Wie ein Familienunglück wurde der Tod des Grooms, der das Opfer einer
übermüthigen Laune seines Herrn geworden war, im Schlosse betrauert.
Man ehrte sein Andenken in jeder Weise. Der Fürst ließ ihm ein Monument
auf das Grab setzen mit der Inschrift der »Treue«, und zu gleicher Zeit
ergingen aus der Cabinetskanzlei zwei Befehle. Der eine an das Rentamt:
»Die von Sr. Durchlaucht Head-groom, Peter Walter, hinterlassenen
Schulden sind sofort zu bezahlen.« Der andere an die Hausverwaltung:
»Die von Sr. Durchlaucht Head-groom, Peter Walter, hinterlassene
Wittwe ist sofort in die jetzo vacante Stelle der hochfürstlichen
Wäschmeisterin zu übernehmen.«
Die letzte Entschließung erregte im Orte eine Gährung, die sogar von
dem sonst unerschrockenen Herrn Kanzleirath als an das Bedenkliche
streifend bezeichnet wurde. In den Augen fast aller Frauen
schrumpfte die respekteinflößende Frau Marie Walter plötzlich zum
kleinen Mariechen Lakomy zusammen. Sie wurde mit einem Rucke in die
Kinderschuhe zurückgestellt, und nahm sich in dieser Verfassung
nicht besser als eine Carricatur dessen aus, wofür sie gelten sollte:
die Vertreterin eines der wichtigsten und bestbesoldeten Aemter im
fürstlichen Haushalte.
Es gehörte damals viel Charakterstärke dazu, um ihr nicht aus dem
Wege zu gehen, so tief war sie durch ihre Erhöhung in der Meinung
ihrer Mitbürger gesunken. Der Neid hatte über Nacht die wunderlichsten
Verleumdungen ausgebrütet, und sie durchzogen die Luft in dichten
Schwärmen. Jeder Argwöhnische schwor auf eine andere; die Wohlwollenden
aber, die sich nicht entschließen konnten, an eine derselben zu glauben
-- glaubten an alle. Man erinnerte sich, wie oft es geheißen, wie oft
Josepha triumphirend verkündet hatte, Walter verdanke sein Verbleiben
im Dienste einzig und allein den Fürbitten seiner Frau. Ueber die
Natur dieser Fürbitten war man nun im Reinen. Nur über die Person, an
welche sie sich gerichtet hatten, blieb man eine Zeit lang im Zweifel.
Nach einigem Hin- und Herschwanken schoß plötzlich der Verdacht gleich
einem Geier auf das unschuldigste Haupt nieder und krallte sich daran
fest. Ach, es war das edle, greise, perückengeschmückte Haupt des Herrn
Kanzleiraths!
Der Kanzleirath hatte den Vortrag beim Fürsten, sein Einfluß war
unbegrenzt. Wenn er ihn bisher nie zu Gunsten seiner eigenen Interessen
ausgebeutet hatte, wußte er sich jetzt mit einem Mal schadlos dafür
zu halten, der alte Fuchs. So lautete im großen Ganzen das Urtheil
der Menge, und die guten Freunde, die dazu da sind, um den Leuten zu
sagen, was ihre Feinde von ihnen denken, brachten es den Opfern der
öffentlichen Meinung zur Kenntniß. Die alte Josepha verlor beinahe
den Verstand darüber. Sie, die Friedfertige, erklärte der ganzen Welt
den Krieg und meinte, die Rechtfertigung Mariens durch fanatische
Lobpreisungen ihrer Einzigen bewerkstelligen zu können.
Sie machte auf diese Art das Schlimme nur schlimmer.
Ihrerseits trug die Frau Wäschmeisterin nichts dazu bei, die allgemeine
Mißgunst zu vermindern und wenigstens Einzelne aus dem großen Publikum
zu gewinnen. Sie vereiste immer mehr, zog die Oberlippe immer
verächtlicher in die Höhe und bemitleidete schweigend »die liebe gute
Mutter«, die sich vermaß, die Verleumdung nieder ~reden~ zu wollen.
Ihres Amtes waltete Marie mit großartiger Umsicht. Sie ging langsam
durch die Waschküche und die Plättstuben; der Schlüsselbund an ihrem
Gürtel klirrte und begleitete ihre Schritte, wie die eines antiken
Feldherrn, mit Erzesklang. Ihre Augen waren falkenscharf für das
kleinste Versehen der Mägde. Wenn sie lobte, geschah es wehmüthig, und
nie ohne sich selbst mitzuloben.
»Hast Du mir endlich etwas abgelernt, Ursula? -- Folgst Du endlich
meinem Beispiel, Cordula?«
Wenn sie tadelte, geschah es schmerzlich, mit einem schwermüthigen
Ausdruck in den wundervollen Augen:
»Wie kann man ein Tischtuch so zusammenlegen, Veronica? -- Gott im
Himmel! Ein Riß in einer der neuen Servietten, Katherženka!«
Sie ging von hinnen, gekränkt in den besten Empfindungen, bestärkt in
ihrer schmerzlichen Geringschätzung der Menschen, und betrauerte in
der Nachlässigkeit einer ihrer Mägde den Mangel an Pflichtgefühl der
gesammten heutigen Jugend.
Die leichtsinnigen Wäschermädchen kicherten hinter ihr her. Echte
Kinder der Neuzeit, trugen sie Köpfe auf ihren Schultern, denen das
Organ der Ehrerbietung fehlte.
»Die treibt's heute wieder!«
»Wegen einer dummen Serviette!«
»Als ob die Herrschaft sich keine neue kaufen könnt'!«
»Nein, ~die~ Kränkung! Sie hätte bald geweint,« sagte Veronica,
ein derbes, übermüthiges Ding mit breitem Gesicht und Wangen so roth
und glänzend wie Himbeeräpfel.
»Ach was!« entgegnete die kleine Ursula, die Seniorin der Gesellschaft,
»sie wird sich schon trösten, ein Küßchen des Herrn Kanzleiraths wird
sie trösten.«
Alle lachten und Alle erklärten und betheuerten, daß sie viel lieber
ihr Leben lang einfache Taglöhnerinnen bleiben, als sich den Reichthum
einer Prinzessin erkaufen wollten um den Preis eines Küßchens vom Herrn
Kanzleirath.
Die gedankenlosen Kinder ahnten nicht, welches Unheil ihre Reden
stifteten. Ihre frevelhaften Reden, die, einmal herausgestoßen in das
unendliche Bereich des Schalles, immer weitere Ringe bildeten, einen
immer größeren Kreis umspannten, bis sie endlich in den des Mannes
gelangten, dem sie eine unheilbare Wunde schlagen sollten -- des
Kanzleiraths.
Er feierte eben eine Weihestunde. Er falzte mit eigenen tabakgebräunten
Fingern die Foliobogen seiner, auf dem Wege der Lithographie
in fünfundzwanzig Exemplaren reproducirten »Darstellung der
Rechtsverhältnisse des vormals reichsständischen Hauses Herburg.«
»Es scheint eine kleine Arbeit, Folteneck,« sagte er zu seinem
Schreiber, »aber es ist eine große. Welche Mühe es mich gekostet
hat, aktenmäßig festzustellen, daß Wilhelm Franz Johann nicht, wie
bisher ausgemacht schien, Anno 1483, sondern schon 1481 die allodiale
Grafschaft Scheer, Kaiser und Reich zu Lehen auftrug und solches in ein
Kunkel-Lehen verwandelte -- das kann ein Gründling, wie Sie, sich nicht
vorstellen.«
Der »Gründling«, der dreißig Jahre alt war, und in Folge seiner
sitzenden Lebensweise an chronischer Gelbsucht litt, entgegnete giftig,
daß er sehr wohl im Stande sei, die beregte Mühe zu ermessen, um so
mehr, als er an derselben participirt habe. Uebrigens stelle er, mit
Rücksicht auf das Recht, das er durch diese Mühe sich erworben zu haben
glaube, den Antrag: ein Exemplar der »Darstellung« etc. dem Wäschdepot
zuzutheilen, aber nicht als Lehen, sondern als eine ewige Inhabung.
Der Kanzleirath nickte freundlich mit dem Kopfe: »Nicht unfein!
nicht unfein! Ins Wäschdepot, zu dem jene Kunkelherrhaft den Grund
gelegt haben dürfte. Als Huldigung überdies, dargebracht den Manen der
Beschützerin der Spinnerei und Weberei, der hochseligen, auch in der
»Darstellung« erwähnten Augusta Maria ...«
»Und! Und! Und! ...« fiel ihm der Schreiber ins Wort, der beide Beine
mit einer unnachahmlichen Kunst um die Füße seines Sessels geflochten
hatte, und sich vor Bosheit zuckend hin und her wiegte.
»Und -- was?« fragte der Kanzleirath.
»Und der anderen Maria,« entgegnete mit nervösem Gelächter Herr
Folteneck. Sein Vorgesetzter verlangte eine Erklärung, ein Wort gab
das andere, und so erfuhr der alte, höchst empfindliche Ehrenmann die
schamlosen Gerüchte, die seinen reinen Namen befleckten.
Er sank zusammen unter ihrer erdrückenden Wucht, und es dauerte lange,
bevor er die Kraft aufbrachte, mit gebrochener Stimme zu sagen:
»Gehen Sie, Folteneck -- Zulukaffer! Sie haben ein vergiftetes Messer
in die Brust Ihres Freundes, ich darf sagen, Ihres Wohlthäters
gestoßen. Gehen Sie, rufen Sie mir meine Frau.«
Folteneck ging und fühlte sich zerfallener denn je mit sich selbst. Er
wäre vielleicht ein guter Mensch geworden, wenn er täglich drei Stunden
Bewegung hätte machen können.
Der Kanzleirath verließ das Amt, gestützt auf seine Gemahlin, und
begab sich, von ihr begleitet, zum Fürsten.
»Durchlaucht,« sprach er, »man hat meiner oft gespottet, weil ich viel
eifriger beflissen war, einem seit Jahrhunderten in Gott ruhenden
Herburg Ansehen zu verschaffen, als meiner eigenen geringen, aber
lebendigen Person. Ich habe mich darüber hinweggesetzt. Jetzt jedoch
geht man weiter, als ich mich setzen kann. Man bringt meinen Namen in
Verbindung mit dem einer hübschen Frau; das ist schändlich, und das
lasse ich mir nicht gefallen. Daß ich nie nach einer hübschen Frau
gefragt, mich nie nach einer solchen umgesehen habe, dafür bürgt meine
hier anwesende Gemahlin.«
Der Fürst, eine hohe Gestalt, noch jugendlich und schon etwas kahl,
stemmte beide Hände in die Seiten, suchte ein überaus freundliches
Lächeln zu verbeißen, sah über den Kopf des Kanzleiraths zum Fenster
hinaus und fragte, was dieser eigentlich wolle?
»Meine Unbescholtenheit, Durchlaucht! geben mir Durchlaucht meine
Unbescholtenheit wieder!« entgegnete der Alte, zitternd vor Schmerz und
Grimm.
Er wurde mit einer ausweichenden Antwort entlassen. Im Laufe des
Tages jedoch ließ der Fürst den Herrn Dechant rufen, und warf ihm
die Verwahrlosung seiner Gemeinde vor, die sich kein Gewissen daraus
machte, dem Besten -- »ohne Frage Besten!« ihrer Mitglieder durch ganz
elende und unbegründete Nachreden das Leben zu vergällen.
Die Nähe des geistlichen Herrn hatte immer etwas Aufregendes für den
Fürsten. Der Dechant war ein Mann wie ein Baum, und der einzige auf
dem Gute, der den Kopf nicht tiefer vor Sr. Durchlaucht senkte, als
die strenge Höflichkeit erforderte. Wenn das Gespräch auch noch so
friedlich begonnen hatte, es endete von Seiten des Fürsten immer in
gereiztem Tone. So sagte er denn auch dieses Mal lauter und schärfer
als ihm selbst lieb war, Einiges von »lauer Seelsorge« und von
»unchristlicher Gesinnung in der christlichen Gemeinde«.
Der Dechant sah ihm dabei unverwandt in die Augen und half mit einem
oder dem andern Worte aus, wenn Se. Durchlaucht stockten. Als diese
schwiegen, erwiderte der Priester ruhig, er halte die Demüthigung, die
den gelehrten und freigeistigen Kanzleirath betroffen habe, für eine
Zulassung Gottes.
»Ich will ihn ermahnen, sie in Ergebung zu tragen,« schloß er.
»Die verleumderische Gemeinde aber verdient ebenfalls eine kernige
Zurechtweisung, und diese werde ich ihr in der nächsten Sonntagspredigt
ertheilen.«