Der Bauer baute die Deiche und machte sie so hoch, wie er ko

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Im Original waren in zwei Absätzen Zeilen untereinander vertauscht,

was das Verständnis des Texts erschwert. Die Vertauschung wurde

vom Bearbeiter wieder rückgängig gemacht. Hierbei waren die Stellen

betroffen, die mit den folgenden Passagen beginnen:

»Du mußt mir nicht böse sein, mein lieber Dorsch,«

und

»Wenn ich euch nur beide unterbringen kann,«

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit

halber an den Anfang des Buches verschoben.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Mutter Natur erzählt

Naturgeschichtliche Märchen

von

Karl Ewald

Erster Band der autorisierten

deutschen Gesamtausgabe von

+Hermann Kiy+

Mit neun Tafeln und zahlreichen

Abbildungen von Willy Planck

28. Auflage

[Illustration]

+Kosmos+, Gesellschaft der Naturfreunde

Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart

1921

Alle Rechte vorbehalten.

~STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI

HOLZINGER & Co. STUTTGART~

Inhalt

Seite

Das Meer 5

Die Erde und der Komet 28

Die Spinne 44

Die Anemonen 74

Die Heuschrecken 84

Der alte Pfahl 107

Der Sperling 124

Die Bienenkönigin 136

Der alte Weidenbaum 148

Fünf Großmächte 188

Der Nebel 206

Der Regenwurm und der Storch 214

In der Tiefe 229

Vorwort.

„Natur! Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres

Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem

Arm entfallen... Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte

ist unzugänglich... Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr,

und doch rückt sie nicht weiter... Sie hat an allen ihre Freude und

findet bei allen ihre Rechnung... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch

wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie

wirken will... Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft

sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde,

lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig.“

Diese Worte Goethes werden in uns lebendig, wenn wir die Märchen

Karl Ewalds lesen, mit denen der vorliegende Band uns bekannt macht.

Allmutter Natur erzählt sie uns durch den Mund eines Poeten, in dessen

Schöpfungen sich die schlichte Anmut und dichterische Phantasie H.

C. Andersens mit frischem, launigem Humor, genauer Naturkenntnis

und modernem Forschergeist vermählen. Der erquickende Hauch freien

Menschentums durchweht diese Märchen, deren Dichter die großen und die

kleinen Geschöpfe und Wunder der Welt mit gleicher Liebe umfaßt. Feld

und Wald, Luft und Wasser, Weltall und Bienenstaat nehmen Leben an,

und vor unsern Augen spielt sich eine Fülle ergötzlicher Tragikomödien

ab. Das verborgene Getriebe der Natur enthüllt sich uns als ein

heftiger Kampf aller gegen alle. Und doch spenden die Geschichten

heiteren Trost und helle Lebensfreude; denn immer wieder wird das eine

Grundgesetz offenbar, daß alle Vernichtung gleichbedeutend ist mit dem

Entstehen neuen Lebens. Über allem Kampf und Spiel der Kräfte leuchtet

die innere Harmonie der Welt. Und wenn der Dichter auch oft die

Gelegenheit wahrnimmt, den lieben Menschenkindern einen unsanften Hieb

zu versetzen, so bleibt es doch sein besonderes Verdienst, daß es ihm

gelingt, seine kleinen Helden lebendig zu machen, ohne sie in banaler

Weise zu vermenschlichen und ohne die Natur zu vergröbern oder Moral zu

predigen; der Respekt vor dem Unfaßbaren geht ihm niemals verloren.

Karl Ewald wurde am 15. Oktober 1856 auf Bredelykke bei Gramm

in Schleswig geboren als der älteste Sohn des Kgl. Landmessers,

späteren Professors und Romanschriftstellers, Hermann Frederik

Ewald. Er absolvierte das Gymnasium in Frederiksborg, bestand sein

„Philosophicum“, war ein Jahr Hauslehrer und widmete sich dann auf

der Landwirtschaftlichen Hochschule in Kopenhagen dem Studium der

Forstwissenschaft. Eine langwierige Krankheit veranlaßte ihn jedoch,

das Studium aufzugeben. Er wurde Lehrer an verschiedenen Lehranstalten

der dänischen Hauptstadt. 1880 übernahm er die Leitung einer

Knabenschule. 1883 trat er von diesem Amte zurück, und nun begann seine

literarische und journalistische Tätigkeit, der er bis zu seinem am

23. Februar 1908 erfolgten Tode ohne Unterbrechung treu blieb. 1882

erschien in Kopenhagen das erste Heft der „Märchen“, die seinen Ruhm

begründen sollten.

Ewalds Liebe und Kampf galten einer freien Entwicklung der Kräfte in

Staat, Schule und Familie. Vor allem bewies er für die Seele des Kindes

viel feines, warmes Verständnis.

Sein literarisches Schaffen war außerordentlich vielseitig. Neben den

Märchen schrieb er moderne Erzählungen, Lustspiele und historische

Romane. Besondere Meisterschaft offenbarte er auf dem Gebiet der kurzen

satirischen Skizze. Mehrere seiner Werke sind ins Deutsche übersetzt

worden; Erwähnung verdienen die Erzählung: „Der Kinderkreuzzug“ sowie

die beiden prächtigen Erziehungsbücher: „Mein großes Mädel“ und „Mein

kleiner Junge“.

Die naturgeschichtlichen Märchen Ewalds sind bisher nur zum +kleineren+

Teil in deutscher Sprache erschienen; von den Arbeiten des vorliegenden

ersten Bandes der Gesamtausgabe sind die meisten in Deutschland noch

nicht veröffentlicht worden. Eine deutsche Gesamtausgabe dieser

reizvollen, glänzend geschriebenen Geschichten, in denen sich

Ewalds Kunst am reinsten und schönsten entfaltet, war stets ein

Lieblingswunsch des Dichters selbst und längst ein Bedürfnis, nachdem

bereits Gesamtausgaben der Märchen in England, Amerika, Schweden

und Holland erschienen und nachdem auf Veranlassung des dänischen

Kultusministeriums mehrere der Märchen in die dänischen Schullesebücher

aufgenommen worden waren. Karl Ewald hat die Erfüllung seines Wunsches

nicht mehr erlebt. Der Verlag hat es sich jedoch, ohne Opfer zu

scheuen, angelegen sein lassen, des Dichters Gedächtnis durch eine

würdige Ausgabe von bleibendem Wert zu ehren.

=Hermann Kiy.=

Das Meer.

Mit seinen weißen Kreidefelsen ragte das Land aus dem +Meere+ empor.

Da oben wuchsen grüne Buchenwälder und Gräser und goldenes Getreide und

tausend bunte Blumen. Die Vögel zwitscherten und die Hirsche sprangen.

Die Bauern pflügten ihre Felder, und hart am Felsufer hatte ein

vornehmer Herr sich ein Schloß erbaut, das mit Türmen und Türmchen und

goldenen Wetterfahnen in die Lüfte ragte.

[Illustration]

Darüber lag, hoch und blau, der Himmel. Und unten rollten die Wogen des

Meeres.

„Ich kann machen, was ich will,“ rief das Meer. „Bin ich milde

gestimmt, so lasse ich die kleinste Nußschale auf meinem Rücken

tanzen; und es geschieht ihr nichts. Bin ich aber zornig, so

zerschmettre ich das größte Schiff und sende es mit Mann und Maus auf

meinen Grund hinab. Niemand ist über mir, niemand neben mir.“

„+Ich+ bin über dir,“ grollte der +Himmel+.

„Gott mag wissen, was für ein Geselle du eigentlich bist,“ sagte das

Meer. „Du hängst da oben und blähst dich auf, aber bei genauerer

Prüfung würde sich wohl herausstellen, daß du nur Humbug bist.“

„Ich spiegle mich ja in dir, so daß du sehen kannst, wer ich bin,“

erwiderte der Himmel.

„Das tust du, solange es +mir+ paßt,“ sagte das Meer. „Kräusle ich mich

aber nur ein wenig, so verwische ich dein Bild.“

„Von mir hast du deine blaue Färbung,“ entgegnete der Himmel.

„Pah,“ sagte das Meer. „Das magst du Kindern und Bauern vorreden. Ich

habe meine eigne Farbe. Und ich habe viele Farben ringsum in der Welt,

soweit ich meine Wellen rollen lasse. Die habe ich von den Tieren und

Pflanzen, die in meinem Schoße wachsen.“

Da rief das Land: „Ich bin auch noch da, und ich bin doch zum mindesten

deinesgleichen, wenn nicht noch mehr.“

Da schlug das Meer mit seinen Wellen gegen die Felsküste und riß ein

kleines Stück von dem Kreidefelsen los.

„Du?“ drohte es. „Du bist mein Geschöpf und nicht ein bißchen mehr. So

wie du dastehst mit all der Herrlichkeit, mit der du prahlst, bist du

aus meinem Grunde emporgewachsen.“

„Du lügst,“ rief das Land.

„Wirklich?“ war die Antwort des Meeres. „Greif’ in deine Brust, und

du wirst sehen, daß es wahr ist, was ich sage. Deine weiße Kreide ist

voll von meinen Tieren, Schnecken, Muscheln und Korallen. Jede Handvoll

deines Bodens zeigt, woher du stammst.“

„Ich mache mir nichts aus solchen alten Geschichten,“ sagte das Land.

„Das ist schon so lange her, daß es jetzt nicht mehr wahr ist. Jetzt

habe ich meine eigenen Pflanzen und meine eigenen Tiere, die hundertmal

schöner sind als die deinen. Und ich denke, du läßt mich bleiben, was

ich bin.“

„Das meinst du,“ sagte das Meer. „Aber daß du so dastehst, verdankst

du meiner Gnade. Ich habe dich aufgebaut; und ich reiße dich wieder

nieder, wenn ich Lust dazu habe. Ich mache, was ich will.“

„Komm, wenn du den Mut hast,“ rief das Land.

Das Meer lachte und zeigte seine weißen Zähne. Dann erfaßte es wieder

ein kleines Stück Kreidefelsen und noch eins und noch eins.

„Viel Vergnügen!“ sagte das Land.

Und die Wälder und Gräser grünten, die Blumen dufteten, die Vögel

zwitscherten, und die Hirsche sprangen, die Bauern pflügten ihren

Acker, und das Schloß ragte mit seinen Türmen und Türmchen und goldenen

Wetterfahnen in die Lüfte.

Jahr auf Jahr, Jahrhundert auf Jahrhundert verging; denn die Großen

rechnen mit großen Zahlen. Das Meer umschäumte das Land und nahm ein

Felsstückchen nach dem andern fort.

„Du wirst mir etwas zudringlich,“ sagte das Land.

„Ich mache, was ich will,“ entgegnete das Meer. „Und ich nehme nur, was

mein ist.“

„Meine Spitze erreichst du nie,“ versicherte das Land.

Aber das Meer wogte und arbeitete, Tag auf Tag, Jahr auf Jahr,

Jahrhundert auf Jahrhundert. Immer mehr Felsstücke rollten in seinen

Schoß und wurden zerdrückt und fortgespült. Immer tiefer höhlte das

Meer den Felsen aus. Im Keller des Schlosses hörte man bei richtigem

Sturme schon das Getöse der See.

Und eines Nachts stürzte der Kreidefelsen mit der Burg und dem Walde

zusammen.

Mit fürchterlichem Krachen fiel er ein, so daß niemand den Todesschrei

der Menschen und Tiere hörte. Der Schaum spritzte hoch empor, während

der Sturm sang und die Wogen erbrausten.

Drei Tage danach war das Meer still und blank. Nur die Hälfte des

Felsens war übriggeblieben. Der Rest war zerschmettert, verschwunden,

spurlos ausgelöscht von der Erde.

„Jetzt bist du da, wo du vorher warst,“ triumphierte das Meer. „Wir

wollen einmal sehen, wie du dich aufführst; vielleicht erlaube ich dir,

dich noch einmal zu erheben.“

„Du böses Meer,“ schalt der Felsen.

Doch das Meer blieb hart: „Ich mache, was ich will.“

* * * * *

Dem Felsen gegenüber, auf der andern Seite des Meeres, aber viele,

viele Meilen weit entfernt, sah das Land ganz anders aus.

Es war flach, und ringsum grünten große Wiesen, auf denen die Kühe

weideten. Viele Häuser gab es dort nicht; und die, die da waren, waren

auf hohen Wällen, Steindämmen oder Pfahlwerken errichtet.

„Ich habe Furcht vor dem Meere,“ sagte der Bauer, „dem mächtigen,

eigenwilligen Ungetüm, das da macht, was es will. Stets kann es kommen

und mir meine Wiesen und Kühe wegspülen. Ich lebe von seiner Gnade und

hoffe auf seine Barmherzigkeit.“

„Sieh da -- das war wohlgesprochen,“ sagte das Meer. „Der Vernünftige

weiß, wer der Stärkere ist.“

Und manchmal überspülte das Meer die Wiesen, um zu zeigen, daß es

machen konnte, was es wollte. Der Bauer erbaute Deiche, um sich durch

Schleusen zu schützen, damit das Meer wieder ablaufen konnte, wenn es

hereingespült war.

„Bau’ du nur,“ höhnte das Meer, „ich spül’ über die Firlefanze da weg,

sobald ich Lust habe.“

[Illustration]

„Ich weiß es wohl,“ erwiderte der Bauer. „Ich habe die Schleusen

erbaut, damit deine Herrlichkeit möglichst leicht zurücklaufen kann,

wenn es dir behagt.“

„Gut,“ sagte das Meer.

„Verschone meine grünen Wiesen,“ bat das Land.

„Ich mache, was ich will,“ rief das Meer.

Und um seine Macht zu zeigen und sie in Unruhe zu versetzen, spielte

das Meer täglich mit ihnen.

Es zog sich so weit zurück, daß man nur fern am Horizont einen

glitzernden Streifen gewahrte. Der ganze Grund war trocken, der Tang

ließ seine Blätter hängen und die Garnelen ihre Fühler, und sie fühlten

sich entsetzlich unbehaglich.

„Es ist Ebbe,“ sagte der Bauer.

Eine Weile danach kam das Meer wieder, zuerst sachte und dann

schneller, in kleinen Wellen, die sprangen und hüpften, und in großen,

die mit Macht heranrollten. Im Handumdrehen war der Boden wieder

bedeckt. Die Tangblätter fächelten wie die Blätter im Walde. Und die

Garnelen sprangen zwischen ihnen umher wie die Vögel in den richtigen

Bäumen oben am Lande.

„Es ist Flut,“ sagte der Bauer.

„Ich bin es,“ berichtigte das Meer. --

Eines Tages ging die Möwe dicht am Strande spazieren. „Ich weiß nicht,

was das ist,“ bemerkte sie, „hier wird es seichter und seichter. Man

kann sich ja kaum noch ordentliche nasse Füße holen.“

„Das kommt daher, weil ich ein Stück Land baue,“ erklärte das Meer.

[Illustration]

„Du?“ erwiderte die Möwe. „Ich dachte, du reißt nur nieder.“

„Ich mache, was ich will,“ sagte das Meer.

Und als es Ebbe wurde, und das Meer fort war, stand eine seltsame

Pflanze auf dem Meeresgrunde. Die hatte keine Blätter, sondern nur

merkwürdige, dicke Stengel, in denen Saft war. Sie war rot und grün und

durchsichtig wie Glas. Und ihre Blüten waren so winzig, daß man sie

kaum bemerkte.

„Was bist du für ein Geselle?“ fragte der Tangbusch.

„Ich bin das Salzkraut.“

„Du gleichst uns nicht.“

„Ich gehöre auch nicht zu euch,“ antwortete das Salzkraut. „Ich gehöre

zu den Pflanzen oben am Lande.“

„Dann steh dir Gott bei, wenn das Meer kommt,“ erwiderte der Tangbusch.

„Mach’ dir meinetwegen keine Sorgen,“ sagte das Salzkraut. „Ich finde

mich schon zurecht und erfülle meine Mission.“

[Illustration]

„Also du hast sogar eine Mission,“ sagte der Tangbusch und lachte; aber

ganz schwach; denn er war sehr ermattet von der Dürre.

„Ich sammle Schlick,“ sagte das Salzkraut. „Ich helfe nach, so daß

alles, was von kleinen Stückchen Lehm und Kreide und andern Dingen im

Meere ist, Zeit findet, zu Boden zu sinken. Das ist der Schlick. Mit

der Zeit wird richtiges Land, werden grüne Wiesen daraus.“

„Und du bildest dir ein, daß das Meer dich gewähren läßt?“ fragte der

Tangbusch.

„Wart’ es ab,“ erwiderte das Salzkraut. „Und ruhe ein bißchen! Du

siehst ziemlich angestrengt aus. Du kannst nicht alles vertragen, so

wie ich.“

Dann kam die Flut wieder, und das Meer rollte herzu.

Der Tangbusch freute sich, das Salzkraut ins Unglück kommen zu sehen.

Aber es wurde ein mäßiges Vergnügen. Denn das Salzkraut stand aufrecht

da und streckte seine Zweige ins Wasser aus.

„Du mächtiges Meer,“ sagte der Tangbusch. „Da steht ein grüner Bursche,

der sich Salzkraut nennt und erzählt, daß er mit deiner Erlaubnis Land

baut. Ist das wohl richtig?“

„Gewiß,“ sagte das Meer. „Du dummer Tangbusch verstehst auch immer nur

die Hälfte von den Dingen. Du glaubst, ich hätte kein andres Vergnügen

als zu rollen und zu schäumen und das Land zu zerstören; und du weißt

nicht, daß es mir ebensogut gefällt, Land +aufzubauen+. Jetzt baue

ich; und es wird nicht lange dauern, dann liegst du in der Sonne und

verfaulst.“

„Gott stehe denen bei, die sich auf die großen Herren verlassen,“ sagte

der Tangbusch.

„Du bist heute so unruhig, Meer,“ schalt das Salzkraut. „Wenn du dich

nicht legst, so kann ich keinen Schlick sammeln.“

„Verzeihung, Verzeihung, mein liebes Salzkraut,“ sagte das Meer. „Jetzt

werde ich aufpassen. Ist es nun gut?“

„Du mußt noch ruhiger sein,“ sagte das Salzkraut.

Und es breitete seine Zweige aus, so daß sie den Wellenschlag

durchbrachen, und schimpfte und zeterte unaufhörlich. Immer neue

Millionen winziger Lehm- und Kalkstückchen sanken zu Boden, der

unmerklich, aber stetig stieg.

„Hat man je so etwas gesehen?“ fragte der Tangbusch. „Er redet mit dem

Meere, als wäre er sein Herr.“

„Es ist mein Kind,“ sagte das Meer, „mein liebes, liebes Salzkraut.“

Da war der Tangbusch vor Erstaunen ganz sprachlos. Die Möwe aber flog

in die Welt hinaus und erzählte, das Meer habe sich völlig verändert

und sei nicht mehr wiederzuerkennen.

Der Bauer stand auf seinem Deich und sah über den blanken Spiegel hin.

[Illustration]

„Wie schön das Meer heute ist,“ sagte er. „Wer sollte glauben, daß das

dasselbe Meer ist, das neulich so sehr gebrüllt und schäumend meine

Deiche durchbrochen hat?“

Plötzlich begann das Meer zu zittern.

„Salzkraut,“ sagte es. „Liebes Salzkraut!“

„Was ist denn?“ rief das Salzkraut ungeduldig. „Jetzt ist es so

großartig mit dem Schlick gegangen, und nun verdirbst du das ganze

durch deinen Wellengang.“

„Du darfst nicht böse auf mich werden,“ sagte das Meer. „Aber jetzt

kommt die Ebbe, und ich muß meiner Wege gehen. Wie ich sehe, sind deine

Samen jetzt reif; und wenn du sie jetzt fortwirfst, fürchte ich, daß

ich sie unversehens mit mir in die Tiefe ziehe.“

„Daran habe ich wohl gedacht,“ sagte das Salzkraut. „Kümmere dich nur

nicht darum! Jedem meiner Samen habe ich eine Menge Härchen gegeben, so

daß sie sich am Boden festhalten können. Nimm du nur Reißaus, wenn du

dazu genötigt bist, und komm mit neuem Schlick zurück!“

„Wie klug und bedachtsam du doch bist, mein liebes Salzkraut,“ lobte

das Meer.

Dann lief es davon, und das Salzkraut säte seine Samen aus.

Nach einiger Zeit war der ganze Meeresboden voller Salzkrautpflanzen,

die sich ausbreiteten und blühten, Schlick sammelten und Samen

auswarfen. Das Wasser wurde immer niedriger.

„Darf man sich hier aufhalten?“ fragte der Tangbusch.

„Rücke lieber etwas weiter fort,“ entgegnete das Salzkraut.

„Kann ich denn?“ seufzte der Tangbusch verdrießlich. „Ich sitze auf

einem Stein, den kaum das Meer von der Stelle bewegen kann; so tief

steckt er im Sande.“

„Ja, ich kann dir nicht helfen,“ sagte das Salzkraut. „Deine Zeit ist

vorbei. Auch die meine wird einmal vorübergehen.“

Und der Boden wuchs mehr und mehr an. Jetzt war kaum noch etwas andres

da als Pfützen zur Flutzeit. Dann starb der Tangbusch.

„Ich finde übrigens auch, daß es hier etwas trocken zu werden anfängt,“

sagte das Salzkraut.

„Ich werde dir helfen,“ meinte der Bauer. „Du stiftest Nutzen; ich kann

dich gut leiden.“

Er grub tiefe Gräben, darin das Wasser eine Weile stehen blieb; und

da wuchs das Salzkraut stark und üppig. Es bildete einen regelrechten

grünen Teppich überm Meeresboden. Und in diesem Teppich sprangen munter

alle möglichen Tiere umher, die einander auffraßen und starben und den

fruchtbaren Boden düngten.

Das Meer kam und ging wie gewöhnlich.

„Mein liebes Salzkraut!“ rief es.

Doch das Salzkraut erwiderte: „Ich bekomme dich jetzt so wenig zu

sehen. Ich fürchte, es geht zu Ende mit mir.“

„Soll ich eine Sturmflut kommen lassen?“ fragte das Meer.

„Gott bewahre, nein,“ antwortete das Salzkraut erschrocken. „Dann

vernichtest du ja meine ganze Arbeit. Verhalte dich nur vollständig

ruhig, dann helfe ich mir, solange ich kann.“

„Ich mache, was ich will,“ sagte das Meer.

Aber diesmal tat es nichts.

Der Bauer stand da und blickte über das neue Land hin.

„Das sind die Watten,“ sagte er. „Wir werden nichts davon haben. Aber

es kommt einmal, es kommt einmal.“

Eines Morgens stand eine neue Pflanze zwischen den Salzkrautpflanzen.

„Wer bist du, und was willst du?“ fragten die Salzkräuter.

„Ich heiße Strandhafer,“ erwiderte die Pflanze. „Und ich will hier

stehenbleiben. Ich bin übrigens nur ein ganz gewöhnliches Gras.“

[Illustration]

[Illustration: „Aber das Meer wogte und arbeitete, Tag auf Tag, Jahr

auf Jahr, Jahrhundert auf Jahrhundert.“]

„Wie bescheiden du bist!“ riefen die Salzkräuter.

Der Strandhafer trieb ein paar lange Ausläufer, die Wurzel schlugen,

und aus denen neue Gräser aufschossen.

„Wohin willst du nun?“ fragten die Salzkräuter. „Halt ... da kommst du

ja auch von der +andern+ Seite her. Was beabsichtigst du eigentlich?“

„Ach, ich breite mich ein wenig aus,“ antwortete der Strandhafer. „Ich

denke, meine Ausläufer halten die neue Erde zusammen. Sie ist ja so

schrecklich lose.“

„Ich danke dir für deine Hilfe,“ sagte das Salzkraut. „Du bist

willkommen, wenn du für die neue Erde sorgen kannst. Wir haben sie

zusammengebracht, will ich dir sagen. Ich glaube nicht, daß das Meer

gegen deine Anwesenheit etwas einzuwenden hat.“

„Mit dem Meer habe ich nichts zu schaffen,“ entgegnete der Strandhafer.

„Ich halte mich nicht wie du einmal zu dieser und dann zu jener Seite.

Ich gehöre dem Lande und nur dem Lande an.“

„Gut,“ sagten die Salzkräuter. „Du brauchst dich nicht so aufzuregen.

Wenn wir nur hier bleiben dürfen!“

„Jeder sorge für sich selbst, und ein jeder hat seine Zeit,“ sagte der

Strandhafer. „Jetzt ist die meine gekommen.“

Und das Gras wuchs. Ein Hügelchen hier und ein Hügelchen da. Immer

mehr Ausläufer schossen mit fabelhafter Geschwindigkeit auf und faßten

sofort Wurzel. Und bald wuchs das Gras hoch über die Salzkräuter weg

und wuchs mitten zwischen ihnen und ringsum auf allen Seiten.

„Wir ersticken,“ schrien die Salzkrautpflanzen.

„Das ist der Lauf der Welt,“ sagte das Gras. „Wenn man seine Pflicht

getan hat, so ist man eben fertig und muß dem nächsten Platz machen.“

„Meer! Meer! komm und hilf uns!“ riefen die Salzkräuter.

Aber das Meer war weit weg und hörte sie nicht. Nie mehr kam es zur

Flutzeit bis dahin, wo das Gras stand. Es blieb weiter draußen, wo

andere Salzkräuter standen, die Schlick sammelten.

Dann starben die alten Salzkräuter, sie verfaulten und düngten den

Boden, wie der Tang es getan hatte. Und der Strandhafer breitete sich

nach und nach über das ganze Land aus, das sich aus dem Meere erhoben

hatte. Und mitten dazwischen kamen andere Pflanzen hervor.

Da wuchsen Strandnelken und Strandastern mit hohen Stielen und

violetten Blüten; und die Bienen umsummten sie und sogen Honig aus

ihnen. Da wuchs Meermilchkraut und Sandkraut und Meerstrandwegerich und

noch manches andere.

Die Möwen brüteten auf dem Lande und düngten es, so daß es mit jedem

Tage fruchtbarer wurde. Planken kamen herangetrieben und Tang und was

sonst noch im Meere schwamm; und das alles sammelte sich an und machte

das neue Land höher und stärker.

Und so wie der Strandhafer die Salzkräuter erstickt hatte, so kam auch

der Tag, wo der Strandhafer weichen mußte.

Das Harrilgras nahm seinen Platz ein. Und Schwingel und Beifuß.

„Jetzt glaub’ ich beinahe, daß es am besten ist, wenn ich ein wenig

helfe,“ sagte der Bauer. „Hier kann eine schöne Wiese entstehen, wenn

ich Glück habe.“

Aber weit draußen rief das Meer, das an diesem Tage ziemlich unruhig

war:

„Vergiß nie, daß du das neue Land von mir bekommen hast! Wenn jemand

dir erzählen will, daß ich böse sei und nur Unglück anstifte, so zeige

ihm deine neue Wiese und sage ihm, daß das gute Meer sie dir geschenkt

hat!“

„Das werde ich besorgen,“ erwiderte der Bauer; „wenn deine

Großmächtigkeit das nur nicht eines Tages vergißt und mit der einen

Hand nimmt, was sie mit der andern gibt. Ich halte es für das beste,

die Wiese mit einem kleinen Deich einzufriedigen, für den Fall, daß du

dich in einem Augenblick der Erregung vergessen solltest.“

„Darin steckt etwas Richtiges,“ sagte das Meer. „Bau’ du nur einen

Deich, der mich daran erinnern kann, daß es mein Land ist, wenn ich

es vergessen sollte. Du weißt ja wohl: wenn ich ernstlich böse werde,

nützen dir die Narrenpossen nichts.“

„Das weiß ich allerdings,“ sagte der Bauer. „Ich entsinne mich ...“

„Gut,“ sagte das Meer, das nicht gern an seine Ausbrüche erinnert

wurde, besonders wenn es unruhig war.

[Illustration]

Der Bauer baute die Deiche und machte sie so hoch, wie er konnte. Er

grub und dränierte und säte Futtergras. Jahr auf Jahr wurde das Land

fruchtbarer und grüner. Es war bald voll roter Kühe, die bis zum Bauch

im Grase gingen und sich fett fraßen.

Eines Tages, als er grub, stieß sein Spaten auf etwas Hartes. Er nahm

den Gegenstand auf und betrachtete ihn. Es war ein großes, rostiges

Eisen; und er erkannte, daß es einmal eine Wetterfahne gewesen war.

„Gott mag wissen, wo du einmal gesessen und dich gedreht hast,“ sagte

er. „Vergoldet bist du vielleicht auch gewesen. Du hast eine so

vornehme Form.“

Mit diesen Worten warf er das Ding auf den Deich und vergaß es.

* * * * *

Jahr auf Jahr verging, und ein Bauerngeschlecht folgte dem andern.

Das neue Land war nicht von dem alten zu unterscheiden. Ruhig und grün

lag es hinter den Deichen, die die Menschen fortwährend stärker machen

lernten, so daß sie dem Meere besser widerstehen konnten, wenn es

herankam; und das tat es ja hin und wieder.

[Illustration]

Ringsum in der +Marsch+ -- so hieß das fruchtbare Land -- lagen reiche

Höfe. Aus weiter Ferne kamen magere Kühe, weideten in dem saftigen

Grase, fraßen sich fett und wurden zum Schlächter gesandt.

Und vor den Deichen lag das Meer und hatte seine Ebbe und Flut und

spülte über Salzkräuter hin, die Schlick sammelten, neues Land bildeten

und von dem Strandhafer erstickt wurden -- genau so wie früher.

[Illustration]

Dann kam ein Tag, wo einmal ein Hänfling in dem Fliederstrauch im

Garten des Bauern saß. Er war auf dem Wege nach Süden, denn es war

Herbst; seine Kinder waren längst flügge, und die Fliegen begannen

spärlicher zu werden.

„Das ist ein schönes Land,“ sagte er und sah über all das Grün hin.

„Wären hier mehr Bäume, so hätte ich Lust, hier zu wohnen, wenn ich im

Frühling zurückkomme.“

„Ich bin das schönste Land der Welt!“ sagte die Marsch. „Aber ich bin

auch auf seltsame Art entstanden. Aus dem Meere bin ich emporgestiegen.

Das Meer hat mich gebildet. Vögel und Fische, Tang und Salzkräuter

und tausend andere Tiere und Pflanzen haben mir jeder sein Scherflein

gegeben. Darum bin ich schöner und merkwürdiger als alle andern Teile

der Erde.“

„Hat das Meer dich gebildet?“ fragte der Hänfling. „Wie merkwürdig!

Ich habe immer gedacht, das Meer tut nur Böses. Darüber muß ich etwas

Näheres hören. Erzähle! Ich habe Zeit. Die Sonne scheint heute so warm,

und ich habe hier im Garten siebzehn Fliegen gefunden. Erst heute nacht

reise ich weiter.“

Und die Marsch erzählte, wie alles zugegangen war.

„Hörst du das Meer draußen hinter den Deichen?“ fragte sie zuletzt.

„Es ist meine Mutter. Ihr verdanke ich das Leben. Geduldig hat sie

Millionen kleiner Stücke Lehm und Sand und Kreide zusammengetragen, um

mich daraus zu bauen. Sie hat mich mit ihren eigenen Pflanzen gedüngt.

Sie blieb stillstehen, damit das alles Zeit fände, zu sinken, und damit

ich fest und gut würde.“

„Ja,“ sagte der Hänfling. „Ich kenne auch eine Geschichte vom Meere.

Die sollst du jetzt hören. Sie spielt viele, viele Meilen weit von

hier; und es ist viele, viele Jahre her. Dort lag ein Land, so schön

wie du, aber ganz anders. Das ragte mit weißen Felsufern zum Himmel auf

und trug grüne Wälder, wogendes Getreide und üppiges Gras. Im Walde

sangen die Vögel, und die Hirsche sprangen. Die Bauern pflügten ihren

Boden, und überall dufteten die Blumen. Ganz zu äußerst am Felsufer

hatte der Gutsherr sein Schloß erbaut. Mit Türmen und Zinnen und

goldenen Wetterfahnen ragte es in die Lüfte.“

„Das Land möchte ich sehen,“ sagte die Marsch.

„Du kannst nicht hinkommen,“ fuhr der Hänfling fort. „Denn jenes Land

existiert nicht mehr. Es ist eines Tages zusammengestürzt, und das Meer

ist schuld daran.“

„Du lügst,“ sagte die Marsch. „So etwas könnte das Meer niemals tun.

Es kann wohl hier und da einmal böse werden und bis über die Deiche

hinaufspritzen. Ich habe auch den Bauern erzählen hören, daß es eines

Nachts zur Zeit seines Urgroßvaters ganz über mich hereingebrochen ist.

Doch am nächsten Tage lief es wieder durch die Schleusen hinaus und lag

hübsch da und baute Land wie früher.“

„Ich lüge nicht,“ sagte der Hänfling. „Höre weiter! Jeden Tag nahm das

Meer ein Stück Kreide von dem Felsen fort und höhlte ihn so völlig

aus. Dann schüttelte sich das Meer mit aller Gewalt und nahm einen

Anlauf, und da stürzte das Felsufer ein. Menschen und Tiere und Bäume

und Blumen stürzten nieder und wurden zerschmettert. Die Burg fiel ein

mit ihren Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen. Am nächsten Tage

überspülte das Meer das Ganze in aller Ruhe, als ob nichts geschehen

wäre.“

„Ich glaube dir trotzdem nicht,“ sagte die Marsch. „Woher weißt du das?“

„Ich habe es von meiner Urururururgroßmutter,“ erzählte der Hänfling.

„Die hatte ihr Nest in einer wunderschönen Buche. Fünf Junge hatte sie

und dann natürlich einen Mann. Die stürzten alle nieder und kamen in

den Wellen um. Sie selbst wurde durch ein reines Wunder gerettet. Aber

die Katastrophe hatte sie so erschüttert, daß sie sie nie vergaß. Als

sie im nächsten Jahr aus Italien zurückkehrte und einen neuen Mann nahm

und sechs neue Kinder bekam, da erzählte sie es ihnen. Und die haben

es ihren Kindern erzählt. Und so ist es bis zu mir gelangt. Und du

kannst überzeugt sein, daß die Geschichte von dem bösen Meer sich von

Generation zu Generation forterben wird.“

„Ich kann es nicht glauben,“ rief die Marsch.

„Warte ein wenig,“ sagte der Hänfling. „Was ist denn das da?“ Er flog

auf den Deich, wohin der Bauer die alte, rostige Wetterfahne geworfen

hatte, betrachtete sie und hackte mit dem Schnabel darauf.

[Illustration]

„Das ist eine Wetterfahne!“ sagte er. „Und zwar eine feine Wetterfahne

ist es gewesen. Vielleicht war sie auf dem Schloß am Felsufer

angebracht. Du solltest das Meer einmal fragen.“

Die Marsch lag ein Weilchen da und dachte nach. Das Meer war unruhiger

als gewöhnlich. Ab und zu spritzte Schaum über den Deich auf.

„Hör’ einmal dein sanftes Meer,“ sagte der Hänfling höhnisch.

„Meer!“ rief die Marsch.

„Laß mich!“ rief das Meer zurück. „Ich bin heute wütend und weiß nicht,

was ich tue.“

Da rief die Marsch: „Stets habe ich dich als meine milde Mutter verehrt

und dir gedankt, daß du mir das Leben gegeben hast. Nun sitzt hier

ein Hänfling, der erzählt, du seiest böse und wild und habest ein

entsetzliches Unglück angerichtet.“

„Ich mache, was ich will,“ erwiderte das Meer. „Sende den Hänfling zu

mir heraus, so werde ich ihn ertränken!“

„Hör’ mal an!“ rief der Hänfling.

Und die Marsch fragte: „Ist das wahr, daß du vor vielen Jahren ein

prachtvolles Felsufer mit der Schloßherrschaft, mit Bauern, Hirschen

und Wäldern und einer ganzen Hänflingfamilie vernichtet hast?“

„Das wird wohl stimmen,“ antwortete das Meer. „Was weiß ich noch von

den alten Geschichten! Ich mache, was ich will.“

„Ist das die Windfahne des Schlosses, die da auf dem Deich liegt?“ rief

die Marsch.

„Wenn da eine Windfahne liegt, so hat sie auch wohl mal irgendwo

gesessen,“ sagte das Meer. „Was soll all das Gerede? Du bist mein Land.

Ich habe dich gebaut; und was in dir ist, hast du von mir erhalten. Laß

mich zufrieden! Und hüte dich!“

„Hörst du es?“ rief der Hänfling.

Die Marsch dachte nach. Die Dämmerung brach herein. Die Kühe lagerten

sich im hohen Grase nieder, um wiederzukäuen. Der Bauer stand in seiner

Tür und sah nach Westen.

„Der Himmel sieht schlimm aus,“ sagte er. „Und das Meer ist heute abend

sehr unruhig. Wenn wir zur Nacht nur kein Gewitter bekommen!“

„Ich bleibe bis morgen hier,“ zwitscherte der Hänfling. „Laß uns noch

ein bißchen zusammen plaudern, Marsch! Ich verstehe recht gut, daß du

es satt hast. Es ist niemals angenehm, über seinen Nächsten so etwas

zu erfahren. Aber die Wahrheit ist die Hauptsache.“

Die Marsch lag schweigend da und dachte nach. Der Abend rückte vor.

Der Bauer schlief mit den Seinen. Im Busch schlief auch der Hänfling.

Das Meer aber brüllte lauter und lauter. Wilde Wolken jagten am Himmel

dahin.

Da plötzlich erwachte die Marsch aus ihren Gedanken.

„Du böses Meer!“ rief sie.

„Was sagst du?“ brüllte das Meer. „Bist du von Sinnen? Schiltst du mich

aus, obwohl ich dir das Leben gegeben habe?“

„Du böses Meer!“ rief die Marsch wieder. „Dieb! Lügner! Heuchler!

Kein Körnchen von dem, was du mir gabst, ist dein Eigentum. Du hast

jeden Fetzen von +mir+ geraubt. Dieb! Lügner! Heuchler! Den Fels

zertrümmertest du und trugst ihn herüber und spieltest den Wohltäter

mit deiner Diebesbeute! Jetzt kenne ich dich, und ich verachte dich.“

„Rasest du?“ brüllte das Meer, und alle die weißen Wogenkämme sprangen

auf den Deichrand. „Das Felsufer habe ich erbaut, und dich habe ich

erbaut. Das Felsufer habe ich niedergerissen, und ich reiße dich

nieder, sobald es mir Spaß macht. Ich mache, was ich will.“

„Dieb! Lügner! Heuchler!“ schrie die Marsch.

Es war, als ob das Meer vor Wut einen Augenblick still würde. Aber dann

erhob es sich mit all seiner Macht.

„Nieder mit dir, du undankbares Kind!“ schrie es.

Es durchdrang die Deiche und stürmte auf die Marsch los. Es zerbrach

die Schleusenpfähle, die Bäume und alles, was ihm im Wege stand. Es

überschwemmte das Gehöft des Bauern, so daß er und die Seinen in ihren

Betten ertranken, wie die Kühe auf der Wiese ertrunken waren.

Das Ganze spielte sich in kürzester Zeit ab. Eine Stunde, nachdem

es begonnen hatte, standen die Marsch und noch viel mehr Land unter

Wasser. Nur die höchsten Kirchtürme ragten noch auf. Kein lebendes

Wesen war übriggeblieben.

Auf der Flaggenstange im Garten des Bauern saß der Hänfling.

[Illustration]

Nur so entging er dem Wasser. Er schlug mit den Flügeln, war ganz

verwirrt vor Schrecken und konnte nicht fliegen.

„Du böses Meer!“ schrie er.

„Ich mache, was ich will,“ sagte das Meer.

Dann schlug es auch über dem Hänfling zusammen, und nun war alles

begraben.

Die Erde und der Komet.

Die Geschichte, die ich nun erzählen will, ist höchst seltsam. Sie

dauert ein paar hundert Jahre, so daß derjenige von uns, der mit

darin vorkäme, lange vor ihrem Ausgang, ja bevor sie so recht in Gang

gekommen wäre, tot und begraben sein würde.

Sie spielt draußen im Weltraume, wo die Sterne schwimmen, und wo es so

kalt ist, daß der dickste Winterüberzieher nicht mehr Schutz bietet als

ein kurzes Hemd. Und der Weltraum ist so groß, daß niemand es in Worten

ausdrücken kann. Aber das macht nichts. Denn wenn einer es könnte, so

würden ihn die andern doch nicht verstehen.

* * * * *

Draußen im Weltraum drehte sich die Erde um die Sonne, wie sie es seit

vielen Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag getan hat. Sie drehte

sich in einem fort; einem andern wäre längst schwindlig davon geworden.

Aber die Erde war an diese Drehung gewöhnt, die ein ganzes Jahr

dauerte; und sobald sie die eine Umdrehung beendet hatte, begann sie

die nächste.

Während der ganzen Zeit drehte sie sich außerdem noch um sich selbst,

wie ein junger Hund, der hinter seinem Schwanz herläuft. Doch dazu

brauchte sie nicht mehr als vierundzwanzig Stunden; und das tat sie

auch nur, damit die Sonne alle ihre Seiten gleichmäßig beschiene. Denn

auf der Seite, die der Sonne abgewandt war, herrschte stets finstere

Nacht. Und wenn die Erde Europa, Asien und Afrika ununterbrochen der

Sonne zukehren würde, so kämen die Leute in Amerika ja überhaupt nicht

aus dem Bett heraus.

Die Erde hatte also gar nicht so wenig zu tun; und außerdem hatte sie

auch noch auf den Mond achtzugeben.

Der Mond konnte ja freilich, wenn es darauf ankam, für sich selber

sorgen. Denn er hatte nichts andres zu tun, als sich, ganz wie die

Erde, um sich selbst zu drehen und außerdem um die Erde, so wie die

Erde sich um die Sonne bewegte. Er war viel kleiner als die Erde und

hatte in Wirklichkeit nichts zu sagen. Darum redete die Erde immer in

befehlendem Tone mit ihm, und dafür neckte der Mond sie unaufhörlich.

Ein wenig kam das ja auch daher, daß die beiden einander so nahe waren,

und daß alle die andern Sterne zu weit entfernt waren, so daß man nicht

mit ihnen sprechen konnte. Und wenn man immer und ewig zusammen sein

muß, wird man leicht ärgerlich aufeinander.

Regelmäßig einmal in jedem Monat war der Mond voll. Dann grinste sein

rundes Gesicht so recht von Herzen, so daß die Erde stets ganz wütend

wurde.

„Seht, wie er leuchtet, der jämmerliche Trabant!“ sagte die Erde. „Er

bildet sich ein, er wäre ein Fixstern.“

Der Mond grinste, solange es dauerte. Aber es dauerte nie lange. Mit

jeder Nacht bekam er ein immer längeres Gesicht; und es sah aus, als

hätte er Katzenjammer. Schließlich verschwand er ganz, kam aber sofort

wieder hervor und wurde größer und größer, bis er dann wieder voll war.

„Kannst du mir folgen?“ fragte die Erde.

„Natürlich,“ erwiderte der Mond.

„Hoffentlich nimmst du die Zeit richtig wahr,“ fuhr die Erde fort.

„Vergiß es nur nicht: wenn ich einmal um die Sonne laufe, läufst du

dreizehnmal um mich. Sonst kommt der Kalender in Unordnung.“

„Ich bin schon lange genug umhergerennt, um zu wissen, was ich zu tun

habe, du böser, alter Planet!“ sagte der Mond; denn er war an diesem

Tage gerade voll, und dann pflegte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Aber er neckte die Erde auch noch auf andere Art. Manchmal zog er

von dem Wasser auf der Erde so viel, wie er konnte, auf die eine

Seite hinüber, so daß dort Hochwasser war, während auf der andern

das Wasser niedrig stand. Dann geschah es, daß an der einen Stelle

Überschwemmungen und Unglücksfälle eintraten, und daß an der andern

die Schiffe strandeten. Und die Leute, die darunter zu leiden hatten,

riefen, auf dieser verfluchten Erde sei das Leben nicht auszuhalten.

Aber das kränkte die Erde natürlich, da sie unschuldig war, und darum

wurde sie doppelt böse auf den Mond.

„Nun ist der Bursche schon wieder voll,“ schalt sie. „Ich möchte

eigentlich wissen, was für einen Zweck es hat, daß er in einem fort

herumrennt.“

So zankten sie sich, während ein Jahr nach dem andern verstrich und

sie ihre bestimmten Bahnen zurücklegten. Ringsum wanderten die andern

Sterne mit ihren Sorgen und Kümmernissen dahin. Und in der Mitte des

Ganzen leuchtete über ihnen allen die Sonne.

* * * * *

Eines Tages im März kam ein fremder Stern durch den Weltraum

angeschwommen.

Weder die Erde noch der Mond hatten ihn jemals gesehen; und darum

machten sie große Augen, als sie ihn erblickten. Er glich auch den

andern Sternen durchaus nicht; denn er hatte einen langen, leuchtenden

Schweif.

„Was in aller Welt ist das für ein Bursche?“ fragte die Erde.

„Ich habe noch nie so etwas gesehen!“ sagte der Mond.

Sie waren beide so überrascht, daß sie nahe daran waren, stillzustehen.

Der fremde Stern kam immer näher; und die Erde bekam Angst, daß er

gegen sie anrennen werde. Als er nahe genug war, so daß man ihn anrufen

konnte, schrie die Erde:

[Illustration]

„Hallo! Was willst du hier auf meinem Weg? Wer bist du? Woher kommst

du? Wohin gehst du?“

„Du fragst viel auf einmal,“ sagte der fremde Stern.

„Wer bist du?“ fragte die Erde wieder.

„Ich bin bloß ein kleiner Komet,“ erwiderte der Stern. „Aber wer bist

du denn?“

[Illustration]

„Ich bin ja die Erde. -- Nun weißt du wohl Bescheid?“

„Bescheid weiß ich wahrhaftig noch nicht,“ antwortete der Komet. „Diese

Himmelsgegend ist mir nämlich ganz fremd; ich bin noch nie hier gewesen

und noch keinem einzigen von den Sternen vorgestellt worden.“

„Da bist du an die richtige Quelle gekommen,“ erklärte die Erde

wichtig. „Es ist nicht meine Gewohnheit zu prahlen; aber ich darf wohl

sagen, daß ich der Begabteste von uns allen bin.“

„Da habe ich ja Glück gehabt,“ sagte der Komet. „Aber spute dich ein

bißchen mit deiner Erzählung. Ich habe keine Zeit, müßig zu sein.“

[Illustration]

„Wir bewegen uns sehr schön schnell dahin,“ versetzte die Erde in

freundlichem Ton. „Komm mit und begleite mich einmal um die Sonne

herum! ... Wie? Es dauert bloß ein Jahr. Währenddessen können wir uns

hübsch unterhalten.“

„Püh!“ erwiderte der Komet höhnisch. „Das nennst du schön schnell? Ich

pflege ganz anders dahinzusausen. Spute dich und laß hören, was für

Leute ihr hierzulande seid!“

„Versprich mir zuerst, daß du dich in acht nehmen willst, nicht gegen

mich anzurennen,“ sagte die Erde.

Da lachte der fremde Stern so sehr, daß sein Schweif sich in drei Teile

spaltete.

„Hab’ keine Angst,“ erwiderte er. „Ich bin ein lockerer, loser Geselle;

und wenn ich mit einem Klotz wie du zusammenstieße, würde ich in

tausend Stücke gehen.“

„Aha,“ meinte die Erde voll Eifer. „Du bestehst aus nichts als Feuer?

In dem Zustand bin ich auch einmal gewesen.“

„Das ist wohl schon ziemlich lange her?“ fragte der Komet mißtrauisch.

„Mich dünkt, du hast eine große Eiskapuze auf deinem Pol.“

„Allerdings,“ antwortete die Erde. „Sogar eine auf +jedem+ Pol. Aber

ich glaube, es schadet nichts, wenn man einen kalten Kopf und kalte

Füße hat, sobald man nur den Leib ordentlich warm hält.“

„Nun ... und das Feuer?“ fragte der Komet.

„Das hab’ ich in mir,“ erwiderte die Erde. „Du kannst es auch zu sehen

kriegen, wenn du Lust hast.“

Und ohne zu zögern, ließ sie ein paar ihrer größten Vulkane lustig

Feuer speien.

„Sieh, sieh!“ rief der Komet. „Etwas ist also wirklich vorhanden.“

„Etwas?“ fiel die Erde gekränkt ein. „Ich habe den ganzen Leib voll,

wenn du’s wissen willst. Gerade das macht mich so außerordentlich

interessant. Siehst du ... früher bin ich einmal ein ebenso

loser, lustiger Gesell gewesen wie du. Aber dann hab’ ich mich

zusammengenommen und habe mich verdichtet. Schließlich hat sich rings

um mich eine dicke Kruste gebildet; und jetzt kann ich nur noch

Kaminfeuer in meinen Vulkanen brennen lassen. Aber Feuer hab’ ich in

mir!“

„Mit der Kruste, das muß eine lästige Sache sein,“ sagte der Komet.

„Nun ja,“ sagte die Erde. „Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Und

jetzt leben Menschen darauf.“

„Menschen?“ wiederholte der Komet. „Was ist denn das?“

Die Erde juckte sich nachdenklich am Nordpol und stieß dabei an die

Eiskapuze, so daß sich ein paar gewaltige Blöcke loslösten, die als

Eisberge ins Meer hinaustrieben.

[Illustration]

„Tja,“ sagte sie dann. „Eigentlich ist es wohl so eine Art Ungeziefer.“

„Pfui!“ warf der Komet ein.

Die Erde schwieg ein Weilchen, wie wenn sie nachdächte. Dann fuhr sie

fort:

„Wenigstens kribbeln und krabbeln sie herum, daß man manchmal rein

verrückt dabei werden möchte. Und je mehr hinzukommen, desto ärger wird

es. Sie durchwühlen mich in Kreuz und Quere, um Kohlen und Metall zu

finden und was sie sonst noch brauchen können. Sie legen Schienen und

fahren mit Dampf rings um mich herum, sprengen Löcher in meine größten

Berge und schlagen Brücken über meine Gewässer. Und dann sagen sie, sie

seien meine Herren.“

„Ich finde es nicht sehr rühmlich für einen Stern, sich von solchem

Gewürm Vorschriften machen zu lassen,“ sagte der Komet. „Kannst du

diese Wesen denn nicht von dir abschütteln?“

„+Versucht+ hab’ ich es,“ entgegnete ihm die Erde. „Und zwar mehr

als einmal und auf verschiedene Weise. Ich habe eine Menge Feuer und

glühende Steine durch meine Vulkane ausgeworfen und ganze Städte der

Menschen darunter begraben. Oft habe ich auch Sturmfluten kommen

lassen, so daß sie zu Tausenden ertranken. Und wenn ich finde, daß

sie gar zu zudringlich werden, dann schüttle ich mich und erzeuge ein

+Erdbeben+.“

„Na,“ warf der Komet ein, „und hilft das denn gar nicht?“

„Ein bißchen nützt das ja allerdings,“ erwiderte die Erde. „Auf die

Dauer aber doch nicht. Es sind zu viele geworden, glaube ich. Ich hätte

früher daran denken sollen, als es noch weniger waren, und als sie noch

nicht so klug waren. Wenn ich ein paar tausend von ihnen ertränkt oder

begraben habe und hoffe, daß die Familien dieser Menschen vor Hunger

und Kummer umkommen, dann sammeln die andern für sie und trösten sie

und helfen ihnen; und nach ein paar Jahren bin ich wieder genau so

überfüllt wie vorher.“

„Ich habe noch nie so etwas gehört,“ sagte der Komet, „und begreife

nicht, daß du das duldest.“

„Ja ... was soll ich machen?“ entgegnete die Erde. „Ich kann nicht

mehr fertig mit ihnen werden. Sie haben mich von Pol zu Pol untersucht,

so daß ich bald keinen Fleck mehr für mich habe. Sie haben Berechnungen

mit mir angestellt und Messungen an mir vorgenommen und haben mich von

allen Ecken und Kanten beschrieben ... Manche von ihnen setzen auf

ihren Tisch eine Kugel, die mich vorstellen soll, und auf der sie mich

aufs genaueste untersuchen können. Sie berechnen im voraus, wann Sturm

und Gewitter eintritt und Erdbeben und dergleichen ... An ihren Wänden

hängen Apparate, die es ihnen erzählen. Was soll ich nun mit ihnen

anfangen?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte der Komet. „Aber das weiß ich: +ich+ würde

so etwas nicht dulden.“

Da lachte die Erde höhnisch und sagte:

„Pah! Bilde dir nur nichts ein! In diesem Augenblick, während wir beide

hier zusammen plaudern, haben meine Menschen dich bereits entdeckt.

Durch ihre Fernrohre starren sie dich an, und sie berechnen deine

Bahn, geben dir einen Namen und schreiben ganze Bücher über dich. Das

heißt, das tun die Klügsten von ihnen. Die Idioten aber haben Angst vor

dir und glauben, daß du gekommen seist, um den Untergang der Welt zu

verkünden.“

„Wer sind die Idioten?“ fragte der Komet.

Da gab die Erde ihrer Eiskapuze einen Stoß, so daß das halbe

Atlantische Meer sich mit Eisbergen füllte und die Bäume zu Pfingsten

noch immer kahl waren.

„Ich wünschte, du hättest mich nicht danach gefragt,“ sagte sie

verlegen.

„Verzeihung,“ fiel der Komet ein. „Vielleicht ist es ein

Familiengeheimnis.“

„Nein,“ entgegnete die Erde. „Durchaus nicht. Aber es ist mir bis auf

den heutigen Tag unmöglich gewesen herauszufinden, +wer+ eigentlich die

Idioten sind. Vorhanden sind sie -- +das+ weiß ich. Sogar in großer

Zahl. Aber sie sind nicht ohne weiteres zu erkennen. Danach, was die

Menschen selbst sagen, kann man sich ganz und gar nicht richten. Denn

jeder einzelne von ihnen hält sich selbst für klug und alle andern für

Idioten.“

„Dann sind sie wohl alle Idioten,“ meinte der Komet.

Doch da fühlte sich die Erde im Namen ihrer Menschen gekränkt. Es kam

ihr der Gedanke, daß sie doch wohl zu offenherzig gegen solch einen

fremden Stern gewesen sei, von dem sie ja im Grunde nicht das geringste

wußte, und der sich obendrein selber als lose, unsolide Person

vorgestellt hatte. Darum schlug sie einen sehr würdigen Ton an, als sie

erwiderte:

„Durchaus nicht, mein lieber Komet. Durchaus nicht. Aber es hat ja

keinen Zweck, weiter über diese Dinge zu reden, von denen du doch

nichts verstehst. Ich pflege sonst nicht zu prahlen, aber ich möchte

dich doch bitten zu beachten, daß ich von allen Sternen bei weitem

der interessanteste bin. Sieh dich im ganzen Weltraum um, soweit du

willst: meinesgleichen wirst du nicht finden. Schau’ auf die Venus,

die da drüben leuchtet, schau’ auf den Jupiter und Mars, und wie sie

alle heißen, die gleich mir die Sonne umkreisen. Und dann sieh +mich+

richtig an! Und übersieh nicht meine tiefen, frischen Meere, meine

Buchenwälder und Palmenhaine ...“

„Offen gestanden, ich kann nichts von alledem entdecken,“ erwiderte der

Komet. „Aber darum kann es ja doch wahr sein. Übrigens kommt es mir so

vor, als hättest du einen regelrechten Nebel um dich herum.“

„Ach so,“ sagte die Erde, ein wenig peinlich berührt. „Den hab’ ich

ganz vergessen gehabt. Das ist meine +Atmosphäre+.“

„Es ist ja beängstigend, wie du geplagt bist ... mit deiner Kruste,

deinen Menschen und deiner Atmosphäre.“

„Komet!“ sagte die Erde ernst. „Allerdings renne ich um die Sonne wie

die andern Sterne, die ich vorhin erwähnte; allerdings bin ich einer

der allerkleinsten darunter. Und doch bin ich überzeugt, daß ich im

Grunde den Mittelpunkt der Welt bilde.“

„Du kommst außer Atem,“ antwortete der Komet. „Du pflegst ja nicht zu

prahlen, wie du sagst ... Setz’ dich ein bißchen und prahle weiter!“

„Mich setzen?“ wiederholte die Erde in beleidigtem Ton. „Ja, wenn ich

das täte, wäre es bald aus mit mir. Das Ganze beruht ja gerade darauf,

daß ich meine Drehung um die Sonne genau ausführe. Und ich kann dir

sagen: ich prahle +nicht+. Ich bin wirklich der wunderbarste aller

Sterne ... allein meiner Menschen wegen. Ihresgleichen hat kein andrer

Stern ... He, hallo! Was fehlt dir? Du rennst mir wohl gar davon?“

„Das tu’ ich allerdings,“ versetzte der Komet.

Mutter Natur erzählt · 第 1 / 13 段