VII.

Wie ein Familienunglück wurde der Tod des Grooms, der das Opfer einer

übermüthigen Laune seines Herrn geworden war, im Schlosse betrauert.

Man ehrte sein Andenken in jeder Weise. Der Fürst ließ ihm ein Monument

auf das Grab setzen mit der Inschrift der »Treue«, und zu gleicher Zeit

ergingen aus der Cabinetskanzlei zwei Befehle. Der eine an das Rentamt:

»Die von Sr. Durchlaucht Head-groom, Peter Walter, hinterlassenen

Schulden sind sofort zu bezahlen.« Der andere an die Hausverwaltung:

»Die von Sr. Durchlaucht Head-groom, Peter Walter, hinterlassene

Wittwe ist sofort in die jetzo vacante Stelle der hochfürstlichen

Wäschmeisterin zu übernehmen.«

Die letzte Entschließung erregte im Orte eine Gährung, die sogar von

dem sonst unerschrockenen Herrn Kanzleirath als an das Bedenkliche

streifend bezeichnet wurde. In den Augen fast aller Frauen

schrumpfte die respekteinflößende Frau Marie Walter plötzlich zum

kleinen Mariechen Lakomy zusammen. Sie wurde mit einem Rucke in die

Kinderschuhe zurückgestellt, und nahm sich in dieser Verfassung

nicht besser als eine Carricatur dessen aus, wofür sie gelten sollte:

die Vertreterin eines der wichtigsten und bestbesoldeten Aemter im

fürstlichen Haushalte.

Es gehörte damals viel Charakterstärke dazu, um ihr nicht aus dem

Wege zu gehen, so tief war sie durch ihre Erhöhung in der Meinung

ihrer Mitbürger gesunken. Der Neid hatte über Nacht die wunderlichsten

Verleumdungen ausgebrütet, und sie durchzogen die Luft in dichten

Schwärmen. Jeder Argwöhnische schwor auf eine andere; die Wohlwollenden

aber, die sich nicht entschließen konnten, an eine derselben zu glauben

-- glaubten an alle. Man erinnerte sich, wie oft es geheißen, wie oft

Josepha triumphirend verkündet hatte, Walter verdanke sein Verbleiben

im Dienste einzig und allein den Fürbitten seiner Frau. Ueber die

Natur dieser Fürbitten war man nun im Reinen. Nur über die Person, an

welche sie sich gerichtet hatten, blieb man eine Zeit lang im Zweifel.

Nach einigem Hin- und Herschwanken schoß plötzlich der Verdacht gleich

einem Geier auf das unschuldigste Haupt nieder und krallte sich daran

fest. Ach, es war das edle, greise, perückengeschmückte Haupt des Herrn

Kanzleiraths!

Der Kanzleirath hatte den Vortrag beim Fürsten, sein Einfluß war

unbegrenzt. Wenn er ihn bisher nie zu Gunsten seiner eigenen Interessen

ausgebeutet hatte, wußte er sich jetzt mit einem Mal schadlos dafür

zu halten, der alte Fuchs. So lautete im großen Ganzen das Urtheil

der Menge, und die guten Freunde, die dazu da sind, um den Leuten zu

sagen, was ihre Feinde von ihnen denken, brachten es den Opfern der

öffentlichen Meinung zur Kenntniß. Die alte Josepha verlor beinahe

den Verstand darüber. Sie, die Friedfertige, erklärte der ganzen Welt

den Krieg und meinte, die Rechtfertigung Mariens durch fanatische

Lobpreisungen ihrer Einzigen bewerkstelligen zu können.

Sie machte auf diese Art das Schlimme nur schlimmer.

Ihrerseits trug die Frau Wäschmeisterin nichts dazu bei, die allgemeine

Mißgunst zu vermindern und wenigstens Einzelne aus dem großen Publikum

zu gewinnen. Sie vereiste immer mehr, zog die Oberlippe immer

verächtlicher in die Höhe und bemitleidete schweigend »die liebe gute

Mutter«, die sich vermaß, die Verleumdung nieder ~reden~ zu wollen.

Ihres Amtes waltete Marie mit großartiger Umsicht. Sie ging langsam

durch die Waschküche und die Plättstuben; der Schlüsselbund an ihrem

Gürtel klirrte und begleitete ihre Schritte, wie die eines antiken

Feldherrn, mit Erzesklang. Ihre Augen waren falkenscharf für das

kleinste Versehen der Mägde. Wenn sie lobte, geschah es wehmüthig, und

nie ohne sich selbst mitzuloben.

»Hast Du mir endlich etwas abgelernt, Ursula? -- Folgst Du endlich

meinem Beispiel, Cordula?«

Wenn sie tadelte, geschah es schmerzlich, mit einem schwermüthigen

Ausdruck in den wundervollen Augen:

»Wie kann man ein Tischtuch so zusammenlegen, Veronica? -- Gott im

Himmel! Ein Riß in einer der neuen Servietten, Katherženka!«

Sie ging von hinnen, gekränkt in den besten Empfindungen, bestärkt in

ihrer schmerzlichen Geringschätzung der Menschen, und betrauerte in

der Nachlässigkeit einer ihrer Mägde den Mangel an Pflichtgefühl der

gesammten heutigen Jugend.

Die leichtsinnigen Wäschermädchen kicherten hinter ihr her. Echte

Kinder der Neuzeit, trugen sie Köpfe auf ihren Schultern, denen das

Organ der Ehrerbietung fehlte.

»Die treibt's heute wieder!«

»Wegen einer dummen Serviette!«

»Als ob die Herrschaft sich keine neue kaufen könnt'!«

»Nein, ~die~ Kränkung! Sie hätte bald geweint,« sagte Veronica,

ein derbes, übermüthiges Ding mit breitem Gesicht und Wangen so roth

und glänzend wie Himbeeräpfel.

»Ach was!« entgegnete die kleine Ursula, die Seniorin der Gesellschaft,

»sie wird sich schon trösten, ein Küßchen des Herrn Kanzleiraths wird

sie trösten.«

Alle lachten und Alle erklärten und betheuerten, daß sie viel lieber

ihr Leben lang einfache Taglöhnerinnen bleiben, als sich den Reichthum

einer Prinzessin erkaufen wollten um den Preis eines Küßchens vom Herrn

Kanzleirath.

Die gedankenlosen Kinder ahnten nicht, welches Unheil ihre Reden

stifteten. Ihre frevelhaften Reden, die, einmal herausgestoßen in das

unendliche Bereich des Schalles, immer weitere Ringe bildeten, einen

immer größeren Kreis umspannten, bis sie endlich in den des Mannes

gelangten, dem sie eine unheilbare Wunde schlagen sollten -- des

Kanzleiraths.

Er feierte eben eine Weihestunde. Er falzte mit eigenen tabakgebräunten

Fingern die Foliobogen seiner, auf dem Wege der Lithographie

in fünfundzwanzig Exemplaren reproducirten »Darstellung der

Rechtsverhältnisse des vormals reichsständischen Hauses Herburg.«

»Es scheint eine kleine Arbeit, Folteneck,« sagte er zu seinem

Schreiber, »aber es ist eine große. Welche Mühe es mich gekostet

hat, aktenmäßig festzustellen, daß Wilhelm Franz Johann nicht, wie

bisher ausgemacht schien, Anno 1483, sondern schon 1481 die allodiale

Grafschaft Scheer, Kaiser und Reich zu Lehen auftrug und solches in ein

Kunkel-Lehen verwandelte -- das kann ein Gründling, wie Sie, sich nicht

vorstellen.«

Der »Gründling«, der dreißig Jahre alt war, und in Folge seiner

sitzenden Lebensweise an chronischer Gelbsucht litt, entgegnete giftig,

daß er sehr wohl im Stande sei, die beregte Mühe zu ermessen, um so

mehr, als er an derselben participirt habe. Uebrigens stelle er, mit

Rücksicht auf das Recht, das er durch diese Mühe sich erworben zu haben

glaube, den Antrag: ein Exemplar der »Darstellung« etc. dem Wäschdepot

zuzutheilen, aber nicht als Lehen, sondern als eine ewige Inhabung.

Der Kanzleirath nickte freundlich mit dem Kopfe: »Nicht unfein!

nicht unfein! Ins Wäschdepot, zu dem jene Kunkelherrhaft den Grund

gelegt haben dürfte. Als Huldigung überdies, dargebracht den Manen der

Beschützerin der Spinnerei und Weberei, der hochseligen, auch in der

»Darstellung« erwähnten Augusta Maria ...«

»Und! Und! Und! ...« fiel ihm der Schreiber ins Wort, der beide Beine

mit einer unnachahmlichen Kunst um die Füße seines Sessels geflochten

hatte, und sich vor Bosheit zuckend hin und her wiegte.

»Und -- was?« fragte der Kanzleirath.

»Und der anderen Maria,« entgegnete mit nervösem Gelächter Herr

Folteneck. Sein Vorgesetzter verlangte eine Erklärung, ein Wort gab

das andere, und so erfuhr der alte, höchst empfindliche Ehrenmann die

schamlosen Gerüchte, die seinen reinen Namen befleckten.

Er sank zusammen unter ihrer erdrückenden Wucht, und es dauerte lange,

bevor er die Kraft aufbrachte, mit gebrochener Stimme zu sagen:

»Gehen Sie, Folteneck -- Zulukaffer! Sie haben ein vergiftetes Messer

in die Brust Ihres Freundes, ich darf sagen, Ihres Wohlthäters

gestoßen. Gehen Sie, rufen Sie mir meine Frau.«

Folteneck ging und fühlte sich zerfallener denn je mit sich selbst. Er

wäre vielleicht ein guter Mensch geworden, wenn er täglich drei Stunden

Bewegung hätte machen können.

Der Kanzleirath verließ das Amt, gestützt auf seine Gemahlin, und

begab sich, von ihr begleitet, zum Fürsten.

»Durchlaucht,« sprach er, »man hat meiner oft gespottet, weil ich viel

eifriger beflissen war, einem seit Jahrhunderten in Gott ruhenden

Herburg Ansehen zu verschaffen, als meiner eigenen geringen, aber

lebendigen Person. Ich habe mich darüber hinweggesetzt. Jetzt jedoch

geht man weiter, als ich mich setzen kann. Man bringt meinen Namen in

Verbindung mit dem einer hübschen Frau; das ist schändlich, und das

lasse ich mir nicht gefallen. Daß ich nie nach einer hübschen Frau

gefragt, mich nie nach einer solchen umgesehen habe, dafür bürgt meine

hier anwesende Gemahlin.«

Der Fürst, eine hohe Gestalt, noch jugendlich und schon etwas kahl,

stemmte beide Hände in die Seiten, suchte ein überaus freundliches

Lächeln zu verbeißen, sah über den Kopf des Kanzleiraths zum Fenster

hinaus und fragte, was dieser eigentlich wolle?

»Meine Unbescholtenheit, Durchlaucht! geben mir Durchlaucht meine

Unbescholtenheit wieder!« entgegnete der Alte, zitternd vor Schmerz und

Grimm.

Er wurde mit einer ausweichenden Antwort entlassen. Im Laufe des

Tages jedoch ließ der Fürst den Herrn Dechant rufen, und warf ihm

die Verwahrlosung seiner Gemeinde vor, die sich kein Gewissen daraus

machte, dem Besten -- »ohne Frage Besten!« ihrer Mitglieder durch ganz

elende und unbegründete Nachreden das Leben zu vergällen.

Die Nähe des geistlichen Herrn hatte immer etwas Aufregendes für den

Fürsten. Der Dechant war ein Mann wie ein Baum, und der einzige auf

dem Gute, der den Kopf nicht tiefer vor Sr. Durchlaucht senkte, als

die strenge Höflichkeit erforderte. Wenn das Gespräch auch noch so

friedlich begonnen hatte, es endete von Seiten des Fürsten immer in

gereiztem Tone. So sagte er denn auch dieses Mal lauter und schärfer

als ihm selbst lieb war, Einiges von »lauer Seelsorge« und von

»unchristlicher Gesinnung in der christlichen Gemeinde«.

Der Dechant sah ihm dabei unverwandt in die Augen und half mit einem

oder dem andern Worte aus, wenn Se. Durchlaucht stockten. Als diese

schwiegen, erwiderte der Priester ruhig, er halte die Demüthigung, die

den gelehrten und freigeistigen Kanzleirath betroffen habe, für eine

Zulassung Gottes.

»Ich will ihn ermahnen, sie in Ergebung zu tragen,« schloß er.

»Die verleumderische Gemeinde aber verdient ebenfalls eine kernige

Zurechtweisung, und diese werde ich ihr in der nächsten Sonntagspredigt

ertheilen.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 19 / 34 题