XV.

Mutter und Tochter waren allein. Josepha machte sich an der

Hochzeitstruhe zu schaffen. Sie hatte das Schloß geöffnet, die Reste

des Deckels gehoben und entfernte nun dessen Trümmer und die Scherben

der Flaschen.

Jammernd betrachtete die Alte die in Champagner und Bordeaux getränkte

Wäsche, jammernd nahm sie Stück für Stück heraus und legte sie auf den

Tisch und die Sessel.

Marie aber rang die Hände und biß die Zähne im Schmerz zusammen.

»Mutter! Mutter!« schrie sie plötzlich auf, und Josepha wandte sich,

erschüttert durch den Klang der Verzweiflung in der Stimme, die zu ihr

rief.

»Jetzt ist's aus mit mir! O Mutter! was hab' ich gethan?«

Die Mutter hatte keinen Trost für sie.

»Aus is', das glaub' ich selber. Wenn er Dir heut' noch den

Abschiedsbrief schreibt -- mich wundert's nit. Es g'schieht Dir aber

recht. Von Walter hast Dir Alles gefallen lassen und hast aus Stolz

nit g'muckst, und ~den~ kreuzbraven Mann traktirst wie einen

Schulbuben wegen ein bissel Uebermuth .... Was hat er denn von Dir

wollen? -- Einen Tanz, einen Kuß! hätt'st nachgeben, er hätt' Dir noch

abgebeten, wie ich ihn kenn' ...... Man hat's ja g'sehen, er is' den

Wein nit g'wohnt, war gleich weg von den paar Tropfen. Der Bursch, der

G'hilf hat sechs Mal mehr getrunken, und hat ausg'schaut wie ein Käs.«

Marie nickte stumm bejahend zu Allem, was die Mutter sprach. Sie weinte

und schluchzte, und so oft die Hausthür ging, so oft Schritte auf der

Treppe vernehmbar wurden, so oft horchte sie, ob nicht ein Bote kam mit

dem von ihrer Mutter angekündigten Abschiedsbrief.

Bis tief in die Nacht wachte sie in Todesbangigkeit, aber es kam nichts.

»Mutter, er hat nicht geschrieben,« sagte Marie am Morgen, und Josepha

antwortete:

»Er meint halt, zu was denn schreiben, was sich das Andere auch so

denken kann.«

Den Tag über wandelte Marie im Waschhause umher und versah ihr Amt wie

im Traume. Gleich nachdem Anton ihr Jawort erhalten, hatte sie ihre

Entlassung genommen; ihre Nachfolgerin sollte demnächst eintreffen.

Gestern, in ihrem Glücke noch, dachte sie nicht ohne Bedauern an

den bevorstehenden Abschied von dem Schauplatz ihrer langjährigen

Thätigkeit -- jetzt hätte sie ihn lieber heute als Morgen verlassen.

Ach, und am liebsten hätte sie sich in tiefste Einsamkeit vergraben.

Sie hatte eine Handlung begangen, durch welche sie in eine Reihe

gestellt wurde mit den Gemeinen, sie fühlte sich gesunken, tiefer noch

als ins Unglück -- in die Schmach.

Zwei Tage verflossen -- aus dem Schulhause kam keine Botschaft.

In der Nacht zum dritten erwachte Josepha und sah durch den Thürspalt

einen Lichtschein aus dem Zimmer ihrer Tochter dringen. Beunruhigt

erhob sie sich, und bei Marie eintretend, fand sie diese ganz

angekleidet am Tische sitzen.

»Was thust denn?« fragte sie.

»Ich möcht' gern schreiben, aber es geht nicht,« antwortete eine von

Thränen erstickte Stimme, und ein blasses, zerquältes Gesicht erhob

sich zu der Alten:

»Seht nur -- drei Bögerln hab' ich schon verwüstet. Kaum hab' ich ein

paar Zeilen aufs Papier gebracht, so löscht mein dummes Weinen die

Hälfte wieder aus .... O Gott!« stöhnte sie, »ich hab's ja gewußt, daß

mein Glück in Trümmer geht; aber daß ich selbst es zerschlagen muß --

das hätte ich nicht geglaubt!«

»Warum Du g'rad g'mußt hast, das weiß ich nit,« sagte die Mutter.

»Jetzt ist's geschehen, und das Schrecklichste ist -- jetzt muß es auch

dabei bleiben,« entgegnete Marie. »Ich weiß, wie gut er ist. Wenn ich

hingehe und sage: Verstoße mich nicht, nimm mich in Gnaden wieder auf!

-- Er thut's.«

Ein menschlich Rühren und ein menschlich Hoffen war bei diesen Worten

in Josepha erwacht:

»Na, wenn'st das denkst,« sagte sie, »dann probir's, geh' hin.«

»Weil ich's denke, darf ich nicht hingehen. Es gehört sich nicht für

ihn, daß er mir verzeiht. Ich habe ihn so lieb, daß ich ihm eine

bessere Frau vergönn' und wünsche, als ich bin. Und mich selbst hab'

ich doch auch noch zu lieb, um einem Menschen zu sagen: »Ich verdien'

Dich nicht, ich seh' es ein, aber ich bitte Dich -- nimm mich doch! ...«

Josepha versuchte es, die Tochter zu einem versöhnenden Schritte zu

bewegen, aber sie fand kein Gehör. Marie blieb unerschütterlich und

sagte zuletzt:

»In dem Brief da habe ich ihm seinen Ring hinein legen wollen und dazu

schreiben: Lebewohl, wir passen nicht für einander, und sonst nichts

... Aber so gern ich möchte -- ich bring' es nicht zu Stande. Ihr müßt

den Ring selbst hintragen, Mutter, und dürft kein einziges Wort dazu

sprechen. Ich hätte freilich gern, daß er den meinen behielte, denn ich

brauche gewiß und wahrhaftig keinen Verlobungsring mehr. Aber, man darf

nicht d'rum bitten, wenn er es nicht von selber thut.«

Traurig schlich am folgenden Morgen Josepha durch das Dorf nach dem

Schulhause, Mariens Treugut in der zitternden Hand.

Von Weitem schon hatte Judica sie herankommen sehen und eilte ihr bis

auf die Schwelle entgegen.

»Ach, liebe Frau, was bringen Sie mir Gutes?«

»Gutes nit,« sagte Josepha in tiefster Niedergeschlagenheit, und

Judica stieß einen kläglichen Seufzer aus:

»Sie kann kein Vertrauen mehr zu ihm haben -- wer sieht das besser

ein als ich? .... Sich so zu benehmen, einen solchen Exceß zu machen

an seinem eigenen Verlobungsfeste ..... Viel habe ich mit ihm

durchgemacht, aber ~das~ hätte ich ihm doch nicht zugetraut, einer

solchen -- es wird mir schwer, das Wort zu gebrauchen, und mein Herz

blutet dabei -- einer solchen Rohheit hätte ich ihn unfähig gehalten.«

Die kleine Josepha blickte in unendlichem Erstaunen zu der Professorin

empor. Daß der unselige Vorgang auch in dieser Weise aufgefaßt werden

konnte, überraschte sie; doch nahm sie augenblicklich den Vortheil

wahr, der aus einer solchen Beleuchtung der Sache für ihre Tochter

entsprang.

Sie veränderte sogleich ihre Haltung.

»Es war freilich nicht schön von ihm, und hat die Marie sehr gekränkt«,

sprach sie in traurigem vorwurfsvollem Tone. Hätte ihr nicht der Muth

zum directen Ungehorsam gegen ihre Tochter gefehlt, die Rückgabe des

Ringes wäre unterblieben. Aber unter allen Umständen mußte Mariens

Wille geschehen.

Judica steckte den Ring, den die Alte ihr überreichte, mit ebenso

großer Betrübniß an ihren Finger, als sie ihn freudig von demselben

gezogen hatte, um ihn dem Sohn für seine Braut zu geben. Es war ja

ihr eigener Verlobungsring, das Wahrzeichen eines Bundes, den kein

Zwiespalt je gelockert, kein Mißverständniß je getrübt hatte; der in

starkmüthiger Geduld erhofft worden war, in Treue und Liebe bestanden,

dessen Erinnerungen noch alles Thun und Denken der alternden Matrone

verklärte.

»Unsere Kinder!« sprach sie -- »das ist ein ungestümes Geschlecht.

Das will alle seine Ziele erstürmen, erjagen. Daß auch etwas er --

~duldet~ werden kann, davon wissen sie nicht ... Wie oft hätten

~wir~ uns getäuscht sehen müssen, bevor wir uns enttäuscht gefühlt

und« -- sie streckte die Hand aus, an der ihr alter Ring wieder stak --

»diese Enttäuschung so streng, so unwiderruflich geahndet hätten! ...

Ach, Ihre Tochter, liebe Frau, und ach, mein Sohn -- der schweigt und

schweigt -- und verzweifelt still, nachdem er sich um sein Lebensglück

getobt hat.«

Marie ließ sich umständlich über jedes Wort der Unterredung zwischen

ihrer Mutter und Judica Bericht erstatten. Und daß auch nicht eines des

Tadels gegen sie gesprochen worden war -- das steigerte ihre Beschämung

auf das Höchste.

Am Sonnabend dann, zu einer Stunde, in welcher die Frau Professorin

Josepha allein wußte, erschien sie und war sehr aufgeregt.

»Mein Sohn schickt mich, liebe Frau, um Sie und Ihre Tochter für morgen

Nachmittag zu uns zu laden. Was er vorhat, weiß ich nicht. Wird Ihre

Tochter kommen wollen? O möge sie! Wenn mein Sohn für mich auch dieses

Mal ganz undurchdringlich und ein Räthsel ist, dafür steh' ich gut --

eine unedle Handlung mit Bedacht zu vollziehen, dessen ist er nicht

fähig.«

Sie eilte hinweg, denn sie wußte wohl, daß Anton jede Minute ihres

Ausbleibens zählte, und nicht erwarten könne, zu hören:

»Dein Auftrag ist bestellt.«

Als Marie erfuhr, was sich in ihrer Abwesenheit zugetragen, jubelte sie

auf: »Er ruft mich, er will mich noch sehen!«

Doch erlosch gar bald der leuchtende Hoffnungsstrahl.

Was stand ihr bevor? Eine Demüthigung nicht. -- Die wollte der

vortrefflichste aller Menschen ihr auch jetzt nicht bereiten. Und

sich selbst vor ihr demüthigen, das konnte und durfte er ebenso wenig

wollen. Was also? -- Wozu lud er sie? -- Galt's einen Abschied, wie er

seiner würdig war, und sie einschneidender noch, als sie es ohnehin

empfand, sollte fühlen lassen, welch ein Herz sie gekränkt und verloren

hatte. War es das? -- Von welchen Zweifelsqualen hätte sie derjenige

erlöst, der ihr ~die~ Fragen beantwortet hätte!

Und am folgenden Tage, auf dem Wege ins Schulhaus sagte sie:

»Ich glaube, Mutter, daß ich jetzt weiß, wie den armen Sündern sein

wird beim letzten Gericht.«

Dieselbe Gesellschaft, die in der vorigen Woche bei Josepha und Marie

zusammengetroffen war, hatte sich bei Judica versammelt. In der Mitte

des Zimmers stand ein Tisch für zehn Personen gedeckt. Die Frau

Professorin erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten für ihre Gäste, war

sehr echauffirt, höflicher denn je, und dabei nicht im Stande, ihre

Zerstreutheit und innere Unruhe zu verbergen.

Und jetzt öffnete sich die Thür, und Marie wußte, obwohl sie die Augen

nicht erhob: Er war eingetreten. Er wechselte einige Worte mit einer

Frau in ihrer Nähe und küßte derselben die Hand. Und diese Frau war die

Kanzleiräthin, und dieser Handkuß eine Abbitte, und keine vergebliche,

wie es schien. Die gute Dame, deren Züge bisher nur Majestät

ausgedrückt hatten, lächelte jetzt voll Huld.

Man setzte sich zu Tische in derselben Rangordnung, die beim

Verlobungsmahle beobachtet worden war, mit dem einzigen Unterschied,

daß Marie ihren Platz nicht neben Anton, sondern ihm gegenüber erhielt.

Sie hatte noch nicht gewagt, ihn anzusehen; erst als er sich erhob

und zu sprechen begann, richtete sie verstohlen einen Blick auf ihn.

Es ging ihr wie ein Schwert durch das Herz; denn sie las auf seinem

Gesicht die Sprache eines Schmerzes, der dem ihren nichts nachgab.

»Meine verehrten Gönner und Freunde,« begann er mit leiser, aber

deutlich vernehmbarer Stimme. »Sie waren Zeugen meiner Verlobung mit

Frau Marie Walter; wir haben Sie hierher gebeten, um Zeugen der Lösung

dieses Verlöbnisses zu sein.«

Ein Gemurmel der Mißbilligung und des Bedauerns durchlief die Reihen

der Anwesenden, der Vicar wollte sprechen, aber Anton kam ihm zuvor.

Er schöpfte tief Athem und fuhr fort:

»Frau Marie Walter hat sich entschlossen, mir mein Wort zurückzugeben.«

»~Sie~ also, Frauchen?« rief der Kanzleirath; doch wurde auch er

von Anton unterbrochen:

»Frau Marie Walter straft mich für ein strafwürdiges Vergehen, die

Strafe ist gerecht, und ich nehme sie an. Vor Ihnen Allen habe ich die

Ehrfurcht außer Acht gelassen, die ich meiner Braut schuldig war, vor

Ihnen Allen leiste ich ihr Abbitte. Sind Sie mit dieser Genugthuung

zufrieden, Frau Walter?«

Alle wandten die Augen nach ihr; die ihren schwammen in Thränen; sie

bemühte sich »Ja« zu sagen, doch entrang sich ihrem Munde nur ein

dumpfer Wehelaut.

»Wenn ich nicht irre, ist meine Entschuldigung angenommen worden,«

sprach Anton. »Dennoch sind wir nicht fertig mit einander. Wir

scheiden, aber wir wollen nicht in Groll scheiden; deshalb muß zuvor

zwischen uns alles ausgeglichen sein. Wie ich Genugthuung gegeben habe,

so fordre ich sie auch. Geben Sie mir jetzt Genugthuung, Frau Walter.«

Er blickte sie ernst und fest und voll gespannter Erwartung an.

Marie rang im Zweifel mit sich selbst, von Todesbangigkeit vor einem

Mißverstehen ergriffen. Plötzlich jedoch schien sie errathen zu haben

und erhob sich. Anton stand regungslos; sie schritt auf ihn zu, schlang

den Arm um seinen Hals und drückte ihre Lippen an seine Wange. Sie

that es demüthig aber zugleich würdevoll; und dieser Kuß, den das

blühende Weib dem angebeteten Mann spendete, war kein beglückender Kuß

der Liebe, es war ein Kuß feierlicher Sühne. Und als solcher wurde er

von Anton empfangen -- ohne Dank, wie ein ihm gebührendes Recht.

Den Anwesenden war zu Muthe, als wohnten sie einer heiligen Handlung

bei; sogar der Herren bemächtigte sich eine leise Rührung. Der

Kanzleirath wollte ein Scherzwort wagen, um die seine zu verbergen;

aber seine Gattin und seine Tochter bedräuten ihn mit so eisigen

Mienen, daß sein unschuldiges Späßchen ihm auf der Zunge erfror.

Unter allgemeiner Stille ließ die Stimme Antons sich wieder vernehmen:

»Jetzt sind wir quitt, Frau Walter, und Jedem von uns steht es frei,

seinen einsamen Weg weiter zu gehen.«

Marie sah ihn lang und innig an, als wolle sie sich sein Bild einprägen

für alle folgende Zeit, dann sprach sie:

»Kommt, Mutter.«

»Halt!« rief Anton, und seine stolz bewahrte Ruhe verließ ihn. »Wir

sind quitt, Jedem ist sein Recht geworden; aber -- wollen wir Zwei

einander denn nicht mehr gewähren, als nur das Recht? ...«

Marie, die sich schon zum Gehen angeschickt hatte, wandte sich ihm

wieder zu. Sie zitterte am ganzen Leibe, und aus dem tiefsten Leid ins

höchste Glück versetzt fühlte sie sich, als Anton ihre Hand erfaßte und

sprach:

»Ich will ein Leiter und ein Lenker sein und bin nur ein fehlbarer

Mensch. Was wäre mir, dem Soldaten im Dienste der Menschheit, der

Besitz eines ~tapferen~ Weibes! Eines Weibes, das im Fall der Noth

sogar dem abgeirrten Herrn und Meister eine Zurechtweisung zu ertheilen

versteht.«

-- »O Herr Schullehrer!« flehte Marie in Zerknirschung.

Er hatte schon ihre zweite Hand erobert und zog die vielgeliebte Frau

an sich:

»Und so werb' ich denn noch einmal, Marie!« sagte er.

Sie sank in seine Arme, überwältigt, lautlos.

Eine Weile herrschte tiefste Stille, dann sagte der Kanzleirath:

»Frauchen! just noch im letzten Moment haben Sie eingelenkt. Er hätte

Ernst gemacht, der eiserne Ritter da, wenn Sie ihm Satisfaction

verweigert hätten.«

»Und wäre sich's schuldig gewesen,« sprach Marie.

Anton preßte ihren Kopf mit unsäglicher Zärtlichkeit an seine Brust:

»Auch -- ~Dir~. Aber wie ich's vermocht hätte, das weiß ich jetzt

nicht mehr.«

[Illustration]

Der gute Mond.

Vor vierzehn Tagen haben wir ihn zur letzten Ruhestätte begleitet: Herr

Franz von Meyer, Herr Joseph von Müller und ich, Johann Ritter von

Schmidt.

Ja, er ist todt, der gute Mond; nun giebt es keinen Königrufer mehr,

und sind wir reducirt auf einen Tapper. Einen andern Stammgast des

»Blauen Raben« einzuladen, den leer gewordenen Stuhl des Freundes

zu besetzen, ist uns nicht eingefallen, so viele Prätendenten sich

derohalber auch direct und indirect bei uns gemeldet, und so anständige

Leute es auch waren, an denen unser Städtchen überhaupt, zu seiner

Ehre sei es gesagt, keinen Mangel leidet. Der Platz, den der gute Mond

durch neunzehn Jahre allabendlich drei Stunden lang eingenommen hat,

ist infolge des hohen Alters seines Inhabers und des Rathschlusses

der ewigen Vorsehung leer geworden und soll denn leer bleiben. Was

die Erinnerung an den Verblichenen betrifft, so wird sie uns niemals

entschwinden, und werden wir die Geschichte, die er am liebsten

erzählte, niemals vergessen. Aber, derweil sie noch frisch in uns lebt

und seine Ausdrucksweise uns auch noch ganz geläufig ist, habe ich, der

ich mich des besten Gedächtnisses erfreue und auch ziemlich gut in der

Feder bin, es unternommen, dieselbe aufzuschreiben. Bin mir dabei wohl

bewußt, daß die Hauptursache des Eindrucks, den die Geschichte auf uns

machte, in dem Mangel an Uebereinstimmung lag, zwischen dem, was der

Erzähler von sich selbst, und dem, was seine Erzählung von ihm aussagte.

Kaum wird es, so weit die Erde rund ist, einen Mann geben, der sich in

einer Lage wie diejenige, in welcher er versetzt wurde, mit ähnlicher

Selbstbeherrschung und Zartheit benommen hätte. Daß er trotzdem immer

auf sein derbes und brüskes Wesen zurückkam, und es ihm nie einfiel,

daß er auch anders hätte handeln können, als er gehandelt hat, das

eben war es, was uns jenen, oben angezogenen, seltsamen und rührenden

Eindruck machte.

Ob dies beim Lesen in gleichem Maße der Fall sein wird, muß ich

dahingestellt sein lassen, genug, daß ich mich der größten Treue in der

Wiedergabe der Worte unseres Freundes befleißige.

Das Titelblatt zu dem Manuscript anzufertigen, hat Herr von Müller sich

bereit erklärt, und es wird den Verewigten vorstellen, wie er beim

Tarok sitzt, mit seiner rosigen, etwas ins Karmoisinene spielenden

Gesichtsfarbe und seinen schneeweißen Haaren.

Die Frau von Meyer, die eine gute Hausfrau und sehr praktisch ist, hat

ihn immer verglichen mit einer zur Hälfte gezuckerten Erdbeere, und die

Frau von Müller, die mehr poetisch fühlt und zur Schwärmerei neigt,

wurde stets durch ihn an einen beschneiten Rosenhügel gemahnt. Dies in

Parenthese.

Der Herr von Meyer spitzt schon ein Bund Gänsekiele (da er sich absolut

nicht zur Stahlfeder bequemen will) zu einer kalligraphischen Abschrift.

Jedermann weiß, daß die schlechtesten Witze von den Jägern und von den

Kartenspielern gemacht werden, und so war es denn auch ein schlechter

Witz von uns, daß wir ihn den guten Mond nannten. Mond, weil er diese

Karte so oft in die Hand bekam, und den guten, weil er mit ihr, statt

den anderen, sich selbst einen Schaden zufügte, sintemalen er sie sehr

oft vom Sküs fangen ließ. Sein wirklicher Name war Franz Edler von

Bauer, und er hatte ein ansehnliches Gut besessen, das er bis in sein

siebzigstes Jahr ausgezeichnet verwaltete. Als er jedoch seine Kräfte

schwinden und sich nicht mehr recht fähig fühlte, die Wirthschaft mit

der gewohnten Energie und Genauigkeit zu führen, und vielleicht auch

aus anderen Gründen, verkaufte er die Besitzung und zog ins Städtchen,

wo er bald zu sterben gedachte. Dieses traf jedoch lange nicht ein,

und er brachte es zu einem Alter, das ihn berechtigte, uns, die wir

sämmtlich zwischen dem fünften und dem sechsten Jahrzehnt herumhüpfen,

per grüne Grasteufel, und rothe Erdzeisel zu traktiren. Verheirathet

war er gewesen und nicht gewesen. Aber -- das ist eben die Geschichte,

und die beginnt somit.

* * * * *

Es ist so lange her, daß ich mich nicht zu geniren brauche, sondern

aufrichtig sagen darf: wir sind ein paar schöne Leute gewesen, mein

Vetter Franz und ich. Franz! Ihr wißt schon, wir führten denselben

Familien- und denselben Taufnamen, und er war ein einziger Sohn wie

ich, und wir haben einander auch im Aeußeren ähnlich gesehen. Beide

blond mit blauen Augen, stattlichen Nasen und Vollbärten, nur daß bei

ihm alles in die Länge und bei mir in die Breite ging. Und er so fein!

Ach, was war Euch dieser Mensch so fein! Ich habe nie einen so feinen

Menschen gesehen ... Ich dafür immer mehr brüsk, aber sonst -- ganz

ähnlich.

Meine Eltern starben früh, setzten mir einen schläfrigen Vormund, der

mein Interesse nicht zu wahren verstand, und weil ich als Bub schon auf

mein Interesse war wie der Teufel, kümmerte ich mich selbst um meine

Sache und dirigirte und kommandirte bereits als ein Unmündiger bei mir

herum. Zeit hatte ich dazu; damals verdummten und verweichlichten die

jungen Leute noch nicht wie jetzt auf der Schulbank. Bei meinem lieben

Vetter und Nachbar ging's anders zu; seine Eltern trieben Abgötterei

mit ihm und hätschelten ihn, als ob er eine brustkranke Prinzessin

gewesen wäre. Wenn er ein Gewehr in die Hand nahm, wurden sie blaß, und

wenn er junge Pferde zuritt oder einführte, beteten sie für ihn. Wenn

er aber ein Gedicht machte -- denn er machte Gedichte; ja, Gedichte in

Versen, und die Verse reimten sich sogar -- und wenn er die Poesie dem

Papa oder der Mama am Geburtstag oder Namenstag unter die Serviette

legte, da weinten sie vor Freude. Kurz, die Aufgabe ihres Lebens war,

den Sohn zu verzärteln, und als sie dieselbe fertig gebracht hatten,

verließen sie ihn -- just, da sie ihm am nöthigsten gewesen wären,

dem unerfahrenen und unschuldigen Kind von fünfundzwanzig Jahren.

Die Mutter wurde plötzlich von einem Herzschlag hinweggerafft, der

Vater folgte ihr bald nach -- aus Sehnsucht, meiner Treu. Auf dem

Todtenbett empfahl er mir den Sohn und das Gut, das, wie gesagt, an

das meine grenzte. Da hatte ich ihn auf dem Hals und die Ehre, alle

Tage mit ihm auf den Friedhof zu laufen zu den Gräbern seiner Eltern,

die er mit Kränzen schmückte und mit sentimentalen Inschriften. Und

nach Dresden ist er gereist und hat bei einem berühmten Bildhauer

einen Engel machen lassen, der seine Züge trug. Sie können denken, was

das gekostet hat -- mich nämlich; erst die Statue und dann der weite

Transport von Dresden bis herunter zu uns nach Siebenbürgen. Aber

dafür welch ein Aufsehen! Von weit und breit kamen die Leute aus der

Nachbarschaft, den schönen Grabesengel zu sehen und die Inschriften zu

lesen, und was jung war und eine Frau oder ein Fräulein, das verliebte

sich in das Urbild des Engels und in den Urheber der Inschriften.

Es regnete nur so Einladungen und Briefchen, und er hatte bald eine

Correspondenz wie ein Minister. Was mir recht war, denn es zerstreute

ihn doch. Und Partien hätte er machen können -- prächtige! und hätte

nur die Wahl gehabt zwischen einem halben Dutzend Erbtöchtern. Aber

diese Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit und dieses Nichtwissen, in

~welche~ er verliebt war! ... Heute schien es ihm ~die~ und

morgen ~jene~, und wenn ich es mir einfallen ließ, auch einmal der

oder jener die Cour zu schneiden, dann fühlte er sich tief gekränkt,

und dann wäre gerade ~diese~ die eine und einzige gewesen, die

ihm gefallen und gepaßt hätte. So, daß ich richtig immer zurücktreten

mußte, wenn ich eben anfing Feuer zu fangen. Wenn ich aber sagte: Gut,

so bewirb du dich, machte er den Großartigen und rief, er brauche kein

Opfer, und jetzt sei ihm die Freude schon verdorben, und declamirte

etwas von einem kalt gewordenen Bissen auf Cäsars Teller.

Um seine Besitzung kümmerte er sich gerade so viel, um zu bemerken, daß

sie ihm nichts eintrug. Hat auch nicht anders sein können, die Regie

fraß ihn auf. Ich war mein eigener Verwalter, Förster, Stallmeister und

Barbier. Er hat für das kleinste Amt einen eigenen Menschen besoldet

und wäre dabei weiß Gott wie oft zu Grunde gegangen, wenn ich nicht

ausgeholfen hätte. Was ist mir anderes übriggeblieben? War es aber

geschehen, das beruhigte ihn mit nichten, da ging erst das Wimmern los,

daß seine Verpflichtungen gegen mich ihn niederdrückten. Um nur sein

Lamentiren nicht hören zu müssen, habe ich die dummen Quittungen, die

er mir aufnöthigte, mehr als einmal vor seinen Augen zerrissen.

Einige Jahre ging es so fort, er näherte sich schon seinem

dreißigsten, da gerieth Euch der Mensch in die Bande einer koketten

Frau. Hochgebildet, wie bereits ihr Taufname Aglaja verrieth. Ich

that, was ich konnte, um ihn los zu machen, aber es wollte mir nicht

gelingen, die Dame hielt ihn fest mit schmachtenden Blicken und mit

geistreichen Gesprächen. Mit Absicht machte ich mich zum unwillkommenen

Dritten in ihrem zarten Bunde, scherte mich nicht um die üble Laune,

mit der sie mich merken ließen, daß ich überflüssig sei, und langweilte

mich wie ein Todter bei ihren Conversationen. Sie warfen herum mit

Namen wie Schopenhauer, Eliot, Sand, Chopin, und ich hatte keine Idee,

ob von Männlein oder Fräulein die Rede war.

Nun denn! dieser schwärmerische Umgang und seine vielen Sorgen wegen

seiner Mißwirthschaft, und seine innere Friedlosigkeit und -- glauben

Sie mir -- hauptsächlich sein ewiges Dichten brachten ihn endlich so

herab, daß der Arzt ihn zur Nervenstärkung ins Bad schickte.

Drei Wochen war er dort, da bekam ich einen Brief von ihm, wißt Ihr,

so einen, den man meint nur mit der Feuerzange anrühren zu können, so

einen, bei dem man staunt, daß das Papier dem Gluthstrom widerstanden

hat und nicht in Flammen aufgegangen ist.

Der Franz ist verliebt wie ein Italiener aus der Gegend des Vesuvs,

wo sie am hitzigsten sind. In ein blutjunges Fräulein, das er in dem

Badeorte kennen gelernt hat. Er ist auch schon verlobt, die Hochzeit

wird im nächsten Monat gefeiert, auf dem Gut der alten Tante, der

einzigen weiblichen Verwandten der »göttlichen Kleinen«, männliche

hat sie gar keine. Ich weiß nicht, warum es mir, wie ich das gelesen

habe, gleich durch den Kopf gefahren ist: Du armes schutzloses Ding.

Am Schluß des Briefes theilt mir der Mensch noch mit, daß er in acht

Tagen nach Haus kommt, um seine Angelegenheiten zu ordnen (o weh! denk

ich und schau meine eiserne Geldkasse im Winkel recht traurig an),

in vierzehn Tagen aber wieder abreisen wird, zu ihr! zu ihr! seiner

Sonne, seiner Wonne, seinem weißen Schäfchen, seiner Taube. Und ganz

am Schlusse heißt es: Tiefstes Schweigen! Aglaja darf um Gottes willen

nichts erfahren, bevor die Hochzeit vorüber ist.

Das gefällt mir nicht, ich thu ihm aber den Willen, halte mein Maul

und erkundige mich sub rosa nach den Verhältnissen der Braut. Alles

in Ordnung, alles sehr anständig, nur im Geldpunkt da hapert's. Das

Gut der Tante (es hieß Folt, lag an der Grenze des Banats und war

viel werth) kriegt die Kleine nicht, das hat die Tante einem Kloster

verschrieben, in das sie eintreten will, sobald die Nichte angebracht

sein wird.

Aus den acht Tagen, nach denen Franz heimkehren wollte, werden

vierzehn. -- Er hat sich nicht losreißen können von der Geliebten,

dunkle Ahnungen haben ihn bedrängt, und beim Abschied, den er für ein

paar Wochen genommen, ist ihm gewesen, als sei es ein Abschied für

immer. Ich lache ihn aus, ihn und seine Nerven, und meine nichts

Besseres thun zu können, als ihn aufzumuntern, sein Haus herzurichten

zum Empfang der jungen Frau. Aber da geht der sentimentale Teufel in

ihm erst recht los. Auf Tritt und Schritt begegnen ihm Erinnerungen an

seine »goldene Junggesellenzeit«. Trockene Blumen und Lorbeerkränze

mit seidenen Bändern und Widmungen, gestickte Pantoffeln und Kissen

und Schlafsessel ... mir ein Graus, das Zeug. Um jedes Stück, das ich

vernichten oder verschenken wollte, feilschte er, und als ich über die

Cassette kam, in welcher Aglajas Briefe lagen, in Packeten zusammen

gebunden mit rosafarbenen Schleifen, da wurde er wild und erklärte, die

Briefe dürften nicht vernichtet werden, die müsse er ihr, die seine

Muse gewesen war, selbst zurückbringen. -- »So thu's!« rief ich, »bring

ihr die Briefe und sag: Es ist aus; sei ein Mann und sag: Es ist aus

und vorbei, ich heirathe.« -- Er versprach's -- hat auch gewiß in dem

Augenblick die besten Vorsätze gehabt, das heißt, daß er geholfen hat,

den Weg zur Hölle pflastern. Ist Euch von der Aglaja zurückgekommen wie

ein getaufter Pudel.

Bald darauf finde ich ihn ausgestreckt auf dem Ruhebett, und er hat

neben sich auf dem Tisch einen offenen Brief liegen. -- »Von wem denn

schon wieder?« fragte ich. -- »Von meiner Braut.« -- »So? hat sie

geschrieben, die Wonne, die Sonne?« ... Da wird Euch sein Gesicht

ellenlang und seine Miene essigsauer, und er giebt dem Blatt einen

Schneller, daß es bis zu mir hinübergleitet und seufzt, als ob ihn ein

schweres Unglück getroffen hätte: »Unorthographisch.«

Ich konnte nicht umhin, auszurufen: »Gott sei Dank dafür!« und nehme

den Brief und lese ihn, und es ist ein solcher Schatz von einem

unschuldigen liebreizenden kindlichen Brief, daß mir das Herz hüpft,

der neuen Cousine entgegen. -- »Du hast ja heute reisen sollen,« sage

ich; und er: »Ich habe geschrieben, daß ich erst am Hochzeitstage

komme; sie sollen nur alle Vorbereitungen treffen.«

Nun, wie ich das höre, da steigen mir die Grausbirnen auf. Weil ich

ihn aber kenne und seinen Stütz nicht reizen will, thue ich nichts

dergleichen, sondern bemerke einfach: »Und wenn Dir unterwegs der Wagen

bricht oder wenn Dir ein Pferd ausspannt, was dann?« Er schweigt und

schaut mit seinem hochmüthigsten Blick zum Fenster hinaus, und mir

läuft die Galle über und ich schreie ihn an: »Schreib doch lieber ganz

ab!« -- »Du weißt recht gut, daß ich nicht mehr aus kann,« entgegnet

er, »werde schon zur rechten Zeit dort sein. Sie erwarten mich gar

nicht vor der letzten Stunde.«

»Aha,« versetzte ich, »die Braut muß am Altar stehen, dann wirst Du

erscheinen wie der Prinz im Feenmärchen -- wirst Du?« -- Keine Antwort.

Der Mensch versinkt wieder in seine träumerische Stummheit und erhaben

sein sollende Ruhe.

Glaubt mir, wenn es damals wie jetzt auf eine Tagereise von meinem

Gut ein Telegraphenamt gegeben hätte, aufs Pferd würde ich mich

geworfen haben, hingeritten wäre ich und hätte auf eigene Gefahr nach

Folt depeschirt: Unvorhergesehene Hindernisse, Ankunft zweifelhaft,

Brief folgt. Aber damals, da war es so bei uns, daß der Postmeister

von Türsdorf, wie ich zum ersten Mal das Wort Telegraph vor ihm

ausgesprochen habe, der Meinung gewesen ist, das sei etwas Eßbares.

Eine gräßliche Woche vergeht; der Tag, an dem der Franz durchaus hätte

reisen müssen, um noch knapp zurechtzukommen, ist da, und wieder

finde ich ihn auf seinem vermaledeiten Lotterbett, dieses Mal mit

Eisumschlägen auf dem Kopf. Wie eine kranke Schlange wand er sich: »Ich

kann nicht fort, Bruder, ich kann nicht! Sie stirbt, meine Muse stirbt,

wenn ich gehe, es ist ihr Tod!« -- So winselt er ... »Bruder, fahre Du

hin, entschuldige mich, sage der guten Kleinen, es war ein Irrthum,

ich habe mich übereilt; nein, sage ihr, ich habe mich besonnen -- ich

verdiene sie nicht!«

Von jeher habe ich gewußt, daß ich ein heftiger Mensch bin und rauh

von Natur. Die Wuth aber, die in dem Augenblick bei mir losgebrochen

ist, deren hätte ich mich nicht für fähig gehalten. »Weißt Du,« sag

ich ihm, »Du bist doch ein miserabler Kerl,« sag ich ihm ... »Und wenn

Du noch ~einen~ meiner Namen führtest; aber Du führst beide, und

ein schlecht Unterrichteter kann glauben, daß von mir die Rede ist,

wenn Jemand sagt: Franz von Bauer heißt die Canaille!« So rase ich,

der Zorn umnebelt meinen Geist, trotzdem aber steht es klar vor mir,

daß mit dem elenden Waschlappen von einem Menschen nichts anzufangen

ist, und daß ich nur gleich meine sieben Zwetschen zusammenpacken und

davonkutschiren muß.

Ein paar Stunden später bin ich auf der Reise gewesen und bin gefahren

mit der Post, mit dem Bauer, mit allem, was mir den Wagen vom Fleck

gebracht hat -- er war zum Glück neu und gut --, bin gefahren vom

äußersten Nordosten des Landes bis zum äußersten Südwesten, Tag und

Nacht, in der linken Hand die Geldkatz, in der rechten die Peitsche

... Herr Gott im Himmel! nur einen Tag einbringen, einen einzigen,

damit die armen Damen wenigstens den Hochzeitsgästen absagen und die

Musikanten nach Haus schicken können. -- Das hab ich erreichen wollen.

Ist mir aber nicht geglückt ... In der Geldkatz haben die letzten

Muttergottes-Zwanziger gescheppert, von der Peitsche war das Schmißl

abgehauen, und der 31. August hat mich noch auf dem Wege gefunden.

Kinder! keinem von Euch wünsche ich, daß er sich einen Begriff davon

machen könne, wie mir war, als ich beim Dorfe Folt ankomme und den

ersten Böllerschuß höre, der mich begrüßt ... Was -- mich! den

Bräutigam, den sein sollenden -- und ich dahinfahre unter dem ersten

Triumphbogen, und die ganze Bevölkerung im Sonntagsstaat auf den

Beinen ist. Vom Kirchthurm bimmelt Glockengeläute, vor dem Herrenhause

stehen Wagen an Wagen, Menschen an Menschen, und auf dem Balkon

schimmert's blau und rosenfarbig vor lauter Kranzeljungfern. Und ein

so donnerndes Hurrah empfängt mich, als ich in den Hof hineinfahre,

daß mein Geschrei: »Ich bin's nicht! Still geschwiegen! -- Ich bin's

nicht!« gerade so viel Wirkung macht wie das Stöhnen eines Verwundeten

im Schlachtgewühl. Eine Unzahl Hände streckt sich mir entgegen, mir aus

dem Wagen zu helfen ... Ich stoße alle fort und rufe einem alten Diener

zu, der dasteht mit schlotternden Knieen und wackelndem Kopf und dem

Thränen des Entzückens und der Rührung über die Wangen laufen: »Führe

mich zur gnädigen Frau. Ich muß mit ihr sprechen unter vier Augen.«

-- »Bitte, bitte!« stammelt er und macht noch Ceremonien wegen des

Vortritts. Das war, sag ich Euch, zum Teufelholen.

Nun, der alte Mensch geleitet mich in ein Zimmer, einfach, solid; an

der Wand ein großer Schreibtisch wie von einem Amtmann, drüber ein

Krucifix. Da warte ich kaum eine Minute. Eine hohe Gestalt tritt ein --

klösterlich gekleidet, streng, majestätisch. Stutzt nicht einmal bei

meinem Anblick, zieht nur die Brauen finster zusammen, als ich mich

nenne, und wird nur bleicher, während ich ihr kurz und bündig melde,

wie die Sachen stehen.

»Und was gedenken Sie jetzt zu thun, Herr von Bauer?« fragt sie.

»Das weiß ich nicht, Gnädigste,« antworte ich.

Sie richtet die Augen auf das Krucifix, ich glaube, daß sie gebetet hat.

Dann wendet sie sich wieder in ihrer steinernen Hoheit zu mir und

fragt: »Sind Sie verheirathet?«

»Nein, Gnädigste.«

»Ist Ihr Herz frei?«

»Ja, Gnädigste.«

»Sie haben gegen kein weibliches Wesen Ihres oder eines anderen Standes

irgend welche bindende Verpflichtung?«

Ich mußte lächeln.

Eine bindende Verpflichtung -- ich! Ich hatte nie eine Liebschaft

gehabt und mit den Weibern überhaupt so wenig als möglich zu thun.

Sie verdienen keinen Respect, meinte ich damals, und fühlte höchstens

Mitleid mit ihnen, wenn ich sah, wie sie dem Franz nachliefen, an dem

ja gar nichts war, einzig und allein wegen seines hübschen Gesichtes

und seiner verdammten Versschmiederei.

Ich mußte also lächeln und verneinte.

Die Dame sah mich mit Augen an, mit Augen, wie ich vorher keine gesehen

hatte und nachher keine gesehen habe, Augen, die Herz und Nieren

prüfen, und sagte: »Sie sind brav und redlich.«

Ja -- Sie sind! sagte sie und nicht, wie es doch natürlich gewesen

wäre: Ich halte Sie für brav und redlich.

Noch einen Blick nach dem Krucifix, noch ein Stoßgebet, und sie sprach:

»Der gute Name meiner Nichte fordert, daß meine Nichte heute mit Herrn

Franz von Bauer vor den Traualtar trete.«

»Fordert? würde fordern,« versetzte ich -- »es giebt leider kein

Auskunftsmittel.«

»Es giebt eines, Herr von Bauer, ein gefährliches allerdings ... Herr

von Bauer, wollen Sie verhindern, daß ein unbescholtenes Mädchen

Schmach erfahre durch ein Mitglied Ihrer Familie?«

»Gott weiß, daß ich's verhindern wollte!« rief ich. »Wäre ich sonst

hier? Hätte im mich sonst zum Ueberbringer der elendesten Botschaft

gemacht? Meine Schuld ist es nicht, daß ich zu spät gekommen bin!«

»~Nicht~ zu spät,« lautete ihre Entgegnung, »wenn Sie sich

entschließen könnten, Ihren wortbrüchigen Verwandten zu vertreten.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 30 / 34 题