Sie sah mich steif und groß an: »Wie so?«

»Das Herz der Kleinen hat noch nicht ja gesagt.«

»Ihr Herz? Haben Sie nicht ihren Schwur vor dem Altar? Ihr Herz? Wo

ihre Pflicht ist, da ist ihr Herz.«

Dieses schöne Wort rührte mich nicht, schien mir vielmehr eines von

denjenigen zu sein, mit welchem die Schwärmer sich aus der Verlegenheit

helfen und ihrer eigenen Empfindung ein X für ein U vormachen. Aber

froh war ich, von der Gnädigsten und ihrem Anhang das Absolutorium

erhalten zu haben, und traf mit Almas Einwilligung -- daß Gott erbarm,

die Einwilligung einer Willenlosen! -- meine Reisevorbereitungen.

Der Abschied der Kleinen von ihrem Zuhause und von jedem einzelnen

Hausgenossen war schwer. Nie wieder habe ich so viele Weinende auf

einem Fleck beisammen stehen gesehen wie an jenem Tage. Das Bild der

Gnädigsten, die uns noch vom Balcon aus mit erhobenen Händen und zum

Himmel gerichteten Blicken segnete, wird mir unvergeßlich bleiben. Den

alten Diener hätten wir gern mitgenommen, und er wäre gern mit uns

gegangen, fühlte sich aber zu gebrechlich zur Reise und mochte uns

keine Ungelegenheiten verursachen. -- »Sterben muß ich,« sagte er zu

seiner kleinen Herrin; »da ist's schon besser, ich sterbe hier in der

Heimath aus Sehnsucht nach Ihnen als dort bei Ihnen aus Sehnsucht nach

der Heimath.« Einige Monate später haben wir denn auch die Nachricht

seines Todes erhalten.

Es versteht sich von selbst, daß ich längst an meine Leute geschrieben

und Befehl gegeben hatte, den Garten und das Schlößchen so gut als

nur möglich zum Empfang der Gebieterin herzurichten. Da war fast mehr

geschehen, als ich gewünscht hatte, aber zu meiner Verwunderung keine

einzige Ungeschicklichkeit, und auch im größten Jubel der festlichen

Begrüßung kam keine von den Derbheiten und plumpen Anspielungen vor,

die einem neuvermählten Paar von einer getreuen Landbevölkerung sonst

nicht erspart werden und die bei uns am wenigsten am Platz gewesen

wären.

Als ich meinen Wirthschafter herzlich belobte, that er zuerst

geheimnißvoll und gestand sodann, der Herr Franz von drüben sei in

der verwichenen Woche täglich dagewesen, habe alle Vorbereitungen

geleitet, aber dringend aufgetragen, mir nichts von seiner Einmischung

zu verrathen. Und gestern war er abgereist, und Niemand wußte wohin,

und hatte sehr übel ausgesehen und so aufgeregt, daß jedem um ihn bange

geworden.

Was soll das wieder heißen? fragte ich mich und ging ernstlich mit mir

zu Rathe, ob ich mit der Kleinen von ihm sprechen sollte oder nicht.

Bevor ich aber zu einem Entschluß kam, hatte ich nicht mehr nöthig,

einen zu fassen. In der Gegend wurde allgemein bekannt, daß der Franz

seiner treulos gewordenen Muse nachgefahren war, sie in der Nähe von

Vatra-Dorna in der Bukowina eingeholt und den Begleiter, in dessen

Gesellschaft sie an den Ufern der goldenen Bistriza lustwandelte,

herausgefordert hatte. Dies mußte in einem jener Anfälle blinder Wuth

geschehen sein, denen der Sklave seiner Impulse unterworfen war, und

mit großer Uebereilung und ohne Beachtung der üblichen Formalitäten

hat das Duell stattgefunden. Die Gegner ~sollen~ (ich glaube es

heute noch nicht) zugleich geschossen haben. Einer war maustodt auf dem

Platz geblieben, der andere, der Franz, hatte eine Kugel in die Hüfte

bekommen und wurde in jammervollem Zustand heimtransportirt.

Ich befand mich im Garten mit der Kleinen, als ein Reitender daherjagte

und mir meldete, es gehe zu Ende mit dem Herrn Franz, und er wünsche

mich noch einmal zu sehen. Das hört die Kleine, verfärbt sich und sagt:

»O, der arme Herr Franz! der Arme! Komm, fahren wir gleich zu ihm.«

Wir, sagte sie, und, denkt Euch, mir gefiel's, daß sie es so frank

und frei und natürlich aussprach. Erst später fanden sich Scrupel bei

mir ein, und auf dem Wege zum Sterbebett meines nächsten Anverwandten

dachte ich nicht an ihn, sondern fortwährend an das junge Wesen neben

mir und fragte mich voll Herzensangst: Was mag sie fühlen? Was geht

in ihr vor? ... Und nie war es mir so sehr aufgefallen wie damals, um

wie viel schöner das Gut des Vetters doch lag als das meine. Schöner,

romantischer, eine grüne Zunge im Gebirgsrachen.

»Bemerkst Du, Alma, wie hübsch diese Gegend ist?« sagte ich zu ihr, und

sie antwortete:

»Ich habe nichts bemerkt, ich bin zu sehr in Sorgen um den armen Herrn

Franz.«

»So hast Du ihm verziehen?«

»Was denn?«

»Nun,« rief ich, »wenn Du fragen kannst!«

Sie lächelte mich an mit ihren klugen, klaren, unschuldigen Augen:

»Ach, freilich,« sagte sie.

Wir fanden ihn schwach zum Auslöschen und trotz seiner zahlreichen

Dienerschaft schlecht versorgt und verpflegt. Es war wirklich nichts zu

thun, als dazubleiben und sich seiner anzunehmen. Ist denn geschehen

und er langsam genesen, und nach seiner Genesung in meinem Hause oft

ein- und ausgegangen wie in der früheren Zeit.

Die Kleine war mit ihm viel unbefangener als mit mir, und wenn er etwas

sagte, was ihr nicht gefiel, widersprach sie ihm ohne Umstände.

»Widersprich auch mir einmal!« bat ich sie.

»Dir nie!« war ihre rasche Antwort; sie besann sich ein Weilchen und

wiederholte mit heiligem Ernst: »Dir nie!«

Es kam vor, daß sie ganz plötzlich und ohne Grund meine Hand ergriff

und küßte, und das war mir das Aergste -- so ein kindlicher Handkuß.

Nicht immer habe ich mich überwinden und schweigen können, ich habe

sie leider nicht selten angefahren: Wofür bedankst Du Dich? Oder

gar: Bittest um Verzeihung? Aber dann -- ihr Entsetzen! und meine

Verzweiflung ... Um tausend Meilen zurück geworfen von meinem Ziel --

das hatte ich davon. Herrgott! was für ein plumper Bengel bin ich Euch

gewesen, und was war sie für ein holdseliges Mädchen -- holdselig! wie

kein zweites paßte dieses Wort auf sie. Dabei war sie aber auch ganz

klug und vernünftig, waltete ruhig und emsig im Hause, konnte nicht

einen Augenblick müßig bleiben. Denkt Euch nicht etwa eine träumerische

Romanprinzessin, die nicht im Stande ist, Gerste von Weizen zu

unterscheiden, und immer in höheren Regionen schwebt. Davon keine Spur.

So gut wie im Walde kannte die Kleine sich unter den Aehren der Felder,

den Blumen der Wiesen aus und fühlte sich recht daheim auf der Erde,

deren lieblichstes Kind sie war ... Und wenn ich sie auch hie und da

barsch anließ, mein höchstes Kleinod ist sie doch gewesen, und ich habe

sie gehütet und gehegt mit mehr Liebe, als ich ihr zu zeigen wagte,

denn ihre Nähe schüchterte mich sehr ein. Sie war ja die erste junge

Frau, mit der ich jemals in täglichem Verkehr gestanden habe. Uebrigens

ging es ihr nicht schlecht bei mir; ihre früher so blassen Wangen

färbten, ihre zarte Gestalt kräftigte sich, und Augenblicke gab es, in

denen mir vorkam, als erwache in der aufblühenden Jungfrau -- das Weib.

Der Franz hat sich -- in seiner Weise natürlich -- musterhaft benommen.

Ein gewisses Kokettiren konnte er allerdings jungen, hübschen Frauen

gegenüber nicht lassen. -- Es war seine Natur, es kam ihm unbewußt,

im Schlaf, wie ihm seine Gedichte kamen. Diese verfluchten Gedichte,

um die ich mich sonst nicht gekümmert hatte und die mir jetzt so viel

zu denken gaben, weil sie der Kleinen gefielen. Sie waren hübsch, und

merkwürdigerweise, dieser Mensch, der eitel war auf seine Augen, auf

seinen Schnurrbart, seine Nägel -- auf sein Bestes, eben die Gedichte,

war er's nicht. Hat sie nie gesammelt, nie drucken lassen; aber sie

leben, viele von ihnen leben im Munde unseres Volkes. Es sind lauter

Liebeslieder, Mädchen und Bursche singen sie, ich habe es oft gehört

und mit Vergnügen.

Als jedoch eines wonnigen Sommerabends die Kleine anhob, eines dieser

Lieder zu singen mit ihrer wunderbaren Stimme, dem tönenden Schlüssel

zu allen Geheimnissen meiner Brust, da faßte mich ein heißer Zorn,

und von der Stunde an war ich eifersüchtig ... Verachtete mich darum

und war's, und alles, wovon mein Verstand mir rieth: Das solltest du

nicht thun, nicht sagen -- das that ich, das sagte ich. Und so kindisch

machte mich die thörichtste von allen Leidenschaften, daß mir, dem

praktischen Mann, nichts wünschenswerther schien, als nur eine Stunde

lang ein Dichter sein und ein Lied erfinden zu können, ein Lied,

das zum Herzen geht. Einige Strophen sollte es haben und nach jeder

derselben den Schlußreim bringen: Du Meine und nicht Meine!

Umsonst zerbrach ich mir den Kopf, der Schlußreim war da -- die

Strophen wollten mir nicht einfallen.

Aus diesen poetischen Anwandlungen wurde ich durch die nüchternste

Prosa gerissen.

Eine Seuche war bei uns unter dem Geflügel ausgebrochen und lockte

Zigeuner herbei, die das gefallene Vieh ausgruben und aßen. Ich wollte

den Unfug nicht dulden, paßte den Leuten auf, und wo ich einen auf

frischer That erwischte, packte ich ihn zusammen und ließ ihn aus dem

Dorfe jagen.

»Unglaublich,« meinte Franz, »daß du dich darum kümmerst, ob sich das

Gesindel die Pest an den Hals frißt.«

Ich war just besonders bärbeißig und rief: »Es kümmert mich, und ich

duld's einmal nicht!« und bemerkte, daß Franz und die Kleine einander

so ansahen, wie Zwei thun, die von einem Dritten denken: Ja, so ist er,

der Mensch! Und zum Unglück muß die Kleine sagen: »Laß die Zigeuner

gewähren, sie sind bös und werden uns noch etwas anthun.«

Immer hatte ich sie aufgefordert: Rede, sprich deine Meinung aus; nun

that sie's einmal -- o, hätte sie es lieber nicht gethan! Alles würde

anders gekommen sein, ich hätte der glücklichste Mensch werden können

... Aber, daß sie ihm recht und mir unrecht gab, das reizte mich

blinden Maulwurf, der ich war! ... Und wie zum Trotz übte ich schärfer

denn je meine polizeiliche Gewalt aus.

Einige Zeit darauf -- wir hatten den siebzehnten Geburtstag der Kleinen

gefeiert und saßen auf dem Balcon beim Abendessen -- da wirbelte uns

gegenüber im Thal, so auf ein halbtausend Schritte, eine Rauchsäule in

die Höhe ... Franz streckte den Arm aus und sagte: »Die Zigeuner lassen

sich empfehlen!«

Hol' mich der Teufel, die alte Scheuer brannte. Eine Baracke, um die

mir nicht leid gewesen wäre, hätte sie nicht voll Heu gesteckt.

Wir laufen in den Meierhof; dort spannen sie schon die Feuerspritze

ein, und mein Wirthschafter steht dabei und ruft mir entgegen: »Brennt

wie ein Span, die Scheuer! Ist nichts zu machen!«

Ja, so gescheit bin ich auch; aber um das Arbeiterhaus in der Nähe, um

das ist mir's zu thun. -- Mein Wirthschafter steckt den Finger in den

Mund, zieht ihn naß heraus und hält ihn an die Luft: »Nichts zu machen.

Der Wind bläst alles hinüber.«

Nun, ich ruf: »Vorwärts!« spring auf die Spritze, der Franz mir nach,

und der Knecht jagt, was er kann, den Berg hinunter. -- »Warum hast

nicht die Schwarzbraun genommen?« frag ich ihn noch. -- »Daß wir früher

drüben sind,« antwortet er. -- »Was hilft's,« geb ich zurück, »wenn uns

die Rappen vorm Feuer ausreißen?« Und zu gleicher Zeit fliegt mir der

Gedanke durch den Kopf: Die Kleine wird sich's doch nicht einfallen

lassen, uns nachzulaufen?

Wir sind an Ort und Stelle, die Rappen ruhiger, als ich erwartet hatte;

ich kann mich dicht ans Haus aufstellen und die Pferde ausspannen

lassen. Die Scheuer brennt lichterloh, jeder Windstoß treibt einen

Funkenregen auf das Dach, das ich schützen möchte, so lange wenigstens,

bis die Leute ihre Habseligkeiten geborgen haben ... Alles ist voll

Menschen; die meisten gaffen, einige erweisen sich hülfreich; rein

wie besessen stürzt der Franz herum, rettet Sessel, Kissen, Pfannen

mit einer Hingebung, als ob es lauter Kinder wären, die er aus den

Flammen trägt ... Ja, ja, leider schon Flammen ... Wasser war in Fülle

vorhanden, die Spritze that ihre Schuldigkeit, reichte aber nicht aus,

furchtbar qualmte der Rauch, die Sparren krachten. »Franz,« ruf ich,

»laß es gut sein!« Und er: »Nichts mehr zu retten?«

»Das Kind vom Schlosser ist vergessen, o Jesus, das Kind in der Wiege!«

kreischt eine Tagelöhnerin. -- Ich hätte sie todtschlagen mögen, und

ihn auch -- besonders ihn. Weil er keinen angehört, der ihm sagt: Das

Kind ist da, ist längst geborgen. Er will nichts, er hat nichts im

Kopf, als daß die Leute sein Lob singen sollen vor der Kleinen, daß

sie ihr sagen sollen: ›O, welch ein Anblick, wie er aus den rauchenden

Trümmern sprang, ein Kindlein in seinen Armen!‹ ... Das hat er

gewollt, ich kenne ihn, den Schwärmer, der nichts umsonst thut, den

Unberechenbaren, der immer rechnet; ich verlier' kein Wort, als er

zurückrennt, zum allgemeinen Entsetzen, in das brennende Haus. Hinter

ihm poltert der ganze Krempel zusammen, aus den Fenstern, aus der Thür

bricht die Lohe -- lebendig kommt er da nicht heraus ... Die Leute

in lauter Verzweiflung klagen: »Der gnädige Herr! Gott im Himmel, er

ist verloren« ... Weiber werfen sich auf die Kniee und beten; Kinder

weinen. Ich rufe in den Lärm hinein: »Herum ums Haus mit der Spritze!

Nehmt Aexte -- wir schlagen die Lehmwand durch!«

Drüben hoff' ich noch des Feuers Meister zu werden, bis man ein Loch

gebrochen hat, durch das er schlüpfen kann, der Narr. Ein halbes

Dutzend Männer springt vor, taucht an. »Mehr rechts!« befehl' ich,

»sonst geht's in den Graben ...« Da war's schon geschehen, und wir

stecken ... Ich mein' aus der Haut zu fahren: »Die Rappen her! die

Rappen!«

Es ist ein Gedränge, ein Wechsel von Licht und Dunkelheit; jetzt glüht

weithin der grelle Feuerschein, eine Minute später umhüllt mich ein

Qualm, daß ich den Schlauch nicht sehe in meiner Hand. Ich höre nur,

daß sie die Pferde bringen ... Mit Müh und Noth, denn jetzt scheuen

sich die Luder und schlagen aus ... Plötzlich ertönt ein Schrei:

Franz! ... ein unsagbar jammervoller Schrei. -- Das war ~sie~!

... Kinder, ich steh' im Feuer wie ein Salamander, und vom Wirbel bis

zur Sohle wird mir eiskalt ... und die Leute sind starr vor Schrecken,

und ich spring' zur Erde ... Da liegt eine weiße Gestalt, da liegt

mein Liebstes. -- »Todt,« sagt Jemand neben mir, »das Roß hat sie

geschlagen -- ich hab's gesehen.« ... »Einbildung! -- nicht todt, nur

besinnungslos, denk ich, entdecke auch kein Zeichen von Verletzung

an ihr, außer einem einzigen großen Blutstropfen, welcher aus ihrem

Munde gequollen ist ... Und vergesse alles Andere -- oder vielmehr

mit allem Anderen ist's aus, und beuge mich und hebe sie sanft vom

Boden auf und bitte die Leute: »Macht Platz, daß ich sie nach Hause

tragen kann!« Alle weichen zurück -- ein einziger wagt sich heran, ein

rauchgeschwärzter, verstörter Mensch (es ist ein Wunder, daß er da ist,

aber in dem Moment wundere ich mich über nichts); der Mensch, dem sie

nachfliegen wollte ins Feuer wie ein kleiner Schmetterling ins Licht,

und ich wettere ihn an: »Aus dem Weg! Du bleibst und machst dich weiter

nützlich!«

Und der Franz spricht kein Wort und gehorcht.

Beim Nachhausegehen ist es mir manchmal vorgekommen, als ob sie

athme, die Kleine ... Als ich sie in ihrem Zimmer auf ihr Bett legte,

blieb sie lange Zeit ganz starr, und wir verzweifelten schon, ihre

Dienerinnen und ich. Bis nach Besztercze mußte gefahren werden um einen

Arzt, und der konnte im besten Fall am Abend des nächsten Tages bei uns

sein. Es war mir recht, als ich hörte, daß der Franz sich's nicht hatte

nehmen lassen, das Abholen des Doctors selbst zu besorgen.

Nach Mitternacht sank die Kleine allmälig aus ihrer Ohnmacht in einen

tiefen Schlaf, ich fühlte unter meinen Fingern das leise Klopfen ihres

Pulses, und als ich ihr Händchen betrachtete, das in meiner rauhen

Hand lag, that mir der Contrast weh. Da saß ich an ihrem Bett, und

derjenige, an dem ihr armes thörichtes Herz hing, kutschirte draußen

auf der Landstraße. Wenn sie erwacht und sieht nur mich, es wird ihr

sehr traurig sein. Sie war so hülf- und harmlos und -- daran zweifelte

ich nicht -- so schwer krank ... Ein grenzenloses Erbarmen kam über

mich; eine größere Liebe, als ich je für sie gehabt hatte, erfüllte

meine Seele, und ich that ein Gelübde: Wenn sie gesund wird, will ich

jedem Anspruch auf sie entsagen. Unsere Ehe ist leicht gelöst. Mag sie

mit dem leben, mit dem sie sterben wollte. Auf ihn acht geben und dafür

sorgen, daß er keine Dummheiten macht, das soll meine Sache sein, dazu

bin ich der Stärkere.

Mit diesem Vorsatz steh ich auf von meinem Platz am Fußende ihres

Bettes, und wie ich mich über sie beuge -- was seh ich? Sie hat die

Augen offen und richtet einen unsicheren, fragenden Blick auf mich:

»Franz?« sagt sie, und ich antwortete: »Er kommt, mein Kind, kommt bald

...«

»Wer kommt? ... o Lieber!« und auf einmal hebt sie die Arme und

schlingt sie um meinen Hals. »Bist Du's? fehlt Dir nichts? bist da?«

»Jawohl, ich bin da.«

»Dann ist alles gut,« flüsterte sie, »alles gut, Du Bester!«

Was hat das zu bedeuten? Ich habe es nicht gleich begriffen und

gefragt: »Träumt mein Kind?«

»Nein, ich bin wach.«

»Wach und nennst mich Bester?«

»Weil Du's bist,« antwortet sie und lächelt mich so zutraulich an wie

noch nie.

Ich ringe mit der Wonne, die, begleitet von tausend Schmerzen,

einziehen möchte in meine Brust. »Jetzt weiß ich, daß Du träumst, Du

Kind. Ich bin ja immer so barsch mit Dir gewesen.«

»Du? Ach geh!«

Ewige Güte! Ach geh, sagte sie -- und ich habe mich nicht mehr

beherrschen können, ich bin auf meine Knie gesunken und habe ihre Augen

geküßt und meinen Kopf neben den ihren auf das Kissen gelegt und mit

zitternder Seligkeit gefragt: »Besinne Dich, warum wolltest Du in das

brennende Haus?«

»Nicht ins Haus -- nur zu Dir, nur Dir nach, nur Dich abhalten ...

Aber« -- unterbrach sie sich plötzlich -- »warum weinst Du?«

Ihre Augenlider waren schwer geworden, sie lehnte ihr Gesicht an das

meine und schlief wieder ein.

Der Arzt kam zur Zeit, um welche ich ihn erwartet hatte. Er sprach von

einer inneren Verletzung, er gab keine Hoffnung. Einige Wochen haben

wir ihr theueres Leben aber doch gefristet. Sie hat wenig gelitten

und bis zum letzten Augenblick die feste Zuversicht auf ihre baldige

Genesung bewahrt. An ihrem Sterbebett ist keine Thräne geweint worden;

ich habe jeden, der seine Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hätte,

fern gehalten -- und auch die letzten Tröstungen der Religion. Die

Kleine brauchte keine Tröstungen, denn sie hatte keinen Gram, und den

meinen verbarg ich ihr.

Daß es mir gelang, das war meines Herrn und Gottes wundersames

Geschenk. Wer außer ihm hätte mir diese Kraft geben können? Und so hab

ich denn alles allein mit ihm abgemacht und mich nicht erschüttern

lassen in meinem Glauben, daß ich keinen Frevel beging, indem ich sie

unvorbereitet scheiden ließ, die Seele, die zurückgekehrt ist zu ihrem

Schöpfer, so rein, als er sie dereinst ins Leben entließ.

In meinen Armen, an meiner Brust ist sie oft eingeschlafen, einmal denn

auch, um nicht wieder zu erwachen -- die Meine und nicht Meine!

* * * * *

Unser verehrter Freund pflegte seine Erzählung mit diesen Worten zu

beschließen. Es bedurfte auch für uns keiner Fortsetzung, da wir aus

anderweitigen Berichten wußten, daß er auf seinem Gute noch so manches

Jahr still und ruhig verblieb. Erst nach dem Tode seines Herrn Vetters

Franz von Bauer hörte der Aufenthalt in dortiger Gegend auf, ihm

angenehm zu sein, und er vertauschte ihn mit demjenigen in unserem

Städtchen.

[Illustration]

Die Resel.

Es war im März zwischen Oculi und Lätare. Der Graf und die Gräfin

hatten sich in ihrer neueingerichteten Wohnung im Forsthause des

Reviers Fichtenberg einquartirt, um die Zeit des Schnepfeneinfalls

gehörig auszunützen. Da erlagen viele der geflügelten Reisenden,

die eine Zuflucht in den feuchten Niederungen der Nadelwälder

gesucht hatten. Je blutiger der Tag gewesen, je vergnügter kehrten

die Jäger heim, je liebenswürdiger wurde der Herr Oberförster zum

Abendessen geladen. Die kleine Gesellschaft nahm das Mahl in einem

traulichen holzgetäfelten Zimmer ein, das von einem stark geheizten

Kachelofen fast übermäßig erwärmt und von den vier Kerzen eines

Hirschweibchen-Lüsters ziemlich spärlich erhellt wurde.

Die Ereignisse des Tages hatten den Stoff zum Tischgespräche geliefert.

Beim schwarzen Kaffee begann der Graf in seiner breiten und äußerst

gutmüthigen Art den Stand der Waldungen zu loben. »Das ist ein

Unterschied«, sagte er, »zwischen den meinigen und den fürstlichen, wo

wir im Herbst gejagt haben.«

Man rauchte; die Gräfin, die sich die größte Cigarre angebrannt hatte,

sprang plötzlich auf, lief zum Fenster, öffnete es weit und sprach,

dampfend wie ein Schlötchen: »Alles gut bei Ihnen, mein lieber Herr

Ruppert, nur Ihre Leute nicht. Die Hausdiener feuern einen aus dem

Zimmer und Ihre Jäger -- eine Sippschaft ... mein Großvater würde

jagen: ›wie wenn's die Tauben zusammen getragen hätten‹.«

»Ja, ja, sie hat recht,« sagte der Graf, »ich hab' mir heut das

Jagdpersonal betrachtet. Diese Menschen schauen aus wie die Räuber.«

Das Gesicht des Oberförsters zog sich in die Länge. »Das können

Hochgräfliche Gnaden gleich anders haben, brauchen nur zu befehlen,

nämlich. Wir nehmen uns halt ein Muster an den fürstlichen Jägern

drüben; die tragen Uniform mit silberne Knöpf' und Borten und waschen

sich alle Tag' zweimal die Händ'.«

»Zu was alteriren Sie sich gleich, Ruppert -- ich hab' nur so gemeint,«

beschwichtigte der Graf, und seine Frau fiel ein:

»Es handelte sich auch nicht ums Händewaschen, aber daß die Leute gar

so merkwürdig sind. Da ist einer den ganzen Tag hinter mir hergegangen,

so ein magerer, brauner, ein recht unheimlicher mit trotzigen Augen.«

»Der Gruber, Hohgräfliche Gnaden.«

»Der kann nicht einmal reden.«

»Mit dem Maul, nein, aber ich bitt' unterthänigst, nur einen Blick auf

seine Culturen am Reiterberg zu werfen, die sprechen nämlich statt

seiner.«

»Sie haben mir aber keine Antwort gegeben, wie ich gefragt habe,«

sprach die Gräfin und schlug ihre wundervollen, schwarzbraunen Augen

schalkhaft zu dem Alten auf.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 32 / 34 题