XII.

Der Verkehr zwischen Judica und Marie wurde sehr rege, doch blieb

anfangs der Herr Schullehrer von demselben ausgeschlossen. Mit

unverkennbarer Absicht wählte die junge Frau zu ihren Besuchen bei

seiner Mutter die Stunden, in denen sie ihn auswärts beschäftigt wußte.

Später, als das Wetter immer schöner und wärmer wurde, und Josepha auch

die Nachmittage im Freien zubrachte, fand die Professorin sich gegen

Abend im Hofe ein, und eine halbe Stunde danach kam ihr Sohn, um sie

abzuholen. Meistens hatte die alte Josepha schon früher einen Vorwand

ergriffen, um sich aus der Gesellschaft, in der es ihr nicht behagte,

zurückzuziehen. Marie blieb allein mit Anton und Judica, und das Gefühl

einer großen aber bänglichen Wonne, das sie dabei empfand, stumpfte

sich auch mit der Zeit nicht ab, im Gegentheil, es nahm zu.

Bisher, wenn sie sich falsch beurtheilt gesehen hatte, war alles

Bedauern darüber mit einem Achselzucken erledigt worden. -- Du lieber

Gott -- diese Menschen, was wissen die? Was kann man von ihnen

verlangen?

Aber jetzt?

So oft Judica ihre lebhaften, grauen Augen höchst angeregt und

wißbegierig auf Marie richtete und fragte: »Wie meinen Sie das, liebe

Frau?« -- So oft der Schullehrer über eine Aeußerung ihres naiven

Pessimismus staunte und nicht begreifen zu können schien, wie ein rasch

verdammendes Urtheil, eine schlimme Voraussetzung so unbefangen von

Marien ausgesprochen werden konnte, hätte sie vor Beschämung weinen

mögen.

Ihre Ueberlegenheit war es ja gewesen, die sie den Andern räthselhaft

gemacht hatte. Diesen Beiden gegenüber konnte aber von Ueberlegenheit

keine Rede sein. Wenn ~diese~ Menschen sie nicht verstanden, dann

lag die Schuld an ihr, dann war es traurig für sie selbst.

Sie wurde von einer heißen Sehnsucht erfaßt, sich zu den so hoch über

ihr Stehenden zu erheben. Mit ungeschickten Worten, mit beklommener

Stimme bekannte sie in einer stillen und vertrauten Stunde der Frau

Professorin ihren kühnen -- ach, unerreichbaren Wunsch, und klagte der

Verehrten ihr Leid.

Sogleich öffnete Judica ihre Arme, preßte Mariens Kopf an den

türkischen Shawl und spendete die Fülle des Trostes.

»Ein Unterschied zwischen Ihnen und uns? O, liebe Frau, wenn er

besteht, so ist's zu Ihren Gunsten. Daß wir etwas gelernt haben, das

macht uns zu Ihren Schuldnern. Ja -- gewiß! denn Sie plagten sich,

indessen wir Muße hatten, uns in aller Bequemlichkeit, unterstützt

auf alle erdenkliche Weise, Bildung anzueignen. O, liebe Frau, dürften

wir Ihnen von derselben Einiges mittheilen, wir würden uns glücklich

schätzen!«

Der Sohn dachte in dieser Beziehung genau so wie seine Mutter und

war von tiefstem Dank gegen die Frau Wäschmeisterin erfüllt, die

ihm gestatten wollte, ihr Tag für Tag zu berichten, womit er heute

seine Schulkinder beschäftigt hatte. Er brachte, um es ganz deutlich

demonstriren zu können, und dem Gedächtniß Mariens, die sich alle

diese Sachen merken wollte, zu Hülfe zu kommen, dünne Büchlein in

lichtgrauen und lichtbraunen Umschlägen herbei. Die grauen führten den

Namen »Deutsche Sprachschule« und die braunen den Namen »Lesebuch«. Die

besonders wichtigen Stellen, diejenigen, die seine Schüler auswendig zu

lernen hatten, waren durch den Herrn Schullehrer mit blauen Strichen

bezeichnet worden.

Mariens Neugier wuchs von einem Vortrage zum andern, sie konnte

nicht müde werden, Herrn Anton zuzuhören. Als er einst das Wort

Weltgeschichte aussprach, bat sie schüchtern und dringend: »O, haben

Sie die Gnade -- erzählen Sie mir die!«

Der junge Lehrer lächelte, und Judica, die neben den Studirenden saß

und ein Taschentuch säumte, richtete plötzlich die Augen auf den

Hollunderbusch in der rechten Ecke des Hofes.

Marie verstummte in Bestürzung. Sie war sich sogleich bewußt worden,

daß sie eine völlig ungehörige Bitte gestellt habe.

Anton brach für heute den Unterricht ab. Seine Gedanken hatten eine

ganz andere Richtung genommen, und wie die beschaffen war, das erhellte

aus der Art, in welcher er das Gespräch wieder anknüpfte:

»Sie haben sich jetzt erholt, Frau Wäschmeisterin. Vor sechs Wochen

aber, da waren Sie blaß wie eine Lilie.«

»Es war gerade nach der Krankheit meiner Mutter.«

»Sie hatten viel ausgestanden, man sah es Ihnen an.«

Er hielt ihre Büchlein in seinen Händen, hielt sie ordentlich

liebkosend. Sie begleiteten ihre Eigenthümerin, wie es schien, sogar

ins Wäschdepot und ruhten dort wohl stundenlang, denn sie dufteten gar

lieblich nach Veilchen und Lavendel.

»Wie hätte es denn anders sein können?« entgegnete Marie.

»Freilich -- nach Allem, was Sie gelitten haben.«

»So muthig gelitten,« fiel Judica ein. »Wir wußten davon, bevor wir Sie

kennen lernten.«

»Muthig?« sprach Marie, »das weiß ich doch nicht recht. Mir kommt eher

vor, ich hab' in der Zeit den Muth oft verloren. Aber alle Wochen

einmal ist er mir gewiß wieder gekommen ... am Sonntag, wenn ich in der

Kirche Ihr Orgelspiel gehört habe.«

»Am Sonntag in der Kirche?« wiederholte Anton beseligt und preßte mit

begeisterter Zärtlichkeit sein Gesicht in die kleinen Bücher.

»Ich bin gekommen im Sturm, heißt es in der Schrift, und so ist auch

Ihre Musik gekommen und hat mich getragen, wenn ich schon gemeint habe:

jetzt kannst nicht mehr, jetzt sinkst du um. Und wenn ich nicht mehr im

Stande war zu beten, da hat Ihre Musik für mich gebetet.«

Sie schwieg -- er schwieg auch, und Judica warf verstohlen einen

schwärmerischen Blick auf die gesenkten Häupter der Beiden und gedachte

ihrer eigenen Jugend.

Beim Nachhausegehen begann Anton, nachdem er eine Weile stumm neben

seiner Mutter gewandert war: »Wie schade, Mutter, daß sie schon eine

Wittwe ist!«

»In meinen Augen schadet ihr das nicht,« entgegnete Judica.

»In den meinen auch nicht!« betheuerte Anton. »Aber besser wäre es doch

gewesen, besonders für sie, wenn ich ihr früher hätte begegnen dürfen

-- bevor sie noch, zu ihrer Qual und ihrem Unglück, verheirathet war.«

»Das ist so eine Sache,« sprach Judica nachdenklich. »In der Jugend

gelitten zu haben, scheint mir im Grunde für jeden Menschen gut. Und

was ihre Ehe betrifft ... Ich frage mich, ob eine Frau, die ihren Mann

nicht geliebt hat, auch weiß, was das heißt, verheirathet sein.«

»Es fehlte noch, Mutter, daß sie den geliebt hätte!« grollte Anton und

war dann eine Weile ganz still. Auf einmal rief er: »Ich bin froh, daß

ich ihn nicht gekannt habe! An dem Elenden hätte ich mich vergriffen!«

Judica unterdrückte kaum einen Schrei des Entsetzens. Sie erfaßte den

Arm ihres Sohnes: »Wirst Du Deine Wildheit nie bezähmen, Unglücklicher?

Wirst Du Dich immer von Deinem leidenschaftlichen Temperament hinreißen

lassen? Du, dem das wichtigste Amt anvertraut worden, das ein Mensch

bekleiden kann, Du, der Du ein Lehrer sein willst und ein Führer der

Jugend!«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 26 / 34 题