V.

Die drei Musikbanden, die bei der Hochzeit des Alois aufgespielt

hatten, wurden auch zur Hochzeit Walters in das dörfliche Hôtel

entboten und übertrafen sich selbst an Getöse und Dissonanzen.

Mariechen tanzte in den Ehestand hinein, tanzte die ganze Nacht

hindurch. Ihr Mann saß da breit und geduldig und bewunderte sie.

Mit Liebesblicken verfolgte er ihre weiße Gestalt, die anmuthig,

melancholisch, unermüdlich dahin schwebte, und die ein leiser Schauer

zu durchrieseln schien, sobald der Reigen sie in seine Nähe führte.

Dann beugte ihr Gesicht sich tiefer auf die Brust, und ihre gesenkten

Augen schlossen sich.

Der Morgen kam und machte dem Fest ein Ende. Am Arme des Gemahls

wanderte Marie nach ihrer neuen Behausung.

Walter hatte während des Brautstandes sich oft der Sorgfalt berühmt,

mit welcher er seine geräumige Junggesellenwohnung zum Empfang der

holden Frau würdig hergestellt. Damit die Ueberraschung für Marie und

ihre Mutter eine völlige sei, hatte keine von ihnen dem Verlobten bei

der Besorgung seiner häuslichen Einrichtung hülfreiche Hand leisten,

überhaupt keine seine Schwelle betreten dürfen.

Und nun kam Marie und sah ihre Wunder.

Vor Allem ein Kanapee, mit rothem Sammet überzogen, und einen Spiegel

in Goldrahmen an der Wand. Ein grüner Vorhang an einem Fenster, und am

andern ein gelber, etwas verschossen beide, aber -- einst waren sie

prächtig gewesen, wie der Zimmerwärter sagte, der sie Waltern geschenkt.

Die Sessel und den Tisch hatte dieser dem Mann abgekauft. Es waren

»Ausmusterer« aus dem fürstlichen Schlosse, und sehr abgenützte, aber

-- durch lauter hohe und erlauchte Personen. An dem Tisch, an dem er

jetzt mit seinem »Weiberl« frühstücken wollte, hatte Walter vor zwanzig

Jahren die hochselige Durchlaucht, die Mutter seines Herrn, sitzen

sehen; er bestand aus einer runden, nach der Seite geneigten Platte,

die von einem auf dem Kopf stehenden grünen Delphin getragen wurde.

Mariechen betrachtete die zusammengewürfelte Meublirung des

Prunkgemachs etwas verächtlich, und verlangte Bekanntschaft mit dem

Wohnzimmer und der Küche zu machen. Walter kratzte sich hinter dem Ohr.

Das Wohnzimmer -- das war da ... das war eben sein eigenes, in dem er

gar gern seine Marie aufnehmen und auch dulden wolle, daß sie darin

ein wenig Ordnung mache. Nur die Hunde dürften nicht hinausgeschafft

werden, mit denen müsse sie sich vertragen. Und die Küche -- was die

Küche betraf ... Er wollte es nur lieber gleich eingestehen -- an die

habe er nicht gedacht. Die einzurichten bleibe Marien überlassen.

Geld dazu und überhaupt zu Allem, was sie freute, stellte er ihr zur

Verfügung. Er selbst brauchte so viel wie nichts, sie konnte nach

Willkür über seine Einnahmen schalten und walten. Damit legte er

seine gestern erhobene halbjährliche Besoldung in Gestalt von zehn

»Hunderten« in die Hände Mariens, die sich in deren Besitz reicher

dünkte als die Kaiserin, und sich erstaunt fragte, auf welche Weise man

es fertig bringen könne, eine so mörderlich große Summe auszugeben?

Nur zu bald indessen wurde sie darüber belehrt und machte auch zugleich

die Erfahrung, daß Kaufen und Bezahlen für ihren Mann bisher zwei Dinge

gewesen, die mit einander nichts zu thun hatten. Täglich erschienen

Leute mit Geldforderungen alten oder neuen Datums bei Frau Marie

Walter. »Ihr Herr schickt uns,« hieß es. »Geht zu meiner Frau, hat er

gesagt, meine Frau führt die Kasse.«

Schon nach einigen Wochen mußte Marie ihm bekennen, daß diese Kasse

nur noch in seiner Einbildung bestand. Er wurde sehr unwirsch; gleich

darauf jedoch warf er sich seiner Frau an den Hals, flehte um ihre

Verzeihung, klagte und wimmerte, und verfluchte seinen Leichtsinn. Am

Abend gab er, um sich ein wenig von seinen Sorgen zu zerstreuen, im

Wirthshaus ein Gelage, zu dem er die besten Trinker des Ortes lud.

Er kam freilich heiter und vergnügt nach Hause, aber im Laufe des

Tages fand der Wirth sich ein und theilte Marien mit, daß die Kosten

des großen Aufwands, den Walter seit seiner Ankunft trieb, ja sogar

diejenigen seines Hochzeitsfestes, bis zur Stunde noch unberichtigt

geblieben waren. Der Wirth hatte oft und stets vergeblich gemahnt und

erklärte sich nun entschlossen, seine Forderung mit Hülfe des Gerichtes

einzubringen.

Zitternd und zagend bestellte Marie die leidige Botschaft.

Sie wußte die Angst, die sie dabei empfand, zu verbergen, vergoß keine

Thräne und begegnete dem Wuthausbruch Walters mit Gelassenheit. Er

wetterte gegen seine Feinde, die ihn haßten, ihn verfolgten, die ihm

das Leben vergällten, und rannte in das Wirthshaus, wo er wie ein

Rasender tobte. Nach einem Kampfe, bei dem es blutige Köpfe absetzte,

wurde er auf die Straße hinaus geworfen. Der Scandal war groß, kam

der Herrschaft zu Ohren und sollte die Entlassung des Head-groom zur

Folge haben. Da begab sich Marie auf das Schloß, erbat Audienz bei der

Fürstin und erlangte die Begnadigung ihres Mannes. Dem aber sollte

bedeutet werden, er habe dieselbe einzig und allein der Fürbitte seiner

braven Frau zu verdanken.

Der Ueberbringer dieses milden Urtheils war der Kanzleirath. Er fand

Walter und Marie in einer sehr rein gefegten, aber kahlen Stube. Das

rothe Kanapee, die Vorhänge, der Spiegel waren verschwunden, der

ehrwürdige Delphintisch, ein paar Holzsessel und ein elender Schrank

-- daraus bestand die ganze Einrichtung.

Beim Eintreten des greisen Würdenträgers erhoben sich Mann und Frau. Er

legte die Pfeife, sie ihre Flickarbeit aus der Hand und stehend nahmen

beide die Verkündigung der fürstlichen Resolution entgegen. Als der

Kanzleirath mit der Wiederholung der Worte schloß: »Nur der Fürbitte

Seiner braven Frau,« erhob Walter ein tolles Triumphgeschrei.

»Ich hab' halt ein Weiberl!« jubilirte er und schlug in seine Hände.

»Ein Mann, der ein solches Weiberl hat -- an dem is was! Nicht wahr,

gnädiger Herr? Nicht wahr? Jedem, der nein sagt, schlag' ich die

Knochen entzwei!«

Er schwor, daß er seine schöne, gute, prächtige Frau liebe und

vergöttere und nie aufhören werde, ihren Ruhm zu verkündigen.

Ueber Mariens abgehärmtes Gesicht war bei den Worten des Kanzleiraths,

die ihrer in so ehrenvoller Weise erwähnten, ein Lichtstrahl

geflogen; er erlosch und verwandelte sich in düsteres Entsetzen bei

den stürmischen Ausrufungen Walters. Mit einer Gebärde tiefinnersten

Grauens wandte sie sich von ihm ab.

Da schlug er ein lautes Gelächter auf, faßte sie in seine Arme, hielt

die machtlos Widerstrebende fest an sich gedrückt und rief: »So is sie!

Jetzt können Sie's sehen! Loben soll man sie nicht, lieb haben auch

nicht ... Sie is gar zu bescheiden, sie is ein ganzer Engel und eine

Zweite giebt's nicht auf der Welt!«

Der Kanzleirath betrachtete das Ehepaar mit einer unbehaglichen

Empfindung. Was war es denn, das ihn, beim Anblick eines rohen, aber

gegen die Frau, die ihn zu beherrschen schien, liebreichen Gesellen an

das -- vielleicht halb, vielleicht ganz unbewußt -- grausame Spiel der

Katze mit der Maus erinnerte?

Er erhob den Finger drohend gegen Walter: »Sekkir' Er seine Frau

nicht!« und zu dieser sagte er: »Frauchen, Frauchen, es ist gut zu

wissen, daß Sie bei Ihrem Manne so viel gilt. In der Zukunft wird Sie

responsabel gemacht für seine Brutalitäten und bösen Streiche. Eine

Frau vermag viel über einen Mann, der sie gern hat, bring' Sie den

Ihren unter den Pantoffel, das wird gut für ihn sein.«

Walter war entzückt von diesem Rath und stimmte frohlockend ein. Ja,

der Pantoffel, dafür war er der rechte Mann! Dem Pantoffelregiment

wollte er sich von nun an noch gehorsamer fügen, als es bisher

geschehen war. Sein geliebtes Weib wisse recht gut, wer ihn an einem

Faden lenken könne, wem er sich unbedingt unterwerfe, wer von ihm noch

nie ein böses Wort bekommen habe.

»Red' doch, Marie! sag's dem Herrn Kanzleirath, ob Du mit mir nicht

thust, was Du willst, ob ich's an Lieb' zu Dir fehlen lass'.«

»Nein! nein! nein!« stieß Marie mit hastiger Betheuerung hervor, machte

sich von Walter los, der ganz gerührt worden war, sie anglotzte und

plötzlich zu schluchzen begann.

Der Kanzleirath suchte nach einem eindringlichen Abschiedswörtchen.

»Walter,« sprach er, »Seine Frau ist jedenfalls Seine bessere Hälfte.

Es freut mich, daß Er das erkennt in Liebe und Hochachtung. Suche

Er sich diese Seine Liebe zu erhalten, sie adelt Ihn, den übrigens

Tiefgesunkenen, und beschützt ihn vor dem totalen Untergang. Also, hört

Er? ... Seine Liebe für Seine Frau ...«

Ein verstohlener flehender Wink Mariens, den der alte Herr mißverstand,

ermunterte ihn mit noch größerem Nachdruck fortzufahren:

»Die ist an Ihm das Beste; die lasse Er nie erlöschen in Seinem

übrigens nichts taugenden Herzen. Merke Er sich das! Wird Er sich's

merken?«

»Dreitausend Juramente leg' ich darauf ab!« schluchzte Walter und

streckte die Arme nach seinem Weibe aus. Marie jedoch mußte jetzt dem

Kanzleirath das Geleite geben, der sich zur Thür gewendet hatte.

Im Flur blieb der Alte stehen, klopfte der kleinen Frau freundlich

die Wange und sagte: »Nun, hab' ich's gut gemacht, hab' ich --« Der

Ausdruck von Verzweiflung in Mariens Gesicht ließ ihn betroffen inne

halten.

»Gut gemeint haben Sie's, aber Sie haben nichts Gutes gethan,« sprach

sie sanft zwar, aber mit einer Entschiedenheit, die jeden Widerspruch,

ja sogar jede Frage im Voraus abwies.

Der Alte ging seiner Wege.

»Nichts Gutes?« fragte er sich. »Was will sie denn? ... Eine feine

Frau, eine respectable, treffliche Frau ... Allein aber -- im Gegensatz

zu anderen kopflosen und in ewigem Gezappel befindlichen Weibervolk

wünschte man ihr ein Endchen Leichtsinn und etwas von der Bewegung, die

laut neuester Resultate wissenschaftlicher Forschung -- Wärme ist.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 17 / 34 题