»Hören Sie zu. Ich war an einer Stelle im Wald, die ich noch nicht
gekannt hab'. Es sind dort gar große Fichten und ein schmaler
Wiesengrund -- kleine Quellen durchrieseln ihn -- zieht sich hinunter
bis zum Thaldorf. Man kann den Kirchthurm sehen und das Kreuz darauf.
Dort am Waldesrand bemerke ich einen grünen Hügel, lang und schmal,
ganz eingefaßt mit Schneeblumen. ›Sie,‹ sag ich, ›Sie, Jäger, was ist
denn das?‹ -- ›Was?‹ sagt er und knotet eine von den Schnepfen fester,
die er sich an die Weidtasche angebunden hat. ›Ist das nicht ein Grab,
ein armes, einsames Grab?‹ -- ›Kann sein,‹ brummt er, so still, daß
ich's kaum verstanden habe. Dabei reißt er an seinem dicken Schnurrbart
... grad, wie Sie jetzt thun, lieber Ruppert, Herr Oberförster,« brach
sie lachend aus.
Er ließ schnell die Hand sinken, und die Gräfin fuhr fort: »Neben
dem Grab -- als ob sich's nicht näher getraute, ist ein Kreuzerl aus
zwei dünnen Latten aufgepflanzt, die ein gebogener Nagel in der Mitte
zusammenhält, und es steht ein Name drauf: Resel. Man kann's noch
ausnehmen, trotzdem die Buchstaben vom Regen halb verwischt und so
krumm sind, wie wenn ein Kind sie geschrieben hätte.«
»Kein Kind,« versetzte der Förster, »aber Einer, der geworden ist wie
ein Kind ... Hochgräfliche Gnaden haben ihn noch gekannt,« wandte er
sich an den Grafen, »den alten Vitalis, den großen, dicken, mit dem
rosenfarbigen Gesicht.«
»Ja -- ja -- und ich hab' immer ministriren wollen, wenn er ins Schloß
gefahren gekommen ist, die Mess' lesen. Was für eine Geduld hat er mit
mir gehabt!«
»Aber die Resel, warum ist sie nicht auf dem Friedhof begraben?« fragte
die Gräfin, und der Förster erwiderte zögernd:
»Ja, leider, weil sie leider Hand an sich gelegt hat, sich nämlich
umgebracht hat.«
»Umgebracht! --« rief die junge Frau erregt -- »gewiß aus unglücklicher
Liebe, sie hat ihren Geliebten nicht heirathen dürfen, oder er hat sie
sitzen lassen, der Lump ... Ist's so? Sagen Sie's, wenn Sie's wissen.«
»Wie sollt' ich nicht? Die Resel ist ja die Tochter von meinem Bruder
gewesen.«
»So -- und was war der?«
»Müller im Thaldorf.«
»Hat er viele Kinder gehabt?«
»Die längste Zeit gar keins, dann ist die Resel gekommen. Der liebe
Gott hat sich besonnen. Aber weil sie keine Ruh gegeben haben mit
Bitten und Betteln und auf alle Wallfahrtsorte herumgezogen sind, giebt
er endlich nach und schickt ihnen die zitternde Freud'.«
»Das Kind wird wohl kränklich gewesen sein?«
»Gesund wie ein Fischerl von ihrer Geburt an. -- ›Wenn die zwei Alten
ein Kind kriegen, kommt's mit graue Haar' auf die Welt‹, hat es immer
geheißen. Indessen bringt das Mädel einen Kopf voll dunkle Locken mit,
und wie ihr die ausgegangen sind, wachsen noch dunklere nach. Die Augen
waren schwarzbraun, ich hab' mein Lebtag keine so schönen mehr gesehen.«
Die Gräfin zuckte die Achseln, erhob sich und sagte mit komisch-naiver
Entrüstung zu ihrem Gatten: »_Comme il est bête!_«
Der Angesprochene erwiderte nur mit einem zustimmenden Laut, denn er
befand sich bereits im Halbschlafe. Ein wenig verdrossen nahm die junge
Dame Platz auf der Ottomane am Fensterpfeiler, stützte den Nacken
auf die Polster und fragte: »War die Resel groß, klein, wie hat sie
ausgesehen?«
»Sie wird beiläufig eine Person gehabt haben wie Hochgräfliche Gnaden,
nur nicht so mager da herum.« -- Der Förster legte die Cigarre weg und
griff mit beiden Händen an seine breite Taille. »Aber ein Feuerteufel.
Man hat nämlich nie gewußt, wenn sie weg war, ob sie ihre geraden
Glieder heimbringt.«
Die Gräfin lächelte: »Ja, ja, so wilde Hummeln giebt's, ich habe auch
eine gekannt.«
»Die Eltern sind aus der Todesangst um sie nicht herausgekommen,
wollten es ihr aber nicht zeigen, daß ihr nicht weh geschieht. Manchmal
hat sie's von selbst gemerkt und gesagt: ›Mutterl, acht Tag' geh ich
Dir nicht von der Seiten,‹ -- hat sich mit ihrer Arbeit hingesetzt
und gekniffelt, gekniffelt! An gutem Willen hat's ihr nicht gefehlt,
nur war's ganz gegen ihre Natur, und wenn man sie so gesehen hat, ist
sie einem vorgekommen wie ein Fink oder ein Kanari, den's eingespannt
haben, und der ein Wagerl hinter sich herziehen muß. Ihr Vater hat den
traurigen Anblick nicht vertragen, hat sie immer bald weggeschickt,
sich austanzen auf der Wiesen. Da ist sie geflogen! ... Hat übrigens
nicht nur getanzt, auch den Leuten geholfen beim Mähen und Heumachen
und im Winter beim Holzklauben, -- wenn sie nur draußen im Freien sein
konnte. Und -- kurioses Mädel! eine Passion, ihr Leben zu riskiren, als
ob sie's nicht früh genug los werden könnt.«
Seine Zuhörerin unterbrach ihn eifrig: »Nein, nein, daran hat sie nicht
gedacht, sie hat die Gefahr geliebt, das kommt vor, auch Mädchen haben
Heldenblut in den Adern ... Vielleicht war ihr Großvater Soldat wie der
meine.«
Der Förster nickte zustimmend: »Kann wohl sein ... die Resel -- wenn
ich denk', daß sie als ein zwölfjähriges Ding ein Wickelkind aus dem
lichterloh brennenden Haus gerettet hat und ein paar Wochen drauf bald
ersoffen wär'. Ist nämlich ins Wasser gesprungen einem jungen Hund
nach, der hätt' ertränkt werden sollen.«
»Einem Hund? -- Förster, das hätt' ich auch einmal gethan bei einem
Haar! aber die Gouvernante, die dumme Gans, hat mich am Kleid erwischt
und festgehalten ... Erzählen Sie weiter, im hab' sie schon lieb, die
Resel.«
»Schauen, so ist es jedem Menschen gegangen, nämlich, und nicht anders
dem lieben Vieh. Wenn sie zu uns gekommen ist, glauben, daß mein Hund
mir zugegangen wär'? Keine Idee. Wie verhext um sie herumgesprungen
und ihr nicht von den Fersen gewichen. Und mein ältester Bub, der
Robert, macht ihm's nach. Oder will wenigstens ... Sie war damaln
sechzehn, er achtzehn. Ich hab' ihn g'haut -- es hat nichts genutzt.
Fortschicken mußt ich ihn zu einem Bekannten in Sachsen, wo er mehr zu
thun und weniger zu essen bekommen hat als zu Haus. Plag' und Hunger,
Hochgräfliche Gnaden, sind die besten Mittel gegen die Lieb' nämlich.«
»War der Resel nicht leid um ihn?«
»Nein. Sie ist mit ihrem Toni gegangen und hat sich sonst um Niemanden
geschert. Das heißt, das will ich nicht gesagt haben; an ihre Eltern
nämlich ist sie gehängt, denen sie ja das allerhöchste war, und auch
an dem alten geistlichen Herrn, dem Vitalis. -- Schauen, an dem konnt
man's erleben, wie das ist, wenn ein einschichtiger Mensch sein Herz
an ein fremdes Kind hängt. Der treibt's mit ihm mehr als die eigenen
Eltern, glauben mir sicher. -- ›Mein Taufkind, mein Beichtkind --‹
ich hör' noch; den Ausdruck und: ›Die hat ein Köpferl, die fragt
g'scheiter, als ich antworten kann. Ja, und was für ein Herz! Nur, daß
sie's nicht immer zeigen mag. Wie oft kommt es aber von selbst zum
Vorschein, zum Beispiel -- wißt ihr noch, Förster? -- bei dem großen
Feuer.‹ -- Jehses, Jehses! wenn allemal ein halbes Dorf abbrennen
müßt, damit eins sein gutes Herz zeigen kann, hab' ich gedacht --
gesagt, nein. Den guten, guten Herrn zu kränken, hätt' ich mir zur Sünd
angerechnet. Die Resel war weniger heiklig in dem Punkt, und der Herr
Pater nämlich auch schwer dahinzubringen, daß er ihr eine Ermahnung
ertheilt. Ihm hat ihre Reu Angst gemacht, die gleich da war, aber nicht
viel anders ausgeschaut hat wie die pure Verzweiflung. Da ist sie auf
die Kniee gefallen vor denen Eltern und hat ihnen Händ' und Füß' geküßt
und mit Jammern und Weinen um Verzeihung gebeten.«
»Warum denn um Verzeihung?«
»Wird ihre Ursachen gehabt haben, wissen. Die Liebschaft mit dem Toni
war nämlich im höchsten Flor, und die Alten, so schwach sie sonst
waren, davon haben sie doch nichts wissen wollen.«
»Aus welchem Grund?«
»Erstens war er kaum zwanzig.«
»Kaum zwanzig!« Die Gräfin ließ ihren Blick auf den edlen, aber nicht
mehr jugendlichen Zügen ihres Gatten ruhen und auf seiner blanken
Glatze, in der das Licht einer der Lüsterkerzen sich spiegelte.
»Zweitens,« setzte der Förster hinzu, »war mein Bruder ein wohlhabender
Mann, der für seine Tochter etwas Besseres verlangen konnte als nämlich
einen armen Heger, was der Bursch zu der Zeit gewesen ist. Heger in
der Hubertushütten oben. Wahr ist, der Vater hätte früher g'scheit sein
und nicht erlauben sollen, daß die Resel und der Toni von Kind auf
beständig mitsammen herumrennen. Es hat sich so gemacht, weil das Haus
vom Revierjäger, dem Toni seinem Vater, nicht weit von der Mühl' war
und das einzige in der Nachbarschaft.«
»Also Spielkameraden,« sprach die Gräfin ernst und nachdenklich, »und
beide jung und lustig, da haben sie sich in einander verlieben müssen.«
»Zu dienen, Hochgräfliche Gnaden. Ich habe meinem Bruder oft gesagt,
es wär' Zeit, daß er auf sie Achtung gebet. Umsonst. Höchstens, daß
er's in Uebel genommen und mich angefahren hat: ›Ich kann ihr nicht
nachlaufen mit meiner Gicht; wär' auch schad' um die Müh'. Alle
möglichen Mucken trau' ich ihr zu, aber nicht einen unrechten Gedanken.
Sie wird die Kinderschuh, und die Dummheit mit dem Toni auf einmal
ablegen; laß nur den Andreas da sein‹.«
»Wen?«
»Dem Wirth vom Fichtentann sein Einziger. Ja. -- Die alten haben
sich ihn nämlich schon lang zum Schwiegersohn ausgesucht gehabt. Die
Wochen drauf nach geleisteter Militärpflicht sollt' er eintreffen. Ein
prächtiger, braver Mensch.«
»Ja,« sagte die Gräfin wie im Traum, »brav und gut ... aber er hat eine
Glatze gehabt.«
»Eine Glatzen? daß ich nicht wüßt'.«
Die junge Frau wurde über und über roth und wandte die Augen etwas
erschrocken ihrem Manne zu, der inzwischen fest eingeschlafen war.
»Alles eins,« sprach sie rasch, »erzählen Sie weiter.«
»Was soll im noch erzählen? -- Belieben sich das End' zu denken;
haben das Grab von dem armen Ding gesehen. Sie ist, versteht sich,
mit Erlaubniß des hochseligen Herrn Grafen, dort bestattet worden.
Solang der Pater Vitalis noch gelebt hat, hat er die Ruhestatt von
seinem Taufkind gepflegt. Dann hab' ich immer einen von meine Buben
hinausgeschickt.«
»Gut, gut, das kommt später, jetzt möchte ich wissen, wie die Resel
gestorben ist.«
Der Förster zögerte. »Verlangen sich's nicht, Hochgräfliche Gnaden, es
ist nämlich eine sehr traurige Gschicht.«
»Aber ich will sie kennen,« sprach die Gräfin gebieterisch und hob sich
auf dem eingestemmten Ellbogen ein wenig in die Höhe.
»Jetzt haben grad so g'schaut wie die Resel,« bemerkte der alte Jäger
lächelnd.
»So, -- wann?«
»Wann man sie bös gemacht hat, und das ist sie leicht geworden gegen
Jeden, nur gegen den Toni nicht; was der gethan hat, war immer recht --
nämlich ihr. Eine unbändige wie die, und getraute sich nicht die Augen
anders aufzuschlagen als so, wie es ihm gefällig war.«
»Sie hat ihn eben lieb gehabt.«
»Beim Tanz konnt' es noch so lustig hergehen, konnten's die Burschen
mit ihr treiben wie verruckt, die Freud' war gleich vorbei, wie der
Toni aus Eifersucht oder was ein Gsicht geschnitten hat. Bei ihm war
das fertig im Handumdrehen.«
»Das ist merkwürdig,« sagte die Gräfin, »daß der Toni auch so gewesen
ist.«
»Sehr merkwürdig,« bestätigte der Förster unbefangen. »Ein lieber,
hübscher, lustiger Kerl ist zum Tisch getreten; ein hölzerner
Haubenstock mit schiefem Maul hat sich niedergesetzt. Wenn ich ein
Mädel wär', ich nehmet keinen, der so ist. Sonst war ihm nichts
nachzusagen; er war tüchtig in seinem Fach, voll Kurasch und wie der
Teufel auf Wildschützen und Holzdiebe. Davon hat aber eine Geliebte
nichts.«
»Sie hat davon, daß es ihr gefällt, und das ist alles.«
»Entschuldigen, man möcht halt wissen, was für einen Grund sie gehabt
hat zu so einer Lieb'.«
»Auf den kommt's nicht an, mein lieber Ruppert.« Sie lehnte den Kopf
zurück und schloß die Augen. »Weiter, weiter. -- Nun, soll ich Ihnen
einsagen? -- -- Der andere wird stündlich erwartet und der armen Resel
fürchterlich zugesetzt: ›Du nimmst ihn, Du mußt! -- Wir wollen, wir
beschwören -- der Frieden unserer alten Tage hängt davon ab. -- Wie
sanft würden wir sterben, wenn wir Dich wüßten in der Hut eines braven
Mannes ... Kind, Kind! mach uns den Tod nicht schwer.‹ -- Haben sie so
zu ihr gesprochen, die Großeltern und der Vitalis?«
»Bitt' schön, Großeltern waren keine,« versetzte Ruppert nicht ohne
Schadenfreude an der Lücke im divinatorischen Talent seiner Gebieterin.
»Der geistliche Herr hat ihr im Namen der Eltern zugeredet.«
»Und sie hat nachgegeben, die Aermste?«
Der Förster wiegte bedenklich den Kopf: »Verzeih' ihr Gott und geb' ihr
den ewigen Frieden.«
»Wie? -- -- Also standhaft geblieben die Resel und ›nein‹ gesagt?«
»Nicht ›ja‹ und nicht ›nein‹, aber völlig desperat gewesen, hör'
ich, den Eltern gute Nacht gewünscht, und man soll für sie beten. --
Aus dem Zimmer gegangen, wieder hereingekommen, paarmal nacheinand,
gerade als ob sie etwas sagen möcht und sich nicht traut und es nicht
herausbringt. Endlich auf das viele Bitten der Mutter geht sie zur
Ruh. ›Morgen reden wir weiter‹, sagt der Vater, und sie, mit einer
Art Todesangst: ›Wenn Zwei bitten kommen, vielleicht erbarmt Ihr Euch
dann‹. In einer Viertelstund' hat die Mutter nachgesehen, da ist sie im
Bett gelegen und hat geschlafen -- oder dergleichen gethan. Am nächsten
Morgen war sie verschwunden.«
»Sie hat sich ins Wasser gestürzt oder in einen Abgrund,« erklärte die
Gräfin mit großer Bestimmtheit. »Wohl ihr, daß sie es konnte, daß keine
Gouvernanten da waren, sie zu hindern.«
»Wie meinen? -- Gubernanten? waren freilich keine da,« sprach der
Förster treuherzig. »Die ordinären Leut' aber haben alle gesagt,
wie hochgräfliche Gnaden: die hat sich umgebracht so oder so, und
denen Eltern noch zu Gehör gesprochen: Wenn man einem Kind von jeher
seinen Willen gelassen hat, darf man nicht auf einmal Gehorsam von ihm
verlangen. Die den Selbstmord am bittersten beweinen, brauchen nicht
erst zu fragen, wer ihn verschuldet hat.«
»Ganz richtig,« warf die Gräfin ein.
»Die Alten sind dagesessen, wie wenn der Blitz sie getroffen hätt'.
Was ist ihnen am Gered' gelegen? Solche Vorwürfe, als sie sich selber
gemacht haben, hätte der ärgste Bosnickel nicht erfunden. Der Herr
Kaplan, der auch Trost brauchet, spendet ihn, probirt es wenigstens.
-- Da klopft's ans Fenster und gleich darauf an die Thür. Die Eltern
fahren zusammen; sie meinen nicht anders als: Unsere Todte meldet sich.
-- -- Statt dem kommt der Bub vom Bäcken herein, der dem Toni alle
Wochen zweimal das Brot bringt. ›Sie sollen sich nicht abkränken,‹
sagt er, ›die Resel lebt, er hat sie gesehen, sie ist oben in der
Hubertushütten.‹«
»Wo?« -- die eifrige Zuhörerin schlug in die Hände und rief mit einem
Gemisch von Tadel und Bewunderung: »Mordsmädel das!«
»Ich bin just auf Besuch bei meinem Sohn in Sachsen gewesen,« fuhr
der Erzähler fort, »und erst am Abend zurückgekommen. Das Unglück war
schon geschehen -- vorher aber ein Wunder. Denken nur, der alte Pater
Vitalis hat den Weg zum Heger angetreten und wirklich zurückgelegt.
Wie er über die Felsen und über das Geröll gekrochen ist, der
schwerfällige Herr mit seine wackligen Beine, laßt sich auf natürliche
Art nicht erklären. Nachgehens habe ich ihn gefragt: ›Wie waren Sie im
Stande, die Beschwerlichkeiten von der Wanderung zu überwinden?‹ --
Seine Antwort war: ›Ich habe keine Beschwerlichkeiten verspürt, ich
bin hinaufgetragen worden von meinem großen Zorn und meinem großen
Schmerz.‹ -- Kurz und gut, er tritt in die Hütten. In der Kuchel am
Herd steht ›sein Taufkind, sein Beichtkind‹, schlagt die Händ vors
Gesicht, wie sie ihn erblickt, und weint, daß die Thränen ihr durch die
Finger fließen.
»Wo war da sein Zorn? Nur sein Schmerz ist übrig geblieben und hat aus
ihm geredet: ›Du Gottverlassene, weißt Du, was Du gethan hast? Weißt
Du, ob Deine Eltern die Schand' überleben? ... Davongelaufen -- Du! ...
Warum davongelaufen? sprich. Da ist Dein alter Beichtvater, beichte!‹
»Nun mein Gott und Herr, es war schon nicht anders als nämlich am
allerschlimmsten. Sie hat eingestanden, daß sie es nicht mehr aushalten
konnte unter einem Dach mit ihre braven, betrogenen Eltern, nicht mehr
hören konnte: ›Wenn Du uns lieb hast, heirathest Du den Andreas‹ -- daß
sie also in ihrer Desperation hierher gerennt ist. Heute oder Morgen
haben die Eltern doch erfahren müssen, wie es mit ihr steht und --«
Die Gräfin fiel ihm erregt ins Wort: »Die Zucht hat ihr gefehlt,
die Führung. Sie ist ganz allein dagestanden, Aug' in Aug' mit der
Versuchung ... Arme Resel! -- Von einer solchen Gefahr wissen wir
freilich nichts; uns wird die Wahl zwischen Recht und Unrecht erspart
-- die Beschützer laufen uns ja nach auf Tritt und Schritt. Gar oft
verdrießt einen die beständige Ueberwachung und ist am Ende doch Glück
und Gnade. -- Ach, wie wohl thut das reine Gewissen, das wir uns --
nein, das man uns bewahrt! ... Weiter, Oberförster, warum unterbrechen
Sie sich alle Augenblicke? Was hat er jetzt gesagt, der gute Pater
Vitalis?«
»Jenun, die Botschaft der Eltern hat er ihr ausgerichtet. Daß ihr
verziehen ist nämlich, und die Heirath mit dem Toni erlaubt, aber: aus
dem Elternhaus geht's zur Kirchen, ins Elternhaus muß sie gleich mit
ihm zurück.
»Die Resel war, wie wenn ihr die Sonne beim Untergang feuerroth ins
Gesicht geschienen hätte und dabei soll ein Frost sie geschüttelt
haben. ›Mein Vater,‹ sagt sie, ›meine Mutter, meine guten Eltern, meine
viel zu guten!‹ Sie hat die besten Vorsätze gefaßt, ihnen alles zu
vergelten und tausendfach zu büßen, was sie an ihnen verschuldet hat,
und von nun an die dankbarste Tochter zu sein, die gehorsamste. -- ›Mit
Gottes Gnade,‹ sagte der Herr Kaplan, ›und jetzt komm.‹ Noch nicht;
sie nöthigt ihn, ein Glas Ziegenmilch zu trinken, und giebt ihm dann
über den halben Berg das Geleit, bis wo der Weg gut wird. Da bleibt
sie stehen, nimmt seine Hand und küßt sie. Vergelt's Gott, Hochwürden,
und auf baldiges Wiedersehen. Er erschrickt: ›Was? gehst nicht gleich
mit?‹ -- Also nein! um nichts auf der Welt kann sie kommen ohne den
Toni; das wär' ja, als ob er nichts mehr von ihr wissen wollt und sie
nach Hause schicket. Sie haben beide gefehlt, sie müssen beide um
Verzeihung bitten und um den Segen. Die Tage sind jetzt lang, meint sie
-- nämlich im Anfang Juni -- es ist noch hellicht, und sie möchte so
gern warten, bis dunkel wird. Vor Schlafengehen trifft sie sicher ein,
bringt den Toni mit, und wenn der seine Begnadigung hat, soll er nur
gleich fort, sie schwört, daß sie sich's dann nicht einmal verlangt,
ihn eher wiederzusehen als am Altar bei der Trauung. Noch einmal
küßt sie dem Pater die Hand und eh' er sich besinnt, ist sie auf und
davon gesprungen. -- Nach einer Weile hat die Luft von der Höhe herab
dem geistlichen Herrn einen Jauchzer zugetragen, da war so ein Jubel
drin, als ob eine arme Seel' aus dem Fegfeuer gradaus in den Himmel
aufflieget.«
»Nun hätte ja Alles gut werden können, Förster.«
»Zu dienen, ja -- können, das heißt, wenn nämlich der Toni ein ganzer
Mann gewesen wäre und nicht ein halbeter, der sich einer übeln
Angewohnheit aus seiner Bubenzeit noch nicht erwehren kann. Er ist, das
hat er mir erzählt, wenn ich sage zwanzigmal, sage ich nicht genug, an
dem Abend in seinem schlimmsten Humor gewesen, nämlich. Hat er einen
Streit gehabt, hat er einen Waldfrevel entdeckt, oder was -- genug,
wie ihm die Resel von Weitem zuruft, thut er schon, als ob er nichts
höret noch sehet. Sie kommt ihm entgegen und theilt ihm voller Freuden
Alles mit, vom Besuch des Pater Vitalis und von der Einwilligung der
Alten. Der Toni spielt sich auf den Dummen, macht dergleichen, als ob
er nichts versteht: Einwilligung -- zu was? er möcht' gern wissen, zu
was er Einwilligung brauchet. Geht ins Haus, fangt an, sein Gewehr zu
putzen, und singt sich dazu recht frech und übermüthig das alte Liedel:
›Ich will dich ja lieben,
Aber heirathen nicht.‹«
Die Gräfin hatte sich mit einem Ruck aufgerichtet: »Schlechter Kerl!
Miserabler Mensch ... Ach, daß sie doch nicht zu ihm gegangen wäre! --
Also weiter, Herr Ruppert.«
»So gewohnt die Resel an seine ungleiche Laun' auch war, in dem
Augenblick ist sie ihr zu viel geworden, und sie hat ihm ein paar
ernsthafte Worte gesagt. Gleich ist der Gifthahn beleidigt, der
empfindliche Dalken, und das muß natürlich gestraft werden, je
grausamer, je besser. -- Werden das nicht wissen, weil es dergleichen
kaum geben wird bei so hohe Herrschaften nämlich; aber unter uns
kommt's vor, daß einer sein Liebstes, ob es jetzt ein Hund ist, ein
Pferd oder ein Frauenzimmer, manchmal plagen muß bis aufs Blut ...«
»Ach ja, ich kenne das,« seufzte die junge Frau, »solche Käuze findet
man überall. Und sie gefallen einem noch.«
»Unbegreiflicherweis' nämlich; denn in einem solchen Moment -- ich hab
das vom Toni -- ist denen Sekirern wie wenn der Teufel ihr Herz in
seine verfluchte Krallen nehmet und zusammendrucket, daß es hart wird
wie Stahl ... Aber Hochgräfliche Gnaden sind, mir scheint, schläfrig.
Soll ich nicht aufhören?«
»Nur weiter, lieber Herr Oberförster.«
»Wie sie ihn so gar bös gesehen hat, ist ihr angst und bang geworden,
und sie macht ihm nicht den geringsten Vorwurf, bittet nur demüthig:
›Schau, nimm mich doch. Thu's aus Erbarmen mit meine braven Eltern.‹
Aber der stutzige Bock beutelt mit dem Kopf wie ein Sonnenkoller. -- Es
fallet ihm nichts ein vom heirathen, und er sei zu jung nämlich, und er
will noch seine Freiheit genießen. Auf das hin wird die Resel still.«
»Und was thut sie?«
»In vorigem Winter, wissen, ist der Toni von drei Kerlen mit berußten
Gesichtern, wahrscheinlich abgestrafte Holzdiebe, im Schlaf überfallen,
gebunden und geknebelt, aus dem Bett gerissen und in Schnee geworfen
worden. Einem puren Zufall, der mich zu ganz ungewohnter Zeit dort
vorbeigeführt hat, hat er's zu verdanken, daß er nicht völlig erfroren
ist; zu drei Viertel war er's schon. Seit damalen hat er immer eine
geladene Pistolen an der Wand beim Bett hängen gehabt. Auf diese geht
die Resel zu, nimmt sie vom Nagel und spannt: ›Toni, ich muß heim, ich
hab's dem geistlichen Herrn versprochen, im kann aber nicht kommen ohne
Dir. Kommst mit, Toni? -- Willst?‹
»In ihm hat Alles gezittert, weil sie einen so entschlossenen Ausdruck
gehabt hat, aber er wird sich doch nicht imponiren lassen, er, mit
seiner Kurasch. -- ›Kommst mit?‹ -- das ist kein Bitten mehr, und jetzt
droht sie. ›Willst?‹ -- Er schreit, er weiß nicht was -- er fürchtet,
daß er: ›Nein‹, daß nämlich der Böse: ›Nein‹ aus ihm geschrien hat,
und stürzt auf sie zu und will ihr die Pistolen aus der Hand reißen.
Das hätt' ihm freilich früher einfallen sollen. Die Resel stürzt
zusammen, hat sich in die Brust geschossen, die Kugel sitzt in der
Lungen ... Jetzt ist dem Teufel seine Arbeit fertig, jetzt laßt er
los. Dem Toni geht das Herz auf und gehen die Augen über. Er wirft
sich neben ihr hin ... Die Welt, wenn sie sein wäre, nämlich, den
Himmel, wenn er ihn hätte, Alles gebet er, um daß sie gesund werden
möchte, seine Geliebte, er spürt es wohl: seine Vielgeliebte. Und
holt Decken und einen Polster und legt sie so vorsichtig darauf, als
ob sie ein bis zum Rand gefülltes Glas wäre, aus dem um Gotteswillen
kein Tropfen ausgeschüttet werden darf. Aber sie jagt mit einer großen
Müh': ›Geh, Du bist schlecht ... Ach, Vater, -- ach Mutter! ... Ach,
Du Schlechter, laß mich wenigstens nicht sterben wie ein Thier --
ruf mir den geistlichen Herrn‹ ... Und er fort. -- Ein Felsstück,
das von der steilen Wand abspringt, wäre nicht früher unten gewesen.
Ohne anzuklopfen, stürzt er dem Herrn Kaplan ins Zimmer, findet ihn
nicht allein, seine Behörde, der Herr Dechant von Marienhöhe sitzt bei
ihm. Natürlich bringt der Toni trotzdem seine Sache vor. Der Pater
Vitalis wird leichenblaß und muß sich an ihn anhalten, daß er nicht
umfallt, nämlich. Dennoch sagt er: ›Stütze mich -- komm,‹ und will in
die Kirchen um das Allerheiligste; kann nur nicht, ist zu schwach. Der
Herr Dechant führt ihn zu einem Sessel und erkundigt sich genau, was
denn sei? Dann meint er: ›Wie? das Allerheiligste hinauftragen an die
Stätte, wo alles Heilige mit Füßen getreten worden? Unmöglich. Bringt
erst die Verwundete ins Elternhaus zurück, zu Buße und Entsühnung‹ ...
›Ja, bringt sie,‹ sagt auch der Herr Kaplan ... ›Aus dem Elternhaus hat
sie als Braut zu mir kommen sollen, sich meinen Priestersegen abholen
zu einem neuen Lebensweg; im Elternhaus will ich ihr die Reisezehrung
reichen zu ihrem letzten Gang.‹
»Von da an habe ich Alles selber mitgemacht, nämlich, bin neben der
Tragbahre hergegangen, auf der sie gelegen ist und hat nichts als
gebetet. Manchmal habe ich mich zu ihr gebückt: -- Nun, wie fühlst
Dich? ›Ach, Herr Onkel, als eine große Sünderin.‹
»Wir haben sie also heimgebracht und auf das Bett der Mutter gelegt,
weil die es so verlangt hat. Kein Auge hat die Resel von ihr
abgewendet, außer um den Vater anzuschauen; und hat die Händ von beide
in ihre Händ gehalten und gesagt: ›Ihr‹ ... und immer wieder: ›Ihr‹ ...
Es war leicht zu verstehen, was das geheißen hat, nämlich: Ihr seid
das Gute, das Beste. Niemand hat mich lieb gehabt wie Ihr. Ich bereue!
ich bereue! ... Ach, daß ich doch nicht fort müßte, daß ich doch bei
Euch bleiben könnte. -- Mein Bruder hat laut geantwortet auf ihre
stummen Reden: ›Es wird keine lange Trennung sein, wir kommen Dir bald
nach.‹ -- Nun hat der Geistliche sich genähert und ihr zugesprochen
mit herrlichen Worten. Dann ihre kurze Beichte gehört, und ist eben
im Begriff gewesen, ihr die Absolution zu ertheilen, als ein Krakehl
vor der Thür entstanden ist. Es will nämlich Einer herein, den Andere
abzuhalten suchen.«
»Der Toni,« sprach die Gräfin.
»Ja. Man hört ein paar Leute schreien und hinfallen, und die Thür
geht auf. Keiner hat sich umgeschaut, nur ich. Da seh ich ihn, wie
er kniet ... Hochgräfliche Gnaden, ich habe viel gesehen in meinem
langen Leben, so etwas nicht wieder. Der rechte Schächer, wenn man den
vom Kreuz abgenommen hätte, bevor der göttliche Erlöser ihm Vergebung
verheißen -- dem sein Ebenbild war er. Wohl bin ich aufgesprungen, nimm
ihn beim Kragen und will ihn hinauswerfen. -- Aber er, den ich sonst
mit einem Finger an die Wand gedruckt habe, erwehrt sich meiner und
rutscht auf seine Kniee bis mitten ins Zimmer. Seine Zähne haben ihm
geklappert, dicke Schweißtropfen sind ihm über die Wangen gelaufen,
seine Augen waren trocken wie Feuer. ›Resel!‹ sagt er, ›Verzeih mir!‹
-- Sie horcht. ›Verzeih mir!‹ wiederholt er, schleppt sich bis ganz in
die Nähe von ihrem Bett und schlagt mit der Stirn auf den Boden. Der
Herr Kaplan wendet sich ab, die beiden Eltern pressen die Gesichter in
das Kissen, auf dem die Resel liegt. Sie faßt mit der einen Hand die
Mutter um den Hals und mit der andern deutet sie auf den Schächer.
»Alles Irdische war von ihr abgefallen, sie hat ihn mit so einem
sanftmüthigen Mitleid angeschaut ... ›Vater -- Mutter -- Hochwürden ...
das ist ein armer Mensch‹ ... Und nimmt ihre letzte Kraft zusammen:
›Vater -- Mutter -- Hochwürden, erbarmt Euch seiner‹ ...
»›Mein Kind, denke jetzt nur an den Ewigen, vor dem Du bald stehen
wirst,‹ beschwört Vitalis -- ›denk an das Heil Deiner Seele. --‹
»Aber sie sagt: ›Mein Lebenlang habe ich um Verzeihung gebeten, jetzt
bittet Einer mich, und ich soll sie ihm verweigern?‹
»›Dein Heiland, mein Kind, begehrt einzuziehen in Dein Herz -- empfange
Deinen Heiland, mein Kind.‹
»›Zuerst verzeihen,‹ antwortet sie und richtet ihre halbgebrochenen
Augen auf den armen Sünder: ›Ich verzeih Dir, Toni, und wenn auch Gott
mir nicht verzeiht -- ich verzeih Dir.‹
»Damit ist sie hinüber.«
»Todt?«
»Todt, und hat über die Versöhnung mit einem Menschen die Versöhnung
mit ihrem Schöpfer versäumt. -- Wir stehen vor ihr, ich und die Eltern
nämlich, und starren sie voller Entsetzen an, und doch wieder nicht,
weil sie daliegt und lächelt, so friedlich wie ein unschuldiges Kind.
Der Pater Vitalis ist am frühesten zur Besinnung gekommen, hat sich
mit einer wunderbaren Kraft aufgerichtet, die Arme zum Himmel empor
gehoben, und laut und inbrünstig gebetet:
»›Vergieb uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren
Schuldigern.‹«
»Arme Resel!« hub die Gräfin nach einer langen Pause an ... »und was
ist aus ihrem unglückseligen Geliebten geworden? lebt er noch? ich
möchte ihn kennen, den Toni.«
»Kennen ihn ohnehin,« erwiderte der Förster. »Ist derselbe, der
Hochgräfliche Gnaden heute geführt hat auf der Jagd.«
»Der war's -- der?« -- jetzt besann sie sich. Der hartnäckige Schweiger
mit dem finstern Blick, in dessen Nähe ihr fast unheimlich zu Muthe
gewesen, hatte eine flüchtige, rasch verjagte Erinnerung in ihr
geweckt, -- die Erinnerung an Einen, den zu vergessen ihre Pflicht war.
[Illustration]
Er laßt die Hand küssen.
»So reden Sie denn in Gottes Namen!« sprach die Gräfin, »ich werde
Ihnen zuhören; glauben aber -- nicht ein Wort.«
Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und
warum nicht?« fragte er.
Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermuthlich erfinden Sie nicht
überzeugend genug.«
»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtniß ist meine
Muse.«
»Eine einseitige wohldienerische Muse! Sie erinnert sich nur der
Dinge, die Ihnen in den Kram passen. Und doch giebt es auf Erden noch
manches Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte
ihre Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren
alten Verehrer abgefeuert.
Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah
die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an: »Ich wollte
Ihnen etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege
hierher, mitten im Walde, ist es mir eingefallen.«
Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine
Räubergeschichte sein.«
»O nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick
jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka _IV._ nämlich,
ein Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer
kleinen Uebereilung gab, die ihr später leid gethan haben soll,« sagte
der Graf mit etwas affektirter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder
eifrig fort: »Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen!
er kriegte aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermuthet
in den Weg trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie
ein Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet
und was hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? denken Sie: -- Ein
Büschel Erdbeeren!«
»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt --
in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen
den Wald fortgetragen haben wird.«
»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.«
»Und Sie sehen zu?«
»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir
im Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die
Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an.
Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer
Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach:
»Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Thee trinken und die Schatten
Ihrer Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit
Ihnen vor meiner Abreise noch etwas zu besprechen.«
»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.«
»Weil ich recht habe.«
»Weil Sie vollkommen recht haben.«
»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Rathen Sie ihnen, die Klage
zurückzuziehen.«
»Das thun sie nicht.«
»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.
Und zu welchem Advokaten, guter Gott! ... ein ruchloser Rabulist. Dem
glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz
all ihrer Popularitätshascherei.«
Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Athem.
»Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so thöricht vertrauen und
mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Rathgeber nicht frei
stände.«
»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Rathgeber, und -- auch bestellt
-- der Glaube an ihn.«
»Thorheit!« zürnte die Gräfin.
»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht bestellen?
... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener eine
Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rath, aufs Amt
zu gehen, um sie einzukassiren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm
eingefallen, daß er etwas Besseres thun könnte, als diesen meinen Rath
befolgen.«
»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute
ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!«
Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Aerger und sprach
dann: »Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt
zu haben. Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der
Gehorsam ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und
so mancher anderer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf,
wenigstens auf ihre eigene Façon ins Elend zu kommen.«
Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen
den Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit
einem Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!«
»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit
dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn
aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne
mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse
aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im
Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat,
zum Andenken an die Zeiten, in welchen wir noch das _jus gladii_
ausübten.«
»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das Jus gladii eine Rolle
in Ihrer Geschichte?«
Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr
fort: »Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger,
und er überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten
Augen, sah vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an,
während ein Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache
herunterleierte.
»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein
Häuslerssohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und
so still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt
er noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für
dummlich? ... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten
einander verstohlen zu und mehr als: ›So, -- ja eben so‹, und: -- ›je
nun, wie's schon ist‹, war aus ihnen nicht herauszubringen.
»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von
einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich
sein Gesicht dergestalt vor Freude, daß es beinahe leuchtete. Den
schickte meine Großmutter anderen Tages zu den Eltern Mischkas mit der
Botschaft, ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avancirt
und habe morgen den neuen Dienst anzutreten.
»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her, und stand bald
wieder vor seiner Gebieterin. ›Nun,‹ fragte diese -- ›was sagen die
Alten?‹ Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit
vor ...«
»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
»Bei dieser Reverenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,«
erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein
vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten
schwämmen in Thränen der Dankbarkeit.
»›Und der Mischka?‹«
»›O, der‹ -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke
Bein mit anmuthigem Schwunge vor -- ›o, der -- der laßt die Hand
küssen.‹
»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen
zu diesem Handkuß in Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die
Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde
der im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt
haben. -- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie
schlecht und recht. ›Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,‹
sagte der Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie
einmal vom Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht
wurde. Was ihr noch auffiel, war, daß alle anderen Mäher von Zeit zu
Zeit einen Schluck aus einem Fläschchen thaten, das sie unter einem
Haufen abgelegter Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen.
Mischka war der einzige, der diesen Quell der Labung verschmähend sich
aus einem irdenen, im Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein
erquickte. Meine Großmutter rief den Kammerdiener. ›Was haben die Mäher
in der Flasche?‹ fragte sie. -- ›Branntwein, hochgräfliche Gnaden.‹ --
›Und was hat Mischka in dem Krug?‹
»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz
wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem anderen,
und antwortete schmelzenden Tones: ›Mein Gott, hochgräfliche Gnaden --
Wasser!‹
»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen
und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein
zu reichen. ›Dem Mischka auch,‹ setzte sie noch eigens hinzu.
»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken
wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt
freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen,
war's aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich
zu wehren versuchte, ward er mores gelehrt, zur höchsten Belustigung
der Alten und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder,
ein handfester Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm
zusammengebissenen Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust
und goß ihm so lange Branntwein ein, bis sein Gesicht so roth und der
Ausdruck desselben so furchtbar wurde, daß die übermüthigen Quäler sich
selbst davor entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte
er sie mit einer wüthenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und
ballte die Fäuste ... aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte
und fiel zu Boden. Da fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich
sich aufzuraffen und schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er
hingestürzt war, im Hofe, vor der Scheune, schlief bis zum nächsten
Morgen, und als er erwachte, weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase
schien, kam just der Knecht vorbei, welcher ihm gestern den Branntwein
eingeschüttet hatte. Der wollte schon die Flucht ergreifen, nichts
Anderes erwartend, als daß Mischka für die gestrige Mißhandlung Rache
üben werde. Statt dessen reckt sich der Bursche, sieht den anderen
traumselig an und lallt: ›Noch einen Schluck!‹
»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.
»Bald darauf, an einem Sonntag Nachmittag begab es sich, daß meine
Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt,
ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Scene
belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen,
ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den
Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper
hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das
denselben nothdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden
Schattirungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft
ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen
Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen
zu fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu
unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges
Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre
Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen
Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrath
aufgelesener Aehren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich
sich an Mischka heran und ließ ihm die Aehre zwischen der Haut und dem
Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den
Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich
wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen
Garbenschober umkreisend, voll Aengstlichkeit und dabei doch neckend
und immer höchst anmuthig. Allerdings ist bei unseren Landleuten eine
gewisse angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen
Geschöpfe gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes
Schauspiel, daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß.
Einen anderen Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und
das Mädchen hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der
Gutsherrin. Er, zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie
ließ die Schürze sammt den Aehren sinken und verbarg das Gesicht in den
Händen.
»Beim Souper, an welchem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat,
bestehend aus einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der
gräflichen Behörden, theilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn
Director, der neben ihr saß: ›Die Schwester des Mischka, des neuen
Gartenarbeiters, scheint mir ein nettes, flinkes Mädchen zu sein, und
ich wünsche, es möge für die Kleine ein Posten ausgemittelt werden, an
dem sie sich etwas verdienen kann.‹ Der Director erwiderte: ›Zu Befehl,
hochgräfliche Gnaden, sogleich ... obwohl der Mischka meines Wissens
eine Schwester eigentlich gar nicht hat.‹
»›Ihres Wissens,‹ versetzte meine Großmutter, ›das ist auch etwas, Ihr
Wissen! ... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe
heute alle drei auf dem Felde gesehen.‹
»›Hm, hm,‹ lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Director hielt
die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, ›es
wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obscönen Ausdrucks, die
Geliebte Mischkas, und mit Respect zu sagen, ihr Kind gewesen sein.‹«
Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer an
sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei
waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen
Sie denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und
Gebärde zu berichten?«
»Ich habe die meisten der Betheiligten gekannt, und weiß -- ein bischen
Maler, ein bischen Dichter wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar
genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt
haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine
Großmutter nach der Mittheilung, welche der Director ihr gemacht,
eine Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und
fürsorglich für ihre Unterthanen sie war, darüber können Sie nach dem
bisher Gehörten nicht im Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch
verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als
gegen andere. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen
der Sittenverderbniß nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbniß
bei halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden
können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den
Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein.
Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher
Bub habe an andere Dinge zu denken.
»Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in
seine Haut hinein ...«
»Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken
wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf.
»Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck'
im darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und
Beschämung, die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst
und Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft,
die auch nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein
jammervoll klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: ›Erbarmen Sie
sich, Herr Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich,
gleich wird er ein Ende machen!‹
»Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß
zurück und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner
Mission, mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demüthigen
und freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: ›Er laßt
die Hand küssen, er wird ein Ende machen.‹«
-- »Lächerlich!« sagte die Gräfin.
»Höchst lächerlich,« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige
Großmutter hielt die Sache damit für abgethan, dachte auch nicht
weiter darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die
Vorbereitungen zu den großen Festen, die alljährlich am 10. September,
ihrem Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und
Nachtrab von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft
zusammen, und Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden,
Pirutschaden, Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so
weiter folgten einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen,
unsere Alten verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der
Welt. Gott weiß wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem
Schlosse ihnen erscheinen müßte.«
»Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind
auf das Land zurückgezogene Armenväter.«
»Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,
die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde.
Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs
zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner
Geschichte fort:
»So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer
der Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer
Leute aus dem Dorfe zur Aushülfe requirirt werden. Wie es kam, daß
sich gerade dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand,
weiß ich nicht; genug, es war der Fall und die beiden Menschen, die
einander hätten meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin
noch öfter zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der
gemeinsamen Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut,
lief vom Garten in die Küche, sie, von der Küche in den Garten --
manchmal trafen sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein
Viertelstündchen ...«
»Aeußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur
wüßte, was sie einander gesagt haben.«
»O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrathe Ihnen
nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens
lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig
lenkte die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen
Laubgang und gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus
verschiedenen Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb.
Der Bursche, kein anderer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die
Arme und küßte es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes
Gelächter brach los -- von den Herren, und, ich fürchte, auch von
einigen der Damen ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen
Auftritts gemacht hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht theil an der
allgemeinen Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich
davon. Der Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend
einer voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in
dem Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch
überzeugte er sich des Gegentheils, als er nämlich erfuhr, die Kleine
werde mit ihrem Kinde nach einer anderen Herrschaft der Frau Gräfin
geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die
noch dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl
noch einmal so viel. -- Mehr als: ›Herrgott! Herrgott! o du lieber
Herrgott!‹ sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender,
begriff nicht, was man von ihm wolle, als es hieß, an die Arbeit
gehen -- warf plötzlich den Rechen, den ein Gehülfe ihm sammt einem
erweckenden Rippenstoß verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf,
nach dem Hüttchen, in dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter
wohnte; das heißt, gewohnt hatte, denn nun war es damit vorbei. Die
Kleine stand reisefertig am Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr
nicht einmal zum Abschiedsegen die Hand aufs Haupt legen konnte, und
die bitterlich weinte. ›Hört jetzt auf zu weinen,‹ sprach die Tochter,
›hört auf, liebe Mutter. Wer soll Euch denn die Thränen abwischen, wenn
ich einmal fort bin?‹
»Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit
der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen
Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei,
und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem,
und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung
auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war
Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf
den Arm und schritt so neben ihr her.
»Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- ›Was thut
er denn, der Tropf? ... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist,
daß er nur so mitgehen kann?‹
»Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt:
›O, Ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch
gedacht -- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück
.... Mischka! Sohn -- mein Junge! ... Nichtsnutz! Teufelsbrut! --‹
jammerte und fluchte er abwechselnd.
»Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend
geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die
Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das: ›Hott! hott!‹ jauchzte.
Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht
so rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich, und lief zu
ihr zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden
geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit
den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den
Sohn an dem wehrlosen Geschöpfe aus.
»Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen
zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des
Schwächeren, des Jüngeren endete. Windelweich geprügelt, aus einer
Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der
Häusler faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen
kleinen Frau aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er
zu: ›Mach fort!‹
»Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde,
stumpfes, gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange
nach, wie sie so dahin wankte mit ihrem Kinde, so hülfsbedürftig und so
völlig verlassen.
»In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den
Gärtner, den der Häusler sogleich als ›gnädiger Herr‹ ansprach, und
flehentlichst ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem
Sohne. In einer Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein;
jetzt müsse er nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd
auch. Der Gärtner fragte: ›Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.‹
-- ›Nichts ist ihm,‹ lautete die Antwort, ›er ist nur von der Leiter
gefallen.‹
»Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben und war eine
Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins
Wirthshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen,
war überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn
gern versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten
Beschäftigung gefunden, ein Capital geworden, das Zinsen trug, sprach
er kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen
Kreuzer nach Hause. Es wurde theils für Branntwein verausgabt, theils
für Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen
ließ; -- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen
erschien dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm
begehen konnte. Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas
wegschenkte, an eine Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des
Alten, sein nagender Wurm. -- Je wüthender der Vater sich gebärdete,
desto verstockter zeigte sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr
nach Hause, oder höchstens einmal im Geheimen, wenn er den Vater
auswärts wußte, um die Mutter zu sehen, an der ihm das Herz hing. Diese
Mutter ...« der Graf machte eine Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen
sie, wie ich sie kenne.«
»Ich soll sie kennen? ... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig.
»Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das
kleine schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der
Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes,
das unterthänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn
eine so hohe Dame wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin,
ihm einmal zuruft: ›Wie geht's?‹ und in demüthigster Freundlichkeit
antwortet: ›Vergelt's Gott -- wie's eben kann.‹ -- Gut genug für
unsereins, ist seine Meinung, für ein Lastthier in Menschengestalt.
Was dürfte man anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es
einem? -- Du nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...«
»Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?«
»Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der
Hütte und fand da seinen Jungen. ›Zur Mutter also kann er kommen, zu
mir nicht,‹ schrie er, schimpfte beide Verräther und Verschwörer und
begann Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der
Häusler sich jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der
Bursche ihm in den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn
man ihn gefragt hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah,
hätte er antworten müssen: ›So viel Jahre als ich ihrer denke mit
dreihundertfünfundsechzig multiplicirt, das giebt die Zahl.‹ -- Und
die ganze Zeit hindurch hatte er dazu geschwiegen, und heute loderte
beim längst gewohnten Anblick plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in
ihm empor. Zum zweiten Male nahm er gegen den Vater Partei für das
schwächere Geschlecht, und dieses Mal blieb er Sieger. Er scheint aber
mehr Entsetzen als Freude über seinen Triumph empfunden zu haben. Mit
einem heftigen Aufschluchzen rief er dem Vater, der nun klein beigeben
wollte, rief er der weinenden Mutter zu: ›Lebt wohl, mich seht Ihr
nie wieder!‹ und stürmte davon. Vierzehn Tage lang hofften die Eltern
umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb verschwunden. Bis ins
Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner Großmutter wurde
angezeigt, Mischka habe seinen Vater halb todt geschlagen und sich dann
davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des sechsten Gebotes
diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am schärfsten verdammt
wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte sie keine Nachsicht
... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie befahl, seiner habhaft
zu werden, um ihn heimzubringen zu exemplarischer Bestrafung.
»Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines
Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße
hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die
Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne
durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem
beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden
von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flunkernde,
tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte
sich immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß
Fritz deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken
waren es und Mischka. Er sah aus, blaß und hohläugig wie der Tod, und
wankte beim Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um
seinen Hals geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und
schlief. Fritz öffnete das Thor, schloß sich der kleinen Karawane an,
holte rasch einige Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im
Taubenfluge, ins Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in welchem
meine Großmutter eben die sonnabendliche Rathsversammlung hielt. Der
Kammerdiener, von dem Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim
Ueberbringen einer neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete
ausdrucksvoll seine Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: ›Der
Mischka laßt die Hand küssen. Er ist wieder da.‹
»›Wo war er?‹ fragte meine Großmutter.
»›Mein Gott, hochgräfliche Gnaden‹ -- lispelte Fritz, schlug mehrmals
schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die
Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste unterwürfigste Knechtschaft
es ihm nur irgend erlaubte. -- ›Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner
Geliebten. Ja,‹ bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen
frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, ›ja, und gewehrt hat er sich
gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge
ausgeschlagen.‹
»Meine Großmutter fuhr auf: ›Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu
lassen.‹
»Alle Beamten verneigten sich stumm: nur der Oberförster warf nach
einigem Zagen die Behauptung hin: ›Hochgräfliche Gnaden werden es aber
nicht thun.‹ --
»›Woher weiß er das?‹ fragte meine Großmutter mit der strengen
Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde
und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe.
›Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt
nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.‹
»Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das
der Inspector unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in
einer wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Conferenz
erkundigte er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung
betreffs Mischkas.
»Und nun beging meine Großmutter jene Uebereilung, von der ich im
Anfang sprach.
»›Fünfzig Stockprügel,‹ lautete ihr rasch gefällter Urtheilsspruch;
›gleich heute, es ist ohnehin Samstag.‹
»Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab
der Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich
besinnen können, der Tag der Executionen. Da wurde die Bank vor das
Amthaus gestellt ...«
»Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit
unnöthigen Details.«
»Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste
abreisen; es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter,
mit den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den
Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum
Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem
allerungünstigsten Momente ließ der Doctor sich anmelden. Er war unter
allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei
ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren,
schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben.
»Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht
daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau
Gräfin unterthänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über
den Mischka zu sprechen.
»›Was will man denn noch mit dem?‹ rief die Gebieterin; ›gebt mir Ruhe,
ich habe andere Sorgen.‹
»Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.
»Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren
nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören --
Sorgen, für welche Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständniß
und infolge dessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.«
»O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der
Erzähler entgegnete:
»Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches
Talent, und es manifestirte sich deutlich in dem Schäferspiel »_Les
adieux de Chloë_«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst
einstudirt hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im
Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie
ihres Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der
entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim
Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten
Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände,
welche den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes
Halbrund verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisirte
Bühne wurde sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die
mit Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit
Traganth überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem
rosafarbigen Band unwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße
Wolle ihrer Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das
Geheimniß dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und
hinter ihr schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer
Myrtill. Alle trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern
theilte nun die zarte Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum
mit, dies seien die Blumen der Erinnerung, gepflückt auf dem Felde
der Treue, und bestimmt, dargebracht zu werden auf dem Altar der
Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung brach ungemessener Jubel
im Auditorium los und steigerte sich von Vers zu Vers. Einige Damen,
die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor meiner Großmutter
verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten, bestätigten es.
Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den ihre Dichtung
erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten noch fort, als
die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde bestiegen hatten und
theils in stattlichen Equipagen, theils in leichten Fuhrwerken, theils
auf flinken Rossen aus dem Hofthor rollten oder sprengten.
»Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den
Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so
friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch
des kleinsten Reiches selten zu Theil wird. Da -- eben im Begriff,
sich ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das
in respectvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es
hatte den günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das
offenstehende Thor, im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen.
Jetzt erst wurde es von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten
sie, Herrn Fritz an der Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich
hinwegzuschaffen. Zum allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine
Großmutter die dienstfertige Meute ab und befahl zu fragen, wer die
Alte sei und was sie wolle. Im nämlichen Moment räusperte sich's hinter
der Gebieterin und nieste, und den breitkrämpigen Hut in der einen Hand
und mit der anderen die Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr
Doctor bedächtig heran. ›Es ift, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden
entschuldigen,‹ sprach er, ›es ist die Mutter des Mischka.‹
»›Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?
... Und was will die Alte?‹
»›Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn
wollen, nichts anderes.‹
»›Was denn bitten? Da giebt's nichts zu bitten.‹
»›Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie
will doch bitten, hm, hm.‹
»›Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause
treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten
embrassiren?‹
»Der Doctor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: ›Auch hat
er seinen Vater halbtodt geschlagen.‹
»›Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts gethan, auch nichts thun
~wollen~, nur abhalten, die Mutter nicht ~ganz~ todtzuschlagen.‹
»›So?‹
»›Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein
Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner
Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.‹
»›Wem?‹
»›Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein
erwerbsunfähiges Weib, dem so zu sagen die Quellen der Subsistenzmittel
abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter
fortgeschickt hat.‹
»›Schon gut, schon gut! ... Mit den häuslichen Angelegenheiten der
Leute verschonen Sie mich, Doctor, da mische ich mich nicht hinein.‹
»Der Doctor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm,
zog das Taschentuch und schnäuzte sich discret. ›So werde ich also
der Alten sagen, daß es nichts ist.‹ Er machte, was die Franzosen
une fausse sortie nennen, und setzte hinzu: ›Freilich, hochgräfliche
Gnaden, wenn es nur wegen des Vaters wäre ...‹
»›Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge
ausgeschlagen.‹
»Der Doctor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch
in die Höhe, daß seine die Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und
sprach: ›Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko
noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den
erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich
auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen
Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren
hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.‹
»›Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.‹
»›Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermuthlich, weil sie
ihn vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich
schwer getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in anderen Umständen,
soll vom Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die
Wanderung angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und
die Person, hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn
sie am Ziele zusammengebrochen ist.‹
»Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn
sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine
oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. ›Eine merkwürdige Verkettung
von Fatalitäten,‹ sprach sie, ›vielleicht eine Strafe des Himmels.‹
»›Wohl, wohl‹, nickte der Doctor, dessen Gesicht zwar immer seinen
gleichmüthigen Ausdruck behielt, sich aber allmälig purpurroth gefärbt
hatte. ›Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits
dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das
Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!‹ schaltete er,
seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- ›und dieser
Bettlerin‹, er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, ›huldvollst
ihre flehentliche Bitte erfüllen.‹
»Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit
keinem Laut daran betheiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander,
und sie sank immer tiefer in sich zusammen.
»›Was will sie denn eigentlich?‹ fragte meine Großmutter.
»›Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne
dictirten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche
Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der
Gerechtigkeit besser Genüge geschähe als heute der Fall sein kann.‹
»›Warum?‹
»Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der
ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.‹
»Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die
Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie
dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: ›Geh' aufs Amt,‹ befahl
sie, ›Mischka ist begnadigt.‹
»›Ah!‹ stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während
der Doctor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich
hinbrummte: ›Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Execution durfte eben
begonnen haben.‹
»Das Wort ›begnadigt‹ war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel
der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und
drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob
sie sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen
suche.
»Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über
dieses Bild verkörperter Demuth: ›Steh auf,‹ sagte sie und -- zuckte
zusammen und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die
einen starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus
der Gegend des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei
herübergetragen. Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des
alten Weibleins, denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet
......
»›Nun?‹ fragte einige Minuten später meine Großmutter den athemlos
herbeistürzenden Fritz: ›Hast du's bestellt?‹
»›Zu dienen,‹ antwortete Fritz mit seinem süßesten Lächeln: ›Er laßt
die Hand küssen, er ist schon todt.‹« --
»Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine
friedliche Geschichte?«
»Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht
angehört,« erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt,
warum ich den sanftmüthigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst
jage, obwohl er meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.«
[Illustration]
Druck von G. ~Bernstein~ in Berlin.