ganz anders als die andern fünf Male, als sie geplatzt waren.
Denn diesmal krochen sie aus der alten Haut als vollerwachsene
Heuschrecken mit Flügeln und Violine und allem.
[Illustration]
Eine jede hatte vier schöne, klare Flügel, mit denen schlug sie um
sich, und sie betrachtete sich und die andern; ihr Vergnügen und ihre
Freude wollten kein Ende nehmen. Da war ein Surren, Summen, Schwatzen
und Pfeifen ohne Ende. Und sie hüpften und sprangen, flogen ein wenig
umher und setzten sich wieder auf die Erde. Wenn sie die Flügel
ausbreiteten, so sah es aus, als wären doppelt so viele vorhanden wie
vorher.
Als die Sonne aufging und sie beschien, rief eine der Heuschrecken:
„Futter!“
„Futter! Futter! Futter!“ schrien die Millionen.
Es war kein Futter zu sehen, doch das machte nichts; denn jetzt konnten
sie ja fliegen. Alle Magen waren leer; so lange war es her, seit sie
gefressen hatten. Und nun begannen sie, sich voll Luft zu pumpen, und
sie pumpten und pumpten, bis sie richtige Luftballons waren.
Und dann erhoben sie die Flügel.
In diesem Augenblick stimmte eine Heuschrecke ihre Violine. Gleich
fielen auch die vielen Millionen Violinen ein; und während der Schwarm
in die Lüfte stieg, klang es hernieder über das verwüstete Land:
„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ...
Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ...
Gras und Strauch fressen wir,
Meere durchmessen wir,
verdunkeln das Sonnenlicht,
Morden und ruhen nicht,
Bis wir ins Menschennest
Tragen die Pest!
Millionen ... Billionen ...
Trillionen ... Quadrillionen ...
Fliegen ... hopp, hopp, hopp ...
Durch alle grünen Zonen
Im Galopp, lopp, lopp.“
[Illustration]
Und sie stiegen und stiegen in die Luft; noch nie hatte man ein so
gewaltige flatternde Schar gesehen. Sie verdeckten die Sonne gleich
einer Wolke, so daß es ganz dunkel wurde. Die Neger warfen sich aufs
Gesicht und dachten, die Sonne sei erloschen und der Weltuntergang sei
nahe herangekommen.
Aber einmal nimmt ja alles ein Ende. Als der Schwarm endlich nach
Norden hin verschwunden war, da kam die Sonne wieder hervor, und neues
Gras wuchs auf den verödeten Landen.
* * * * *
Ganz im Norden von Afrika, an der Küste des Mittelländischen Meeres,
liegt ein Land, das eines der schönsten in der ganzen Welt ist.
Regen und Sonne wechseln miteinander ab, so daß das Getreide aufs beste
gedeiht. Das Gras steht mannshoch auf den Wiesen, und die Weinreben
auf den Bergen biegen sich unter den schweren Trauben. Dort gibt es
keinen Winter, der das Leben trübe und traurig macht, sondern bloß
eine stille Zeit, wo alles Wachsende ruht, ehe es wieder blüht. Und
es gibt keinen dürren Sommer, wo die Sonne das Gras absengt und
das Wasser austrocknet, so daß Menschen und Tiere verdursten. -- Die
Quellen springen und geben klares, kühles Wasser, und die Sonne ist
schön anzusehen, wenn sie über die Berge steigt, und wenn sie ins Meer
sinkt. Die großen wilden Tiere sind längst erlegt. Der Wald ist voll
springender Hirsche und munterer Vögel. Bienen und bunte Schmetterlinge
schwärmen zwischen duftenden Blumen umher.
[Illustration: „Sie traten auf die Heuschrecken, die unter ihren
Füßen knirschten, aber immer mehr fielen hernieder -- ein endloser
Sturzregen.“]
Und mitten in all dem leben die Menschen, von der Sonne gebräunt,
zufrieden mit ihrem Lose und Frieden miteinander bewahrend.
In einem Dorfe dieses Landes waren eines Sonntags die Leute vor einem
Gehöft versammelt, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde.
Alle waren seelenvergnügt, und die Munterkeit sollte gegen Abend
noch größer werden, da auf dem Rasen getanzt werden sollte. Die
Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm, -- alle wollten an
der allgemeinen Freude teilnehmen. Die Musikanten stimmten ihre
Instrumente; sie mußten aber noch ein wenig warten, denn ein alter
Mann, der Älteste des Dorfs, hielt eine Ansprache an das Brautpaar.
„Hier habt ihr’s besser als irgendwo anders in der Welt,“ schloß er.
„Wenn ihr nur gut und fromm seid, so sorgt der liebe Gott für das
übrige. Die Erde gibt euch eure Aussaat hundertfältig wieder; und
nichts Böses bedroht die Menschen in unserm glücklichen Lande.“
Dann drückte er ihnen die Hände, und sie riefen alle Hurra. Auf einmal
aber zeigte ein junger Mann nach dem südlichen Himmel und sagte:
„Seht ... seht ... die schwarze Wolke dort! Wir bekommen zur Nacht ein
Gewitter.“
„Zu dieser Jahreszeit bekommen wir kein Gewitter,“ entgegnete der Alte.
„Und seit hundert Jahren, solange ich lebe, hat uns der Wind, der heute
weht, keinen Regen gebracht.“
„Was hat denn die Wolke zu bedeuten?“ fragte der Jüngere.
Da sahen alle nach der Wolke hin. Aber niemand konnte sagen, was sie
bringen werde.
Sie war groß und dicker und schwerer, als Wolken gewöhnlich sind. Sie
schwebte tief über der Erde, und es sah aus, als ob sie bis an den Rand
des Himmels hinabreichte Und sie kam näher und wuchs und wuchs. Die sie
betrachteten, meinten bereits, daß es um sie her finsterer werde.
„Was ist das? Was ist das?“
Sie scharten sich zusammen und starrten und fragten. Die kleinen Kinder
schrien, und die Gesichter der Männer wurden ernst und die der Frauen
ängstlich.
Vergebens forderte der Bräutigam seine Gäste auf, zu trinken und
vergnügt zu sein. Vergebens begannen die Spielleute aufzuspielen.
Bald verstummten sie, standen bei den andern, starrten nach der Wolke
hin und wunderten sich, was es sein könnte. Mit der Festfreude war es
vorbei. Niemand konnte sagen, wovor er Angst hatte; aber alle wurden
von bösen Ahnungen befallen.
Und die Wolke wuchs und wuchs und senkte sich immer dichter über sie
nieder. Jetzt trat sie vor die Sonne. Eine Finsternis befiel das Land,
die Vögel im Walde verstummten, und die Menschen faßten einander voller
Furcht bei den Händen.
„Still!“ sagte der Alte. „Hört ihr?“
„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ...
Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ...
Gras und Strauch fressen wir,
Meere durchmessen wir,
Verdunkeln das Sonnenlicht,
Morden und ruhen nicht,
Bis wir ins Menschennest
Tragen die Pest!“
Es war der Schlachtgesang der Heuschrecken. Die Leute verstanden ihn
nicht, denn es waren ja nur Menschen. Sie hörten nur das Sausen und
Brausen der unzähligen Flügel und sahen die Wolke wachsen und wachsen.
„Da ist etwas von der Wolke herabgefallen,“ rief ein kleiner Knabe.
Er hielt eine Heuschrecke in der Hand; und alle liefen herzu, um zu
sehen, was das sein könnte. Aber im selben Augenblick fielen immer mehr
Heuschrecken aus der Wolke herab, und jetzt stürzte die ganze Wolke mit
seltsamem Krachen und Tosen herab.
Die Leute faßten sich an die Köpfe und bürsteten die Tiere von sich
ab. Frauen und Kinder schrien, und die Männer schlugen mit ihren
Stöcken um sich. Sie traten auf die Heuschrecken, die unter ihren
Füßen knirschten, aber immer mehr fielen hernieder -- ein endloser
Sturzregen, wie ihn noch niemand erlebt hatte.
Da liefen die Menschen durcheinander, fochten schreiend mit den Armen
um sich und wußten nicht aus noch ein. Jeder lief nach Hause, fand es
aber dort ebenso schlimm oder noch schlimmer. Die Heuschrecken fielen
in die Brunnen, durch die Schornsteine und durch offene Fenster herein
... Es gab keinen Fleck, wo sie fehlten.
Zwei Stunden lang dauerte der Regen an. Dann war der Himmel wieder
klar, und die Sonne schien. Aber jeder Fleck war mit einem Gewirr von
Heuschrecken bedeckt. Sie hingen an den Zweigen der Bäume, die zu Boden
niedergedrückt wurden und zerbrachen. Sie bissen in die Steine, wenn
sie in nichts andres zu beißen hatten. Sie krochen und sprangen auf
Menschen, Hunden und Hühnern herum, rieselten herunter und kletterten
wieder hinauf. Und wo ein Grashalm oder ein Blatt war, da fraßen sie
sofort alles auf.
Die Leute wußten sich nicht zu helfen. Sie stiegen auf die Anhöhen
und blickten über ihre fruchtbaren Felder hin ... alles war von dem
Heuschreckenteppich bedeckt. Sie starrten zum Himmel und sahen in der
Ferne am Horizont eine neue Wolke, drohend und schwarz wie die erste.
Und während sie starrten, wuchs sie und kam näher; und ehe sie zur
Überlegung kamen, fiel ein neuer Heuschreckenregen über sie nieder. Sie
glaubten, das Ganze habe weder Anfang noch Ende, saßen in ihren Häusern
und verzweifelten.
Dann stürzten sie hinaus, brachen die Zweige von den Bäumen und
schlugen auf die Tiere los, bis sie die Arme nicht mehr bewegen
konnten. Millionen lagen erschlagen auf der Erde. Billionen und
Trillionen krochen und sprangen knirschend und fressend umher.
Man zündete das Gras an, wo die Tiere am zahlreichsten waren. Das Feuer
knisterte, der Rauch quoll empor, das grüne Gras und das gelbe Getreide
loderten auf. Man konnte die Heuschrecken im Feuer krachen hören. Aber
es half nichts. Millionen und Billionen flogen über das Feuer weg an
Stellen, wo es nicht brannte, und fraßen und fraßen weiter.
Acht Tage dauerte es. Dann war nichts mehr zu fressen da. Der Schwarm
erhob sich, sammelte sich in der Luft zu einer ungeheuren Wolke und zog
fort ... nach Norden übers Meer hin.
Und die Menschen standen und starrten ihnen nach. Braut und Bräutigam
beweinten ihr zerstörtes Heim. Die Spielleute hängten die Geige an die
Wand, und der alte Mann starb vor Gram.
Das ganze glückliche Land war verödet.
* * * * *
Im Herbst flog die Schwalbe wie gewöhnlich nach Afrika. Sie hatte
Hochzeit gefeiert und ein Nest erbaut, hatte ihre Eier gelegt und
ausgebrütet und die letzte Mücke verzehrt. Damit war ihre Arbeit im
Norden für diesmal getan, und zugleich war der Sommer vorbei. Es war
eine alte Schwalbe, die die Reise bereits viele Male hin und her
zurückgelegt hatte, so daß sie den Weg recht genau kannte. Sie hatte
auch ihre Raststätten, wo sie ihre Flügel für einen oder zwei Tage
ausruhen ließ, bevor sie weiterflog.
Im Mittelmeer lag eine wunderschöne kleine Insel, die die Schwalbe auf
ihrem Wege nach Süden stets besuchte. Sie war nicht so groß, daß sie
auf der Landkarte stand; aber darum kann es doch eine schöne Insel
sein, besonders für eine Schwalbe; und außerdem hat sie den Vorzug,
daß man sich in der Geographie nicht mit ihr zu quälen braucht. Und
herrliche Bäume waren da und Felder und Menschen und Tiere; darunter
befand sich ein kleiner grüner Zeisig, der ein guter Freund der
Schwalbe war.
[Illustration]
Als nun die Schwalbe diesmal auf die Insel kam und sich auf dem Baume
niederließ, wo der Zeisig wohnte, sah sie sich erstaunt um.
Die Insel war gar nicht wiederzuerkennen. Im Walde hörte man keinen
einzigen Vogel zwitschern, und es war kein Tier auf dem Felde. Auch
Menschen sah man nicht. Kein Rauch stieg aus den Schornsteinen der
Häuser auf; alle Fenster und Türen waren weit geöffnet. Von Getreide
war keine Spur zu sehen, alles Gras war weg; die Bäume hatten nur
noch wenige Blätter, viele von ihnen waren gestürzt, bei andern waren
die Zweige abgestorben. Es war ein trauriger Anblick. Da begann die
Schwalbe zu glauben, sie sei verkehrt geflogen, aber dann kam der
Zeisig und setzte sich neben sie. Er war mager und zerzaust und sah
traurig drein.
„Was in aller Welt bedeutet das hier?“ fragte die Schwalbe.
„Das darfst du wohl fragen,“ erwiderte der Zeisig. „Ich bin der einzig
Überlebende auf der ganzen Insel, und ich werde auch sterben, ehe die
Woche um ist. Denn ich glaube nicht, daß ich die Kraft habe, mit dir zu
fliegen.“
„Was ist denn geschehen?“ fragte die Schwalbe.
„Es sind die Heuschrecken,“ erzählte der Zeisig. „Sie sind zur
Hochsommerzeit gekommen und haben die ganze Insel kahlgefressen.“
„Das verstehe ich nicht,“ sagte die Schwalbe. „Ich habe einmal weit,
weit in Afrika mit einem Heuschreckenweibchen gesprochen. Sie spielte
Violine und fraß Gras, ohne sonst einer Menschenseele etwas zuleide zu
tun ... Ja ... wart’ ein wenig ... jetzt entsinne ich mich, daß sie
davon sprach, daß ihre Kinder nach Norden reisen sollten ... Millionen
von Kindern sollten zur Welt kommen.“
„Die sind zur Welt gekommen,“ sagte der Zeisig. „Millionen und
Billionen und Trillionen. Sie sind über uns hergefallen gleich einer
schwarzen Wolke und haben das Ganze aufgefressen.“
„Mit dem Gras und den Blüten mag es hingehen,“ sagte die Schwalbe.
„Aber wo sind die Kühe und Pferde und Menschen geblieben? Die haben sie
doch nicht fressen können.“
„Nicht so unmittelbar,“ antwortete der Zeisig. „Aber nun sollst du
hören.“
Da bekam die Schwalbe plötzlich Angst. Es fiel ihr ein, daß das
Heuschreckenweibchen sich so genau nach dem grünen Lande im Norden
erkundigt und seinen Kindern in den Eiern zugeflüstert hatte, daß sie
dorthin ziehen sollten.
„Um Gottes willen ... sag’ mir zu allererst, wohin die Heuschrecken
gezogen sind,“ fragte sie.
„In den Tod,“ erwiderte der Zeisig. „Nicht viele von ihnen sind mit dem
Leben davongekommen.“
„Erzähle,“ sagte die Schwalbe beruhigt.
Und der Zeisig erzählte.
Daß sie gekommen wären, wie sie zu kommen pflegten, und daß sie am
Himmel gestanden hätten als eine ungeheure schwarze Wolke, die dann
über die Insel niedergefallen wäre. Die Wolke wäre größer als die Insel
gewesen, so daß viele der Tiere ringsum ins Meer gefallen wären. Und
nur einen Tag hätte es gedauert, bis alle grünen Hälmchen aufgefressen
waren.
„Und was dann?“ fragte die Schwalbe.
„Dann entstand am Abend ein entsetzlicher Sturm,“ berichtete der
Zeisig. „Noch nie habe ich solch einen Sturm erlebt. Die Dächer flogen
von den Häusern, die Bäume im Walde zerbrachen, und die Wogen rollten
in Bergeshöhe auf die Küste zu. Und dieser Sturm vernichtete das ganze
Heuschreckenheer. Als er vorüber war, da war das Meer, soweit man sehen
konnte, mit toten Heuschrecken bedeckt. In vielen Schichten lagen sie
da, gleich einer dicken Decke, die auf und nieder wogte. Das Ufer war
ganz mit Leichen angefüllt, und jeder Wellenschlag brachte mehr und
mehr heran. Zuletzt umgab ein gewaltiger Wall von toten Heuschrecken
die ganze Insel. Denn es war gleichgültig, woher der Wind wehte; das
Meer war überall voller Leichen, und sie trieben hierhin und dorthin
und endigten sämtlich auf der Insel.“
„Das war gut für sie,“ sagte die Schwalbe.
„Vielleicht,“ sagte der Zeisig. „Aber es war nicht gut für uns. Denn
dann kam die Pest.“
„Erzähle,“ bat die Schwalbe.
„Es ist bald erzählt,“ sagte der Zeisig. „Auf den Sturm folgte eine
Windstille, und dann folgte viele Wochen hindurch eine solche Wärme,
wie sie noch niemand je erlebt hatte. Die Sonne brannte vom Morgen bis
zum Abend hernieder, die Bäume ließen ihre entblätterten Zweige hängen,
alles Wasser trocknete ein, und Tiere und Menschen saßen still da und
ächzten und konnten sich kaum bewegen.“
„Und dann?“
„Dann kam die Pest,“ fuhr der Zeisig fort. „Die toten Heuschrecken
verfaulten, und es entstand ein entsetzlicher Gestank, der sich mit
jedem Tage verschlimmerte. Ein ganzer Nebel von Gift und Fäulnis lag
über der Insel. Die Tiere wurden krank, und die Menschen wurden krank.
Die Fliegen fielen tot aus der Luft herab, die Vögel piepten und waren
im selben Augenblick entseelt. Die Pferde und Kühe stürzten tot zu
Boden. Die Menschen seufzten auf, wo sie saßen und Qualen litten, und
dann war es vorbei. Es war die Pest, die alle lebenden Wesen ergriff.
Ich bin der einzige Überlebende auf der Insel, und ich sterbe, bevor es
Abend wird.“
„Das ist ja eine grauenhafte Geschichte,“ sagte die Schwalbe. „Das
einzige Gute daran ist, daß auch die Heuschrecken tot sind. Das
kommt davon, wenn man den Mund zu weit auftut. Und dann spuckten sie
obendrein ihr Futter wieder aus. Hätten sie wie andere ordentliche
Leute gegessen, so wäre genug für sie und für uns alle vorhanden. Ich
will daran denken, es da unten zu sagen, wenn ich in das Land komme, wo
sie wohnen. Wie seltsam! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön
das Heuschreckenweibchen Violine spielte!“
Sie saß ein Weilchen da und dachte über die Sache nach. Dann lüftete
sie die Flügel.
„Jetzt muß ich fort,“ sagte sie. „Willst du mit?“
Der Zeisig antwortete nicht. Er war vom Zweige herabgefallen und lag
tot auf der Erde.
Da flog die Schwalbe allein weiter.
[Illustration]
[Illustration]
Der alte Pfahl.
An einer Stelle im Limfjord in Jütland stand einmal ein alter +Pfahl+.
Niemand wußte, wie er dahingekommen war. Er wußte es selbst nicht mehr,
so alt war er. Und zuweilen war es recht ärgerlich für ihn, daß er dort
stand.
Eines Tages lief ein Dorsch mit der Stirn gegen ihn und fluchte darob
ganz grauenhaft.
„Du mußt mir nicht böse sein, mein lieber Dorsch,“ sagte der Pfahl.
„Ich kann mich nicht von der Stelle rühren, aber du kannst es. Sieh
dich vor und schwimm ein andermal um mich herum.“
Und dann stieß eines Tages ein Boot gegen den Pfahl; denn er reichte
nicht bis über die Wasserfläche, so daß man ihn von oben hätte sehen
können.
„Wozu in aller Welt steht denn hier dieses alte Gestell von Pfahl!“
rief der Mann in dem Boote ärgerlich.
„Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ erwiderte der Pfahl sanftmütig. „Ihr
dürft deswegen nicht böse auf mich sein, denn ich kann nichts dafür.
Ich habe mich nicht selbst hierher gesetzt und kann mich nicht mehr
darauf besinnen, wer es getan hat. So alt bin ich. Will jemand mich
wegnehmen, so sei er so gut! Ich hab’ die Sache längst satt.“
[Illustration]
So bescheiden sprach der Pfahl jedesmal, wenn er jemandem unbequem war.
Aber man antwortete ihm nie. Denn niemand hörte, was er sagte. Die
Sache war die, daß er seine Reden in den Bart hineinmurmelte.
Einen +Bart+ hatte er nämlich.
Einen großen, grünen Tangbart, darin sich kleine Muscheln und Schnecken
und andere Tiere aufhielten. Dieser Bart wallte im Strome hin und her,
war sehr hübsch und gab dem Pfahl ein ehrwürdiges Aussehen, so daß er
durchaus Respekt bei der Jugend verdient hätte.
Aber die Jugend ist nun einmal nicht anders. Und es quälte den Pfahl
über die Maßen, daß er nicht Rede und Antwort auf die Frage stehen
konnte, welchen Sinn sein Leben hier im Fjord habe. Wenn er es gekonnt
hätte, würde er größere Achtung bei den Leuten genossen haben, davon
war er überzeugt. Aber wie sehr er sich auch mit seinen alten Gedanken
quälte, es schwebte ihm nur eine undeutliche Erinnerung daran vor,
daß er einmal jung und grün gewesen war und Blätter und Zweige gehabt
hätte. Dann war er als Nutzholz gefällt worden ... aber was für Nutzen
hatte er gestiftet?
Der einzige Lichtpunkt im Leben des alten Pfahls waren seine beiden
Logiergäste.
Zuerst war da der +Bohrwurm+.
Das war ein komischer Kerl, der eines Tages kam und sich daran machte,
den Pfahl auf das sorgfältigste zu untersuchen, ohne um Erlaubnis zu
bitten oder überhaupt ein Wort zu sagen. Er hatte einen langen, weichen
Würmerleib, an dessen Ende ein paar Luftgefäße saßen, während sich am
andern Ende zwei kleine harte Schalen befanden.
Als er genug herumgeschnuppert hatte, fing er an, sich mit den Schalen
in den Pfahl hineinzubohren, und die Arbeit machte ihm nicht lange zu
schaffen. Bald war sein ganzer langer Körper darin geborgen. Von Zeit
zu Zeit steckte er die Luftgefäße zu dem Loche hinaus. Und im übrigen
fuhr er fort zu bohren und zu wühlen, so daß der Pfahl dachte, er würde
zusammenbrechen.
„Guten Tag in der Stube,“ sagte schließlich der Pfahl.
„Guten Tag, guten Tag,“ erwiderte der Bohrwurm. „Entschuldige, ich
vergaß gewiß, mich vorzustellen. Ich bin der Bohrwurm, und ich möchte
gerne bei dir wohnen.“
„Du bist willkommen,“ sagte der Pfahl. „Wenn du dich nur wohl fühlst!
Es ist immer ein Vergnügen für ein altes Wrack wie mich, sich nützlich
machen zu können. Und dann ist es ja schön, wenn man hier und da ein
wenig mit jemand plaudern kann.“
„Ich habe nicht viel Zeit zum Plaudern,“ antwortete der Bohrwurm. „Aber
da kommt die Auster. Ich werde dich ihr empfehlen, falls sie sich die
Hörner abgelaufen hat und daran denkt, sich festzusetzen. Das ist eine
redselige Mamsell, das kannst du mir glauben. Sie gehört zu meiner
Familie, ist aber zu fein für einen Arbeitsmann wie mich.“
Und dann kam die +Auster+.
Der Bohrwurm rief sie an und erzählte, daß hier eine gute Wohnung bei
dem alten Pfahl frei sei.
„Wenn ich euch nur beide unterbringen kann,“ sagte der Pfahl betrübt.
„Ich möchte so gerne; aber wenn du ebenso in mir herumrumorst wie der
Bohrwurm, dann wird es, denke ich, kein gutes Ende nehmen.“
„Es braucht dir nicht bange zu sein,“ erwiderte die Auster und lachte
still und vornehm vor sich hin. „Der Bohrwurm und ich haben nicht viel
gemeinsam, und wir leben jeder auf seine Weise. Ist das Wasser hier in
der Gegend frisch? Rinnt es lebhaft? Ist der Grund klar?“
„Das glaube ich wohl,“ sagte der Pfahl. „Aber du fragst ja nur nach den
Bequemlichkeiten +außerhalb+ des Hauses.“
„Das ist das einzige, was mich interessiert,“ entgegnete die Auster.
„Und ich frage nicht deshalb, weil ich ausgehen und mich unterhalten
will. Wenn ich mich jetzt auf dir festsetze, dann bleibe ich sitzen und
rühre mich nie vom Fleck.“
„Gott behüte,“ sagte der Pfahl. „Dann bist du ja ein unvergleichlich
ruhiger Logiergast ... Darf ich fragen, ob du nicht wenigstens hin und
wieder ausgehst, um zu essen?“
„Das könnte mir nie einfallen,“ sagte die Auster. „Ich gähne nur.
Dann fließt mir das Wasser mit all seinem kleinen Gewürm in den Magen
hinein, und dann bin ich satt.“
„Sehr vornehm,“ bemerkte der Bohrwurm.
„Untertänigst willkommen,“ sagte der Pfahl.
So saß nun die Auster da und blieb sitzen. Der Bohrwurm nagte, und
der Bart des alten Pfahls wogte im Strome hin und her. Wenn er
zwischendurch einmal melancholisch wurde, klagte er seinen Logiergästen
sein Leid.
„Wüßte man nur, warum man überhaupt in die Welt gesetzt ist und gerade
hier in den Limfjord,“ sagte er oft.
„Ich wohne ja in dir ... ist dir das nicht genug?“ fragte der Bohrwurm.
„Du hast die Ehre, +mich+ zu beherbergen,“ fügte die Auster hinzu. „Und
ich bin das vornehmste Tier im Meere.“
„Zum Teufel, ist das wahr?“ fragte der Pfahl.
„Es ist wahr,“ erwiderte die Auster. „Ich will dir etwas sagen ... Ich
bin überzeugt, daß du nur deshalb hierher in den Fjord gesetzt bist,
damit ich auf dir wohnen soll.“
„Sollte das möglich sein?“ fragte der Pfahl. „Du darfst nicht böse
auf mich werden ... Aber dann ist es doch verwunderlich, daß du nicht
früher gekommen bist. Ich stehe hier seit vielen, vielen Jahren, so
lange schon, daß ich mich gar nicht mehr auf den Anfang besinnen kann.
Und früher bin ich ein anderer Kerl gewesen. Jetzt bin ich nur ein
altes Wrack.“
„Spät ist besser als nie,“ versetzte die Auster. „Und ich bin vorläufig
recht zufrieden mit dir.“
„Hättest du etwas dagegen, wenn du mir ein wenig von deiner Vornehmheit
erzähltest?“ fragte der Pfahl.
Die Auster gähnte mit Wohlbehagen und ließ das Wasser aus- und
einströmen.
„Nicht das geringste,“ sagte sie. „Ich habe nichts anderes zu tun als
zu gähnen und zu fressen und Schicht auf Schicht auf meine Schalen
zu legen, darum habe ich Zeit genug für ein Plauderstündchen. -- Du
mußt wissen, daß meine Vornehmheit eigentlich erst bei meinem Tode zum
Vorschein kommt.“
„O weh!“ rief der Pfahl.
„Ich kann dein Bedauern wohl verstehen,“ fuhr die Auster fort. „Es ist
allzu natürlich. Aber es ist nicht vornehm. Und wenn ich plötzlich
etwas Feines würde und dann stürbe, sobald ich das Glück erreicht
hätte, dann würdest du recht haben. Aber so verhält es sich gar nicht.
Ich bin fein von meiner Geburt an. Mein Leben und mein Wohlergehen sind
Kostbarkeiten. Mein Tod ist ein Fest.“
„Wollen Sie mir nicht sagen, für wen Sie so viel Wert haben?“ fragte
der Pfahl.
„Gerne,“ antwortete die Auster. „Das ist wahrhaftig kein Geheimnis. Die
+Menschen+ sind es, die vornehmsten Geschöpfe der Welt. Dieselben, die
dich hierher ins Wasser gesetzt haben. Die Menschen sind überhaupt die
Beherrscher der Welt.“
„Wenn ich mir erlauben darf, meine Meinung zu äußern,“ sagte der
Bohrwurm, „so gibt es doch auch Dinge, über die die Menschen keine
Macht haben. Zum Beispiel mich.“
„Lieber Bohrwurm,“ erklärte die Auster. „Natürlich gibt es winzige
Dinge, aus denen sich die Menschen nichts machen.“
„Ja, aber aus mir machen sie sich etwas,“ sagte der Bohrwurm. „Ich
ärgere sie, wenn ich mich in ihre Schiffe und in ihre Brücken
hineinbohre und sie zerstöre.“
[Illustration: „Ein Mann kam auf dem Boden gegangen ....“]
„Du sprichst so laut und bist so rechthaberisch,“ tadelte die Auster.
„Man kann gleich merken, was für ein gewöhnlicher Kerl du bist.“