Man wechselte herzliche Glückwünsche einerseits und Danksagungen
andererseits für die Beweise von Theilnahme, die Herr und Frau
Kanzleirath während der Zeit von Josephas Erkrankung gespendet hatten.
Der Schullehrer und seine Mutter verhielten sich stumm, er sah vor
sich nieder, sie ließ ihre Blicke mit gütigem Ausdruck von Marie zu
Josepha und von dieser wieder zu jener wandern. Sie wandte, nachdem
man sich verabschiedet hatte, wiederholt den Kopf, und Marie vernahm
Ausrufungen, die für sie keinen oder nur einen dunkeln Sinn hatten:
»Verkörpertes Idyll! Poetisch! Rührend! Moderne Nausikaa!«
Sie setzte sich zu ihrer Mutter und sprach nach langem Schweigen: »Also
-- ~so~ ist er?«
»Wer denn?« fragte Josepha, im Begriff, zu einem kleinen Schläfchen
einzunicken.
»~So~ ist er!«
»Wie hätt' er denn sein sollen?« murmelte die Alte schon halb im
Traume, ohne sich weiter zu erkundigen, von wem die Rede war.
»Wie der Erzengel Michael auf dem Altarblatt,« lautete die Antwort.
Auch den nächsten Vormittag und alle folgenden brachte die
Reconvalescentin auf der sonnenbeschienenen Bank vor dem Hause zu, und
jeder Bekannte, der am Thor des Hofes vorüberkam, trat ein, um einige
Worte mit ihr zu wechseln.
Es plauderte sich so gut in dem freundlichen Raum. Er war gegen
die Dorfstraße und gegen die übrigen Wirthschaftsgebäude zu beiden
Seiten mit Mauern abgeschlossen, die von Wein- und Pfirsich-Spalieren
überdeckt waren und bis zu einer steilen grünen Böschung liefen, vor
der sich ein Wiesenplatz befand. In der Mitte desselben, zwischen zwei
Blumenbeeten, stand ein Kastanienbaum von unvergleichlicher Schönheit.
Einen weiten Kreis umspannend, reichten seine ausgespreizten Aeste bis
an die Erde, und hoch gen Himmel ragte die Spitze seines prachtvollen
Wipfels. Eine Welt für unzählige fliegende und kriechende, singende,
summende Existenzen, dieser Baum, der strotzend in Gesundheit und Kraft
so stolz die Last und den Schmuck seines üppigen dunkeln Laubes und
seiner überreichen Blüthen trug.
Josepha war alt geworden, ohne sich mit Naturbeobachtungen befaßt
zu haben; aber nun, als sie dem grünen Riesenjüngling in gebotener
Unthätigkeit gegenüber saß, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, daß
allerlei verschiedene Dinge vorgehen können auf einem und demselben
Baum. Es gab dort immer etwas zu sehen und zu hören. Ein paar
Finkennester mußten im Gezweig verborgen sein, denn täglich konnte man
auf einen Sängerkrieg zwischen den Herren und Rittern der brütenden
Weibchen zählen. Hoch oben im Wipfel hatte ein Stieglitzpaar sich
angesiedelt. Die Gemahlin, eine phlegmatische Natur, der Gatte unstät
und neugierig, immer in Bewegung, unter dem Vorwand, für seine Familie
die Nahrung herbeischaffen zu müssen. Er flog aus und ein, genoß sein
Leben und kümmerte sich um die Streitigkeiten der Nachbarn nur, um sich
über sie lustig zu machen. Wenn die einander am Kragen packten und
wirbelnd zur Erde niederstürzten, schwang er sich auf einen hohen Zweig
und rief spöttisch: Stieglit! Stieglit!
Und über ihn und über sein buntes Gefieder und über sein zierliches
Liedchen zuckte wieder ein alter Spatz verächtlich die Flügel. Er hatte
sein zerzaustes Nest im niedern Gezweig des Baumes stehen, brütete und
klatschte abwechselnd mit seinem Weibchen, verzärtelte mit ihr zur
Wette seine ungezogene Nachkommenschaft, machte Jagd auf ehrwürdige
Hummelmütter und paddelte sich oft dicht vor Josephas Füßen im feinen
Sande des Hofes.
Die Genesende dankte es den Menschen nicht, die sie stören kamen in
ihren bequemen duseligen Betrachtungen. So recht eigentlich Freude
hatte die Müde doch nur an dem Beisammensein mit ihrer Marie. Diese
wurde von der Mutter nie ohne die vorwurfsvolle Frage entlassen: »Gehst
schon?« und wenn sie wiederkam, um Josepha ins Haus abzuholen, da hieß
es regelmäßig: »Na -- endlich!«
»War Niemand bei Euch, Mutter?« fragte dann Marie, und erhielt sehr oft
zur Antwort: »Der Herr Dechant, der Herr Vicar, die Frau Kanzleiräthin«
-- und so weiter. Fast täglich jedoch war der Besuch der Frau Judica
Wellner zu melden. Marie hätte gern gewußt, wovon denn die beiden
Frauen sprachen; aber eine Scheu, die ihr selbst sonderbar vorkam,
hielt sie ab zu fragen, und Josepha verlangte nach all den ertheilten
Audienzen nicht Besseres, als den Rest des Tages schweigen zu können.
Eines Sonntags, am Nachmittage, Josepha war schon nach Hause
zurückgekehrt, und saß ganz klein zusammengebückt in einem würdigen
Lehnstuhl, der auf expressen Befehl der Fürstin aus der Rumpelkammer
des Schlosses herbeigeschafft worden war. Da faßte sich Marie ein Herz
und machte eine bedauernde Bemerkung über das heutige Ausbleiben Frau
Wellners.
Aber der undankbaren Alten war dieses Ausbleiben gerade recht. Die gute
Wellner langweilte sie am Ende, sie brachte immer dieselben Geschichten
vor, und alle drehten sich um ihren Sohn.
Marie schob der Mutter den Schemel unter die Füße, glättete die Decke
auf ihren Knieen, stellte eine Schleife des Haubenbandes, die umgekippt
war, wieder auf und sagte langsam und bittend: »Geht, Mutter, laßt mich
auch einmal eine solche Geschichte hören.«
Ihr Wunsch blieb unerfüllt. Es fiel Josepha nicht ein, von »dem Zeug«
zu sprechen. Sie pries sich glücklich, einmal einen ganzen Tag lang
nichts davon hören zu müssen.
Das Wort war kaum ausgesprochen, als sich ein leises, äußerst
rücksichtsvolles Pochen an der Thür vernehmen ließ und gleich darauf
Dame Judica eintrat.
Sie entschuldigte sich sehr, daß sie heute Vormittag nicht habe kommen
können; aber die Messe hatte so lange gedauert, und nach derselben
mußte das Haus bestellt werden. Wie freute sie sich jetzt, daß ihr das
seltene Glück widerfuhr, die beiden Frauen zugleich anzutreffen. Sie
wollte in ihrer Höflichkeit auf einem Holzsessel Platz nehmen, und es
kostete Marien viel Mühe, sie endlich doch auf das Sopha zu nöthigen.
Dieses war kürzlich mit gleißendem, schwarzem Wachstuche überzogen
worden, weil das, wie der Sattler versicherte, jetzt so modern sei.
Judica konnte nicht umhin, es zu bewundern, obwohl sie in ihrem
seidenen Fähnchen auf dem glatten, fest wie das Fell einer Trommel
gespannten Sitze gar keinen festen Halt zu gewinnen vermochte.
Sie ertheilte auch dem spiegelhellen und spiegelblanken Zimmer großes
Lob, nicht minder der Hochzeitstruhe, dem Kasten am Pfeiler zwischen
den Fenstern, und den Tassen, die auf dem Kasten standen. Aber nun --
was entdeckte sie nun? ach, wie hübsch war das! -- Eine dieser Tassen
bekundete sich als Zwillingsschwester derjenigen, die Anton seiner
Mutter zum letzten, dem fünfzigsten Geburtstag verehrt hatte.
Er war ihren Lippen entflohen, der geliebte Name, und Josepha hatte
alsbald die Bosheit, dergleichen zu thun, als ob sie ein Gähnen
unterdrücke, und schloß die Augen, während Marie die ihren weit
öffnete, und die Rednerin fortfuhr: »An Aufmerksamkeit läßt mein Anton
es nicht fehlen. Ueberhaupt habe ich alle Ursache, Gott zu danken, der
ihn werden ließ, wie er ist, wenn ich bedenke, was für ein wilder Junge
er war.«
»Wild? der Herr Schullehrer waren ein wilder Junge?« fragte Marie
gespannt und etwas ungläubig.
Judica erhob ihre Augen und ihre Hände gen Himmel: »Ach, liebe Frau!
der hat mir etwas aufzulösen gegeben! Sie würden staunen, wenn Sie
hörten ... Aber,« unterbrach sie sich mit einem schüchternen Blick auf
Josepha, »Ihre Frau Mutter kennt diese Geschichten.«
»Meine Mutter schlaft, sie schlaft sich jetzt gesund,« bemerkte Marie
entschuldigend, und dabei äußerte sich in ihren Mienen eine deutliche
Bitte, die Judica alsbald erfüllte.
Einem so aufmerksamen Auditorium gegenüber verfährt man jedoch
gründlich: dem erzählt man nicht Geschichten, sondern Geschichte, und
nicht erst bei der ihres Sohnes, schon bei ihrer eigenen begann Judica.
Sie war die jüngste von sechs Töchtern des Directors einer Volksschule
in Wien. Zu fünfzehn Jahren hatte sie sich mit dem damaligen Lehrer
Wellner verlobt, und zehn Jahre hatte ihr Brautstand gedauert. Im
elften war es dem geliebten Mann endlich gelungen, die langersehnte
und erhoffte Stelle eines Gymnasial-Professors gleichfalls in Wien zu
erlangen, die es ihm möglich machte, einen Hausstand zu gründen und
seine Verlobte heimzuführen.
Judica wußte, daß Marie in ihrer Ehe kein Glück gefunden hatte; so
sprach sie denn von demjenigen nicht, das ihr in der ihrigen erblüht
war. Sie glitt rücksichtsvoll über diese Periode ihres Lebens hinweg
und kam gleich bei den Schmerzenstagen an, die dem Tode ihres Mannes
folgten. Anton stand im neunten Jahre und war ein Wildfang, wie es
je einen gab. Selbständig von klein an, lief er am Sonntag von einer
Kirche zur anderen -- nicht aus purer Andacht, leider; der Gesang, das
Orgelspiel, die übten Zaubermacht auf ihn. Er wußte genau Bescheid über
jedes Graduale, jede Motette, die er gehört hatte, und Niemand ahnte,
wie er dazu gelangt war -- es flog ihn so an. Einmal kam er nach Hause
gestürmt und schrie: »Mutter, ich will _Regens chori_ werden!« Die
Mutter hatte davon einen Todesschreck.
Eines stand ihr fest -- ~sein~ Beruf war der des Lehrers und
Erziehers. Von frühester Jugend an hatte er sich bei ihm geäußert.
Er schnitt Puppen aus Papier -- das waren seine Schüler, stellte sie
in eine umkehrte Fußbank -- das war der Schulsaal und hielt ihnen
Vorträge, sprach ihnen zu Gemüth, und belohnte oder bestrafte sie. Zu
vierzehn Jahren hatte er schon Unterricht gegeben, die Kinder liebten
und fürchteten ihn und liefen ihm zu, ohne daß er sich besonders um
ihre Gunst bemühte. Sein Weg war ihm deutlich vorgezeichnet, da fiel
es ihm ein, plötzlich einen andern einzuschlagen! -- Mit Leidenschaft
warf er sich denn auch auf die Musik, und es war nur ein Glück, daß er
seine anderen Studien darüber nicht vernachlässigte. Die Gefahr, vor
der Judica gezittert hatte, ging vorbei. Dafür freilich kam mehr als
~eine~ andere, und wenn sie nicht gekommen wäre, hätte Anton sie
aufgesucht. Wie ward seiner armen Mutter eines Tages, als sie durch
dumpf dröhnende Feuersignale ans Fenster gerufen, gerade noch den
letzten im Galopp hinsausenden Wasserwagen gewahrte, und in einem der
Feuermänner, die an dem Gefährte hingen, wie Bienen am Stock, ihren
Sohn erkannte!
»Und das Alles,« sprach Judica, »war noch immer nicht das
Schlimmste. Das Schlimmste für mich war die Zeit, in welcher er sein
Freiwilligen-Jahr abdiente ... Da schien er dem Militär-Leben und
-Wesen ordentlich Geschmack abzugewinnen, und ich wartete nur auf den
Augenblick, in dem es heißen würde: »Mutter, ich will Soldat werden!«
Sie drückte die Hand an ihre Brust, nachträglich noch erschaudernd:
»Mußte ich doch einmal das furchtbare Wort von ihm hören: »Der schönste
Tod ist der auf dem Schlachtfelde!« -- Da wies ich ihn aber zurecht:
»Mir wäre nur leid,« sagt' ich, »um Denjenigen, der pflichtgemäß an
mir zum Mörder hätte werden müssen!« ... Nun -- auch die soldatische
Neigung verflog, wie früher die musikalische, doch gab es immer noch so
Manches zu bekämpfen ... Ja, liebes Kind, ein Jüngling, ein werdender
Mann! was nicht Alles in dem kocht und gährt, welcher Thatendrang,
welche Genußsucht ... Was die letztere betrifft, zum Beispiel, so
fehlte nicht viel, und er hätte die Gewohnheit angenommen, zu rauchen
und Wein zu trinken ...«
»Das scheint mir aber nichts so Unrechtes,« wandte Marie ein.
»An sich nicht, und gegen Zahnschmerzen oder öden Magen halte ich
auch immer ein paar Cigarren und eine Flasche Weines im Hause; aber
erstens kenne ich Niemand, den der Wein so entsetzlich aufregt wie
meinen Sohn, und zweitens steht es einem Dorfschullehrer nicht wohl
an, sich Ueberflüssiges zu gestatten. Warum? -- weil er so viel mit
Menschen verkehrt, denen es am Nothwendigen gebricht. Man schämt sich
ja ohnehin seines Behagens,« fügte die Professorin im Flüstertone
hinzu, »gegenüber der großen Armuth, die hier herrscht, und möchte
jeden Mühseligen und Beladenen um Verzeihung bitten, daß man so mit
schlenkernden Armen an ihm vorübergeht. Wir Städter meinen immer, bei
uns wohne das wahre Elend. Ich finde es auch hier; aber hier leiden
die Menschen stumm, und brechen klaglos zusammen, als ob sich das von
selbst verstände.«
Die Professorin senkte die Augen auf ihre gewirkten Handschuhe und zog
den Shawl fester um die Schultern. »Es sieht übermüthig aus, ich weiß
es, Seide zu tragen und türkisch Zeug; doch glauben Sie mir, es sieht
nur so aus, im Grunde geht es sehr ökonomisch zu bei der Beschaffung
meiner Toilette, und eine Müßiggängerin wie jetzt war ich nicht immer.
Wenn ich mich auch nicht rühmen darf, mich ernstlich geplagt zu
haben, eine Zeitlang wenigstens hatte ich das Glück, meinen kleinen
Haushalt von dem Erlös meiner Arbeit erhalten zu können. Ich trieb
sie eigentlich nur zu meinem Vergnügen -- ich verfertigte künstliche
Blumen, die mir merkwürdig gut bezahlt wurden.«
Marie warf einen Blick der liebevollsten Ehrfurcht auf zwei
langgestielte Mohnblumen, die von dem Hute Judicas niederschwankten.
Gewiß stammten sie aus ihrer zur Kurzweil betriebenen Fabrik.
Nachdem man eine Stunde verplaudert, erinnerte sich die Professorin,
daß sie ihrem Sohn den Auftrag ertheilt habe, sie abzuholen, und daß
er sie vielleicht schon im Hofe erwarten dürfte. Marie trat sogleich
ans Fenster, sah hinaus -- wandte sich rasch und sagte über und über
erröthend: »Der Herr Schullehrer sind bereits da.«
Ja wohl. Der Herr Schullehrer stand vor dem Hause und schaute empor,
und als Marie am Fenster erschienen war, hatte sein Gesicht sich
verklärt wie beim Anblick einer lieblichen Vision.