Der Hund aber -- --

Was sich nun begab, begab sich viel rascher, als man es erzählen kann.

Krambambuli hatte seinen ersten Herrn erkannt und rannte auf ihn zu,

bis -- in die Mitte des Weges. Da pfeift Hopp und der Hund macht Kehrt,

»der Gelbe« pfeift und der Hund macht wieder Kehrt, und windet sich in

Verzweiflung auf einem Fleck, in gleicher Distanz von dem Jäger, wie

von dem Wildschützen, zugleich hingerissen und gebannt ...

Zuletzt hat das arme Thier den trostlos unnöthigen Kampf aufgegeben

und seinen Zweifeln ein Ende gemacht, aber nicht seiner Qual. Bellend,

heulend, den Bauch am Boden, den Körper gespannt wie eine Sehne,

den Kopf empor gehoben, als riefe es den Himmel zum Zeugen seines

Seelenschmerzes an, kriecht es -- seinem ersten Herrn zu.

Bei dem Anblick wird Hopp von Blutdurst gepackt. Mit zitternden Fingern

hat er die neue Kapsel aufgesetzt -- mit ruhiger Sicherheit legt er an.

Auch »der Gelbe« hat den Lauf wieder auf ihn gerichtet. Diesmal gilt's!

Das wissen die Beiden, die einander auf dem Korn haben, und was auch in

ihnen vorgehen möge, sie zielen so ruhig wie ein paar gemalte Schützen.

Zwei Schüsse fallen. Der Jäger trifft, der Wildschütz fehlt.

Warum? weil er -- vom Hunde mit stürmischer Liebkosung angesprungen --

gezuckt hat im Augenblick des Losdrückens. »Bestie!« zischt er noch,

stürzt rücklings hin und rührt sich nicht mehr.

Der ihn gerichtet, kommt langsam herangeschritten. Du hast genug, denkt

er, um jedes Schrotkorn wär's Schad' bei Dir. Trotzdem stellt er die

Flinte auf den Boden und lädt von Neuem. Der Hund sitzt aufrecht vor

ihm, läßt die Zunge heraushängen, keucht kurz und laut und sieht ihm

zu. Und als der Jäger fertig ist und die Flinte wieder zur Hand nimmt,

halten sie ein Gespräch, von dem kein Zeuge ein Wort vernommen hätte,

wenn es auch statt eines todten ein lebendiger gewesen wäre.

»Weißt Du, für wen ~das~ Blei gehört?«

»Ich kann es mir denken.«

»Deserteur, Kalfakter, pflicht- und treuvergessene Canaille!«

»Ja Herr, ja wohl.«

»Du war'st meine Freude. Jetzt ist's vorbei. Ich habe keine Freude mehr

an Dir.«

»Begreiflich, Herr,« und Krambambuli legte sich hin, drückte den Kopf

auf die ausgestreckten Vorderpfoten und sah den Jäger an.

Ja, hätte das verdammte Vieh ihn nur nicht angesehen! Da würde er ein

rasches Ende gemacht und sich und dem Hunde viel Pein erspart haben.

Aber so geht's nicht! Wer könnte ein Geschöpf niederknallen, das

einen ~so~ ansieht? Herr Hopp murmelt ein halbes Dutzend Flüche

zwischen den Zähnen, einer gotteslästerlicher als der andere, hängt die

Flinte wieder um, nimmt dem Raubschützen noch die jungen Hasen ab und

geht.

Der Hund folgte ihm mit den Augen, bis er zwischen den Bäumen

verschwunden war, stand dann auf, und sein mark- und beinerschütterndes

Wehgeheul durchdrang den Wald. Ein paar Mal drehte er sich im Kreise

und setzte sich wieder aufrecht neben den Todten hin. So fand ihn die

gerichtliche Commission, die, von Hopp geleitet, bei sinkender Nacht

erschien, um die Leiche des Raubschützen in Augenschein zu nehmen und

fortschaffen zu lassen. Krambambuli wich einige Schritte zurück, als

die Herren herantraten. Einer von ihnen sagte zu dem Jäger: »Das ist

ja Ihr Hund.« »Ich habe ihn hier als Schildwache zurückgelassen,«

antwortete Hopp, der sich schämte, die Wahrheit zu gestehen. -- Was

half's? Sie kam doch heraus, denn als die Leiche auf den Wagen geladen

war und fortgeführt wurde, trottete Krambambuli gesenkten Kopfes und

mit eingezogenem Schwanze hinterher. Unweit der Todtenkammer, in der

»der Gelbe« lag, sah ihn der Gerichtsdiener noch am folgenden Tage

herumstreichen. Er gab ihm einen Tritt und rief ihm zu: »Geh' nach

Hause!« -- Krambambuli fletschte die Zähne gegen ihn und lief davon;

wie der Mann meinte, in der Richtung des Jägerhauses. Aber dorthin kam

er nicht, sondern führte ein elendes Vagabundenleben.

Verwildert, zum Skelett abgemagert, umschlich er einmal die armen

Wohnungen der Häusler am Ende des Dorfes. Plötzlich stürzte er auf ein

Kind los, das vor der letzten Hütte stand, und entriß ihm gierig das

Stück Brot, von dem es aß. Das Kind blieb starr vor Schrecken, aber ein

kleiner Spitz sprang aus dem Hause und bellte den Räuber an. Dieser

ließ sogleich seine Beute fahren und entfloh.

Am selben Abend stand Hopp vor dem Schlafengehen am Fenster und blickte

in die schimmernde Sommernacht hinaus. Da war ihm, als sähe er jenseits

der Wiese am Waldessaum den Hund sitzen, die Stätte seines ehemaligen

Glückes unverwandt und sehnsüchtig betrachtend -- der Treueste der

Treuen, herrenlos!

Der Jäger schlug den Laden zu und ging zu Bette. Aber nach einer Weile

stand er auf, trat wieder ans Fenster -- der Hund war nicht mehr da.

Und wieder wollte er sich zur Ruhe begeben und wieder fand er sie nicht.

Er hielt es nicht mehr aus. Sei es, wie es sei! ... Er hielt es nicht

mehr aus ohne den Hund. -- Ich hol' ihn heim, dachte er, und fühlte

sich wie neugeboren nach diesem Entschluß.

Beim ersten Morgengrauen war er angekleidet, befahl seiner Alten, mit

dem Mittagessen nicht auf ihn zu warten, und sputete sich hinweg. Wie

er aber aus dem Hause trat, stieß sein Fuß an denjenigen, den er in der

Ferne zu suchen ausging. Krambambuli lag verendet vor ihm, den Kopf an

die Schwelle gepreßt, die zu überschreiten er nicht mehr gewagt hatte.

Der Jäger verschmerzte ihn nie. Die Augenblicke waren seine besten,

in denen er vergaß, daß er ihn verloren hatte. In freundliche

Gedanken versunken, intonirte er dann sein berühmtes: »Was macht denn

mein Krambam....« Aber mitten in dem Worte hielt er bestürzt inne,

schüttelte das Haupt und sprach mit einem tiefen Seufzer: »Schad' um

den Hund!«

[Illustration]

Die Unverstandene auf dem Dorfe.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 11 / 34 题