II.

Die zweite Begegnung mit Szela, deren sich Sikorski bis an sein Ende

lebhaft erinnerte, fand fünf Monate später statt.

Seit dem Beginn des März herrschte Ruhe im Tarnower Kreise. Einige

Züge Cavallerie als Streifcommandos hatten die Ordnung ohne Anwendung

von Gewalt hergestellt. Die Bauern, die unter den Befehlen Szelas

gestanden, waren die ersten, welche die Waffen niederlegten und sich,

auf die Aufforderung des Kreisamts hin, zur Leistung der Robot wieder

bereit finden ließen. In der Nachbarschaft hatte es immer geheißen,

daß er ganz gute Mannszucht gehalten, eine Insurgentenschar im offenen

Kampfe angegriffen und geschlagen, Plünderungen verhütet, oder, wo

ihm dies nicht möglich gewesen war, doch jederzeit die Auslieferung

der geraubten, oft sehr werthvollen Güter, an das Kreisamt, erzwungen

habe. So mancher gefangene Aufrührer verdankte ihm die Erhaltung seines

Lebens. Er schützte ihn vor der Wuth der Bauern, indem er ihn den Eid

künftiger Treue gegen den Kaiser leisten ließ, und ihn dann in seine

Schar aufnahm.

So gab es denn großes Erstaunen, als bald nach dem Erlöschen der

letzten Flammen der Empörung Gerüchte der schlimmsten Art über Szela

auftauchten. Sie bezeichneten ihn als einen Mörderhäuptling, der

sengend und brennend, raubend und plündernd von Edelhof zu Edelhof

gezogen war. Sie schilderten bis ins Kleinste die bestialische

Grausamkeit, mit welcher er dabei verfuhr und behaupteten endlich,

er habe seine langgenährten Rachegelüste gegen die Edelleute um so

ungehemmter befriedigen können als er im geheimen Einverständniß mit

der Regierung gehandelt, und sogar -- in ihrem Solde gestanden.

Der empörende und peinliche Eindruck, den diese Verleumdung hervorrief,

war so groß, der Haß und die Feindseligkeit, die sie erweckten, äußerte

sich so unumwunden, daß endlich zu ihrer Widerlegung geschritten

und die strengste Untersuchung angeordnet werden mußte. Szela blieb

auf freiem Fuße in Tarnow, verantwortete sich in seiner gewohnten

schlagfertigen Weise, und benützte die freie Zeit zwischen den

Verhören, um einen Brief an den Kaiser aufzusetzen, in welchem er um

Verminderung der Unterthanenlasten bat.

Inzwischen hatte der Kreishauptmann Ritter von Breinl die von ihm

angesuchte Versetzung nach Brünn erlangt und unter seinem Nachfolger

im Amte, Czecz von Przemysl, kam der Proceß Szelas zum Abschluß. Das

Ergebniß lautete, daß Szela zum Criminalverfahren nicht qualificirt,

seine Entfernung aus dem Lande jedoch dringend zu befürworten sei.

Worauf Jacob Szela, der Grundwirth und ehemalige Gemeinde-Deputirte,

den Befehl bekam, nach der Bukowina auszuwandern, wo er auf der

Cameral-Herrschaft Glitt ein Bauerngut als Eigenthum und Wohnort

angewiesen erhielt.

Am Tage, an welchem Szela seine Reise antreten sollte, dachte der

Castellan Sikorski: »Wäre doch neugierig, ihn noch einmal zu sehen --

wenn auch nur von Weitem, denn davon, sich bis zu ihm durchzudrängen,

wird keine Rede sein. Hilf Gott, was werden die Leute treiben beim

Abschied von ihrem Väterchen Szela. Von Glück kann man sagen, wenn

es nicht zu Excessen kommt.« Der Castellan malte sich die Sache in

seinem Kopfe aus, und immer gefährlicher erschien sie ihm, je länger er

darüber nachdachte, und je kürzer der Weg wurde, den er nach dem Ziel

seiner Wanderung noch zurückzulegen hatte.

Zu seiner Ueberraschung fand er im Dorfe Alles still. Es sah dort aus

wie an jedem Werktagsmorgen. Männer und Weiber waren zur Feldarbeit

ausgezogen. Nur in der Wirthshausstube, in welche Sikorski beim

Vorübergehen hineinblickte, lungerten einige Tagediebe. Der Jude führte

seinen Klepper aus dem Stall, um ihn an die Budka zu spannen.

»Wen führst Du?« fragte Sikorski.

»Ich Niemanden. Der Bub führt den Szela nach Sanok.«

»So, so, und bald?«

»Sehr bald.« Sikorski beeilte seine Schritte und hatte in kurzer Zeit

die Hütte Szelas erreicht. Sie war reinlicher und größer als alle

übrigen; neben der Thür befand sich ein Bänklein, und der Raum davor

mußte heute noch sorgfältig gekehrt worden sein. Dort stand Szela, mit

herabhängenden Armen und gekreuzten Händen und sah unverwandten Auges

sein Haus an. »Oho, Pan Sikorski!« begrüßte er den Nahenden: »Das ist

ja schön, daß Du mich noch heimsuchst.«

»Ich habe Dir Lebewohl sagen wollen, Szela.«

»Dank dafür, Pan Castellan. Leb' auch Du recht wohl.«

»Führe mich ein wenig in Dein Haus,« sagte Sikorski, ohne von dieser

Verabschiedung Notiz zu nehmen.

»Das Haus ist leer, meine Habseligkeiten habe ich durch den Sohn schon

alle nach Glitt geschickt.«

»So will ich auf diesem Bänklein ausruhen, wenn Du nichts dagegen hast;

der Weg ist weit und meine Füße sind alt.«

»Mach' Dir's bequem. Wohl Dir, wenn Du ruhen kannst.«

Er konnte nicht ruhen, so erschöpft er schien. Mit offenbarer Mühsal

schleppte er die schweren Wasserstiefel an seinen mageren Beinen,

wandelte aber dennoch unstät herum.

»Es thut mir leid, daß ich nichts habe, womit ich Dir aufwarten

könnte,« begann Szela nach einer Weile. »Außer« -- er zog ein Stück

Brod aus seiner Tasche -- »wenn Du meine Wegzehrung mit mir theilen

willst.«

Sikorski lehnte ab; er beabsichtigte, sich bei der Heimkehr im

Wirthshaus zu stärken. Der Appetit, den er bereits zu verspüren

begonnen, war vergangen. Alles, was er von dem alten Manne, der sich

jetzt zum ewigen Abschied von der Heimath rüstete, gehört hatte, flog

ihm durch den Sinn. Er würde gern zehn baare Gulden gegeben haben, um

zu erfahren, was denn Wahres daran sei. Hatte Szela nur den kleinsten

Theil des Unheils verübt, das man ihm zuschrieb, so sollte Einen

füglich kein Mitleid mit ihm beschleichen. Und doch -- was war das

Mitleid, das Sikorski vor einigen Monaten mit ihm gehabt hatte, als er

schwer gezüchtigt aus den Händen des Grafen gekommen war, im Vergleich

zu demjenigen, das der gebrochene Greis ihm in diesem Augenblick

einflößte!

»Szela,« fragte er, »was denkst Du? Was ist denn so Merkwürdiges an

Deiner Hausthür, daß Du sie immerfort ansiehst?«

Der Alte hatte den Hut vom Kopfe genommen und strich seine langen Haare

in den Nacken zurück. »Je nun, die Mühe dauert mich, die ich im vorigen

Frühjahr an sie gewendet habe. Siehst Du nicht, wie schön breit sie

ist? Das habe ich so eingerichtet, damit die Leute mit dem Sarg nicht

anzustoßen brauchen, wenn sie mich einmal hinaustragen.«

Er überließ sich wieder der aufmerksamen Betrachtung seines Hauses:

»Einen Schornstein hat es auch,« hub er dann von Neuem an. »Es hat

ihnen im Dorf viel Verdruß gemacht, daß ich mir einen Schornstein

gebaut habe. Der wird so lange bauen, bis er unter der Erde liegt,

haben sie mir mit Kreide auf die Thür geschrieben. Und der Geschworene

Budnik hat gesagt: Bau' Du Dir einen Schornstein, aber bilde Dir nur

nicht ein, daß wir es Dir nachthun werden. Wir wollen unsere Häuser

so lassen, wie sie sind. Ja freilich!« Er verzog den Mund zu einem

schmerzlichen Lächeln und deutete auf die elenden Hütten längs der

Dorfstraße: »Das muß Alles so bleiben, wie es ist. Je nun! was werd'

ich mich drum kümmern, dort unten in der Bukowina ... Es soll dort

viel schöner sein als bei uns.« Sein Gesicht verdüsterte sich, und er

fügte halblaut und mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Trotzdem wäre ich

lieber hier geblieben. Aber -- was ist zu thun? -- Der Kaiser will's!

-- Gehab' Dich wohl, Pan Sikorski, da kommt schon meine Gelegenheit.«

In der That fuhr die Budka bereits heran, von einem munter nebenher

schreitenden Jüngelchen kutschirt. Zu gleicher Zeit ließ der Trab eines

Pferdes sich vernehmen, das kleine Gefährt wurde von einem Reiter

eingeholt, überholt. Es war der Graf, der sich von seinem Thiere

schwang, dem herbeieilenden Sikorski die Zügel reichte und auf Szela

zuschritt: »Szela,« sprach er bewegten Tones, »Du hast meinen Kindern

das Leben gerettet, und ich habe Dir noch nicht einmal gedankt.«

Er streckte ihm die Hand entgegen, die der Alte küßte ...

Der Alte und -- nicht mehr der Alte. Er, den seine Standhaftigkeit in

Gegenwart des Grafen nie verlassen hatte, nicht unter dessen Stocke,

nicht bei dessen Aufjauchzen, als er ihm die todtgeglaubten Kinder

wiederbrachte -- ihn versetzten die einfachen Worte, die der Graf jetzt

zu ihm sprach, ganz außer sich. Seine Lippen zitterten, seine Augen

schwammen in Thränen, er beugte sich, als ob er in die Kniee sinken

wollte.

»Was fällt Dir ein? Was thust Du?« rief der Graf, sprang auf ihn zu und

faßte ihn an beiden Schultern.

»Herr! Herr!« stammelte Szela und sah ihm mit leidenschaftlicher

Ergebenheit ins Angesicht, »ich habe nicht geglaubt, daß mir vor meinem

Ende noch ein Mensch sagen wird: Dank Dir, Szela! und jetzt kommst Du

und sagst es.«

Ergriffen von dem Ausbruch einer Weichherzigkeit, die Niemand dem

Bauernhäuptling zugetraut hätte, entgegnete der Graf: »Es hat auch

Keiner so viel Grund, Dir zu danken wie ich.«

»Doch, gnädiger Herr! -- Dir habe ich drei Kinder gerettet; es giebt

einen Herrn, dem ich mehr als dreitausend gerettet habe, und der hat

mich dafür vor Gericht stellen lassen und schickt mich jetzt in die

Fremde.«

»Weil er nicht anders kann. Die Ermordung Deiner Gutsherren fordert

eine Sühne.«

»Du weißt, daß ich sie nicht ermordet habe.«

»Aber die Bauern haben es gethan, die unter Deinen Befehlen standen.«

»Geruhe zu erwägen, daß ich kein General bin und daß die Bauern keine

abgerichteten Soldaten sind.«

Der Graf faßte ihn scharf ins Auge: »Sag' aufrichtig, Szela, wenn Du

Deine Gutsherren wieder lebendig machen könntest, würdest Du es thun?«

»Nein, Herr, um des Kaisers willen nicht.«

»Und um Deinetwillen noch weniger?«

Szela besann sich ziemlich lange, bevor er berichtigend versetzte: »Um

meinetwillen ebenso wenig.«

»Siehst Du!«

»Was soll ich sehen, gnädigster Graf? Die Herren haben uns Böses

gethan, so lange wir denken. Der Kaiser hat uns nur Gutes gethan. Als

die Herren gegen den Kaiser gegangen sind, und die Bauern zwingen

wollten, mit ihnen zu gehen, sind die Bauern rebellisch geworden, und

es ist viel Unglück geschehen.«

»Es geht die Sage, Du hättest so Manches davon verhüten können, und

hast es nicht verhütet.«

Abermals erwiderte Szela erst nach reiflicher Ueberlegung: »Kann

sein, kann auch nicht sein. Dergleichen ist nachträglich schwer zu

bestimmen. Die Bauern haben gewußt, daß Alles auf sie ankommt; sie

haben ja gehört, was der Herr Kreishauptmann mir hat sagen lassen, als

ich den Matthias Drewniak zu ihm geschickt habe um Militärassistenz:

Unmöglich, Szela, bevor sie mir in Tarnow die Garnison verstärken. Hilf

Dir selbst, halte Ordnung, und sieh' zu, daß keine Gewaltthätigkeiten

verübt werden. Das war viel auf einmal verlangt.«

»Ist auch nicht geleistet worden.«

»Wie hat es denn geleistet werden ~sollen~, von solchen Leuten,

die auf einmal merken: Jetzt sind ~wir~ die Herren? Gnädiger Graf,

ich habe froh sein müssen, wenn sie mir die Edelleute geschont haben,

die dem Kaiser treu waren.«

»Auch das ist nicht durchwegs geschehen.«

»Ueberall habe ich die Augen nicht haben können. Ich habe oft meinen

Sohn schicken müssen, und der hat anders gehaust ...« Er brach ab und

schloß mit gelassener Zuversicht: »Der gerechte Gott wird es ~ihm~

aufs Kerbholz schreiben. Die Menschen schreiben es auf das meine.«

»Natürlich. So viele Hunderte gehorchten Deinem Augenwink, wer wird

Dir glauben, daß Du es nicht verstanden hast, Deinen Sohn zu Paaren zu

treiben?«

Schmerzlich beistimmend neigte Szela den Kopf. »Das wird Niemand

glauben. Aber wahr ist es ... Und am Ende, Herr, mein Sohn hat es

wenigstens seinen Gesellen recht gemacht, ich -- habe es Keinem

recht gemacht. Sieh' Dich um. ... Wie sind sie mir sonst von Weitem

zugelaufen, wo sie mich erblicken konnten -- und heute? ... Bursche,

die man kaum mit zwei Pferden zur Arbeit schleppt, sind freiwillig

hinausgegangen, damit sie mir nicht zu sagen brauchen: Glück auf den

Weg!« Er hatte, während er sprach, nach dem seiner harrenden Gefährt

hingesehen, fast schien's mit einer gewissen Ungeduld, so daß der Graf

fragte, ob er es denn nicht erwarten könne, fortzukommen?

Szela entschuldigte sich: »Verzeih'. Auf die Fürsprache des Herrn

Ritters von Breinl hat der Herr Kreishauptmann zugegeben, daß ich

nicht wie ein Arrestant über die Grenze gebracht werde. Er hat mir das

Vertrauen geschenkt, daß ich zur rechten Zeit von selbst gehen werde.

Verzeih', gnädiger Herr, es ist jetzt die rechte Zeit.«

Der Graf zog eine wohlgefüllte Brieftasche hervor und wollte sie

durchaus, mit Zürnen und Bitten, dem Szela aufdringen. Aber der meinte:

»Thue Dir keinen Schaden. Du weißt mit dem Gelde Besseres anzufangen

als ich. Hebe es auf für Deine Kinder ... Aber, gnädiger Herr,«

unterbrach er sich mit plötzlicher Lebhaftigkeit, »ich habe gehört, daß

Du den Grafen Joseph als Gemeinen hast assentiren lassen.«

»Ja wohl. Er braucht eine strenge Zucht.«

»Wenn sie nur nützt.«

»Eine strenge Zucht nützt immer.«

»Weiß nicht.« Er that einen tiefen Seufzer. »Mein Sohn war vierzehn

Jahre Soldat.«

Sie traten an die Budka heran, um welche sich allmälig eine kleine

Versammlung gebildet hatte. Kinder, die den mageren Klepper

streichelten oder neckten. Ein paar alte Weiblein, von denen eines eben

im Begriff war, ein Laib Brot im Stroh des Wagens zu bergen. Dem Szela

traurig zunickend, sprach sie: »Du sollst Dich in der Fremde erinnern,

wie das Brot der Heimath schmeckt.«

Drei alte Zechbrüder waren auch angerückt und hatten ein

Branntweinfäßchen von der Größe einer Melone mitgebracht. Sie weinten

bitterlich und wiederholten fortwährend: »Leb' wohl, Väterchen! Gott

behüte Dich! Vergiß uns nicht!« und dabei ging das Fäßchen von Einem

zum Andern, und sie tranken abwechselnd aus dem Spundloch.

Szela war im Begriff, in die Budka zu steigen, als aus einer der

nächsten Hütten ein großer und breitschulteriger Mensch in zerlumpten

Kleidern hervorkam, auf den Alten zustürzte und ihn am Arme packte.

Einige Kerle, die ebenso verkommen aussahen wie er, waren ihm gefolgt,

hielten sich aber, aus Angst vor dem Grafen und dem Castellan, in

scheuer Entfernung. Nur der Erste kannte keine Scheu, den machte die

Wuth zum vernunftlosen Thier. Er schüttelte Szelas Arm und schrie:

»Bis zum letzten Augenblick habe ich gewartet, um Dich zu fragen. -- So

willst Du also wirklich fort, ohne Deine Schulden bezahlt zu haben, Du

Schurke?«

»Was wäre ich Dir schuldig, Drewniak?« sprach Szela, sich von ihm

losmachend.

»Frage Du nur, was Du mir schuldig bist,« rief Jener und hielt

dem Alten die geballte Faust dicht vors Gesicht. »Nachdem Du mich

herumgejagt hast, wie einen Hund in Schnee und Wetter, als Bote und

Späher und auf dem Marsch und mir dafür nichts gegeben ...«

Seine Gefährten schrieen drein: »Und die Branntweinfässer -- wohin wir

gekommen sind -- versiegeln lassen ...«

»Daß man sich nicht einmal hat warm trinken können --«

»Und uns die ehrliche Kriegsbeute abgenommen ...«

Anklagen häuften sich auf Anklagen, Szelas Gegner wagten sich näher

heran; den Weibern wurde angst, die Betrunkenen heulten.

»Die andern Bauern,« zeterte Drewniak, »haben Geld und Gut erworben

in der Revolution. Wir haben nichts gekriegt ... Ich sage Dir, Herr,«

wandte er sich an den Grafen, »nichts von dem Eigenthum der Rebellen.

Er hat den herrschaftlichen Wald bewacht, der Alte, als ob er selbst

ein Schuft von einem Heger wäre. Keinem armen Teufel hat er auch nur

ein Scheit Holz gegönnt. Deshalb, Herr, glauben wir und wissen wir --

er hat uns Alle zu Narren gehabt. Nimm ihn nicht in Schutz -- uns Alle

zu Narren hat er gehabt und hat es im Geheimen mit den Polen gehalten

...« Er konnte nicht weiter, er keuchte nur -- und wollte sich auf

Szela stürzen.

Der Graf stieß ihn so heftig zurück, daß er wankte, und befahl

gebieterisch Ruhe, die denn auch, freilich nur scheinbar, eintrat.

Szela lächelte mit schwermüthigem Triumphe und sein auf den Grafen

gerichteter Blick fragte: »Was sagst Du nun?«

»Die Thoren! die vermaledeiten Thoren!« fuhr dieser auf, und

eingeschüchtert stimmte Drewniak einen andern Ton an. Er ließ den Blick

mit großer Betrübniß längs seiner Hünengestalt hinabgleiten, streckte

einen Fuß von sich, dessen nackte Zehen aus dem geplatzten Stiefel

hervorsahen und sagte:

»Die Stiefel waren neu vor der Revolution. Wenn er mir wenigstens die

Stiefel ersetzt hätte!«

Seine guten Freunde und die alten Weiblein erhoben ein schadenfrohes

Gelächter; Szela jedoch näherte sich dem Grafen und sagte: »Du hast

Etwas für mich thun wollen, Herr. Sei so gnädig und bezahle ihm die

Stiefel, die er in meinem Dienst vertreten hat.«

Nachdem seiner Bitte willfahrt worden war, empfahl er sich beim Grafen,

schüttelte Sikorskis Hand und grüßte die Frauen und Kinder.

»Ihr aber hört!« rief er seinen Widersachern zu, und wie er

sich fest zusammennahm und in die Brust warf, da war jede Spur

von Gebrechlichkeit aus seiner Gestalt verschwunden, ehrwürdig,

gebieterisch erschien er Jedem, und man sah dem greifen kleinen Bauer

wahrlich etwas von einem Feldherrn an. Die rohen Kerle, die sich

murrend hatten davonschleichen wollen, blieben stehen und horchten

der lezten Ermahnung ihres ehemaligen Führers. »Ihr werdet schon noch

d'rauf kommen, wer es ehrlich mit Euch gemeint hat. Seht nur zu, wie

den Andern ihr unrecht Gut gedeiht, und dankt dann Gott und mir für

Eure leeren Taschen. Und somit lebt auch Ihr wohl, Ihr dummen Teufel.«

Szela warf noch einen langen, traurigen Blick nach seinem Hause und

stieg in die Budka. Das Leinwanddach derselben war ungewöhnlich

niedrig, dennoch konnte er aufrecht darunter sitzen. Einmal im Wagen,

erhob er die Augen nicht mehr, es kam auch kein Wort mehr über seine

Lippen.

Der Graf geleitete ihn zu Pferde noch ein gutes Stück Weges; aber

Szela, ganz versunken in seine Gedanken, blieb unempfindlich für diese

Gunst.

Lange Zeit hörte man im Schlosse nichts von ihm, als daß er glücklich

in Glitt angelangt war. Erst zwei Jahre später, nach der Aufhebung der

Robot, schrieb Szela an den Grafen einen merkwürdigen Brief, den auch

der Castellan Sikorski gelesen hat.

Es hieß unter Anderem darin: »Auf mein letztes Schreiben hat mir der

Kaiser nicht antworten lassen; aber er hat Alles so gethan, wie ich es

ihm angerathen habe. Gott segne ihn!« --

[Illustration]

Krambambuli.

Vorliebe empfindet der Mensch für allerlei Gegenstände. ~Liebe~,

die echte, unvergängliche, die lernt er -- wenn überhaupt -- nur einmal

kennen. So wenigstens meint der Herr Revierjäger Hopp. Wie viele Hunde

hat er schon gehabt, und auch gern gehabt, aber lieb, was man sagt

lieb und unvergeßlich ist ihm nur einer gewesen -- der Krambambuli.

Er hatte ihn im Wirthshause zum Löwen in Wischau von einem vacirenden

Forstgehülfen gekauft oder eigentlich eingetauscht. Gleich beim ersten

Anblick des Hundes war er von der Zuneigung ergriffen worden, die

dauern sollte bis zu seinem letzten Athemzuge. Dem Herrn des schönen

Thieres, der am Tische vor einem geleerten Branntweingläschen saß und

über den Wirth schimpfte, weil dieser kein zweites umsonst hergeben

wollte, sah der Lump aus den Augen. Ein kleiner Kerl, noch jung und

doch so fahl wie ein abgestorbener Baum, mit gelbem Haar und gelbem

spärlichen Barte. Der Jägerrock, vermuthlich ein Ueberrest aus der

vergangenen Herrlichkeit des letzten Dienstes, trug die Spuren einer

im nassen Straßengraben zugebrachten Nacht. Obwohl sich Hopp ungern

in schlechte Gesellschaft begab, nahm er trotzdem Platz neben dem

Burschen und begann sogleich ein Gespräch mit ihm. Da bekam er es denn

bald heraus, daß der Nichtsnutz den Stutzen und die Jagdtasche dem

Wirth bereits als Pfänder ausgeliefert hatte, und daß er jetzt auch

den Hund als solches hergeben möchte; der Wirth jedoch, der schmutzige

Leuteschinder, wollte von einem Pfand, das gefüttert werden muß, nichts

hören.

Herr Hopp sagte vorerst kein Wort von dem Wohlgefallen, das er an dem

Hunde gefunden hatte, ließ aber eine Flasche von dem guten Danziger

Kirschbranntwein bringen, den der Löwenwirth damals führte, und

schenkte dem Vacirenden fleißig ein. -- Nun, in einer Stunde war Alles

in Ordnung. Der Jäger gab zwölf Flaschen von demselben Getränke, bei

dem der Handel geschlossen worden -- der Vagabund gab den Hund. Zu

seiner Ehre muß man gestehen: nicht leicht. Die Hände zitterten ihm so

sehr, als er dem Thiere die Leine um den Hals legte, daß es schien,

er werde mit dieser Manipulation nimmermehr zurecht kommen. Hopp

wartete geduldig und bewunderte im Stillen den trotz der schlechten

Condition, in welcher er sich befand, wundervollen Hund. Höchstens

zwei Jahre mochte er alt sein, und in der Farbe glich er dem Lumpen,

der ihn hergab, doch war die seine um ein paar Schattirungen dunkler.

Auf der Stirn hatte er ein Abzeichen, einen weißen Strich, der rechts

und links in kleine Linien auslief, in der Art wie die Nadeln an einem

Tannenreis. Die Augen waren groß, schwarz, leuchtend, von thauklaren,

lichtgelben Reiflein umsäumt, die Ohren hoch angesetzt, lang, makellos.

Und makellos war Alles an dem ganzen Hunde von der Klaue bis zu der

feinen Witternase; die kräftige, geschmeidige Gestalt, das über jedes

Lob erhabene Piedestal. Vier lebende Säulen, die auch den Körper eines

Hirsches getragen hätten, und nicht viel dicker waren, als die Läufe

eines Hasen. Beim heiligen Hubertus! dieses Geschöpf mußte einen

Stammbaum haben, so alt und rein wie der eines Deutschen Ordensritters.

Dem Jäger lachte das Herz im Leibe über den prächtigen Handel, den er

gemacht. Er stand nun auf, ergriff die Leine, die zu verknoten dem

Vacirenden endlich gelungen war, und fragte: »Wie heißt er denn?« --

»Er heißt wie das, wofür ihr ihn kriegt: Krambambuli,« lautete die

Antwort. -- »Gut, gut, Krambambuli! So komm! Wirst gehen? Vorwärts!«

-- Ja, er konnte lange rufen, pfeifen, zerren -- der Hund gehorchte

ihm nicht, wandte den Kopf Demjenigen zu, den er noch für seinen Herrn

hielt, heulte, als dieser ihm zuschrie: »Marsch!« und den Befehl mit

einem tüchtigen Fußtritt begleitete, suchte sich aber immer wieder an

ihn heran zu drängen. Erst nach einem heißen Kampfe gelang es Herrn

Hopp, die Besitzergreifung des Hundes zu vollziehen. Gebunden und

geknebelt mußte er zuletzt in einem Sacke auf die Schulter geladen und

so bis in das mehrere Wegstunden entfernte Jägerhaus getragen werden.

Zwei volle Monate brauchte es, bevor der Krambambuli, halb

todtgeprügelt, nach jedem Fluchtversuche mit dem Stachelhalsband an

die Kette gelegt, endlich begriff, wohin er jetzt gehöre. Dann aber,

als seine Unterwerfung vollständig geworden war, was für ein Hund

wurde er da! Keine Zunge schildert, kein Wort ermißt die Höhe der

Vollendung, die er erreichte nicht nur in der Ausübung seines Berufes,

sondern auch im täglichen Leben als eifriger Diener, guter Kamerad

und treuer Freund und Hüter. »Dem fehlt nur die Sprache«, heißt es

von anderen intelligenten Hunden -- dem Krambambuli fehlte sie nicht;

sein Herr zum mindesten pflog lange Unterredungen mit ihm. Die Frau

des Revierjägers wurde ordentlich eifersüchtig auf den »Buli«, wie sie

ihn geringschätzig nannte. Manchmal machte sie ihrem Manne Vorwürfe.

Sie hatte den ganzen Tag, in jeder Stunde, in der sie nicht aufräumte,

wusch oder kochte, schweigend gestrickt. Am Abend, nach dem Essen, wenn

sie wieder zu stricken begann, hätte sie gern eins dazu geplaudert.

»Weißt denn immer nur dem Buli was zu erzählen, Hopp, und mir nie?

Du verlernst vor lauter Sprechen mit dem Vieh das Sprechen mit den

Menschen.«

Der Revierjäger gestand sich, daß etwas Wahres an der Sache sei, aber

zu helfen wußte er nicht. Wovon hätte er mit seiner Alten reden sollen?

Kinder hatten sie nie gehabt, eine Kuh durften sie nicht halten, und

das zahme Geflügel interessirt einen Jäger im lebendigen Zustande

gar nicht und im gebratenen nicht sehr. Für Culturen aber und für

Jagdgeschichten hatte wieder die Frau keinen Sinn. Hopp fand zuletzt

einen Ausweg aus diesem Dilemma; statt ~mit~ dem Krambambuli

sprach er ~von~ dem Krambambuli, von den Triumphen, die er

allenthalben mit ihm feierte, von dem Neide, den sein Besitz erregte,

von den lächerlich hohen Summen, die ihm für den Hund geboten wurden,

und die er verächtlich von der Hand wies.

Zwei Jahre waren so vergangen, da erschien eines Tages die Gräfin,

die Frau seines Brotherrn im Hause des Jägers. Er wußte gleich, was

der Besuch zu bedeuten hatte, und als die gute, schöne Dame begann:

»Morgen, lieber Hopp, ist der Geburtstag des Grafen ...«, setzte er

ruhig und schmunzelnd fort: »Und da möchten Hochgräfliche Gnaden dem

Herrn Grafen ein Geschenk machen, und sind überzeugt, mit nichts

anderem so viel Ehre einlegen zu können, als mit dem Krambambuli.«

-- »Ja, ja, lieber Hopp ...« Die Gräfin erröthete vor Vergnügen über

dieses freundliche Entgegenkommen und sprach gleich von Dankbarkeit,

und bat, den Preis nur zu nennen, der für den Hund zu entrichten wäre.

Der alte Fuchs von einem Revierjäger kicherte, that sehr demüthig und

rückte auf einmal mit der Erklärung heraus: »Hochgräfliche Gnaden! Wenn

der Hund im Schlosse ~bleibt~, nicht jede Leine zerbeißt, nicht

jede Kette zerreißt, oder wenn er sie nicht zerreißen ~kann~, sich

bei den Versuchen, es zu thun, erwürgt, dann behalten ihn Hochgräfliche

Gnaden umsonst -- dann ist er ~mir~ nichts mehr werth.«

Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht, denn der Graf

verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Thiere. Vergeblich hatte

man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Es biß

Jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter, und -- viel hat der

Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen -- kam ganz herunter. Nach

einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter

abholen. Als er eilends von der Erlaubniß Gebrauch machte, und den Hund

in seinem Zwinger aufsuchte, da gab's ein Wiedersehen unermeßlichen

Jubels voll. Krambambuli erhob ein wahnsinniges Geheul, sprang an

seinem Herrn empor, stemmte die Vorderpfoten auf dessen Brust und

leckte die Freudenthränen ab, die dem Alten über die Wangen liefen.

Am Abend dieses glücklichen Tages wanderten sie zusammen ins

Wirthshaus. Der Jäger spielte Tarok mit dem Doctor und mit dem

Verwalter. Krambambuli lag in der Ecke hinter seinem Herrn. Manchmal

sah dieser sich nach ihm um, und der Hund, so tief er auch zu

schlafen schien, begann augenblicklich mit dem Schwanze auf den Boden

zu klopfen, als wollt' er melden: »Präsent!« Und wenn Hopp sich

vergessend, recht wie einen Triumphgesang das Liedchen anstimmte:

»Was macht denn mein Krambambuli?« richtete der Hund sich würde- und

respektvoll auf und seine hellen Augen antworteten:

»Es geht ihm gut.«

Um dieselbe Zeit trieb, nicht nur in den gräflichen Forsten, sondern

in der ganzen Umgebung eine Bande Wildschützen auf wahrhaft tolldreiste

Art ihr Wesen. Der Anführer sollte ein verlottertes Subjekt sein.

Den »Gelben« nannten ihn die Holzknechte, die ihn in irgend einer

übel berüchtigten Spelunke beim Branntwein trafen, die Heger, die ihm

hie und da schon auf der Spur gewesen, ihm aber nie hatten beikommen

können, und endlich die Kundschafter, deren er unter dem schlechten

Gesindel in jedem Dorfe mehrere besaß.

Er war wohl der frechste Gesell, der jemals ehrlichen Jägersmännern

etwas aufzulösen gab, mußte auch selbst vom Handwerk gewesen sein,

sonst hätte er das Wild nicht mit solcher Sicherheit aufspüren, und

nicht so geschickt jeder Falle, die ihm gestellt wurde, ausweichen

können.

Die Wild- und Waldschäden erreichten eine unerhörte Höhe, das

Forstpersonal befand sich in grimmigster Aufregung. Da begab es sich

nur zu oft, daß die kleinen Leute, die bei irgend einem unbedeutenden

Waldfrevel ertappt wurden, eine härtere Behandlung erlitten, als zu

anderer Zeit geschehen wäre, und als gerade zu rechtfertigen war. Große

Erbitterung herrschte darüber in allen Ortschaften. Dem Oberförster,

gegen den der Haß sich zunächst wandte, kamen gutgemeinte Warnungen

in Menge zu. Die Raubschützen, hieß es, hätten einen Eid darauf

geschworen, bei der ersten Gelegenheit exemplarische Rache an ihm zu

nehmen. Er, ein rascher, kühner Mann, schlug das Gerede in den Wind

und sorgte mehr denn je dafür, daß weit und breit kund werde, wie

er seinen Untergebenen die rücksichtsloseste Strenge anbefohlen, und

für etwaige schlimme Folgen die Verantwortung selbst übernommen habe.

Am häufigsten rief der Oberförster dem Revierjäger Hopp die scharfe

Handhabung seiner Amtspflicht ins Gedächtniß, und warf ihm zuweilen

Mangel an »Schneid« vor; wozu freilich der Alte nur lächelte. Der

Krambambuli aber, den er bei solcher Gelegenheit von oben herunter

anblinzelte, gähnte laut und wegwerfend. Uebel nahmen er und sein

Herr dem Oberförster nichts. Der Oberförster war ja der Sohn des

Unvergeßlichen, bei dem Hopp das edle Waidwerk erlernt, und Hopp hatte

wieder ihn als kleinen Jungen in die Rudimente des Berufs eingeweiht.

Die Plage, die er einst mit ihm gehabt, hielt er heute noch für eine

Freude, war stolz auf den ehemaligen Zögling, und liebte ihn trotz der

rauhen Behandlung, die er so gut wie jeder Andere von ihm erfuhr.

Eines Junimorgens traf er ihn eben wieder bei einer Execution.

Es war im Lindenrondell, am Ende des herrschaftlichen Parks, der

an den »Grafenwald« grenzte, und in der Nähe der Culturen, die der

Oberförster am liebsten mit Pulverminen umgeben hätte. Die Linden

standen just in schönster Blüthe, und über diese hatte ein Dutzend

kleiner Jungen sich hergemacht. Wie Eichkätzchen krochen sie auf

den Aesten der herrlichen Bäume herum, brachen alle Zweige, die sie

erwischen konnten, ab, und warfen sie zur Erde. Zwei Weiber lasen die

Zweige hastig auf und stopften sie in Körbe, die bereits mehr als zur

Hälfte mit dem duftenden Raube gefüllt waren. Der Oberförster raste

in unermeßlicher Wuth. Er ließ durch seine Heger die Buben nur so von

den Bäumen schütteln, unbekümmert um die Höhe, aus der sie fielen.

Während sie wimmernd und schreiend um seine Füße krochen, der eine mit

zerschlagenem Gesicht, der andere mit ausgerenktem Arm, ein dritter mit

gebrochenem Bein, zerbläute er eigenhändig die beiden Weiber. In dem

einen derselben erkannte Hopp die leichtfertige Dirne, die das Gerücht

als die Geliebte des »Gelben« bezeichnete. Und als die Körbe und Tücher

der Weiber und die Hüte der Buben in Pfand genommen wurden und Hopp

den Auftrag bekam, sie aufs Gericht zu bringen, konnte er sich eines

schlimmen Vorgefühls nicht erwehren.

Der Befehl, den ihm damals der Oberförster zurief, wild wie ein

Teufel in der Hölle und wie ein solcher umringt von jammernden und

gepeinigten Sündern, ist der letzte gewesen, den der Revierjäger im

Leben von ihm erhalten hat. Eine Woche später traf er ihn wieder im

Lindenrondell -- todt. Aus dem Zustande, in dem die Leiche sich befand,

war zu ersehen, daß sie hierher, und zwar durch Sumpf und Gerölle

geschleppt worden war, um an dieser Stelle aufgebahrt zu werden. Der

Oberförster lag auf abgehauenen Zweigen, die Stirn mit einem dichten

Kranz aus Lindenblüthen umflochten, einen eben solchen als Bandelier

um die Brust gewunden. Sein Hut stand neben ihm, mit Lindenblüthen

gefüllt. Auch die Jagdtasche hatte der Mörder ihm gelassen, nur die

Patronen herausgenommen und statt ihrer Lindenblüthen hineingethan.

Der schöne Hinterlader des Oberförsters fehlte und war durch einen

elenden Schießprügel ersetzt. Als man später die Kugel, die seinen Tod

verursacht hatte, in der Brust des Ermordeten fand, zeigte es sich,

daß sie genau in den Lauf dieses Schießprügels paßte, der dem Förster

gleichsam zum Hohne über die Schulter gelegt worden war. Hopp stand

beim Anblick der entstellten Leiche regungslos vor Entsetzen. Er hätte

keinen Finger heben können, und auch das Gehirn war ihm wie gelähmt; er

starrte nur und starrte und dachte anfangs gar nichts, und erst nach

einer Weile brachte er es zu einer Beobachtung, einer stummen Frage: --

»Was hat denn der Hund?«

Der Krambambuli beschnüffelt den todten Mann, läuft wie nicht gescheidt

um ihn herum, die Nase immer am Boden. Einmal winselt er, einmal stößt

er einen schrillen Freudenschrei aus, macht ein paar Sätze, bellt, und

es ist gerade so, als erwache in ihm eine längst erstorbene Erinnerung

...

»Herein,« ruft Hopp, »da herein!« Und Krambambuli gehorcht, sieht aber

seinen Herrn in allerhöchster Aufregung an, und -- wie der Jäger sich

auszudrücken pflegte -- ~sagt~ ihm: »Ich bitte Dich um Alles in

der Welt, siehst Du denn nichts? Riechst Du denn nichts? ... O lieber

Herr, schau doch! riech doch! O Herr, komm! Daher komm! ...« Und tupft

mit der Schnauze an des Jägers Knie und schleicht, sich oft umsehend,

als frage er: »Folgst Du mir?« zu der Leiche zurück und fängt an, das

schwere Gewehr zu heben und zu schieben und ins Maul zu fassen, in der

offenbaren Absicht, es zu apportiren.

Dem Jäger läuft ein Schauer über den Rücken und allerlei Vermuthungen

dämmern in ihm auf. Weil das Spintisiren aber nicht seine Sache ist,

es ihm auch nicht zukommt, der Obrigkeit Lichter aufzustecken, sondern

vielmehr den gräßlichen Fund, den er gethan hat, unberührt liegen zu

lassen und seiner Wege -- das heißt in dem Fall recte zu Gericht -- zu

gehen, so thut er denn einfach, was ihm zukommt.

Nachdem es geschehen und alle Förmlichkeiten, die das Gesetz bei

solchen Katastrophen vorschreibt, erfüllt, der ganze Tag auch und

noch ein Stück der Nacht darüber hingegangen sind, nimmt Hopp, eh' er

schlafen geht, noch seinen Hund vor.

»Mein Hund,« spricht er, »jetzt ist die Gendarmerie auf den Beinen,

jetzt giebt's Streifereien ohne Ende. Wollen wir es Andern überlassen,

den Schuft, der unsern Oberförster erschossen hat, wegzuputzen aus

der Welt? -- Mein Hund kennt den niederträchtigen Strolch, kennt

ihn, ja, ja. Aber das braucht Niemand zu wissen, das habe ich nicht

ausgesagt ... Ich, hoho! ... Ich werd' meinen Hund hineinbringen in

die Geschichte ... Das könnt' mir einfallen!« Er beugte sich über

Krambambuli, der zwischen seinen ausgespreizten Knieen saß, drückte

die Wange an den Kopf des Thieres und nahm seine dankbaren Liebkosungen

in Empfang. Dabei summte er: »Was macht denn mein Krambambuli?« bis der

Schlaf ihn übermannte.

Seelenkundige haben den geheimnißvollen Drang zu erklären gesucht,

der manchen Verbrecher stets wieder an den Schauplatz seiner Unthat

zurückjagt. Hopp wußte von diesen gelehrten Ausführungen nichts,

strich aber dennoch ruh- und rastlos mit seinem Hunde in der Nähe des

Lindenrondells herum.

Am zehnten Tage nach dem Tode des Oberförsters hatte er zum ersten Mal

ein paar Stunden lang an etwas Anderes gedacht als an seine Rache, und

sich im »Grafenwald« mit dem Bezeichnen der Bäume beschäftigt, die beim

nächsten Schlag ausgenommen werden sollten.

Wie er nun mit seiner Arbeit fertig ist, hängt er die Flinte wieder

um und schlägt den kürzesten Weg ein quer durch den Wald gegen die

Culturen in der Nähe des Lindenrondells. Im Augenblick, in dem er auf

den Fußsteig treten will, der längs des Buchenzaunes läuft, ist ihm,

als höre er etwas im Laube rascheln. Gleich darauf herrscht jedoch

tiefe Stille, tiefe, anhaltende Stille. Fast hätte er gemeint, es sei

nichts Bemerkenswerthes gewesen, wenn nicht der Hund so merkwürdig

dreingeschaut hätte. Der stand mit gesträubtem Haar, den Hals

vorgestreckt, den Schwanz aufrecht, und glotzte eine Stelle des Zaunes

an. Oho! dachte Hopp, wart' Kerl, wenn Du's bist; trat hinter einen

Baum und spannte den Hahn seiner Flinte. Wie rasend pochte ihm das

Herz, und der ohnehin kurze Athem wollte ihm völlig versagen, als jetzt

plötzlich -- Gottes Wunder, ~durch~ den Zaun -- »der Gelbe« auf

den Fußsteig trat. Zwei junge Hasen hängen an seiner Waidtasche und auf

seiner Schulter, am wohlbekannten Juchtenriemen der Hinterlader des

Oberförsters. Nun wär's eine Passion, den Racker niederzubrennen aus

sicherem Hinterhalt.

Aber nicht einmal auf den schlechtesten Kerl schießt der Jäger Hopp,

ohne ihn angerufen zu haben. Mit einem Satze springt er hinter dem Baum

hervor und auf den Fußsteig, und schreit: »Gieb Dich, Vermaledeiter!«

Und als der Wildschütz zur Antwort den Hinterlader von der Schulter

reißt, giebt der Jäger Feuer ... All' Ihr Heiligen! -- ein sauberes

Feuer. Die Flinte knackst anstatt zu knallen. Sie hat zu lange mit

aufgesetzter Kapsel im feuchten Wald am Baum gelehnt -- sie versagt.

Gute Nacht, so sieht das Sterben aus, denkt der Alte ... doch nein --

er ist heil, sein Hut nur fliegt, von Schroten durchlöchert, ins Gras

...

Der Andere hat auch kein Glück; das war der letzte Schuß in seinem

Gewehr, und zum nächsten zieht er eben erst die Patrone aus der Tasche

...

»Pack an!« ruft Hopp seinem Hunde heiser zu: »Pack an!« Und:

»Herein, zu mir! Herein, Krambambuli!« lockt es drüben mit zärtlicher,

liebevoller -- ach, mit altbekannter Stimme ...

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) · 第 10 / 34 题