Josepha schmunzelte: »So hat Er noch keine?«

»Noch keine! Bis ~jetzt~ keine.« Er legte einen besonderen

Nachdruck auf das »jetzt« und sah dabei Marien mit einem langen

bedeutungsvollen Blick an.

Allmälig ging er aus seiner unternehmenden Stimmung in eine gemüthliche

über. Er rührte sich selbst durch all das Vortreffliche, das er dem

Walter nachzusagen wußte, dem armen Kerl, dem viel Unrecht geschehen

war in der Welt, aus dessen Knaben- und Jünglingsstreichen so viel

Wesens gemacht worden war, und der im Grunde doch Etwas besser hatte,

als die Leute, die sich berechtigt hielten, ihn zu richten: sein Herz!

»Wissen Sie noch, Frau Tant', wie oft unser Herr Pfarrer gesagt hat:

der Bub' ist wild, aber sein Herz ist gut; über sein Herz laß ich

nichts kommen!«

Josepha wußte sich dessen nicht gleich zu besinnen. Walter kam jedoch

ihrem Gedächtniß so geschickt zu Hülfe, daß die alte Frau, als ihr

Neffe sie nach einer mehr als zweistündigen Anwesenheit verließ, darauf

schwor, den Ausspruch, auf den er sich berief, dereinst wirklich von

dem hochwürdigen Herrn Pfarrer selig vernommen zu haben.

Nach und nach wurde der Einfluß Walters auf seine alte Verwandte so

groß, daß es überhaupt nichts mehr gab, was er ihr nicht hätte weis

machen können. Für seine Berufsthätigkeit faßte sie ein lebhaftes

Interesse, und ließ sich seine belehrende Unterhaltung von dem

Einbrechen der Fohlen, und von der ersten, zweiten und dritten

Präparation des Rennpferdes gefallen. Verstand sie auch nicht Alles,

was der Neffe erzählte, so nickte sie doch zustimmend dazu und machte

das überzeugte und gekränkte Gesicht, das die meisten Frauen annehmen,

in deren Gegenwart verehrte Männer Dinge besprechen, die den weiblichen

Horizont übersteigen. Sie lernte die Namen von Walters vierbeinigen

Zöglingen kennen und war bald im Stande, den Goldfuchs Holiday von dem

Rappen Whatergage zu unterscheiden. Sie begann sich sogar ein Urtheil

anzumaßen in Trainingsachen; und als der Groom eines Tages erklärte:

»Ich bleib' dabei, beim Rennpferd geht nix über die Knebeltrensen,«

ließ Josepha sich zu dem Ausruf hinreißen:

»Sieht Er, das sag' ich auch!«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 15 / 34 题