Sonnabend war's, ein gar feiner Decembermorgen, acht Wochen nach dem
Tode Walters und eine vor dem holden Christfest, dem Tag Adam und Evas,
der über das Wetter für den Rest des Jahres entscheidet.
Vor Sonnenaufgang hatte Marie sich aufgemacht, um zu einer Kranken zu
wandern. Es war dies eine alte, einst als Hexe verschrieene, jetzt halb
blöde Bettlerin. Die Abwartung des verwahrlosten Weibes kostete der
Reinlichkeitschwärmerin Marie nicht wenig Selbstüberwindung. Aber sie
hatte sich die Last aufgebürdet und trug sie wacker und treu. Nicht aus
Christenliebe, sondern aus Christenpflicht, wohl auch ein wenig aus
Widerspruchsgeist und Trotz gegen die Dummheit und den Aberglauben,
die sich in der allgemeinen Vervehmung eines hülflosen und armseligen
Geschöpfes äußerten.
Froh, ihre Aufgabe wieder für einen Tag gelöst zu haben, begab sich
Marie auf den Heimweg. Sie trat rasch aus der dunkeln Hütte, mußte aber
plötzlich stehen bleiben und die Hände an die geblendeten Augen drücken.
Während sie da drinnen geweilt, hatte sich das unendliche Grau, das
noch kurz zuvor die Welt umhüllte, in ein schimmerndes Weiß verwandelt.
Die Sonne war aufgegangen am Rand der schneebedeckten Ebene, gar nicht
so weit schien's vom Ende der langen und breiten Dorfgasse. -- Marie
besann sich, wie oft sie als Kind an dieser selben Stelle, in dieser
selben Weihnachtszeit gedacht hatte: Ach, wenn Eines nur recht laufen
dürft'! jetzt wo der Schnee eine Brücke spannt über Berg und Thal,
gleich wäre es dort, und spränge mitten in die Sonne hinein, und stände
da von ihrem Purpur umwallt und einem Strahlenkranz, schöner als der
der Muttergottes.
Warst ein hoffärtiges Kind -- flog es ihr durch den Sinn, strafbar
hoffärtig. Aber so arg treibt es eben nur ein Kind. Später wird man
bescheidener.
-- Wird man?
Mariens Kopf senkte sich in verworrenen Gedanken, die einem Gefühl der
Anbetung entsprangen, vor jener Lichtspenderin, die beide verklärte;
den reinen Himmel und die unlautere Erde, so wunderbar verklärte, daß
es keine sichtbare Grenze mehr zwischen ihnen gab. Die Sonne gehört
wohl nicht zu den Wesen, die immer nur scheiden und unterscheiden
wollen; sie gleicht hier die Unterschiede aus. Wer könnte sagen, ob der
goldige Streifen, auf den Mariens Blick sich heftet, noch den Schnee
der Ebene oder schon das Gewölk des Himmels säumt?
Ja -- so thut die Sonne, der wir alles Licht verdanken, neben das
freilich auch, ihr zu Hohn und Tort, der tiefste Schatten fällt ...
wie eben jetzt zum Beispiel in den glitzernden Schnee der schwarze
Schatten, in den Marie die Spitze des Fußes gesetzt.
Sie erhob die Augen und erblickte den Alois im schweren Schafpelz, in
Schneestiefeln, die Pfeife im Mund, das Gesicht, soviel Marie davon
sehen konnte, hoch geröthet. Vor Kälte konnte es nicht sein, denn er
kam ja eben erst aus seinem Hause. Und nach dem Hause wandte er sich
auch und rief zurück: »Nicht von der Stelle! Keinen Schritt! -- Moni!
Franzi! wollt ihr gehorchen, Rangen?«
Nein, die Rangen wollten nicht. Sie humpelten dem Vater nach, so gut
es ging, auf ihren noch unverläßlichen Beinen, sanken auch nicht
allzu tief in den Schnee, die Däumlinge, aber so kurz der Weg, den
sie zurückgelegt hatten, waren ihre Strümpfe doch schon pudelnaß, und
Schuhe hatte man vergessen ihnen anzuziehen. Sie antworteten auf alle
Befehle, die ihnen ertheilt wurden, nur mit dem Rufe: »Vater! Vater!«
Einer suchte dem andern zuvor zu kommen, und Moni, dem das gelang,
bezahlte den Sieg theuer, denn plötzlich purzelte er nieder, und zwar
ziemlich derb. Alois sprang hinzu, hob den schreienden Jungen vom
Boden, nahm ihn auf den Arm, und deckte seinen weiten Pelz über ihn,
so daß er eben noch athmen und mit seinen hellen Aeuglein in die Welt
hinaus gucken konnte. Sein Brüderchen aber, das ihn da oben thronen
sah, stimmte ein lautes Gekreisch an und verlangte ungestüm zu ihm.
Ja -- wie sollte der Alois da helfen? Er bückte sich zwar und streckte
seinen freien Arm einladend nach dem Bübchen aus; aber das vermochte
nicht, sich auf den dargebotenen zu schwingen, versuchte es auch gar
nicht, sondern schrie nur immer.
»Sei still! sei still!« befahl der Vater, und bückte sich von Neuem,
und streckte von Neuem den Arm aus, und war sehr drollig mit seinen
ungelenken Bewegungen in den schweren Stiefeln, mit der Pfeife zwischen
den Zähnen, dem Kind in seinem Pelze und dem bekümmerten und rathlosen
Ausdruck in seinem Gesicht.
»Wartet,« sagte Marie plötzlich, »bleibt nur stehen.« Und sie näherte
sich, um Alois das Kind zu reichen.
Das verstand ihre Absicht sofort und hüpfte frohlockend an ihr empor.
Ach, wie federleicht das kleine Ding, das, vor Hast und Aufregung
bebend, Marien anlachte mit strahlendem Gesicht und lieblich und
liebreich das halboffene Mündchen an ihre Wange drückte. Jetzt aber,
nachdem der Fahrlohn bezahlt war, wollte es auch befördert sein und
strebte mit Händen und Füßen von ihr weg zum Vater und zum Bruder hin.
Einen Augenblick hielt Marie es noch fest, zum ersten Mal ein Wesen
fest, das fort von ihr verlangte. Eine unbekannte Empfindung beklemmte
und -- erhellte ihre Brust, scheu und zärtlich, geheimnißvoll und süß:
die Liebe des kinderlosen Weibes zu einem Kinde.
-- Gieb's nicht her! wandelte es sie an. Aber schon hatte sie dem
Knäblein seinen Willen erfüllt, schon saß es wie im warmen Neste dem
Moni gegenüber.
Gern hätte Alois Marien für den geleisteten Dienst gedankt, er brachte
jedoch nur ein elendes Gestotter heraus. In zorniger Verlegenheit
blickte er den Leuten nach, die des Weges kamen und mit Stichelreden
nicht sparten, als sie ihn und die junge Wittfrau neben einander
stehen sahen. Er that, als bemerke er es nicht, und sprach überlaut,
damit Jeder hören könne, daß er kein Geheimniß mit Marien verhandle.
Bitter klagte er über Barbara, die sich um nichts kümmere. Seine Buben
hätten erst den Scharlach durchgemacht, und sie lasse sie da im Schnee
herumlaufen.
Ein altes Mütterchen mischte sich unberufen ins Gespräch: »Geschieht
ihm recht! warum bleibt er so lange ledig.«
»Ja,« entgegnete ein kecker Bursche, »er fürcht't sich. Es is ihm gar
zu schlecht gegangen in seiner ersten Eh'.«
»Ach was!« meinte das Mütterchen und schielte nach Marien, »jetzt
könnt' er's ja besser haben.«
»Wenn's nur dem Herrn Kanzleirath recht ist!« sprach der Bursche,
wartete aber die Wirkung seines Spaßes nicht ab, sondern machte sich
eilends davon.
Die Alte und Barbara, die inzwischen auch herangekommen war, thaten
entrüstet und schmunzelten einander dabei vergnüglich zu.
Alois hatte eine zerstreute Miene angenommen und sich mit seinen Jungen
beschäftigt; jetzt bemerkte er die Barbara, fuhr sie heftig an und
wandte sich, von ihr begleitet und immerfort scheltend, nach seinem
Hause zurück.
Maria hatte die ganze Zeit über nicht mit einer Wimper gezuckt. Die
neugierigen Augen, die auf ihrem Gesichte ruhten, suchten vergeblich
eine Spur dessen, was in ihr vorging, zu entdecken.
Sie schritt weiter mit gewohnter Gelassenheit und sah kalt zum Alois
hinüber, der eben jetzt seine Kinder auf der Schwelle absetzte.
»Der wird nie frei!« dachte sie, »der wird immer einen Herrn haben.
Weil's sein Vater nicht mehr is, muß es der erste beste Narr sein, der
an ihm vorbei geht.«