„Unterbrich die Auster doch nicht immer,“ sagte der Pfahl.

In diesem Augenblick entstand eine starke und ungewöhnliche Bewegung im

Wasser.

Ein Mann kam auf dem Boden gegangen. Er hatte einen Taucherhelm auf

dem Kopfe und guckte durch zwei große Glasaugen in die Runde nach den

Steinen, die dort lagen. Jetzt sah er die Auster scharf an.

„Noch nicht reif,“ sagte er und ging weiter.

„Wer in aller Welt war das?“ fragte der Pfahl.

„Das war der Fischer,“ erwiderte die Auster. „Es war doch immerhin ein

feierlicher Augenblick.“

„Du warst aber froh, daß du so leichten Kaufs davonkamst, Cousine!“

sagte der Bohrwurm.

„Viertelscousine, wenn ich bitten darf, falls wir überhaupt von

Verwandtschaft reden wollen,“ sagte die Auster. „Na -- es eilt nicht.

Ich erlebe es ja doch einmal.“

„Aber wenn er dich nun genommen hätte?“ fragte der Pfahl.

„Ja, dann wäre ich außerordentlich sorgfältig behandelt worden,“ sagte

die Auster. „Ich wäre zusammen mit meinesgleichen in einen Korb gelegt

worden ... nur zusammen mit meinesgleichen, verstehst du? Die Menschen

haben auch so etwas Ähnliches ... Sie nennen es Damenstifte, glaube

ich ... dahin dürfen auch nur adelige Damen kommen.“

„Werden die auch gegessen?“ fragte der Pfahl.

„Das glaube ich nicht,“ sagte die Auster. „Davon habe ich nie gehört.

Die haben kaum so ein flottes Lebensende. Sie sitzen wohl da und welken

hin.“

„Aber du?“

„Ja, der Korb wird dann irgendwohin gesandt, wo reiche, vornehme

Menschen sind. Da wird er geöffnet und wir werden herausgenommen. Wir

werden selber auch geöffnet und auf eine Schüssel gelegt, und dann

werden wir lebend gegessen.“

„Uha!“ sagte der Pfahl. „Mir scheint nun doch ...“

„Natürlich scheint dir das seltsam,“ sagte die Auster. „Das kann ich

so gut verstehen. Wie solltest du den Tod eines Kavaliers oder einer

vornehmen Dame begreifen können? Du, der du hier stehst und verfaulst.

Oder wie sollte es der Bohrwurm verstehen, der eines Tages tot in

seinem Hause liegt? Es ist gewiß am besten, ich erzähle euch gar nichts

mehr.“

„Ach doch, erzähle, bitte,“ sagte der Pfahl. „Kümmre dich nur nicht um

das Geschwätz eines alten, armseligen Pfahls!“

„Na schön,“ sagte die Auster. „Wie weit waren wir doch gekommen?“

„Du hörtest genau an der Stelle auf, wo du gegessen werden solltest,“

erwiderte der Bohrwurm. „Es ist wahrhaftig kein Wunder, daß du die

Geschichte ein wenig in die Länge ziehst.“

„Da haben wir wieder diese ungebildete Auffassung,“ sagte die Auster

und wandte sich dem Pfahl zu. „Na, ich will sie ignorieren ... Also,

wir werden auf die Schüssel gelegt, auf Eis, weißt du, viel Eis.

Denn, wenn wir kalt sind, kommen unsere edlen Eigenschaften am besten

zur Geltung; und dann werden wir auf einen Tisch gesetzt, der aufs

festlichste geschmückt ist. Geschliffene Gläser und schönes Porzellan,

feines Tischtuch, Blumen und viele Kerzen. Die Menschen, die rings um

den Tisch herum sitzen, sind auch so fein wie nur möglich. Und dann

wird Champagner eingeschenkt, und wir werden gegessen.“

„Lebend?“ fragte der Pfahl.

„Lebend, wie wir sind,“ erwiderte die Auster. „Wir sind ja nicht so

zappelig wie die niederen Tiere. Das ist überhaupt ein sicheres Zeichen

von Vornehmheit, daß man in allen Lebenslagen so ruhig wie möglich

bleibt.“

„Dann muß +ich+ über die Maßen vornehm sein,“ sagte der alte Pfahl und

lachte. „Denn ich habe mich in den vielen Jahren um keinen Zoll von der

Stelle gerührt.“

„Ich weiß wahrhaftig nicht, wie es sich mit den Pfählen verhält,“ sagte

die Auster. „Jetzt bist du jedenfalls ein Austernpfahl; und ich müßte

mich sehr irren, wenn es in deinem Stande möglich ist, noch höher zu

steigen. Übrigens mußt du mich jetzt für ein paar Tage entschuldigen.

Ich muß Kinder zur Welt bringen.“

[Illustration]

Der Pfahl schwieg ehrerbietig, während der Bohrwurm lustig in ihm

bohrte. Er wagte es höchstens, einen Seufzer von sich zu geben, um die

Auster in ihren Wochenbettbetrachtungen nur ja nicht zu stören. Und

auch die Auster war schweigsam und zurückhaltend für einige Zeit. Dann,

an einem schönen Julitag, öffnete sie die Schalen weit, und ein Strom

kleiner schwarzer Körner quoll hervor, die aussahen wie Schießpulver.

„Die jungen Austern,“ stellte sie vor.

„Ich hoffe, sie denken an mich, wenn sie sich häuslich niederlassen,“

sagte der Pfahl. „Das heißt, wenn ihre Frau Mutter bei mir zufrieden

gewesen ist. -- Es sind ja sehr viele.“

„Zwei Millionen,“ sagte die Auster.

„Gott steh uns bei!“ rief der alte Pfahl.

„Ich kann wohl verstehen, daß die Zahl dir groß vorkommt,“ erklärte die

Auster. „Du weißt ja eben nicht, wie es in vornehmen Häusern zugeht,

wo man nicht zu sparen braucht. Ich kann mich nicht gut auf weniger

einlassen. Du mußt wissen, daß es mit den allermeisten von ihnen schief

abläuft, ehe sie zwei Tage alt sind.“

„Gott steh uns bei!“ wiederholte der Pfahl. Es fiel ihm nichts anderes

ein. Es kam ihm so vor, als dächte die Auster zu großartig über alles.

„Junge Menschen aus unserem Stande sind einer Menge von Gefahren und

Versuchungen ausgesetzt, die einfacher Leute Kinder gar nicht kennen,“

sagte die Auster. „Und dann sind sie auch etwas wild und unbändig.

Daran ist gleichfalls das feine Blut schuld. Dazu ist nichts zu sagen,

daß sie sich ein wenig austoben, bevor sie in die vornehme Ruhe

versinken sollen, die einem echten Austerndasein das Gepräge verleihen

muß. Von denen, die übrigbleiben, lassen sich dann wieder die meisten

in unvernünftiger Weise nieder, ohne sich ordentlich vorzusehen. Ich

möchte es viel nennen, wenn in einem Jahr noch zwanzig am Leben sind.“

„Aber tust du denn nicht das geringste, um ihnen auf den rechten Weg zu

helfen?“ fragte der Pfahl.

„Das könnte mir nie einfallen,“ erwiderte die Auster. „Es paßt sich

durchaus nicht für meinen Rang und Stand, Kindermädchen zu spielen. Ich

würde außerdem mager davon werden und so meinen Platz nicht ausfüllen

können, wenn der große Augenblick kommt.“

„Ha ha!“ sagte der Bohrwurm. „Deinen Platz in einem Menschenmagen! Du

bist ganz verstört im Kopfe vor purer Vornehmheit, meine feine Cousine.“

Die Auster gähnte und schloß die Schalen wieder und tat, als ob

sie nichts gehört hätte. Aber der alte Pfahl versank in sonderbare

Gedanken, während sein ehrwürdiger Bart im Strome auf und ab wogte.

„Ich kann’s nicht verstehen,“ sagte er vor sich hin. „Wenn ich einen

kleinen lieben Pfahl hätte, der mein Alter erfreuen könnte, so würde

ich ihn besser behüten als mein eigenes Leben.“

Inzwischen schwammen die kleinen Austern ringsumher. Winzig klein waren

sie, rund, mit zwei kleinen Schalen und einem Büschel Haare an dem

einen Ende. Und sie waren ganz durchsichtig und in ihnen war etwas, das

aussah wie ein ~S~.

„Das bedeutet Schampanjer,“ sagte die alte Auster, die so fein war,

daß sie nie buchstabieren gelernt hatte. „Das ist ihr Adelsabzeichen.“

Sie spielten und mischten sich unter andere Austernkinder. Das Wasser

war ganz getrübt von ihnen, so viele waren es. Aber die Dorsche fuhren

mitten unter sie und würgten sie hinunter, und die Aale und Goldbutten

machten es ebenso. Auch die schnatternden Enten fraßen sie auf ... Da

waren genug, die ihnen zu Leibe wollten; aber es waren ja auch genug

Austernkinder vorhanden.

Fünf Tage später saßen elf kleine Austern auf dem Pfahl neben der

großen.

„Willkommen,“ sagte der Pfahl. „Ich werde alles tun, um die jungen

Herrschaften zufriedenzustellen.“

In den Tangbart setzten sich mehrere; ein paar setzten sich auf die

Steine des Grundes und ein paar auf den bloßen Sand.

„Das ist ausgezeichnet,“ lobte der Pfahl. „Wie munter und gesellig es

nun bei mir auf meine alten Tage wird!“

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt,“ verkündete die alte Auster. „Wir

wollen abwarten.“

Und die Zeit verging.

Sie verging mit Gesprächen, wie sie früher vergangen war; und die

Gespräche waren immer dieselben. Der alte Pfahl beteiligte sich nicht

mehr immer daran, denn jetzt hatten die Austern sich ja untereinander,

und ihre Unterhaltung war ungeheuer vornehm. Aber der Pfahl hörte doch

zu und schob auch hin und wieder eine kleine bescheidene Bemerkung ein.

Da geschah es eines Tages, daß ein ganz außerordentlich niedriger

Wasserstand eintrat.

Der Meeresgrund lag von der Küste an bis weit in den Fjord hinaus offen

da. Alle Boote lagen auf dem Trockenen, und große Schiffe strandeten

und stürzten auf die Seite. Steine, die nie das Tageslicht erblickt

hatten, guckten nun über die Meeresfläche auf ... Alles war anders als

sonst; niemand konnte sich erinnern, je einen solchen Tiefstand des

Wassers erlebt zu haben.

[Illustration]

Mehr als die Hälfte des alten Pfahls ragte über die Wasserfläche

hervor, und er war außer sich vor Entzücken. Die Sonne trocknete

ein gutes Stück seines Innern, und er hatte ein Gefühl wie nie

zuvor. Er konnte über das Land hinsehen, wo der Wald stand, in dem

er aufgewachsen war; und es war, als ob sich der Nebel vor seiner

Erinnerung höbe.

„Wart’ ein wenig ... wart’ ein wenig!“ rief er. „Jetzt erinnere ich

mich daran ... Jetzt weiß ich es. ... Dort in jenem Walde habe ich

einmal gestanden und war lebendig und grün ... mit Blättern angetan ...“

„Schrei nicht so laut,“ ermahnte die alte Auster, die dicht unter der

Oberfläche des Wassers saß. „Du zitterst ja, daß das Wasser von mir

wegplätschert.“

„Ja, aber jetzt erinnere ich mich!“ rief der Pfahl entzückt. „Es taucht

alles wieder vor mir auf ... Es standen Blumen in dem Walde ... und die

Vögel sangen.“

„Sehr wohl möglich, lieber Pfahl,“ sagte die Auster. „Ich ehre deine

Gefühle. Es sind vermutlich solche Blumen gewesen, wie die Menschen

sie auf den Tisch stellen, wenn sie mich verspeisen. Aber die

Geschichte hier fängt wahrhaftig an, unangenehm zu werden. Ich bin oben

schon halb trocken ... Sinkt das Wasser noch einen Zoll, so muß ich den

schändlichsten Tod erleiden, der einer Auster widerfahren kann.“

Doch der alte Pfahl hörte und verstand nichts von dem, was sie sagte.

„Jetzt erinnere ich mich!“ rief er immer wieder. „Jetzt erinnere ich

mich an alles! Ich bin einmal in alten Tagen eine +Brücke+ gewesen. Sie

haben mich in den Erdboden eingerammt und haben mir eine Leibbinde von

Eisen gegeben, damit der Bohrwurm mich nicht zerstören sollte ...“

In diesem Augenblick ertönte in seinem Innern ein herzzerreißender

Seufzer.

„Ich sterbe ... Ich sterbe!“ stöhnte der Bohrwurm. „Die Sonne verbrennt

mich bei lebendigem Leibe ... Wasser ... Wasser ... Wasser!“

Da erwachte der Pfahl aus seinen Kindheitsträumen und wurde wieder der

brave Kerl, der in erster Linie für das Wohl seiner Gäste besorgt ist.

„Herr Gott! Herr Gott! Was sollen wir nur tun!“ rief er aus. Und er

schlug und peitschte mit seinem ehrwürdigen Tangbart, aber er erreichte

kaum noch das Wasser.

„Wir sterben! Wir sterben!“ seufzten die zwölf jungen, schönen Austern,

die in seinem Barte hingen. „Wasser ... Wasser ... Wasser!“

Und der Bohrwurm gab schließlich den Geist auf, und auch die zwölf

jungen, schönen Austern atmeten ihre Seelen in den klaren Sonnenschein

aus, so daß der alte Pfahl ganz verzweifelt war.

„Es hält schwer,“ sagte die alte Auster. „Aber es geht noch.“

Am folgenden Tage stieg das Wasser zu seiner alten Höhe.

„Gott sei Dank,“ sagte der Pfahl, als er wieder ganz vom Wasser umspült

wurde.

„Wir wollen erst sehen, was daraus wird,“ warnte die Auster. „Ich habe

ganz sonderbare Ahnungen.“

Und das Wasser stieg und stieg, und es begann zu wehen. Und der Wind

wurde zum Sturm. Von den Häusern an der Küste wurden die Dachziegel

herabgeweht. Zwei Boote kenterten, und die Menschen, die darin waren,

ertranken jämmerlich. Der alte Pfahl schwankte bedenklich unten am

Grunde. Die Steine auf dem Meeresboden stürzten rings um ihn um; sie

fielen aufeinander und zermalmten die Austern, die auf ihnen saßen.

Schlamm wurde vom Lande her in ganzen Wogen ins Meer geschwemmt und

bedeckte die Austern, die auf dem Sande saßen, so daß sie jämmerlich

erstickten.

Als der Sturm drei Tage lang gewütet hatte, ließ er endlich nach. Es

saßen noch sechs Austern an dem Pfahl unterhalb der alten. Der Pfahl

selbst war gerade über der Stelle, wo die Auster saß, zerbrochen, und

seine obere Hälfte schwamm Gott weiß wo.

„Da kannst du es selbst sehen,“ sagte die Auster. „Die sechs sind die

einzigen, die von meinem ungeheuern Kinderschwarm übriggeblieben sind.“

Da lachte der Pfahl auf eine sonderbare, einfältige, demütige Art, ohne

daß er Grund zum Lachen gehabt hätte. Er war nicht mehr ganz klar im

Kopfe. Ob der Anblick des Waldes daran schuld war und das Erwachen der

alten Erinnerungen oder der jämmerliche Tod, den so viele von seinen

Logiergästen erlitten hatten, oder der Verlust, den ihm selber der

Sturm zugefügt hatte ... genug, er hatte den Verstand verloren und

faselte allerhand dummes Zeug.

Das machte den jungen Austern ungeheuern Spaß.

Wenn sie zusammen von ihrer Vornehmheit sprachen und all dem Staat,

den die Menschen später mit ihnen machen würden -- von etwas anderm

sprachen sie nämlich nicht --, dann schwatzte der Pfahl mit, ganz als

ob auch er gegessen werden und mit Champagner hinuntergespült werden

sollte ... Und darüber lachten die Austern so sehr, daß sie beinahe

nicht mehr aufhören konnten.

Und mit der Zeit, als ein Jahr und zwei und drei Jahre verstrichen,

wurde der Pfahl immer spaßiger.

Er verfaulte immer mehr, und fortwährend lösten sich große Stücke von

ihm los, so daß er zuletzt eine ganz lächerliche Figur abgab.

„Du siehst aus wie ein ~S~,“ sagte eine von den jungen Austern.

„Das bedeutet Schampanjer,“ sagte der Pfahl vergnügt. Denn er war recht

einfältig und hatte nie buchstabieren gelernt.

Darüber lachten die jungen Austern so sehr, daß sie beinahe von dem

Pfahl abgefallen wären; doch die alte Auster befahl ihnen zu schweigen.

[Illustration]

„So etwas erlebt man so oft,“ sagte sie. „Das passiert alten

Dienstboten in vornehmen Häusern recht häufig. Sie haben sich so in

den Gedankengang der Herrschaft eingelebt, daß sie glauben, sie selbst

gehörten mit zur Familie. Das ist komisch. Aber es liegt doch auch

etwas Schönes und Rührendes darin.“

Da kam eines Tages im Oktober der Fischer auf dem Meeresgrunde

dahergewandert, mit der Taucherglocke auf dem Kopfe.

„I, da haben wir sieben schöne Austern,“ rief er erfreut aus.

„Jetzt kommt der große Augenblick,“ sagte die alte Auster.

Und der Fischer zog sein Messer hervor und wollte sie losschaben. Aber

als er die erste anrührte, zerbrach der Pfahl. Da warf er ihn mit allen

Austern in seinen Korb.

Als er ans Land kam, wurden die Austern abgenommen, eingepackt und in

die Hauptstadt geschickt. Der alte Pfahl aber wurde auf den Misthaufen

des nächsten Dorfes geworfen.

Da lag er in der Sonne und verfaulte im Nu; er knisterte vor Vergnügen

und murmelte vor sich hin:

„Lichter ... Blumen auf dem Tisch ... Legt mich auf Eis ... Champagner

...“

[Illustration]

Der Sperling.

Die Schwalbe war schlechter Laune. Sie setzte sich aufs Dach, dicht

neben den Starkasten, und ließ die Flügel hängen.

„Keine Mücke ist aufzutreiben!“ piepste sie kläglich. „Und ich bin so

hungrig, so hungrig.“

„Und ich hab’ heute noch keinen einzigen Wurm erwischt,“ sagte der Star

und schüttelte den klugen Kopf.

[Illustration]

Drüben auf dem gepflügten Felde, gerade vor der Gartenhecke, stand der

Storch und sah ganz melancholisch aus.

„Von euch hat wohl keiner einen Frosch gesehen?“ fragte er. „Unten im

Moor ist keiner; und ich habe heute noch nicht gefrühstückt.“

Da kam die Drossel geflogen und setzte sich auf das Dach des

Starkastens.

„Wie ihr die Flügel hängen laßt,“ sagte sie. „Was ist euch denn?“

„Ach,“ antwortete der Star, „nichts Besonderes, aber die Blätter fangen

an zu fallen, und die Schmetterlinge und Fliegen und Würmer sind

verzehrt.“

„Ja, das ist ja allerdings schlimm für euch,“ sagte die Drossel.

„Etwa nicht ebenso schlimm für dich, du Großmaul?“ sagte die Schwalbe.

Aber die Drossel trillerte vergnügt und schüttelte den Kopf.

„Durchaus nicht,“ sagte sie. „Hab’ ich doch immer noch die Tannen, die

verlieren nie die Blätter. Und dann kann ich noch viele Wochen lang von

all den herrlichen Beeren im Walde leben.“

„Wir wollen aufhören mit dem Gezänk,“ erklärte der Storch. „Wir wollen

lieber beratschlagen, was wir tun sollen.“

„Da ist wirklich nicht viel zu überlegen,“ antwortete der Star. „Wir

haben keine Wahl. Wir müssen abreisen. Alle meine Jungen fliegen jetzt

ganz gut; wir haben alle Morgen auf der Wiese exerziert. Ich habe sie

schon darauf vorbereitet, daß wir in den nächsten Tagen abreisen.“

Das leuchtete den anderen Vögeln ein, außer der Drossel, die meinte, es

habe keine Eile. Man verabredete also, am nächsten Tage unten auf der

Wiese zusammenzukommen, um Musterung unter den Reisegefährten zu halten.

Dann flogen sie auseinander, jeder seines Weges; aber oben unter dem

Dache saß der Sperling, und der hatte gehört, wovon sie sprachen.

„Ach, wer doch mitreisen könnte!“ dachte er. „Ich möchte so gerne die

fremden Länder sehen. Die Schwalbe, die gleich nebenan wohnt, hat

mir erzählt, wie schön es da ist. Da gibt es eine Menge Fliegen und

Kirschen und Getreide und solch wundervolle Wärme. Aber mich fordert

niemand auf mitzufliegen. Ich bin nur ein armseliger Sperling; und die

andern sind reiche, vornehme Vögel.“

[Illustration]

Lange saß er so da und dachte über die Sache nach; und je mehr er

nachdachte, desto betrübter wurde er. Als die Schwalbe am Abend nach

Hause kam, bat der Sperling, ob er nicht mitreisen dürfe.

[Illustration]

„Du? Du willst mit?“ rief die Schwalbe und lachte ihn höhnisch aus.

„Die Reise würdest du bald satt bekommen! Es geht in fliegender Fahrt

über Land und Meer und über Berg und Tal. Viele, viele Meilen fliegen

wir ohne Unterbrechung, ohne uns auszuruhen. Wie kannst du glauben, daß

deine kurzen Flügel dich so weit tragen können!“

„Ach, ich möchte so gerne mit!“ bat der Sperling. „Könntest du mir

nicht die Erlaubnis verschaffen, daß ich mit den andern fliegen darf?

Ich habe Ausdauer, und ich werde schon mitkommen.“

„Ich glaube, du bist verrückt,“ sagte die Schwalbe. „Du vergißt wohl,

wer du bist.“

„O nein,“ erwiderte der Sperling.

Aber die Schwalbe machte sich daran, ihn über seine soziale Stellung zu

belehren.

„Siehst du,“ sagte sie, „der reiche Kaufmann, der diesen Sommer über

hier in seinem Landhause gewohnt hat, ist jetzt in die Stadt gereist,

und der Baron von Taarnholm hat es ebenso gemacht. Die Maler, die sich

hier draußen aufgehalten haben, sind gleichfalls in Kopenhagen ... Und

erst im nächsten Frühjahr kommen sie wieder hier heraus. So machen

wir vornehmen Vögel es auch. Sobald wir den Winter spüren, reisen

wir dahin, wo es besser zu wohnen ist -- nach den warmen Ländern im

Süden. Aber ihr armen Burschen müßt natürlich zu Hause bleiben und Not

leiden. So hat unser Herrgott nun einmal die Welt eingerichtet ... Dem

Taglöhner und Kätner und anderen kleinen Leuten geht es nicht anders.“

Der Sperling schwieg zu dieser langen Rede still. Aber während die

Schwalbe in ihrem Neste schlief, lag er wach und weinte über sein

hartes Schicksal. Er hatte keineswegs die Hoffnung aufgegeben, doch

noch mitzukommen.

Am folgenden Tage kamen die Vögel aus allen Himmelsgegenden geflogen

und stellten sich unten auf der Wiese auf. Da waren Stare und Störche

und Schwalben und viele kleine Singvögel. Aber weder der Kuckuck noch

die Nachtigall waren darunter, denn die waren längst abgereist.

„Angetreten!“ kommandierte ein alter Storch, der zwanzigmal in Ägypten

gewesen war und darum als der Klügste von allen galt.

Alle Vögel stellten sich auf; und nun gingen die ältesten und

erfahrensten im Kreise herum und sahen nach, ob man sein Reisegepäck

in Ordnung habe. Alle, die zerzauste Flügel hatten, und denen

Schwanzfedern fehlten, oder die nicht gesund und frisch aussahen,

wurden verworfen und fortgejagt. Gehorchten sie nicht gleich, so wurden

sie ohne Barmherzigkeit totgeschlagen.

Auf einmal entstand ein großer Spektakel, als man den Sperling

entdeckte, der unbemerkt hinzugeflogen war und sich mit den anderen in

Reih und Glied aufgestellt hatte.

„So ein Bürschchen!“ rief der Star. „Er will auch mit!“

„So ein paar Flügel!“ spottete die Schwalbe; „mit denen glaubt er nach

Italien fliegen zu können.“

Und alle Zugvögel machten ein großes Geschrei und lachten den armen

Sperling aus, der ganz erschrocken mitten in dem Kreise saß.

„Ich weiß es wohl,“ sagte er ganz demütig, „ich bin nur ein armseliger

kleiner Sperling. Aber ich möchte so gerne die warmen, schönen Länder

sehen. Versucht es doch und nehmt mich mit! Ich werde schon meine

Flügel zu gebrauchen wissen. Ich bitte euch herzlich darum.“

„Ein naseweiser Kerl ist’s,“ sagte der alte Storch. „Aber sein elendes

Leben wollen wir ihm lassen. Jagt ihn geschwind weg!“

Da jagten die Vögel den Sperling weg, und er versteckte sich ganz

unglücklich unter dem Dache. Aber als die Musterung zu Ende war, fingen

die Zugvögel an davonzuziehen. Schwarm um Schwarm flog durch die Lüfte

von dannen, und der Sperling guckte ihnen vom Dache her traurig nach.

„Jetzt sind sie alle fort,“ sagte er, „und niemand außer mir ist

zurückgeblieben.“

„Ich bin auch noch hier!“ krächzte die Krähe.

„Und ich auch!“ sagte der Buchfink.

„Und ich, nicht zu vergessen, mit Verlaub!“ piepste die Kohlmeise.

„Ja,“ sagte der Sperling, „so geht es. Es kommt, wie die Schwalbe sagt.

Wir armen Vögel müssen hier bleiben und Not leiden!“

* * * * *

[Illustration: „Auf einmal entstand ein großer Spektakel, als man den

Sperling entdeckte ...“]

Der Winter war gekommen.

Auf allen Feldern lag Schnee, und die Gewässer waren zugefroren. Die

Blätter lagen tot und zerknittert am Boden; und keine anderen Blumen

waren da als hier und dort ein kümmerliches verfrorenes Gänseblümchen,

das sich von dem gelben Grase abhob.

Und die Fliegen und Mücken und Schmetterlinge und Maikäfer waren tot.

Die Natter hielt ihren Winterschlaf und die Eidechse desgleichen. Auf

dem Grunde des Teiches hatte der Frosch sein Winterquartier bezogen. Er

saß ganz tief im Schlamm, nur das Maul ragte hervor; und so gedachte er

den ganzen Winter über zu sitzen.

Den Vögeln, die zurückgeblieben waren, ging es jedoch gar nicht so

schlecht.

Die Krähen hatten jeden Abend große Gesellschaft in dem Wäldchen und

krächzten und schwatzten, daß man es weit, weit hören konnte. Der

Buchfink und die Kohlmeise hüpften vergnügt in den Büschen umher und

pickten auf, was sie finden konnten.

[Illustration]

Nur der Sperling war beständig verzagt. Er saß auf dem Dachfirst und

kroch in sich zusammen und dachte die ganze Zeit an die Zugvögel.

„Jetzt sind sie da unten,“ sagte er. „Hier liegt Schnee und Eis. Aber

im Süden in den wunderschönen, warmen Ländern ist ewiger Sommer.

Hier habe ich kaum das trockene Brot, aber da unten schwelgen sie im

Überfluß. Ach, wer doch mitgereist wäre!“

„Komm herunter zu uns!“ riefen der Buchfink und die Kohlmeise.

Aber der Sperling schüttelte den Kopf und blieb auf dem Dache sitzen.

„Ich sterbe vor Sehnsucht, ich kann es nicht aushalten!“ schrie er und

machte einen langen Ausflug durch die Luft, um sein Blut zu beruhigen.

Aber es half nichts. Wo er auch hinkam, alles kam ihm ärmlich und kahl

vor. Draußen auf dem Felde stieg die Lerche empor und sang ihre Triller.

„Guten Morgen, Spatz!“ zwitscherte sie. „Es freut mich zu sehen, daß

du daheim geblieben bist. Ich bleibe auch hier, solange ich es nur

aushalten kann. Es ist so wunderschön hier in der Heimat, und im

Winter. Sieh nur, wie sich die Bäume mit Reif geschmückt haben, und wie

blank das Eis und wie glänzend weiß der Schnee ist!“

„Hier ist’s erbärmlich,“ erwiderte der Sperling. „Armut und Not

allerwegen.“

Aber die Lerche hörte gar nicht, was er sagte; jubelnd flog sie weiter.

„Rab!“ krächzten die schwarzen Dohlen. „Der Winter ist gar nicht so

schlimm.“

[Illustration]

Und stolz spazierten sie auf dem Felde umher und sahen sich nach allen

Seiten um, denn sie wußten, daß sie sich gut ausnahmen auf dem weißen

Schnee.

Mutter Natur erzählt · 第 6 / 13 段