XIII.

Während Judica ihren Sohn so energisch zurechtwies, gab es auch eine

lebhafte Erörterung zwischen Josepha und Marie.

Seitdem die Letztere »nicht« statt »nit«, »ist« statt »is« jagte, von

den Umlauten manchmal Notiz nahm und sogar in Büchern las, die keine

Gebetbücher waren, nährte die Alte einen bittern Groll gegen sie.

»Sprich, wie sich's für Unsereins schickt!« fuhr sie heraus, und als

Marie erwiderte, schlecht und fehlerhaft sprechen schicke sich für

gar Niemanden, gerieth Josepha in Zorn. Sie, die sich bisher um die

Sprachen und die Nationalitätenfrage blutwenig gekümmert, sie, eine

geborene Unter-der-Ennserin, die heute noch das Idiom ihres seligen

Lakomy auf das Kläglichste radebrechte, fand es ungehörig, daß derselbe

Lehrer, der den Unterricht in der Schule in böhmischer Sprache zu

ertheilen hatte, außerhalb der Schule deutsch redete. Ganz empörend

aber erschien es ihr, daß er sich vermaß, Marien in dieser Sprache zu

unterweisen, die sie doch schon als Kind von ihrer Mutter gelernt.

Josepha sprudelte Alles heraus, was ihr seit Langem auf dem Herzen

lag: ihre Mißbilligung des Umgangs mit den Schullehrersleuten, ihren

Hohn über die Bildungsbestrebungen der Tochter, ihre Eifersucht auf

deren Liebe zu Judica. Sie warf ihr in einem Athem ihr Alter und ihre

Jugend vor.

»Wenn man schon alt is, lernt man nix mehr! ... Wenn man noch so jung

is, sitzt man nit stundenlang mit einem Mann vorm Haus und plauscht!«

Je mehr Eindruck ihre Rede hervorbrachte, je mehr suchte sie dieselbe

zu verschärfen. Mit Grausamkeit fiel sie über die zarten, kaum

erwachten Hoffnungen und Träume Mariens her und richtete unter ihnen

einen Bethlehemitischen Kindermord an. »Was bild'st Dir ein?« fragte

sie, »glaub'st vielleicht, der wird Dich heirathen?«

»Aber Mutter, wer denkt denn daran?«

»Wer seine fünf Sinn' bei einander hat, freilich nit! ... Ein Mann wie

der! Hoch in die Zwanzig, einer der aus Wien kommt, der ~hat~

seinen Schatz, darauf darfst Gift nehmen.«

Marien war zu Muth, als ob sie das Gift bereits genommen hätte.

Sie weinte viel und schlief wenig in dieser Nacht. Zum Glück war

es just die kürzeste, die es im Jahre giebt. Noch hatte die vierte

Morgenstunde nicht geschlagen, noch schwebte die blasse Mondsichel wie

ein Wolkenflöckchen am Himmel, und schon erhob sich in Herrlichkeit die

Sonne über dem Horizont.

Die junge Frau stand auf, kleidete sich an, schlüpfte an dem Zimmer

ihrer Mutter vorbei und hinunter in den Hof.

Sie sah nach ihren Blumen. Das Rosenbeet, von dunklem Rittersporn

eingefaßt, duftete ihr entgegen; eine Feuerlilie hatte über Nacht den

Kelch erschlossen, die blühenden Gräser trugen schwer an den großen

glitzernden Thautropfen in ihren feinen Federbüschen. Marie streckte

rasch die Hand aus, um die schönste der Rosen zu brechen -- und zog sie

wieder zurück.

Wie lautete das Verslein, das sie jüngst von dem Herrn Lehrer gehört

hatte?

»O Herr in Deinen Hulden ... Laß mich durch diese Welt ...« Sie wußte

nicht weiter, sie wußte nur noch den Schluß:

... »Das Kreuz auf meinem Rücken

Getrost des Weges gehn,

Kein Blümlein vorschnell pflücken

Und keines übersehn.«

Er hat recht! Blühe du dich nur aus, du Blumenkönigin. Wer wird auch

Rosen pflücken, wenn er nicht weiß, wem er sie schenken soll?

Marie ging auf den Kastanienbaum zu, schob zwei seiner Aeste

auseinander, und wie in einen Dom trat sie unter seine hochragende

Kuppel. Auf eine schmale Bank, die den Stamm des Baumes umgab, ließ

sie sich nieder und blieb eine Weile regungslos, die Arme um die Kniee

gespannt, die Hände verschränkt.

Plötzlich raffte sie sich auf.

Nein! ~Die~ Gedanken, die ihr jetzt im Sinne lagen, die mußten

fort! ~Die~ durften sie nicht begleiten durchs lange Tagewerk. Sie

zog ein Buch aus ihrer Tasche, und trotzig, als gälte es einen recht

festen Entschluß durchzusetzen, in einer Hand das Buch, die andere zur

Faust geballt, begann sie:

»Das tiefe Thal, des tiefen Thales, dem tiefen Thale, das tiefe Thal.«

Eine kleine Pause -- Wiederholung, und nun auswendig: »Das tiefe Thal

... dem tiefen -- das ... dem ...«

»~Des~ tiefen Thales,« klang es bescheiden berichtigend von der

andern Seite des Baumes herüber, und Marie erbebte.

»Mein Gott! -- ~Sie~ sind da, Herr Schullehrer?«

Sie hatte sich in großer Verwirrung erhoben und in nicht geringerer

stand er vor ihr, den Hut in der Hand.

»Ich bin da, verzeihen Sie, Frau Wäschmeisterin, ich bin schon lange

da. Ich habe Sie aus dem Hause treten, Sie hierher kommen sehen, und

studire die ganze Zeit, wie ich es anfange, Ihnen ein Zeichen meiner

Anwesenheit zu geben, ohne Sie zu erschrecken ...«

Er sprach leise und ungewöhnlich schnell. »Ich konnte heute Nacht nicht

schlafen, ich hatte schwere Träume, und weil der Morgen gar so schön

war, lockte es mich hinaus, und als ich am Thor des Hofes vorbei kam

und es nur eingeklinkt fand, da lockte es mich herein ... Und dann

hört' ich einen Finken so merkwürdig schlagen, so ganz merkwürdig

schön ... ›Harzer Gutjahr‹ nennt man diesen Schlag. Hören Sie nur --

jetzt hebt er wieder an ...«

Er schien erfreut, dem kunstreichen Sänger das Weiterführen der

Unterhaltung überlassen zu können. Marie aber befand sich selbst in

viel zu großer Verlegenheit, um die seine zu bemerken. Es verdroß

sie, daß sie von ihm belauscht worden war beim Auswendiglernen einer

Lection. Ihn mit Resultaten zu überraschen, machte ihr Vergnügen, aber

wozu brauchte er zu wissen, wie mühselig diese Resultate errungen

wurden? Jetzt schämte sie sich vor ihm, schämte sich ihrer Lernbegier,

die ihr mit einem Male läppisch und lächerlich vorkam, und als er nach

einer langen Pause zögernd begann:

»Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten -- ich habe Sie in Ihrem

Fleiße gestört --« fiel sie erröthend ein:

»Ach, mit meinem Fleiß! ... Was kommt dabei heraus? ... Ich bin zu alt,

um noch etwas zu lernen.«

Da widersprach er mit solcher Ueberzeugung, daß sie, schon weniger

kleinlaut, sagte: »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir

aufwachsen, wir Frauen auf dem Land. In der Stadt wird es gewiß ganz

anders sein, dort ...« sie hielt inne und dachte: dort, wo er seinen

Schatz hat!

»Die Mädchen in der Stadt lernen allerdings mehr; die aus dem Volke

nämlich. Die vornehmen Fräulein aber, die lernen entweder sehr viel

oder nichts ... Eine kenn' ich, die sehr viel gelernt hat.«

Die war's!

Marie zweifelte keinen Augenblick, die besaß sein Herz. In wie

verhüllter Weise, wie scheinbar unbewegt er auch von ihr gesprochen

hatte, Marie wußte es: Die war's!

»Wie heißt sie?« fragte sie und erschrak über die Kühnheit, mit der sie

ihn zur Rede stellte, und über den scharfen Klang der eigenen Stimme.

Er blickte nicht ohne Bestürzung zu ihr nieder und antwortete: »Sie

heißt Aglaja.«

»Ein schöner Name; aber mir scheint, er steht nicht im Kalender.«

»Er ist griechischen Ursprungs und bedeutet: die Glänzende; ihn führte

eine der drei ...«

»Aber ich bitte,« unterbrach ihn Marie, und war ungemein traurig.

»Setzen Sie sich doch, wenn Sie so gut sein wollen und wenn Sie Zeit

haben, Herr Schullehrer.«

Der Einladung wurde ohne Zögern Folge geleistet. Anton sah seine

liebliche Nachbarin von der Seite an und sprach:

»Ich wünschte so sehr, daß Sie mein ganzes Leben kennten, daß Sie Alles

von mir wüßten, Frau Wäschmeisterin.«

»Und von dem Fräulein Aglaja,« fügte sie leise hinzu und horchte

gespannt, was nun kommen würde.

»Meine Mutter,« begann er, »will es nicht Wort haben, doch ist es so

-- wir darbten meine ganze Kindheit hindurch. Trotz des beispiellosen

Eifers, mit dem sie sich an ihre Blumenarbeit hielt, darbten wir. Ich

mußte vierzehn Jahre alt und ein großer Bursche werden, bevor ich ihr

eine Stütze sein und meinerseits durch Unterricht, den ich jüngeren

Schülern gab, etwas verdienen konnte. Später dann ging es besser, ich

verschaffte mir gute Lectionen, und zu zwanzig Jahren traf mich ein

Glücksfall, ich wurde durch einen meiner Professoren in ein reiches

Haus, als Lehrer des Contrapunktes empfohlen -- das ist die Kunst des

Tonsatzes, das heißt gleichsam ...«

Wieder unterbrach sie ihn mit respectvoller, aber entschiedener

Ungeduld: »Sprechen Sie von dem reichen Haus, Herr Schullehrer.«

»Reich und -- arm. Der Herr desselben hatte eine geliebte Frau und drei

Kinder besessen, und Alles verloren, bis auf eine einzige Tochter. Die

machte nun sein ganzes Leben aus ... Sie war auch schön und hochbegabt

...«

»Und die nahm bei Ihnen Unterricht in dieser Kunst des -- -- wie haben

Sie gesagt?«

»Des Tonsatzes -- die Kunst, mehrere Stimmen ...«

»Hat sie gut gelernt und oft, und wie alt war sie?« fiel die

unermüdliche Fragerin hastig ein, und ihre Wangen brannten.

»Siebzehn Jahre.«

Marie seufzte: »Jetzt weiß ich schon -- sie hat sich halt in Sie

verliebt.« --

»Und ich mich in sie, und ich war sehr unglücklich.«

»Warum denn unglücklich?«

»Weil ja nicht die geringste Hoffnung für mich vorhanden schien ... Die

Tochter eines reichen Mannes und ein armer Lehrer! ... Ich schwieg,

nahm mich zusammen -- bis ich mit einem Schrecken, der halb dem Himmel

und halb der Hölle angehörte, entdeckte, daß auch sie mir gut war.«

»Und was haben Sie ihr dann gesagt?«

»Ihr nichts, meiner Mutter -- Alles; und die that, worauf ich gefaßt

war, sie sprach: ›Du betrittst das Haus nicht mehr‹.«

»Haben Sie das übers Herz gebracht?«

Er nickte: »Ich schrieb, ich log. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen,

daß lügen manchmal Pflicht ist? Man kann sich nicht anders helfen,

man muß die Lüge anwenden wie eine ekelhafte Medicin ... Ich log, daß

Mangel an Zeit mich zwinge, die Lectionen aufzugeben. Nachdem der

Brief abgeschickt war, meinte ich: Jetzt ist das Leben aus! Jetzt

kann nichts Wichtiges sich mehr ereignen ... und, denken Sie, ein

paar Wochen danach geschah -- ein Wunder. Der Vater des Fräulein

Aglaja kam zu uns. Sie war nicht getäuscht worden durch meinen Brief,

sie hatte die Wahrheit errathen, ihrem Vater Alles gestanden, und --

heute noch weiß ich nicht, wie es ihr gelang -- seine Einwilligung

errungen. Er gab sie, ich vernahm es wie im Taumel, ich hielt

mich für toll und wahnsinnig, während er sprach -- ich lachte nur,

als er einige Bedingungen stellte, so geringfügig, so außer allem

Verhältniß zu dem, was er dafür verhieß, erschienen sie mir. Meinen

Beruf sollt' ich aufgeben -- ich hatte ja keinen mehr als den, sie zu

lieben und anzubeten. Ins Comptoir sollt' ich und mich dort allmälig

zum Geschäftsmanne qualificiren -- das kam mir sehr leicht vor, ein

Hohlkopf, der es nicht träfe! -- Endlich hatte ich tiefstes Schweigen

über mein Glück zu bewahren.«

»Ich sage nicht mehr nein, aber ich habe noch nicht ja gesagt, sprach

der Banquier, Sie sind so jung, an eine Verbindung kann erst in Jahren

gedacht werden, ich will vorher keine Glossen über die Sache hören!«

»Hatte er nicht Recht? konnte ich anders als auch darin seinen Willen

freudig ehren? ... In seiner Gegenwart sah ich Aglaja täglich, vor

Fremden waren wir einander fremd, und eigentlich wäre ich von allem

Anfang an gern aus ihren Gesellschaften fortgeblieben. Aber sie duldete

es nicht. Das Fest war ihr kein Fest, wenn sie mich nicht anwesend

wußte. Wie ein Crösus, der außer dem Reichthum, den er zur Schau trägt

und um den er beneidet wird, im Geheimen ein Gut verbirgt, echter,

sicherer als all' sein übriger Besitz, so wollte sie mich da wissen,

versteckt im Gewühl mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe für sie.

Gefeiert und umringt, lachend und scherzend rauschte sie in ihrer

Pracht an mir vorbei und warf mir einen verstohlenen Blick zu, und ich

bildete mir ein, daß ich glücklich war ... Und später, als ich mir das

nicht mehr einbilden konnte, dann freute ich mich, daß ich litt, um sie

leiden durfte ...«

»Meine Mutter besuchte das Haus nicht ... Anfangs war dort nicht die

Rede von ihr, und das fiel mir nicht auf ... So verblendet war ich, so

verzaubert und ein solcher Narr, daß mir das nicht auffiel ... Einmal

aber -- ganz überraschend, kam Aglaja mit ihrem Vater zu uns ... Sie

war wunderschön; einfach gekleidet, wie ich sie nie gesehen, die Wangen

von der Winterkälte geröthet. Sie, die sonst die Straße nicht betrat,

war zu Fuß in unsere entlegene Vorstadt gekommen ...«

Marie zuckte die Achseln, sah trotzig vor sich hin, und sprach mit

aufgeworfenen Lippen:

»Diese große Gnade!«

»Und wie liebenswürdig benahm sie sich meiner Mutter gegenüber! ... Ich

hätte vor sie hinknieen und ihr göttliche Ehren erweisen mögen ... Es

schnitt mir in die Seele, daß meine Mutter, meine gütige Mutter, kein

liebreiches Wort für sie hatte -- und kein Wort des Lobes, nachdem der

holde Besuch uns verlassen. -- Es schnitt mir in die Seele, daß ich mir

denken mußte: was ich nicht begriff: Die Geliebte hatte meiner Mutter

mißfallen!«

»Ganz mein Geschmack! Mir hätt' sie auch nicht gefallen,« rief Marie.

»Warum? Sie wissen ja noch nicht, was kommt, und wozu ich, um es zu

erfahren, zwei Jahre gebraucht habe: daß sie mich im Grund nicht

liebte, sich's nur eingebildet hatte in ihrer überspannten Phantasie,

daß sie, als ein verwöhntes Kind, das sie war, statt unter ihren vielen

Bewerbern zu wählen, einen haben wollte, den sie dem väterlichen

Widerstand erst abringen mußte und der im Werthe sank, nachdem der

Widerstand aufgegeben war.«

»Wissen Sie was?« sagte Marie munter und zwinkerte mit den Augen: »Der

alte Herr war gescheit.«

»Sehr gescheit,« bestätigte Anton, »aber mich ist seine Klugheit

hoch zu stehen gekommen ... Sie sollen Alles von mir wissen, habe

ich gesagt, und halte Wort. Als ich meine Sache schon für verloren

ansah, gab ich doch den Kampf nicht auf ... Die Arbeit in der großen

Geldfabrik war mir ein Greuel, ein Greuel auch das Zusammenleben mit

Rechenmaschinen, die sich für Menschen hielten. Ich vertiefte mich in

diese Arbeit und vertrug mich mit diesen Menschen ... In den seidenen

Gemächern des Banquiers schmachtete ich nach den kahlen Wänden im

Stübchen meiner Mutter. Unter den hohlen und leichtfertigen Puppen, mit

denen Aglaja umging, hatte ich das brennende Heimweh nach meinen armen

Kameraden, nach meinen Schülern. Es gab rohe und borstige Gesellen

unter ihnen, aber sie lebten, sie rangen; sie kämpften mit der Noth

des Daseins, sie standen an den Quellen, aus denen das allgemeine

Menschenschicksal strömt ... Die Andern! -- ja, die kennen von diesen

Quellen nur den verfälschten Tropfen, der ihnen aus zehnter Hand im

goldenen Becher gereicht wird ... All' das wußte ich schon -- es war

mir so klar wie heute, und dennoch klammerte ich mich an meine Liebe

... Sie ist kalt, sie ist nichtig, sie hat nicht mehr Empfindung als

ein Schmetterling, und dennoch -- dennoch! ... Zuletzt sagte ich:

›Wählen Sie! -- die Armuth mit mir, oder den Reichthum ohne mich.‹ --

Sie entschloß sich nicht gleich; ich glaube, daß sie einige Tage lang

mit dem Gedanken gespielt hat, die Frau eines Schullehrers auf dem

Lande zu werden -- aber sie entschloß sich doch und gab mich frei.«

Wie von einem Alp erlöst, athmete Marie tief und selig auf, und er fuhr

fort:

»Sie ~gab~ mich frei, deshalb ~war~ ich es aber noch nicht.

-- Noch in Jahren nicht -- ich habe sie lange geliebt, noch geliebt,

nachdem sie schon verheirathet war ...«

»Und noch gesehen?«

»Aus der Ferne, manchmal, aber nie wieder gesprochen, mich nur im

Stillen gekränkt und gesehnt. Der Schmerz um sie wollte nicht weichen.

Er war noch nicht ganz überwunden, als ich hierherkam ...«

»Und -- jetzt?«

Er breitete seine Arme aus und blickte mit ganz verklärten Augen in das

grüne Gezweig: »Vorbei! -- ich bin genesen! ... Und niemand Anders hat

mich geheilt als Sie!«

Kühn wie ein Held und zuversichtlich wie ein Mann ergriff er ihre

Hand, »vollenden Sie Ihr Werk ... heirathen Sie mich -- ich brauche

eine Frau, die mich nimmt, wie ich bin, mit meinen vielen Schwächen,

mit meinem wenigen Guten. Eine Frau, die meinen Schülern eine Mutter,

meiner Mutter eine liebe Tochter sein will ... Wollen Sie? darf ich

hoffen? ...«

»Gott im Himmel!« rief Marie.

Er sprang auf, sie hatte den Kopf an den Stamm des Baumes gelehnt und

blickte unter Thränen zu ihm empor ...

Unnennbare Glückseligkeit, unbegreifliche! -- Sie war wieder sechzehn

Jahre alt, sie hatte nichts erlebt, nichts erlitten, die Zukunft lag

vor ihr wie vor einem Kinde -- im Morgenschein. Die Welt war ein

Paradies, bewohnt von guten Menschen, und der Beste unter ihnen stand

vor ihr, glühend vor Wonne und Begeisterung, und nannte sie seine Braut.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 27 / 34 题