Der Winter verging ganz still. Es wurde viel gearbeitet, viel gebetet,
und von dem lieben Nächsten weniger Uebles gesagt, als sich hätte
sagen lassen. Am Weihnachtsabend machte Mariechen ihrer Mutter eine
Ueberraschung. Das letzte der Einrichtungsstücke, die zu Lebzeiten des
Vaters hatten verpfändet werden müssen, Josephas Brauttruhe, kam wieder
nach Hause. Mittels der selbsteigenen Ersparnisse Mariens eingelöst,
stand sie nun frisch lackirt, mit Tannenreisern umwunden, in der Stube,
und die Mutter vergoß bei ihrem Anblick Thränen der Freude und --
des Entsetzens. Die Truhe glich in ihrem dunkeln Schmuck und mit den
vier an ihren Ecken angebrachten Kerzen ganz und gar einem Sarge. Der
Gedanke an den Tod trat der alten Frau lebhafter denn je entgegen, und
in seinem Gefolge kam der allerbitterste: »Was geschieht, wenn ich
nicht mehr bin, mit meinem Kleinod, meinem Kinde?« Sie hatte soviel
ausgestanden in ihrer Ehe und ersehnte doch nichts heißer, als Marie
zu verheirathen. Dem Mädchen einen »Ernährer« zu verschaffen, war der
höchste Wunsch der Frau, die sich selbst erst satt aß, nachdem ihr
Ernährer gestorben war.
Eines sonnigen Nachmittags im März war Marie in die Kirche gegangen,
dem »Segen« beizuwohnen. Josepha befand sich allein und war eifrigst
damit beschäftigt -- was ihr jetzt gar oft geschah -- der gütigen
Vorsehung in das Handwerk zu pfuschen. Möge die gütige Vorsehung es ihr
verzeihen, aber Vieles hätte Josepha besser einzurichten verstanden als
diese. Da hatte zum Beispiel vor Kurzem ein erschütternder Trauerfall
das ganze Dorf in Aufregung versetzt: der Vater des schönen Alois war
gestorben.
Wahrlich, Josepha wünschte keinem Menschen den Tod, am wenigsten einem,
gegen welchen sie in der Tiefe ihres Herzens einen Groll gehegt. Wenn
aber der Dorfkrösus denn doch bereits am Ziel seiner Tage stand, warum
durfte er es nicht um einige Wochen früher erreichen? Alles wäre besser
geworden für Alle und zumeist für seinen eigenen Sohn. Der hätte sich
mit Marie glücklicher gefühlt als mit seiner hoffärtigen und geizigen
Frau, die ihn schlechter hielt, wie es hieß, als die Knechte seines
Vaters gehalten worden. Was hatte der Alois jetzt von seinem Reichthum,
und wieviel mehr hätte er davon haben können, wenn ihm erlaubt worden
wäre, sich mit weniger zu begnügen?
Josephas Phantasie begann zu spielen, umwob die Alte mit so lieblichen
Bildern, daß sie, ganz in ihnen versunken, ein lautes hartes Klopfen
an der Thür überhörte und verdutzt zusammenfuhr, als sie plötzlich
dicht unter ihrem gesenkten Blick eine große Hand gewahrte, die sich
ihr entgegenstreckte. Sie sah empor -- vor ihr stand ein untersetzter
Mensch, etwas kahlköpfig, mit runden Glotzaugen und aufgerissenen
Nasenlöchern. Er war sehr elegant gekleidet, im schwarzen Leibrock, in
weißen Lederbeinkleidern und hohen lackirten Reitstiefeln mit prächtig
funkelnden Sporen.
»Nun, Frau Tant'! Wie schauen Sie mich denn an?« -- sagte er, nachdem
er sich eine Weile an der Ueberraschung geweidet, mit der sie ihn
betrachtete. »Mir scheint, Sie kennen mich nicht mehr.«
»Herr Jesus! das is ja der Walter,« sprach Josepha zögernd.
»Na endlich! -- der Walter, im glaub' es auch,« lachte er, nahm einen
Stuhl, setzte sich der alten Waschfrau gegenüber, und sie begannen zu
plaudern.
Er war der Sohn einer Muhme Josephas, hatte in seiner Jugend »kein gut«
gethan, war zum Militär gekommen in ein Cavallerieregiment und hatte
dort sein Talent entdeckt: das Pferdebändigen. Der Rittmeister, Fürst
L., der einen Rennstall hielt, hatte ihn in seinen Dienst genommen
und sandte ihn zur Ausbildung nach England auf die hohe Schule eines
Trainers. Von dort war er als ein ganzer Engländer zurück gekommen,
konnte sich aber mit seinem früheren Herrn nicht mehr befreunden und
verließ ihn in Folge einer Meinungsdifferenz, wie Herr Walter sagte.
Die Wahrheit war, daß er entlassen wurde, weil ein Lieblingspferd des
Fürsten seiner rohen Behandlung erlegen. Nun war er als Head-groom in
den Dienst der Herrschaft seiner Tante getreten, war gestern angelangt
mit sechs Exercises-Jungen und sechs Pferden, und hatte die Aufgabe,
die letzteren zu den Herbstrennen »fit« zu machen.
»So, so -- fit,« wiederholte die Alte, ohne eine Erklärung dieser
Thätigkeit zu verlangen, »was kriegt Er denn für sein Fitmachen??«
»Na, es macht halt, Alles in Allem gerechnet, etwas wie zweihundert
Livres jährlich, das heißt ungefähr soviel wie zweitausend Gulden.«
»Zweitausend Gulden?« schrie Josepha und setzte entrüstet hinzu --
»zweitausend Narren. Ich sehe schon, Er ist noch derselbe Hanswurst,
der er immer gewesen ist.«
Beinahe eine Viertelstunde brauchte der durch ihren Eifer belustigte
Neffe, um sie zu überzeugen, daß er die Wahrheit gesprochen hatte.
Dann aber rückte Josepha von ihm weg und betrachtete ihn aus einiger
Entfernung, um so einen Totaleindruck von dem Mann zu gewinnen, der
»Sie« zu ihr und zu dem sie »Er« sagte, der als kleiner Junge mehr
als einen Puff von ihr empfangen und nun dasaß in ihrem bescheidenen
Stübchen und zweitausend Gulden Rente hatte.
Schön war er durch das viele Geld freilich nicht geworden; aber was
liegt daran, ob ein Mann schön oder häßlich ist, eine Frau kriegt
er doch ... Dieser Walter hat vielleicht schon eine? Ein gewisses
Unbehagen bemächtigte sich Josephas zugleich mit der Vermuthung, und
sie war eben im Begriff, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, als
die Thür abermals geöffnet wurde, und auch geöffnet blieb. Die dunkle
Einfassung derselben schloß ein ungemein liebliches Bild ein.
Mariechen stand auf der Schwelle, vom hellen Sonnenschein, der die
Mansardentreppe überfluthete, wie von einer Glorie umflossen. In
ihrem Erstaunen über die Anwesenheit eines Fremden hatte sie den
Schritt gehemmt und sah mit dem leicht vorgestreckten Hals und mit
dem neugierig scheuen Blick der braunen Rehaugen ganz einfach -- zum
Entzücken aus. Walter war aufgesprungen und betrachtete sie völlig
bezaubert.
Josephas mütterlicher Stolz schwelgte im Anblick des Eindrucks, den die
Erscheinung ihrer Tochter hervorrief. Mariechen war eher unangenehm
davon berührt und verhielt sich dem Herrn Vetter gegenüber, der sie
während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit nicht aus den Augen ließ,
ablehnend und kühl. Aber gerade dieses Benehmen schien einen besonderen
Reiz für den Groom zu haben. Er schlug vergnügt in die Hände, so oft er
auf eine seiner kernigen Schmeicheleien eine trotzige Antwort erhielt,
und rief: »Das ist mir Eine! So recht! Schon recht, so gefallt's mir.
Ja, wenn ich einmal eine Frau nehm', nehm' ich nur eine Stolze!«