ist ja wirklich wahr ... da oben ist ein ganzer Garten. Und meine
eigenen Erdbeeren, glaub’ ich ...“
Er pflückte eine Beere und aß sie.
„Hm!“ sagte er. „Gewiß, das ist der richtige Geschmack. Beinahe kommen
sie mir noch leckerer vor als die zu Hause.“
„Soll der Baum denn nun umgehauen werden, Vater?“ fragte der Junge.
„Ganz gewiß nicht!“ entschied der Gutsherr. „Das wäre eine Sünde und
Schande. Es ist ja der merkwürdigste Baum, den ich auf dem ganzen Gut
habe. Sorgen Sie dafür, daß oben ein Tonnenband darum gelegt wird,
Förster! Und dann stellen Sie ein Staket darum auf, damit die Kühe sich
nicht daran reiben und ihm Schaden antun! Den schönen alten Weidenbaum
wollen wir uns so lange wie möglich zu erhalten suchen. Er macht mir
wirklich Freude.“
An dem Tage war er nun einmal in dieser Laune.
Es wurde oben ein eisernes Band um den Stamm des Weidenbaums gelegt,
und unten wurde ein Staket angebracht. So oft der Gutsherr mit Gästen
durch die Allee fuhr, ließ er den Wagen vor dem Weidenbaum halten.
„Ja ... die Allee ist sehr nett,“ sagte er. „Doch es sind ja bloß ganz
gewöhnliche Pappeln. Aber hier will ich Ihnen etwas ganz Merkwürdiges
zeigen ... Ja, es sieht aus wie ein alter Weidenstumpf, aber kommen Sie
bloß mal hierher ...“
Einer nach dem andern stieg dann aus dem Wagen aus, und sie traten auf
den Stein und bewunderten den Garten im Wipfel des Weidenbaums.
[Illustration]
„Hätte ich nicht das Eisenband, so würde ich bersten,“ sagte der
Weidenbaum. „So viel Ehre und Glück für einen so elenden Krüppel wie
mich! Denkt einmal .... der Gutsherr ist heraufgestiegen und hat
Erdbeeren bei mir verzehrt! Und all die fremden Gäste auf dem Gut
bekommen mich zu sehen.“
„Unglaublich,“ sagte die Eiche. „Es ist ja genau so, als ob ein Preis
auf das Hohlwerden gesetzt wäre.“
„Es ist ein Märchen,“ sagte der wilde Rosenstrauch. „Ich will es jedem
Vogel erzählen, der sich auf mir niederläßt, damit er es der ganzen
Welt verkünden kann.“
„Es ist so gekommen, wie ich gesagt habe,“ meinte der Holunderstrauch.
Doch die Schwarzamsel erklärte: „Wenn man die Sache bei Licht besieht,
so bin ich es sozusagen gewesen, der das Märchen in Szene gesetzt hat.
Aber ich habe, offen gestanden, mehr von den +alten+ Zeiten gehalten.
Da hatte man seine Ruhe hier oben. Jetzt riskiert man jeden Augenblick,
daß dieser oder jener den Kopf heraufsteckt und sagt: ‚Nä!‘ und ‚Ah!‘
und ‚Oh!‘“
„In meinem ganzen Leben ist mir so etwas noch nicht vorgekommen,“
sagte die nächste Pappel. „Habt ihr gehört, was der Gutsherr von
seinen stolzen, vornehmen Pappeln gesagt hat? Von uns, die wir am Wege
Posten gestanden haben Sommer und Winter, Jahr für Jahr? ... Ganz
gewöhnliche Pappeln hat er uns genannt. Und nun dieser widerwärtige,
simple Weidenbaum ... der alte, verfaulte Stumpf ... mit dem wir noch
obendrein verwandt sind ... Uh!“
„Uh ... uh ... uh!“ rauschte es die Allee entlang.
* * * * *
An einem Wintertage kam ein Sturm auf, so daß in allen Bäumen des
Waldes ein donnerndes Krachen laut wurde; und alle die stolzen Pappeln
bogen sich wie Schilfrohr. Der Schnee stob hernieder, so daß Himmel und
Erde ineinander übergingen.
„Jetzt kann ich nicht mehr,“ stöhnte der alte Weidenbaum.
Da zerbrach er, ganz unten an der Wurzel. Das Eisenband, das er um den
Kopf gehabt hatte, flog rasselnd auf den festgefrorenen Weg hinab.
Das Staket stürzte um. Den Garten dort oben verstreute der Wind nach
allen Seiten ... Der Johannisbeerbusch und die Erdbeere, die Vogelbeere
und die kleine Eiche, die Löwenzahnpflanzen und das Veilchen ... alles
wurde weggemäht; und niemand weiß, was daraus geworden ist.
[Illustration]
Und unten lag der Regenwurm und wand und krümmte sich.
„Das übersteh’ ich nicht,“ seufzte er. „Sie mögen mich in zwei ... und
in drei Stücke zerhauen. Aber dies ist schlimmer. Die Erde ist hart
wie Eisen; kein Loch ist da, in das man hineinkriechen könnte. Und der
Frost beißt mich in die Haut. Lebt alle wohl, jetzt sterbe ich!“
Im Frühjahr wurde der Weidenstumpf ausgerodet. Doch der Gutsherr gab
den Befehl, daß kein neuer Baum an der Stelle gepflanzt werden dürfe.
So oft er vorbeifuhr, erzählte er denen, die bei ihm waren, von dem
merkwürdigen alten Weidenbaum, der in seinem hohlen Kopfe einen ganzen
Garten getragen hatte.
Und der wilde Rosenstrauch erzählte es den Vögeln, die es über die
ganze Welt hin verkündeten. Die Eiche lernte es nie begreifen; und
der Holunderstrauch sagte, er habe es sich von Anfang an gedacht. Die
Schwarzamsel wurde in einer Dohne eingefangen und gegessen.
Aber die Pappeln stehen noch heut in der Allee und rauschen, vornehm
und beleidigt.
Fünf Großmächte.
Katharine machte die Stube zurecht.
Sie öffnete die Fenster, sprengte Wasser auf den Fußboden und fegte.
Sie klopfte das Sofa und die Lehnstühle aus, so daß der Staub in dicken
Wolken umherstob. Und dann nahm sie das Staubtuch und machte die Runde
damit. Jedes Stuhlbein und jedes Buch auf dem Regal bekamen etwas ab.
[Illustration]
Als alles in Ordnung war, schloß sie die Fenster und ging aus dem
Zimmer.
In diesem Augenblick fiel ein höchst unbedeutender Geselle aus der Luft
herab. Auf die Ecke des blanken Mahagonitisches fiel er. Er war so, daß
man nie hätte daran denken können, ihn mit bloßem Auge zu entdecken.
Betrachtete man ihn durch ein Vergrößerungsglas, dann glich er einem
Komma.
So +klein+ er aber war, so zäh war er auch.
Auf der Stelle, auf der er gefallen war, blieb er liegen, ohne sich zu
rühren; er gab keinen Laut von sich und sah aus, als ob ihn alles um
ihn herum nichts anginge. Wäre ein Wind gekommen, so wäre er weggeweht
worden. Aber es kam kein Wind, und so blieb er liegen und spielte sich
auf.
Bald darauf kam noch einer angepurzelt und legte sich neben ihn.
Er war genau so verschwindend klein wie der erste und genau so zäh
anzuschauen. Aber durch das Vergrößerungsglas konnte man sehen, daß er
an dem einen Ende dicker war als an dem andern, so daß er einer kleinen
Keule glich.
„Ergebenster Diener,“ rief der erste.
„Ergebenster Diener,“ antwortete der zweite.
Dann schwiegen sie ein Weilchen. Durch den Tonfall hatten beide sich
als vornehme Leute zu erkennen gegeben; und darum wußten sie, daß das
übrige sich von selber ergeben mußte.
„Hier ist es gehörig trocken,“ begann nun der zweite.
„Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiderte der erste. „Es ist hier so
trocken, daß ich bald sterben muß, falls nicht eine Änderung zum Nassen
hin eintritt.“
„Es tut mir außerordentlich leid, das zu hören.“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Es ist mir eine Ehre, in so guter
Gesellschaft zu sterben.“
„Sie sind zu liebenswürdig,“ sagte der zweite. „Vielleicht darf ich
mich vorstellen, da kein anderer da ist, der es tun könnte. Mein Name
ist +Diphtheriebazillus+.“
[Illustration]
„Freut mich außerordentlich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu
machen,“ entgegnete der erste. „Ihr Name ist mir selbstverständlich
längst bekannt. Vielleicht kennen Sie auch den meinen. Ich bin der
+Cholerabazillus+.“
„Ach, Sie sind der berühmte Cholerabazillus!“
„Berühmt hin, berühmt her. -- Aber wer kommt denn da?“
Es kam noch so ein Gesell aus der Luft herabgepurzelt, der sich
neben die beiden legte. Er hatte dieselbe Größe wie die andern, war
jedoch steif wie ein Pflock. Er sah so zäh aus, daß sie sofort seine
Familienzugehörigkeit erkannten.
„Wir sprechen soeben davon, daß es hier sehr trocken ist,“ sagte der
Cholerabazillus und verbeugte sich.
„Sie haben gewiß recht,“ fiel der neue ein. „Aber das macht mir nichts
aus. Ich kann mich auf dem Trocknen zurechtfinden, solange es sein muß.
Mein Name ist +Tuberkelbazillus+, zu dienen.“
„Freut mich außerordentlich. Ich bin der Cholerabazillus. Und der Herr
dort ist der Diphtheriebazillus.“
„Ah. Da kann ich ja wenigstens auf ein behagliches Plauderstündchen
rechnen, während ich hier müßig sitze.“
„Wir sprachen soeben von der Berühmtheit des Cholerabazillus,“ sagte
der Diphtheriebazillus.
„Es ist kein Wort darüber zu verlieren,“ unterbrach ihn der
Cholerabazillus. „Mit mir ist es abwärts gegangen, seitdem ich entdeckt
wurde.“
„Ach ja,“ fiel der Diphtheriebazillus ein. „Mir ist es ebenso ergangen.“
„Mir auch,“ seufzte der Tuberkelbazillus.
„Diese verfluchten Vergrößerungsgläser sind schuld daran,“ rief der
Cholerabazillus. „Die elenden Menschen machen einen ausfindig, mag
man noch so gut versteckt sein. Und dann bekämpfen sie einen bis aufs
äußerste.“
„Man muß sich wehren,“ sagte der Diphtheriebazillus. „Wenn man gut
aufpaßt, kann man sich schon durchschlagen. Es kommt nur darauf an, daß
man sich ganz still verhält; und wenn man dann Kameraden genug hat, so
macht man sich über die Menschen her und erwürgt sie.“
„Ich mache gern alles in Ruhe ab,“ begann der Tuberkelbazillus. „Ich
finde, es hat keine so fürchterliche Eile. Man logiert sich ein, macht
es sich gemütlich und breitet sich aus, und dann geht alles von selbst,
ohne viel Lärm.“
„Das Ruhige liegt mir nicht,“ berichtete der Cholerabazillus. „Ich
falle am liebsten wie ein Gewitter über die Menschen her. In alten
Zeiten war ich eine +Macht+. Da war ich für die Menschen etwas
Grauenerregendes, Rätselhaftes. Sie hielten mich für eine Strafe Gottes
für ihre Sünden und ließen mich wüten, so toll ich wollte. Ich habe sie
totgeschlagen wie die Fliegen, und sie blieben unbegraben liegen. Sie
betranken sich gottsjämmerlich, so daß ich um so leichteres Spiel mit
ihnen hatte. Ich verbarg mich in ihren Kehrichthaufen, die allerorten
umherlagen; und wenn sie glaubten, daß es vorbei mit mir sei, so
war ich im nächsten Frühjahr doch wieder da und verheerte das Land.
Ich habe einmal einem Krieg Einhalt geboten, weil ich alle Soldaten
totschlug.“
„Ich weiß, ich weiß ...,“ sagte der Diphtheriebazillus.
„Sie haben eine glorreiche Geschichte,“ rief der Tuberkelbazillus.
„Ich bin, wie gesagt, immer mehr fürs Ruhige gewesen, habe aber darum
doch dies und jenes ausgerichtet. Ich habe mich in den Familien von
Geschlecht zu Geschlecht gehalten und hab’ es mir da recht gemütlich
gemacht. Aber ich kann ja nicht leugnen, daß die guten Tage jetzt
zur Neige gehen. Überall bauen sie Sanatorien und legen mir auf jede
erdenkliche Weise Hindernisse in den Weg.“
„Ja, es sieht schlimm aus,“ bestätigte der Cholerabazillus. „Jetzt
passen sie viel zu gut auf, daß es überall sauber ist. Wenn ich mich
in einem Menschen einlogiert habe, stecken sie ihn in ein Hospital und
sperren ihn von der ganzen Welt ab, so daß ich nicht weiterkommen kann.
Hab’ ich drüben auf der andern Erdhälfte gut Fuß gefaßt, so erzählt es
den Leuten hier sofort ihr verfluchter Telegraph. Und dann wird es in
ihren widerwärtigen Zeitungen abgedruckt, und am Tage darauf weiß man
in der ganzen Welt, wo die Cholera ist.“
„Ja, es ist traurig,“ sagte der Tuberkelbazillus.
Und auch der Diphtheriebazillus stimmte mit ein: „Es geht abwärts.“
Eine Weile hingen sie ihren betrüblichen Gedanken nach. Dann sagte der
Cholerabazillus:
„Am allermeisten ärgert es mich, daß wir gerade so armseligen
Geschöpfen wie den Menschen unterliegen sollen.“
„Viel Staat ist nicht mit ihnen zu machen.“
„Weiß Gott nicht!“
„Es ist ja unzweifelhaft, daß wir Bazillen die vollkommensten Wesen
sind, die auf Erden leben,“ fuhr der Cholerabazillus fort. „Alle
diese sogenannten höheren Tiere und Pflanzen sind ganz lächerlich,
wenn man näher zuschaut. Sie bilden sich und andern ein, daß sie es
außerordentlich weit gebracht hätten, und in Wirklichkeit vergeuden sie
drei Viertel ihres Lebens mit Narrenspossen.“
„Je größer sie sind, desto lächerlicher sind sie.“
„Der Mensch ist am lächerlichsten von ihnen allen!“
„Ja, nicht wahr,“ fuhr der Cholerabazillus fort. „Betrachten Sie zum
Beispiel einmal die Fortpflanzung! Ich weiß nicht, wie es bei den
Herren ist; aber ich vermute, Sie benehmen sich wie ich und andere
verständige Leute.“
„Ich teile mich.“
„Ich auch.“
„Selbstverständlich,“ sagte der Cholerabazillus, sich verbeugend. „Ich
habe Ihnen keinen Augenblick etwas anderes zugetraut. Man wächst und
geht mitten entzwei. Man wächst weiter und geht wieder mitten entzwei,
und so bis ins Unendliche. Im Laufe eines Tages sind Millionen aus
einem von uns geworden. Aber die Menschen können eine so einfache und
natürliche Geschichte selbstverständlich nicht mitmachen. Bei ihnen
sind zwei nötig zum Kinderkriegen.“
„Unbegreiflich!“
„Sinnlos!“
„Und was sind das für Junge, die auf so unnatürliche Weise entstehen?“
rief der Cholerabazillus. „Erstens vergeht fürchterlich viel Zeit,
bevor sie kommen. Dann sind sie zunächst die jämmerlichsten Dinger, die
man sich denken kann, und ganz außerstande, allein fertig zu werden.
Sie müssen in einem Nest aufbewahrt, genährt, gehegt, gepflegt und
erzogen werden. Die Menschen bekommen jedesmal nur ein Junges. Sind es
zwei, so kommt es in die Zeitung. Und ebenso merkwürdig wie bei ihrer
Geburt geht es auch bei ihrem Tode zu. Wenn ein Mensch stirbt, wird
fast noch mehr Wesens daraus gemacht als bei seiner Geburt. Sie weinen
und jammern und stecken ihn mit viel Allotria in die Erde ... Ja,
vielleicht ist es lächerlich von mir, Sie mit allen diesen Bemerkungen
zu belästigen. Aber ich bin wohl der Älteste von uns und kenne die
Menschen aus und ein. Namentlich habe ich an außerordentlich vielen
ihrer Begräbnisse teilgenommen. Ha ha ha!“
„Hi hi hi!“
„Ho ho ho!“
„Da sind +wir+ doch bessere Wesen,“ fuhr der Cholerabazillus fort.
„Wenn wir sterben, dann sterben wir eben. Wir sind weg, verschwinden
ohne viel Gewäsch und Begräbnislärm. Ich kann mich da selber als
Beispiel anführen. Es ist mir unmöglich, länger als drei Tage auf dem
Trockenen zu leben. Heute ist mein dritter Tag. Nun kommt es darauf
an, ob Katharine morgen mit einem trocknen oder nassen Wischtuch ins
Zimmer tritt ... das bedeutet für mich Tod oder Leben. Aber weine ich
deswegen? Versammle ich meine Familie um mein Lager?“
„Sie haben vollkommen recht,“ bestätigte der Tuberkelbazillus.
„Mir aus der Seele gesprochen,“ stimmte auch der Diphtheriebazillus zu.
„Nein, die guten Menschen sind recht armselige Geschöpfe,“ sagte der
Cholerabazillus. „Denken Sie doch daran, wie lange Zeit man gebraucht
hat, um uns zu entdecken. Jahrtausendelang haben sie sich mit den
gleichgültigsten Dingen beschäftigt. Sie haben Krieg mit Löwen und
Tigern geführt, mit Schlangen, Krokodilen und andern unbedeutenden
Wesen; und als sie sie bezwungen hatten, hielten sie sich für die
Herren der Erde und für die Krone der Schöpfung. Über uns wußten sie
nicht Bescheid. Ihre ausgezeichneten Augen konnten uns nicht sehen.
Ihre klugen Gedanken konnten uns nicht erraten. Ihre scharfen Waffen
konnten uns nicht treffen.“
„Aber nun kennen sie uns,“ warf der Diphtheriebazillus ein.
„Ach ja,“ seufzte der Tuberkelbazillus.
„Ja, nun kennen sie uns leider,“ sagte der Cholerabazillus.
Während alle drei so ihren melancholischen Gedanken nachhingen,
purzelten zwei neue Bürschchen aus der Luft herab und legten sich nicht
weit von ihnen nieder.
[Illustration]
Sie waren nicht größer als die drei, die schon da waren. Aber der
eine war so dick wie eine kleine Tonne und der andere so dünn, daß es
kaum zu verstehen war, daß er existieren konnte; und außerdem war er
gewunden wie ein Korkzieher.
„Gott mag wissen, was das für Gestalten sind,“ sagte der
Cholerabazillus leise zu seinen Kameraden.
„Ich habe sie noch nie gesehen,“ flüsterte der Diphtheriebazillus. Und
der Tuberkelbazillus sagte das gleiche.
„Wir wollen ihnen ein bißchen auf den Zahn fühlen,“ schlug nun der
Cholerabazillus vor.
Er verbeugte sich vor den beiden Ankömmlingen, und sie grüßten höflich
wieder.
„Darf ich fragen ... sind die Herren zäh?“
„Na ... gewiß,“ rief der Dicke und rollte lustig herum.
„Ich kann unglaublich viel aushalten,“ sagte der Korkzieherartige und
drehte sich wild im Kreise.
„Freut mich außerordentlich,“ erwiderte der Cholerabazillus. „Und wenn
Sie sich vermehren, teilen Sie sich dann? In vier ... acht ... sechzehn
Stücke?“
„In viel, viel mehr,“ rief der Dicke.
„Wofür halten Sie uns?“ fragte der Korkzieherartige.
„Ich halte Sie für Bazillen, meine Herren,“ sagte der Cholerabazillus
und verbeugte sich wieder. „Und ich heiße Sie in unsrer Mitte
willkommen. Mein Name ist Cholerabazillus. Der steife Herr dort ist der
Diphtheriebazillus ... der keulenförmige der Tuberkelbazillus.“
„Guten Tag, guten Tag,“ sagte der Dicke. „Ich hoffe, es wird gemütlich
werden. Mein Name ist +Gärungsbazillus+. Dieser Herr hier, dem ich in
der Luft begegnet bin, ist der +Fäulnisbazillus+.“
„Ehrt mich sehr,“ sagte der Korkzieherartige. „Aber gemütlich bin ich
nicht.“
„Wir sprachen soeben von den Menschen,“ berichtete der Cholerabazillus.
Da wälzte sich der Gärungsbazillus vor Freude und Wohlgefallen um
seine Achse: „Ach, die lieben, lieben Menschen! Etwas Besonderes ist
ja nicht an ihnen, aber sie sind wirklich nett zu mir! Sie sind meine
allerbesten Freunde.“
„Leider kann ich mich keiner vornehmen Verbindungen rühmen,“ bemerkte
der Tuberkelbazillus mit steifer Gebärde.
„Auch ich nicht,“ sagte der Diphtheriebazillus.
Und der Cholerabazillus erklärte: „Ihre Bemerkung verletzt uns. Wir
haben soeben festgestellt, daß die Menschen unsre ärgsten Feinde sind.“
„Was soll die Feindschaft?“ entgegnete der Gärungsbazillus. „Wir
wollen gemütlich sein. Sie können wirklich nicht verlangen, daß ich
den Menschen zürnen soll, da sie doch so unvergleichlich gut zu mir
sind. Sie züchten mich geradezu. Freilich haben sie sehr lange Zeit
gebraucht, um mich zu entdecken. Aber niemand kann ja gegen seine Natur
handeln; und man muß sich mit dem Verstande begnügen, den einem der
liebe Gott gegeben hat. Als sie mich dann endlich gewahrten, da ging
es im Ernst los, das dürfen Sie mir glauben. Jetzt können sie mich gar
nicht mehr entbehren. Ich spiele die erste Geige in ihren Molkereien
und Brauereien.“
Der Cholerabazillus, der Tuberkelbazillus und der Diphtheriebazillus
sahen einander an.
„So!“ rief der Diphtheriebazillus. „Sie sollten also der einzige von
allen Bazillen sein, den die Menschen lieben?“
„Auch mir kommt es so vor, als ob bei der Geschichte nicht alles
stimmte,“ sagte der Tuberkelbazillus.
Und der Cholerabazillus meinte, die Äußerungen des fremden Herrn seien
eines Bazillus gänzlich unwürdig.
„Ich bezweifle, daß der Herr wirklich ein Bazillus ist,“ sagte der
Diphtheriebazillus.
„Mir ist er gleich verdächtig vorgekommen,“ sagte der Tuberkelbazillus.
„Er ist zu dick,“ erklärte der Cholerabazillus. „Er platzt fast vor
Hochmut.“
„Platze ich, so werden zwei aus mir,“ sagte der Gärungsbazillus munter.
„Zwei dicke. Es tut mir leid, daß die Herren böse auf mich sind. Aber
ich kann wahrhaftig nichts daran ändern. Glücklicherweise ist meine
Lebensführung derartig, daß die Menschen mich nötig haben. Ich gebe
zu, daß mir das eine Sonderstellung unter den Kollegen verleiht;
aber ich versichere Ihnen, daß ich mein Bazillenleben in völliger
Übereinstimmung mit meiner Natur führe, ohne mich im geringsten nach
den Menschen zu richten. Darum geht es mir gut. Ich rate den Herren,
es ebenso zu machen; dann werden Sie sich viel besser fühlen. Wenn der
hochgeehrte Cholerabazillus, der ausgezeichnete Diphtheriebazillus und
der vortreffliche Tuberkelbazillus etwas gemütlicher sein möchten, so
würden Sie sehen, wie Sie zu Ehren und Würden kämen.“
Da rückten die drei Bazillen, die zuerst gekommen waren, näher
zusammen und sahen sehr gekränkt aus. Keiner von ihnen antwortete. Der
Gärungsbazillus rollte herum, so rund er war, und lachte seelenvergnügt.
Dann verbeugte sich der Cholerabazillus vor dem Korkzieherartigen und
sagte:
„Ich wünsche, +Ihre+ Ansicht zu hören, mein Herr. Sie sind zusammen mit
dem dicken Herrn dort gekommen. Aber Sie sehen aus wie ein Mann, der
den nötigen Ernst besitzt.“
„Das will ich meinen,“ antwortete der Fäulnisbazillus.
„Vielleicht werden Sie uns nun die Ehre erweisen, sich über die
Menschenfrage zu äußern?“ fragte der Cholerabazillus.
Der Fäulnisbazillus wand sich in außerordentlich gleichgültiger und
überlegener Weise:
„Ja, was ist denn Besonderes an den Menschen? Soweit ich sehe, sind sie
nicht anders als alle die andern. Tiere, Pflanzen und Menschen ... das
alles ist für mich ein und dasselbe. Ich stehe über all dem. Ich bin
der Fäulnisbazillus. Ich bin eine Großmacht.“
„Pardon,“ warf der Cholerabazillus ein. „Ich halte mich gleichfalls für
eine Großmacht.“
„Ich auch,“ rief der Diphtheriebazillus.
„Und ich desgleichen,“ meinte der Tuberkelbazillus.
„Sehr wohl,“ sagte der Fäulnisbazillus. „Ich gebe zu, daß die Herren
Großmächte +gewesen+ sind. Es hat Zeiten gegeben, wo Sie die Welt
regierten, wohin Sie immer kamen. Sie jagten den Lebewesen Schrecken
ein und töteten sie. Niemand konnte Sie verstehen, niemand Ihnen
Widerstand leisten. Aber jetzt ist Ihre Zeit vorbei. Sie sind entdeckt,
und Sie werden bekämpft. Und Sie haben keine Freunde, die Sie
verteidigen können. Es ist nicht schwer vorauszusagen, daß Sie binnen
kurzem aus der Welt ausgerottet sein werden.“
Die drei Bazillen ließen die Köpfe hängen. Sie waren wütend, aber sie
wußten nichts darauf zu erwidern; denn es war ihnen klar, daß der
Fäulnisbazillus recht hatte.
„Mich haben Sie gar nicht erwähnt,“ sagte der Gärungsbazillus und sah
so gekränkt aus, wie er nur konnte.
„Sie sind ein ganz tüchtiger Kerl,“ erwiderte der Fäulnisbazillus. „Sie
sind auf dem Gipfel Ihrer Macht. Vielleicht dauert es lange, vielleicht
auch nicht. Jedenfalls aber können Sie sich nicht mit mir vergleichen.“
„Hat man je so etwas gehört!“ rief der Cholerabazillus.
„Pardon,“ sagte der Gärungsbazillus. „Wie dumm, daß ich Sie
unterbrechen muß, aber ich sehe mich gezwungen, es zu tun, indem ich
Ihnen die Mitteilung mache, daß ich jetzt sterben werde.“
„Müssen Sie sterben?“ fragte der Cholerabazillus.
„Ja,“ erwiderte der Gärungsbazillus. „Mehrere Tage lang bin ich
umhergeschwebt, ohne etwas zu finden, was in Gärung übergehen kann; und
allmählich bin ich bedenklich eingetrocknet. Also leben Sie wohl, meine
Herren! Ich sterbe, wie es sich für einen guten Bazillus geziemt, in
der Überzeugung, daß Millionen und Billionen mein Großmachtwerk in der
Welt fortsetzen werden.“
Nach diesen Worten starb er.
Die andern sahen ein wenig verblüfft aus.
„Er hat gesprochen wie ein Gentleman und ist wie ein Bazillus
gestorben,“ sagte der Fäulnisbazillus.
„Vielleicht,“ meinte der Cholerabazillus. „Aber ich weiß nicht, ob Sie
berechtigt sind, sich über diese Frage zu äußern.“
„Hört, hört!“ rief der Tuberkelbazillus.
„Bravo,“ sagte der Diphtheriebazillus.
„Wenn schon der Verstorbene ein wenig vertrauenerweckendes Aussehen
hatte, so ist es +um+ Sie ganz schlimm bestellt,“ fuhr der
Cholerabazillus fort. „Noch nie hab’ ich einen Bazillus sich so winden
sehen, wie Sie es tun. Ich gestatte mir darum, an Ihrer Echtheit zu
zweifeln.“
„Ich zweifle schon lange daran,“ bemerkte der Tuberkelbazillus. „Ein
Bazillus ist entweder krumm oder gerade, dick oder dünn. Die Echtheit
des Gärungsbazillus wage ich nicht zu bestreiten, einen Korkzieher
aber haben wir nicht unter uns.“
„Ich bitte die Herren zu beachten, daß er Wimperhärchen an beiden
Enden hat,“ sagte der Diphtheriebazillus. „Welcher Bazillus ist so
beschaffen? Das ist ohne Zweifel ein Versuch, die sogenannten höheren
Wesen nachzuäffen.“
Der Fäulnisbazillus aber wand sich gleichgültig und überlegen.
„Sehen Sie, meine Herren,“ sagte er. „Wie ich schon vorhin gesagt habe,
erkenne ich an, daß jeder von Ihnen seine Bedeutung hier in der Welt
hat. Unzweifelhaft ist aber +mein+ Beruf der wichtigste. Ohne mich
würde die Welt verkommen. In Wirklichkeit bin +ich+ es, der die
Dinge in Gang bringt.“
„Ist es zuviel verlangt, wenn ich Sie um eine nähere Erklärung Ihrer
rätselhaften Worte bitte?“ fragte der Cholerabazillus. „Vielleicht
würden wir Sie besser verstehen, wenn Sie es für einen Augenblick
unterlassen wollten, sich so grauenhaft zu drehen.“