Die Kirche war überfüllt, wie immer an den Sonntagen, an denen der
Herr Dechant selbst die Predigt hielt. Männer und Weiber drängten sich
heran, um kein Wort des Priesters zu verlieren, der nur selten zu
seiner Gemeinde sprach.
Durch den schwülen Raum zog ein dumpfes Wogen, als er hinter dem Altar
hervortrat und mit gesenkten Augen an dem Oratorium vorbeischritt,
in dem sich die Herrschaften vollzählig eingefunden hatten. Die
Honoratioren in den Chorstühlen standen zu stummer Begrüßung auf,
zuerst der schmächtige Kanzleirath sammt stattlicher Gattin und
Tochter, denn nie mehr anders, als durch die Bande der Eintracht
mit seiner Familie verbunden, ließ der alte Herr sich öffentlich
sehen. Steif und starr wandte er sich nach der Altarseite und ab vom
Kirchenschiffe, in dessen erster Bank er die unheilvolle Nähe der Frau
Wäschmeisterin ahnte.
Der Dechant ging auf die Kanzel zu, eine Gasse öffnete sich vor ihm,
ehrfurchtsvoll war die Menge zurückgewichen.
Nun stand er oben, sprach ein kurzes Gebet und verlas sodann das
Evangelium des Tages: Johannes am I. 19.-28. Vers: »Die Juden sandten
Priester und Leviten zu Johannes, daß sie ihn frageten, wer bist du?«
Zu Ende gekommen, legte der Dechant beide Hände auf die Brüstung der
Kanzel, neigte sich ein wenig vor und hob mit klangvoller Stimme an, im
Tone eines ruhig Sprechenden und Erklärenden:
»Der Apostel, der dem Herrn die Wege bereitet hat, wandelt nicht mehr
auf Erden; ihn können die Abgesandten der Heuchler und Pharisäer nicht
mehr zur Rede stellen und fragen: Wer bist du?
»Aber seine Nachfolger sind unter uns, treue Arbeiter im Weinberge des
Herrn und dem Ungerechten ein Dorn im Auge. Wie dereinst den Täufer
treten die Ruchlosen heute noch die Kinder Gottes an und fragen: Wer
seid Ihr, die Ihr anders seid als wir?
»Und wahrlich, auch diese Reinen könnten antworten: Wir sind die Stimme
des Rufenden in der Wüste, denn unser Beispiel predigt Euch umsonst.
Ihr solltet es lieben, aber Ihr haßt es. Unser Wandel erweckt nicht
Eure Lobsprüche und Eure Verehrung, er weckt Euren Verdacht, und dieser
die schwarzzüngige, die giftige Schlange: die Verleumdung! --
»Die Verleumdung gleicht dem Diebe, sagt der heilige Johannes
Chrysostomus, dem Diebe, der sich in ein Haus einschleicht, erspäht,
was zu entwenden ist, und sich verbirgt. Was der Dieb an fremdem
Eigenthum, thut der Verleumder am guten Ruf des Nächsten. --
Verleumdung ist eine Art Mord, sagt der heilige Franciscus von Sales.
Wir haben drei Leben: das geistige, das körperliche, das bürgerliche.
Das letzte ist es, das durch die Verleumdung getödtet wird.«
Der Redner machte eine Pause, richtete sich auf, Zornesflammen
leuchteten aus seinen Augen; er erhob die Arme und schleuderte in alle
zu ihm emporbangenden Gesichter eine furchtbare Anklage:
»Diebe und Mörder!«
Ein Schauder lief durch die Schar der Anwesenden, viele Wangen
erbleichten.
»Ihr seid es!« fuhr die machtvolle Stimme fort, »Verleumder und
Ehrabschneider!« -- Es giebt Eurer aus Neid, das sind die Schlimmsten;
es giebt Eurer aus Thorheit, das sind die Gefährlichsten, es giebt
Eurer aus Bosheit, das sind die Verworfensten. Verleumder und
Ehrabschneider, glaubt nicht, daß es Mitleid mit Euren Opfern ist, das
mir das Wort der Verdammniß auf die Lippen zwingt. Sie bemitleide ich
nicht! Auf ihrer Stirn erglänzt schon hier auf Erden der Widerschein
der Märtyrkrone, die sie einst im Himmel tragen sollen.«
War es Zufall, daß die ausgestreckte Hand des Predigers mit segnender
Gebärde auf ein junges Weib hinwies, das verklärten Angesichts,
marmorweiß, wie unter dem Einfluß eines Wunders entgeistert und
verzückt in der ersten Reihe der Kirchenbänke stand und nun wie
überwältigt in ihre Kniee sank. Eine Secunde nur streifte sie sein
Blick, dann richtete er sich wieder auf die Menge.
»Ihr seid's, die ich bedaure, und ich bin's, ich, von dem der ewige
Richter einst Eure Seelen fordern wird.«
Und nun, nachdem er die Herzen erschüttert, suchte er sie zu rühren,
und es gelang ihm, und er wußte, daß es ihm gelingen müsse. Die
Stumpfsten horchten mit dem Gefühl, daß es ihr eigenes Gewissen war,
das aus diesem Apostelmunde zu ihnen sprach. Ein paar hundert Köpfe
neigten sich zustimmend, als er sagte: »Die Lüge, die Ihr verbreitet,
Ihr selber glaubt nicht an sie!« Und die Hände falteten sich wie
gelobend, als er seine Gemeinde aufrief zur Reue und Buße, zur
lebendigen, thatkräftigen Reue und Buße.
Als der Dechant die Kanzel verließ, drängte ein Weib sich zu derselben
hin und preßte die faltenreiche Wange an die Stufen, die sein Fuß
betreten hatte. Es war die alte Josepha.
Marie blieb auf den Knieen, hatte das Gesicht in die Hände gedrückt und
konnte sich nicht entschließen aufzublicken. Sie hatte im Bewußtsein
ihrer Schuldlosigkeit dem Verdacht ruhig die Stirn geboten, er hatte
sie empört, aber nicht verwundet. Dazu besaßen die ihr gleichgültigen
Menschen, die ihn hegten, nicht die Kraft. Jetzt aber, nach der
öffentlichen Lossprechung, die ihr zu Theil geworden, nach einem
Augenblick erdrückender Seligkeit, fühlte sie ihre Stärke und ihren
Stolz entschwinden. Ihr verschlossenes Herz hatte sich plötzlich
geöffnet, und der Zweifel an sich selbst brach mit seinem Gefolge an
Bangen und Zagen herein.
Die unerhörte Verherrlichung, die sie erfahren hatte, war die
verdient? Konnte ~sie~ ihrer werth sein, die den Preis jeglichen
Erdenglückes noch schuldig war, die ihn noch nicht bezahlt hatte in
Liebe und Leid?
Da lag sie nun, die vor allem Volk Gepriesene, und hätte gern
nachgedacht: wie fängst du es an, demüthiger und liebreicher zu werden?
und hätte gern gebetet und vermochte es nicht und stieß überall an die
Grenzen ihres Wesens.
Allmälig jedoch -- wie wurde ihr? Wie kam es so beschwichtigend über
sie, die Ringende erlösend, weil es sie weit fort von dem Schauplatz
ihres Kampfes trug. In wortloser Sprache und doch so verständlich rief
es ihr zu, lieh ihrer Andacht Flügel und ihrem unbestimmten Sehnen
einen Ausdruck. Und mehr, weit mehr als sie fassen und begreifen
konnte, erweckte es in ihrer Seele die Ahnung einer Anbetung ohne
Ende, eines Friedens ohne Gleichen. Lange blieb sie dem wunderbaren
Eindruck ganz hingegeben; endlich kam es ihr zum Bewußtsein, daß es die
alte Orgel war, die sang, und was sie sang, war das alte Kirchenlied.
Und dennoch meinte Marie es heute zum ersten Mal gehört zu haben; und
nicht sie allein, auch Andere lauschten voll Erstaunen den Fluthen von
Wohlklang, die die Kirche durchbrausten.
»Der neue Schullehrer spielt,« flüsterte Eines dem Andern zu, und nach
der Messe hieß es: »Das ist ein Meister! Kommt aber auch von weit her,
gar von Wien!«
Viele Leute wollten wissen, was denn Frau Walter zu der herrlichen
Musik sage, ob es nicht eine Freude sei, daß man es jetzt immer so
gut und schön haben solle? Sie war gezwungen, stehen zu bleiben, um
all' den Fragern und Fragerinnen Bescheid zu geben, die sie umringten;
einige ängstlich, andere zutraulich, die meisten in Verlegenheit,
und in der offenbarsten -- der Alois. Er hielt sich in schüchterner
Entfernung, stopfte seine Pfeife, sah die Leute mit verstohlenen
Blicken an und schien sich bei Jedem erkundigen zu wollen: Was meinst
Du nun?
Auf der Schwelle der Kirche erschien jetzt der Kanzleirath, heiter
lächelnd, verjüngt, vergnügt. Statt, wie es in letzter Zeit bei ihm
Brauch worden war, der Frau Wäschmeisterin von Weitem in großem Bogen
auszuweichen, ging er, wie auf Springfedern, leichten Schrittes auf sie
zu und sprach sie vor aller Welt mit freundlicher Stimme an. »Guten
Morgen, Frau Walter! ... Das war heute ein Gottesdienst, Frau Walter!
Und die Musik! Sehr brav der Schullehrer! Was mich betrifft, meine
Andacht wurde nicht wie sonst durch die Musik gestört, sondern erhöht.«