„Es ist und bleibt nun einmal +unser+ Vogel,“ sagte der Geißfuß. „Wenn

sie sich auch anders aufführt wie andere Vögel, jedenfalls hat sie uns

die Ehre und das Vertrauen erwiesen, sich in uns anzubauen; und darum

verlangen wir, daß sie respektiert wird.“

„Hat sich was, so ein Vogel!“ höhnten die Zweige.

„Auf alle Fälle ist sie besser als gar nichts,“ sagte die Petersilie.

„Solche Wichte wie ihr sollten das Maul halten,“ fügte der Geißfuß

hinzu. „In euch baut sich wahrhaftig niemand an.“

„Ein Vogel ist sie nicht,“ begann die Maus. „Aber darum kann sie ja

doch etwas taugen. Ich glaube, daß sie eine arme, unglückliche alte

Jungfer ist, die sich mit dem Leben überworfen hat. Vielleicht hat ihr

Liebster sie im Stiche gelassen. So etwas tut weh. Mein erster Mann

ist mit einer weißen Maus fortgelaufen, gerade als ich meine Jungen

bekommen hatte. Ich spreche aus Erfahrung.“

„Das mag wohl sein,“ sagte die Petersilie nachdenklich. „Aber was ist

da zu tun?“

„Wir müssen sehen, sie glücklich zu machen,“ meinte die Maus. „Fährt

sie fort, ein so einsames Leben zu führen, so wird sie mit jedem

Tage verbitterter, und zuletzt werden alle weicheren Regungen in ihr

erstickt werden. Könnten wir nur einen Mann für sie finden!“

„Ja -- könnten wir nur!“ seufzte die Petersilie.

„Dann baut sie sich vielleicht ein richtiges Rest mit kleinen Eiern

drin,“ sagte der Geißfuß.

In diesem Augenblick streckte die Spinne mit den Worten: „Wovon

schwatzt ihr?“ den Kopf unter dem Blatte hervor.

„Wir schwatzen von dir,“ erwiderte die Maus. „Wir sprachen soeben

davon, daß du dich verheiraten solltest. Es ist auf die Dauer nicht

gut für ein Frauenzimmer, allein zu sein. Davon wird man wunderlich

und sauertöpfisch. Du solltest nur wissen, wie reizend es ist, seinen

lieben Kinderchen zuzusehen und ihnen zu essen zu geben und sie leben

zu lehren.“

„Gefasel!“ brummte die Spinne.

[Illustration]

„Es ist die Bestimmung der Natur,“ sagte die Maus. „Und du magst sagen,

was du willst, ich werde doch für dich tun, was in meinen Kräften

steht. Auf meinem Wege an der Hecke entlang sehe ich jeden Tag eine

Menge Spinnen. Sie sind zwar viel kleiner als du, aber sonst doch recht

nett. Vielleicht treffe ich eine große. Der sage ich dann, daß hier

eine schöne Jungfrau sitzt und sich nach einem Freier sehnt.“

„Dann sagst du eine arge Lüge,“ fiel die Spinne ihr ins Wort. „Und

du brauchst auch nicht nach einem Freier zu suchen, der größer ist

als ich; denn unsere Mannsleute sind allesamt +jämmerliche kleine

Krüppel+. Keine von uns Spinnen glaubt, daß die Männer etwas wert

sind, mußt du wissen. Wir haben längst verstanden, daß es nur die

Frauenzimmer sind, an denen etwas dran ist.“

[Illustration]

„Jetzt laufe ich,“ sagte die Maus. „Ich finde schon den Rechten. Und

ich glaube bestimmt, daß du viel liebenswürdiger werden wirst, wenn du

dich verliebst.“

„Lauf du nur, kleine Maus,“ sagte die Spinne. „Der Mann wird nie

geboren, der +mir+ gefallen könnte. Aber +du+ hast ja nichts anderes im

Kopf, als Liebe und dergleichen Unsinn.“

Sie tötete eine Fliege, spann sie ein und hängte sie auf; und dann

verbarg sie sich unter dem Blatte. Die Maus dagegen lief fort, während

die Petersilie und der Geißfuß die Köpfe zusammensteckten und die

Zukunft besprachen.

Am nächsten Vormittag saß ein wirklich netter Spinnenherr auf der

Petersilie, aber ein gutes Ende von der bissigen Jungfrau entfernt.

Er hatte seine Fühler geputzt und spann ein paar schöne Fäden, um zu

zeigen, was er könne. Und er bog und streckte die Beine, damit sie

sehen konnte, welch gute Figur er habe. Sieben seiner Augen strahlten

vor Verliebtheit, während das achte aufpaßte, daß sie ihn nicht fraß.

„Erlauben Sie, Jungfrau, daß ich Ihnen Herz und Hand anbiete,“ sagte er.

„Er kann seine Worte beweisen,“ sagte die Petersilie.

„Ein reizender Mann!“ lobte der Geißfuß. Und die Maus erzählte, daß sie

ihn hergeschickt habe.

Doch die Jungfrau blieb kühl. „Der Tropf,“ sagte sie.

Aber der Spinnenherr räumte das Feld nicht so leicht. Er bog zierlich

den Vorderkörper, ließ zwei Augen aufpassen, daß ihm nichts zustieß,

die andern sechs aber sahen noch einmal so verliebt aus.

„Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen zur Last fallen will,“ beteuerte er.

„Ich habe mein eigenes Gespinst ein Stück weiter unten auf der Hecke

und kann bequem die paar Fliegen fangen, die ich brauche. Ich habe

sogar fünf schöne, fette aufgehängt und eingesponnen, und es wird mir

eine Ehre sein, sie Ihnen morgen anzubieten, damit Sie sehen, daß mich

nur die Liebe treibt.“

„Wie du faselst!“ spottete die Jungfrau. „Was zum Teufel sollte ich mit

einem so erbärmlichen Mannsbild anfangen?“

„Gott bewahre,“ sagte er -- und jetzt war nur noch ein verliebtes

Auge vorhanden, so grimmig sah sie aus. „Kommt meine Bewerbung Ihnen

ungelegen, so ziehe ich mich auf der Stelle zurück und warte, bis Sie

ein andermal ...“

„Ich glaube, das ist das Ratsamste für dich,“ sagte sie. „Sieh zu, daß

du schleunigst fortkommst, oder ich werde ...“

Da ließ er sich im Nu an einem Faden hinab, während sie hinter ihm

hereilte. Aber er entkam, und ein Weilchen darauf saß sie wieder in

ihrem Gespinst und sah sauertöpfischer aus als je.

„So ein Frauenzimmer!“ sagte die Maus.

„Ja ... nicht wahr!“ höhnte die Spinne. Doch die Petersilie wollte

einlenken:

„Man kann doch auch nicht den ersten besten nehmen.“

Und der Geißfuß tröstete: „Es war nur nicht der Rechte.“

Währenddessen lief der unglückliche Bewerber in der Hecke umher und

erzählte den anderen Spinnenherren von der schönen, merkwürdigen

Dame, die ihr Gespinst zwischen dem Geißfuß und der wilden Petersilie

ausgespannt habe.

[Illustration]

„Sie ist +so+ groß,“ berichtete er und spreizte dabei seine Beine,

soweit er konnte. „Ich habe nie in meinem Leben etwas so hübsches

gesehen. Aber stolz ist sie ... unglaublich stolz. Mir ist so weh ums

Herz, weil sie mir einen Korb gegeben hat, und das ist sicher mein Tod.

So viel steht jedenfalls fest: ich heirate nie!“

Alle hörten ihn mit großen Augen an und wollten es noch einmal hören.

Und es dauerte nicht lange, so erzählte man sich auf der ganzen Hecke

von der stolzen und schönen Spinnenprinzessin. Sobald die Mannsleute

mit ihrem Tagewerk fertig waren, kamen sie zusammen und sprachen von

ihr. Alle wurden nach und nach von Liebe zu ihr ergriffen, so daß sie

meinten, gar nicht ohne sie leben zu können.

Einer nach dem anderen zog aus, um die Hand der Schönen anzuhalten, und

allen erging es gleich jämmerlich.

Der erste war ein flotter Bursche. Er hatte den unglücklichen Freier

gewaltig verhöhnt, weil er der Prinzessin die fünf eingesponnenen

Fliegen versprochen, die er daheim im Neste hatte.

„Aus solchen Versprechungen machen sich die Frauenzimmer nichts,“ sagte

er. „Sie müssen es auf der Stelle bar ausbezahlt bekommen. Sieh einmal,

wie ich es machen werde!“

Und er kam mit einer prächtigen Schmeißfliege zu der Jungfrau und legte

sie ihr ohne ein Wort zu Füßen.

Doch sie empfing ihn anders, als er erwartet hatte.

„Sollte ich mich von einer Mannsperson ernähren lassen?“ schrie sie.

Und bevor er sich’s versah, hatte sie sich über ihn hergemacht und ihn

gefressen. Die Fliege ließ sie zunächst verächtlich liegen; doch im

Laufe des Nachmittags, als sie glaubte, daß keiner es sähe, ließ sie

sich an einem der Fäden hinunter und fraß auch sie.

Nicht besser erging es den Freiern, die nach ihm kamen.

Sechs von ihnen fraß sie, während sie mitten in ihrer Freiersrede

waren; nur zweie ließ sie nicht einmal den Mund auftun. Einen

erwischte der Star, gerade als er seine Reverenz machen wollte, und

einer fiel, als sie ihn ansah, vor Schreck in den Graben und ertrank

sofort.

„Nun wären es zwölf,“ sagte die Maus.

„Ich habe sie nicht gezählt,“ erwiderte die Spinne. „Aber jetzt wird

man mich wohl in Frieden lassen.“

„Du bist ein entsetzliches Frauenzimmer,“ sagte die Maus. „Ich

prophezeie dir, daß du es erleben wirst, kinderlos in dein Grab zu

gehen.“

Da machte die Spinne zum erstenmal ein nachdenkliches Gesicht.

„Es ist zu dumm, daß man die Kinder nicht bekommen kann, ohne einen

Mann zu haben.“

„Jetzt schmilzt ihr hartes Herz,“ sagte die Maus.

Und die Petersilie und der Geißfuß riefen „Oh“ und „Ah“ vor Neugier.

Doch die Spinne zerstörte alle Hoffnungen. „Gefasel!“ sagte sie.

Aber sie sah noch immer nachdenklich aus, betrachtete ihre Kämme und

bemerkte gar nicht, daß eine Fliege in ihr Netz flog. Kurz darauf sagte

sie:

„Man müßte ja eigentlich doch dafür sorgen, ein paar tüchtige

Spinnenmädel in die Welt zu setzen. Ich vermute, es ist meine Pflicht,

Erben zu hinterlassen, denen ich meine Verachtung der elenden

Mannsbilder vermachen kann.“

„Sie nimmt Vernunft an!“ flüsterte die Maus.

Und der Geißfuß und die wilde Petersilie nickten, aber keiner von

ihnen sagte etwas, um sie nicht in ihren Betrachtungen zu stören.

Doch die Maus rannte die Hecke entlang und rief alle überlebenden

Spinnenherren zusammen.

„Der, der +morgen+ um die Prinzessin anhält, bekommt sie,“ verkündete

die Maus. „Sie ist nicht wiederzuerkennen. Das Eis ist geschmolzen.

Ihr Herz ist wie Wachs. Sie fangt keine Fliegen, ißt nicht und trinkt

nicht, sitzt bloß und starrt sehnsüchtig in die Luft hinaus. Beeilt

euch!“

Nach diesen Worten lief die Maus weg.

Aber die Spinnenherren sahen sich nachdenklich an. Keiner von ihnen

hatte so recht den Mut, noch einen Versuch zu wagen; zu schlimm war es

den zwölfen ergangen; und ein paar von den Vernünftigsten kletterten

sogar flugs in die Höhe und verkrochen sich unter den Blättern, um

nicht in Versuchung zu kommen.

Nur wenige blieben zurück und dachten über die Worte der Maus nach;

unter ihnen war auch ein kleiner, dünner, junger Spinnenherr, der

immer zugehört hatte, wenn die anderen von der wunderbaren Prinzessin

sprachen, aber nie selbst etwas gesagt hatte.

„Ich glaube, +ich+ mache den Versuch,“ erklärte er plötzlich.

„Du?“ riefen die anderen durcheinander.

Und sie fingen an, bei dem Gedanken zu lachen, daß der Wicht das

durchsetzen sollte, wobei schon so mancher kecke Spinnenbursch sein

Leben eingebüßt hatte.

Aber der Kleine ließ sie lachen, soviel sie wollten.

„Ich denke, ich komme keinem von euch ins Gehege,“ sagte er ruhig.

„Von euch wagt es ja doch keiner. Und ich habe eben Lust, den Versuch

zu machen. Ich bin da gewesen und habe sie mir angesehen; sie ist,

weiß Gott, ein schönes Frauenzimmer. Hat sie zwölf Freier verworfen,

so nimmt sie vielleicht den dreizehnten. Ich glaube auch, die anderen

haben sich falsch benommen.“

„So, das glaubst du also?“ sagten die anderen und lachten weiter. „Und

wie willst +du+ dich denn benehmen?“

„Ihr könnt mitgehen und selbst sehen,“ erwiderte er. „Morgen halte ich

um sie an.“

Und am nächsten Morgen tat er es wirklich.

[Illustration]

Er kam auf seinen acht Beinen angekrabbelt, ganz ruhig und bedächtig.

Ein Stück hinter ihm kam alles, was es an Spinnenmannsleuten auf der

Hecke gab. Die langen Zweige auf den Baumstümpfen reckten den Hals,

um ihn zu sehen, und die Petersilie und der Geißfuß breiteten ihre

Blüten und Blätter aus, damit ihm das Gehen möglichst leicht fallen

sollte. Die Maus stand vor Neugier auf den Hinterbeinen und stierte und

lauschte.

Die Prinzessin selbst aber saß in ihrem Netze und tat so, als sähe sie

ihn nicht.

„Erlauchte Prinzessin,“ begann er. „Ich komme, Sie zu fragen, ob Sie

mich zum Manne nehmen wollen?“

„Das ist der dreizehnte,“ sagte sie.

Aber im stillen dachte sie, daß sie ihn besser leiden mochte als die

andern. Sie hatten sie sämtlich +zur Frau nehmen+ wollen ... der hier

bat, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte. Das klang bescheiden und

hübsch.

„Sie gibt nach,“ rannte die Maus und tanzte vor Entzücken.

„Pst!“ rief die Petersilie.

„St!“ sagte der Geißfuß.

Und die Spinnenherren flüsterten einander zu: „Sie hat ihn noch nicht

gefressen!“

„Ich weiß wohl, daß es anmaßend von mir ist, eine solche Bitte an Sie

zu richten,“ sagte der Freier. „Was ist eine arme Mannsperson wohl

gegenüber einem Weibe, und was ist speziell ein elender Bursche wie ich

Ihnen gegenüber, die Sie die größte und schönste Dame der ganzen Hecke

sind. Aber das ist’s just, was mich zu Ihnen zieht.“

Da drehte sich die Spinne nach ihm um und sah ihn an. Er wäre fast vor

Schreck in den Erdboden versunken und schlug seine acht Augen vor ihr

nieder. Alle die andern Spinnenherren stürzten von dannen, so schnell

sie konnten.

„Jetzt frißt sie ihn,“ riefen der Geißfuß und die Petersilie.

„Sie ist ein liebliches Mädchen,“ triumphierten die Zweige auf den

Baumstümpfen.

„Ein entsetzliches Frauenzimmer ist es!“ sagte die Maus.

Aber sie fraß ihn nicht.

Sie nahm eine Fliege, die gerade in ihr Netz flog, biß sie tot und

schickte sich an, sie in Ruhe und Bequemlichkeit zu verzehren, wobei

sie ihn unausgesetzt aufmerksam beobachtete.

Ein gräßlicher Wicht war er, besonders jetzt, wo er am ganzen Körper

zitterte, weil er glaubte, daß sein letztes Stündlein geschlagen habe.

Aber so hatte sie ihn gerade gern. Sie war der Ansicht, das passe

gerade zu einem Mannsbild. Und als er sah, daß sie keine Miene machte,

auf ihn loszufahren, ermannte er sich so weit, daß er seine Rede

beenden konnte.

„Ich verstehe so gut, daß Sie an mir nichts besonders Hübsches finden

können,“ sagte er. „Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, und

ich bin nur eine arme Mannsperson. Aber wenn ich Vater einer Tochter

werden könnte, die Ihnen gliche, so würde ich mein Lebensziel für

erreicht halten und demütig für mein Glück danken.“

Da geschah das Wunderbare. Sie nahm ein Fliegenbein und warf es ihm

hin, was bei den Spinnen dasselbe bedeutet wie Ja.

Bebend vor Glück und Angst, kroch er näher zu ihr hin.

„Gut,“ sagte sie, „ich nehme dich. Aber gib acht, daß du mich nicht

ärgerst! Denn dann fresse ich dich.“

„Sie hat ihn genommen!“ rief die Maus und geriet außer sich vor Freude.

„Sie hat ihn genommen!“ sagten der Geißfuß und die Petersilie.

„Sie hat ihn genommen!“ sagten die Zweige auf den Stümpfen und

raschelten vor lauter Verwunderung.

„Sie hat ihn genommen!“ riefen die Spinnenherren, die zurückgekommen

waren, aber jetzt wieder davonliefen, teils um die Neuigkeit rings auf

der Hecke zu verkünden, teils um nicht zur Hochzeit gefressen zu werden.

Und die Hochzeit wurde wirklich gefeiert.

Auf der ganzen Hecke herrschte ein Jubel ohnegleichen, und die Maus

war die froheste von ihnen allen; denn das Ganze war ja ihr Werk. Oder

vielleicht waren die wilde Petersilie und der Geißfuß noch froher;

denn sie sollten ja nun in ihren Wipfeln das Familienleben haben, nach

dem sie sich so lange gesehnt hatten, und das sie im Range mit den

richtigen Sträuchern gleichstellte. Und sogar die Zweige auf den alten

Stümpfen wurden von der allgemeinen Freude angesteckt und vergaßen

ihren Neid.

Die Hochzeit wurde sofort begangen, denn man hatte ja auf nichts zu

warten. Die Petersilie und der Geißfuß ließen allerorten ihre weißen

Blüten niederrieseln, um das Fest mitzufeiern. Die Maus schleppte ihre

Jungen auf die Hecke hinauf, damit sie das glückliche Brautpaar sehen

sollten, die Glockenblume läutete, der Mohn lachte, und die Winde

schloß ihre Blumenkrone eine halbe Stunde früher als sonst, um die

Neuvermählten nicht mit unzeitiger Neugier zu belästigen.

Die Braut fraß alle die Fliegen, die sie eingesponnen hatte, ohne dem

Bräutigam etwas davon anzubieten. Aber das machte nichts aus, denn sein

Glück saß ihm ganz oben im Halse, so daß er sowieso keinen Bissen

hätte hinunterbekommen können. Er machte sich so klein wie nur möglich.

Als sie ihm einmal mit einem von ihren Kämmen über den Rücken strich,

schüttelte er sich, so daß die anderen glaubten, er müsse sterben. --

-- --

Am nächsten Morgen war die Maus schon in der Frühe auf den Beinen.

„Habt ihr noch nichts von den jungen Eheleuten gesehen?“ fragte sie.

„Nein,“ erwiderte die Petersilie.

„Sie schlafen,“ meinte der Geißfuß.

„Ach,“ sagte die Maus, „was für ein Glück, daß wir sie endlich

verheiratet haben! Jetzt sollt ihr sehen, wie lieb und umgänglich sie

werden wird. Der Wunder, die die Liebe ausrichtet, gibt es kein Ende.

Und wenn Kinder kommen ...“

„Glaubst du, daß sie dann singen wird?“ fragte der Geißfuß.

„Ich glaube das Beste,“ entgegnete die Maus. „Sie sieht nicht danach

aus, als hätte sie eine Singstimme; aber wie gesagt -- die Liebe! Jetzt

sollt ihr bloß sehen, was für ein Glanz über ihr ist, wenn sie kommt.

Wenn wir sie nur wiedererkennen können!“

Und die Maus lachte, und die Petersilie und der Geißfuß lachten, und

die Sonne ging auf und lachte mit.

Schließlich kam die Spinne aus ihrem Blätterversteck hervorgekrabbelt.

„Viel Glück, viel Glück!“ piepste die Maus.

„Viel Glück, viel Glück!“ sagten der Geißfuß und die Petersilie.

Die Spinne aber streckte sich und gähnte. Dann ging sie hin und setzte

sich in ihr Netz, als ob nichts vorgefallen wäre.

„Wo ist der Herr Gemahl?“ erkundigte sich die Maus. „Kann er nicht so

schnell aus den Federn kommen?“

„Ich hab’ ihn heute morgen gefressen,“ antwortete die Spinne.

Da schrie die Maus, daß es über die ganze Hecke schallte. Und die

Petersilie und der Geißfuß zitterten, daß alle ihre Blüten abfielen.

Und die Zweige krachten wie im Sturm.

„Er sah so dumm und ekelhaft aus, wie er da neben mir saß,“ erklärte

die Spinne. „Da hab’ ich ihn gefressen. Er hätte ja seine Finger von

mir lassen können.“

„Gott steh uns bei!“ schrie die Maus. „Seinen eigenen, rechtmäßigen

Mann zu fressen!“

Und der Geißfuß und die Petersilie riefen „Ach!“ und „Weh!“

An diesem Tage blieb es merkwürdig still auf der Hecke, und es wurde

nicht lustiger an den folgenden Tagen.

Die Spinne gab acht auf ihr Netz und fing und fraß mehr Fliegen als

je. Sie sagte kein Wort und sah dabei so grimmig aus den Augen, daß

auch keiner ein Wort zu ihr zu sagen wagte. Die Spinnenherren hüteten

sich wohl, ihr zu nahe zu kommen. Sie versammelten sich jeden Abend und

sprachen davon.

„Ja, aber bekommen hat er sie doch,“ sagte derjenige von ihnen, der am

schwärmerischsten veranlagt war.

Da fielen die anderen über ihn her und fragten ihn, ob er es denn für

ein Glück halte, von seiner Frau am Hochzeitmorgen gefressen zu werden.

Und darauf wußte er nichts zu antworten, denn seine Schwärmerei war

nicht ganz echt.

Die Maus schlich ganz niedergeschlagen umher. Sie nahm sich die

Geschichte so zu Herzen, als wäre sie in ihrer eigenen Familie

passiert. Der Geißfuß und die wilde Petersilie ließen die Schirme

hängen und fühlten sich verlegen und beschämt gegenüber den Zweigen auf

den Stümpfen. Und so groß war die Niederlage, die sie erlitten hatten,

daß es sogar den Zweigen unrecht schien, sie zu verhöhnen. -- -- --

Doch eines Tages, als die Sonne heiß herniederbrannte, beugte sich die

Petersilie hinab an das Loch der Maus und flüsterte:

„Pst ... liebe Maus ...“

„Was gibt es?“ fragte die Maus und kam hervor.

„Wir sind es, der Geißfuß und ich. Wir wollen dich etwas fragen,“ sagte

die Petersilie. „Du bist so klug ... sag’ uns einmal ... hältst du es

für denkbar, daß die Spinne ein anderer Mensch werden wird, wenn sie

jetzt ihre Eier legen muß?“

„Ich glaube nichts mehr,“ erwiderte die Maus. „Ich glaube nimmermehr,

daß das Frauenzimmer Eier legt.“

Und doch kam es so.

Eines schönen Morgens begann die Spinne wirklich Eier zu legen; und

sie tat es so, daß keiner auf der Hecke die Geschichte je vergaß.

„Puh,“ klagte sie. „Daß man sich nun mit dem Kinderschnickschnack

plagen muß!“

Sie legte einen Klumpen von zehn Eiern und stand da und betrachtete ihn

ärgerlich.

„Bau’ dir ein Nest für die Eier,“ sagte die Petersilie. „Alles, was wir

besitzen, steht zu deiner Verfügung.“

„Leg’ dich darauf und brüte sie aus,“ setzte der Geißfuß hinzu.

„Wir werden ein Dach über dir flechten, damit die Sonne dich nicht

belästigt.“

„Sammle kleine Fliegen für die Kinder, wenn sie ausschlüpfen,“ riet die

Maus. „Du ahnst nicht, was solche Jungen fressen können.“

„Übe dich darin, ihnen etwas vorzusingen,“ ermahnten die Zweige auf den

Stümpfen.

„Blödsinn!“ war die Antwort der Spinne auf alle diese guten Ratschläge.

Sie legte noch vier Klumpen, und dann spann sie jeden Klumpen für sich

in ein dichtes und feines Gehäuse aus feinen, Fäden.

„Ganz ohne Herz ist sie nicht,“ sagte die Maus.

Und nun nahm die Spinne einen Klumpen, lief die Hecke hinunter und grub

ihn in die Erde ein. Dann ging’s wieder hinauf, der nächste Klumpen

wurde geholt und so fort, bis alle fünf Klumpen vergraben waren.

„So,“ sagte sie, „nun ist die Geschichte überstanden. Und keiner kann

mich überreden, die Sache noch einmal durchzumachen. Jetzt ist man

doch wieder ein freies, selbständiges Frauenzimmer.“

„Ein allerliebstes Frauenzimmer!“ sagte die Maus. „Ein Schimpf und eine

Schande ist sie für ihr Geschlecht.“

Und die Zweige auf den Baumstämmen sagten spöttisch: „Ein süßer,

kleiner Vogel!“

Aber der Geißfuß und die Petersilie sagten nichts.

* * * * *

Am nächsten Morgen war die Spinne fort.

„Der Star hat sie erwischt,“ erzählte die Maus. „Im Handumdrehen war

sie weg. Ich habe es selbst gesehen.“

„Wenn ihm nur nicht schlecht wird,“ sagten die Zweige. „Das muß ein

schlimmer Bissen sein.“

Dann wurde es Herbst und Winter.

Die Maus saß warm in ihrem Loch, und die Eier der Spinne lagen in der

schützenden Erde. Der Geißfuß und die Petersilie welkten und starben.

Die Zweige auf den Baumstümpfen verloren ihre Blätter, aber sie

raschelten weiter durch Sturm und Frost und Schnee bis ins Frühjahr

hinein.

Die Anemonen.

Kiwitt! Kiwitt! rief der Kiebitz und flog über das Waldmoor hin. „Nun

kommt der Junker Frühling. Ich kann es in den Beinen und in den Flügeln

spüren.“

Als das neue Gras unten in der Erde das hörte, schoß es gleich ein

Stück in die Höhe und guckte vergnügt zwischen den alten gelben Halmen

hervor; denn das Gras hat es nun einmal immer fürchterlich eilig.

[Illustration]

Auch die Anemonen drinnen im Walde zwischen den Bäumen hörten, was der

Kiebitz rief, aber sie wollten unter keiner Bedingung aus der Erde

heraus.

„Glaubt dem Kiebitz nicht,“ flüsterten sie sich zu. „Das ist ein

leichtsinniger Bursche, auf den kein Verlaß ist. Der kommt immer so

früh und macht ein großes Geschrei ... Nein, wir warten ganz ruhig, bis

der Star und die Schwalbe kommen. Das sind vernünftige, zuverlässige

Leute, die die Dinge besser verstehen.“

Und die Stare kamen.

Sie setzten sich auf den Pflock vor ihrer Sommervilla und schauten sich

um.

„Zu früh, wie gewöhnlich,“ murrte Vater Star. „Nicht ein grünes Blatt

und keine Fliege; nur eine alte, zähe vom vorigen Jahre, für die es

sich nicht den Schnabel aufzusperren lohnt.“

Mutter Star erwiderte nichts, aber sie sah gleichfalls nicht gerade

begeistert aus.

[Illustration]

„Wären wir doch nur in unserer gemütlichen Winterwohnung hinter den

Bergen geblieben,“ sagte Vater Star. Er war ärgerlich darüber, daß

seine Frau ihm nicht antwortete; denn ihn fror so, daß er meinte,

es würde ihm gut tun, ein wenig mit ihr zu zanken ... „Aber es ist

natürlich wieder deine Schuld, wie voriges Jahr. Du hast es immer so

furchtbar eilig damit, aufs Land zu kommen.“

„Wenn ich es eilig habe, so weiß ich auch wohl warum,“ entgegnete

Mutter Star. „Und du solltest dich schämen, wenn du es nicht auch

weißt, so wahr die Eier dir so gut gehören wie mir.“

„Gott behüte,“ sagte Vater Star beleidigt. „Wann hätte ich meine

Familie je verleugnet? Du verlangst vielleicht noch gar, daß ich dir

bei der Kälte etwas vorsingen soll?“

„Ja -- allerdings,“ erwiderte Mutter Star in einem Tone, dem er nicht

widerstehen konnte.

Er fing sofort an zu flöten, so schön er konnte. Aber als Mutter Star

die ersten Töne gehört hatte, schlug sie mit den Flügeln um sich und

hackte mit dem Schnabel auf ihn ein.

„Willst du wohl gleich aufhören!“ schrie sie erbost. „Das klingt ja so

traurig, daß es einem ordentlich zu Herzen geht. Sorge lieber dafür,

daß die Anemonen aufspringen! Ich meine, es ist Zeit. Und außerdem wird

es einem immer wärmer, wenn auch andere mitfrieren.“

Aber kaum hatten die Anemonen die ersten Triller des Stars gehört, so

steckten sie vorsichtig ihre Köpfchen aus der Erde heraus. Freilich

waren sie noch so in grüne Tücher eingepackt, daß man sie noch gar

nicht sehen konnte. Sie sahen wie grüne Keime aus, aus denen alles

mögliche werden konnte.

[Illustration]

Mutter Natur erzählt · 第 3 / 13 段