VI.

Die Freude des Head-grooms über seine Begnadigung war so groß, daß

er, um sie zu bewältigen, einige Freunde zu Hülfe rufen mußte; allein

wäre er nie und nimmer mit ihr fertig geworden. Die Gesellschaft begab

sich in das zweite, geringere Dorfwirtshaus -- dem ersten hatte Walter

seine Kundschaft entzogen -- und trank dort bis zum hellen Morgen, und

zwar ohne Unterlaß auf die Gesundheit der Frau Marie Walter. Diese

Huldigung glaubte ihr Mann ihr schuldig zu sein, der goldenen Säule

seines Hauses, und er hielt sich und seine Gäste so eifrig dazu an,

daß ihnen in jener Nacht nicht einmal Zeit zu einem Spielchen übrig

blieb. Das Versäumte konnte erst am folgenden Abend nachgeholt werden,

und dabei erging es dem armen Walter schlecht. Er verlor alles Geld,

das er bei sich hatte, bis zum letzten Kreuzer. Der ganze Vorschuß auf

die nächstjährige Besoldung, den die Güte des Kanzleiraths ihm erwirkt

hatte, befand sich bald in den Taschen seiner guten Kameraden.

»Uebergebe Er das sogleich Seiner Frau!« hatte sein

menschenfreundlicher Gönner ihn gemahnt, als er ihm die Summe

einhändigte. Und hoch und heilig hatte Walter es gelobt, auch Wort

halten wollen -- dafür rief er Gott und alle himmlischen Heerscharen zu

Zeugen auf, als er, ein reuevoller und zerknirschter Sünder, zu seiner

Frau heimkehrte. Aber wenn das Unglück einen Menschen einmal beim

Schopf hat, läßt es ihn nicht mehr los. Sein Unglück war es gewesen,

sein verwünschtes! das ihn den guten Vorsatz vergessen ließ. Walter

raufte sich die Haare und schlug an seine Brust und zerfloß in Mitleid

mit sich selbst, dem jetzt nichts mehr übrig geblieben war, als die

Liebe seines Weibes, das er leidenschaftlich herzte und küßte.

Marie bemühte sich, ihn zu beschwichtigen, ging, nachdem es ihr

halbwegs gelungen, zu ihrer Mutter, und bat, ihre frühere Beschäftigung

an deren Seite, in der Waschküche, wieder aufnehmen zu dürfen. Der

halbe Gulden, den sie auf diese Weise täglich verdiente, war der Frau

des Mannes, der zweitausend Gulden Rente hatte, unentbehrlich geworden.

Nun gab es zweifache Plage, die mit ihrem elenden Hausstande, und die

mit ihrem Dienst.

Walter änderte sich weder im Schlimmen noch im Guten. Zahllose Male,

wegen stets erneuter Excesse entlassen, verdankte er seine Begnadigung

immer wieder der Fürsprache Mariens. Daß er ein vorzüglicher, wenn

auch rüder Trainer war, und bei seinem Herrn für unersetzlich galt,

brachte er gar nicht in Anschlag, es freute ihn, seiner Frau Alles

zu verdanken, er wollte gern ihr Schuldner sein und es auch bleiben.

-- Schulden hatten überhaupt nichts Drückendes für ihn. So ließ er

deren Last wachsen und wachsen, vertrank, verspielte, versetzte das

letzte Hausgeräth, das letzte Kleidungsstück. Er konnte es noch so arg

treiben, sein Weib schwieg; sogar wenn er es darauf anlegte, bekam er

keinen Vorwurf zu hören. Ein Wort, eine Klage von ihr hätte sogleich

einen Wildstrom entfesselt: die maßlose Reue des Unverbesserlichen, und

unfehlbar eine jener Versöhnungsscenen herbeigeführt, vor denen Marien

mehr graute als vor dem Tode.

Sie hüllte sich immer enger und fester in die Schleier ihrer

Makellosigkeit; sie verdoppelte, verzehnfachte ihren Fleiß. Nachdem

sie den ganzen Tag bei der Arbeit zugebracht hatte, wachte sie nun die

halben Nächte hindurch und nähte und stickte schöne Gewänder für die

reichen Bäuerinnen.

Ihre Mutter, die alte Josepha, verzehrte sich in Groll und Gram über

den nichtsnutzigen Schwiegersohn. Aber sie durfte ihre Empörung in

Gegenwart seiner Frau nicht aussprechen. Unbegreiflicher Weise nahm ihn

diese gegen ihre Mutter in Schutz.

»Ihr hättet,« sprach Marie, »Euch besser nach ihm erkundigen und ich

hätte Euch nicht nachgeben sollen. Jetzt hab' ich ihn, jezt muß ich

schauen mit ihm auszukommen. Es ist einmal nicht anders.«

Viel herber als die Mutter wurden die doppelzüngigen Bekannten

abgefertigt, die sich Marien mit heuchlerischen Mitleidsbezeigungen

näherten, in der so vielen Leuten angenehmen Erwartung, eine Frau über

ihren Mann klagen zu hören.

Die verschmähte Theilnahme verwandelte sich in Schadenfreude und Hohn:

Im Grunde hatte ja Marie Walter keine Ursache zur Unzufriedenheit.

Mochte man ihrem »Herrn« noch so übel nachreden, daß er ein guter

Ehemann war, das mußte man ihm lassen. Er hielt seinem Weibe die Treue,

und was verzeiht ein Weib in solchem Falle nicht? Sein tolles Wesen

trieb er außer dem Hause, Marie hatte darunter nicht zu leiden, sie

wurde von ihm verhätschelt, ihr konnte er recht sein, der Lump!

Marie lächelte wehmüthig über solche Faseleien. Sie wußte am besten,

wie recht er ihr war. Die Andern erduldeten seine Gewaltthätigkeiten,

sie erduldete seine Zärtlichkeiten und -- beneidete die Andern.

Aber das sind Dinge, von denen man nicht spricht.

Und wovon spricht man überhaupt, wenn man sich den Menschen gegenüber

so fremd fühlt wie Marie? Die Ahnung, die stets in ihr gedämmert hatte,

daß es einem Wesen von ihrem Werthe nicht wohl ergehen könne in dieser

argen Welt, klärte sich allmälig zur Ueberzeugung und machte ihren

Schmerz, aber auch ihre Erhebung aus.

Zwei Jahre schlichen so dahin.

Im Herbste des dritten versammelte sich eine zahlreiche Gesellschaft

von Sportsfreunden im fürstlichen Schlosse. Es wurden Privat-Trials

abgehalten, als Vorbereitung zu den öffentlichen Rennen. Die von Walter

trainirten Fohlen trugen regelmäßig den Sieg davon, und eines Tages

ließ sich der Fürst, berauscht durch diese Triumphe, zu der Behauptung

hinreißen, daß sogar sein alter Holiday noch vermöchte, alle anwesenden

Pferde zu schlagen. Vorausgesetzt, fügte er hinzu, daß Walter ihn

steuere.

Seiner Gewohnheit entgegen, zeigte sich der Head-groom, der sonst jede

Großthuerei seines Herrn überbot, etwas bedenklich. Vor zehn Jahren

war er zum letzten Mal als Jokey geritten, war damals schon um etliche

Pfund zu schwer gewesen. Und dann der Holiday! -- So ausgemacht wie

seinem Fürsten wollte dem Groom der Erfolg des einst Unüberwindlichen

doch nicht scheinen. Aber Walters Ehrgeiz war aufs Höchste gestachelt;

nach langem Erwägen warf er plötzlich die Mütze in die Luft und rief in

einer jugendlichen Anwandlung von Tollkühnheit:

»Hol's der Geier, ich thu's! Es wird den Hals nicht kosten,

Durchlaucht, und wenn's ihn kostet, so sorgen Durchlaucht für meine

Wittib!«

Am folgenden Tage fand ein unvergeßlich schönes Rennen statt. Walter

lachte bei den Zurufen, die ihn bei seiner Ankunft auf der Bahn von der

Tribüne aus begrüßten, und auch Holiday fletschte die langen gelben

Zähne und sah verächtlich drein. Wer weiß, was er dachte, der hagere

Vollblut; doch zu denken ~schien~ er: Fordert Ihr mich noch

einmal heraus? Und könntet doch wissen, was es auch koste: ich bestehe!

Vom Anfang nahm er die Führung und war nicht einen Augenblick in

Gefahr, sie zu verlieren. Die anderen Pferde kämpften mit ihm, er --

nur mit sich, mit der Athemnoth, die den Alten würgte, während er von

seinem Reiter wüthend aufgetrieben den Weg verschlang. Er gab seine

letzte Kraft, aber die ganze. Das Maul trocken wie Feuer, die Augen

starr und herausgequollen schoß er am Ziel vorbei und schlug zehn

Schritte weiter in den Boden, wie ein Projectil. Das Pferd blieb todt,

den Reiter zog man noch lebend unter ihm hervor. Aber er sagte gleich:

»Mit mir is vorbei!«

Der Arzt, der Chirurg eilten hinzu, der Fürst wollte durchaus seinen

schwer verwundeten Diener im Schlosse verpflegen lassen, Walter wies

Alles von sich, er verlangte nach Hause, zu seinem Weibe, so rasch als

möglich zu ihr. Keine Minute von den wenigen, die ihm noch zugezählt

waren, mochte er anders zubringen als Auge in Auge, Hand in Hand

mit der Vielgeliebten. »Aus dem Weg',« winkte er jedem, der sich

seinem Lager nahte, dem Arzt, den Kameraden, dem hohen Gebieter, dem

trostsprechenden Priester. --

»Aus dem Weg! laßt's mich nur noch in Ruh' mein schönes Weib

anschauen!« keuchte der Sterbende. Unablässig flüsterte er ihr zu, oder

lachte leise vor sich hin, wie umgaukelt von süßen Erinnerungen.

»Ich war so glücklich mit Dir! -- Ich hab' Dich aber auch glücklich

gemacht ... Du hast Deinen Walter rechtschaffen lieb gehabt, nicht

wahr, mein Schatz?« Sein Blick suchte den ihren: »Nicht wahr?«

wiederholte er.

Marie schloß die Augen -- erzitternd neigte sie sich über ihn.

Er sah es noch und legte die stumme Gebärde als Bejahung aus.

»Ich weiß, ich weiß -- so stirbt sich's gut,« hauchte er im letzten

Athemzuge.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 18 / 34 题