X.

Das Waschküchenpersonal war sehr besorgt, daß es von nun an schwerer

denn je sein würde, unter Mariens Befehlen zu dienen. Indessen hatte

man sich, wie gewöhnlich, in der unberechenbaren Frau geirrt. Die

Mägde mußten bald zugeben, daß sie weniger herb als früher war.

Allerdings blieb ihr Scharfblick für jegliches Versehen, das in ihrem

Bereiche begangen wurde, ihr treu; allerdings blieb nach wie vor keines

ungerügt, doch verletzte ihre Rüge nicht mehr, und die Getadelten

kamen auf dem Wege der Besserung rascher vorwärts, weil sie ihn jetzt

freudiger betraten.

Gegen Ihresgleichen benahm sich Marie seit jener Sonntagspredigt viel

eher wie Jemand, der etwas abzubitten, als zu verzeihen hat. Die

Stimmung wurde für sie immer günstiger, so günstig, daß Herr Folteneck,

in dem die Galle nicht aufhören konnte zu kochen, die giftige Bemerkung

machte:

»Wenn die Wählbarkeit der Frauen einmal durchgesetzt sein wird, was

gewiß geschieht, nicht weil sie so gescheidt, sondern weil wir so dumm

sind, erleben wir noch den Anblick der Frau Walter im Parlament als

Abgeordnete für Herburg.«

Einige Wochen nach Neujahr begab sich etwas, das Marie nicht erwartet

hatte. Der Alois erschien, städtisch gekleidet, ohne Strauß im

Knopfloch, aber doch als Bewerber, und hielt um ihre Hand an.

Sie hatte ihm einen Platz angeboten, er saß ihr gegenüber mit

gekrümmtem Rücken und ausgespreizten Knieen und drehte den Hut in

seinen Händen. Er war noch hübscher als in seinen Jünglingsjahren,

befand sich ja auch erst im Beginn des Mannesalters. Und wie von Herzen

gutmüthig sah er aus, dieser Mensch! Und ehrlich überdies, und so solid

und ordentlich.

Die Augen Mariens ruhten lange fest und nachdenklich auf seinem

Gesichte, dann sagte sie traurig:

»Ach, Alois, wie viel wäre an Dir, wenn Du nur ein bischen anders

wärst!«

Er erwiderte, er sei eben, wie er sei, und davon wäre jetzt nicht die

Rede, sondern von seiner Bewerbung, und auf diese erwarte er Antwort.

Sie seufzte: »Was willst also? Mich zum Weibe? -- Denk' doch an so was

nit.«

»Warum denn nit? Wer kann denn was dagegen sagen?« versetzte er. »Im

ganzen Ort is Niemand, der was dagegen sagt.«

»Hast um Erlaubniß gefragt?«

Alois überhörte diese spöttische Rede und fuhr fort: »Bin ich nit lang

genug allein? Bist du nit schon seit fast sechs Monaten Wittwe?«

»Wenn's auch sechs Jahre wären,« antwortete sie. »Für mich is ein

solches Glück nit mehr. Der mich lieb gehabt hat, is todt, und der, den

ich lieb gehabt hab', is auch todt.« Sie zögerte ein wenig und setzte,

zum Fenster hinausblickend, hinzu: »Der is an Deinem Hochzeitstag

gestorben.«

Er verstand sie nicht gleich, schmunzelte aber geschmeichelt, als die

Bedeutung ihrer Worte ihm klar wurde und versicherte, derjenige, den

sie meine, lebe noch.

Marie schüttelte den Kopf: »Das muß ~ich~ wissen, darüber kann

kein Anderer mir Auskunft geben.«

Nun begann er ihr Vorstellungen zu machen und fragte, als sie nutzlos

blieben: »Warum willst mich denn nit nehmen, sag's?«

»Weil ich Dich nit mehr so lieb hab', wie dazu gehört.«

Da schmunzelte er wieder und meinte, wenn nur er sich's genügen lasse

an dem bissel Liebe, das sie ihm noch spenden wolle, sei alles in

Ordnung, um das Uebrige brauche sie sich nicht zu kümmern.

Jetzt hatte er seine Sache verdorben; er fühlte es gleich. Nachdem er

das gesagt, war es als ob plötzlich ein eisernes Gitter zwischen ihnen

niedergefallen wäre.

Marie wurde feuerroth: »Ohne Lieb' oder mit wenig Lieb', es kommt auf

Eins heraus. Und« -- sie zog die Augenbrauen zusammen und schoß einen

so finstern Blick nach ihm, daß der seine sich erschrocken senkte --

»Und ohne Lieb' heirathen, ich hab's früher nit gewußt, aber jetzt weiß

ich's -- is eine Sünd' und eine Schand'.«

Alois war verblüfft. Die Sünde und Schande luden alljährlich ein

Dutzend sehr achtbarer Leute im Orte auf sich. Aber zu widersprechen

wagte er nicht, Marie sah gar zu böse aus, und Recht geben konnte er

ihr doch wahrlich auch nicht; so schwieg er und dachte still bei sich:

»Mit der wird's am Ende doch wieder nichts sein!«

Sie schien sich ein wenig ihrer Heftigkeit zu schämen und begann in

sanfterem Tone, sogar mit einem Anflug von Herzlichkeit:

»Schau, Alois, wenn Du mich am Samstag vor vier Wochen, wo wir einander

im Schnee begegnet sind, couragiert gefragt hättest: Willst meine Frau

werden? Vielleicht hätt' ich Ja gesagt.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 23 / 34 题