Mit der Eroberung Mariens hingegen wollte es nicht vorwärts gehen.
Walter wurde von ihr nach zwei Monaten eifrigster und heißester
Bewerbung mit derselben Gleichgültigkeit behandelt, wie am ersten Tage.
Er ließ sich dadurch nicht abschrecken. »Denn,« sprach er tröstend zu
Josepha, wenn diese ihn beschwor, nicht die Geduld mit ihrem thörichten
Mädel zu verlieren, »ich brauch' sechs Monate, um ein dreijähriges
Fohlen herzurichten. So viel Zeit muß Einer auch an seine Zukünftige
wenden können.«
Diese Langmuth steigerte die Liebe Josephas zu ihm bis zur Schwärmerei,
und sie leistete an Ueberredungskünsten, was eine Mutter, die ihre
Tochter unter die Haube zu bringen wünscht, nur irgend leisten kann.
»Heirathe ihn, glaube mir!« wurde sie nicht müde, Marien zu
wiederholen. »Er hat Dich gern, er ist brav und reich und, Gott sei
Dank! nicht mehr jung. Was man an einem Jungen hat, davon kann ich
erzählen.«
Sie äußerte einen solchen Abscheu gegen jeden andern als einen
»gesetzten« Mann, daß es nicht ihre Schuld war, wenn Marie nicht
endlich überzeugt wurde, daß jung und liederlich eins und dasselbe sei.
Alles umsonst! Die Tochter blieb auch nach drei Monaten fortgesetzter
Bemühungen von Seite Walters und Zuredens von Seite der Mutter
standhaft dabei: »Ich mag ihn nicht! ich nehm' ihn nicht.«
Josepha verzweifelte und führte in ihrer Verzweiflung ein neues
System ein: das des Schweigens. Sie richtete an ihre Tochter nur noch
gezwungen das Wort. Ein kurzes Ja, ein kurzes Nein war Alles, was
Mariechen der Tiefgekränkten und Empörten abzuringen vermochte, und
auch das nur in dem Fall, als die dringendste Bitte oder Frage des
einst verwöhnten Kindes sich durchaus nicht mit einem verächtlichen
Achselzucken, einem mürrischen Nicken abthun ließ. Mariechen litt
vermuthlich sehr unter dieser grausamen Behandlung, aber sie verrieth
es nicht, beklagte sich nicht, sie war liebevoller denn je mit ihrer
Mutter und dabei würdevoller denn je. In ihrem Auftreten lag etwas wie
die gehaltene hohe Ruhe einer gottergebenen Märtyrerin.
Eines Morgens, es war am 29. Juni, -- die alte Waschfrau vergaß
das Datum nie wieder -- sie und ihre Tochter waren vom schweigend
eingenommenen Frühstück ausgestanden, da stürzte athemlos eine
Nachbarin ins Zimmer. »Jesus Maria! habt Ihr schon gehört -- die
Bäuerin die Ludmilla -- todt!«
»Wer?« schrie Josepha -- »wer?« und die Nachbarin begann von Neuem
ihren Bericht. Es war, wie sie gesagt; die Bäuerin Ludmilla hatte
das Leben verloren, indem sie es einem Zwillingspaar, zwei schönen
kräftigen Knaben gab.
»Arme Frau -- so jung -- so glücklich ...« Josepha griff mechanisch
nach der Strickerei auf dem Tische, und zog hastig, ohne zu wissen, was
sie that, eine Nadel nach der andern heraus. Ihr schwindelte, sie ließ
sich auf ihren Sessel zurück sinken, indes die Nachbarin forteilte, um
auch bei anderen die erste Ueberbringerin der Schreckenskunde zu sein.
Eine Weile blieb Josepha wie erstarrt und blickte nur manchmal zu ihrer
Tochter hinüber, die zum Fenster getreten war und die Maschen an der
Strickerei wieder auffing.
»Marie,« begann die Mutter klagenden Tones. »Was sagst, Marie? -- Sag'
doch 'was, Marie!«
Diese wandte sich und war so ruhig wie der Mond am Himmel.
»Was soll ich sagen? Daß mir recht leid ist um den Alois. Zuerst der
Vater, dann die Frau. Jetzt hat er zwei Begräbniss' in einem Jahr.«
»Ja, ja,« bestätigte die Mutter fast demüthig. Sie hätte jetzt so
Vieles mit ihrer Tochter besprechen mögen. Aber womit denn anfangen?
womit, ohne ihr Kind -- ihr weises, räthselhaftes -- so sichtbar von
höheren Eingebungen geleitetes Kind zu verletzen?
Josepha begnügte sich zuletzt mit einer zärtlichen und feierlichen
Umarmung, und man ging an das Tagewerk.
Abends erschien wie gewöhnlich Herr Walter.
Er hatte dem Whatergage einen »kurzen Spritzer« gegeben und war beim
Nachhausekommen durch den Head-cap von dem Todesfall unterrichtet
worden, der Alois zum freien Mann und vielleicht zu einem für Walter
gefährlichen Nebenbuhler machte. Der Head-cap, der allen Dorfklatsch
kannte und seinem Vorgesetzten alles mögliche Ueble gönnte, theilte
diesem die große Nachricht voll aufrichtiger Schadenfreude mit.
Der Botenlohn, den er erhielt, war ein so kräftiger Schlag ins
Gesicht, daß ihm das Blut aus der Nase lief. Auch die Exercises-Jungen
wurden unter dem Vorwand von allerlei Dienstversäumnissen tüchtig
durchgewichst, und erst nachdem Walter seinen Gefühlen auf diese Weise
ein wenig Luft gemacht, begab er sich zu seiner Tante.
Die getreue Bundesgenossin begrüßte ihn zerstreut; seine Bitte um
Entschuldigung seines späten Kommens erregte ihre Verwunderung. Von
seinen Späßen wollte keiner verfangen. Diejenige, die sonst über den
schlechtesten derselben aus vollem Halse gelacht, lächelte heute über
den besten nur oberflächlich, gleichsam nebenher mit einem Mundwinkel.
Der Groom gab sein heiligstes Geheimniß preis, um ihre Theilnahme zu
erregen und gestand, daß er beim Holiday Zeichen von »Overmarking«
wahrzunehmen glaube. -- Josepha zuckte geringschätzig die Achseln und
entgegnete, er möge verzeihen, wenn sie sich heute weder um den Over
noch um den Marking nicht bekümmern könne -- der Tod der Bäuerin
Ludmilla ginge ihr gar nicht aus dem Kopf.
Walter erhob und empfahl sich, und blieb ein paar Tage ganz fort. Erst
am dritten erschien er wieder, furchtbar gedrückt, und gelb wie eine
Citrone. Josepha war gegen ihn wo möglich noch kühler als letzthin,
Mariechen aber -- freundlich, wie sie es niemals gewesen. Ein sanftes,
gütiges Mitleid äußerte sich in ihren Blicken; und sie sagte tadelnd:
»Aber Mutter!« als diese auf Walters gereizte Frage, ob er vielleicht
ungelegen komme? mit einem halben, gedehnten und gezierten Nein
antwortete, das ein ganzes Ja enthielt.
Der Head-groom und ehemalige Jockey und Sieger in ungezählten Trials
und Rennen, bemeisterte sich nicht länger. Wie eine Rakete ging er los
und sprühte einen Regen von feurigen Zornesfunken.
»Donner und Wetter!« rief er, »spucken Sie's nur heraus, scheniren Sie
sich nicht, ich bin Ihnen ungelegen, ich kann gehen und mich aufhenken.
Der Alois is wieder an der Tour. Hat er sich bereits gemeldet? Ich
trau' ihm's zu, dem Kerl. Der Vater steht nicht mehr hinter ihm mit der
Fuchtel, und sein Weib haben's ja schon gestern hinaustragen!«
Damit trat er auf die Tante zu, die aus lauter Schrecken nicht einmal
die Kraft aufzubieten vermochte, vor ihm zu fliehen. Mariechen warf
sich zwischen ihre Mutter und den Wüthenden, der allsogleich zurückwich
und die drohend geballte Faust in die Tasche steckte.
»Was fällt Ihm ein?« sprach das Mädchen; ihre Augen funkelten, und sie
vermochte nur mühsam die Worte hervorzustoßen; doch kämpfte sie wacker
und starkmüthig um Ruhe. »Wer erlaubt Ihm, sich so etwas einzubilden?
Ich möcht' mich schämen an seiner Stell' ..... Der Alois und ich -- ich
und der Alois ... Ich kenn' keinen Alois mehr, die Mutter da weiß es
am besten, ob wir noch etwas mit einander zu thun haben, der Alois und
ich.«
Walter stand vor ihr mit gesenktem Kopf und zu ihr aufwärts gedrehten
Augen; er stieß einige unartikulirte Laute aus, und schritt ein
paar Male auf und ab. Ein Löwe im Käfig schreitet nicht grimmiger.
Doch besänftigte er sich allmälig und brummte sogar eine Art von
Entschuldigung.
»Nix für ungut. Ich will gern unrecht haben ... Aber wenn man den
Menschen zum Narren macht, muß man sich nicht wundern, wenn er einer
wird. Und jetzt, Adje. In vierzehn Tagen komm' ich wieder, eher nicht.
Ich brauch' Zeit zum Aufpassen .... Wegwerfen thu' ich mich nicht!«
Die vierzehn Tage waren noch nicht verstrichen, und schon kam eine
Verwandte des Alois, die sich früher niemals bei Josepha hatte blicken
lassen, zu dieser in »Visit«. Katzenfreundlich kam sie hereingekrochen,
die alte Barbara, und lächelte mit hundert Grübchen im verwitterten
Gesicht. -- Sobald sie erschien, machte sich Marie in der Küche zu
schaffen und betrat die Stube erst wieder, nachdem die Besucherin
abgezogen war.
»Ich hab' schon 'glaubt, sie wird hier übernachten,« sprach das Mädchen
erregt. »Was hat sie denn wollen?«
»Ja, was sollte sie gewollt haben?« Josepha brachte es zögernd und
recht vorsichtig heraus. Vom Alois war die Rede gewesen, von seinem
Unglück; von den zwei Kindern und dem großen Haushalt, und daß der
Alois nicht lang ein Wittwer bleiben könne. »Es steht ihm jetzt frei,
sich auszusuchen, wen er will; er braucht nicht aufs Geld zu schauen,
nur auf die Bravheit schaut er,« schloß Josepha. »Und so meint die
Barbara, und so meint auch der Alois, daß für ihn keine so passen
möcht', wie halt -- Du.«
»Mutter!« rief Marie unbeschreiblich gekränkt, unbeschreiblich
entrüstet. »Das hat sie gesagt, und das haben Sie angehört -- Mutter?
Wissen Sie denn nicht mehr? Was ist denn meine beständige Red'? Was
hab' ich Ihnen vor Gott geschworen?«
Marie hätte ihre Stimme gedämpft, wenn sie in ihrer Aufregung fähig
gewesen wäre, die Schritte zu vernehmen, welche die Treppe herauf
kamen. Es waren die eines Mannes, eines Beobachters, der das Haus
scharf bewachte, der jede Minute gezählt hatte, die Barbara in
demselben zugebracht und nun auch fragen kam: »Was hat sie gewollt?«
Aber Marie ahnte nichts von seiner Nähe und fuhr in erhobenem Tone fort:
»Wenn Sie Alles vergessen haben, Mutter, so merken Sie sich wenigstens,
was ich Ihnen jetzt sag', und mehr kann ich nimmer sagen: Eh' ich den
Alois heirath', eh' spring' ich ins Wasser, oder werd' dem alten Walter
seine Frau!«
Ein Ausbruch des Entzückens schlug an ihr Ohr, und sie fuhr entsetzt
zurück, als ihr Vetter hereinstürzte, sie in seine Arme schloß, sein
Weib nannte, und sie nicht zu Athem und zu Worte kommen ließ, vor
Betheuerungen seines Jubels und seiner Glückseligkeit.
Ihr Sträuben, ihr beängstigtes Bitten wurde so wenig beachtet wie das
Flattern und Rauschen eines Blattes im Wirbelsturm. Vergeblich wandte
sie sich beschwörend an ihre Mutter. Bei der fand sie keine Zuflucht,
die hatte für sie nur die Antwort: »Du nimmst den Alois oder den
Walter, oder bringst mich ins Grab.«
Als Mariechen einsah, daß ihr Widerstand ohnmächtig sei, gab sie ihn
plötzlich auf und überließ gleichsam Waltern die Entscheidung, indem
sie sprach:
»Hör' Er zu. Den Alois hab' ich gern gehabt, Ihn hab' ich nicht gern;
möcht' Er denn eine Frau nehmen, die Ihn nicht mag?«
Dazu lachte er nur. Ihre Erklärung machte ihm nicht »ein bissel« bang.
Hatte sie ihn jetzt nicht lieb, sie werde ihn schon lieb bekommen,
dafür steh' er gut. Er streckte ihr seine Hände entgegen. Sieht Sie?
das sind keine Hände für einen Groom -- ich habe nie gewußt, wozu der
liebe Herrgott sie mir so übernatürlich groß hat wachsen lassen. Jetzt
weiß ich's. Damit ich Sie recht kommod auf ihnen tragen kann. Und das
wird geschehen!«
Die Mutter schluchzte laut vor Rührung über diese Worte, und ernannte
ihn zum Ehrenmann, soweit er warm war, vom Scheitel bis zur Sohle! und
auch er brach in Thränen aus, begann sogleich seine Versicherung von
Neuem, und bekräftigte sie mit den heiligsten Eiden.
Trotz alledem erlangte er Mariens bindendes Jawort an diesem Tage noch
nicht. Erst einige Wochen später gab sie es ihm -- »Um Ruh' zu haben,«
wie sie unumwunden erklärte, vor ihm, vor der Mutter, und besonders vor
der Barbara, die ihr das Haus einlief mit Botschaften und Bewerbungen
des Jammermanns, des Alois.