Während Judica ihren Sohn so energisch zurechtwies, gab es auch eine
lebhafte Erörterung zwischen Josepha und Marie.
Seitdem die Letztere »nicht« statt »nit«, »ist« statt »is« jagte, von
den Umlauten manchmal Notiz nahm und sogar in Büchern las, die keine
Gebetbücher waren, nährte die Alte einen bittern Groll gegen sie.
»Sprich, wie sich's für Unsereins schickt!« fuhr sie heraus, und als
Marie erwiderte, schlecht und fehlerhaft sprechen schicke sich für
gar Niemanden, gerieth Josepha in Zorn. Sie, die sich bisher um die
Sprachen und die Nationalitätenfrage blutwenig gekümmert, sie, eine
geborene Unter-der-Ennserin, die heute noch das Idiom ihres seligen
Lakomy auf das Kläglichste radebrechte, fand es ungehörig, daß derselbe
Lehrer, der den Unterricht in der Schule in böhmischer Sprache zu
ertheilen hatte, außerhalb der Schule deutsch redete. Ganz empörend
aber erschien es ihr, daß er sich vermaß, Marien in dieser Sprache zu
unterweisen, die sie doch schon als Kind von ihrer Mutter gelernt.
Josepha sprudelte Alles heraus, was ihr seit Langem auf dem Herzen
lag: ihre Mißbilligung des Umgangs mit den Schullehrersleuten, ihren
Hohn über die Bildungsbestrebungen der Tochter, ihre Eifersucht auf
deren Liebe zu Judica. Sie warf ihr in einem Athem ihr Alter und ihre
Jugend vor.
»Wenn man schon alt is, lernt man nix mehr! ... Wenn man noch so jung
is, sitzt man nit stundenlang mit einem Mann vorm Haus und plauscht!«
Je mehr Eindruck ihre Rede hervorbrachte, je mehr suchte sie dieselbe
zu verschärfen. Mit Grausamkeit fiel sie über die zarten, kaum
erwachten Hoffnungen und Träume Mariens her und richtete unter ihnen
einen Bethlehemitischen Kindermord an. »Was bild'st Dir ein?« fragte
sie, »glaub'st vielleicht, der wird Dich heirathen?«
»Aber Mutter, wer denkt denn daran?«
»Wer seine fünf Sinn' bei einander hat, freilich nit! ... Ein Mann wie
der! Hoch in die Zwanzig, einer der aus Wien kommt, der ~hat~
seinen Schatz, darauf darfst Gift nehmen.«
Marien war zu Muth, als ob sie das Gift bereits genommen hätte.
Sie weinte viel und schlief wenig in dieser Nacht. Zum Glück war
es just die kürzeste, die es im Jahre giebt. Noch hatte die vierte
Morgenstunde nicht geschlagen, noch schwebte die blasse Mondsichel wie
ein Wolkenflöckchen am Himmel, und schon erhob sich in Herrlichkeit die
Sonne über dem Horizont.
Die junge Frau stand auf, kleidete sich an, schlüpfte an dem Zimmer
ihrer Mutter vorbei und hinunter in den Hof.
Sie sah nach ihren Blumen. Das Rosenbeet, von dunklem Rittersporn
eingefaßt, duftete ihr entgegen; eine Feuerlilie hatte über Nacht den
Kelch erschlossen, die blühenden Gräser trugen schwer an den großen
glitzernden Thautropfen in ihren feinen Federbüschen. Marie streckte
rasch die Hand aus, um die schönste der Rosen zu brechen -- und zog sie
wieder zurück.
Wie lautete das Verslein, das sie jüngst von dem Herrn Lehrer gehört
hatte?
»O Herr in Deinen Hulden ... Laß mich durch diese Welt ...« Sie wußte
nicht weiter, sie wußte nur noch den Schluß:
... »Das Kreuz auf meinem Rücken
Getrost des Weges gehn,
Kein Blümlein vorschnell pflücken
Und keines übersehn.«
Er hat recht! Blühe du dich nur aus, du Blumenkönigin. Wer wird auch
Rosen pflücken, wenn er nicht weiß, wem er sie schenken soll?
Marie ging auf den Kastanienbaum zu, schob zwei seiner Aeste
auseinander, und wie in einen Dom trat sie unter seine hochragende
Kuppel. Auf eine schmale Bank, die den Stamm des Baumes umgab, ließ
sie sich nieder und blieb eine Weile regungslos, die Arme um die Kniee
gespannt, die Hände verschränkt.
Plötzlich raffte sie sich auf.
Nein! ~Die~ Gedanken, die ihr jetzt im Sinne lagen, die mußten
fort! ~Die~ durften sie nicht begleiten durchs lange Tagewerk. Sie
zog ein Buch aus ihrer Tasche, und trotzig, als gälte es einen recht
festen Entschluß durchzusetzen, in einer Hand das Buch, die andere zur
Faust geballt, begann sie:
»Das tiefe Thal, des tiefen Thales, dem tiefen Thale, das tiefe Thal.«
Eine kleine Pause -- Wiederholung, und nun auswendig: »Das tiefe Thal
... dem tiefen -- das ... dem ...«
»~Des~ tiefen Thales,« klang es bescheiden berichtigend von der
andern Seite des Baumes herüber, und Marie erbebte.
»Mein Gott! -- ~Sie~ sind da, Herr Schullehrer?«
Sie hatte sich in großer Verwirrung erhoben und in nicht geringerer
stand er vor ihr, den Hut in der Hand.
»Ich bin da, verzeihen Sie, Frau Wäschmeisterin, ich bin schon lange
da. Ich habe Sie aus dem Hause treten, Sie hierher kommen sehen, und
studire die ganze Zeit, wie ich es anfange, Ihnen ein Zeichen meiner
Anwesenheit zu geben, ohne Sie zu erschrecken ...«
Er sprach leise und ungewöhnlich schnell. »Ich konnte heute Nacht nicht
schlafen, ich hatte schwere Träume, und weil der Morgen gar so schön
war, lockte es mich hinaus, und als ich am Thor des Hofes vorbei kam
und es nur eingeklinkt fand, da lockte es mich herein ... Und dann
hört' ich einen Finken so merkwürdig schlagen, so ganz merkwürdig
schön ... ›Harzer Gutjahr‹ nennt man diesen Schlag. Hören Sie nur --
jetzt hebt er wieder an ...«
Er schien erfreut, dem kunstreichen Sänger das Weiterführen der
Unterhaltung überlassen zu können. Marie aber befand sich selbst in
viel zu großer Verlegenheit, um die seine zu bemerken. Es verdroß
sie, daß sie von ihm belauscht worden war beim Auswendiglernen einer
Lection. Ihn mit Resultaten zu überraschen, machte ihr Vergnügen, aber
wozu brauchte er zu wissen, wie mühselig diese Resultate errungen
wurden? Jetzt schämte sie sich vor ihm, schämte sich ihrer Lernbegier,
die ihr mit einem Male läppisch und lächerlich vorkam, und als er nach
einer langen Pause zögernd begann:
»Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten -- ich habe Sie in Ihrem
Fleiße gestört --« fiel sie erröthend ein:
»Ach, mit meinem Fleiß! ... Was kommt dabei heraus? ... Ich bin zu alt,
um noch etwas zu lernen.«
Da widersprach er mit solcher Ueberzeugung, daß sie, schon weniger
kleinlaut, sagte: »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir
aufwachsen, wir Frauen auf dem Land. In der Stadt wird es gewiß ganz
anders sein, dort ...« sie hielt inne und dachte: dort, wo er seinen
Schatz hat!
»Die Mädchen in der Stadt lernen allerdings mehr; die aus dem Volke
nämlich. Die vornehmen Fräulein aber, die lernen entweder sehr viel
oder nichts ... Eine kenn' ich, die sehr viel gelernt hat.«
Die war's!
Marie zweifelte keinen Augenblick, die besaß sein Herz. In wie
verhüllter Weise, wie scheinbar unbewegt er auch von ihr gesprochen
hatte, Marie wußte es: Die war's!
»Wie heißt sie?« fragte sie und erschrak über die Kühnheit, mit der sie
ihn zur Rede stellte, und über den scharfen Klang der eigenen Stimme.
Er blickte nicht ohne Bestürzung zu ihr nieder und antwortete: »Sie
heißt Aglaja.«
»Ein schöner Name; aber mir scheint, er steht nicht im Kalender.«
»Er ist griechischen Ursprungs und bedeutet: die Glänzende; ihn führte
eine der drei ...«
»Aber ich bitte,« unterbrach ihn Marie, und war ungemein traurig.
»Setzen Sie sich doch, wenn Sie so gut sein wollen und wenn Sie Zeit
haben, Herr Schullehrer.«
Der Einladung wurde ohne Zögern Folge geleistet. Anton sah seine
liebliche Nachbarin von der Seite an und sprach:
»Ich wünschte so sehr, daß Sie mein ganzes Leben kennten, daß Sie Alles
von mir wüßten, Frau Wäschmeisterin.«
»Und von dem Fräulein Aglaja,« fügte sie leise hinzu und horchte
gespannt, was nun kommen würde.
»Meine Mutter,« begann er, »will es nicht Wort haben, doch ist es so
-- wir darbten meine ganze Kindheit hindurch. Trotz des beispiellosen
Eifers, mit dem sie sich an ihre Blumenarbeit hielt, darbten wir. Ich
mußte vierzehn Jahre alt und ein großer Bursche werden, bevor ich ihr
eine Stütze sein und meinerseits durch Unterricht, den ich jüngeren
Schülern gab, etwas verdienen konnte. Später dann ging es besser, ich
verschaffte mir gute Lectionen, und zu zwanzig Jahren traf mich ein
Glücksfall, ich wurde durch einen meiner Professoren in ein reiches
Haus, als Lehrer des Contrapunktes empfohlen -- das ist die Kunst des
Tonsatzes, das heißt gleichsam ...«
Wieder unterbrach sie ihn mit respectvoller, aber entschiedener
Ungeduld: »Sprechen Sie von dem reichen Haus, Herr Schullehrer.«
»Reich und -- arm. Der Herr desselben hatte eine geliebte Frau und drei
Kinder besessen, und Alles verloren, bis auf eine einzige Tochter. Die
machte nun sein ganzes Leben aus ... Sie war auch schön und hochbegabt
...«
»Und die nahm bei Ihnen Unterricht in dieser Kunst des -- -- wie haben
Sie gesagt?«
»Des Tonsatzes -- die Kunst, mehrere Stimmen ...«
»Hat sie gut gelernt und oft, und wie alt war sie?« fiel die
unermüdliche Fragerin hastig ein, und ihre Wangen brannten.
»Siebzehn Jahre.«
Marie seufzte: »Jetzt weiß ich schon -- sie hat sich halt in Sie
verliebt.« --
»Und ich mich in sie, und ich war sehr unglücklich.«
»Warum denn unglücklich?«
»Weil ja nicht die geringste Hoffnung für mich vorhanden schien ... Die
Tochter eines reichen Mannes und ein armer Lehrer! ... Ich schwieg,
nahm mich zusammen -- bis ich mit einem Schrecken, der halb dem Himmel
und halb der Hölle angehörte, entdeckte, daß auch sie mir gut war.«
»Und was haben Sie ihr dann gesagt?«
»Ihr nichts, meiner Mutter -- Alles; und die that, worauf ich gefaßt
war, sie sprach: ›Du betrittst das Haus nicht mehr‹.«
»Haben Sie das übers Herz gebracht?«
Er nickte: »Ich schrieb, ich log. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen,
daß lügen manchmal Pflicht ist? Man kann sich nicht anders helfen,
man muß die Lüge anwenden wie eine ekelhafte Medicin ... Ich log, daß
Mangel an Zeit mich zwinge, die Lectionen aufzugeben. Nachdem der
Brief abgeschickt war, meinte ich: Jetzt ist das Leben aus! Jetzt
kann nichts Wichtiges sich mehr ereignen ... und, denken Sie, ein
paar Wochen danach geschah -- ein Wunder. Der Vater des Fräulein
Aglaja kam zu uns. Sie war nicht getäuscht worden durch meinen Brief,
sie hatte die Wahrheit errathen, ihrem Vater Alles gestanden, und --
heute noch weiß ich nicht, wie es ihr gelang -- seine Einwilligung
errungen. Er gab sie, ich vernahm es wie im Taumel, ich hielt
mich für toll und wahnsinnig, während er sprach -- ich lachte nur,
als er einige Bedingungen stellte, so geringfügig, so außer allem
Verhältniß zu dem, was er dafür verhieß, erschienen sie mir. Meinen
Beruf sollt' ich aufgeben -- ich hatte ja keinen mehr als den, sie zu
lieben und anzubeten. Ins Comptoir sollt' ich und mich dort allmälig
zum Geschäftsmanne qualificiren -- das kam mir sehr leicht vor, ein
Hohlkopf, der es nicht träfe! -- Endlich hatte ich tiefstes Schweigen
über mein Glück zu bewahren.«
»Ich sage nicht mehr nein, aber ich habe noch nicht ja gesagt, sprach
der Banquier, Sie sind so jung, an eine Verbindung kann erst in Jahren
gedacht werden, ich will vorher keine Glossen über die Sache hören!«
»Hatte er nicht Recht? konnte ich anders als auch darin seinen Willen
freudig ehren? ... In seiner Gegenwart sah ich Aglaja täglich, vor
Fremden waren wir einander fremd, und eigentlich wäre ich von allem
Anfang an gern aus ihren Gesellschaften fortgeblieben. Aber sie duldete
es nicht. Das Fest war ihr kein Fest, wenn sie mich nicht anwesend
wußte. Wie ein Crösus, der außer dem Reichthum, den er zur Schau trägt
und um den er beneidet wird, im Geheimen ein Gut verbirgt, echter,
sicherer als all' sein übriger Besitz, so wollte sie mich da wissen,
versteckt im Gewühl mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe für sie.
Gefeiert und umringt, lachend und scherzend rauschte sie in ihrer
Pracht an mir vorbei und warf mir einen verstohlenen Blick zu, und ich
bildete mir ein, daß ich glücklich war ... Und später, als ich mir das
nicht mehr einbilden konnte, dann freute ich mich, daß ich litt, um sie
leiden durfte ...«
»Meine Mutter besuchte das Haus nicht ... Anfangs war dort nicht die
Rede von ihr, und das fiel mir nicht auf ... So verblendet war ich, so
verzaubert und ein solcher Narr, daß mir das nicht auffiel ... Einmal
aber -- ganz überraschend, kam Aglaja mit ihrem Vater zu uns ... Sie
war wunderschön; einfach gekleidet, wie ich sie nie gesehen, die Wangen
von der Winterkälte geröthet. Sie, die sonst die Straße nicht betrat,
war zu Fuß in unsere entlegene Vorstadt gekommen ...«
Marie zuckte die Achseln, sah trotzig vor sich hin, und sprach mit
aufgeworfenen Lippen:
»Diese große Gnade!«
»Und wie liebenswürdig benahm sie sich meiner Mutter gegenüber! ... Ich
hätte vor sie hinknieen und ihr göttliche Ehren erweisen mögen ... Es
schnitt mir in die Seele, daß meine Mutter, meine gütige Mutter, kein
liebreiches Wort für sie hatte -- und kein Wort des Lobes, nachdem der
holde Besuch uns verlassen. -- Es schnitt mir in die Seele, daß ich mir
denken mußte: was ich nicht begriff: Die Geliebte hatte meiner Mutter
mißfallen!«
»Ganz mein Geschmack! Mir hätt' sie auch nicht gefallen,« rief Marie.
»Warum? Sie wissen ja noch nicht, was kommt, und wozu ich, um es zu
erfahren, zwei Jahre gebraucht habe: daß sie mich im Grund nicht
liebte, sich's nur eingebildet hatte in ihrer überspannten Phantasie,
daß sie, als ein verwöhntes Kind, das sie war, statt unter ihren vielen
Bewerbern zu wählen, einen haben wollte, den sie dem väterlichen
Widerstand erst abringen mußte und der im Werthe sank, nachdem der
Widerstand aufgegeben war.«
»Wissen Sie was?« sagte Marie munter und zwinkerte mit den Augen: »Der
alte Herr war gescheit.«
»Sehr gescheit,« bestätigte Anton, »aber mich ist seine Klugheit
hoch zu stehen gekommen ... Sie sollen Alles von mir wissen, habe
ich gesagt, und halte Wort. Als ich meine Sache schon für verloren
ansah, gab ich doch den Kampf nicht auf ... Die Arbeit in der großen
Geldfabrik war mir ein Greuel, ein Greuel auch das Zusammenleben mit
Rechenmaschinen, die sich für Menschen hielten. Ich vertiefte mich in
diese Arbeit und vertrug mich mit diesen Menschen ... In den seidenen
Gemächern des Banquiers schmachtete ich nach den kahlen Wänden im
Stübchen meiner Mutter. Unter den hohlen und leichtfertigen Puppen, mit
denen Aglaja umging, hatte ich das brennende Heimweh nach meinen armen
Kameraden, nach meinen Schülern. Es gab rohe und borstige Gesellen
unter ihnen, aber sie lebten, sie rangen; sie kämpften mit der Noth
des Daseins, sie standen an den Quellen, aus denen das allgemeine
Menschenschicksal strömt ... Die Andern! -- ja, die kennen von diesen
Quellen nur den verfälschten Tropfen, der ihnen aus zehnter Hand im
goldenen Becher gereicht wird ... All' das wußte ich schon -- es war
mir so klar wie heute, und dennoch klammerte ich mich an meine Liebe
... Sie ist kalt, sie ist nichtig, sie hat nicht mehr Empfindung als
ein Schmetterling, und dennoch -- dennoch! ... Zuletzt sagte ich:
›Wählen Sie! -- die Armuth mit mir, oder den Reichthum ohne mich.‹ --
Sie entschloß sich nicht gleich; ich glaube, daß sie einige Tage lang
mit dem Gedanken gespielt hat, die Frau eines Schullehrers auf dem
Lande zu werden -- aber sie entschloß sich doch und gab mich frei.«
Wie von einem Alp erlöst, athmete Marie tief und selig auf, und er fuhr
fort:
»Sie ~gab~ mich frei, deshalb ~war~ ich es aber noch nicht.
-- Noch in Jahren nicht -- ich habe sie lange geliebt, noch geliebt,
nachdem sie schon verheirathet war ...«
»Und noch gesehen?«
»Aus der Ferne, manchmal, aber nie wieder gesprochen, mich nur im
Stillen gekränkt und gesehnt. Der Schmerz um sie wollte nicht weichen.
Er war noch nicht ganz überwunden, als ich hierherkam ...«
»Und -- jetzt?«
Er breitete seine Arme aus und blickte mit ganz verklärten Augen in das
grüne Gezweig: »Vorbei! -- ich bin genesen! ... Und niemand Anders hat
mich geheilt als Sie!«
Kühn wie ein Held und zuversichtlich wie ein Mann ergriff er ihre
Hand, »vollenden Sie Ihr Werk ... heirathen Sie mich -- ich brauche
eine Frau, die mich nimmt, wie ich bin, mit meinen vielen Schwächen,
mit meinem wenigen Guten. Eine Frau, die meinen Schülern eine Mutter,
meiner Mutter eine liebe Tochter sein will ... Wollen Sie? darf ich
hoffen? ...«
»Gott im Himmel!« rief Marie.
Er sprang auf, sie hatte den Kopf an den Stamm des Baumes gelehnt und
blickte unter Thränen zu ihm empor ...
Unnennbare Glückseligkeit, unbegreifliche! -- Sie war wieder sechzehn
Jahre alt, sie hatte nichts erlebt, nichts erlitten, die Zukunft lag
vor ihr wie vor einem Kinde -- im Morgenschein. Die Welt war ein
Paradies, bewohnt von guten Menschen, und der Beste unter ihnen stand
vor ihr, glühend vor Wonne und Begeisterung, und nannte sie seine Braut.