Anton war jetzt mit seiner Braut an eines der Fenster getreten, hatte
es geöffnet, und hielt eine kleine Anrede an die Musikanten. Die übrige
Gesellschaft drängte sich um ihn, seine Worte mit Beifalls-Gemurmel
begleitend.
Den Augenblick benützten die Verschworenen.
Josepha hob den Deckel der Truhe in die Höhe, und auf die in derselben
säuberlich geordnete Wäsche legte Judica rasch die noch verkorkten
Flaschen, vierzehn an der Zahl, vorsichtig hin, daß sie neben einander
lagen wie schlafende Kindlein.
Glücklich war das Werk vollbracht, und Josepha steckte den Schlüssel
der Truhe triumphirend zu sich, während die Musik den Schluß der
schulmeisterlichen Rede mit einem Tusche verherrlichte. Nun aber gingen
die schmetternden Fanfarenklänge in die eines gemüthlichen Walzers
über, und schon sah man die Frau Kanzleiräthin sich behend ihres
monumentalen Hutes entledigen, und von dem Arme Foltenecks, so weit
dies möglich war, umspannt, durch den Saal rollen. Das Paar bot einen
ungemein erheiternden Anblick. Der Vicar, der neben Josepha auf dem
Kanapee Platz genommen hatte, rief: »Bravo.« Der Kanzleirath wiegte
sich schmunzelnd hin und her:
»Schaut meine Alte an! Die ist heute wie ausgewechselt. Dem Exempel, so
bedenklich es ist, muß der Gatte folgen. Frau Marie Walter, demnächst
Wellner, darf ich bitten?«
Sie konnte nicht anders, als die Einladung ihres vornehmsten Gastes
annehmen, aber es fiel ihr schwer. Ihr war feierlich und ernst und
keineswegs tanzlustig zu Muthe. Und völlig traurig wurde sie, da sie
den schmerzlichen Blick gewahrte, den Anton ihr zuwarf, als sie mit
einem Andern zum Tanze antrat. Er schien Einsprache thun zu wollen, und
sie erwartete es auch, und hätte sich dessen gefreut. Doch meinte der
Schullehrer, sogar an solch einem einzigen und nie wiederkehrenden
Festtage sei er schuldig für fremdes Vergnügen mehr als für sein
eigenes zu sorgen, bemeisterte seinen Aerger und schwieg.
Auf dem Tisch, an welchem er, Marien traurig mit den Augen verfolgend,
lehnte, stand noch ihr Glas mit Champagner gefüllt, von dem sie kaum
genippt hatte. Er nahm es und leerte es auf einen Zug.
Sogleich wurde ihm wohl und leicht, ja sogar fröhlich ums Herz. Das
kommt davon, wenn man sich männlich bezwingt! Und nun gilt's auch ein
Uebriges thun. Die Höflichkeit, die seiner Braut durch den Kanzleirath
erwiesen wurde, beschloß er an einem Familienmitgliede desselben
zu vergelten. Er ging auf das Fräulein zu, verbeugte sich kurz und
unternehmend, und die Beiden flogen durch das Zimmer.
Nun wagte auch der Schulgehülfe Frau Judica ehrfurchtsvoll zu einem
Tourchen aufzufordern, das ihm unter der Bedingung zugestanden wurde,
daß es bei dem einen verbleibe.
Inzwischen hatte Folteneck seine Dame ohne Unfall bis zum Kanapee
gesteuert, auf dem sie sich, sehr erhitzt, zwischen Josepha und dem
Vicar niederließ. Es war aber keineswegs ihre Absicht, sich bereits
Ruhe zu gönnen. Vielmehr wartete sie nur den Moment ab, in dem Anton
aufhörte, mit ihrer Tochter zu tanzen, um ihn sehr gnädig herbei zu
winken und zu sprechen:
»Herr Schullehrer, nun wir Zwei!« Er war im Begriff, auf Marien
zuzueilen, die der Kanzleirath soeben sittiglich zu einem Sessel
geleitete, als dieser Ruf an ihn erging. Wie vom Donner gerührt blieb
er stehen. Eine große Empörung gegen das Geschick bemächtigte sich
seiner. Dennoch leistete er Gehorsam stumm und grimmig.
Seine Mutter bemerkte ängstlich, wie die Zornesader auf seiner Stirn
schwoll, während er seine schwere Bürde durch das Gemach schleifte.
Er hatte kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als Folteneck sich
Marien näherte und sie zum Tanze einlud. Sie erhob sich -- sehr langsam
allerdings, und nickte nur mit zögerndem Gewähren dem Schreiber zu, der
sein Gesicht zum süßesten Lächeln verzog, das ihm zu Gebote stand, und
die zierlich gerundete Rechte nach ihr ausstreckte.
Anton sah es -- wie durch eine Wolke. Der Champagner begann zu wirken
bei dem seiner Ungewohnten, und jagte ihm eine Fluth von unheimlichen
Gedanken durch den Kopf ... Immer wird es so fortgehen, raunten sie
... Immer wird sie mit Anderen an dir vorbeischweben, und du wirst
immer, wie Sisyphus einen Stein wälzen den Berg hinan ... Einen Stein?
nicht doch! Der Berg selbst war es, den Anton vorwärts bewegen sollte.
Und das wurde ihm schwerer von Sekunde zu Sekunde ... und während er
sich an der unlösbaren Aufgabe mühte, entführte ein gelber Unhold die
Geliebte. Eine unsagbare Bangigkeit erfüllte seine Brust: »Marie!«
schrie er plötzlich auf. Die wuchtige Dame in seinen Armen zerfloß für
ihn in Luft und stand auf einmal allein da, sie wußte selbst nicht wie.
»Welche Unart!« sprach sie, und erröthete für ihn, oder eigentlich mit
ihm, denn sein Gesicht hatte sich beunruhigend dunkel gefärbt.
»Tanzen Sie nicht mehr! Ich bitte Sie! Ich beschwöre Sie!« rief er
seiner Braut zu.
Marie wandte sich betroffen, Judica erschrak und stammelte verweisend:
»Mein Sohn! mein Sohn!« Folteneck kicherte giftig: »Oho -- was ist denn
das?«
Die Gesellschaft drängte sich zu einem Knäuel in der Mitte des
Zimmers zusammen. Anton war allein an einem, Marie mit Folteneck am
anderen Ende desselben geblieben. Josepha und Judica condolirten
der Kanzleiräthin, die sich für beleidigt erklärte. Der Kanzleirath
tröstete seine Frau.
»Geh, Alte, komm! tanzen wir die unterbrochene Tour zusammen fertig,
und Sie, folgen Sie uns nach mit Ihrer Braut, Herr Schullehrer. Sie
stilles Wasser, Sie feuerspeiender Vesuv, Sie!«
»Flammen sind's, Herr Kanzleirath, Flammen der Eifersucht, die er
speit!« höhnte Folteneck, und mit bebender Stimme erwiderte Anton:
»Scherzen Sie nicht, Herr!«
»Es ist das Beste, das man hier thun kann,« fiel der Vicar mit Strenge
ein.
Diese Zurechtweisung hatte das Mißgeschick -- nicht zurecht zu kommen.
Sie erweckte die Entrüstung dessen, dem sie zu Theil wurde. Ihn
erfaßte das beklemmende Gefühl, daß er von Feinden umringt sei und
kämpfen müsse, ein Einzelner gegen Alle.
»Was will ich denn? Einen Tanz mit meiner Braut will ich! Mein Recht
fordere ich! ... Aus dem Wege!« rief er, und drängte vorwärts wie ein
Löwe. Alle wichen aus.
»Sapperment, jetzt wird's Ernst! Rette sich wer kann!« scherzte der
Kanzleirath mit unzerstörbar guter Laune, ergriff in gespielter Angst
die Flucht und stieg auf die Hochzeitstruhe, um von dieser Warte aus
die Situation zu beobachten.
Anton sah nicht rechts und nicht links, sondern stürmte unentwegt auf
Marie zu.
Diese hatte sich wieder auf ihren Sessel sinken lassen; einen Arm im
Schoße, den Ellbogen des andern auf der Lehne des Stuhles. Sie stützte
ihr Gesicht mit ihrer Hand und blickte den herantretenden Bräutigam aus
weit geöffneten Augen finster und grollend an.
Was ging nicht Alles in ihr vor in diesem schrecklichen Augenblick! Da
kam er heran der Mann ihres Herzens, ihrer Verehrung, ihrer Anbetung,
-- und erweckte eine fürchterliche Erinnerung, einen entwürdigenden
Vergleich ... Ein Bild stieg vor ihr auf, das an Jahre des Elends
mahnte, und der Erniedrigung ...
»Marie, kommen Sie, Marie!« rief er, und sie schüttelte den Kopf und
antwortete leise:
»Nein, -- nein.«
»Wie? was sagen Sie? ... Nein?«
»Ich tanze nicht mehr!«
»Nicht mehr?« wiederholte er bestürzt. -- »Mit keinem Andern mehr, aber
mit mir tanzen Sie!«
Sie besann sich, zog die Stirn zusammen und -- »Auch nicht mit Ihnen,«
gab sie trotzig zurück.
Dicht hinter Anton erscholl Foltenecks spöttisches Lachen: »Einen
großen Anlauf haben Sie genommen, um sich einen Korb zu holen. Haha!«
»Einen Korb? .... Marie, das thun Sie mir nicht an -- das können Sie
nicht! ...« stammelte der Verhöhnte.
Der Andere aber erhob von Neuem sein teuflisches Gelächter und mahnte
eifrig:
»Bleiben Sie dabei! lassen Sie sich nicht jetzt schon tyrannisiren!«
Aus der Brust Antons brach ein dumpfer Schrei des Schmerzes und der
Wuth:
»Marie! Wenn alle wider mich sind -- Sie müssen zu mir stehen. Beweisen
Sie's! Tanzen Sie mit mir! ... Geben Sie mir die Hand und mehr noch --
vor diesen Allen, Marie, geben Sie mir einen Kuß!«
Marie sprang auf.
»Jetzt einen Kuß?« rief sie. Der böse Geist, der von ihr gewichen
war, seitdem sie diesen Mann kennen gelernt, der Geist der Hoffahrt
bemächtigte sich ihrer, dräute von ihrem Antlitz ... Anton sah
das unheilverkündende Zeichen nicht oder mißachtete es; in kühner
Vertrauensseligkeit beugte er sich zur Geliebten nieder, da erhob sie
die Hand ...
Ein in der Weltgeschichte berühmt gewordener Vorgang, das Gericht, das
eine große Königin dereinst an ihrem stolzesten Günstling vollzog,
wiederholte sich hier ...
Man vernahm einen leichten Schlag, dann ward es todtenstill. Diejenige,
die den Streich geführt, und er, der ihn empfangen, blickten einander
an -- starr und schreckgelähmt in wortlosem Entsetzen.
Die übrige Gesellschaft blieb gleichfalls stumm. Den Verbrecher
Folteneck würgten bereits die Furien der Reue. Was im Busen Judicas und
Josephas vorging, entzieht sich der Beschreibung.
Fast empfand man es wie eine Erlösung, als aus der Gegend der
Hochzeitstruhe her ein lautes Krachen ertönte und zugleich Hülferufe
sich erhoben.
Es war der Kanzleirath, der sie ausstieß. Er hatte das Mißgeschick
gehabt, in den morschen Deckel der alten Truhe einzubrechen, und
mit jeder Anstrengung, die er machte, seine ominös gewordene höhere
Stellung aufzugeben, sank er tiefer ins Verderben und richtete neues
Unheil an. So oft er einen Fuß fest aufsetzte, um den andern heben zu
können, klirrte es unter demselben, zischte es, brauste es empor wie
aus einer heißen Quelle.
Der Vicar, Folteneck und der Schulgehülfe eilten hinzu, und als es
ihnen gelungen war, den Kanzleirath aus seiner Bedrängniß zu befreien
und ihm auf den Boden zu helfen, waren seine Stiefel naß bis an die
Knöchel und mit kleinen Bläschen bedeckt.
Der Schullehrer und seine tief gebeugte Mutter hatten in aller Stille
das Zimmer verlassen. Der Vicar und der Schulgehülfe folgten ihrem
Beispiel, nachdem sie sich summarisch bei den noch Zurückbleibenden
empfohlen. Folteneck harrte aus bei seinem Chef und dessen Familie.
Verbindlich eilte der Kanzleirath auf die Damen des Hauses zu:
»Ich entschuldige mich tausend Mal, und wir bedanken uns für alle
genossene Ehre. Es war sehr schön ...... Der kleine Zwischenfall am
Schlusse, immerhin -- interessant ...... Eine ganz eigenthümliche
Handhabung der Gerechtigkeitspflege -- ich glaube nicht, daß die
moderne Wissenschaft eine Bezeichnung dafür besitzt ... Was der Walter
verdient hätte, hat der Wellner bekommen ...... Wir empfehlen uns
hochachtend, und wünschen recht guten Abend!«