III.

Der Winter verging ganz still. Es wurde viel gearbeitet, viel gebetet,

und von dem lieben Nächsten weniger Uebles gesagt, als sich hätte

sagen lassen. Am Weihnachtsabend machte Mariechen ihrer Mutter eine

Ueberraschung. Das letzte der Einrichtungsstücke, die zu Lebzeiten des

Vaters hatten verpfändet werden müssen, Josephas Brauttruhe, kam wieder

nach Hause. Mittels der selbsteigenen Ersparnisse Mariens eingelöst,

stand sie nun frisch lackirt, mit Tannenreisern umwunden, in der Stube,

und die Mutter vergoß bei ihrem Anblick Thränen der Freude und --

des Entsetzens. Die Truhe glich in ihrem dunkeln Schmuck und mit den

vier an ihren Ecken angebrachten Kerzen ganz und gar einem Sarge. Der

Gedanke an den Tod trat der alten Frau lebhafter denn je entgegen, und

in seinem Gefolge kam der allerbitterste: »Was geschieht, wenn ich

nicht mehr bin, mit meinem Kleinod, meinem Kinde?« Sie hatte soviel

ausgestanden in ihrer Ehe und ersehnte doch nichts heißer, als Marie

zu verheirathen. Dem Mädchen einen »Ernährer« zu verschaffen, war der

höchste Wunsch der Frau, die sich selbst erst satt aß, nachdem ihr

Ernährer gestorben war.

Eines sonnigen Nachmittags im März war Marie in die Kirche gegangen,

dem »Segen« beizuwohnen. Josepha befand sich allein und war eifrigst

damit beschäftigt -- was ihr jetzt gar oft geschah -- der gütigen

Vorsehung in das Handwerk zu pfuschen. Möge die gütige Vorsehung es ihr

verzeihen, aber Vieles hätte Josepha besser einzurichten verstanden als

diese. Da hatte zum Beispiel vor Kurzem ein erschütternder Trauerfall

das ganze Dorf in Aufregung versetzt: der Vater des schönen Alois war

gestorben.

Wahrlich, Josepha wünschte keinem Menschen den Tod, am wenigsten einem,

gegen welchen sie in der Tiefe ihres Herzens einen Groll gehegt. Wenn

aber der Dorfkrösus denn doch bereits am Ziel seiner Tage stand, warum

durfte er es nicht um einige Wochen früher erreichen? Alles wäre besser

geworden für Alle und zumeist für seinen eigenen Sohn. Der hätte sich

mit Marie glücklicher gefühlt als mit seiner hoffärtigen und geizigen

Frau, die ihn schlechter hielt, wie es hieß, als die Knechte seines

Vaters gehalten worden. Was hatte der Alois jetzt von seinem Reichthum,

und wieviel mehr hätte er davon haben können, wenn ihm erlaubt worden

wäre, sich mit weniger zu begnügen?

Josephas Phantasie begann zu spielen, umwob die Alte mit so lieblichen

Bildern, daß sie, ganz in ihnen versunken, ein lautes hartes Klopfen

an der Thür überhörte und verdutzt zusammenfuhr, als sie plötzlich

dicht unter ihrem gesenkten Blick eine große Hand gewahrte, die sich

ihr entgegenstreckte. Sie sah empor -- vor ihr stand ein untersetzter

Mensch, etwas kahlköpfig, mit runden Glotzaugen und aufgerissenen

Nasenlöchern. Er war sehr elegant gekleidet, im schwarzen Leibrock, in

weißen Lederbeinkleidern und hohen lackirten Reitstiefeln mit prächtig

funkelnden Sporen.

»Nun, Frau Tant'! Wie schauen Sie mich denn an?« -- sagte er, nachdem

er sich eine Weile an der Ueberraschung geweidet, mit der sie ihn

betrachtete. »Mir scheint, Sie kennen mich nicht mehr.«

»Herr Jesus! das is ja der Walter,« sprach Josepha zögernd.

»Na endlich! -- der Walter, im glaub' es auch,« lachte er, nahm einen

Stuhl, setzte sich der alten Waschfrau gegenüber, und sie begannen zu

plaudern.

Er war der Sohn einer Muhme Josephas, hatte in seiner Jugend »kein gut«

gethan, war zum Militär gekommen in ein Cavallerieregiment und hatte

dort sein Talent entdeckt: das Pferdebändigen. Der Rittmeister, Fürst

L., der einen Rennstall hielt, hatte ihn in seinen Dienst genommen

und sandte ihn zur Ausbildung nach England auf die hohe Schule eines

Trainers. Von dort war er als ein ganzer Engländer zurück gekommen,

konnte sich aber mit seinem früheren Herrn nicht mehr befreunden und

verließ ihn in Folge einer Meinungsdifferenz, wie Herr Walter sagte.

Die Wahrheit war, daß er entlassen wurde, weil ein Lieblingspferd des

Fürsten seiner rohen Behandlung erlegen. Nun war er als Head-groom in

den Dienst der Herrschaft seiner Tante getreten, war gestern angelangt

mit sechs Exercises-Jungen und sechs Pferden, und hatte die Aufgabe,

die letzteren zu den Herbstrennen »fit« zu machen.

»So, so -- fit,« wiederholte die Alte, ohne eine Erklärung dieser

Thätigkeit zu verlangen, »was kriegt Er denn für sein Fitmachen??«

»Na, es macht halt, Alles in Allem gerechnet, etwas wie zweihundert

Livres jährlich, das heißt ungefähr soviel wie zweitausend Gulden.«

»Zweitausend Gulden?« schrie Josepha und setzte entrüstet hinzu --

»zweitausend Narren. Ich sehe schon, Er ist noch derselbe Hanswurst,

der er immer gewesen ist.«

Beinahe eine Viertelstunde brauchte der durch ihren Eifer belustigte

Neffe, um sie zu überzeugen, daß er die Wahrheit gesprochen hatte.

Dann aber rückte Josepha von ihm weg und betrachtete ihn aus einiger

Entfernung, um so einen Totaleindruck von dem Mann zu gewinnen, der

»Sie« zu ihr und zu dem sie »Er« sagte, der als kleiner Junge mehr

als einen Puff von ihr empfangen und nun dasaß in ihrem bescheidenen

Stübchen und zweitausend Gulden Rente hatte.

Schön war er durch das viele Geld freilich nicht geworden; aber was

liegt daran, ob ein Mann schön oder häßlich ist, eine Frau kriegt

er doch ... Dieser Walter hat vielleicht schon eine? Ein gewisses

Unbehagen bemächtigte sich Josephas zugleich mit der Vermuthung, und

sie war eben im Begriff, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, als

die Thür abermals geöffnet wurde, und auch geöffnet blieb. Die dunkle

Einfassung derselben schloß ein ungemein liebliches Bild ein.

Mariechen stand auf der Schwelle, vom hellen Sonnenschein, der die

Mansardentreppe überfluthete, wie von einer Glorie umflossen. In

ihrem Erstaunen über die Anwesenheit eines Fremden hatte sie den

Schritt gehemmt und sah mit dem leicht vorgestreckten Hals und mit

dem neugierig scheuen Blick der braunen Rehaugen ganz einfach -- zum

Entzücken aus. Walter war aufgesprungen und betrachtete sie völlig

bezaubert.

Josephas mütterlicher Stolz schwelgte im Anblick des Eindrucks, den die

Erscheinung ihrer Tochter hervorrief. Mariechen war eher unangenehm

davon berührt und verhielt sich dem Herrn Vetter gegenüber, der sie

während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit nicht aus den Augen ließ,

ablehnend und kühl. Aber gerade dieses Benehmen schien einen besonderen

Reiz für den Groom zu haben. Er schlug vergnügt in die Hände, so oft er

auf eine seiner kernigen Schmeicheleien eine trotzige Antwort erhielt,

und rief: »Das ist mir Eine! So recht! Schon recht, so gefallt's mir.

Ja, wenn ich einmal eine Frau nehm', nehm' ich nur eine Stolze!«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 14 / 34 题