Er sah sie groß an und murmelte: »So? So?«

»Ja, so,« wiederholte sie. »Wenn Du mich damals in Schutz genommen

hättest gegen das Gered' der Leute, und treu zu mir gestanden wärst,

wie die gespottet haben -- dann -- ja, wer weiß, was dann geschehen

wär'! -- Aber so was kannst Du halt nit, und darum, Alois, wenn ich

Dich heirathen thät, müßt' es mir vorkommen, als hätte ich drei Kinder,

zwei kleine und ein erwachsenes.«

Er hatte sich beleidigt erhoben und verließ das Zimmer nach kurzem

Abschiedsgruß. Marie geleitete ihn bis zur Thür und rief ihm nach: »Nix

für ungut, Alois!« Er sah sich aber nicht mehr um.

Als Josepha erfuhr, was vorgegangen war, entstand ein großer Zwiespalt

in ihr. Sie wußte nicht, ob sie Marien Recht oder Unrecht geben solle.

Einerseits fand sie jetzt den Alois zu gering für ihre Tochter, denn

ein besseres Leben als dasjenige, das sie bereits hatte, konnte er ihr

nicht bieten; andererseits erschien es ihr doch unmöglich, daß Marie

immer Wittwe bleibe. Darin widersprach diese und fragte melancholisch:

»Was geht mir denn ab?«

Hatte sie nicht einen großen Wirkungskreis; hatte sie nicht ihr

theures Mütterchen, und am Sonntag den erhebenden Gottesdienst mit der

göttlichen Musik?

Wie bald indessen, und sie gerieth in Gefahr, eines der Güter zu

verlieren, die ihr Dasein erfüllten.

Ihre Mutter erkrankte.

Zum ersten Mal, seit die alte Frau zurückdachte, kam ein Siechthum über

sie, und kam vom ersten Augenblick an schwer und bedrohlich. Monate

lang rang ihre kräftige Natur mit einer Reihenfolge von Uebeln, Josepha

fiel von einer Krankheit in die andere. Hatte der Arzt heute gesagt:

Wenn nur ~das~ nicht geschieht! Wenn wir nur vor ~jenem~

bewahrt bleiben -- morgen war das Gefürchtete schon eingetreten.

Was sie selbst betraf, leidensmüde und ruhelechzend, sie wünschte

nichts als erlöst zu werden. Sie wäre hinübergegangen, bei vollem

Bewußtsein freudig, und hätte einmal wieder gezeigt, wie kleine Leute

oft so groß sterben können. Aber die Marie zu verlassen, das kam ihr

hart an. O Gott, wenn sie schon am offenen Himmelsthor gestanden und

dort der Herzensschrei sie erreicht hätte, den sie jetzt manchmal in

dem Wirrsal ihrer Fieberträume zu hören bekam: »Mutter, stirb mir

nicht!« -- sie wäre umgekehrt.

So verging der Winter, und wie Marie es anstellte, um in jener Zeit

nichts zu versäumen, weder in ihrem Dienste noch in der Abwartung

ihrer kranken Mutter, ja nicht einmal an einem einzigen Sonn- oder

Feiertag den Gottesdienst -- die gescheidtesten Leute konnten es nicht

begreifen. Daß sie, obwohl am Ende schwach zum Umsinken, sich doch

aufrecht hielt und jeder Pflicht genügte, das ~grenzte~ nicht an

das Wunder, es ~war~ eines.

Endlich, an einem milden Frühlingstag, die Schwalben waren schon

angelangt, der Kastanienbaum im Hofe blühte, da führte Marie ihre

Genesene in den lieben Sonnenschein, zu der Bank vor dem Hause.

Sie hatte die Mutter zur Feier ihres ersten Ausganges bestens

geschmückt, ihr die weiß gewordenen Haare sorgsam gescheitelt, ihr

eine fein garnirte Haube aufgesetzt und ein Mousselintüchlein um den

Hals geknüpft. Das kleine blutlose Gesicht des alten Weibchens hatte

etwas Geisterhaftes, die sonst so lebhaften Augen waren wie erloschen

und sahen zu den Händen nieder, die auf der Decke lagen, mit der Marie

die Kniee ihrer Mutter umhüllt hatte. Josepha schien sich zu fragen,

ob diese abgemagerten Finger mit der dünnen schlottrigen Haut auch

wirklich die ihren wären, und bewegte einen nach dem andern, um zu

sehen, ob sie noch Herrschaft über ihn besäße.

Marie legte den Arm um sie und beantwortete ihre Gedanken: »'s is schon

alles richtig. Ihr seid nach wie eh' die ganze theure Mutter.«

Die Alte zog die Achseln in die Höhe und wandte den Kopf: »Schau Dich

um,« sprach sie, »wer kommt denn da? Hab' noch gar kein Verlangen nach

fremden Leuten.«

Aber es rief bereits von Weitem: »Wir gratuliren zur Genesung!« Herr

und Frau Kanzleirath waren es, und in ihrer Begleitung befanden sich

eine ältliche Dame und ein junger Mann.

Man hatte vollauf Zeit, sie zu betrachten, während sie sich langsam

näher bewegten.

Die Dame -- denn als solche erschien sie Marien sogleich -- trat

feierlich auf und hielt sich ungemein gerade. Ein Strohhut mit weit

vorspringendem Schirm beschattete ihr Gesicht. Dieses mußte einst

gar lieblich gewesen sein, jetzt erschienen seine Züge verwelkt und

verschwommen. Aber lauteres Wohlwollen glänzte aus den hellgrauen

Augen, über denen die Brauen wie verwischt waren. Den blassen Mund

umspielte ein schöner Ausdruck von unerschöpflicher Geduld und

Leidensfreudigkeit. Die Fremde trug ein schwarzes fadenscheiniges Kleid

und einen kleinen alten türkischen Shawl. Ihre Hände staken in grauen,

gewirkten Handschuhen und hielten mit besonderer Zierlichkeit ein

winziges Parasölchen.

Der junge Mann an ihrer Seite sah ihr ähnlich, nur hatte er schöne

dichte Augenbrauen und dunkelrothe Lippen. Im Uebrigen war sein glatt

rasirtes rundes Gesicht ganz farblos. Lange, schlichte, aschblonde

Haare umgaben es und verdeckten zur Hälfte eine mächtige Stirn.

Den breitkrämpigen Hut hatte er ins Genick geschoben, ein weiter

zurückgeschlagener Ueberrock, der ihm bis an die Fersen reichte,

umwallte ihn. Die ganze Erscheinung, das sanfte Antlitz, besonders aber

der Blick der klaren blauen Augen, hatte etwas priesterlich Stilles und

in sich Gesammeltes.

Marie war aufgestanden und verneigte sich vor der Gesellschaft, die

nun herangetreten war. Sie fühlte sich seltsam bewegt, und ein Schauer

der Ehrfurcht durchrieselte sie, als der Kanzleirath mit bedeutender

Gebärde auf das ihr unbekannte Paar wies, und in einem Tone, der von

Hochachtung ganz durchdrungen war, sprach: »Der Herr Schullehrer und

seine Mutter.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 24 / 34 题