Der Schullehrer, der sich bisher nicht hatte rühmen dürfen, in Josephas
Gnaden zu stehen, genoß von der Stunde der Verlobung an ihre ausbündige
Hochachtung. Sie entdeckte plötzlich, er sei das Muster eines Mannes,
dem gerade nur sein Recht geschehe, wenn man ihm den Rang neben den
höchsten Persönlichkeiten im Ort anweise.
Sie verbrauchte an einem Tage mehr Worte des Lobes für Anton als seine
eigene Mutter im ganzen Jahre. Diese war nur bemüht, die Auslagen an
Wohlwollen, die sich die Schwiegermutter zu Gunsten des Bräutigams
verursachte, durch eben solche zu Gunsten der Braut zu decken, und so
entstand ein Austausch von Complimenten, deren Anzahl und Temperatur
nichts zu wünschen übrig ließ.
Bei der Bevölkerung des Dorfes erregte die bevorstehende Verbindung
des Herrn Schullehrers mit der Frau Wäschmeisterin lebhafte und nicht
unsympathische Theilnahme.
»Daß die Marie immer etwas Apartes haben will, das weiß man ja!«
»Der muß von weit herkommen, der ihr recht sein soll.«
»Das erste Mal ist's freilich nicht gut ausgefallen.«
»Na, vielleicht wird's dieses Mal besser gerathen.«
»Ich wünsch' ihr's, denn ein braves Weib ist und bleibt sie!«
Diese Reden wurden von den verschiedensten Leuten geführt, ein Einziger
äußerte sich gar nicht über das Ereigniß des Tages -- das war der
Alois. Meistens schlich er trübselig umher, brachte die Pfeife nicht
aus dem Munde und rauchte wie ein Schlot. Dann wieder lachte er laut
auf ohne Grund. Am dritten Tage erschien er, um Frau Waltern seine
Gratulation darzubringen, und am vierten erfuhr man, daß er einen
längst geplanten Schritt ausgeführt, und mit der Schwester seiner
Verstorbenen Verspruch gehalten habe. Barbara trug diese Nachricht ins
Waschhaus und machte dazu die wegwerfende Bemerkung: »Jetzt wird ihm
erst wieder wohl sein, jetzt hat er wieder einen Teufel, vor dem er
sich fürchten kann.«
Marien that er leid, dieser Tausendkünstler seines Unglückes, und sie
fühlte sich von ihrem Unbehagen bei dem Gedanken an ihn nicht befreit
durch die Ueberzeugung, daß ~sie~ ihm nicht zu helfen vermocht
hätte.
Das Bewußtsein, Andere ihrem Mißgeschick überlassen zu müssen, bildet
das Pförtlein, durch welches die Trauer in die Herzen der Glückseligen
schleicht. Ach, und eine Glückselige war sie ja! Der Mann, der ihr
Ehrfurcht einflößte, erwies ihr Ehrfurcht, schenkte ihr sein Vertrauen
und zog sie zu Rath, und wie in ein höheres, ein lichteres Leben,
führte er sie in das Leben seiner Seele ein.
Er hatte keinen Ehrgeiz, oder den größten, den -- keinen zu haben. Auf
dem Dorfe wollte er seine Laufbahn beginnen und enden, und sie für eine
siegreich zurückgelegte halten, wenn er einst die Kinder der Kinder,
die jetzt auf den Schulbänken saßen, um einen Schritt vorwärts gebracht
sähe.
»Vorwärts in der Einsicht, die zur Pflichttreue führt, zur Strenge
gegen sich selbst und zur Verachtung der feigen trägen Schläfrigkeit
im Denken und im Thun,« rief er, und in seinen blauen Augen glomm ein
Lichtschein auf.
»Es giebt eine Entwickelung des Menschen, einen Fortschritt im Guten,
und seine gefährlichsten Feinde sind die, die ihn leugnen. Der Glauben
an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht, und in dem Zeichen
dieses Glaubens werde ich kämpfen.«
Wenn er so sprach, trat Marien das Priesterliche seines Wesens,
Verehrung erzwingend, entgegen. Sie empfand seine feste, geduldvolle
Hoffnungsfreudigkeit wie die Nähe von etwas Heiligem.
In seiner Gegenwart war sie ruhig, verließ er sie, bemächtigte sich
ihrer eine unerträgliche Bangigkeit.
»Ihr werdet sehen,« sagte sie zu ihrer Mutter, »ich werde mein Glück
nicht erreichen. Es kommt nicht dazu.«
Die Alte lachte: »Bist närrisch? In ein paar Tagen wirst' zum ersten
Mal aufgeboten.«
-- »Und wenn ich zum dritten Male aufgeboten wäre, und wenn ich
neben ihm am Altare stände -- noch im letzten Augenblick wird etwas
geschehen, das mich von ihm wegreißt. Es kann nicht anders sein -- für
ein solches Glück bin ich nicht bestimmt, ~mir~ kann ein solches
Glück nicht blühen.«
»Geh weg!« rief die Mutter. »Du red'st recht wie Eine, die verliebt is!
Ein Mädel könnt'st sein, ein junges dummes, Deinen Reden nach.«
Marie antwortete nicht und behielt von nun an ihre selbstquälerischen
Gedanken für sich.
So kam der Tag herbei, an welchem die Verlobung in einem kleinen
Kreise von Gönnern und Freunden in der Wohnung der Frau Wäschmeisterin
gefeiert wurde.
Ein festlich geschmückter Tisch stand, für zehn Personen gedeckt,
in der großen Stube. Die beiden Mütter hatten einander gegenüber an
den schmalen Seiten der Tafel Platz genommen, an den breiten saßen
rechts von Josepha der Herr Vicar, der in Vertretung des Herrn
Dechants erschienen war, der Schulgehülfe, das Fräulein Kanzleirath
und Herr Folteneck; links aber das Brautpaar, zwischen Herrn und Frau
Kanzleirath. Die letztere hatte sich um keinen Preis entschließen
wollen, ihren Hut abzunehmen. Da er ein sehr stattliches Gebäude war,
auf dem, wie Gestrüppe auf einem alten Thurme, drei zusammengebogene
Straußfedern (allerdings mehr Kiel als Bart) ragten, machte sich die
Sache sehr imposant.
Im Anfang herrschte spanische Etiquette.
Die Braut war still und bleich, ein hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn.
Der Bräutigam nicht weniger schweigsam als sie, vergaß Essen und
Trinken über der holderen Beschäftigung, sie anzusehen. Der kleine
muntere Vicar hatte noch keinen einzigen Witz zum Besten gegeben, und
Josepha sich auf dringende Einladungen und Bitten beschränkt, den
aufgesetzten Schüsseln doch Ehre zu machen, als die Thür geöffnet wurde
und ein Diener aus dem Schlosse eintrat, der zwei Körbe trug, von denen
einer zwölf Flaschen Champagner und der andere zwölf Flaschen Bordeaux
enthielt.
Seine Durchlaucht, der Fürst, hatten dem Kellermeister Befehl gegeben,
die reiche Spende auf den Speisetisch des Waschhauses stellen zu lassen.
Judica gerieth in Bestürzung, als sie zusehen mußte, wie der Auftrag
pünktlich erfüllt wurde.
Sie winkte Marien zu sich.
»Gestatten Sie nicht, daß mehr als zwei dieser Flaschen geöffnet
werden,« flüsterte sie ihr zu. Das ist Vorrath an Wein für Euer ganzes
Leben; bei Eurer goldenen Hochzeit darf er noch nicht erschöpft sein
... Zwei Flaschen, liebes Kind, zwei Flaschen höchstens! ... Bringen
Sie das Uebrige bei Seite ...«
Marie hätte diesem Wunsche gern Folge geleistet, aber es war nicht
mehr möglich. In übereilter Dienstfertigkeit hatten Folteneck und
der Schulgehülfe sich bereits mit Messer und Korkzieher über eine
Anzahl Champagner-Bouteillen hergemacht und die enthülsten vor Anton
hingestellt, der mit souveräner Gleichgültigkeit die Korke gegen die
Decke fliegen ließ und das perlende Getränk in die Gläser schüttete,
unbekümmert darum, ob einer oder der andere der Herren sich in der Eile
vergriff, und statt des Weinglases das Wasserglas hinreichte.
Judica räusperte sich laut und fragte: »Was thust Du, mein Sohn?«
Josepha sagte: »Aber -- ich bitt'!« Die Kanzleiräthin sagte nichts. Sie
hatte bereits an dem bis zum Rand gefüllten Glas genippt, das Folteneck
galant vor sie hingestellt. Champagner war einmal ihre Leidenschaft,
sie vermochte nicht zu widerstehen, und ließ nun ihre Blicke, um den
strengen Augen, die Judica machte, zu entgehen, wie zerstreut im Zimmer
herumschweifen. Der Kanzleirath und der Vicar nickten einander über den
Tisch zu und lachten herzlich.
Jetzt hob der Erste sein Glas:
»Meine Herren und Damen, ich bitte um Permission, ein unterthänigstes
Hoch ausbringen zu dürfen auf das Wohl der Edlen, die das unsere im
Auge hatten, als sie uns dieses köstliche Naß großmüthig zugewiesen.
Es lebe Seine Durchlaucht, unser gnädigster Fürst, und hoch dessen
durchlauchtigste Gemahlin!«
Alle thaten Bescheid, und Anton wurde ausgelacht, weil er es mit Wasser
that. Der eifrige Schenke, der die andern so großmüthig betheiligt,
hatte für sich selbst zu sorgen vergessen.
Rasch wurde noch eine Flasche geöffnet, Antons Glas daraus gefüllt, und
es hieß dasselbe auf einen Zug leeren, denn der zweite Toast, zu dem
der Kanzleirath die Gesellschaft ermunterte, galt der Braut. Dann ein
dritter auf den Bräutigam, und ein vierter auf die Brautmütter, und ein
fünfter auf die Schuljugend, den Anton ausbrachte.
Seine selige Befangenheit hatte sich in eine noch seligere Heiterkeit
verwandelt, und statt eines sanften Lichtes wie sonst, glühte in seinen
Augen ein lebhaftes Feuer.
»Der Jugend!« rief er. »Ich bring's der Jugend, meinen Schulkindern,
denen ich mein Leben widmen will, im Verein mit meiner geliebten Frau,
meiner Herzensgebieterin.«
Judica stand auf, umarmte ihren Sohn und sagte ihm dabei ins
Ohr: »Trink' nicht mehr!« Josepha warf ihm eine Kußhand zu, die
Kanzleiräthin brach in Thränen aus und knüpfte die Schleifen ihres
Hutes auf; ihre Tochter eilte herbei, um ihr dieselbe mittelst eines
Knotens im Nacken zu befestigen.
Endlich ertönte vom Hofe herauf eine rauschende Musik. Mit schrillen
Mißklängen ging es an, und Fräulein Kanzleirath klagte etwas affectirt:
»O weh! o weh!« Aber der Schulgehülfe ersuchte nachdrücklich, der
Melodie doch nur Zeit zu lassen, sich durchzubeißen. »Sie beißt schon,
-- hören Sie? das giebt einen _Rejdovák_!« sprach der junge Mann
-- und »O -- sehen Sie, im Hofe wird bereits getanzt!« setzte er, ganz
begeistert aufspringend hinzu.
Richtig, vor dem Hause hatte sich bei den Klängen des Ständchens, das
die Dorfmusikanten dem Brautpaar brachten, ein Ball improvisirt.
»Tanzen wir auch!« riefen Mutter und Tochter Kanzleirath, und
Folteneck, der sogleich bemerkte, daß Judica und Marie mit dem
Vorschlag nicht einverstanden waren, beeilte sich, ihn lebhaft zu
unterstützen, denn sein liebenswürdiger Charakter verleugnete sich nie.
Im Nu hatten die Herren den Tisch in die Ecke und die Sessel an die
Wand gestellt.
Da näherte Judica sich Josephen und flüsterte ihr zu: »Es ist schon
zu viel getrunken worden. Ich brächte so gern den Rest des Weines in
Sicherheit. Aber wohin?«