XIV.

Der Schullehrer, der sich bisher nicht hatte rühmen dürfen, in Josephas

Gnaden zu stehen, genoß von der Stunde der Verlobung an ihre ausbündige

Hochachtung. Sie entdeckte plötzlich, er sei das Muster eines Mannes,

dem gerade nur sein Recht geschehe, wenn man ihm den Rang neben den

höchsten Persönlichkeiten im Ort anweise.

Sie verbrauchte an einem Tage mehr Worte des Lobes für Anton als seine

eigene Mutter im ganzen Jahre. Diese war nur bemüht, die Auslagen an

Wohlwollen, die sich die Schwiegermutter zu Gunsten des Bräutigams

verursachte, durch eben solche zu Gunsten der Braut zu decken, und so

entstand ein Austausch von Complimenten, deren Anzahl und Temperatur

nichts zu wünschen übrig ließ.

Bei der Bevölkerung des Dorfes erregte die bevorstehende Verbindung

des Herrn Schullehrers mit der Frau Wäschmeisterin lebhafte und nicht

unsympathische Theilnahme.

»Daß die Marie immer etwas Apartes haben will, das weiß man ja!«

»Der muß von weit herkommen, der ihr recht sein soll.«

»Das erste Mal ist's freilich nicht gut ausgefallen.«

»Na, vielleicht wird's dieses Mal besser gerathen.«

»Ich wünsch' ihr's, denn ein braves Weib ist und bleibt sie!«

Diese Reden wurden von den verschiedensten Leuten geführt, ein Einziger

äußerte sich gar nicht über das Ereigniß des Tages -- das war der

Alois. Meistens schlich er trübselig umher, brachte die Pfeife nicht

aus dem Munde und rauchte wie ein Schlot. Dann wieder lachte er laut

auf ohne Grund. Am dritten Tage erschien er, um Frau Waltern seine

Gratulation darzubringen, und am vierten erfuhr man, daß er einen

längst geplanten Schritt ausgeführt, und mit der Schwester seiner

Verstorbenen Verspruch gehalten habe. Barbara trug diese Nachricht ins

Waschhaus und machte dazu die wegwerfende Bemerkung: »Jetzt wird ihm

erst wieder wohl sein, jetzt hat er wieder einen Teufel, vor dem er

sich fürchten kann.«

Marien that er leid, dieser Tausendkünstler seines Unglückes, und sie

fühlte sich von ihrem Unbehagen bei dem Gedanken an ihn nicht befreit

durch die Ueberzeugung, daß ~sie~ ihm nicht zu helfen vermocht

hätte.

Das Bewußtsein, Andere ihrem Mißgeschick überlassen zu müssen, bildet

das Pförtlein, durch welches die Trauer in die Herzen der Glückseligen

schleicht. Ach, und eine Glückselige war sie ja! Der Mann, der ihr

Ehrfurcht einflößte, erwies ihr Ehrfurcht, schenkte ihr sein Vertrauen

und zog sie zu Rath, und wie in ein höheres, ein lichteres Leben,

führte er sie in das Leben seiner Seele ein.

Er hatte keinen Ehrgeiz, oder den größten, den -- keinen zu haben. Auf

dem Dorfe wollte er seine Laufbahn beginnen und enden, und sie für eine

siegreich zurückgelegte halten, wenn er einst die Kinder der Kinder,

die jetzt auf den Schulbänken saßen, um einen Schritt vorwärts gebracht

sähe.

»Vorwärts in der Einsicht, die zur Pflichttreue führt, zur Strenge

gegen sich selbst und zur Verachtung der feigen trägen Schläfrigkeit

im Denken und im Thun,« rief er, und in seinen blauen Augen glomm ein

Lichtschein auf.

»Es giebt eine Entwickelung des Menschen, einen Fortschritt im Guten,

und seine gefährlichsten Feinde sind die, die ihn leugnen. Der Glauben

an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht, und in dem Zeichen

dieses Glaubens werde ich kämpfen.«

Wenn er so sprach, trat Marien das Priesterliche seines Wesens,

Verehrung erzwingend, entgegen. Sie empfand seine feste, geduldvolle

Hoffnungsfreudigkeit wie die Nähe von etwas Heiligem.

In seiner Gegenwart war sie ruhig, verließ er sie, bemächtigte sich

ihrer eine unerträgliche Bangigkeit.

»Ihr werdet sehen,« sagte sie zu ihrer Mutter, »ich werde mein Glück

nicht erreichen. Es kommt nicht dazu.«

Die Alte lachte: »Bist närrisch? In ein paar Tagen wirst' zum ersten

Mal aufgeboten.«

-- »Und wenn ich zum dritten Male aufgeboten wäre, und wenn ich

neben ihm am Altare stände -- noch im letzten Augenblick wird etwas

geschehen, das mich von ihm wegreißt. Es kann nicht anders sein -- für

ein solches Glück bin ich nicht bestimmt, ~mir~ kann ein solches

Glück nicht blühen.«

»Geh weg!« rief die Mutter. »Du red'st recht wie Eine, die verliebt is!

Ein Mädel könnt'st sein, ein junges dummes, Deinen Reden nach.«

Marie antwortete nicht und behielt von nun an ihre selbstquälerischen

Gedanken für sich.

So kam der Tag herbei, an welchem die Verlobung in einem kleinen

Kreise von Gönnern und Freunden in der Wohnung der Frau Wäschmeisterin

gefeiert wurde.

Ein festlich geschmückter Tisch stand, für zehn Personen gedeckt,

in der großen Stube. Die beiden Mütter hatten einander gegenüber an

den schmalen Seiten der Tafel Platz genommen, an den breiten saßen

rechts von Josepha der Herr Vicar, der in Vertretung des Herrn

Dechants erschienen war, der Schulgehülfe, das Fräulein Kanzleirath

und Herr Folteneck; links aber das Brautpaar, zwischen Herrn und Frau

Kanzleirath. Die letztere hatte sich um keinen Preis entschließen

wollen, ihren Hut abzunehmen. Da er ein sehr stattliches Gebäude war,

auf dem, wie Gestrüppe auf einem alten Thurme, drei zusammengebogene

Straußfedern (allerdings mehr Kiel als Bart) ragten, machte sich die

Sache sehr imposant.

Im Anfang herrschte spanische Etiquette.

Die Braut war still und bleich, ein hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn.

Der Bräutigam nicht weniger schweigsam als sie, vergaß Essen und

Trinken über der holderen Beschäftigung, sie anzusehen. Der kleine

muntere Vicar hatte noch keinen einzigen Witz zum Besten gegeben, und

Josepha sich auf dringende Einladungen und Bitten beschränkt, den

aufgesetzten Schüsseln doch Ehre zu machen, als die Thür geöffnet wurde

und ein Diener aus dem Schlosse eintrat, der zwei Körbe trug, von denen

einer zwölf Flaschen Champagner und der andere zwölf Flaschen Bordeaux

enthielt.

Seine Durchlaucht, der Fürst, hatten dem Kellermeister Befehl gegeben,

die reiche Spende auf den Speisetisch des Waschhauses stellen zu lassen.

Judica gerieth in Bestürzung, als sie zusehen mußte, wie der Auftrag

pünktlich erfüllt wurde.

Sie winkte Marien zu sich.

»Gestatten Sie nicht, daß mehr als zwei dieser Flaschen geöffnet

werden,« flüsterte sie ihr zu. Das ist Vorrath an Wein für Euer ganzes

Leben; bei Eurer goldenen Hochzeit darf er noch nicht erschöpft sein

... Zwei Flaschen, liebes Kind, zwei Flaschen höchstens! ... Bringen

Sie das Uebrige bei Seite ...«

Marie hätte diesem Wunsche gern Folge geleistet, aber es war nicht

mehr möglich. In übereilter Dienstfertigkeit hatten Folteneck und

der Schulgehülfe sich bereits mit Messer und Korkzieher über eine

Anzahl Champagner-Bouteillen hergemacht und die enthülsten vor Anton

hingestellt, der mit souveräner Gleichgültigkeit die Korke gegen die

Decke fliegen ließ und das perlende Getränk in die Gläser schüttete,

unbekümmert darum, ob einer oder der andere der Herren sich in der Eile

vergriff, und statt des Weinglases das Wasserglas hinreichte.

Judica räusperte sich laut und fragte: »Was thust Du, mein Sohn?«

Josepha sagte: »Aber -- ich bitt'!« Die Kanzleiräthin sagte nichts. Sie

hatte bereits an dem bis zum Rand gefüllten Glas genippt, das Folteneck

galant vor sie hingestellt. Champagner war einmal ihre Leidenschaft,

sie vermochte nicht zu widerstehen, und ließ nun ihre Blicke, um den

strengen Augen, die Judica machte, zu entgehen, wie zerstreut im Zimmer

herumschweifen. Der Kanzleirath und der Vicar nickten einander über den

Tisch zu und lachten herzlich.

Jetzt hob der Erste sein Glas:

»Meine Herren und Damen, ich bitte um Permission, ein unterthänigstes

Hoch ausbringen zu dürfen auf das Wohl der Edlen, die das unsere im

Auge hatten, als sie uns dieses köstliche Naß großmüthig zugewiesen.

Es lebe Seine Durchlaucht, unser gnädigster Fürst, und hoch dessen

durchlauchtigste Gemahlin!«

Alle thaten Bescheid, und Anton wurde ausgelacht, weil er es mit Wasser

that. Der eifrige Schenke, der die andern so großmüthig betheiligt,

hatte für sich selbst zu sorgen vergessen.

Rasch wurde noch eine Flasche geöffnet, Antons Glas daraus gefüllt, und

es hieß dasselbe auf einen Zug leeren, denn der zweite Toast, zu dem

der Kanzleirath die Gesellschaft ermunterte, galt der Braut. Dann ein

dritter auf den Bräutigam, und ein vierter auf die Brautmütter, und ein

fünfter auf die Schuljugend, den Anton ausbrachte.

Seine selige Befangenheit hatte sich in eine noch seligere Heiterkeit

verwandelt, und statt eines sanften Lichtes wie sonst, glühte in seinen

Augen ein lebhaftes Feuer.

»Der Jugend!« rief er. »Ich bring's der Jugend, meinen Schulkindern,

denen ich mein Leben widmen will, im Verein mit meiner geliebten Frau,

meiner Herzensgebieterin.«

Judica stand auf, umarmte ihren Sohn und sagte ihm dabei ins

Ohr: »Trink' nicht mehr!« Josepha warf ihm eine Kußhand zu, die

Kanzleiräthin brach in Thränen aus und knüpfte die Schleifen ihres

Hutes auf; ihre Tochter eilte herbei, um ihr dieselbe mittelst eines

Knotens im Nacken zu befestigen.

Endlich ertönte vom Hofe herauf eine rauschende Musik. Mit schrillen

Mißklängen ging es an, und Fräulein Kanzleirath klagte etwas affectirt:

»O weh! o weh!« Aber der Schulgehülfe ersuchte nachdrücklich, der

Melodie doch nur Zeit zu lassen, sich durchzubeißen. »Sie beißt schon,

-- hören Sie? das giebt einen _Rejdovák_!« sprach der junge Mann

-- und »O -- sehen Sie, im Hofe wird bereits getanzt!« setzte er, ganz

begeistert aufspringend hinzu.

Richtig, vor dem Hause hatte sich bei den Klängen des Ständchens, das

die Dorfmusikanten dem Brautpaar brachten, ein Ball improvisirt.

»Tanzen wir auch!« riefen Mutter und Tochter Kanzleirath, und

Folteneck, der sogleich bemerkte, daß Judica und Marie mit dem

Vorschlag nicht einverstanden waren, beeilte sich, ihn lebhaft zu

unterstützen, denn sein liebenswürdiger Charakter verleugnete sich nie.

Im Nu hatten die Herren den Tisch in die Ecke und die Sessel an die

Wand gestellt.

Da näherte Judica sich Josephen und flüsterte ihr zu: »Es ist schon

zu viel getrunken worden. Ich brächte so gern den Rest des Weines in

Sicherheit. Aber wohin?«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 28 / 34 题