XI.

Man wechselte herzliche Glückwünsche einerseits und Danksagungen

andererseits für die Beweise von Theilnahme, die Herr und Frau

Kanzleirath während der Zeit von Josephas Erkrankung gespendet hatten.

Der Schullehrer und seine Mutter verhielten sich stumm, er sah vor

sich nieder, sie ließ ihre Blicke mit gütigem Ausdruck von Marie zu

Josepha und von dieser wieder zu jener wandern. Sie wandte, nachdem

man sich verabschiedet hatte, wiederholt den Kopf, und Marie vernahm

Ausrufungen, die für sie keinen oder nur einen dunkeln Sinn hatten:

»Verkörpertes Idyll! Poetisch! Rührend! Moderne Nausikaa!«

Sie setzte sich zu ihrer Mutter und sprach nach langem Schweigen: »Also

-- ~so~ ist er?«

»Wer denn?« fragte Josepha, im Begriff, zu einem kleinen Schläfchen

einzunicken.

»~So~ ist er!«

»Wie hätt' er denn sein sollen?« murmelte die Alte schon halb im

Traume, ohne sich weiter zu erkundigen, von wem die Rede war.

»Wie der Erzengel Michael auf dem Altarblatt,« lautete die Antwort.

Auch den nächsten Vormittag und alle folgenden brachte die

Reconvalescentin auf der sonnenbeschienenen Bank vor dem Hause zu, und

jeder Bekannte, der am Thor des Hofes vorüberkam, trat ein, um einige

Worte mit ihr zu wechseln.

Es plauderte sich so gut in dem freundlichen Raum. Er war gegen

die Dorfstraße und gegen die übrigen Wirthschaftsgebäude zu beiden

Seiten mit Mauern abgeschlossen, die von Wein- und Pfirsich-Spalieren

überdeckt waren und bis zu einer steilen grünen Böschung liefen, vor

der sich ein Wiesenplatz befand. In der Mitte desselben, zwischen zwei

Blumenbeeten, stand ein Kastanienbaum von unvergleichlicher Schönheit.

Einen weiten Kreis umspannend, reichten seine ausgespreizten Aeste bis

an die Erde, und hoch gen Himmel ragte die Spitze seines prachtvollen

Wipfels. Eine Welt für unzählige fliegende und kriechende, singende,

summende Existenzen, dieser Baum, der strotzend in Gesundheit und Kraft

so stolz die Last und den Schmuck seines üppigen dunkeln Laubes und

seiner überreichen Blüthen trug.

Josepha war alt geworden, ohne sich mit Naturbeobachtungen befaßt

zu haben; aber nun, als sie dem grünen Riesenjüngling in gebotener

Unthätigkeit gegenüber saß, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, daß

allerlei verschiedene Dinge vorgehen können auf einem und demselben

Baum. Es gab dort immer etwas zu sehen und zu hören. Ein paar

Finkennester mußten im Gezweig verborgen sein, denn täglich konnte man

auf einen Sängerkrieg zwischen den Herren und Rittern der brütenden

Weibchen zählen. Hoch oben im Wipfel hatte ein Stieglitzpaar sich

angesiedelt. Die Gemahlin, eine phlegmatische Natur, der Gatte unstät

und neugierig, immer in Bewegung, unter dem Vorwand, für seine Familie

die Nahrung herbeischaffen zu müssen. Er flog aus und ein, genoß sein

Leben und kümmerte sich um die Streitigkeiten der Nachbarn nur, um sich

über sie lustig zu machen. Wenn die einander am Kragen packten und

wirbelnd zur Erde niederstürzten, schwang er sich auf einen hohen Zweig

und rief spöttisch: Stieglit! Stieglit!

Und über ihn und über sein buntes Gefieder und über sein zierliches

Liedchen zuckte wieder ein alter Spatz verächtlich die Flügel. Er hatte

sein zerzaustes Nest im niedern Gezweig des Baumes stehen, brütete und

klatschte abwechselnd mit seinem Weibchen, verzärtelte mit ihr zur

Wette seine ungezogene Nachkommenschaft, machte Jagd auf ehrwürdige

Hummelmütter und paddelte sich oft dicht vor Josephas Füßen im feinen

Sande des Hofes.

Die Genesende dankte es den Menschen nicht, die sie stören kamen in

ihren bequemen duseligen Betrachtungen. So recht eigentlich Freude

hatte die Müde doch nur an dem Beisammensein mit ihrer Marie. Diese

wurde von der Mutter nie ohne die vorwurfsvolle Frage entlassen: »Gehst

schon?« und wenn sie wiederkam, um Josepha ins Haus abzuholen, da hieß

es regelmäßig: »Na -- endlich!«

»War Niemand bei Euch, Mutter?« fragte dann Marie, und erhielt sehr oft

zur Antwort: »Der Herr Dechant, der Herr Vicar, die Frau Kanzleiräthin«

-- und so weiter. Fast täglich jedoch war der Besuch der Frau Judica

Wellner zu melden. Marie hätte gern gewußt, wovon denn die beiden

Frauen sprachen; aber eine Scheu, die ihr selbst sonderbar vorkam,

hielt sie ab zu fragen, und Josepha verlangte nach all den ertheilten

Audienzen nicht Besseres, als den Rest des Tages schweigen zu können.

Eines Sonntags, am Nachmittage, Josepha war schon nach Hause

zurückgekehrt, und saß ganz klein zusammengebückt in einem würdigen

Lehnstuhl, der auf expressen Befehl der Fürstin aus der Rumpelkammer

des Schlosses herbeigeschafft worden war. Da faßte sich Marie ein Herz

und machte eine bedauernde Bemerkung über das heutige Ausbleiben Frau

Wellners.

Aber der undankbaren Alten war dieses Ausbleiben gerade recht. Die gute

Wellner langweilte sie am Ende, sie brachte immer dieselben Geschichten

vor, und alle drehten sich um ihren Sohn.

Marie schob der Mutter den Schemel unter die Füße, glättete die Decke

auf ihren Knieen, stellte eine Schleife des Haubenbandes, die umgekippt

war, wieder auf und sagte langsam und bittend: »Geht, Mutter, laßt mich

auch einmal eine solche Geschichte hören.«

Ihr Wunsch blieb unerfüllt. Es fiel Josepha nicht ein, von »dem Zeug«

zu sprechen. Sie pries sich glücklich, einmal einen ganzen Tag lang

nichts davon hören zu müssen.

Das Wort war kaum ausgesprochen, als sich ein leises, äußerst

rücksichtsvolles Pochen an der Thür vernehmen ließ und gleich darauf

Dame Judica eintrat.

Sie entschuldigte sich sehr, daß sie heute Vormittag nicht habe kommen

können; aber die Messe hatte so lange gedauert, und nach derselben

mußte das Haus bestellt werden. Wie freute sie sich jetzt, daß ihr das

seltene Glück widerfuhr, die beiden Frauen zugleich anzutreffen. Sie

wollte in ihrer Höflichkeit auf einem Holzsessel Platz nehmen, und es

kostete Marien viel Mühe, sie endlich doch auf das Sopha zu nöthigen.

Dieses war kürzlich mit gleißendem, schwarzem Wachstuche überzogen

worden, weil das, wie der Sattler versicherte, jetzt so modern sei.

Judica konnte nicht umhin, es zu bewundern, obwohl sie in ihrem

seidenen Fähnchen auf dem glatten, fest wie das Fell einer Trommel

gespannten Sitze gar keinen festen Halt zu gewinnen vermochte.

Sie ertheilte auch dem spiegelhellen und spiegelblanken Zimmer großes

Lob, nicht minder der Hochzeitstruhe, dem Kasten am Pfeiler zwischen

den Fenstern, und den Tassen, die auf dem Kasten standen. Aber nun --

was entdeckte sie nun? ach, wie hübsch war das! -- Eine dieser Tassen

bekundete sich als Zwillingsschwester derjenigen, die Anton seiner

Mutter zum letzten, dem fünfzigsten Geburtstag verehrt hatte.

Er war ihren Lippen entflohen, der geliebte Name, und Josepha hatte

alsbald die Bosheit, dergleichen zu thun, als ob sie ein Gähnen

unterdrücke, und schloß die Augen, während Marie die ihren weit

öffnete, und die Rednerin fortfuhr: »An Aufmerksamkeit läßt mein Anton

es nicht fehlen. Ueberhaupt habe ich alle Ursache, Gott zu danken, der

ihn werden ließ, wie er ist, wenn ich bedenke, was für ein wilder Junge

er war.«

»Wild? der Herr Schullehrer waren ein wilder Junge?« fragte Marie

gespannt und etwas ungläubig.

Judica erhob ihre Augen und ihre Hände gen Himmel: »Ach, liebe Frau!

der hat mir etwas aufzulösen gegeben! Sie würden staunen, wenn Sie

hörten ... Aber,« unterbrach sie sich mit einem schüchternen Blick auf

Josepha, »Ihre Frau Mutter kennt diese Geschichten.«

»Meine Mutter schlaft, sie schlaft sich jetzt gesund,« bemerkte Marie

entschuldigend, und dabei äußerte sich in ihren Mienen eine deutliche

Bitte, die Judica alsbald erfüllte.

Einem so aufmerksamen Auditorium gegenüber verfährt man jedoch

gründlich: dem erzählt man nicht Geschichten, sondern Geschichte, und

nicht erst bei der ihres Sohnes, schon bei ihrer eigenen begann Judica.

Sie war die jüngste von sechs Töchtern des Directors einer Volksschule

in Wien. Zu fünfzehn Jahren hatte sie sich mit dem damaligen Lehrer

Wellner verlobt, und zehn Jahre hatte ihr Brautstand gedauert. Im

elften war es dem geliebten Mann endlich gelungen, die langersehnte

und erhoffte Stelle eines Gymnasial-Professors gleichfalls in Wien zu

erlangen, die es ihm möglich machte, einen Hausstand zu gründen und

seine Verlobte heimzuführen.

Judica wußte, daß Marie in ihrer Ehe kein Glück gefunden hatte; so

sprach sie denn von demjenigen nicht, das ihr in der ihrigen erblüht

war. Sie glitt rücksichtsvoll über diese Periode ihres Lebens hinweg

und kam gleich bei den Schmerzenstagen an, die dem Tode ihres Mannes

folgten. Anton stand im neunten Jahre und war ein Wildfang, wie es

je einen gab. Selbständig von klein an, lief er am Sonntag von einer

Kirche zur anderen -- nicht aus purer Andacht, leider; der Gesang, das

Orgelspiel, die übten Zaubermacht auf ihn. Er wußte genau Bescheid über

jedes Graduale, jede Motette, die er gehört hatte, und Niemand ahnte,

wie er dazu gelangt war -- es flog ihn so an. Einmal kam er nach Hause

gestürmt und schrie: »Mutter, ich will _Regens chori_ werden!« Die

Mutter hatte davon einen Todesschreck.

Eines stand ihr fest -- ~sein~ Beruf war der des Lehrers und

Erziehers. Von frühester Jugend an hatte er sich bei ihm geäußert.

Er schnitt Puppen aus Papier -- das waren seine Schüler, stellte sie

in eine umkehrte Fußbank -- das war der Schulsaal und hielt ihnen

Vorträge, sprach ihnen zu Gemüth, und belohnte oder bestrafte sie. Zu

vierzehn Jahren hatte er schon Unterricht gegeben, die Kinder liebten

und fürchteten ihn und liefen ihm zu, ohne daß er sich besonders um

ihre Gunst bemühte. Sein Weg war ihm deutlich vorgezeichnet, da fiel

es ihm ein, plötzlich einen andern einzuschlagen! -- Mit Leidenschaft

warf er sich denn auch auf die Musik, und es war nur ein Glück, daß er

seine anderen Studien darüber nicht vernachlässigte. Die Gefahr, vor

der Judica gezittert hatte, ging vorbei. Dafür freilich kam mehr als

~eine~ andere, und wenn sie nicht gekommen wäre, hätte Anton sie

aufgesucht. Wie ward seiner armen Mutter eines Tages, als sie durch

dumpf dröhnende Feuersignale ans Fenster gerufen, gerade noch den

letzten im Galopp hinsausenden Wasserwagen gewahrte, und in einem der

Feuermänner, die an dem Gefährte hingen, wie Bienen am Stock, ihren

Sohn erkannte!

»Und das Alles,« sprach Judica, »war noch immer nicht das

Schlimmste. Das Schlimmste für mich war die Zeit, in welcher er sein

Freiwilligen-Jahr abdiente ... Da schien er dem Militär-Leben und

-Wesen ordentlich Geschmack abzugewinnen, und ich wartete nur auf den

Augenblick, in dem es heißen würde: »Mutter, ich will Soldat werden!«

Sie drückte die Hand an ihre Brust, nachträglich noch erschaudernd:

»Mußte ich doch einmal das furchtbare Wort von ihm hören: »Der schönste

Tod ist der auf dem Schlachtfelde!« -- Da wies ich ihn aber zurecht:

»Mir wäre nur leid,« sagt' ich, »um Denjenigen, der pflichtgemäß an

mir zum Mörder hätte werden müssen!« ... Nun -- auch die soldatische

Neigung verflog, wie früher die musikalische, doch gab es immer noch so

Manches zu bekämpfen ... Ja, liebes Kind, ein Jüngling, ein werdender

Mann! was nicht Alles in dem kocht und gährt, welcher Thatendrang,

welche Genußsucht ... Was die letztere betrifft, zum Beispiel, so

fehlte nicht viel, und er hätte die Gewohnheit angenommen, zu rauchen

und Wein zu trinken ...«

»Das scheint mir aber nichts so Unrechtes,« wandte Marie ein.

»An sich nicht, und gegen Zahnschmerzen oder öden Magen halte ich

auch immer ein paar Cigarren und eine Flasche Weines im Hause; aber

erstens kenne ich Niemand, den der Wein so entsetzlich aufregt wie

meinen Sohn, und zweitens steht es einem Dorfschullehrer nicht wohl

an, sich Ueberflüssiges zu gestatten. Warum? -- weil er so viel mit

Menschen verkehrt, denen es am Nothwendigen gebricht. Man schämt sich

ja ohnehin seines Behagens,« fügte die Professorin im Flüstertone

hinzu, »gegenüber der großen Armuth, die hier herrscht, und möchte

jeden Mühseligen und Beladenen um Verzeihung bitten, daß man so mit

schlenkernden Armen an ihm vorübergeht. Wir Städter meinen immer, bei

uns wohne das wahre Elend. Ich finde es auch hier; aber hier leiden

die Menschen stumm, und brechen klaglos zusammen, als ob sich das von

selbst verstände.«

Die Professorin senkte die Augen auf ihre gewirkten Handschuhe und zog

den Shawl fester um die Schultern. »Es sieht übermüthig aus, ich weiß

es, Seide zu tragen und türkisch Zeug; doch glauben Sie mir, es sieht

nur so aus, im Grunde geht es sehr ökonomisch zu bei der Beschaffung

meiner Toilette, und eine Müßiggängerin wie jetzt war ich nicht immer.

Wenn ich mich auch nicht rühmen darf, mich ernstlich geplagt zu

haben, eine Zeitlang wenigstens hatte ich das Glück, meinen kleinen

Haushalt von dem Erlös meiner Arbeit erhalten zu können. Ich trieb

sie eigentlich nur zu meinem Vergnügen -- ich verfertigte künstliche

Blumen, die mir merkwürdig gut bezahlt wurden.«

Marie warf einen Blick der liebevollsten Ehrfurcht auf zwei

langgestielte Mohnblumen, die von dem Hute Judicas niederschwankten.

Gewiß stammten sie aus ihrer zur Kurzweil betriebenen Fabrik.

Nachdem man eine Stunde verplaudert, erinnerte sich die Professorin,

daß sie ihrem Sohn den Auftrag ertheilt habe, sie abzuholen, und daß

er sie vielleicht schon im Hofe erwarten dürfte. Marie trat sogleich

ans Fenster, sah hinaus -- wandte sich rasch und sagte über und über

erröthend: »Der Herr Schullehrer sind bereits da.«

Ja wohl. Der Herr Schullehrer stand vor dem Hause und schaute empor,

und als Marie am Fenster erschienen war, hatte sein Gesicht sich

verklärt wie beim Anblick einer lieblichen Vision.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 25 / 34 题