I.

Die rüstige Waschfrau Josepha Lakomy dankte alle Morgen den lieben

Herrgott andächtig für zwei Dinge: erstens, daß er ihren Mann zu

sich in die himmlischen Gefilde genommen, und zweitens, daß er ihr

Töchterlein Marie in diesem irdischen Jammerthal belassen hatte.

Dem lieben Herrgott war es in seiner Allmacht gewiß möglich, mit dem

wüsten Gesellen Lakomy fertig zu werden, während dies keinem Menschen,

am wenigsten der guten Josepha gelungen war. Der jetzt selige Ehemann

hätte gewiß seine Frau erschlagen und ihr Töchterchen zur Waise und

Bettlerin gemacht, wenn er nur noch ein paar Wochen im Säuferwahnsinn

weiter gelebt hätte. Nach seinem plötzlichen und schrecklichen Ende

blühte seine Wittwe förmlich auf und kam jetzt erst zu dem vollen

Gefühl ihrer Mutterfreude.

Der Frau, die so hart hatte schaffen müssen, um bei der liederlichen

Wirthschaft des Hausvaters den Hunger von ihrem Herde fern zu halten,

war das Dasein des Kindes beinahe eine Last, oder doch eine Quelle

beständigen Herzeleids gewesen. Als aber die mühsam erworbenen

Groschen und Gulden ihren Flug nicht mehr in den Branntweinladen

nahmen und Mariechen, gut genährt und reinlich gekleidet, allmälig

rundere Wangen und röthere Lippen bekam, empfand Josepha bei ihrem

Anblick nichts Anderes, als Freude und Stolz. Und dieser Stolz beruhte

nicht auf mütterlicher Verblendung, er war vollkommen berechtigt.

Mariechen entwickelte sich zu einem bildsauberen und grundbraven

Jüngferlein. Etwas Eigenes hatte sie schon als Kind gehabt, einen

Ausdruck von großer Traurigkeit in ihren dunkeln Augen, und den

einer gewissen anmuthigen Würde in ihrem ganzen Wesen. Ihrem Lachen,

wenn es je erklang, merkte man deutlich an, daß es nicht aus dem

Herzen kam, sondern nur ein Zugeständniß an die Fröhlichkeit Anderer

war. Sie selbst, welchen Grund hätte sie zur Fröhlichkeit gehabt in

dieser rauhen Welt, deren Berührung für ein zartes Gebilde wie sie

fast immer eine Verwundung bedeutete? Das zierliche, von schweren,

schwarzen Zöpfen umflochtene Haupt leicht vorgebeugt, wandelte sie

gleichsam in einer Atmosphäre von milden, wehmüthigem Selbstgefühl.

Es verließ sie nie, es adelte all ihr Thun und Lassen. Hoheitsvoll

stand sie neben ihrer Mutter am Waschtrog, sah melancholisch in den

Seifenschaum, schien die Arme kaum zu rühren und förderte dabei in

der Stille die Arbeit rascher, als das ganze übrige herrschaftliche

Waschküchenpersonal dies that. Und mit dem Plätteisen mußte man sie

hantiren, die Ruhe und Versunkenheit mußte man sehen, mit der sie den

glühenden Stahl über die feuchten Linnen führte, daß es zischte und

der Dampf aufstieg, die Wäschstücke aber schlohweiß und eines nach dem

andern kunstgerecht gefaltet, sich in unglaublicher Geschwindigkeit

neben der kleinen Meisterin zum Berge thürmten.

Wenn eine der Gehülfinnen sich einmal einen unzeitigen Scherz mit ihr

erlaubte, erhob sie die Augen vorwurfsvoll zu der Frevlerin und gab

keine oder eine kurze Antwort, deren Sinn, sie mochte nun lauten wie

sie wollte, doch immer nur der eine war: wie kann man so thöricht sein!

Freilich, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht plagt man sich

nicht beständig; es giebt Erholungs-, es giebt Sonn- und Feiertage.

An solchen ging Marie, wie die andern Mädchen, im höchsten Staat zur

Kirche und nahm sich dort in ihrer tiefen Andacht aus wie eine Heilige.

Ewig schade nur! nicht wie eine Heilige auf Goldgrund.

Ersparnisse zu einer Mitgift für die Tochter hatte die fleißige Josepha

nicht zurücklegen können. Man hatte sich seit dem Tode des Vaters

wieder eingerichtet, lebte anständig, litt keine Entbehrungen, das war

aber auch Alles. Frau Lakomy beklagte sich oft sehr ausführlich darüber

und bedauerte ihre Marie, die trotz ihrer in der ganzen Welt, das

heißt auf wenigstens drei Meilen in der Runde, bekannten Bravheit und

Schönheit doch nicht unter die Haube zu bringen sein werde. »Wer nimmt

heutzutage ein Mädchen ohne Mitgift?« fragte Josepha, wie schon im

gleichen Falle die Mütter vor hundert Jahren gefragt haben mochten.

So war Marie siebzehn Jahre alt geworden, ohne daß auch nur der

Schatten eines annehmbaren Freiers über den Horizont geglitten wäre,

als sich plötzlich die Aussicht auf eine wahrhaft glänzende Versorgung

eröffnete.

Der einzige Sohn eines reichen Bauers begann dem hübschen

Wäschermädchen schüchterne Aufmerksamkeiten zu erweisen. Er war in

seiner Art, was sie in der ihren: ein Gegenstand des Lobes und der

Bewunderung. Sein Vater erzählte so oft, der Bub' sei aufgewachsen,

ohne Prügel gekriegt zu haben; daß man sich's endlich merken mußte.

Doch ermangelte der Alte nie, in weiser Voraussicht dessen, was

allenfalls noch kommen könnte, hinzuzusetzen: »Hat's auch nicht nöthig

gehabt -- bisher.«

Josepha, die ihr Leben lang wacker und klug gegen das Mißgeschick

gerungen hatte, verlor einer ersten unerwarteten Glückverheißung

gegenüber alle Haltung. Die Aengstlichkeit, mit der sie in die Zukunft

geblickt hatte, verwandelte sich in freudige Zuversicht vom ersten

Augenblick an, in welchem sie die Neigung des Dorf-Majoratsherrn

zu ihrer Tochter aufkeimen sah. -- »Er hat Dich lieb, er wird Dich

heirathen,« versicherte sie. Marie jedoch senkte die langbewimperten

Augen und erwiderte seufzend: »Mutter, das versteht Ihr nicht. Er hat

mich lieb, er möchte mich heirathen; aber was werden seine Leute dazu

sagen?« --

»Im Anfange vielleicht nein, am Ende gewiß ja, wenn der Alois nur auf

seinem Willen beharrt,« meinte die Mutter.

Marie schwieg und erwog bei sich, ob der Alois der Mann darnach sei,

auf seinem Willen zu beharren.

Der Hochsommer war gekommen, der letzte mit Garben beladene Wagen

in die herrschaftlichen Scheunen eingefahren worden, der Tag des

Erntefestes erschien. Da wurde im Schloßhof getanzt bis zur sinkenden

Nacht, und der ländliche Ball machte für Mariechen den ganzen Fasching

aus. Die Tanzlust, der sie bei dieser Gelegenheit nicht Genüge that,

blieb ihr zwölf Monate hindurch in den Beinen stecken. Und wenn sie

auch melancholisch, fein und höchst edel war, tanzte sie doch eben

so gern, wie irgend ein gewöhnliches Mädchen, nur -- viel schöner.

Anmuthig, wie der Wipfel einer jungen Tanne wiegte sie sich in den

Armen ihres glücklichen Tänzers, und keiner durfte es lange bleiben;

denn ungeduldig warteten schon ein paar andere auf das Glück, die

lieblichste und gefeiertste von allen Dorfjungfrauen im Reigen zu

schwingen.

Im dichtgedrängten Schwarm der Zuseher stand auch Alois.

Für ihn, den Bauernsohn, schickte es sich natürlich nicht, an der

Unterhaltung der Knechte und Mägde und der Bediensteten des Schlosses

theilzunehmen. Doch verfolgte er, den Hut tief in die Stirn gedrückt,

die verschränkten Arme an die Brust gepreßt, jede Bewegung Mariens mit

leidenschaftlicher Spannung. So oft ein neuer Tänzer sich ihr nahte,

schoß es unter den finster zusammengezogenen Brauen des Burschen feurig

hervor; Niemand hätte seinen sanften, blauen Augen zugetraut, daß sie

so wilde Blicke zu schleudern vermöchten. Plötzlich schüttelte er sich

wie ergriffen von einem fieberhaften Trotz, und -- sprang mit beiden

Füßen mitten in den Tanzplatz hinein. Mit der linken Hand schob er

den Hut tief zurück ins Genick, die rechte erhob er einen Augenblick

gen Himmel, als rufe er ihn zum Zeugen des Ungeheuren an, das er im

Begriff stand zu vollbringen. Dann stieß er ein lautes Jauchzen aus,

stampfte den Boden und winkte Mariechen zu sich heran. Die, eine

Pause benützend, um ein wenig zu verschnaufen, war soeben zu den

andern gleichfalls rastenden Mädchen getreten und wischte sich mit dem

gestickten Tüchlein den Schweiß von der Stirn. Als der Wink des Alois

an sie erging, schauerte sie zusammen und erwartete erst in wonniger

Ueberraschung die Wiederholung desselben. Dann aber schritt oder flog

sie vielmehr auf den Burschen zu, der sie in seinen Armen empfing und

im Tacte der eben von Neuem anhebenden Musik zu schwenken begann.

Weltvergessen, in unaussprechlicher Lebens- und Liebesfreudigkeit

drehte sich das glückliche Menschenpaar auf beschwingten Füßen,

taub und blind für alle Rufe und Zeichen des Mißfallens, das sein

eigenmächtiges Verletzen altherkömmlichen Brauches erregte.

Nicht lange, und es wurde aus seinem Taumel geweckt. Ein kleiner,

derb gebauter Mann wackelte mit weit ausgespreizten Knieen auf Alois

zu; eine Hand, unter deren Wucht des Jünglings kräftige Gestalt fast

zusammenknickte, legte sich auf seine Schulter, und eine vor Zorn

erstickte Stimme raunte ihm zu: »Komm' nach Haus.«

Er stand sogleich still und ließ Mariechen fahren, die erschrocken, in

peinlicher Verwirrung an ihren vorigen Platz zurückeilte. Ihre Wangen

flammten, und eine schmerzlich bittere Entrüstung sprach aus ihren

Zügen; doch verlor sie auch jetzt nicht das stolze Bewußtsein ihres

Werthes. Unterschätzt konnte sie werden, aber nicht gedemüthigt. Hätte

Alois die Kühnheit gehabt, sie anzusehen, vielleicht würde er aus ihrem

Anblick die Kraft geschöpft haben, einen Kampf aufzunehmen um einen so

köstlichen Besitz.

Aber er besaß diese Kühnheit nicht.

Sanft wie ein Lamm zog derjenige, der soeben erst ein Löwe geschienen,

hinter dem voranschreitenden Alten vom Schauplatz seines Triumphs und

seiner Niederlage ab.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 12 / 34 题