Die Einen nennen den Jacob Szela einen Volksführer, die Andern einen
Volks~ver~führer; die Ersten sehen in ihm ein »Muster schönster
Loyalität«, die Zweiten einen Räuber und Mordbrenner. Jene verehren
ihn als einen Gesetzkundigen und Weisen, während ihn Diese für einen
Winkelschreiber und Rabulisten erklären. Kaum ist jemals über eine
geschichtliche Persönlichkeit so verschieden geurtheilt worden, wie
über den galizischen Bauer Jacob Szela, Grundwirth zu Smarzowa, im
Tarnower Kreise. Nicht einmal das Alter, in welchem er sich Anno 1846
-- dem für Galizien so wichtigen und unglücklichen Jahre -- befand, ist
festgestellt.
-- Er war damals sechzig Jahre alt und im Vollbesitze seiner Kraft,
sagen seine Ankläger. -- Er war ein siebenzigjähriger gebrochener
Greis, sagen seine Bewunderer. Nur in einem Punkte stimmen Alle
überein, Alle bestätigen, daß große Macht in den Händen dieses Mannes
lag, dem Tausende seiner Standesgenossen unbedingtes Vertrauen
schenkten und blind gehorchten.
Gleich nach seiner Erwählung zum Gemeinde-Deputirten hatte er einen
Proceß gegen die Gutsherrschaft beim Kreisamt anhängig gemacht. Er
bewies, daß die Gutsherrschaft sich im Verlaufe von sechsundfünfzig
Jahren von der Gemeinde Smarzowa wöchentlich um achtzig, in Summa
einmalhundert zwei und dreißig tausend, neunhundert und sechzig
Robottage mehr hatte leisten lassen, als jene zu leisten schuldig
gewesen war, und verlangte Schadenersatz. Das Kreisamt nahm die Klage
an, suchte aber Szelas Forderung herabzumindern. Der wollte jedoch kein
Jota von seinem Rechte ablassen, respective von dem Recht Derjenigen,
die er zu vertreten hatte; wollte auch auf keinen, noch so gut
gemeinten Vorschlag zu einem Ausgleich eingehen, und legte eine solche
Halsstarrigkeit an den Tag, daß der Kreishauptmann, Ritter von Breinl,
sich endlich entschloß, den Vorstellungen der Gutsherren von Smarzowa
nachzugeben, und in die Entsetzung Szelas als Gemeinde-Deputirten und
Bevollmächtigten zu willigen.
Gegen den Ausspruch recurrirte Szela sogleich beim Gubernium, wurde
dort jedoch abgewiesen und vermahnt, sich an die kreisamtliche
Entscheidung zu halten. Szela überlegte eine Weile und wandte sich dann
mit einer klaren Darlegung des Sachverhalts an die Hofkanzlei nach
Wien. Binnen Kurzem erfloß von dort die Cassirung der Entscheidungen
des Kreisamts sowohl wie des Guberniums. Die beiden Stellen erhielten
den Befehl, Szela, gegen den als Gemeinde-Vertreter nichts einzuwenden
sei, auch sonst Ungünstiges nicht vorliege, nach wie vor als
Deputirten seiner Ortschaft anzuerkennen. Dieser Beschluß erweckte in
der Landbevölkerung eine grenzenlose Begeisterung und Dankbarkeit gegen
die kaiserliche Regierung, und steigerte Szelas Ansehen auf das Höchste.
Der Proceß nahm seinen Fortgang und war nahe daran, zu Gunsten des
Klägers entschieden zu werden, als die Revolution ausbrach, die
einzige, in welcher das Volk den Ausschlag gab, indem es gegen seine
vorgeblichen Befreier Partei ergriff. Kein Wunder, daß Szela bei dem
merkwürdigen Ereignisse eine große Rolle spielte -- spielen mußte; die
Consequenzen seiner langjährigen Wirksamkeit traten zwingend an ihn
heran, und den schlichten Bauer hat es wohl selbst befremdet, als er,
eines Morgens erwachend, die Sense in seiner Hand in ein Richtschwert
verwandelt sah.
Ob er es zum Heile oder Unheile geführt, ob er das rings auflodernde
Feuer anzufachen oder zu dämpfen gesucht hat, darüber steht den
Vorurtheilsvollen kein endgültiges Urtheil zu. Maßgebender für eine
Charakterstudie des Bauernhäuptlings dürften die Berichte eines
kürzlich in Zabno verstorbenen Mannes sein, der den Szela persönlich
gekannt, ihm aber fern gestanden hat und »_sine ira et studio_«
von ihm zu sprechen pflegte.
Der Mann war der alte Sikorski, ehemaliger Castellan im Schlosse des
Grafen O., eines Grenznachbars der Herren von Bogusz, Eigenthümer von
Smarzowa. Sikorski hatte in seiner Jugend beim Militär gedient, seines
Fahneneides nicht vergessen, und kümmerte sich um Politik nicht im
Geringsten. Er folgte darin dem Beispiele seines Herrn, der auch viele
Jahre Soldat gewesen war und diese Zeit als die fröhlichste seines
Lebens bezeichnete. Die glücklichste für den Grafen, die seiner Ehe,
hatte nur wenige Jahre gedauert. Nach dem Tode seiner Gattin, die
ihm drei schöne und kräftige Söhne hinterlassen, gab er sich anfangs
einer unmäßigen Trauer hin, suchte aber dann Zerstreuungen, kutschirte
in der Nachbarschaft herum, hielt sich monatelang in Lemberg auf,
verbrauchte mehr Geld als er einnahm, drückte seine Pächter, und wurde
seinen Bauern ein harter Herr. So schlecht es denen jedoch erging,
von ihren Großeltern konnten sie hören, daß die jetzige Zeit Gold war
im Vergleich zur früheren, welche die Metapher von den an den Pflug
gespannten Bauer zur buchstäblichen Wahrheit gemacht hatte, und in
welcher es den Edelmann keinen Kreuzer kostete, wenn er einen seiner
Unterthanen -- und nur fünfzehn polnische Gulden, wenn er den seines
Nachbars erschlug.
Der Graf fühlte für Szela immer eine gewisse Vorliebe, hielt ihn an,
wenn er ihm begegnete, sprach und scherzte mit ihm, demüthigte ihn
übrigens mitunter auch recht grausam. Er haßte Szelas Gutsherren
von Herzen wegen ihrer Oesterreich feindlichen Gesinnung, er hätte
ihnen alles Schlimme gegönnt, aber daß ihnen Schlimmes durch einen
ihrer eigenen Bauern zugefügt wurde, das war ihm doch nicht recht.
Die Entschließung des Kreisamts in Bezug auf Szela hatte er als eine
Ungerechtigkeit getadelt, die Entschließung der Hofkanzlei entrüstete
ihn als eine Unklugheit. -- »Das übersteigt die erlaubten Grenzen,«
sagte er; »das ist zu arg. Das heißt jede unmittelbare Autorität dem
Landvolke gegenüber untergraben.«
Von dem Tage an grollte der Graf dem Szela, und wurde gar eifrig in
seiner Mißstimmung bestärkt durch einen jungen Mann, dem er viel
rascher, als sonst in seiner Art lag, sein Vertrauen geschenkt hatte,
durch den Mandatar Jaslo.
Der Mandatar war überhaupt eine wichtige Persönlichkeit in der Umgebung
des Grafen, ein bildhübscher Bursch von äußerst einnehmendem Wesen.
Mittelgroß, mager wie ein Windhund, geschmeidig wie eine Katze und klug
wie eine Schlange. Der Graf stand unter seinem Einfluß, die jungen
Grafen waren von ihm bezaubert. Joseph, der erstgeborene, betete ihn
förmlich an und wich nicht von seiner Seite.
Im Herbste 1845 kam eines Tages Szela zu dem Castellan Sikorski und
bat, ihn beim Grafen zu melden. Eine solche Freiheit hatte Szela
sich nie herausgenommen, und Sikorski sagte erstaunt zu ihm: »Ich
Dich melden? Was fällt Dir ein? Nicht einmal, wenn der Herr Graf gut
aufgelegt wäre, thäte ich's; wie denn heute, da er sich in seiner
übelsten Laune befindet, weil der Verwalter ihm nicht so viel Geld
gebracht hat, als er auf die morgige Reise mitnehmen wollte.«
Szela entgegnete, wenn der Herr Graf morgen schon wieder verreise,
liege desto mehr daran, daß er ihn heute noch sprechen könne. --
Und er wußte dem Castellan die Sache so dringend zu machen, ihm die
Verantwortung, die er auf sich lade, wenn er ihm nicht eine Audienz
verschaffe, als eine so schwere vorzustellen, daß Sikorski sich zum
Grafen begab und ihm die gehorsamste Bitte des Szela vortrug. Der Graf
sprang vom Schreibtisch auf, an dem er vor unordentlich durcheinander
geworfenen Rechenbüchern und Schriften gesessen hatte und rief: »Herein
mit ihm!«
Der Castellan stutzte; ihm wurde heiß. Diesen rauhen Klang in der
Stimme seines Herrn kannte er und wußte im Voraus, was Szela zu
erwarten hatte. Er ging nach seinem Zimmer zurück und rieth dem dort
Harrenden: »Glaub' mir, lauf noch jetzt davon. Ich will sagen, daß Du
im letzten Augenblick den Muth verloren hast, vor den Herrn zu treten.
Das wird ihm in den Kram passen und ihn besänftigen.«
»Kann nicht sein,« murmelte Szela, »geh' Du voran, Pan Castellan, ich
folge.«
So begaben sie sich auf den Weg.
»Was willst Du?« schrie der Graf dem Szela entgegen. Als der jedoch
sich tief verneigte und voll Respect an der Thür stehen blieb, da
war's, als ob sein Anblick den Grafen umstimmte. Und in der That besaß
der alte Grundwirth, obgleich er ungewöhnlich klein und schmächtig war,
ein gar ehrwürdiges Aussehen. Zufällig hatte er sich gerade unter das
Bild des Theuerdank gestellt, das an der Wand hing, und jedem Menschen
mußte die Aehnlichkeit zwischen den beiden Köpfen auffallen, dem des
großen Kaisers im sammtenen, pelzverbrämten Jagdkleide, und dem des
armen Bauers im weißen Leinwandkittel.
»Was willst Du?« wiederholte der Graf.
»Ich möchte unterthänigst bitten, unter vier Augen mit Dir sprechen zu
dürfen, hochgeborener Herr.«
»Unter vier Augen? ... Du bist keck ... Ich habe keine Geheimnisse mit
Dir. Sprich vor dem Castellan oder pack' Dich.«
»Du hast zu befehlen, gnädigster Herr,« antwortete Szela, ohne eine
Miene zu verziehen -- er hatte wohl keinen andern Empfang erwartet.
»Ich bin gekommen, um Dich zu warnen; Du befindest Dich in einer großen
Gefahr.«
»So? ...« Der Graf zwirbelte an seinem Schnurrbart und trat näher auf
Szela zu: »Mich zu warnen kommst Du, und vor wem?«
»Vor einem Deiner Diener, der Dich bestiehlt.«
»Bestiehlt?«
»Ja, hochgeborener Herr Graf. Er stiehlt Dir das Liebste, das Du hast
-- Deine Kinder.«
»Was soll das heißen? Welchen Unsinn schwatzest Du?«
»Laß Dich herab, mich anzuhören,« flehte Szela. »Du hast einen Mann im
Hause, der zu den Polen hält und ein Feind des Kaisers ist.«
»Wohl auch Dein Feind?« fragte der Graf höhnisch, und Szela, ohne die
Ironie dieser Worte zu verstehen, gab mit ruhiger Stimme zur Antwort:
»Freilich, Herr. Der Feind des Kaisers ist auch mein Feind.«
»Aha! ... Wie heißt der Mann, von dem Du redest?«
»Jaslo, Pan Jaslo, der Mandatar.«
Jetzt brach das Gewitter los: »Hund, niederträchtiger, verleumderischer
Hund! Meinen besten Diener wagt die Bestie zu begeifern, weil sie weiß,
daß er ihr nicht gewogen ist? ... Weil er wie jeder Vernünftige sagt:
Unrecht gethan hat die Hofkanzlei, indem sie auf den Recurs des frechen
Gesellen anders geantwortet hat als mit einer Anweisung auf fünfzig
Stockstreiche?«
»Es ist mir zu Ohren gekommen, gnädiger Herr, daß Pan Jaslo so
ungebührliche Reden führt.«
»Und deshalb also? ... Dem soll ich den Mund stopfen, meinst Du? Ein
Mensch, der bei der Hofkanzlei Gehör gefunden hat, wird auch bei einer
Herrschaft Gehör finden ... Aber da hast Du Dich verrechnet ... Die
Herrschaft holt nach, was die Hofkanzlei versäumte ...«
Dem Grafen quollen die Augen aus dem Gesicht, seine Lippen waren weiß;
er ballte die Hand um einen Reitstock, den er vom Wandgestell gerissen
hatte, und ein Hagel von Schlägen fiel auf den Kopf und die Schultern
des Bauers. Dieser stand unbeweglich, zuckte nicht einmal; nur eine
grenzenlose, verzweiflungsvolle Traurigkeit sprach sich in seinem
faltigen Antlitz aus.
Plötzlich war's, als ob den Grafen Scham ergriffe über das
Büttelknechtsamt, das er ausübte. Statt ihn zu besänftigen jedoch,
reizte ihn der Gedanke nur zu größerer Wuth gegen den, der ihn dahin
gebracht hatte, sich so zu entwürdigen.
Szela that nicht das Geringste, um seinen Grimm zu mildern. »Ich
brauche mir im Grunde Deine Schläge nicht gefallen zu lassen, gnädiger
Herr,« sagte er, als der Graf seinem Stocke Ruhe gönnte. »Dessen
ungeachtet bitte ich Dich: schlag' zu! aber nimm Dir meine Warnung zu
Herzen.«
Natürlich tobte darauf der Graf noch ärger als früher. Kein
Schimpfwort, das er dem Szela nicht zugeschrieen hätte. Zum Schlusse
schwor er einen so thörichten Eid, wie ihn nur der rasendste Zorn
aussprechen kann: Lieber wollte er untergehen, lieber seine Kinder
vor seinen Augen sterben sehen, als seine oder ihre Rettung einem
elenden Kerl von Bauern danken zu müssen. »Hinaus! Hinaus mit Dir,
Du lügnerischer Schurke! und wenn Du Dich je wieder blicken lassen
solltest, dann hüte Dich vor den Hofhunden.«
Das war der Reisesegen, den Szela mitbekam.
Der Castellan nahm den Alten mit auf seine Stube, und brachte ihm
Wasser, um sein blutrünstiges Gesicht zu waschen. Ihn jammerte des
schwer Mißhandelten, er konnte sich aber doch nicht enthalten, ihm zu
sagen: »Recht ist Dir geschehen. Warum hast Du durchaus zu ihm gehen
müssen!«
Szela rieb sich die zerbläuten Schultern mit dem Rücken der Hand:
»Armer Herr Graf -- für so verblendet hätte ich ihn nicht gehalten.
Armer Herr! Ganz bethört hat ihn der polnische Schwätzer ... Bete zu
Gott, Herr Castellan, daß er das große Unglück abwende, welches dieser
Mensch über den armen Herrn Grafen und sein ganzes Haus bringen kann.«
Am Nachmittage ließ der Graf den Mandatar rufen und hatte eine lange
Unterredung mit ihm. Verstört und bleich war Jaslo in das Zimmer seines
Herrn getreten, wohlgemuth und friedlich kam er wieder heraus. Das
leibhaftige gute Gewissen könnte nicht in liebeswürdigerer Gestalt
einhergehen. Der Castellan begegnete ihm im Gange, und ärgerte sich
später darüber, daß er dem jungen Manne für seinen Gruß gar so
freundlich gedankt hatte. Aber das war es ja, daß er einen immer wieder
gewann. Jeder, der ihn ~sah~, konnte nichts Schlechtes von ihm
denken. Vielleicht, weil er selbst in dem Glauben handelte, recht zu
thun, in dem er alle, die einer anderen Partei angehörten als er, zu
bethören und zu verführen oder zu -- verrathen suchte.
Nach der Abreise des Grafen begann er übrigens sein Spiel ziemlich
offen zu treiben. Er schien sich das Vorgehen des Herrn Longchamps,
Gütercommissärs beim Fürsten Sanguszko, zum Muster zu nehmen,
der, sobald der Fürst seine Residenz verlassen hatte, um sich zum
Winteraufenthalt nach Paris zu begeben, Schloß Gumnisk zu einem
Vereinigungspunkte für Anhänger, Agenten und Emissäre der Propaganda
aus allen Ecken und Enden Westgaliziens machte. Mit diesen Leuten
verkehrten Jaslo und Graf Joseph beständig; und auch die jüngeren
Grafen, deren Hofmeister der Beredtsamkeit Jaslo's lange widerstanden
hatte, jetzt aber anfing schwankend zu werden, sangen: »Jeszcze
Polska«, und freuten sich in ihrer kindischen Weise auf den baldigen
Ausbruch der Revolution.
Seltsam war die Stimmung im Dorfe. Am Sonntag Sexagesimä fanden sich
bedruckte fliegende Blätter auf den Bänken in der Kirche vor und
wurden von den meisten Andächtigen -- aus gutem Grunde ungelesen --
ins Gebetbuch gelegt. Die wenigen jedoch, die gelehrt genug waren, um
sich mit deren Inhalt vertraut zu machen, erfuhren daraus, der Bischof
in Jerusalem habe, während er das heilige Meßopfer darbrachte, eine
Stimme vom Himmel vernommen, die ein Gebet gesprochen, das er hiermit
der Christenheit in Polen zu ihrem Nutzen und Frommen mittheile. Jeder,
der es nachgebetet, sei verpflichtet, es sieben Male abzuschreiben
und an Andere zu vertheilen. Er werde dann als ein Gefeiter durch die
drohenden Gefahren wandeln. Bald müsse das Blut stromweise fließen;
nachher aber stehe eine gesegnete Zeit in Aussicht, in welcher die
Früchte der Erde in unerhörter Fülle gedeihen und die Ländereien blühen
würden gleich einem Paradiese.
Ströme Blutes! -- Oft schon hatten die Bauern gehört, Ströme Blutes
~werden~ fließen; jetzt hieß es -- sie ~müssen~ fließen;
durch den Mund des Heiligen wurde es verkündet. Wenn aber Blut
strömen soll, muß es vergossen werden, und wer soll es vergießen
und durch wen soll es geschehen? ... Durch wen anders als durch
Diejenigen, deren Sache es ist, auf den Feldern, die es düngen wird,
zu säen und zu ernten? ... So schlossen die Meisten; nur einige
ängstliche Seelen waren der Meinung: »Weit gefehlt! Die polnisch
gesinnten Herren werden uns umbringen, uns Austriaci!« Ein dumpfer
Druck lag auf allen Gemüthern, den nur da und dort das Aufblitzen
eines wilden Entschlusses, eine Verheißung der Rache für mehr als
sechshundertjährige Bedrückung unterbrach. Auf dem Kreisamte herrschte
rege Thätigkeit; täglich wurden neue Verschwörungen entdeckt und neue
Verhaftungen vorgenommen. Jeder Freund des Friedens fing schon an
zu hoffen, es werde den Ruhestörern das Handwerk bald gelegt sein,
als grausige Gerüchte aus der Nachbarschaft in das Dorf drangen. Die
Edelleute, erzählte man sich, wollen ihre Bauern zum Kampf gegen die
Regierung aufstacheln und werden von den Bauern erschlagen, und ihre
Häuser, ihre Castelle werden ausgeplündert und in Brand gesteckt.
In der Nacht des 18. Februar ging Sikorski, von namenloser Bangigkeit
gepeinigt, von Zimmer zu Zimmer. An dem der kleinen Grafen lauschte er;
da war Alles still, sie schliefen. Im großen Saal, mit den sechs hohen
Fenstern, traf er den Grafen Joseph, der aufmerksam in die Ferne hinaus
spähte. Der Mond war noch nicht aufgegangen, die Nacht aber schnee-
und sternenhell. An zwei Punkten des bleigrauen Horizonts wallten von
feurigen Funken durchsprühte weißliche Rauchsäulen empor. »Um Christi
willen!« seufzte Sikorski -- »zwei Dörfer brennen!«
»Das dritte noch nicht, und das ist schlimm,« sprach Joseph, »viel
schlimmer als Du denkst, alter Sikorski.«
Der Castellan entsetzte sich über diese Worte und fragte den jungen
Herrn, wie er, der doch ein gutes Herz habe, solche Reden zu führen
im Stande sei? Joseph lächelte und erwiderte mit einer altklugen und
kalten Miene, die ihm ein ganz verändertes Aussehen gab: »Was willst
Du? Einen Pfannkuchen bereitet man nicht, ohne Eier zu zerbrechen.«
Es wurde Mitternacht. Joseph blickte unverwandt nach einem dunklen
Fleck am Horizonte aus, den endlich das sanfte Licht des Mondes, aber
nicht das eines Schadenfeuers erhellte.
Am nächsten Morgen, in aller Gottesfrühe, sandte Pan Jaslo den Sikorski
mit Briefen auf die Post, nach dem Städtchen, das im Schlitten mit
guten Pferden in einer Stunde zu erreichen war. Dort wurde dem
Castellan eine große Anzahl Neuigkeiten mitgetheilt, die ihm die Haare
zu Berge trieben. Er erfuhr, in welcher Gefahr sich die Edelleute
überhaupt, insbesondere aber jene befanden, die sich der Revolution
angeschlossen hatten. »Wenn Euer Graf in Lemberg ist,« sagte der
Posthalter, »kommt er gewiß heute oder morgen zurück. Es sind reitende
Boten mit Allarmnachrichten nach der Stadt geschickt worden.« Fast
närrisch vor Angst stieg Sikorski wieder in den Schlitten und hieß den
Kutscher nach Hause jagen, so rasch die Pferde laufen konnten.
Als er ins Dorf kam, sah er schon die Bauern scharenweise auf dem Wege
nach dem Schlosse begriffen. Jeder von ihnen trug eine Sense oder einen
Dreschflegel auf der Schulter.
»Wohin?« fragte Sikorski.
»Wie Du siehst, ins Schloß. Der Herr Mandatar hat uns befohlen, die
Sensen gerade zu nageln und uns auf der Wiese vor dem Hausthore
aufzustellen.«
»Gott verdamm' ihn, Gott verdamm' ihn,« rief Sikorski, sprang aus dem
Schlitten und rannte ins Amtshaus, zum Mandatar. Der Vogel war schon
ausgeflogen, und wahrlich in prächtigem Gefieder. Der alte Diener sah
ihn, gekleidet wie zu einer Hochzeit, eben aus der Halle treten, als er
selbst ganz athemlos dort anlangte. Noch prächtiger nahm Joseph sich
aus in der reichen polnischen Tracht, den Säbel umgeschnallt, zwei
Pistolen im Gürtel. Er stand zwischen seinen jüngeren Brüdern und auch
diese Kinder, die sich freilich Jünglinge dünkten, waren gekleidet und
bewaffnet wie die Erwachsenen. Einige Dominicalbeamte und ein halbes
Dutzend Herren, die Sikorski bisher niemals zu Gesicht bekommen hatte,
bildeten ihr Gefolge. Der Ortsgeistliche hielt sich neben ihnen.
Eine Menge Schlachzizen, kleine Edelleute aus der Umgebung waren
angefahren und geritten gekommen, und tänzelten um Jaslo herum. Wenn
~er~ feierlich dastand, wie ein Hochzeitsgast, so gebärdeten
~sie~ sich, als ging's zu einem Balle.
»Da bin ich!« rief der Castellan schon von Weitem, »hört meine
Nachrichten!« Aber den Herren war es keineswegs um seine Nachrichten
zu thun. Sie winkten ihm zu schweigen und schoben ihn hinweg oder
verhöhnten die Feigheit und Leichtgläubigkeit, der sie die Warnungen
zuschrieben, die er Dem und Jenem zuflüsterte. Daß er sie vor den
Bauern nicht laut ausschreien durfte, das versteht sich von selbst.
Und diese Bauern! Ihr Zuströmen wollte kein Ende nehmen. Ein Schwarm
nach dem andern marschirte herein. Das Gedränge wurde immer ärger, der
Raum immer beengter ... Links vom Schlosse begrenzte ihn das Gitter
zwischen Garten und Straße, rechts eine steile Böschung. Wie auf
Verabredung hatten sich die Leute um drei Männer, die alle anderen
hoch überragten, in Treffen geschart. In der Mitte des Planes um
den Urlauber Sabata, der in Lemberg, in der zweiten Compagnie des
Grenadier-Bataillons, als Flügelmann stand. Nächst der Böschung um
den Geschworenen Iwan, den stärksten Branntweintrinker im Orte; einem
harmlosen Riesen, wenn er sein Räuschlein hatte, einem zornwüthigen
Krakeeler, wenn er nüchtern war. An der Seite des Gitters um Wisniak,
den trockenen Spaßmacher, der nie lachte, und den eine Prügelstrafe
noch nie zum Jammern gebracht; einem sechs Schuh langen Kumpan mit
einer hohen Schulter und mit einem Gesicht wie aus gebräuntem
Eichenholz geschnitten.
Die Edelleute, es mochten ihrer dreißig bis vierzig sein, standen in
der Halle, ließen sich durch die Dienerschaft Liqueur serviren und
tranken auf das Wohl des wiedererwachten Polens. Jaslo und die Gräflein
aber schritten ganz militärisch die Fronte der Bauern ab, und diese
schmunzelten so freundlich hinter ihnen her, daß Sikorski schon dachte:
»Der Himmel sei gepriesen, sie lachen! Die ganze Geschichte läuft bei
uns auf einen Scherz hinaus und endet mit einer tüchtigen Beschämung
des Herrn Mandatars.«
Nun stand dieser still und hielt den Leuten eine Ansprache. Er begrüßte
sie als die Bürger eines neuen Reiches, in dem es keine Robot, kein
Salz- und Tabaksmonopol geben werde, und forderte sie auf, unter
der Führung der jungen Grafen nach Tarnow zu ziehen, um dort die
österreichische Obrigkeit abzuthun und eine polnische einzusetzen.
Seine Rede, welche die Schlachzizen zu dem stets erneuten Rufe
»_Vivat Polonia!_« begeisterte, war mit vielen schönen Worten von
Freiheit und Vaterlandsliebe verziert, und er trug sie mit Feuer vor.
Aber sie zündete doch nur bei denen, die ohnehin schon brannten; auf
die Bauern machte sie keinen andern Eindruck als den der Ueberraschung.
Und auch dieser geringe Erfolg wurde zu nichte und verwandelte sich in
höhnische Heiterkeit, als Wisniak, über die Köpfe seiner Umgebung weg,
dem Mandatar die flache Hand hinstreckte und ihn ernsthaft bat, ihm
auf die eben eröffneten schönen und sicheren Aussichten -- zwei Gulden
zu leihen.
Zornig brauste Jaslo auf; doch der Priester legte ihm beschwichtigend
die Hand auf den bereits zum Schlag ausholenden Arm und begann seine
Gemeinde selbst anzureden.
Der sanfte und gütige Herr bebte vor Aufregung; seine sonst so fahlen
Wangen färbten sich, ein Widerschein längst erloschener Jugend
schimmerte auf ihnen, aus den röthlich umränderten Augen leuchtete
schwärmerische Begeisterung. Er rief sein Volk in den Streit für die
heilige Sache; er verhieß ihren siegreichen Vorkämpfern den Besitz
eines irdischen und ihren Märtyrern den eines himmlischen Paradieses.
Die übermächtige Empfindung raubte ihm zuletzt die Stimme; er konnte
nur segnend die Hände erheben, indeß die Bauern sich bekreuzten,
die Edelleute einander in die Arme fielen, dann die Säbel zogen und
schwangen, und dem Grafen Joseph zuriefen, Befehl zum Aufbruch zu
geben. Der junge Herr that es, ließ sich eine Fahne reichen, die einer
der Schloßdiener bereit gehalten hatte, und entfaltete sie ... Der
Castellan meinte, der Schlag müsse ihn treffen -- es war die weiß-rothe
Fahne, die Joseph emporhob, und der seine Brüder zujauchzten.
Ein schrecklicher und zugleich rührender Anblick, diese drei irre
geleiteten Kinder! Guter Gott, wer hätte die Macht ihrer lieblichen
Schönheit nicht empfunden, wer nicht Erbarmen mit ihrer unschuldigen
Schuld? ...
Die dort! durchschauerte es den alten Diener mit tödtlichem Schreck,
die gewiß nicht, die jetzt noch dastehen wie eine Herde ängstlicher
Schafe und sich jeden Augenblick in ein Rudel Wölfe verwandeln können
... Beginnt es nicht schon unter ihnen zu gähren? Was stecken sie
die Köpfe zusammen und gesticuliren und scheinen Einer den Andern in
einem gefaßten Entschluß befestigen zu wollen? Der Castellan vernimmt
deutlich in ihren halblauten Reden den Namen Szela.
»Vorwärts!« ruft nun Jaslo, der sich nicht mehr kennt vor Unwillen und
Zorn, und die aus seinem Anhang rufen drein:
»Wenn Euch die jungen Herren führen, habt Ihr zu folgen!«
»Indessen Ihr hier zögert und Euch besinnt, ziehen die anderen
Bauern mit ihren Herren nach den Kreisstädten und lassen sich's dort
wohlergehen.«
»Unser Herr ist nicht da,« versetzte Iwan und blickte mit einer
offenbar gespielten Stumpfsinnigkeit um sich.
Der Priester seufzte und wollte wieder das Wort ergreifen, doch wurde
es ihm durch einen Schreiber abgeschnitten, der schon die ganze Zeit
hindurch seine Beredtsamkeit auf eigene Faust an den Bauern geübt
hatte. Er trug einen schäbigen Pelz, die Confederatka baumelte unsicher
auf seinem spitzen Kopfe, und ein alter Hirschfänger hing an fettigem
Riemen an seiner Seite. »Euer Herr ist gar kein Herr mehr!« kreischte
er in gebrochenem Polnisch, »Euer Herr ist kaiserlich -- es giebt nur
noch polnische Herren!«
»Sehen sie Alle so aus wie Du, die neuen Herren?« entgegnete Wisniak
laut und langsam, und setzte den Hut auf, den er bisher in der Hand
gehalten hatte.
Ach -- der Beifall, den diese Aeußerung und Gebärde weckte, klang nicht
harmlos mehr! In der trägen Masse des Volkes war ein unheimliches
Leben und Regen erwacht. Haß, Hohn, eine finstere Entschlossenheit zum
Widerstand kündete sich plötzlich und allgemein an in der Haltung der
armen Frohner.
Aber daß ihnen durch die Bauern Gefahr kommen könne, fiel den
Edelleuten nicht ein. Sie drohten, sie schrieen, sie schickten sich
an, die vier- und fünffache Ueberzahl der Landleute zum Gehorsam zu
zwingen. Mit der flachen Klinge schlugen sie drein, einige feuerten
ihre Pistolen in die Luft.
»Nehmt Euch in Acht!« rief Iwan ihnen zu, und im selben Augenblick rann
ihm das Blut über die Wangen. Ein Schlachziz hatte ihm sein eben leer
getrunkenes Glas an die Stirn geworfen.
Der Iwan mußte heute nüchtern sein, denn dieser Scherz, der ihn im
angeheiterten Zustand höchstens, wie man zu sagen pflegt, »einen Lacher
gekostet« hätte, versetzte ihn in Wuth. Mit Geheul brach er aus seiner
Schar wie ein Raubthier aus dem Dickicht und schwang den Dreschflegel
... Der geistliche Herr trat ihm entgegen mit erhobenem Crucifix,
parirte den Schlag und -- sank lautlos zu Boden, das erste Opfer des
wilden Kampfes, der jetzt entbrannte.
Durch das Getümmel drängte sich der Castellan zu Joseph heran: »Du bist
betrogen! Ueberall unterliegen die Polen, nicht die Kaiserlichen ...
Rette Dich, rette Deine Brüder. Die Anderen überlaß ihrem verdienten
Schicksal« ... Er hatte ihn am Kleide gefaßt: »Komm! hinein ins Schloß!«
Joseph entriß sich ihm. »Die Polen unterliegen?« stammelte er tonlos,
und schrie dann laut auf: »Den Polen zu Hülfe! Jaslo! Jaslo!«
Der Mandatar hörte ihn nicht, er befand sich im Handgemenge mit dem
rechten Flügel der Bauern; von seinen Getreuen, die ihm Beistand
leisteten, wälzte sich schon einer -- der Schreiber -- von einem
Sensenhieb getroffen, im Schnee. Joseph wollte auf seinen Freund
zustürzen -- die beiden Kleinen folgten ihm auf den Fersen wie ein paar
Hündlein ... Als sie an Sabata vorüber kamen, stellte dieser sich ihnen
in den Weg. Mit einem raschen Griffe entriß er dem jungen Grafen die
Fahne: »Fort mit dem Fetzen! Ich bin kaiserlicher Soldat und will den
Fetzen nicht sehen!«
»Wir sind auch kaiserlich!« tönte es ihm zurück, und ein lauter Jubel
erscholl, als Sabata die Fahne mit Füßen trat, ihre Stange brach und
die Stücke derselben in die Schloßfenster schleuderte ...
Wüthend zog Joseph den Säbel und stürmte auf die Bauern ein, und --
Sikorski hätte lachen müssen, wenn das Weinen ihn nicht erstickt hätte
-- die beiden Brüder ihm nach. Die Bauern wehrten ab mit den Stielen
der Sensen, wichen etwas zurück ... Es bildete sich eine Bucht in der
gestauten Menschenmasse. Plötzlich schloß sie sich hinter den jungen
Herren und sie waren den Augen Sikorskis entschwunden. »Ihr Leute! Ihr
Leute!« rief er, »um Gottes willen ... Was thut Ihr ... Auseinander!
Platz, Ihr Leute, Ihr Hunde!«
Er und einige Schloßdiener, die der ganzen Begebenheit bisher stumm
und neugierig zugesehen hatten, warfen sich den Bauern entgegen. Sie
prallten an wie an eine Mauer. Sie schrieen: »Gebt uns die jungen
Herren heraus!« schrieen, was sie konnten, und hörten ihre eigenen
Stimmen nicht in dem herrschenden Tumult. Die Panowies (Herren)
schossen, die Bauern gebrauchten ihre Sensen und Dreschflegel mit
furchtbarem Erfolg. Das Alles sah Sikorski noch ... auf einmal wurde
ihm grau vor den Augen und ihm war, als sei ein schwerer Stein auf
seinen Kopf gefallen ... Er wankte, sank aber nicht; ein starker Arm
empfing ihn, hielt ihn, und als er sich mit Gewalt zusammennahm und
emporblickte, sah er in das Angesicht desjenigen, dessen Gegenwart er
ebenso heiß ersehnt wie tödtlich gefürchtet hatte -- in das seines
Herrn. Ein wahres Todtenangesicht, und ein grausiges Wunder schien's,
daß diese Lippen sich öffneten und sprachen: »Die Kinder ...«
Er deutete mit ausgestreckter Hand auf die Wirbel, die da und dort im
Gedränge entstanden, wie sie sich im Wasser an den Stellen bilden, an
welchen ein schwerer Gegenstand untertaucht. Nie hat ein Mensch einen
qualvolleren Kampf gekämpft, als damals dieser Mann, dieser Vater.
Im Begriff vorzudringen, besann er sich, die zu reizen, die seine
Kinder in ihrer Gewalt hatten ... Und so erhob er eine unvergeßlich
schreckliche, keuchende, gepreßte Stimme, deren flehendem Ausdruck die
wuthsprühenden Augen, die krampfhaft geschlossenen Fäuste, die Haltung
des wie zum Sprung vorgebeugten Oberkörpers widersprachen:
»Lieber Sabata! Mein alter Blonski! und Du, Safka -- ich bitte Euch,
gebt mir meine Kinder heraus ... Ich werde Euch ewig dankbar sein.«
Die Angerufenen blickten einander stumm an und rührten sich nicht. Erst
nach einer tödtlichen Pause begann einer von ihnen: »Deine Kinder sind
Polen, wir sind keine Polen. Deine Kinder haben uns zum Hochverrath
verleiten wollen, wir aber ...«
Die Fortsetzung seiner Rede wurde durch ein ohrenzerreißendes Geschrei
übertäubt. Der Kampf zwischen Jaslo und dessen Anhängern nahte seiner
Entscheidung zu Gunsten der Sensenmänner, und der Anblick ihrer
überwundenen, blutenden Gegner wirkte berauschend auf die Sieger: »Die
Prophezeiung! Die Prophezeiung! Das Blut, das in Strömen fließen muß,
ist das Blut der Herren! ... Hurrah! schlagt die Herren todt!« brüllten
sie mit cannibalischem Entzücken und gebrauchten ihre mörderische
Waffe. Sikorski sah den Grafen die unbewehrten Hände gen Himmel erheben
und dann vorstürzen in den sichern Tod ...
Möge ein Mensch versuchen zu schildern, wie dem Castellan zu Muthe war,
als jetzt der Ruf: »Szela kommt! Szela kommt!« wild jauchzend in die
Lüfte stieg. Auf der Straße, vor dem offenen Gitterthor, hielt ein Zug
von Bauernschlitten, beladen mit einer gräßlichen Fracht. Landleute
aus der Nachbarschaft führten die Leichen der von ihnen ermordeten
Gutsherren auf das Kreisamt nach Tarnow ... und dieser haarsträubende
Anblick erweckte im der Menge ein Triumphgefühl, das den höchsten Grad
erreichte, als Szela raschen Schrittes den Garten betrat. Finster
schaute er drein, wies Alle, die ihm huldigend nahen wollten, rauh
hinweg und fragte: »Was thut Ihr?«
»Was Du gethan hast, Väterchen! Wir erschlagen die Panowies, die gegen
den Kaiser sind.«
Er richtete seine gebeugte Gestalt empor und griff sich nach dem Kopf:
»Ist Euer Graf gegen den Kaiser?«
»Er nicht, nein, er nicht ...«
»Nun denn, Ihr Dummköpfe! Ihr Gottverlassenen! ... Wie oft habe ich
Euch schon gesagt: Von Keinem haben wir etwas Gutes zu erwarten, außer
vom Kaiser, und den Beamten und Herren, die ihm treu sind ...«
»Wir wissen es, Väterchen, wir wissen es.«
»Weh' Euch, wenn Ihr es wißt und nicht danach handelt ...«
Bestürzt schwiegen die Bauern, scharrten mit den Füßen, neigten sich
demüthig. Nur der Urlauber Sabata faßte Herz genug, um -- den Hut
ehrerbietig in der Hand -- zu sprechen: »Der Graf ist ein strenger
Herr.«
»Hol Dich der Teufel -- streng! ... Wenn noch so streng ...« Er
unterbrach sich, machte eine kurze Pause und fuhr fort: »Wenn er Dich
zweimal schlägt, so denk': ein polnischer Herr hätte mich viermal
geschlagen.«
»So denken wir ohnehin, Väterchen.«
»Um so besser! dabei bleibt, und krümmt mir kein Haar auf dem Haupt
Eures Herrn! Heilig, -- versteht Ihr mich? -- Heilig soll jeder
österreichisch Gesinnte Euch sein!«
»Er ist es ja,« meinte Sabata, in einiger Verlegenheit. »Aber seine
Beamten, Väterchen, seine Kinder ...«
»Wo sind die Kinder?« fuhr Szela ihn an, und wiederholte heftig, als
die Antwort auf sich warten ließ: »Wo sind die Kinder Eures Herrn?«
-- »Ja, wo sind sie? Wer hat sie zuletzt gesehen? -- Der Iwan?
Nein, der Wisniak, der balgte sich mit ihnen. Dort, rechts, wo der
Bauernrichter steht ...« Der Bauernrichter will sie nicht gesehen
haben. »Sie werden in den Schwarm gerathen sein, der mit den Panowies
kämpfte,« sagte er. »Und wenn ihnen etwas geschehen ist, Väterchen, je
nun -- sind Lechi[7], Väterchen, und verdienen Strafe.«
[7] Polen.
»Nicht durch Euch! Ihr Vater wird sie strafen, dem kommt es zu, nicht
Euch!« rief Szela in schmerzlichem Zorn. Alle verstummten, und durch
die lautlose Stille drang nun ein zitternder Hülferuf, ein Schluchzen
und Weinen an sein Ohr. Er lauschte, erhob gebieterisch die Hand -- die
Menge theilte sich und gab Raum ...
-- Im Augenblick, in dem Szela an der Spitze der fremden Bauern
erschienen war, hatte der Graf Abrechnung gehalten mit seinem Gott und
ein stummes Gebet gesprochen: »Mach's gnädig, Allbarmherziger! Mach's
den Kindern gnädig. Was es jetzt zu erdulden giebt, lasse mich es
allein erdulden ... Schenk' den Kindern ein sanftes Ende ...«
Ein sanftes Ende unter den Händen wilder Bestien, empörungstoller
Sklaven? Welch ein Gebet! Muß man nicht selbst toll sein, um auf seine
Erhörung zu hoffen? Verzweifelnd hatte sich der Unglückliche der
berauschten und blutdürstigen Horde entgegen geworfen und dem Ersten,
auf den er traf, die Sense entrissen, nicht um sein Leben theuer zu
verkaufen, sondern um im Sterben noch seinen Kindern ein furchtbares
Todtenopfer zu bringen. Er meinte, der Boden unter seinen Füßen
schwände, meinte das Bewußtsein der Wirklichkeit zu verlieren, als das
Gedränge, in dem er sich eben erst befunden hatte, nachließ, die Leute
auseinander stoben und er allein stand, zu seinen Füßen die Leichen
Jaslos und des Priesters und, in Schmerzen ringend, die Verwundeten
beider Parteien. Auf dem breiten Wege aber, der sich im Gewühl gebildet
hatte, kam Szela langsam herangeschritten. An jeder Hand führte er
einen der Knaben. Der ältere hinkte kläglich, schmiegte sich an seinen
Erretter und preßte das Gesicht in die Falten von dessen Gewand. Der
jüngere blickte trotzig drein; er war sehr bemüht, seinen zerrissenen
Mantel festzuhalten, um zu verbergen, daß ihm die Czemerka in Fetzen
von der nackten Schulter hing. Joseph folgte entwaffnet, den Kopf tief
auf die Brust gesenkt.
Zweifelnd, ungläubig, allmälig auflebend, wie verzückt, starrte der
Graf den Nahenden entgegen. Er wollte auf sie zueilen, aber seine Kniee
brachen und nur mit bebender Stimme auszurufen vermochte er: »~Du~
bringst sie mir? ... ~Du~, Szela!«
Er riß seine Kinder an sich, er bedeckte sie mit Küssen, er streckte
versöhnend und vergebend seine Hand nach Joseph aus. Sein Erstgeborener
jedoch hatte sich auf die Erde geworfen neben den todten Freund und war
in seinem maßlosen Schmerz taub und blind für Alles, was um ihn vorging.
Als der Graf sich fassend die Augen erhob und die Karawane erblickte,
die vor seinem Hause Halt gemacht hatte, schauderte er und sprach,
unfähig, seinen Abscheu zu bemeistern: »Szela! Entsetzlicher! ... Dein
Werk?«
»Ich habe es nicht gethan,« lautete die Antwort.
Fester drückte der Graf die Köpfe seiner Kinder an seine Brust, um
ihnen den schreckensvollen Anblick zu entziehen, von dem er selbst die
Augen nicht zu verwenden vermochte, und murmelte leise: »Aber auch
nicht verhindert!«
Szela zog die Achseln in die Höhe; eine harte und unerschütterliche
Ruhe lag auf seinem gefurchten Antlitz: »Ich habe auch die Kinder
~meiner~ Herren gerettet,« sagte er, wandte sich ab und ging von
einer Gruppe der Bauern zur andern. Eindringlich und kurz ertheilte er
ihnen seine Befehle. Dicht hinter ihm, wie sein Schatten ihn geleitend,
schritt ein düsterer Gesell, bösartigen Aussehens; der Einzige, der
sich unterfing, gegen eine Anordnung des Alten hie und da Einwand zu
erheben. Es war dessen Sohn, Stanislaus Szela, der ausgediente Soldat.
Sein Vater drohte ihm mit dem Stocke und verwies ihn in die Nachhut
des Zuges, der sich jetzt wieder in Marsch setzte, und den man noch
lange sehen konnte, sich weiter bewegend zwischen den Pappeln der
Kaiserstraße.
-- Tags über gab es im Schlosse Arbeit genug mit dem Aufbahren der
Todten und der Pflege der Verwundeten. Die Bauern campirten auf der
Wiese und im Hofe. Am Abend ließ der Graf ihnen sagen, sie möchten
nach Hause gehen. Aber sie antworteten, das dürften sie nicht; es sei
Revolution, und Szela habe ihnen geboten, dazubleiben, um das Schloß
und den Herrn vor den herumstreichenden Insurgenten und Räuberbanden
zu beschützen.
Sein Befehl wurde pünktlich ausgeführt. Die Bauern haben durch volle
drei Wochen (ganz so wie die des benachbarten alten Grafen Wiesioloski)
einen ruhigen und treuen Wachtpostendienst geleistet, während sich
ringsum Greuelscenen ohne Gleichen abspielten. Erst nachdem die Ordnung
im Lande völlig hergestellt war, begaben sie sich wieder zurück in ihre
Hütten und an ihre Arbeit.
Der Graf war von dem Benehmen seiner Unterthanen gewaltig gerührt
und machte ihnen viele großmüthige Versprechungen, die ihm sein von
Dankbarkeit überquellendes Herz eingab. In besseren Tagen wurden auch
einige davon erfüllt. --