Da wurde mir schwindelig, und ich fragte: »Am Traualtar?«

Sie erhob die rechte Hand wie aus Wellen von allerlei Spitzenzeug, das

um sie herumfluthete, und sah mich an. Eine Norne, sag im Euch, eine

Sibylle! ich sag Euch -- etwas Ueberirdisches.

»~Nur~ am Traualtar,« sprach sie feierlich, ging an den

Schreibtisch, schellte und gab dem herbeieilenden Diener Befehl, ihre

Nichte zu rufen.

Liebe Jungens, da kam Euch ein Kind herein, ein Kind im Brautschleier

und Myrtenkranz, das holdeste, das die Welt je gesehen, keine

Schönheit, etwas tausend- und tausendmal Lieblicheres als eine

Schönheit.

Ich habe immer meinen Spaß gehabt an den plötzlichen Verliebungen,

die in Romanen und in Theaterstücken vorkommen, und gesagt, mir

selbst muß so was passiren, sonst glaub ich's nicht ... Als das Kind

im Myrtenkranz hereintrat, da hat mich's gepackt ... Versteht mich!

nicht _à la Romeo_; behüt der Himmel! in viel sanfterer Manier,

aber mit einer großen Macht ... Wo ist denn nur geschwind eine Gefahr,

aus der ich dich retten könnte? -- Das war mein Gefühl. Eine ungemeine

Verlegenheit dazu, wegen meiner bestaubten Stiefel und Kleider, und die

bestürzte Frage: Wie seh ich aus?

Das Kind, heiter wie das Sonnenlicht, dankt meinem tiefen Gruße und

sagt zu mir: »Wo ist Herr Franz?« und zur Tante: »Das ist der gute

Vetter, nicht wahr? von dem er uns so oft erzählt hat.« Die Tante

nickt, führt mich einige Schritte weiter und flüstert: »Nun?« -- und

ich antworte:

»O -- was mich betrifft -- aber sie -- wird sie denn wollen?«

»Meine Nichte hat keinen Willen,« erwidert die Gnädigste und giebt dem

Diener -- es ist immer derselbe Alte, der kein Ende finden kann mit

Flennen -- Befehl, den Herrn Bräutigam auf sein Zimmer zu geleiten und

ihm behülflich zu sein beim Ankleiden.

Es war mein Glück, daß ich mir einen anständigen Anzug mitgebracht

hatte, und während ich mich wasche und mir die Haare bürste, nimmt der

Alte meinen Frack aus dem Koffer, drückt ihn an seine Brust und weint,

daß mir bange wird, der sammetene Kragen könne Spiegel kriegen.

»So ein Engel, gnädiger Herr! und ich habe ihre Mutter -- und die war

auch schon so ein Engel -- auf diesen meinen Armen getragen ... Und

seien der gnädige Herr gut mit dem Engel; wir alle, wir haben ihm

unsere Hände unter die kleinen Füße gelegt ... Und die Allergnädigste

sind wie eine Königin in ihrem Reich, aber weiches Wachs in den Fingern

der kleinen Alma.«

»So?« entgegne ich und lebe auf; denn wie die Gnädige gesprochen hatte:

Meine Nichte hat keinen Willen, ist sie mir vorgekommen wie Iwan der

Schreckliche und ich mir wie sein gehorsamer Henker. -- »So hat die

Kleine doch einen Willen?«

Der Diener gerieth in Bestürzung und stotterte: »Willen, halten zu

Gnaden, das nicht, wie sollte sie? -- -- einen Willen hat sie nicht.«

Ich wandte mich von dem alten Esel ab und hörte nicht mehr auf sein

Geplapper.

Eine volle Stunde verging.

Die Kleine wehrt sich, hoffte und -- fürchtete ich; die Kleine macht

Gebrauch vom Recht des Schwachen, vom Recht, »nein« zu sagen.

Das Jubiliren der Gäste, denen man vermuthlich brav einschenkte, um

ihnen die Wartezeit zu versüßen, drang zu mir herüber. Die Glocken

begannen mit erneuerter Kraft zu läuten, an der Thür pochte es. Ein

Geistlicher von kleiner Statur und klugem Aussehen näherte sich:

»Unsere Allergnädigste,« sprach er mit leiser, etwas heiserer Stimme,

»beliebten mir mitzutheilen, daß Euer Hochwohlgeboren in der Eile

der Abreise einige Ihrer Dokumente zu Hause vergessen haben, aber

hoffentlich doch nicht alle.«

Ich hatte meinen Paß, und damit Punktum. Den reichte ich dem

geistlichen Herrn. Er nahm ihn in genauen Augenschein und sagte: »Das

ist ja gut. Was noch fehlt, werden Euer Hochwohlgeboren die Gnade

haben, nach der Vermählung herbeizuschaffen.«

»Vermählung? -- so ist Vermählung?«

Der Geistliche überhörte meinen unwillkürlichen Ausruf. -- »Unsere

Allergnädigste,« fuhr er fort, »die nicht mehr Zeit hat, das

Geschäftliche noch einmal mit Euer Hochwohlgeboren durchzusprechen,

läßt Euer Hochwohlgeboren durch mich in Erinnerung bringen, daß

Fräulein Nichte keine Anwartschaft auf die Herrschaft Folt besitzt,

diese vielmehr nach dem Ableben der Allergnädigsten, laut getroffener

testamentarischer Verfügung in das Eigenthum der Kirche übergeht.

Hingegen erhalten Fräulein Nichte als Heirathsgut von hochdero Frau

Tante ein Geschenk von fünfzigtausend Gulden Konventionsmünze, das nach

geschlossener Trauung Euer Hochwohlgeboren übergeben werden wird.«

»Hat gar keine Eile,« antwortete ich, und verließ von dem Pfäfflein

geleitet das Zimmer.

* * * * *

Notabene. Hier pflegte unser verehrter Gönner und Freund eine Pause zu

machen, und ich pflegte ihm meine Dose hinzureichen, lediglich als

Zeichen der Hochachtung, sintemal ~er~ eigentlich kein Schnupfer

war. Und er, aus Artigkeit, nahm eine Prise, hielt sie eine Weile

zwischen den Fingern, sagte plötzlich: »Aha!« und deponirte sie in das

Markenkästchen des Nachbars oder in sein eigenes.

»Kinder,« rief er, »wo sind wir?« und einer von uns antwortete: »Auf

dem Weg zur Kirche.« -- »Ja, ja, zur Kirche!« Und regelmäßig wurde bei

der Stelle der alte Herr ganz weiß und bewegt und fuhr also fort:

Zur Kirche, zwischen Bäumen, über gestreute Blumen wandere ich, neben

mir zwei rosenfarbige Fräulein und vor mir die Kleine, die Weiße, im

Myrtenkranz und Brautschleier.

Ringsum ein Menschengedränge, in dem es dumpf und leise und gleichsam

ehrerbietig wogt. Keine Stimme ist laut als die eherne der Glocken ...

Und auch die verstummt -- ich steh vor dem Altar und an meiner Seite

steht die Braut. Ich wünschte innig, daß sie sich ein Herz fassen und

mich nur ein wenig ansehen möchte, daß ich ihr mit einem Blick hätte

sagen können: Fürchten Sie sich nicht. Aber sie wandte kein Auge von

dem Priester und war mehr einer bleichen jungen Nonne ähnlich als einem

lebensfreudigen Mädchen, das einem Manne angetraut wird.

Die Rede des Geistlichen dauerte lang, und bei jedem Wort der

Ermahnung, das der Kleinen galt, dachte ich: Zu viel! zu hart! -- und

bei jedem, das mir galt: Das versteht sich ja alles von selbst.

Beim Hochzeitsschmaus bin ich neben ihr gesessen, habe aber mit ihr

nicht sprechen können, weil fortwährend Toaste ausgebracht wurden, auf

die ich antworten mußte, und weil ich über eine kleine Rede nachsann,

die ich selbst zu guter Letzt halten wollte. In dieser sagte ich denn,

daß ich kein Flausenmacher sei und eher derb, daß ich jedoch gestehen

müsse, ich hätte bei den Hochzeiten, denen ich bisher angewohnt, immer

tüchtig geweint -- mir ist leid um die Braut gewesen. Sei es, wie es

sei; komme, was da wolle; für die Frau ist der Schritt in die Ehe der

wichtigere Schritt. Davon aber hat noch keiner, den ich den ehelichen

Trauring wechseln sah, etwas wissen wollen, vielmehr jeder sich als

Hauptperson bei der heiligen Handlung betrachtet. Als ob es nicht eine

kleinere Sache wäre, eine Verantwortung -- oft schlecht und recht, und

meist nur vor dem eigenen -- in dem Punkt gewöhnlich sehr dehnbaren

Gewissen -- zu übernehmen, als überantwortet zu werden mit Gut (ich

dachte an die fünfzigtausend Gulden) und Blut und für das ganze Leben.

Daher meine innige Rührung bei jeder fremden Hochzeit, daher auch

meine Standhaftigkeit bei meiner eigenen. Die Jungfrau, welche heute

vertrauensvoll ihre Hand in die meine gelegt, befände sich nicht in dem

eben von mir angeregten Fall -- ich wisse, wer von beiden, Mann oder

Frau, mehr riskirt bei der Schließung eines unlösbaren Bundes. Und so,

wie sich ein Starker, der wenig wagt, einem Schwächeren gegenüber, der

viel wagt, zu benehmen hat, so werde ich mich allzeit meiner Gemahlin

gegenüber benehmen.

Ein großer Jubel, besonders von Seiten der Damen, belohnte diese meine

Erklärung. Die Gnädigste erhob sich von ihrem Platz und umarmte mich

vor der ganzen Gesellschaft. Nach der Tafel gab es feierliche Aufzüge

der Dorfbewohner, glückwünschende Deputationen aus den nächsten

Ortschaften und endlich Ball vor dem Haus, unter Gottes freiem Himmel,

bei Mondenschein und Sternenschimmer, und Ball im Haus unter den

Kronleuchtern bei Kerzenglanz. Eine Polonaise eröffnete ihn, bei

welcher mir die Auszeichnung zu Theil wurde, mit der Gnädigsten, die

ihre Fingerspitzen auf meinen Arm legte, die Runde um den Saal zu

machen. Den ersten Ländler tanzte ich mit der verehrten Kleinen. Bis

tief in die Nacht dauerte das Fest, und nachdem der letzte Gast sich

bei uns empfohlen hatte, empfahlen die Gnädigste und ihre Nichte sich

bei mir.

Und ich sage Euch, liebe Freunde, ich habe gut und sanft geschlafen

und angenehm geträumt und zwar von der Kleinen. Wir gingen miteinander

spazieren daheim in meinem Garten, und ich hielt sie umschlungen, und

sie sprach zu mir: »Das war ein Irrthum, das mit dem andern Franz. Du

bist der Rechte -- Du!«

Ein Mensch, der mir die Hand küßte, weckte mich -- der Alte, der heute

viel weniger ängstlich that und mich in schmelzendem Tone ersuchte, ich

möge geruhen, mich ankleiden zu lassen und mich dann zum Frühstück

zu begeben zu der Allergnädigsten und zu meiner jungen Gemahlin. Das

letztere hatte er mit einem für den Scherz um Verzeihung bittenden

unterthänigen Bückling hinzugesetzt. Ich gab ihm einen leichten Schlag

auf den gekrümmten Rücken und sagte: »Was nicht ist, kann werden,«

worauf er mit freundlichem Ernst erwiderte: »Das walte Gott!« und mir

wieder die Hand küßte.

Dieser alte Mensch ist mein getreuer Anhänger geblieben während der

ganzen Zeit, die im noch in Folt zugebracht habe, hat mir auch manchen

nützlichen Wink gegeben und mir manches Licht aufgesteckt, das meinen

sehr nebeligen Pfad freundlich erhellte. So zum Beispiel erfuhr ich

durch ihn, daß die Gnädigste, als Franz sich um Fräulein Alma bewarb,

an einen Gewährsmann in unserer Nähe geschrieben und sich bei ihm

nach Herrn Franz von Bauer erkundigt hatte. In Folge eines Irrthums

in ihrem Briefe mußte besagter Gewährsmann meinen, die gewünschte

Auskunft beträfe mich, und auf meinen Leumund hin hat Franz das Jawort

erhalten. Was die Repräsentation anbelangt, die verstand er, und die

Gedichte haben auch ihren Effect gemacht. Von einer Neigung des Kindes

zu ihm fand ich keine Spur, und Ihr könnt Euch denken, wie ich darauf

aus war, zu erfahren: Hat sie ihn lieb gehabt, die Kleine? hat sein

niederträchtiges Benehmen sie empört? und schließlich: welches Mittel

hat die Gnädigste angewendet, um sie zu bewegen, mir zum Altar zu

folgen?

Die Lösung des Räthsels war einfach -- die Kleine war eben ein Kind;

ahnungsvoll und doch gedankenlos, verwöhnt und doch willenlos.

Willenlos! der einzige dunkle Punkt in der Sache ... Wenn ich fragte:

»Beliebt es Ihnen, spazieren zu gehen?« Ja, es beliebte ihr. »Beliebt

es Ihnen, zu Hause zu bleiben?« Es beliebte ihr gleichfalls. »Thäten

wir nicht besser, auszureiten?« Gewiß, wir thäten besser.

Eines schönen Morgens wanderten wir zusammen im Wald herum. Und sie war

Euch so herzig in ihrer sanften und aufmerksamen Heiterkeit. Merkte

alles, wußte genau, daß hier zwischen den weggescharrten Blättern

Rehwild gerastet und daß sich dort im aufgewühlten Boden ein Hirsch

niedergethan. Scharfsichtig wies sie hin auf die Spuren der Wilddiebe,

und entdeckte sie an den Bäumen böswillig befestigte Vogelschlingen,

gleich heraus mit dem Taschenmesserchen und fort mit ihnen.

Ich, ich stand neben ihr und bewunderte sie; keine Sprache spricht es

aus, wie gut sie mir gefiel. Fräulein, sagte ich nicht mehr zu ihr,

sondern einfach Alma, aber immer noch Sie. Damals im Walde kam mir

dieses Sie so dumm vor, daß ich sie frischweg fragte: »Alma, wollen wir

nicht Du zu einander sagen?«

Sie war eben mit dem Wegtilgen einer Vogelschlinge fertig geworden,

steckte ihr Messerchen ein, machte mir einen kleinen Knicks und

erwiderte: »Wenn Sie erlauben.«

»Ich bitte darum!« rief ich heftig.

Sie erschrak, wurde roth, sah sich um wie nach Hülfe und stammelte:

»Sie haben zu befehlen.«

»Ich werde Dir nie etwas befehlen, Alma, am wenigsten in dieser

Hinsicht,« versetzte ich so ruhig, als mir möglich war bei meinem

Naturell.

»Nie etwas befehlen?« wiederholte sie und brauchte ein paar Minuten, um

sich von ihrer Verwunderung so weit zu erholen, daß sie die Erklärung

abgeben konnte: »Ich werde Ihnen aber doch gehorchen.«

»Ihnen?«

»Dir ... O, verzeihen Sie: Dir.«

Mit welcher Angst sie das sagte, könnt Ihr Euch nicht vorstellen, und

mein Entsetzen über diese Angst auch nicht.

Sie vergaß noch sehr oft, mir Du zu sagen, und gerieth darüber jedesmal

in große Bestürzung und Reue. Ich gab mir Mühe, einen Spaß aus der

Sache zu machen, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Zu tief

verdroß mich das unglückliche Sie, das ihr von selbst auf die Lippen

kam; zu wenig freute mich das zögernde Du, zu dem sie immer erst einen

Vorsatz fassen mußte.

Kindisch! kindisch! Wer wußte das besser als ich, wer hätte verstanden,

mir so tüchtig die Leviten zu lesen, wie ich selbst es that? Aber von

Tag zu Tag wurde meine Neigung zu der Kleinen inniger und wärmer,

und ebenso der Wunsch, daß sie Zutrauen zu mir gewinne, wenn schon

kein anderes, doch ein solches wie zu einem älteren Bruder. Deshalb

verfehlte ich's meistens und war, zu meinem eigenen Schaden, bitter

und grämlich. Und an dergleichen war die Kleine nun gar nicht gewöhnt.

Geführt werden auf Tritt und Schritt, nach Pflicht und Vorschrift

fühlen, denken, athmen, geleitet werden wie ein Maschinchen, o ja! aber

wohlgemerkt, ohne ein rauhes, womöglich ohne ein lebhaftes Wort.

Die Gnädigste hatte ein scharfes Auge auf mich, und der geistliche

Herr, der mir am Hochzeitstage meine Papiere abgefordert, gleichfalls,

und _detto_ noch einige andere geistliche Herren, die im Hause

ein- und ausgingen. Ich sah wohl, daß sie mich beobachteten, aber ich

dachte: Nur zu! wie ich bin, so bin ich. Müßte übrigens lügen, wenn ich

behaupten sollte, daß sie mir das Geringste in den Weg gelegt haben;

bin vortrefflich mit ihnen ausgekommen. Glaube auch, daß die Gnädigste

ihrem Rath Folge geleistet hat, als sie mir nach Verlauf von ungefähr

sechs Wochen eröffnete, wenn es mir angenehm wäre, heimzureisen, wolle

sie mich nicht länger aufhalten.

Es würde sich nicht für mich schicken, die Komplimente, die sie mir

damals gemacht hat, zu wiederholen. Als sie jedoch mit ihnen fertig

war, sagte sie: »Das Walten einer gnädigen Vorsehung über meinem Hause

hat sich mir stets geoffenbart: niemals jedoch so sichtbarlich wie in

dieser letzten Zeit, bei der letzten weltlichen Angelegenheit, die zu

bestellen mir noch auferlegt war. Gott hat meine Ziehtochter einer

großen Gefahr entrückt, in welcher sie untergegangen wäre ohne seine

Dazwischenkunft. Statt des Unwürdigen, an den ich im Begriffe stand,

sie zu vermählen, hat er einen ihrer würdigen Lebensgefährten, hat er

Sie gesandt. Lieber Sohn« -- zum ersten Male nannte sie mich so -- »Sie

haben Alma aus der Hand der Kirche empfangen; empfangen Sie Ihre Frau

jetzt aus der meinen und meinen mütterlichen Segen und Glückwunsch

dazu.«

»Alles wohl und gut, Gnädigste,« entgegnete ich, »aber die Hauptsache

fehlt.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 31 / 34 题