II.

Schon seit geraumer Zeit hatte der Weg, den Alois am Morgen nach

dem Felde nahm, richtig immer an dem von Josepha und ihrer Tochter

bewohnten Hause vorbei geführt. Der Bursche machte sich diesen Zufall

nicht zu Nutze; im Gegentheil, sobald er in die Nähe der Fenster kam,

hinter denen er das hübsche Mädchen hätte erspähen können, wandte er

den Blick ab und schnalzte dann wüthend mit der Peitsche über die Köpfe

seiner Pferde hin. Mariechen hielt sich ruhig an ihre Arbeit, während

er draußen vorüberzog, und nickte nur gnädig bejahend der Mutter zu,

die regelmäßig mit gespieltem Mißvergnügen sprach: »Der schnalzt heute

wieder, der! daß einem die Ohren gellen.«

Am Morgen nach dem Erntefest ging Mariechen zeitiger denn je an ihr

Tagewerk und begann zu plätten, hurtig und gediegen wie immer, aber

mit einem ganz besonderen Eifer. Die Mutter ließ die eigene Arbeit

fast ruhen, um der Tochter bewundernd zuzusehen. Doch wagte sie

nicht, ihren Gefühlen Worte zu leihen; eine gar zu finstere Wolke

verdüsterte Mariechens Stirn, ein gar zu tiefer Groll umlagerte ihre

festgeschlossenen Lippen.

Josepha horchte schon lange aufmerksam nach der Straße hin, warf von

Zeit zu Zeit einen Blick auf die Wanduhr und murmelte: »Die rennt wie

närrisch! die rennt!« -- Und nach einer halben Stunde beharrlichen

Schweigens begann die Alte wieder: »Ich weiß nicht, mir scheint, ich

werd' taub. Jetzt hör' ich nicht einmal mehr, wenn Einer schnalzt.«

»Mutter,« entgegnete Marie, ohne die Augen zu erheben, »ich bin nicht

taub, aber ich höre auch nichts und möcht' auch nichts mehr hören.

Denn, Mutter, wenn der dumme Bub' jetzt daher käm' und mich himmelhoch

bitten thät, daß ich ihn nehmen soll -- im nähm' ihn nicht mehr. Ihr

versteht das nicht, Mutter, aber ich schwör' es Euch, bei Gott!«

Josepha schwieg und staunte. Es war ausgemacht, sie verstand das und

überhaupt noch vieles Andere nicht an ihrem wunderbaren Kinde. Dennoch

konnte sie sich nicht so schnell von ihrem liebsten Traume trennen.

Warum gleich verzagen, was war im Grunde geschehen? Daß Alois sich

von seinem Vater vom Tanze hatte wegbefehlen lassen? Was hätte er

denn anfangen sollen? -- Dem Vater vor allen Leuten Trotz bieten?

Einen lärmenden Auftritt herbeiführen? -- War es nicht gut und klug

gethan, sich in einer Kleinigkeit schweigend zu fügen, und seine ganze

Widerstandskraft für die entscheidende Stunde zu sparen? --

Mit diesen Gedanken wußte Josepha sich so ziemlich zu trösten, bis eine

seltsame Kunde, die das Dorf durchlief, auch zu ihr drang.

Der schöne Alois war von seinem Vater so gedroschen worden, daß einer

Weizengarbe, die an seiner Stelle eine derartige Behandlung erfahren

hätte, der Weg zur Tenne erspart geblieben wäre.

Eine ganze Woche lang ließ der große Junge sich nicht sehen; der kleine

Alte jedoch stolzirte selbstbewußter denn je umher und sprach mit

durchsichtig geheimnißvoller Anspielung zu seinen Vertrauten: »Ja, ja

-- am Kind muß man die Prügel sparen, dann geben sie am Erwachsenen

'was aus!« -- Und noch eine Woche, und der Dechant verkündigte von der

Kanzel den Bauernsohn Alois und die Bauerntochter Ludmilla als Verlobte.

Eines sonnigen Spätherbstmorgens bewegte sich ein lärmender

Hochzeitszug, in vierzehn Gefährten, durch die lange Gasse des Dorfes.

Voran ein Leiterwagen größter Qualität, beladen mit der Aussteuer

der Braut: bunt bemalte Kasten und Truhen, deren prunkvolles Aeußere

auf den entsprechenden Inhalt an Linnen, Gewändern und Hausgeräth

schließen ließ. Unzählige hochaufgeschichtete Kissen und Federbetten,

eine zitternde Pyramide, auf welcher zwischen Himmel und Erde das

Wahrzeichen einer unbefangen ausgesprochenen Hoffnung, die wuchtige,

derb geschnitzte Wiege schwankte. Drei Musikbanden folgten, und

jede von ihnen war beflissen, die beiden andern in Grund und Boden

zu schmettern und zu pauken. Dann kam der Brautwagen, von vier

glänzend geschirrten, glockenbehangenen Pferden gezogen. Sie wurden

vom Sattelgaule aus von einem Burschen gelenkt, der kaum unter der

Fülle von Bändern und Flittern, die ihm über die Augen niederhingen,

hervorzugucken vermochte.

In der Mitte des Wagens saß, prächtig angethan, die Braut auf einem

hohen Schemel und schluchzte, nach dörflicher Sitte aus Leibeskräften.

Ein stolzes Gebäude, wie eine geschlossene Krone geformt, schmückte

ihr Haupt. Die breite, in Falten gelegte Krause stieg gleich einem

Pfauenrad im Nacken empor und bildete um den Hals ein Halbrund, auf dem

das Gesicht wie auf einer großen Schüssel ruhte. Das kurze Leibchen aus

grünem Damast starrte von Goldborten, und von den acht Röcken, welche

die bäuerliche Erbtochter trug, waren drei aus schwerem Seidenstoff.

Neben sie hatte man ihr Spinnrad hingestellt, und sie war von einem

Hofstaat von jungen Mädchen umgeben, die pflichtgemäß dafür sorgten,

daß die Thränen der Braut auf dem Wege zur Kirche nicht versiegen

konnten. Zu diesem Zwecke sangen sie herzzerreißend traurige Lieder von

der entschwundenen Jugendzeit, von dem Scheiden der Tochter aus dem

Elternhause, und von den Mühen und Kümmernissen des Ehestandes.

An das Gefährte der Braut schloß sich das des Bräutigams, der schön

und stattlich aussah in seiner schmucken Tracht. Ein Vergnügen war's,

wie die Bänder an seinem Hut so lustig flatterten, wie die grüne Jacke

so trefflich auf seinen Schultern saß, wie der Gürtel, der die rothe

Lederhose festhielt, die Geschmeidigkeit der jugendlich schlanken

Gestalt so gut hervorhob. Hätte er sich nur gerade aufrichten wollen,

er würde alle seine Kameraden überragt haben. Aber er stand gebeugt,

den Kopf auf die Brust gesenkt, und die besten Witze des officiellen

Spaßmachers vermochten nicht, ihn zum Lachen zu bringen. Einmal nur

nickte er zustimmend, als jener rief: »Der Bräutigam wäre lieber eine

Braut, da könnte er heulen nach Herzenslust.«

In der Carriole, die zunächst folgte, erhob sich ein vierschrötiges

Männlein, ballte die Faust gegen Alois und rief mit grausamem Humor:

»He Du! -- Mach' keinen solchen Spektakel, hörst?« Gelächter erscholl,

Alois that einen kräftigen Zug aus der Branntweinflasche, die ein

Kamerad ihm reichte, jauchzte, biß die Zähne zusammen und versank

wieder in sein früheres Schweigen.

Der Alte ließ ihn nicht aus den Augen während der ganzen Fahrt. Als

Alois die Schwelle der Kirche überschritt, fühlte er die eiserne

väterliche Hand auf seiner Schulter. Der spöttisch drohende Blick,

unter dessen Bann er stand, wandte sich erst von ihm ab, nachdem das

bindende »Ja« gesprochen war. Dann jedoch löste sich alle Strenge, alle

Besorgniß in Liebe und Jubel auf.

Jetzt war der Herr Vater zufrieden, und da er es mit den Andern war,

sollten auch die Andern es mit ihm sein.

Das halbe Dorf war zur Feier des Hochzeitsfestes in das Wirthshaus

geladen. Was drin nicht mehr Platz fand, tafelte draußen; den Tag

über, die Nacht hindurch wurde gegessen, getrunken, getanzt. Die drei

Musikbanden thaten ihre Schuldigkeit; weithin dröhnte der Schall ihrer

lustigen Weisen, er drang noch deutlich vernehmbar zur Mansarde im

Waschhaus und sang dort die Hoffnungen zweier Herzen in den Todesschlaf.

Josepha und Marie waren um die gewohnte Stunde zur Ruhe gegangen, und

die erste war auch bald eingeschlummert, doch nur für kurze Zeit. Der

Winkel, in dem ihr Bett stand, befand sich im tiefsten Schatten; auf

das gegenüber stehende Bett Mariens hingegen fiel helles Mondenlicht.

Das Mädchen lag vollkommen regungslos, aber mit weit geöffneten Augen.

Ihre weißen Zähnchen schimmerten zwischen den Lippen hervor. Die

Mutter hatte sich im Bette aufgesetzt und betrachtete Marien lange und

wartete mit Bangen, daß sie sich doch nur bewege. Aber das Warten blieb

vergeblich, und die Mutter sprach endlich:

»Bist wach oder schlafst? Wenn'st schon schlafst, so mach doch' die

Augen zu.«

»Ja, ja, Mutter,« antwortete Marie und that, wie ihr geheißen worden.

Josepha seufzte und band die Schleifen ihrer Nachtmütze fester, um

das Gefiedel und Gedudel im Wirthshaus, das ihr das Herz zerriß,

etwas weniger gut zu hören. Es half nicht viel; die arme Frau, die so

oft über beginnende Schwerhörigkeit klagte, hätte heute etwas darum

gegeben, taub zu sein. Ihr Unmuth mußte sich zuletzt Luft machen.

»Die verdammten Musikanten!« brach sie los. »So lang' ich auf der Welt

bin, hab' ich noch nicht so miserabel schlecht spielen gehört.«

Den entrüsteten Ausruf beantwortete ein leises, nicht sehr munter

klingendes Lachen. »Ihr seid nicht gescheidt, Mutter; die Musik ist

schön, und bei meiner Hochzeit will ich keine andere haben!« sagte

Marie.

Auf diese Worte fand die Mutter keine Erwiderung. Woran hatte ihre

Tochter in dem Augenblick gedacht? In welchen Träumen hatte das Kind

sich gewiegt, jetzt, wo die Wirklichkeit so herb und enttäuschend in

ihr junges Leben griff? -- Ja, sie war eben das allermerkwürdigste

und außerordentlichste Wesen! Josepha legte sich wieder hin, um

gemächlicher staunen zu können, und murmelte so oft: »Die Marie! wie

die is -- nein, wie die is!« bis sie einschlief.

Als sie am Morgen erwachte, stand die Kleine so nett gekleidet wie eine

Docke, schon am Herd und kochte den Kaffee.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 13 / 34 题