„Es ist zu früh,“ flüsterten sie. „Wie schändlich von dem Star, uns

heraufzulocken! Man kann sich doch auch auf keinen mehr in der Welt

verlassen.“

Dann kam die Schwalbe.

„Twi! Twi!“ zwitscherte sie und durchschnitt die Luft mit ihren langen,

spitzen Flügeln. „Heraus mit euch, ihr dummen Blumen! Merkt ihr denn

nicht, daß der Junker Frühling gekommen ist?“

Aber die Anemonen waren vorsichtig geworden. Sie nahmen nur die grünen

Tücher ein ganz klein wenig beiseite und lugten hinaus.

„Eine Schwalbe macht keinen Sommer,“ sagten sie. „Wo ist deine Frau?

Du bist wohl nur hergekommen, um zu sehen, ob es hier schon erträglich

ist; und jetzt willst du uns etwas weismachen. Aber wir sind nicht so

dumm. Wir wissen wohl, daß, wenn wir uns eine ordentliche Erkältung

holen, es aus mit uns ist für diesmal.“

„Ihr seid mir ein paar Rechte,“ zwitscherte die Schwalbe und setzte

sich auf die Wetterfahne auf Försters Dach und schaute in die

Landschaft hinaus.

Aber die Anemonen warteten und froren. Ein paar, die ihre Ungeduld

nicht bezähmen konnten, warfen die Tücher im Sonnenschein ab. Doch

in der Nacht biß die Kälte sie tot, und die Geschichte von ihrem

jämmerlichen Tode ging von Blume zu Blume und erregte überall großes

Entsetzen.

Endlich kam der Junker Frühling -- in einer wunderschönen milden,

stillen Nacht.

Niemand weiß, wie er aussieht, denn niemand hat ihn je gesehen. Aber

alle sehnen sich nach ihm und danken ihm und segnen ihn. Er geht durch

den Wald und rührt die Blumen und Bäume an, und flugs springen die

Knospen auf. Er geht durch die Ställe und macht die Tiere los und läßt

sie auf die Wiese hinaus. Bis in die Menschenherzen dringt er ein und

macht sie froh. Wenn er da ist, hält es der artigste Bube nicht aus,

ruhig auf seiner Schulbank zu sitzen, und er hat furchtbar viele Fehler

in den Schulheften auf dem Gewissen.

Aber nicht auf einmal richtet er das alles aus. Nacht für Nacht ist

er bei der Arbeit, und er kommt zuerst zu denen, die sich am meisten

sehnen.

So kam es, daß er in derselben Nacht, wo er eintraf, gleich zu den

Anemonen hinging, die es in ihren grünen Tüchern nicht mehr aushalten

konnten.

Und eins, zwei, drei! standen sie in neuen, weißen Kleidern da und

waren so frisch und schön, daß die Stare vor Vergnügen darüber ihre

schönsten Lieder sangen.

„Nein ... wie schön ist es hier!“ riefen die Anemonen. „Wie ist die

Sonne so warm, und wie lieblich singen die Vögel! Tausendmal besser ist

es als im vorigen Jahr.“

Aber das sagten sie nun jedes Jahr, darauf kann man also nichts geben.

[Illustration]

Als die Welt sah, daß die Anemonen aufgesprungen waren, da gerieten

viele andere ganz außer sich. Da war ein Schulbube, der schon

Sommerferien haben wollte; und dann die Buche; wie fühlte sie sich

zurückgesetzt!

„Kommst du nicht auch bald zu mir, Junker Frühling?“ fragte sie. „Ich

bin doch eine viel wichtigere Person als die armseligen Anemonen, und

ich kann wirklich meine Knospen nicht länger halten.“

„Ich komme, ich komme!“ antwortete der Frühling. „Aber ein wenig mußt

du dich noch gedulden.“

Und weiter nahm er seinen Weg durch den Wald. Und bei jedem Schritt

sprangen neue Anemonen auf. In dichten Büscheln standen sie zu Füßen

der Buche und neigten ganz verschämt ihre runden Köpfchen zur Erde.

„Seht nur frei auf,“ sagte der Frühling, „und erfreut euch an unsres

Herrgotts Sonne! Euer Leben ist nur kurz, drum müßt ihr es genießen,

solange ihr es habt.“

Und die Anemonen taten das. Sie reckten sich und streckten sich und

breiteten ihre weißen Blätter nach allen Seiten aus, um so viel

Sonnenschein zu trinken wie möglich. Sie stießen mit den Köpfen

aneinander und lachten darüber und waren sehr vergnügt.

„Jetzt kann ich mich nicht länger halten,“ sagte die Buche, und ihre

Knospen sprangen auf.

Blatt für Blatt kroch aus seiner grünen Hülle und entfaltete sich und

fächelte im Winde. Die ganze grüne Krone wölbte sich über der Erde wie

ein mächtiges Dach.

„Ach, ist es schon Abend?“ fragten die Anemonen, denen es vorkam, als

werde es ganz dunkel.

„Nein ... das ist der Tod,“ sagte der Frühling. „Nun ist es aus mit

euch. Euch geht es nicht anders wie allem hier auf Erden, auch dem

Besten. Alles muß keimen und blühen und sterben.“

„Sterben?“ riefen ein paar kleine Anemonen. „Müssen wir schon sterben?“

Und ein paar von den Großen bekamen ganz rote Köpfe vor Zorn und Trotz.

„O, wir wissen es wohl!“ sagten sie. „Die Buche tötet uns. Sie stiehlt

allen Sonnenschein für ihre eigenen Blätter und gönnt uns keinen

Strahl. Wie häßlich und schlecht ist sie!“

Ein paar Tage lang fuhren sie fort zu schelten und zu weinen. Dann kam

der Junker Frühling zum letztenmal durch den Wald gegangen. Er hatte

noch die Eichen und einige andere alte Käuze zu besuchen.

„Legt euch jetzt hübsch hin und schlaft in der Erde,“ sagte er zu den

Anemonen. „Es nützt euch nichts, wenn ihr euch auflehnt. Im nächsten

Jahr komme ich wieder und erwecke euch zu neuem Leben.“

Und einige von den Anemonen folgten seinem Rat. Aber andere fuhren

fort, die Köpfe emporzurecken, und wuchsen weiter, bis sie ganz häßlich

wurden und lange Stengel bekamen, so daß sie garstig anzusehen waren.

„Pfui, schämt euch!“ riefen sie den Buchenblättern zu. „Ihr tötet uns.“

Aber die Buche schüttelte ihre langen Zweige, daß die braunen

Blattspelze auf die Erde herabrieselten.

„Wartet nur bis zum Herbst, ihr kleinen Dummriane,“ sagte sie und

lachte. „Dann werdet ihr schon sehen.“

Die Anemonen verstanden nicht, was sie meinte. Aber als sie sich

gestreckt hatten, soviel sie konnten, knickten sie ein und verwelkten.

* * * * *

Der Sommer war vorbei, und der Bauer hatte sein Korn eingefahren.

Der Wald war noch grün, seine Färbung war nur dunkler geworden, und an

vielen Stellen schimmerten gelbe und rote Blätter zwischen den grünen

durch. Die Sonne war müde von ihrer heißen Arbeit während des Sommers

und ging früh zu Bett.

[Illustration]

[Illustration: „Endlich kam der Junker Frühling.“]

In der Nacht schlich der Winter zwischen den Bäumen umher und wollte

sehen, ob seine Zeit nicht bald gekommen sei. Wenn er eine Blume

fand, küßte er sie galant und sagte:

„Ei, ei! Bist du noch hier? Das freut mich, daß ich dich treffe. Bleib

nur ruhig stehen! Ich bin ein guter Kerl und tue keiner Fliege etwas

zuleide.“

[Illustration]

Aber die Blume erschauerte bei seinem Kusse, und der klare Tautropfen,

der unter ihrem Blatte hing, wurde auf der Stelle zu Eis.

Häufiger und häufiger lief der Winter durch den Wald. Sein Atem ging

über die Blätter hin, so daß sie sich gelb färbten, und über die Erde,

so daß sie hart wurde.

Sogar die Anemonen, die unten in der Erde lagen und warteten, daß der

Frühling zurückkehrte, wie er es ihnen versprochen hatte, verspürten

seinen Atem, und es lief ihnen eiskalt über die Wurzeln.

„O weh, wie kalt ist es,“ sagten sie zueinander, „Wie werden wir nur

den Winter überstehen? Wir sterben sicher, ehe er um ist.“

„Jetzt ist +meine+ Zeit gekommen,“ sagte der Winter. „Jetzt brauche ich

nicht länger umherzuschleichen wie ein Dieb in der Nacht. Von morgen an

will ich allen Leuten frank und frei ins Gesicht sehen, will sie in die

Nase beißen und ihnen das Wasser in die Augen treiben.“

Und in der Nacht ließ er den Sturm los.

„Mach reinen Tisch, hörst du!“ befahl er.

Und der Sturm gehorchte. Heulend fuhr er durch den Wald und rüttelte

an den Ästen, daß sie knarrten und krachten. Die, die nicht mehr ganz

frisch und lebensfähig waren, fielen ab, und die, die aushielten,

mußten sich nach allen Seiten beugen und biegen.

„Weg mit dem ganzen Staat!“ heulte der Sturm und riß die Blätter ab.

„Jetzt ist nicht die Zeit, sich zu putzen. Über ein Weilchen kommt

Schnee auf die Zweige -- das wird eine andere Geschichte.“

Die Blätter fielen vor Schreck zu Boden, aber der Sturm ließ sie nicht

in Ruhe. Er faßte sie um den Leib und tanzte mit ihnen über das Feld

hin, hoch in die Luft und wieder in den Wald, fegte sie zu großen

Haufen zusammen und wehte sie nach allen Seiten auseinander -- ganz wie

er Lust hatte.

Erst als der Morgen kam, war der Sturm müde und legte sich.

„Nun sollt ihr für diesmal Frieden haben,“ sagte er. „Ich ruhe mich

jetzt aus bis zum Frühjahrsreinemachen. Dann können wir wieder eine

Runde tanzen, das heißt, wenn dann noch etwas von euch übrig ist.“

Da gingen die Blätter schlafen und legten sich als dicker Teppich über

die ganze Erde.

Die Anemonen empfanden die wohltuende Wärme und fragten sich, ob wohl

der Frühling schon da sein sollte.

„Ich habe meine Knospen noch nicht fertig!“ rief eine von ihnen.

„Ich auch nicht! Ich auch nicht!“ schrien die anderen durcheinander.

Aber eine faßte Mut und guckte aus der Erde hervor.

„Guten Morgen!“ riefen die welken Buchenblätter. „Es ist noch ein

bißchen zu früh, liebes Fräulein ... Wenn es Ihnen nur gut bekommt!“

„Ist das nicht der Junker Frühling?“ fragte die Anemone.

„Nicht so ganz,“ antworteten die Buchenblätter. „Es sind die grünen

Buchenblätter, auf die Sie im Sommer so böse waren. Jetzt ist unsere

grüne Farbe verschwunden, und wir können keinen großen Staat mehr

machen. Wir haben unsere Jugend genossen und genug getanzt, wissen Sie.

Und jetzt liegen wir hier und schützen die Blumen in der Erde vor dem

Winter.“

„Und inzwischen stehe ich hier mit meinen bloßen Zweigen und bin der

Kälte ausgesetzt,“ sagte die Buche verdrießlich.

Die Anemonen unten in der Erde besprachen die Sache und waren von

Herzen froh.

„Die guten Buchenblätter,“ sagten sie.

„Seht zu, daß ihr noch daran denkt, wenn im nächsten Sommer meine

Knospen aufspringen,“ sagte die Buche.

„Ja, das werden wir! Das werden wir!“ flüsterten die Anemonen.

Denn so etwas verspricht man, aber man hält es nicht.

Die Heuschrecken.

Tief drinnen in Afrika, wo die Neger wohnen, sprang die Heuschrecke

eines Tages im Grase umher und fraß. Da kam die Schwalbe geflogen,

setzte sich auf einen Strauch und sah ihr zu.

„Was bist denn du für eine?“ fragte die Heuschrecke.

Die Schwalbe nickte. Sie war gut gelaunt, denn morgen wollte sie

wegreisen. Drum sang und zwitscherte sie:

„Die kleine Schwalbe nennt man mich,

Kiwitt ... kiwitt ... kiwiwiwitt!

Im Norden fror es bitterlich,

Gar sehr ich Hunger litt.

Ich fand kein Futter, fand kein Blatt, kiwitt

Drum flog ich mit dem Winde mit,

Nach Süden flog ich her, kiwitt, kiwitt!“

[Illustration]

„Willkommen,“ rief die Heuschrecke. „Es freut mich, dich begrüßen zu

können. Hier ist genügend Futter von allen Sorten, wie du siehst.“

Aber die Schwalbe schüttelte den Kopf und sang weiter:

„Es kribbelt in meinen Flügeln,

Nach Norden es wieder mich zieht

Die Sehnsucht kann ich nicht zügeln:

Kiwitt, kiwitt, kiwitt!

Jetzt grünen drüben die Blätter, kiwitt

Nach Norden es wieder mich zieht:

Kiwitt, kiwitt, kiwitt!“

[Illustration]

„So, so,“ sagte die Heuschrecke. „Du nimmst Reißaus. Das ist dumm. Wir

hätten uns sonst viel Vergnügen verschaffen können. Du hast ein nettes

musikalisches Talent.“

„Man sagt es,“ entgegnete die Schwalbe. „Aber wer bist du denn?“

Da sang die Heuschrecke mit einer feinen, klaren Stimme:

„Die große Heuschrecke nennt man mich:

Hopp, hopp ... hoppe lopp ... loppe hopp, hopp, hopp!

Die Gräser alle fresse ich:

Hopp, hopp ... hoppe lopp ... loppe hopp, hopp, hopp!

Viel lieber platze ich,

Wenn es auch ärgerlich,

Als daß ich ein Hälmchen vergäße -- hopp, hopp!

Und immer und immer im Galopp!“

„Du bist +auch+ musikalisch?“ fragte die Schwalbe.

„Und ob!“ erklärte die Heuschrecke. „Ich spiele die erste Violine in

Afrika, wenn ich bitten darf. Übrigens gereicht es dir zur Ehre, daß

du das heraushörst. Viele können meinen Gesang gar nicht hören. Die

Menschen zum Beispiel.“

„Ach ... die Menschen,“ sagte die Schwalbe verächtlich.

„Nein, die können weder hören noch sehen,“ sagte die Heuschrecke. „Und

sie bilden sich obendrein ein, daß sie besser seien als wir. Mein

Verlobter hat einen viel gröberen Ton. +Seine+ Violine können sie

hören.“

„Darf ich fragen, wo du dein Instrument hast?“ fragte die Schwalbe.

„Das sitzt hier,“ erwiderte die Heuschrecke und hob das Hinterbein.

„Innen am Schenkel. Die niedlichste Violine, die du dir denken kannst.

Nun streiche ich sie mit den Flügelrippen.“

„Höchst interessant,“ sagte die Schwalbe. „Und ein feines Gehör hast

du, so viel steht fest.“

„Meine Ohren sitzen an meinen Vorderbeinen,“ fuhr die Heuschrecke fort.

„Hat man je so etwas gehört!“ rief die Schwalbe.

Da erklang eine andere Violine drüben im Grase.

„Verzeihung,“ sagte die Heuschrecke. „Das ist mein Bräutigam. Er ruft

mich. Wir feiern heute Hochzeit.“

„Viel Glück!“ sagte die Schwalbe.

Aber die Heuschrecke hörte es nicht. Mit einem ungeheuren Satz war sie

verschwunden.

„Der Bursche hat ordentliche Beine,“ dachte die Schwalbe. Dann blieb

sie im Busche sitzen, denn sie wollte nach Norden, sobald es dunkel

wurde und sie ihre Angelegenheiten in Afrika geordnet hatte.

Am Abend kehrte die Heuschrecke zurück.

„Das wäre erledigt,“ sagte sie.

„Darf ich dir Glück wünschen?“ fragte die Schwalbe.

„Nicht nötig,“ entgegnete die Heuschrecke. „Für mich und meinesgleichen

ist die Hochzeit der Anfang vom Ende. Jetzt muß ich nur noch meine Eier

legen, und dann sterbe ich.“

„Und was wird aus deinem Manne?“

„Er stirbt jedenfalls heute nacht, wenn er nicht schon zum Himmel

gefahren ist.“

„Herr Gott,“ sagte die Schwalbe. „Andre Leute haben ein Nest mit Jungen

darin und einen Mann, der einem etwas vorsingt, wenn man ...“

„Entschuldige, daß ich dich unterbreche,“ sagte die Heuschrecke.

„Das ist das gewöhnliche Vogelgeschwätz, und ich mag es, offen

gestanden, nicht hören. Du bist ja viel gereist und hast dich in der

Welt umgesehen, darum meine ich, daß du nicht sentimental zu werden

brauchst. Laß uns als welterfahrene Leute über die Sache reden! Der

eine singt +vor+ der Hochzeit, der andere +nachher+. Jeder hat seine

Manier. Nur Dummköpfe glauben, daß die ihre die einzig richtige ist.“

Die Schwalbe sagte nichts. Die Heuschrecke aber fraß große Grashappen;

und sobald sie sich vollgefressen hatte, spuckte sie alles wieder aus.

„Du issest nicht gerade hübsch,“ bemerkte die Schwalbe.

„Kommst du mir wieder damit?“ erwiderte die Heuschrecke. „Ich esse auf

meine Art. All das Stroh ist nichts für meinen Magen. Ich sauge bloß

den Saft heraus. Übrigens brauchst du wohl auch nicht alles, was du in

dich hineinstopfst?“

„Nein, nein,“ gestand die Schwalbe. „Aber ich lasse es den andern Weg

abgehen.“

„Hältst du das etwa für feiner?“ fragte die Heuschrecke lachend. „Aber

ich will über diese Narrenspossen nicht mit dir streiten. Sag’ mir

einmal ... du sitzest höher als ich ... Ist da viel Gras?“

„Soweit ich sehen kann, ist überall nur Gras und wieder Gras,“ sagte

die Schwalbe. „Genug Futter für eine Million Heuschrecken.“

„Aber was hilft das?“ sagte die Heuschrecke mißmutig. „Wir haben es

hier sehr schön warm; und falls es trocken bleibt, wenn die Jungen

auskriechen, so bekommen wir ein gutes Heuschreckenjahr. Dann reicht

das bißchen Gras nicht aus.“

„Wirklich?“ rief die Schwalbe. „Was macht ihr denn dann?“

„Dann +wandern+ wir,“ entgegnete die Heuschrecke.

„Ja, springen kannst du ja,“ sagte die Schwalbe. „Das habe ich gesehen.

Aber etwas Großes kann es doch nicht werden.“

„Eins kommt zum andern,“ erwiderte die Heuschrecke. „Sag’ mir einmal

... das Land, aus dem du kommst ... ist das grün?“

„Ganz gewiß,“ sagte die Schwalbe froh. „Im Sommer ist es das grünste

Land der Welt. Felder und Wiesen und Wälder und Moore ... alles ist

grün und herrlich anzusehen.“

„Ich werde daran denken,“ sagte die Heuschrecke.

„Das kannst du, wenn es dir Spaß macht,“ meinte die Schwalbe lachend.

„Aber du kommst nie so weit mit deinen dünnen, kurzen Flügeln. Es sind

viele hundert Meilen bis dorthin.“

„Ich fliege besser, als du glaubst,“ erwiderte die Heuschrecke. „Wenn

ich nicht zuviel gegessen und den Körper nicht voller Eier habe, dann

kann ich sehr schnell fliegen. Ich bin überall hohl, mußt du wissen.

Ich pumpe mich voll Luft, und dann geht es.“

„Na ja,“ sagte die Schwalbe. „Es würde mich freuen, da oben einige von

deinen Kindern zu treffen.“

„Einige?“ wiederholte die Heuschrecke höhnisch. „Du hast mich wohl

nicht richtig verstanden. Wenn es Heuschrecken gibt, dann gibt es so

viele, daß sie sich unmöglich zählen lassen.“

„So so,“ sagte die Schwalbe.

„Siehst du,“ fuhr die Heuschrecke fort. „Du hast deinen Mann, deine

Kinder und dein Nest; und du glaubst, daß du etwas vorstellst. Eine

Heuschrecke aber glaubt nicht, daß sie etwas vorstellt ... so allein

für sich. Wenn wir jedoch alle zusammenkommen, dann sind wir stärker

als alle anderen. Niemand kann uns aufhalten, niemand kann uns

widerstehen. Alles, was uns in den Weg kommt, vernichten wir. Willst du

unsern Schlachtgesang hören?“

„Ich habe nichts zu versäumen,“ erwiderte die Schwalbe. „Aber ich

glaube, du prahlst.“

„Dann höre,“ rief die Heuschrecke, legte den Bogen an ihre Violine und

sang:

„Wir Heuschrecken ... hopp, hopp, hopp ...

Kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp ...

Gras und Strauch fressen wir,

verdunkeln das Sonnenlicht,

Morden und ruhen nicht,

Bis wir ins Menschennest

Tragen die Pest!

Millionen ... Billionen ...

Trillionen ... Quadrillionen ...

Fliegen ... hopp, hopp, hopp ..

Durch alle grünen Zonen

Im Galopp, lopp, lopp.“

„Sehr gemütlich klingt das nicht gerade,“ bemerkte die Schwalbe. „Aber

wenn das wahr ist, was du sagst: was tut ihr denn, nachdem ihr alles

aufgefressen habt?“

„Das weiß ich nicht,“ entgegnete die Heuschrecke. „Ich weiß nichts.

Jetzt muß ich meine Eier legen.“

Und nun grub sie da, wo sie saß, ein Loch in die Erde und legte eine

Kapsel Eier hinein.

„Das waren fünfundzwanzig,“ sagte sie.

Dann grub sie noch ein Loch und noch eins und legte in jedes eine

Kapsel.

„Das erleichtert,“ sagte sie. „Jetzt sind nur noch fünfundzwanzig

übrig.“

Als sie auch die gelegt hatte, ließ sie Kopf und Flügel hängen und sah

sehr entkräftet aus.

„Ich habe ihnen eingeschärft, daß sie nach Norden ziehen sollen,“ sagte

sie. „Dann erreichen sie vielleicht dein grünes Land.“

„Gott behüte,“ rief die Schwalbe.

Und dann fügte die Heuschrecke hinzu: „Jetzt sterbe ich. In meiner

letzten Stunde denke ich an meinen Mann.“

„Das ist hübsch von dir.“

„Ich denke daran, wie fett er war, als er gestorben ist, -- falls er

nicht immer noch umherhüpft und frißt,“ sagte die Heuschrecke. „Alle

Frauenzimmer in der Welt sind in dieser Beziehung einer Meinung: den

Männern geht es schändlich gut.“

Damit starb sie.

[Illustration]

Ende Mai, als die Schwalbe hoch oben im Norden auf ihren Eiern lag und

jeden Tag erwartete, daß ihre Jungen auskriechen würden, da kamen die

Heuschreckenkinder aus der Erde hervor.

Sie glichen ihrer Mutter aufs Haar, aber sie waren kleiner und hatten

keine Flügel. Und sie glichen allen andern Kindern darin, daß ihr

erster Schrei dem Futter galt.

Sie fraßen vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne und die Flinksten

von ihnen auch während der Nacht. Wenn die Schwalbe jetzt im Gebüsch

gesessen hätte, würde sie den Kummer des Heuschreckenweibchens

verstanden haben. Denn es war ein gutes Jahr geworden, wie die Mutter

prophezeit hatte; und soweit man auch sehen mochte, war nichts anderes

vorhanden als fressende Junge.

Niemals wurden sie satt. Sie fraßen und fraßen und spuckten das

Gefressene wieder aus; und nach zwei Tagen war kein Grashalm mehr in

der Gegend. Die Blätter des kleinen Strauches waren mit daraufgegangen.

Er ließ seine nackten Zweige in die Luft ragen, als ob es Winter wäre.

[Illustration]

Es sah schrecklich aus, aber die Neger freuten sich. Denn sie bauten

kein Getreide und hatten kein Vieh mit Gras zu füttern, so daß sie

keinen Schaden erlitten. Und dann glaubten sie auch, die Heuschrecken

seien heilige Tiere, die Gott gesandt habe. Kein Neger trat mit

Willen darauf. Aber trotzdem aßen sie sie. So ein Gericht gerösteter

Heuschrecken war das Beste, was sie kannten.

Als nun die Jungen gefressen hatten, was zu fressen war, gerieten sie

ganz außer sich.

„Futter! Futter! Futter!“ schrien sie, während ihnen der grüne Grassaft

aus dem Halse lief. „Futter! Futter! Futter! Wir sterben vor Hunger.“

Und dann begannen sie zu wandern.

Einige von ihnen gingen nach Norden ... Das waren diejenigen, deren

Mutter ihnen von dem grünen Land der Schwalbe ins Ohr geflüstert hatte.

Und dann folgten die andern nach.

[Illustration]

Sie gingen in langen, endlosen Reihen; und die Reihen folgten einander

so dicht, daß die hintersten den Vordersten auf die Fersen traten; und

es waren so viele Reihen, daß niemand sie zählen konnte. Aus allen

Richtungen kamen neue Scharen, die sich den Reihen anschlossen und

mitmarschierten. Es war ein beständig wachsendes Heer von kleinen

Soldaten, die das Land leerfraßen, wohin sie kamen.

Nichts konnte ihnen Einhalt gebieten.

Kamen sie an einen See, so marschierten sie frischweg ins Wasser

hinaus, Reihe nach Reihe, bis der See von einem dicken Teppich toter

Heuschreckenkinder bedeckt war, den die nächsten dann überschritten.

Es machte nichts aus, wenn eine Million oder zwei oder zehn Millionen

ertranken. Es waren genug übrig. Und jeder Tag brachte neue, zahllose

Scharen.

„Futter! Futter! Futter!“ schrien sie und gingen weiter.

[Illustration]

Die Vögel fraßen so viele von ihnen, wie sie vermochten. Die Ameisen

bissen sie tot, die Igel veranstalteten einen Festschmaus, und viele

andere hungrige Burschen verschlangen sie. Große Herden von Elefanten,

Nashorntieren und Antilopen liefen darüber hin und traten sie nieder.

Aber dem ungeheuern Heuschreckenheer war der Verlust nicht anzumerken.

Es wurde immer größer, was auch mit ihm geschah, und rückte immer

weiter nach Norden vor.

Und überall, wo die Heuschrecken gewesen waren, da war das Land

verödet. Die Elefanten und Antilopen brüllten vor Hunger, denn es war

kein Blatt für sie zurückgeblieben. Wasser war nicht vorhanden, weil

die Seen voller Heuschreckenleichen lagen, die verfaulten und weit

umher Gestank verbreiteten. Die Insekten starben, weil keine Blätter

da waren, die sie fressen konnten. Und die Vögel starben, weil keine

Insekten für sie und ihre Jungen da waren.

Und weiter und weiter wanderte das Heer.

Eines Nachts machte man Rast. Die ganze Erde glich einem wogenden

braunen Teppich; nicht eine von den Heuschrecken war ruhig.

„Ich berste!“ schrie eine.

„Wir bersten! Wir bersten! Wir bersten!“ klang es durch die Reihen hin.

Und dann barsten sie.

Sie hatten sich so groß und dick gefressen, daß sie es in ihrer Haut

nicht mehr aushielten. Sie platzten der Länge nach, traten aus den

alten Häuten heraus und marschierten in den neuen weiter, die darunter

saßen. Das war ihre Art zu wachsen, und die ist ja ebensoviel wert wie

jede andre. Am Morgen, als sie fort waren, lag das ganze Land voll

alter Häute.

Fünfmal platzten sie auf diese Art, und jedesmal wurden sie größer und

gefräßiger, und jedesmal erscholl ihr Schrei nach Futter lauter. Und

mit immer größerer Geschwindigkeit marschierten sie nach Norden.

Eines Nachts, ein paar Tage darauf, waren sie zum fünften Male geplatzt.

Sie hatten ein Lager oder richtiger tausend Lager aufgeschlagen, denn

in der letzten Zeit war das Heer mehr angewachsen als je zuvor. Man

konnte glauben, die neuen Scharen hätten auf ihrem Wege auf die andern

gewartet, wenn das Warten nicht das einzige gewesen wäre, was die

Heuschrecken nicht konnten. Die Sache war die, daß überall ein gutes

Heuschreckenjahr war, so wie das Heuschreckenweibchen prophezeit hatte.

Aber in dieser Nacht herrschte viel mehr Unruhe im Lager als gewöhnlich.

Es waren so viele da, daß sie einander beständig im Wege waren. Sie

drängten und stießen einander, aber sonderbarerweise schrie niemand wie

sonst nach Futter. Es spuckte auch niemand Gras aus. Es war als ob sie

mit etwas fertig wären und darauf warteten, daß etwas Neues beginnen

würde. Mit großen Augen blickten sie einander an, steckten die Köpfe

zusammen und flüsterten.

„Heute nacht geschieht es,“ sagte die eine.

„Heute nacht kommt es,“ sagte die andre.

„Heute nacht ... heute nacht ... heute nacht,“ erbrauste es durch die

endlosen, zahllosen Reihen.

Nicht eine einzige von den vielen Millionen war gleichgültig. Alle

waren in feierlicher Stimmung und gespannt auf das seltsame, das sie

erwarteten.

Und kurz vor Sonnenaufgang geschah es.

Mutter Natur erzählt · 第 4 / 13 段