Die Freude des Head-grooms über seine Begnadigung war so groß, daß
er, um sie zu bewältigen, einige Freunde zu Hülfe rufen mußte; allein
wäre er nie und nimmer mit ihr fertig geworden. Die Gesellschaft begab
sich in das zweite, geringere Dorfwirtshaus -- dem ersten hatte Walter
seine Kundschaft entzogen -- und trank dort bis zum hellen Morgen, und
zwar ohne Unterlaß auf die Gesundheit der Frau Marie Walter. Diese
Huldigung glaubte ihr Mann ihr schuldig zu sein, der goldenen Säule
seines Hauses, und er hielt sich und seine Gäste so eifrig dazu an,
daß ihnen in jener Nacht nicht einmal Zeit zu einem Spielchen übrig
blieb. Das Versäumte konnte erst am folgenden Abend nachgeholt werden,
und dabei erging es dem armen Walter schlecht. Er verlor alles Geld,
das er bei sich hatte, bis zum letzten Kreuzer. Der ganze Vorschuß auf
die nächstjährige Besoldung, den die Güte des Kanzleiraths ihm erwirkt
hatte, befand sich bald in den Taschen seiner guten Kameraden.
»Uebergebe Er das sogleich Seiner Frau!« hatte sein
menschenfreundlicher Gönner ihn gemahnt, als er ihm die Summe
einhändigte. Und hoch und heilig hatte Walter es gelobt, auch Wort
halten wollen -- dafür rief er Gott und alle himmlischen Heerscharen zu
Zeugen auf, als er, ein reuevoller und zerknirschter Sünder, zu seiner
Frau heimkehrte. Aber wenn das Unglück einen Menschen einmal beim
Schopf hat, läßt es ihn nicht mehr los. Sein Unglück war es gewesen,
sein verwünschtes! das ihn den guten Vorsatz vergessen ließ. Walter
raufte sich die Haare und schlug an seine Brust und zerfloß in Mitleid
mit sich selbst, dem jetzt nichts mehr übrig geblieben war, als die
Liebe seines Weibes, das er leidenschaftlich herzte und küßte.
Marie bemühte sich, ihn zu beschwichtigen, ging, nachdem es ihr
halbwegs gelungen, zu ihrer Mutter, und bat, ihre frühere Beschäftigung
an deren Seite, in der Waschküche, wieder aufnehmen zu dürfen. Der
halbe Gulden, den sie auf diese Weise täglich verdiente, war der Frau
des Mannes, der zweitausend Gulden Rente hatte, unentbehrlich geworden.
Nun gab es zweifache Plage, die mit ihrem elenden Hausstande, und die
mit ihrem Dienst.
Walter änderte sich weder im Schlimmen noch im Guten. Zahllose Male,
wegen stets erneuter Excesse entlassen, verdankte er seine Begnadigung
immer wieder der Fürsprache Mariens. Daß er ein vorzüglicher, wenn
auch rüder Trainer war, und bei seinem Herrn für unersetzlich galt,
brachte er gar nicht in Anschlag, es freute ihn, seiner Frau Alles
zu verdanken, er wollte gern ihr Schuldner sein und es auch bleiben.
-- Schulden hatten überhaupt nichts Drückendes für ihn. So ließ er
deren Last wachsen und wachsen, vertrank, verspielte, versetzte das
letzte Hausgeräth, das letzte Kleidungsstück. Er konnte es noch so arg
treiben, sein Weib schwieg; sogar wenn er es darauf anlegte, bekam er
keinen Vorwurf zu hören. Ein Wort, eine Klage von ihr hätte sogleich
einen Wildstrom entfesselt: die maßlose Reue des Unverbesserlichen, und
unfehlbar eine jener Versöhnungsscenen herbeigeführt, vor denen Marien
mehr graute als vor dem Tode.
Sie hüllte sich immer enger und fester in die Schleier ihrer
Makellosigkeit; sie verdoppelte, verzehnfachte ihren Fleiß. Nachdem
sie den ganzen Tag bei der Arbeit zugebracht hatte, wachte sie nun die
halben Nächte hindurch und nähte und stickte schöne Gewänder für die
reichen Bäuerinnen.
Ihre Mutter, die alte Josepha, verzehrte sich in Groll und Gram über
den nichtsnutzigen Schwiegersohn. Aber sie durfte ihre Empörung in
Gegenwart seiner Frau nicht aussprechen. Unbegreiflicher Weise nahm ihn
diese gegen ihre Mutter in Schutz.
»Ihr hättet,« sprach Marie, »Euch besser nach ihm erkundigen und ich
hätte Euch nicht nachgeben sollen. Jetzt hab' ich ihn, jezt muß ich
schauen mit ihm auszukommen. Es ist einmal nicht anders.«
Viel herber als die Mutter wurden die doppelzüngigen Bekannten
abgefertigt, die sich Marien mit heuchlerischen Mitleidsbezeigungen
näherten, in der so vielen Leuten angenehmen Erwartung, eine Frau über
ihren Mann klagen zu hören.
Die verschmähte Theilnahme verwandelte sich in Schadenfreude und Hohn:
Im Grunde hatte ja Marie Walter keine Ursache zur Unzufriedenheit.
Mochte man ihrem »Herrn« noch so übel nachreden, daß er ein guter
Ehemann war, das mußte man ihm lassen. Er hielt seinem Weibe die Treue,
und was verzeiht ein Weib in solchem Falle nicht? Sein tolles Wesen
trieb er außer dem Hause, Marie hatte darunter nicht zu leiden, sie
wurde von ihm verhätschelt, ihr konnte er recht sein, der Lump!
Marie lächelte wehmüthig über solche Faseleien. Sie wußte am besten,
wie recht er ihr war. Die Andern erduldeten seine Gewaltthätigkeiten,
sie erduldete seine Zärtlichkeiten und -- beneidete die Andern.
Aber das sind Dinge, von denen man nicht spricht.
Und wovon spricht man überhaupt, wenn man sich den Menschen gegenüber
so fremd fühlt wie Marie? Die Ahnung, die stets in ihr gedämmert hatte,
daß es einem Wesen von ihrem Werthe nicht wohl ergehen könne in dieser
argen Welt, klärte sich allmälig zur Ueberzeugung und machte ihren
Schmerz, aber auch ihre Erhebung aus.
Zwei Jahre schlichen so dahin.
Im Herbste des dritten versammelte sich eine zahlreiche Gesellschaft
von Sportsfreunden im fürstlichen Schlosse. Es wurden Privat-Trials
abgehalten, als Vorbereitung zu den öffentlichen Rennen. Die von Walter
trainirten Fohlen trugen regelmäßig den Sieg davon, und eines Tages
ließ sich der Fürst, berauscht durch diese Triumphe, zu der Behauptung
hinreißen, daß sogar sein alter Holiday noch vermöchte, alle anwesenden
Pferde zu schlagen. Vorausgesetzt, fügte er hinzu, daß Walter ihn
steuere.
Seiner Gewohnheit entgegen, zeigte sich der Head-groom, der sonst jede
Großthuerei seines Herrn überbot, etwas bedenklich. Vor zehn Jahren
war er zum letzten Mal als Jokey geritten, war damals schon um etliche
Pfund zu schwer gewesen. Und dann der Holiday! -- So ausgemacht wie
seinem Fürsten wollte dem Groom der Erfolg des einst Unüberwindlichen
doch nicht scheinen. Aber Walters Ehrgeiz war aufs Höchste gestachelt;
nach langem Erwägen warf er plötzlich die Mütze in die Luft und rief in
einer jugendlichen Anwandlung von Tollkühnheit:
»Hol's der Geier, ich thu's! Es wird den Hals nicht kosten,
Durchlaucht, und wenn's ihn kostet, so sorgen Durchlaucht für meine
Wittib!«
Am folgenden Tage fand ein unvergeßlich schönes Rennen statt. Walter
lachte bei den Zurufen, die ihn bei seiner Ankunft auf der Bahn von der
Tribüne aus begrüßten, und auch Holiday fletschte die langen gelben
Zähne und sah verächtlich drein. Wer weiß, was er dachte, der hagere
Vollblut; doch zu denken ~schien~ er: Fordert Ihr mich noch
einmal heraus? Und könntet doch wissen, was es auch koste: ich bestehe!
Vom Anfang nahm er die Führung und war nicht einen Augenblick in
Gefahr, sie zu verlieren. Die anderen Pferde kämpften mit ihm, er --
nur mit sich, mit der Athemnoth, die den Alten würgte, während er von
seinem Reiter wüthend aufgetrieben den Weg verschlang. Er gab seine
letzte Kraft, aber die ganze. Das Maul trocken wie Feuer, die Augen
starr und herausgequollen schoß er am Ziel vorbei und schlug zehn
Schritte weiter in den Boden, wie ein Projectil. Das Pferd blieb todt,
den Reiter zog man noch lebend unter ihm hervor. Aber er sagte gleich:
»Mit mir is vorbei!«
Der Arzt, der Chirurg eilten hinzu, der Fürst wollte durchaus seinen
schwer verwundeten Diener im Schlosse verpflegen lassen, Walter wies
Alles von sich, er verlangte nach Hause, zu seinem Weibe, so rasch als
möglich zu ihr. Keine Minute von den wenigen, die ihm noch zugezählt
waren, mochte er anders zubringen als Auge in Auge, Hand in Hand
mit der Vielgeliebten. »Aus dem Weg',« winkte er jedem, der sich
seinem Lager nahte, dem Arzt, den Kameraden, dem hohen Gebieter, dem
trostsprechenden Priester. --
»Aus dem Weg! laßt's mich nur noch in Ruh' mein schönes Weib
anschauen!« keuchte der Sterbende. Unablässig flüsterte er ihr zu, oder
lachte leise vor sich hin, wie umgaukelt von süßen Erinnerungen.
»Ich war so glücklich mit Dir! -- Ich hab' Dich aber auch glücklich
gemacht ... Du hast Deinen Walter rechtschaffen lieb gehabt, nicht
wahr, mein Schatz?« Sein Blick suchte den ihren: »Nicht wahr?«
wiederholte er.
Marie schloß die Augen -- erzitternd neigte sie sich über ihn.
Er sah es noch und legte die stumme Gebärde als Bejahung aus.
»Ich weiß, ich weiß -- so stirbt sich's gut,« hauchte er im letzten
Athemzuge.