Jahre hier bleiben? Ich finde unser Beisammensein so gemütlich. Und
das kannst du mir glauben: besonders amüsant ist es nicht, immer den
gleichen Weg zurücklegen zu müssen und sich mit niemand als dem dummen
Mond unterhalten zu können.“
„Wer ist das ... der Mond?“ fragte der Komet.
„Das ist der kleine Bursche, den du drüben siehst,“ antwortete die
Erde, „und der mich die ganze Zeit umkreist. Es ist ein elender,
pensionierter Stern, den ich zu mir genommen habe, als er sich
verwahrlost im Weltraum umhertrieb. Jetzt ist er völlig erloschen --
ein dummes, unglückliches Geschöpf, das man ebensogut ins Armenhaus
bringen könnte. Aber hierzulande pflegt man einen Mond um sich zu
haben. Der Jupiter hat sogar +acht+. Aber ich finde, das ist blöde
Großtuerei.“
„Adieu!“ sagte der Komet.
„Bleib noch ein Weilchen!“ bat die Erde.
„Ich kann nicht,“ erwiderte der Komet. „Ich habe meine bestimmte Bahn
zurückzulegen und muß mich jetzt schneller vorwärtsbewegen. Außerdem
hab’ ich deine Prahlereien satt.“
„Wann kommst du wieder?“ fragte die Erde.
Der Komet sauste mit seinem dreiteiligen Schweif dahin.
„In dreihundert Jahren!“ rief er zurück.
Dann wurde er kleiner und kleiner, und schließlich verschwand er ganz.
[Illustration]
„Ein fixer Bursche!“ sagte der Mond. „Wie der dahinschießt, und was
für einen Schweif er hat! Das muß ein andres Leben sein als das eines
armseligen Planeten.“
„O gewiß,“ spottete die Erde. „Fast so schön wie das eines Mondes.“
Aber der Mond war voll und grinste bloß darüber.
* * * * *
Dreihundert Jahre später kam der Komet wieder.
Die Erde hatte ihn längst mit Sehnsucht erwartet und getreulich
ihre Umdrehungen um die Sonne gezählt. Sie hatte sich mit Veilchen
geschmückt und mit den Blumen, mit denen sie im März sonst noch
aufwarten konnte.
Und auf der Erde standen die Menschen mit ihren Fernrohren und hielten
Ausschau nach dem Kometen, dessen Bahn sie sorgfältig berechnet hatten.
Die Klugen freuten sich darauf, etwas Hübsches und Merkwürdiges zu
sehen, und die Idioten lagen in ihren Betten und weinten vor Angst oder
liefen in ihrer Furcht umher und berauschten sich und trieben allerhand
Possen.
„Da ist der Komet!“ sagte derjenige der klugen Menschen, der auf
dem höchsten Turme stand, das beste Fernrohr besaß und am meisten
Verständnis für Kometenangelegenheiten hatte.
„Da ist der Komet!“ schrie der Mond. „Hurra! Nun wird es lustig!“
[Illustration]
„Da ist der Komet!“ rief auch die Erde vergnügt.
Und als dann der Komet heransegelte, groß und leuchtend, mit seinem
langen, dreiteiligen Schweif, da lüftete die Erde ihre Eiskapuze, so
daß in den Meeren die Eisberge umherschwammen und es so grimmig kalt
wurde, daß die Idioten vom Untergang der Welt felsenfest überzeugt
waren und selbst die klugen Leute Bedenken äußerten.
„Guten Tag, guten Tag, Komet!“ rief die Erde. „Willkommen! Es freut
mich, dich gesund und munter wiederzusehen.“
Doch der Komet blieb stumm. Die Erde bot ihm nochmals einen guten Tag,
bekam aber wiederum keine Antwort. Da rief sie erstaunt: „Was zum
Kuckuck fällt denn dem Kometen ein! Ist er so hochnäsig geworden, daß
er noch nicht einmal einen alten Bekannten begrüßen will?“
„Er wird Sie wohl nicht bemerkt haben,“ sagte der boshafte Mond.
„Bedenken Sie, wie klein Sie sind!“
„Halt’s Maul und tu, was deines Amtes ist!“ rief ihm die Erde erbost zu.
Und dann schrie sie wieder:
„Komet! Komet! Komet!“
[Illustration]
Aber der Komet segelte ruhig dahin und sagte kein Sterbenswörtchen.
Da bekam die Erde Angst, er möchte vorbeifliegen, ohne ein kleines
Plauderstündchen mit ihr abzuhalten; und sie hätte beinahe angefangen
zu weinen. Ist es doch auch kein Kinderspiel, wenn man sich dreihundert
Jahre hindurch darauf gefreut hat, mit einem Menschen zu reden, und
wenn dieser Mensch einem dann noch nicht einmal guten Tag sagt!
„Hallo, Komet!“ rief sie in wehleidigem Ton. „Du willst doch wohl nicht
an meiner Türe vorüberrennen, ohne mich zu begrüßen? Ich bin ja dein
alter Freund, die Erde! Entsinnst du dich meiner denn gar nicht mehr?
Nun bist du viele Millionen Meilen weit gereist -- -- Ist es nicht so
gekommen, wie ich dir prophezeit habe: du hast nirgendwo meinesgleichen
gefunden?“
„Pah!“ sagte der Komet.
[Illustration]
„Ach, laß hören,“ fuhr die Erde fort. „Vorläufig freue ich mich,
daß du die Sprache nicht verloren hast. Erzähle! Willst du mir etwa
weismachen, daß du irgendwo im Weltenraume so tiefe, herrliche Meere
angetroffen hast, so schöne Wälder und so prächtige Palmenhaine?“
„Ha! ha! ha!“ lachte der Komet.
„Oder +Menschen+ -- was?“ frage die Erde wieder.
„Ha! ha! ha! -- ha! ha! ha!“
Der Komet lachte, daß sein Kopf und Schweif wackelten; und die Erde
begann sich ernstlich gekränkt zu fühlen. Sie dachte nach, ob sie nicht
etwas fände, womit sie dem Kometen so recht imponieren könnte. Darum
fragte sie höhnisch:
[Illustration]
„Hast du etwa auch anderswo +Idioten+ angetroffen? -- Wie?“
„Ha! ha! ha! -- ha! ha! ha!“
Da lachte der Komet so sehr, daß er einen Schweif verlor. Die Erde
bekam einen Schreck, und die Menschen auf der Erde, die es durch ihre
Fernrohre mitansahen, waren aufs höchste erstaunt; denn so etwas hatten
sie noch nie gesehen. Der Komet aber lachte und lachte in einem fort.
Jetzt verlor er den zweiten Schweif ... und jetzt den dritten ... und
jetzt platzte er kreuz und quer. Den ganzen Raum füllten Funken, die
nach rechts und links flogen; ein paar fielen als große Steine auf die
Erde -- und einer von ihnen traf einen klugen Mann an den Kopf und
schlug ihn mitsamt seinem Fernrohr nieder.
Als das gewaltige Feuerwerk vorbei war, da war von dem Kometen nichts
mehr zu entdecken.
„Er ist vor Hochnäsigkeit geplatzt,“ sagte die Erde. „Das Ärgerliche
ist nur, daß er starb, bevor er mir erzählen konnte, was er auf seiner
Reise gesehen hat.“
„Ja -- -- da hätten Sie beinahe etwas zu wissen gekriegt!“ sagte der
Mond und grinste lustig; denn er war wieder voll.
Doch die Erde rief grimmig: „Marsch! Halt dein Maul und tu, was deines
Amtes ist! Dreizehnmal hast du dich um mich zu drehen, während ich
einmal die Sonne umkreise. Sonst kommt der Kalender in Unordnung.“
[Illustration]
Die Spinne.
Die Hecke war ganz voller Bäume und Sträucher gewesen, aber sie waren
weggehauen worden; und nun schossen kahle, lange dünne Zweige aus den
Stümpfen empor.
Zwischen den Baumstümpfen wuchsen Geißfuß und wilde Petersilie und
anderes mehr dieser Art, davon das eine dem andern so ähnlich sieht,
und das die, die es nicht besser verstehen, Schierling nennen.
Ihre Zweige waren fast ebenso lang wie die der Sträucher. Und sie
spielten sich so auf, als ob sie wirkliche Sträucher wären und nicht
im Herbste verwelken und wieder von vorn anfangen müßten mit einem
kleinen Samen, genau so wie eine einfache, elende Hundskamille oder ein
Stiefmütterchen. Sie strotzten vor Stolz und spreizten sich, ließen
sich vom Winde zausen, knickten um, verloren Blätter und bekamen neue,
als ob sie noch lange Zeit zu leben hätten. Fragte einer, welche
Bewandtnis es denn eigentlich mit ihnen habe, so taten sie, als hörten
sie es nicht, oder schlugen es in den Wind oder leugneten, etwas von
ihrer Zukunft zu wissen.
Und dann trugen sie schöne, weiße Blüten, die sie hoch emporhoben wie
Sonnenschirme, während aus den richtigen Zweigen, die auf den Stümpfen
wuchsen, nie etwas andres wurde als aufgeschossene Sprößlinge, die
weder Blüte noch Frucht treiben konnten.
[Illustration]
„Hier ist ja ein ganzer Wald,“ sagte die Maus eines Abends, als sie im
Grünen saß und mit ihren klaren Augen aufschaute.
„Wir sind der Wald,“ sagte der Geißfuß.
„Sieh dich, bitte, um,“ sagte die Petersilie. „Gefallen wir dir, so
bau’ dein Nest in uns! Was wir dir bieten können, steht zu Diensten.“
Doch die richtigen Sträucher warnten die Maus.
„Glaub’ ihnen nicht! Sie prahlen nur, solange es Sommer ist. Im Herbste
sind sie weg, und nicht eine Spur von ihnen ist übrig.“
„Ich weiß nichts vom Herbste,“ sagte die Petersilie.
„Ich glaube nicht an den Herbst,“ fiel der Geißfuß ein. „Es ist ein
Märchen, das man den Strauchkindern aufgebunden hat.“
„Mit dem Herbste hat es seine Richtigkeit,“ sagte die Maus. „Und danach
kommt der Winter. Dann gilt’s, die Vorratskammer in Ordnung zu halten.
Es war gut, daß ihr mich daran erinnert habt. Ich glaube, ich grabe mir
ein kleines Loch zwischen die Steine hinein und fange an zu sammeln.“
„Mag in die Erde gehen, wer da will,“ sagte die Petersilie.
„Wir streben höher hinauf,“ sagte der Geißfuß.
Dann standen sie ein Weilchen und sagten nichts, bis die Petersilie
seufzte und das sagte, woran sie beide dachten:
[Illustration]
„Wenn doch nur ein Vogel kommen wollte, um in uns sein Nest zu bauen!“
„Wir wollen ihn beschatten und ihn schaukeln, und er soll sich so wohl
fühlen, daß die richtigen Sträucher vor Neid vergehen,“ sagte der
Geißfuß.
„Wollt ihr mich nicht haben?“ fragte eine Stimme.
Und ein komisches graues Wesen kam auf der Hecke heranspaziert.
„Wer bist du?“ fragte die Petersilie.
„Ich bin die Spinne,“ erwiderte das Wesen.
„Kannst du fliegen?“ fragte der Geißfuß.
„Ich kann von allem etwas, wenn es notwendig ist.“
„Ißt du Mücken?“ fragte die Petersilie.
„Den ganzen Tag lang.“
„Legst du Eier?“ fragte der Geißfuß. „Denn du bist doch wohl ein
Frauenzimmer?“
„Ja, Gott sei Dank,“ entgegnete die Spinne.
„Dann bist du für uns ein Vogel,“ sagte die Petersilie.
„Herzlich willkommen,“ rief der Geißfuß. „Leicht siehst du aus, du
zerbrichst keine Zweige.“
„Fang nur ja an zu bauen, sobald du Lust hast,“ sagte der Geißfuß.
„Material ist hier auf der Hecke genug vorhanden.“
„Wenn du uns hie und da ein Blatt mausest, so macht das nicht das
geringste,“ fügte die Petersilie hinzu.
„Vielen Dank, ich habe mein Material bei mir,“ erwiderte die Spinne.
„Ich kann kein Gepäck sehen,“ sagte der Geißfuß.
Und die Petersilie fragte: „Vielleicht kommt dein Mann damit nach?“
„Ich habe, Gott sei Dank, keinen Mann,“ entgegnete die Spinne.
„Du Ärmste,“ sagte die Maus, die dabeisaß und zuhörte. „Das muß doch
grauenhaft öde für dich sein.“
„Na -- da haben wir das gewöhnliche Frauenzimmergeschwätz,“ höhnte
die Spinne. „Das ist es, was uns Frauen zu so lächerlichen und
verächtlichen Geschöpfen macht. Immer heißt es: mein Mann hier und mein
Mann da. Ich möchte wissen, was man überhaupt mit einem Manne soll! Er
fällt einem wirklich nur zur Last. Wenn ich jemals einen nehme, so soll
er wenigstens auf alle Fälle nicht bei mir wohnen.“
„Wie du sprichst,“ sagte die Maus. „Ich kann mir nichts Unheimlicheres
denken, als wenn mein Mann nicht bei mir wohnte. Und ich möchte wissen,
wie ich mit den Kindern fertig werden sollte, wenn er mir nicht hülfe,
die gute Seele!“
„Ach, lirum, larum, Kinder hin, Kinder her,“ antwortete die Spinne.
„Ich verstehe nicht, was die Verhätschelung soll. Man legt seine Eier
an eine vernünftige Stelle und überläßt sie sich selbst.“
„Sie spricht nicht wie ein Vogel,“ sagte die Petersilie nachdenklich.
Und der Geißfuß meinte: „Auch ich fange an, mich vor ihr zu fürchten.“
„Ihr könnt mich nennen, wie ihr wollt,“ sagte die Spinne. „Unter keinen
Umständen verkehre ich aber mit den gewöhnlichen Vögeln. Sind hier zu
viele von ihnen, dann mag ich hier gar nicht hausen.“
„Gott behüte,“ erwiderte die Petersilie, die fürchtete, daß die Spinne
weggehen würde. „Hier ist fast nie einer.“
„Damals, als die Bäume umgehauen wurden, sind sie in den Wald
geflogen,“ berichtete der Geißfuß.
„Ja, hier ist es öde,“ klagten die langen Zweige auf den Baumstümpfen,
„man hört nie einen Ton.“
Doch die Spinne war andrer Meinung. „Hier ist gut sein,“ sagte sie.
„Die Fliegen summen, und das macht mir Vergnügen.“
Da reckten sich der Geißfuß und die Petersilie vor Stolz in die Höhe.
Die Spinne aber kroch ringsumher und sah sich um, während die Maus ihr
die ganze Zeit mit den Augen folgte.
„Mit Verlaub,“ sagte die Maus, „warum willst du eigentlich ein Nest
bauen, wenn du deine Eier sich selber überläßt?“
„Hör’ mal, liebe Maus,“ erwiderte die Spinne, „du kannst mich ebensogut
gleich als selbständiges Frauenzimmer betrachten. Ich denke nur an mich
und meine Bedürfnisse und sorge selbst für mich. Wenn ich mich jemals
herablasse, einen Mann zu nehmen, so mag er für sich sorgen, der Wicht.“
„Gott behüte, wie du von ihm sprichst!“ sagte die Maus. „Mein Mann ist
viel größer und stärker als ich.“
[Illustration: „Die Maus dagegen lief fort ...“]
„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte die Spinne gleichgültig. „Die
Mannspersonen in meiner Familie sind etwa viermal so klein als wir
Frauen. Es sind ganz erbärmliche Wichte, die keine Fliege wert sind.
Ich würde mich schämen, mit so einem Kavalier zusammen zu wohnen ...
Aber jetzt baue ich.“
„Du solltest lieber warten, bis es hell wird,“ riet ihr die Petersilie.
„Womit willst du überhaupt bauen?“ fragte der Geißfuß.
„Ich liebe nun einmal die Dunkelheit,“ entgegnete die Spinne. „Und
Baumaterial habe ich bei mir.“
Nach diesen Worten kletterte sie auf den Wipfel des Geißfußes hinauf
und sah sich in der Landschaft um.
„Es gehören gute Augen dazu, um heute abend etwas zu sehen,“ sagte die
Maus. „Meine sind nicht für die Katze, aber ich möchte mich bei der
Beleuchtung doch nicht ans Nestbauen begeben.“
„Was die Augen betrifft, so habe ich acht,“ erzählte die Spinne.
„Und sie sehen, was sie sehen sollen. Ich habe auch acht Beine,
damit du das auch gleich erfährst und nicht in Verwunderung darüber
gerätst. Überhaupt bin ich eine Weibsperson, die gewohnt ist, sich im
Handumdrehen zurechtzufinden. Ich kenne keine Zimperlichkeit und kein
Getue.“
Nun drückte sie den Hinterleib gegen den Geißfußzweig, auf dem sie saß,
und stürzte sich kopfüber in die Luft.
Da schrie die Maus erschrocken: „Sie bricht den Hals!“
[Illustration]
Doch die Spinne antwortete von unten her: „Ich habe keinen Hals. Und
wenn ich einen hätte, so würde ich ihn nicht brechen. Geh du nach Hause
zu deinem lieben Manne und kose mit ihm! Wenn du morgen wiederkommst,
sollst du sehen, was ein tüchtiges Frauenzimmer ausrichten kann, wenn
es nicht die Zeit mit Liebe und dergleichen überflüssigen Gefühlen
vergeudet.“
Da ging die Maus fort, einmal, weil sie zu tun hatte, und dann, weil
die Worte der Spinne sie verletzt hatten. Aber der Geißfuß und die
wilde Petersilie waren ja gezwungen zu bleiben, wo sie waren; und
die langen Zweige auf den Baumstümpfen ebenfalls. Und so merkwürdig
benahm sich die Spinne, daß keiner von ihnen die ganze Nacht ein Auge
schließen konnte, nur weil sie ihr zusahen.
Sie tat nämlich nichts, als fortwährend kopfüber in die Luft springen.
Bald hüpfte sie von dem einen Zweige und bald von dem andern hinab,
kletterte dann wieder hinauf und sprang von neuem. Und obschon
sie keine Flügel hatte, was jeder sehen konnte, senkte sie sich
ganz langsam zu Boden oder auf einen andern Zweig; sie sprang kein
einzigesmal fehl und kam nicht im geringsten zu Schaden. Hin und her,
auf und ab fuhr sie die ganze Nacht hindurch.
„Es ist +doch+ ein Vogel,“ rief die Petersilie freudig aus.
„Gewiß,“ fiel der Geißfuß ein. „Was sollte es sonst wohl sein?“
Aber die Zweige auf den Baumstümpfen schwankten höhnisch gegeneinander.
„Nie und nimmermehr ist das ein Vogel,“ sagten sie. „Kann er denn
singen? Habt ihr ihn je auch nur piepen hören?“
Der Geißfuß und die Petersilie sahen sich nachdenklich an. Und als
die Spinne einen Augenblick stillsaß und sich verschnaufte, wagte die
Petersilie eine Frage:
„Kannst du singen?“
„Puh!“ antwortete die Spinne. „Glaubst du, daß ich mich mit solchem
Unsinn abgebe? Weswegen sollte man denn singen? Das Leben ist nur Mühe
und Arbeit, und soll ein alleinstehendes Frauenzimmer durchs Dasein
kommen, so muß es die Hände rühren und ordentlich zufassen.“
„Die Vögel singen aber doch,“ beharrte der Geißfuß.
„Sie singen, weil sie verliebt sind,“ erklärte die Spinne. „Ich bin
aber nicht verliebt.“
„Wart’, bis der Rechte kommt,“ meinte die Petersilie.
[Illustration]
„Sollte er kommen, so mag er sich in acht nehmen,“ sagte die Spinne.
Damit sprang sie wieder kopfüber in die Luft, und das wiederholte sie
noch oft.
Aber als der Tag zu dämmern anfing, wären der Geißfuß und die
Petersilie vor Verwunderung beinahe umgefallen.
Mitten in der Luft zwischen den Zweigen hing die Spinne. Sie hatte die
Beine unter sich angezogen, sich zu einem Klumpen zusammengeballt und
schlief fest wie ein Stein.
„Sitzt sie auf dir?“ fragte der Geißfuß.
„Nein,“ versetzte die Petersilie. „Sitzt sie denn nicht auf dir?“
„Bewahre,“ sagte der Geißfuß.
„Auch auf uns sitzt sie nicht!“ fielen die Zweige ein.
„Dann ist es also doch ein Vogel!“ riefen die Petersilie und der
Geißfuß entzückt.
„Ein Vogel hängt nicht mitten in der Luft und schläft,“ sagten die
Zweige.
„Es muß wohl eine Zauberin sein,“ flüsterte die Maus, die in diesem
Augenblick hinzukam. „Wartet nur, bis es ganz hell wird, dann bekommen
wir es vielleicht zu sehen.“
Und als die Sonne aufging, da sahen sie es.
Zwischen den Zweigen des Geißfußes und der wilden Petersilie war
kreuz und quer eine Menge feiner Fäden ausgespannt, die in der Sonne
glänzten, daß es ein Vergnügen war. Andere Fäden gingen quer hindurch
in Ringen, der eine immer größer als der andre.
„Ah,“ sagte die Maus. „Jetzt versteh’ ich es. Da in der Mitte hat sie
gesessen. Aber wo ist sie denn jetzt?“
„Ich bin hier,“ erwiderte die Spinne unter einem Blatte her. „Ich kann
den starken Sonnenschein nicht leiden. Wie gefällt dir meine Arbeit?
Übrigens bin ich noch nicht fertig damit.“
„Tja,“ sagte die Maus, „offen gestanden, du hast dir da ein komisches
Nest gebaut.“
„Nest hin, Nest her,“ sagte die Spinne. „+Ihr+ habt von einem Neste
geschwatzt, ich nicht. Du gehst die ganze Zeit davon aus, daß ich ein
elendes, weichliches Weibsbild bin wie du und die andern. Ihr irrt
euch. Was sollte ich wohl mit einem Neste? Ich fühle mich sehr wohl
hier unter diesem Blatte. Hier ist Schatten, und hier ist es gemütlich.
Die Fäden sind mein Fangnetz. Darin fange ich Fliegen. Ob nicht ein
kleiner Regenschauer heraufziehen wird? Dann kann ich mich wieder an
die Arbeit machen.“
Kurz darauf verschwand die Sonne hinter Wolken. Es regnete still und
sanft; und als es aufhörte, kam; die Spinne hervor und streckte in der
feuchten Luft vergnügt ihre acht Beine.
Und dann begab sie sich an die Arbeit.
Sie sahen alle, wie sie eine Menge ganz feiner Fäden auf einmal aus
ihrem Hinterleib zog. Darauf begann sie, sie mit Kämmen, die sie an
der Spitze ihrer Beine trug, zu ordnen; sie wand sie zusammen zu einem
einzigen, dicken Faden und hängte den einen neben dem andern auf,
überall da, wo ihr eine zu große Öffnung vorhanden zu sein schien, oder
wo das Netz ihr zu schwach vorkam. Alle Fäden waren fettig und klebrig,
so daß die Fliegen an ihnen hängenbleiben mußten. Im Laufe des Tages
wurde das Netz fertig; und sie bewunderten es alle, so hübsch war es.
[Illustration]
„Jetzt hab’ ich alles geordnet,“ verkündete die Spinne.
In diesem Augenblick kam ein Star und setzte sich auf die Spitze eines
der langen Zweige.
„Ist hier nicht ein bißchen Eßbares?“ fragte er. „Ein paar Larven? Eine
Spinne?“
Der Geißfuß und die Petersilie sagten nichts; fast wären sie vor
Schreck darüber, ihren Logierbesuch zu verlieren, verwelkt. Die Maus
machte sich der Sicherheit halber aus dem Staube; aber die Zweige der
Baumstümpfe riefen eilig durcheinander, daß gerade eine wunderschöne,
dicke Spinne gekommen sei, die in dieser Nacht ihr Netz, gesponnen
hatte.
„Ich sehe keine,“ brummte der Star, und damit flog er weg.
Die Spinne hatte sich geschwind wie der Blitz an einem langen Faden zur
Erde niedergelassen und lag da so still, als wäre sie tot. Jetzt kroch
sie wieder hinauf, setzte sich mitten in ihr Netz und streckte alle
ihre acht Beine aus.
„Das wäre beinahe böse abgelaufen,“ sagte sie. „Nun kommt aber die
Reihe an mich.“
In diesem Augenblick näherte sich eine kleine, nette Fliege, die das
Netz nicht sah; sie flog mitten hinein und blieb elendiglich darin
hängen.
„Das ist Handgeld,“ triumphierte die Spinne.
Mit ihren Kiefern, die voller Gift waren, biß sie die Fliege, so daß
sie augenblicklich starb. Dann fraß sie sie. Und ebenso machte sie es
mit den drei nächsten, die ins Netz kamen. Darauf konnte sie nicht
mehr. Verschiedenes kleines Gewürm, das jämmerlich gefangen wurde,
ließ sie hängen und zappeln, ohne daß sie sich rühren machte. Als
schließlich noch eine schöne, fette Fliege kam, biß sie sie tot, spann
sie in ein kleines Netz ein und hängte sie auf.
„Sie wird mir nächstens gut munden, wenn schlechte Zeiten kommen,“
sagte sie.
„Sehr vernünftig,“ sagte die Maus. „Das ist eigentlich das erste deiner
Worte, das ich billigen kann. Aber sonst, das muß ich sagen, gefällt
mir deine Methode nicht. Du bist mir allzu hinterlistig. Und dann
verwendest du Gift wie die Schlange. Das finde ich nicht ehrenhaft.“
„Findest du das?“ antwortete die Spinne höhnisch. „Das ist wohl
schlimmer, als was +ihr+ tut? Du stößt wohl in die Trompete, wenn du
auf deine Beute zuschleichst ... nicht wahr, du liebe, fromme Maus?“
„Ich möchte es schon tun, wenn ich nur eine Trompete hätte,“ sagte die
Maus. „Ich bin -- Gott sei Dank! -- kein Räuber und Mörder wie du. Ich
sammle meine Nüsse und Eicheln und was mir sonst zufällt, und habe nie
jemandem etwas zuleide getan.“
„Nein, du bist ein süßes, liebes Mädel von der alten Sorte,“ höhnte die
Spinne. „Du nimmst, was abfällt, und bist froh dabei. Dann gehst du
nach Hause und läßt dich von deinem Manne und deinen Kindern liebkosen.
Ich bin nun mal aus andrem Stoffe gemacht, will ich dir sagen. Ich
mache mir nichts aus der Koserei, aber ich habe +Appetit+. Ich will
Fleisch haben ... schönes, saftiges Fliegenfleisch. Und viel. Ich bitte
um nichts, sondern verschaffe mir selbst, was ich nötig habe. Geht es
mir gut, so habe ich selbst die ganze Ehre und das Vergnügen; geht
es schlecht, so heule ich keinem was vor. Es wäre gut, wenn es viele
Frauenzimmer gäbe wie mich.“
„Du bist so roh,“ sagte die Maus.
„Unsinn!“ versetzte die Spinne. „Es ist mit dem einen wie mit dem
andern. Ich bin nicht schlimmer als die meisten Leute. Was den Geißfuß
und die Petersilie angeht, die machen einander die Schmetterlinge und
Bienen streitig und stehlen sich Licht und Luft weg, wo sie nur können.“
„Sehr richtig,“ bestätigte die Petersilie.
„Ein ungeheuer verständiges Frauenzimmer,“ fügte der Geißfuß hinzu.
Aber die Maus meinte: „Du hast einen so häßlichen Namen.“
„Kann nichts dafür,“ erwiderte die Spinne. „Die Menschen haben ihn mir
gegeben, weil ich in meinen Kiefern ein klein wenig Gift habe. Die
armen Fliegen, die ich fange, tun ihnen so furchtbar leid; und dabei
schlagen sie selbst jede Fliege tot, die sich auf ihre Nase setzt.
Jacke wie Hose. Nichts als Getue und Ziererei. Übrigens habe ich nichts
dagegen, den Namen zu wechseln. Du kannst mich +Spinner+ nennen, wenn
das dir besser gefällt. Das kann ein feines Dämchen wie du sagen, ohne
in Ohnmacht zu fallen; und das paßt für mich, weil kein Tier der Welt
so hübsch spinnt wie ich.“
„Das mag ja alles sein,“ sagte die Maus und schüttelte ihren Kopf.
„Aber es sieht nun einmal schlimm aus, was du tust; und unerlaubt
häßlich bist du auch.“
Da lachte die Spinne: „Ach so, daran nimmst du Anstoß! Sieh mal, liebe
Madam’ Maus, ich bin +praktisch+ angezogen. Mein ärmliches graues
Kleid paßt zu meiner Arbeit, und es erweckt kein unnötiges Aufsehen.
Gott sei Dank! Ich brauche mich nicht zu putzen wie die andern, die
sich aufdonnern, um Glück in der Liebe zu haben, und tirilieren und
stolzieren, daß ein vernünftiges Wesen sich schämen muß. Aber natürlich
verachten die Tröpfe mich wegen meiner einfachen Kleidung. Laß ihnen
die Freude! Ich mache mir nichts daraus. Und ich fresse sie, wenn sie
in mein Netz kommen.“
Die Maus schüttelte den Kopf und ging, während die Petersilie und der
Geißfuß leise miteinander tuschelten. Die Spinne aber hing in ihrem
Netze, streckte die Beine aus und verdaute.
Als die Sonne hervorkam, kroch sie unter ihr Blatt; und nun war die
Maus wieder da und guckte hinauf.
„Schläft sie?“ fragte sie.
„Ich glaube wohl,“ erwiderte die Petersilie. „Und du darfst sie nicht
mit deinem Geschwätz aufwecken.“