkrebs und wand sich jämmerlich.

„Ich überlege mir das gerade,“ sagte die Seeanemone. „Sonst hätte ich

natürlich längst deinen Schwanz gefressen. Noch nie im Leben hab’ ich

einen solchen Leckerbissen gesehen.“

„Aber es ist nur ein Bissen. Hast du ihn gefressen, so ist er weg.“

Die Seeanemone sagte nichts, fächelte und fächelte nur mit den

Armen und kam dem Hinterleib ihres guten Freundes immer näher. Der

Einsiedlerkrebs krümmte sich in größten Nöten.

„Wenn du das tust, so begehst du eine große Dummheit,“ sagte er. „Dann

mußt du morgen dein altes Leben wieder anfangen, das nicht entfernt so

bequem war wie das, das du führst, seitdem du bei mir wohnst. Du wirst

wieder nur langsam von der Stelle kriechen. Den einen Tag sitzest du

auf einem dummen Stein und lässest alle Fische entwischen. Den nächsten

sitzest du auf einem Hai, der mit dir auf und davon schwimmt und dich

herumwirbelt, so daß du weder aus noch ein weißt.“

Die Seeanemone fächelte mit den Armen.

„Au!“

„Ich habe dich nicht angerührt.“

„Du warst nahe daran,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Du denkst an nichts

andres. Das kann ich dir ansehen. Wenn du das tust, so benimmst du dich

wie ein junger, unbesonnener Mensch. Als wir jung waren, da taten wir

so etwas. Da dachten wir nie an den morgigen Tag.“

„Das war eine schöne, schöne Zeit,“ sagte die Seeanemone fächelnd.

„Neulich sind wir doch übereingekommen, daß +die Gegenwart+ die bessere

Zeit ist,“ sagte der Einsiedlerkrebs verzweifelt. „Jetzt sind wir

ruhiger und verständiger und machen uns zunächst immer klar, wie es

werden wird. Wenn ich alt und hinfällig wäre, würd’ ich noch nichts

dazu sagen. Und wenn einer von uns auf dem letzten Loche pfiffe, so

wäre es nur recht und billig, daß der andere ihn fräße. Er wäre ja der

Nächste dazu. Aber nun stehen wir beide im kräftigsten Alter und können

einander für lange Zeit Nutzen und Freude bringen. Daran solltest du

denken.“

„Ich denke daran. Und ich glaube, du hast recht. Kriech also hinein ins

neue Haus! Ich werde dir nichts tun.“

„Ziehst erst deine Brennesseln ein!“

Die Seeanemone tat es, und der Einsiedlerkrebs schaffte langsam und

vorsichtig seinen Hinterleib in das neue Haus. Das nahm Zeit in

Anspruch; ordentlich mußte es ja gemacht werden, und während der ganzen

Prozedur heftete er das eine seiner Stielaugen auf die Seeanemone. Aber

sie bezwang sich, bis alles überstanden war.

„Das war keine Kleinigkeit,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Ich hatte

wirklich Furcht vor dir.“

„Dazu hattest du auch allen Grund,“ erwiderte die Seeanemone. „Ich

habe mich sehr zusammennehmen müssen. Erinnerst du dich daran, was

du sagtest: Daß wir einander auffressen sollen, wenn wir alt und

verbraucht sind?“

„Ich erinnere mich meiner Worte recht gut und bleibe auch dabei,“

sagte der Einsiedlerkrebs. „Es ist auch noch gar nicht so sicher, daß

ich früher alt werde als du. Aber das soll unsre Sorge einstweilen

nicht sein. Jetzt ist die Freundschaft erprobt und wird desto länger

vorhalten.“

Drauf kroch er vergnügt von dannen mit seinem neuen Hause und seinem

Freunde auf dem Nacken. Sie fingen eine Menge Fische ein und gediehen

beide aufs beste.

* * * * *

Einige Zeit darauf war der Seeanemone etwas sonderbar zumute.

Sie hatte ihre Not mit der Entfaltung ihrer Blüte und ließ einen

kleinen Fisch nach dem andern entwischen.

Der Einsiedlerkrebs sah es wohl, aber er hatte selber ein paarmal mit

seiner Schere daneben gegriffen und sagte darum nichts.

„Wie geht es dir?“ sagte die Seeanemone hierauf.

„Danke, vortrefflich,“ antwortete der Einsiedlerkrebs. „Und dir?“

„Es ist mir noch nie so gut gegangen wie heute. Ich fragte nur, weil

ich sah, daß du nach einem Fisch fehlgriffst.“

„Wirklich? Ich habe selber gar nicht darauf geachtet. Dagegen hab ich

gesehen, wie +du+ vorhin zwei Fische vorbeisegeln ließest, außer einer

wunderschönen Schnecke. Du fängst doch nicht etwa an, dich alt zu

fühlen?“

„Gott, wie kannst du das glauben!“ sagte die Seeanemone und fing

an, wie toll mit den Armen zu fächeln. „Du fällst wohl eher als ich

zusammen.“

„Ich ... alt?“ sagte der Einsiedlerkrebs und schnitt heftig mit der

Schere vor sich hin. „Nein, ich werde dich ganz gewiß überleben. Und

dann fress’ ich dich auf. Du weißt ja, so haben wir’s verabredet.“

„Gott behüte! Ich werde dich auch auffressen, verlaß dich darauf!

Im Augenblick bin ich leider nicht hungrig, sonst tät’ ich es gerne

sofort.“

„Na, also hungrig bist du auch nicht! Das ist ja ein schlechtes

Zeichen.“

Der Einsiedlerkrebs fing an, das Haus tüchtig zu schütteln, und

bemerkte, daß die Seeanemone nicht so fest saß wie sonst. Aber es

krachte so in ihm selber, daß er einen gehörigen Schreck bekam. Die

Seeanemone ließ ihre Brennesseln auf einen vorbeistreichenden Fisch

gleiten, aber sie brannten nicht mehr. Der Einsiedlerkrebs griff

mit der Schere danach, traf aber nicht, so daß der Fisch unversehrt

weiterschwamm.

Die beiden Freunde sahen sich mißtrauisch an.

„Lieber Freund,“ sagte der Einsiedlerkrebs. „Jetzt, glaube ich, ist

unsre Freundschaft in ihr letztes Stadium getreten. Es ist kein Zweifel

mehr: du bist alt und taugst nichts mehr. Deine Brennesseln brennen

nicht mehr, und du bist so schlecht zu Fuß, daß du dich kaum an meinem

Schneckenhaus festhalten kannst. Unsrer Verabredung gemäß, beabsichtige

ich darum, dich aufzufressen.“

„Ich wollte gerade dasselbe zu dir sagen,“ entgegnete die Seeanemone.

„Du bist ja ein reines Wrack geworden. Deine Schere ist gar nicht mehr

scharf, und du kannst sie ganz und gar nicht mehr regieren. Das Beste

ist: ich mache deinen Leiden ein Ende.“

Dann betrachteten sie einander wieder ein Weilchen, und keiner von

ihnen wollte beginnen.

„Wie gut, daß du zuerst alt geworden bist,“ sagte hierauf die

Seeanemone. „Was wolltest du ohne mich machen?“

„Das will ich dir sagen,“ erwiderte der Einsiedlerkrebs. „Wenn ich

dich gefressen habe, werd’ ich mich auf der Stelle nach einer jungen,

schönen Seeanemone umsehen.“

„Ja, wie gut wir zueinander passen! Ich überlegte mir gerade, daß ich

mich nach einem tüchtigen Einsiedlerkrebs umsehen muß.“

„Hau, hau,“ sagte die Krabbe, die in diesem Augenblick mit seitlichem

Gang herankroch. „Ah ... da haben wir ja den großmäuligen Vetter. Na

... hast du einen Freund gefunden?“

[Illustration]

„Allerdings,“ sagte der Einsiedlerkrebs; und er bebte vor Schreck in

seinem Schneckenhaus, denn die Krabbe sah so entsetzlich groß aus.

„Darf ich dir die Seeanemone vorstellen? Hier sitzt sie. Sie ist mein

bester Freund und hat grauenhafte Fangarme voller Brennesseln. Wenn

jemand mir auch nur das geringste Leid antun will, so verbrennt sie ihn

augenblicklich.“

„Das ist richtig,“ fiel die Seeanemone ein und fächelte matt mit den

Armen. „Und wenn mich jemand schief ansieht, so beißt mein Freund, der

Einsiedlerkrebs, ihn mit seiner Schere kaputt.“

„Ja, ihr seid mir ein paar schöne Helden,“ sagte die Krabbe und kam

näher.

Die Seeanemone wollte ihre Arme einziehen, konnte aber nicht. Der

Einsiedlerkrebs wollte sich in seinem Hause verstecken, hatte aber

gleichfalls nicht mehr die Kraft dazu. Die Krabbe war dicht bei ihnen

und betrachtete sie mit gefräßigen Augen.

„Also ihr zwei habt wirklich gemeinsame Fahrten gemacht?“

„Ganz recht,“ sagte der Einsiedlerkrebs und richtete sich auf. „Und wir

bleiben noch vie--iele Jahre zusammen.“

„Ja, wir bleiben noch vie--iele Jahre zusammen,“ fiel die Seeanemone

ein und reckte sich empor.

„Ihr seid mir zwei aparte Bürschchen!“ sagte die Krabbe. „Aber jetzt

seid ihr fertig. Ich bin von jeher hinter dem Aparten her gewesen, und

jetzt fresse ich euch.“

„Das da--arfst du nicht,“ sagte der Einsiedlerkrebs und focht wild

mit seiner großen Schere umher. „Wir haben vera--abredet, daß wir uns

gegenseitig auffressen wollen.“

„So i--ist es,“ sagte die Seeanemone und fächelte verzweifelt mit den

Armen.

Und dann fraß die Krabbe die beiden.

Mutter Natur erzählt · 第 13 / 13 段