Der Verkehr zwischen Judica und Marie wurde sehr rege, doch blieb
anfangs der Herr Schullehrer von demselben ausgeschlossen. Mit
unverkennbarer Absicht wählte die junge Frau zu ihren Besuchen bei
seiner Mutter die Stunden, in denen sie ihn auswärts beschäftigt wußte.
Später, als das Wetter immer schöner und wärmer wurde, und Josepha auch
die Nachmittage im Freien zubrachte, fand die Professorin sich gegen
Abend im Hofe ein, und eine halbe Stunde danach kam ihr Sohn, um sie
abzuholen. Meistens hatte die alte Josepha schon früher einen Vorwand
ergriffen, um sich aus der Gesellschaft, in der es ihr nicht behagte,
zurückzuziehen. Marie blieb allein mit Anton und Judica, und das Gefühl
einer großen aber bänglichen Wonne, das sie dabei empfand, stumpfte
sich auch mit der Zeit nicht ab, im Gegentheil, es nahm zu.
Bisher, wenn sie sich falsch beurtheilt gesehen hatte, war alles
Bedauern darüber mit einem Achselzucken erledigt worden. -- Du lieber
Gott -- diese Menschen, was wissen die? Was kann man von ihnen
verlangen?
Aber jetzt?
So oft Judica ihre lebhaften, grauen Augen höchst angeregt und
wißbegierig auf Marie richtete und fragte: »Wie meinen Sie das, liebe
Frau?« -- So oft der Schullehrer über eine Aeußerung ihres naiven
Pessimismus staunte und nicht begreifen zu können schien, wie ein rasch
verdammendes Urtheil, eine schlimme Voraussetzung so unbefangen von
Marien ausgesprochen werden konnte, hätte sie vor Beschämung weinen
mögen.
Ihre Ueberlegenheit war es ja gewesen, die sie den Andern räthselhaft
gemacht hatte. Diesen Beiden gegenüber konnte aber von Ueberlegenheit
keine Rede sein. Wenn ~diese~ Menschen sie nicht verstanden, dann
lag die Schuld an ihr, dann war es traurig für sie selbst.
Sie wurde von einer heißen Sehnsucht erfaßt, sich zu den so hoch über
ihr Stehenden zu erheben. Mit ungeschickten Worten, mit beklommener
Stimme bekannte sie in einer stillen und vertrauten Stunde der Frau
Professorin ihren kühnen -- ach, unerreichbaren Wunsch, und klagte der
Verehrten ihr Leid.
Sogleich öffnete Judica ihre Arme, preßte Mariens Kopf an den
türkischen Shawl und spendete die Fülle des Trostes.
»Ein Unterschied zwischen Ihnen und uns? O, liebe Frau, wenn er
besteht, so ist's zu Ihren Gunsten. Daß wir etwas gelernt haben, das
macht uns zu Ihren Schuldnern. Ja -- gewiß! denn Sie plagten sich,
indessen wir Muße hatten, uns in aller Bequemlichkeit, unterstützt
auf alle erdenkliche Weise, Bildung anzueignen. O, liebe Frau, dürften
wir Ihnen von derselben Einiges mittheilen, wir würden uns glücklich
schätzen!«
Der Sohn dachte in dieser Beziehung genau so wie seine Mutter und
war von tiefstem Dank gegen die Frau Wäschmeisterin erfüllt, die
ihm gestatten wollte, ihr Tag für Tag zu berichten, womit er heute
seine Schulkinder beschäftigt hatte. Er brachte, um es ganz deutlich
demonstriren zu können, und dem Gedächtniß Mariens, die sich alle
diese Sachen merken wollte, zu Hülfe zu kommen, dünne Büchlein in
lichtgrauen und lichtbraunen Umschlägen herbei. Die grauen führten den
Namen »Deutsche Sprachschule« und die braunen den Namen »Lesebuch«. Die
besonders wichtigen Stellen, diejenigen, die seine Schüler auswendig zu
lernen hatten, waren durch den Herrn Schullehrer mit blauen Strichen
bezeichnet worden.
Mariens Neugier wuchs von einem Vortrage zum andern, sie konnte
nicht müde werden, Herrn Anton zuzuhören. Als er einst das Wort
Weltgeschichte aussprach, bat sie schüchtern und dringend: »O, haben
Sie die Gnade -- erzählen Sie mir die!«
Der junge Lehrer lächelte, und Judica, die neben den Studirenden saß
und ein Taschentuch säumte, richtete plötzlich die Augen auf den
Hollunderbusch in der rechten Ecke des Hofes.
Marie verstummte in Bestürzung. Sie war sich sogleich bewußt worden,
daß sie eine völlig ungehörige Bitte gestellt habe.
Anton brach für heute den Unterricht ab. Seine Gedanken hatten eine
ganz andere Richtung genommen, und wie die beschaffen war, das erhellte
aus der Art, in welcher er das Gespräch wieder anknüpfte:
»Sie haben sich jetzt erholt, Frau Wäschmeisterin. Vor sechs Wochen
aber, da waren Sie blaß wie eine Lilie.«
»Es war gerade nach der Krankheit meiner Mutter.«
»Sie hatten viel ausgestanden, man sah es Ihnen an.«
Er hielt ihre Büchlein in seinen Händen, hielt sie ordentlich
liebkosend. Sie begleiteten ihre Eigenthümerin, wie es schien, sogar
ins Wäschdepot und ruhten dort wohl stundenlang, denn sie dufteten gar
lieblich nach Veilchen und Lavendel.
»Wie hätte es denn anders sein können?« entgegnete Marie.
»Freilich -- nach Allem, was Sie gelitten haben.«
»So muthig gelitten,« fiel Judica ein. »Wir wußten davon, bevor wir Sie
kennen lernten.«
»Muthig?« sprach Marie, »das weiß ich doch nicht recht. Mir kommt eher
vor, ich hab' in der Zeit den Muth oft verloren. Aber alle Wochen
einmal ist er mir gewiß wieder gekommen ... am Sonntag, wenn ich in der
Kirche Ihr Orgelspiel gehört habe.«
»Am Sonntag in der Kirche?« wiederholte Anton beseligt und preßte mit
begeisterter Zärtlichkeit sein Gesicht in die kleinen Bücher.
»Ich bin gekommen im Sturm, heißt es in der Schrift, und so ist auch
Ihre Musik gekommen und hat mich getragen, wenn ich schon gemeint habe:
jetzt kannst nicht mehr, jetzt sinkst du um. Und wenn ich nicht mehr im
Stande war zu beten, da hat Ihre Musik für mich gebetet.«
Sie schwieg -- er schwieg auch, und Judica warf verstohlen einen
schwärmerischen Blick auf die gesenkten Häupter der Beiden und gedachte
ihrer eigenen Jugend.
Beim Nachhausegehen begann Anton, nachdem er eine Weile stumm neben
seiner Mutter gewandert war: »Wie schade, Mutter, daß sie schon eine
Wittwe ist!«
»In meinen Augen schadet ihr das nicht,« entgegnete Judica.
»In den meinen auch nicht!« betheuerte Anton. »Aber besser wäre es doch
gewesen, besonders für sie, wenn ich ihr früher hätte begegnen dürfen
-- bevor sie noch, zu ihrer Qual und ihrem Unglück, verheirathet war.«
»Das ist so eine Sache,« sprach Judica nachdenklich. »In der Jugend
gelitten zu haben, scheint mir im Grunde für jeden Menschen gut. Und
was ihre Ehe betrifft ... Ich frage mich, ob eine Frau, die ihren Mann
nicht geliebt hat, auch weiß, was das heißt, verheirathet sein.«
»Es fehlte noch, Mutter, daß sie den geliebt hätte!« grollte Anton und
war dann eine Weile ganz still. Auf einmal rief er: »Ich bin froh, daß
ich ihn nicht gekannt habe! An dem Elenden hätte ich mich vergriffen!«
Judica unterdrückte kaum einen Schrei des Entsetzens. Sie erfaßte den
Arm ihres Sohnes: »Wirst Du Deine Wildheit nie bezähmen, Unglücklicher?
Wirst Du Dich immer von Deinem leidenschaftlichen Temperament hinreißen
lassen? Du, dem das wichtigste Amt anvertraut worden, das ein Mensch
bekleiden kann, Du, der Du ein Lehrer sein willst und ein Führer der
Jugend!«