»Gute Nacht, Herr Pfarrer.«
Sie war schon in der Tür, da wandte sie sich noch einmal um. Ihr Gesicht
war jetzt ganz unkenntlich in der Dunkelheit, aber ihre Stimme klang
schwer.
»Es ist für Sie -- kein leichter Tausch. Ich weiß nicht, wie es Ihnen sein
wird. Sie müssen so viel vermissen, nicht nur im Hause, sondern auch in
der Gemeinde. Unsere Bauern sind sehr dumm, und sie sind durch alle die
Krankheiten auch sehr heruntergekommen. Und Sie waren immer so verwöhnt.
Ich kann das ja nicht durchsehen, aber es ist gewiß viel Stärke nötig --«
»Ich bin ein Diener der Kirche!« sagte er mit starker Stimme und mit
jener klingenden Kälte im Ton, die von jeher zu seinem Wesen gehörte. »Es
existiert für mich nicht die Frage nach bequem oder unbequem, sondern ganz
andere Gesichtspunkte kommen hier in Frage. Ich hatte Grund, diesen Weg zu
wählen. Glauben Sie mir das.«
»Ja«, sagte sie still und fest. »Ich habe es immer geglaubt. Muß man denn
immer wissen: Warum und wozu und woher und alles? Jeder hat doch seinen Weg
für sich, den er im Grunde nur allein kennt. Das ist ja so langweilig und
unnütz, wenn alle die anderen Leute daran herumzupfen und fragen und reden,
was gar nicht dazu paßt.«
»So ist es, mein guter Kamerad!« rief er froh.
Er kam zu ihr, und sie, in ihrem inneren Jubel, hob die Arme auf zu ihm. Da
nahm er erschüttert ihren heißen jungen Kopf in seine Hände und sah ihr in
die Augen.
»Jetzt sind wir verbündet, mein Kamerad!« rief er voller Übermut.
»Ja!! Auf Tod und Leben!« -- -- -- -- --
Dann wandte sie sich um, die Tür klappte, ihre Schritte klangen auf der
Steintreppe und verhallten im weichen stillen Schnee.
Nun hatte sie es doch vergessen, der Justine von Lampe und Abendbrot zu
sagen.
Es war schon recht. Er blieb allein in der dunklen Stube mit dem
Feuerschein, der auf die Diele fiel.
Das war ein Nachhausekommen! dachte er.
Eines Tages wird dieses herrliche Kind zu meinen Füßen sitzen, und
ich werde ihr meine Prinzessinnen-Liebe erzählen, all den flirrenden,
glitzernden Kram ihr zeigen, der die Augen blendet. Meine große Eitelkeit
und des Fürstenkindes arme Menschlichkeit. Mein kleiner junger Kamerad, der
soll das alles sehen und wissen. Er ist weiser als wir alle, weil er frei
und kühn ist. Seine dumme kleine Mädchenliebe will ich nicht, ich habe
genug von diesen Tränken. Aber ich will und liebe sein kluges Herz.
Er zog ein elektrisches Lämpchen aus der Tasche und beleuchtete den Raum,
in dem er stand. Da war der Schreibtisch, Stühle mit Lederpolster,
lichte Gardinen von schönem Fall. Vielleicht sah alles bei Tage hier
unharmonischer aus bei den kleinen Fenstern, der nicht sehr hohen Decke und
den niedrigen Türen. Hohe, leere Büchergestelle waren an der Wand, seine
Bücher hatte er nicht auspacken lassen. Ein breites Sofa, ein moderner
Eichentisch mit glatten Linien und allerhand Beiwerk füllte den Raum.
Alles sprach eine Sprache. Wie laut sie tönte in der tiefen Stille, von
rauschenden Tagen! Auf diesem Divan hatte das blasse Fürstenkind gesessen.
»Gregor, ich kann nicht ohne Dich leben. Nimm mich mit und sei es ins
ärmste Haus --«
Sein Mund verzog sich, noch immer hielt er das elektrische Lämpchen in die
Höhe. Durchlaucht, es ist besser so. --
Du blasses Gebilde, verzärteltes Herz, unter dies Dach will ich Dein weißes
Gesichtchen nicht haben. Hier will ich einen Strom von Sonne und Herbheit
und Kraft und Kälte. Alles, was die Glieder wieder stark macht nach dem
lauen Rosenwasser.
Kennst Du den Reiz der Askese, Durchlaucht Maria? Du nicht.
* * *
Die Dorfkirche war überfüllt, selbst in den Gängen standen die Leute. Auch
Herr v. Dörfflin war ehrenhalber heute erschienen. Es war ihm ein bißchen
komisch zu Mut, daß er der Patronatsherr sein sollte von dem ältesten Sohne
seines Fritz. Es gelang ihm auch nicht so recht, die Würde, die ihm zukam,
zu markieren. Er rückte nach rechts und links und machte beklommene Augen,
als sei er in seinem vergitterten Herrenstuhl derjenige, der heute eine
Probe abzulegen habe, und nicht der junge blonde Geistliche im Talar, mit
der goldenen Brille vor den blauen Augen.
Zu Hause bei ihm, im Eßzimmer, hatte es einen kleinen Strauß gegeben.
Gisela fand es nicht richtig, daß Fritzchen auch zur Kirche ginge. »Sonst
ist immer nur höchstens einer in unserem Stuhl, und heute tritt die ganze
Familie an. Das ist ja unerhört, das fällt ja rasend auf.«
Fritzchen sagte: »Aber Gisa, natürlich gehe ich zur Kirche. Wem von allen
Menschen soll ich es verbergen, daß ich Gregor Zülchow lieber anhöre als
den alten Baumann?«
»Aber so begreife doch!« schalt Gisa.
Frau v. Pohle half Fritzchen. Es sei doch ganz natürlich, daß bei einem
Amtswechsel sich das allgemeine Interesse zeige. Herr v. Dörfflin half
ihr auch. Wenn er schon gehen müßte, sollte Fritzchen auch, das war ihm
gemütlicher.
So saß alles in gespannter Erwartung.
Wie hell und kalt und gebieterisch die junge Stimme durch den Raum
schallte! Die Leute sahen sich an und schüttelten leise die Köpfe. Nein,
das war nichts, ihr alter Pastor war's nicht. Herr v. Dörfflin rutschte
von neuem hin und her, ihm kam vor, als sei jedes Wort der Liturgie und der
Vorlesung mahnend und tadelnd an ihn gerichtet und er sei dazu ausersehen,
heute eine Moralische zu kriegen.
Es war am 23. Sonntag nach Trinitatis.
-- -- -- »die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis,
welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu schanden wird, derer, die
irdisch gesinnt sind. Unser Wandel aber ist im Himmel --«
Er stand auf der Kanzel. Über ihm und zu seinen Seiten waren die
pausbackigen, graugewordenen Engel- und Apostelfratzen, die ein
längstvergangenes Jahrhundert hier geschaffen hatte. An den Fenstern trieb
ein wirres Schneegestöber. Es war kalt, und der Dampf flog vom Munde.
Er stand da oben, mit seiner goldenen Brille, mit seinem schmalen Gesicht,
kein Helfer und Tröster und liebevoll strenger Vater seiner armen Gemeinde
auf den harten Bänken da unten und in den steinkalten Gängen.
Er mochte wohl ein Führer sein, denn er wußte den Weg, aber er sah sich
nicht um nach denen, die ihm folgten. Ob sie mitkonnten, ob sie stolperten,
ob sie hilfsbedürftige Hände ausstreckten, was ging es ihn an. Er war
von herrlicher Gestalt und herrlichem Wort, aber die unbeholfenen Seelen
fürchteten sich vor ihm und krochen in sich zusammen.
Es war keine Strafrede, die heute von der Kanzel kam, wenigstens keine, wie
der alte Pastor sie hielt und wie sie den Leuten lieb und nützlich war.
Es seufzten keine Klagen über ihre Verderbtheit, es fielen keine groben
Vergleiche und plumpen Beschuldigungen. Alles war messerscharf,
voll wissenschaftlicher Klarheit, leuchtend und doch kalt, wie ein
beängstigendes Spiel mit blanken Schwertern.
Noch war es eine Predigt für den Hof und die Hofkreise, und einige halb
mitleidige, hingeworfene Erklärungen, die er seinen Auseinandersetzungen
anhing, um sie den Köpfen da unten verständlich zu machen, änderten nicht
viel.
Da empfand Fritzchen zum ersten Mal als schmerzend den Eishauch, der von
ihm ausging. Die Not ihres Völkchens, das da stand und harrte und nun
glänzende Steine statt einfachen, kräftigen Brots empfing, ging ihr zu
Herzen.
Wie hatte sie sich oft über den alten Baumann empört mit seinen
Himmelreichsversprechungen als Antwort auf die irdische Mühsal und mit
seinen Keulenschlägen! Hier war nichts von dem, sondern eine Fülle von
Geist und Studium spielend heruntergeworfen. Eine verblüffend glänzende
Form für den alten, ihr längst unscheinbar gewordenen Inhalt.
Es ging dem Mädchen wunderlich. Was hätte sie sich Schöneres wünschen
können? Ihre ganze kindischtolle Rebellion konnte hier ihre Antwort finden.
Alte, auswendig gelernte Worte erschienen plötzlich in neuer Beleuchtung,
wurden lebendig, traten dem Herzen greifbar nahe. Ach -- so ist es gemeint?
Ein Ahnen von dem ewig Gültigen in der alten Form, die von trotzigen Händen
als abgegriffen fortgeschoben ist, durchschauerte die junge lebensfremde
Seele.
Aber all das flog nur vorüber, vom Bewußtsein kaum aufgenommen, wie die
Flocken des Schneegestöbers draußen vor dem Fenster. Wirklichkeit blieb
das armselige Dorfvolk da unten, das ängstlich, leer und enttäuscht zu der
Kanzel aufsah.
Was sollte das werden an den Krankenbetten, bei Geburt und Tod, bei all den
tausendfältigen Nöten des Leibes und der Seele? Man mußte nur wissen, was
hier in den entlegenen Dörfern der Pastor bedeutete.
Immer war des alten Mannes Sorgen und Mühen für seine Gemeinde als
etwas Selbstverständliches hingenommen. Jetzt ging sein Geist durch die
dichtgedrängte atemlose Kirche.
Wird der da mit der Brille, zu meinem Lisching kommen, wenn es Krämpfe hat?
Wird er unserm Jochen den Kopf zurechtsetzen, wenn er Späne macht und nicht
arbeiten will? Wird der uns oll Mudder trösten in ihrem Husten? Wird der
bei unsern »Kinddöps« sitzen und lustige Toaste ausbringen?
Ich bin sein Kamerad und wir haben einen Bund gemacht! dachte Fritzchen.
Der Gedanke durchglühte sie wie edler Wein, sie gab ihn weiter als ein
stummes Versprechen an die Menge unten.
Ihr Herz hatte keine Furcht mehr vor dem fremden Manne.
* * *
An demselben Nachmittag kam er zu ihnen aufs Schloß. Er hatte noch über
Land in zwei Filialkirchen zu predigen gehabt, ein Wagen vom Gut hatte ihn
nach alter Überlieferung gefahren.
Er war das nicht gewöhnt, der Hofprediger, in Wetter und Wind, wirbelnden
Schnee ums Gesicht zwei Stunden weit auf schlechten Landwegen zu fahren,
um dann abermals in einer ungeheizten Kirche zu predigen. Ihn fror, und
der Kopf schmerzte ihn. Außerdem saß ihm ein fades Gefühl in der Brust.
Die Leute glaubten mit Unrecht, daß er zu hochmütig sei, um verständlich
zu reden, er hatte sich Mühe gegeben, sich ihnen anzupassen, aber Ton und
Äußeres für einen Landpfarrer war ihm nicht gegeben. Er sah die gespannten
Gesichter enttäuscht und leer werden. Er wußte auch: Heute sind die Kirchen
voll, bald werde ich vor leeren Bänken reden können.
Ich glaubte mit meinem Geschick schalten zu können, aber da stehe ich
unversehens an meiner Grenze.
Der Schulz im nächsten Dorf, ein auf seine Bildung stolzer Herr, sah
ihn mit unverhohlener und etwas frecher Neugier an. Es fielen ein paar
zudringliche Worte, ob dem Herrn Pastor die Luft in der Residenz nicht
zuträglich gewesen sei, man höre ja so oft von dumpfer Großstadtluft.
Der Schulz im dritten Dorf und der Förster waren bäurischer, aber um so
deutlicher. Sie fragten geradezu, wie der Herr Pastor solchen schlechten
Tausch machen könne.
In vornehmen Kreisen war Gregor bekannt für die außerordentlich feine
und kühle Art, in der er sich Zudringlichkeiten fern hielt. Bei diesen
Landbären verfing das nicht. Denen mußte man klobig kommen, wenn sie
verstehen sollten. In tiefer Verstimmung trat Gregor die Rückfahrt an.
-- -- -- Es laufen die Gerüchte durchs Land wie mit Spinnenbeinen. Überall,
wo er künftig hinkommen wird, sind sie schon längst vor ihm dagewesen. Im
öden Weg, wo die Wolken über den grauen Himmel jagen und die Schneewehen
über die Felder treiben, wo der Wind bis in die Knochen kältet und
einförmig die kämpfenden Pferdeköpfe da vorne nicken, da horcht man auf die
Stimmen, die raunen, schwatzen, lachen hinter Biertisch und Kaffeetassen.
»Gregor v. Zülchow hat wirklich die Hofpredigerstelle Hals über Kopf
niedergelegt.« »Ja, oder vielmehr, er mußte sie niederlegen.« »Wie lange
hat er sie denn gehabt?« »Sechs ganze Wochen.« »Nein, kaum fünf.« »Er soll
der Allerhöchsten Entschließung zuvorgekommen sein.« »Die Prinzessin Maria
soll ins Ausland geschickt sein, ist das wahr?« »Na, man konnte das
ja voraussehen.« »Der Vater ist außer sich, eine wilde Szene mit dem
Hofprediger hat stattgefunden.« »Ach, das ist Gerücht.« »Nicht mehr als
alles andere. Jeder weiß, wie die Prinzessin ihn vergöttert hat.«
»Dieser kühle Weltmann! Man sollte ihm mehr Takt oder wenigstens Vorsicht
zutrauen.« »Ja, das ist leicht gesagt --«
»Haben Sie gehört, daß er jetzt in Hohen-Leucken Pastor ist?« »Ist denn
Baumann pensioniert?« »Er muß doch wohl.« »Wie lächerlich! Warum gerade in
Hohen-Leucken?« »Ja, das ist unbegreiflich!«
So durchschüttelt, durchfroren, nervös unter dem Gefühl eines verfehlten
Entschlusses, kam Gregor in sein stilles Pfarrhaus. Justine hatte ihm gut
und sorglich gekocht, aber er achtete es nicht. Wein aus dem Rummelshöfer
Keller stand auf dem Tisch, der lockte ihn, aber in einer Art gewaltsamer
Askese schob er ihn ungekostet fort.
Keine Hilfsmittel! Aus mir selbst mich zurechtfinden.
Am liebsten wäre er in der jetzigen Verfassung auch nicht aufs Schloß
gegangen. Er wollte seinen jungen Kameraden heute nicht, gerade darum
nicht, weil er in seiner verquälten, hilflosen Stimmung sich nach ihm und
seinem klaren Gesicht sehnte. Er hätte gern mit seiner Schwäche verächtlich
gespielt und sie niedergetreten wie das Verlangen nach dem Wein. Aber er
hatte mit Herrn v. Dörfflin besprochen, daß er heute kommen werde, und nun
drehte sich die Geschichte herum, und ein nachträgliches Absagen wäre erst
recht Schwäche gewesen.
-- Im Wohnzimmer des Herrenhauses. Gisela hat das Wort. Herr Gott, wie
sie zu plaudern versteht. Das ist ein Ton aus verklungenen Welten für den
verschlagenen Landpfarrer. Man geht wie auf Fittigen über das Kraut- und
Rübenfeld dieser Erde. Man streift überall so ein weniges an die Spitzen
und Kronen. Man sagt alles und hat doch nichts gesagt. Man regt an und auf,
sprüht, gaukelt und berührt doch kein Ding so nah, daß es stechen könnte.
Famos. Man merkt jetzt erst, wie einem diese Art Unterhaltung gefehlt hat.
Ist denn das schon so lange her, daß man sie entbehrte? Jawohl, man ist ja
eben zehn Jahre über den wüsten Schneeweg gefahren.
Er war schon so nervös empfindlich geworden, daß er bestimmt erwartete,
wieder gestochen und verletzt zu werden. Da fuhr Giselas leichte
Unterhaltung wie ein lauer kosender Wind über seine wunde Haut. Er war drin
im Ton, ohne es zu merken.
Frau v. Pohle schloß sich an. Sie wußte, wie man in Gesellschaft spricht,
und erwartete zudem nichts anderes von dem Manne, den sie als Modeprediger
empfand und dessen Kommen aufs Dorf sie entweder für eine spielerische
Laune oder für irgend einen Verlegenheitscoup nahm. Sie hatte keine große
Sympathie für ihn und bestärkte ihn absichtlich in dem leichten Ton, um
Fritzchens willen.
Verdirb Dir nicht länger Deine hellen jungen Augen an diesem Trugbild der
Herrlichkeit! dachte sie bei sich im Herzen.
Herr v. Dörfflin spielte eine Null. Das war nicht gut für ihn, noch für
seinen Gutspfarrer. Diese Einführung war die allerschlechteste: Mit der
Weltdame des Hauses im Gesellschaftston verkehren und rechts und links jede
tiefere, kräftigere Saite unangeschlagen zu lassen.
Fritzchen aber saß in der tiefen Fensterecke, sprach gar nicht mit, sondern
sah nach ihren Freunden, den Wolken.
Es hatte aufgehört zu schneien. Eine dunstige gelbgraue Schicht umschloß
den Horizont. Darüber zogen wie ungeordnete Scharen, die sich eine neue
Heimat suchten, zerrissene und geballte, dünne und massige Wolkengebilde.
Seine Stimme klang im Raum, aber so, wie sie klang, hatte sie keine Macht
über dies unabhängige Herz. Es ging davon, zu den Wolken hinauf. Nicht
betrübt, nicht im Groll, aber in einer Träumerei, die vielleicht die
schlechteste Huldigung war, die jemals dem Freiherrn und Pfarrer Gregor
v. Zülchow dargebracht war.
Ein paarmal sah er zu ihr hin. Welch ein Kind sie doch noch war, sich
abseits zu setzen und aus dem Fenster zu gucken. Er lächelte. Er dachte an
den Wein, den er fortgeschoben hatte --
Gisela sprach von seiner Predigt. Sie hatte gut aufgemerkt und spielte
mit religiösen Schlagworten wie mit einer ganz besonders graziösen,
gesellschaftlichen Attraktion. Diese Handhabung war er gewöhnt. Ganz wie
etwas Selbstverständliches sprach sie es aus, daß er sich in die ländliche
Stille zurückgezogen habe, um ungestört für seine Professur zu arbeiten.
»Ich bewundere Ihren Scharfblick!« sagte er ernst mit einer Verbeugung.
In Wahrheit war ihm diese Lösung nicht fremd, er hatte sie schon vor
diesem Sonntag erwogen, und die heutige Erkenntnis, wie schlecht er für das
Predigtamt tauge, wenn er es nicht als glänzende Draperie für seine
Person gebrauchte, hatte ihm den Gedanken befestigt, diese neue und
aussichtsreiche Laufbahn einer Art Sühne vorzuziehen, die ihm in ihrer
herben und erlösenden Asketenhaftigkeit heute doch schon phantastisch
vorkam.
Es ist ein anderes Ding, nach ein paar rauschvollen Monaten, in denen man
sein heiliges Amt in Eitelkeit und Genußsucht entweihte, sich von der
Welt abzukehren und mit einem strengen Leben, das ohne Lohn nur dem Dienst
geweiht ist, die innere Ehre vor sich selber herzustellen -- oder: an
einem falschen Platz mit ungenügender Kraft und verzagendem Willen eine
aussichtslose Arbeit zu tun.
Gregor v. Zülchow -- der Sohn eines alten Herrenhauses unter alten,
rauschenden Bäumen am stillen See, der Sohn eines strengen, kräftigen
Vaters und einer feinen, phantastischen Mutter, Gregor, der Schüler der
Gottesweisheit, jung eingeführt in das Ringen, Sehnen und Suchen der
Kreatur, berufen, ein Führer zu sein aus dem sichtbaren, greifbaren
Tagesleben heraus -- der konnte wohl eine Entsühnung finden, die feurig,
phantastisch und töricht war, und die der fade, eisige, nüchterne Mensch in
ihm verneinen mußte, sobald es ging.
Darum hatte Gisela, das Weltkind, recht.
Aber es hatte doch noch jemand anders recht!
Ein Wort hatte Fritzchen geweckt. Sie kam mit einem jähen Ruck in die
Gegenwart, in das Zimmer, in dem die anderen saßen, zurück. Sie wandte sich
herum.
»Sie wollen hier nur für die Professur arbeiten?« rief sie.
»Ich kann heute noch keine Auskunft darüber geben«, sagte er kühl
ablehnend.
Da sprang sie auf, so daß die anderen erschraken. »Es ist nicht möglich,
daß Sie Ihr Amt hier nur als Übergang auffassen!« Sie stand schon vor
ihm, die beiden geballten Hände vor der Brust zusammengedrückt. Ihr ganzer
Anblick war eine stürmische Bitte: Laß es nicht möglich sein!
»Aber Fritzchen!« rief Gisela.
»Na nu, Fritz!« sagte Herr v. Dörfflin.
Frau v. Pohle dachte: Wieviel verlorene Liebesmüh'!
Gregors Lächeln war verflogen, er sah voll Ernst und Überraschung in das
ungestüme, ehrliche Gesicht. Wie seltsam dieser volle, starke Ton in das
halbe Gezwitscher klang, das bisher den Raum gefüllt hatte!
»Übergang ist alles, auch unser bestes«, sagte er, halb unbewußt die
Worte formend und doch mit einem tiefen Interesse und einer Gier auf ihre
Erwiderung.
Ihre Augen wurden ungeduldig. »Wir wissen es dann aber nicht, während wir
drin sind«, sagte sie zu ihm.
»Du verstehst einfach nichts davon, Frida!« sagte Gisela mißächtlich.
»Wie kannst Du abmessen, was für Herrn Baron v. Zülchow die entsprechende
Laufbahn ist!«
»Ich weiß aber, daß man sein Wort halten muß!« rief Fritzchen flammend.
»Und das haben Sie den Leuten hier im Dorf gegeben. Alle warten auf Sie,
Sie haben es getan!«
Er stand auf. Was war es, das ihn anrief? Sein eignes stärkeres, edleres,
freieres Herz! Halte auch Dir Dein Wort! Laß Dir genügen an der armen,
herben, unberühmten Arbeit. In dem Kind ruft Gott Dich an.
Unter dem Durcheinander von Stimmen, das sich jetzt erhob, da Gisela und
auch der Gutsherr und auch Frau v. Pohle alle etwas eilig und heftig zu
sagen hatten, auf das er nicht hörte und das er nicht verstand, sah er dem
jungen Geist in die Augen, mit dem er jählings eine Verwandtschaft entdeckt
hatte, von der er bisher nichts wußte.
»Es ist vielleicht nicht alles so, wie Sie denken«, sagte er zu ihr.
»Sie schlagen wohl manchmal das Fenster ein, wo Sie zur Tür hineingehen
könnten --«
Ihm war, als müsse er sich wehren gegen diese Überfülle von Leben und
Forderung, die hier auf ihn einstürmte.
-- Es geht ein Wanderer am Meeresstrande, da kommt der wilde Seewind und
fährt ihm in den Mantel, und der Wanderer wehrt sich verdrießlich und
wickelt den Mantel fester.
Es ist aber noch ein Stück Jungenstollheit in ihm, das hat plötzlich, er
weiß nicht wie, einen Bund mit dem Seewind gemacht. Das möchte am liebsten
den dummen, lästigen Mantel von sich werfen und mit dem Winde um die Wette
jagen und tollen. Aber schau: der Mantel ist wertvoll und sehr notwendig!
Gregor v. Zülchow machte ein kühles Gesicht. Mein Seewind, ich habe doch
wohl keine Zeit für Dich.
Er nahm Abschied. Da, wie er schon draußen war, ohne Besinnen, ohne Fragen,
ohne ein Tuch umzubinden, jagte das Fritzchen hinter ihm drein.
»Aber Frida, wohin willst Du? Bleib' hier!« schrie Gisela außer sich.
»So laß sie doch!« sagte Herr v. Dörfflin barsch, obwohl er nicht wußte,
was sie vorhatte und ob es etwas taugte, was sie vorhatte.
Am Ende ist Herr v. Dörfflin, der arme alte Junker, doch der einzige auf
der Welt, der den richtigen Instinkt in dieser Sache hat. »Laß sie doch«,
das ist heute noch das beste für solch windwildes Herz. Laß sie nur,
sie muß doch ihre eignen Wege laufen. Sie an Rockzipfeln festhalten, ist
verlorene Mühe. Laß sie hineinlaufen in ihr Glück und ihr Unheil, in ihr
Feuer und Wasser, in all ihr eigenstes, lebendigstes Leben!
Der Wind pfiff um die Hausecke und Vaters zwei große Jagdhunde fuhren mit
wildem Freudengeheul auf sie ein, daß sie sie beinahe umwarfen. Gregor
blieb erstarrt stehen.
Wollte es ihn doch nicht loslassen?
»Sie haben gesagt, ich wäre Ihr Kamerad!« sagte Fritzchen trotzig. Sie
hatte die Hand auf den Kopf der braunen Leda gelegt, der Wind riß an ihrem
Kleid und ihrem Haar, aber sie merkte es nicht, sie war mit dem Winde
aufgewachsen wie mit den Hunden.
Ja -- solche Kameradschaft, ist sie wirklich für Gregor v. Zülchow, den
Weltmann und Professor?
Durch die kahlen Bäume und durch das hallende Steintor fährt der Junker
Wind, er fährt dem Wanderer in sein Kleid. Vielleicht ist diesmal doch der
Mann noch kostbarer als der Mantel? --
»Du wildes Leben -- schöner Sturmvogel!« sagte Gregor laut.
Das war der Wind, der ihm die Worte gab, das war der Wind, der sie
weitertrug. Im verschneiten Herrenhof von Hohen-Leucken stand der junge
Pfarrer mit dem schmalen, kühnen Gesicht, und die Augen waren heiß geworden
hinter der goldenen Brille.
»Ja, wir wollen leben! Sehr, sehr viel leben!« sagte Fritzchen. Es war
keine Furcht an ihr, sie stand noch immer mit der Hand auf dem Kopf des
Hundes. Aber sie schien plötzlich wie gewachsen, ihr Blick weiter, die
Stirn edler, der Mund stolzer.
Sie näherte sich ihm nicht, und doch hatte dieser Mann noch nie ein
herrlicheres Bild der Selbstübergabe gesehen. Es war so herrlich, daß er
für einen Moment die Augen senkte wie vor einem allzu hellen Licht.
Dann gingen sie stumm auseinander. Der seltsame Bund war geschlossen.
Zehntes Kapitel.
Die kahlen Bäume standen still um den vereisten See. Hier und da hing noch
ein gelbbraunes Blatt, das bei dem großen Begräbnis übersehen wurde, in
den Ästen. Die Weidenbäume streckten ihre dürren Ruten gen Himmel, und der
Schnee lag wie ein weißes Tuch, von keinem Menschenfuß betreten.
Fritzchen ging am Ufer entlang mit Leda an der Seite. Es war der Montag
Vormittag, und die Sonne schien nach dem gestrigen Schneetreiben. Auch der
Wind war schlafen gegangen, es war fast warm im Sonnenschein.
Seit gestern hatte der junge Mund nicht viel gesprochen. Eine erhabene
Stille war auf ihr Herz gesunken. In ihr war ein Bangen, daß sie nun nicht
mehr allein war im Leben, und eine große Freude, so hell wie die Sonne am
Himmel. Aber beides so tief und still, daß kein Wort, kaum ein Gedanke es
berührte.
Leda war jetzt ihre Beste. Mit der ging sie seit dem frühen Morgen herum.
Sie hatte die rote Sonne über den Schneefeldern gesehen, sie hatten sich
durch angewehte Wälle hindurchgearbeitet, jetzt stand die Sonne hoch und
sie waren am klaren eisbezogenen See.
Alles war hier, wie es immer gewesen war, wie sie es kannte, seit sie
laufen konnte: jeder Baum, jedes Gebüsch, jeder Knick und Graben, der See,
der da hinten durch allerlei Gräben mit dem von Tannenwalde und Rummelshof
in Verbindung stand. Wieviel Schritte und Schrittchen von ihr lagen hier
am Ufer und querfeldein, rechts und links, über den Sandhügel weg, am Moor
entlang.
Aber Himmel und Erde haben sich verwandelt, wie sollte da Busch und See
noch derselbe sein und die alte Waschbank, die jetzt unter Eis steht und
auf der in wärmerer Zeit die Wäsche geklopft wird, daß der Schall von der
Waldwand zurückkommt? Selbst die Sonne ist neu, und das eigne Herz ist neu
geworden in dieser einen stillen, großen Nacht. --
Wohl ist es die schönste Brautfeier an der klaren, glitzernden Eisfläche,
Sonne und Schnee und die große Einsamkeit um sich her.
Der Hundekopf drängte sich an ihr Kleid, sie streichelte ihn. »Ja, Leda, Du
weißt.«
Es war noch keine Sehnsucht in ihr. Alles war still, weit und hell wie das
Winterbild um sie her.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Auch er hatte die Nacht nicht geschlafen, erst als der Morgen kam, befiel
ihn eine schwere, wie tote Müdigkeit. Aber seine Nacht war nicht still und
hell gewesen, sondern voller Stürme und Unruhe.
Ich habe Dich lieb -- und ich habe Dich nicht lieb. Du bist mir alles --
und Du bist mir nichts. Ich will Dich -- und ich will Dich nicht!
Noch hielt er den Mantel fest. Ach ja, es ist ein atemloses Ding um den
Sturm, der über die Ebene kommt. Man ist nicht immer bereit, mit allen
seinen Registern zu leben und zu klingen.
Gregor! rief es in seinem Herzen: Hüte Dich! Um das Feuer einer Mußestunde
verleugne nicht die feinen und kühlen Instinkte Deiner Natur. Lade Dir
nicht den Wind vom Felde in Dein Haus. Du verstehst und liebst ihn, aber
seine Gemeinschaft müßtest Du vielleicht zu teuer bezahlen.
Ach -- ob ich ihn verstehe!
Ob ich je eine schönere Stunde hatte und beglückter fühlte, als einmal hier
in dunkler Stube, bei meinem Einzug, als das Feuer im Ofen knatterte -- als
gestern, auf dem verschneiten Hof, unter Wolken, im Wind.
Weißt Du noch, Herz, die beiden Hunde und das starke, junge Menschenkind?
Suchst Du noch etwas Stolzeres und Süßeres für Dich im Leben? Da -- Herz!
Wirf den Mantel weg!
Es kroch schon der erste graue Dezemberschein über die weißen Felder, als
der hin- und hergerissene Mensch in einen steinschweren Schlaf verfiel.
Wie weit ist das Fritzchen schon über die Felder gelaufen mit ihrer Leda,
ihrer Liebe und ihrer großen schönen Ruhe? Wie lang hat sie schon am Eis
gestanden, da ist der Pfarrer endlich aufgewacht.
Justine ist besorgt und glaubt, er hat sich gestern erkältet. Um Gottes
willen, das darf ihr nicht passieren! Was sollte die Frau Baronin sagen! Es
ist zu Hause immer viel Wesens gemacht um den Herrn Baron Gregor, da ist er
wohl von klein auf etwas verzärtelt, aber, das gehört sich auch so. Er ist
doch ein gar zu feiner Herr!
Nun schleicht sie sich ein bei ihm und heizt, ohne daß er es merkt. Wie ein
Dieb, so leise hantiert sie mit den ungefügen Buchenkloben.
Als er erwacht, ist die ganze Stube voll Sonne, und im Ofen brennt ein
helles Feuer. Er hat die Arme unter dem Kopf und sieht sich um. Wo war er
doch? Wie Schatten fliegen die wilden Gestalten der Nacht an ihm vorüber.
Ein leises Abwehren, ein Murren der Bequemlichkeit ist in ihm.
Hell ist das Leben und sein Tag, man überwindet auch seine Tiefgänge.
Verstricke Dich nicht in Unruhen und Wirren. Nimm des Lebens Süßigkeiten
nicht ernster, als Dir und ihnen taugt.
Er stand auf, badete sich ab, brauchte wie immer mehr als eine Stunde zur
Toilette, und ging dann in sein Eßzimmer, das nach hinten hinaus zum Garten
lag. Das Frühstück stand wie durch unsichtbare Geisterhände gebracht
auf dem zierlich gedeckten Tisch. Die Kakaokanne dampfte, Zwieback,
eigengebackenes Weißbrot, Butter, gebratenes Fleisch, Schweizerkäse,
alles stand bereit. Die Zeitung lag neben seinem Platz, auch ein Brief aus
Rummelshof und einige Geschäftssachen aus der Residenz.
Wie die Sonne draußen auf dem Schnee in tausend und abertausend glitzernden
Sternchen funkelte! Wie die Bäume feierlich standen, die Zweige gesenkt
unter der weichen, weißen Last. Durch die unberührte weiße Decke lief nur
eine winzige Spur von einem Kätzchen oder Hasen.
-- Ich will Dich doch! sagte der aufblühende, starke, lebendige Mensch in
ihm. Er ließ den Frühstückstisch, Briefe, Zeitungen stehen und liegen
und ging an das Fenster. Es rief die Sonne, es rief der weite, leuchtende
Schnee: Das Leben ist eine Feier, eine starke Tat! Du Narr, mit Deiner
Angst und Deinem Vorbeidrücken! Packe es an, da wo es am tollsten schäumt!
Danach kam einer seiner vielen überlichten Momente. Er sah sich selbst wie
eine Figur, an der er keinen anderen Teil hatte, als den des interessierten
Zuschauers. Er wußte, er konnte auch diese -- diese Sache auf die eine
Weise so gut wie auf die andre behandeln. Er konnte es tun oder lassen,
erfassen oder liegen lassen, alles war bei ihm möglich und begründet. Er
war der Mensch der bewußten Zwiespältigkeit, weil seine Intelligenz weit
über seinen Instinkt hinausgewachsen war. Dies machte ihn zu gleicher Zeit
klug und unschlüssig, fein und schwach, kalt und nervös. Es bedurfte bei
ihm nur des bewußten Anrufs an den Willen, um die eine oder die andre Seite
zur Geltung und Herrschaft zu bringen.
Er war nicht frei, insofern das Wissen ihn band. Aber er war mächtig, weil
das Wissen ihm den Schlüssel zu der Gewalt über sich, das Leben und seine
Dinge in die Hand gegeben hatte, und weil seine Instinkte ohnmächtig waren.
Er konnte nicht bezaubert werden, sobald er selbst es nicht wollte.
Das war fade, aber praktisch.
-- Nachdem er diesen Überblick über sich selbst wieder einmal
gewonnen hatte, drehte er sich vom Fenster ab und setzte sich an den
Frühstückstisch. Das blendende Schneelicht war ihm noch in den Augen, so
daß sich vor alle Gegenstände ein Flimmern zog, erst allmählich erkannte er
alles wieder richtig.
Er aß und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch
dabei sah er sich selber heute zu.
Er hatte ein stolzes und doch trübes Gefühl in der Brust. Das Leben
beherrschen heißt meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die
Heiligen sind oft nur die Toten.
* * *
Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten
Küsters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in
ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt
an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwöhnten
Mann der Welt auf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit
diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte.
Er saß am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte
Worte, die sehr schön und richtig waren, und an dieser Stelle höchst
nutzlos, und die Alte lag da in tausend Ängsten, verbiß sich vor lauter
Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe.
»Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor« -- das war alles, was sie überstürzt
hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Küster hatte drüben
Schule abzuhalten, und wußte nichts von dem hohen Besuche. Es war am
Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter
und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen über den Schnee, und das
Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab.
Nebenan in der Küche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte
wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Plötzlich
ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf:
»Solch verrückter alter Herd!«
Was für eine Stimme?
Gregors Gesicht sah wohl plötzlich wie eine einzige Frage aus, so daß die
Alte stotternd sagte: »Das ist -- das ist man bloß das Fräulein Fritzchen,
Herr Pastor, ich mein': das gnädige Fräulein. Ach Gott, wir sagen noch
immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in
der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter --«
»Was tut denn das Fräulein hier?« rief er aus.
»Ach Gott, Herr Pastor, man bloß die Supp'. Sie macht mir die Supp' von
Mittag nochmal warm, weil ich vorher nicht essen mochte. Und der alte
dammlige Herd, Herr Pastor, der will oft nicht so, wer ihn nicht kennt.
Dann qualmt er bloß und kochen tut's nicht.«
Gregor war aufgestanden und stieß die wacklige Brettertür auf. Da war eine
große, niedrige Küche mit einem einzigen klimperkleinen Fensterchen über
dem Abwaschfaß. Auf dem Ziegelsteinboden, in lauter Qualm gehüllt, stand
-- -- wer war es?
Wollte er, der Spieler in dem großen Krieg der Erde, wieder fortschieben,
wieder umrütteln, was das lebendige Leben ihm zeigte, daß dies seine kleine
Braut war, die da stand, in der gräßlichen Küchenschürze der Frau Küstern,
mit rauchgeschwärzten Fingerchen und rotem, zornigem Gesicht!
Da stand er, so erfaßt und überschüttet von Glück, wie er noch nie gewesen
war.
Sie hob den Topf vom Feuer und sah ihn an. Flammen schlugen aus dem Herd
und beleuchteten ihr Gesicht. Da wußte sie nichts mehr von Qualm und
Ärgernis.
»Jetzt ist die Suppe fertig!« sagte sie, und weiter nichts. Sie goß sie in
eine irdene Schale und goß einiges vorbei. Die Schürze der Frau Küstern
war heute schwärzer geworden, als ihre Besitzerin sie sonst in einer Woche
machte.
Er kam zu ihr. Der junge, heiße, verantwortungslose Mensch, der in sich
drin sitzt und nicht nebenbei steht, ging mit ihm durch. Da faßte er das
Bild seines Glückes, das schönste, beste Bild, das es für ihn geben konnte,
um, drückte es an sich und küßte es auf den Mund.
»Mein Fritz -- mein süßes Leben!« murmelte er.
Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf. Die Flammen schlugen aus dem
Herd, das war ein heißes, jauchzendes Bild!
»O lieber, lieber Gregor --«, sagte sie.
Es war so weich, so hold und demütig. Mit ganz vorsichtigen Fingerchen
stellte sie den Topf auf die Steine neben das Feuerloch.
»Ich kann Dich nicht anrühren, ich bin überall schwarz.«
»So gib mir davon ab!« sagte er voller Übermut.
Er umschloß sie und drückte ihr heißes, tolles, geliebtes Köpfchen an seine
Schulter, küßte ihr Haar, ihre Stirn, und dachte: So ist es doch am besten!
Was soll alles andere!
Fritzchen sagte gar nichts zu alledem, sie lag eine Weile ganz still. Dann
hob sie ihr Köpfchen auf, legte es etwas hintenüber an seine Schulter und
küßte ihn von selbst auf den Mund.
»Lieber Gregor --«, sagte sie nur wieder ganz leise, aber was Himmel und
Erde umfassen kann, war darin.
-- -- »Ach, Du leiwer Gott, leiwer Gott«, stöhnte es aus der Kammer.
»Ich muß ihr ihre Suppe bringen«, sagte Fritzchen. »Gib mir, bitte, einen
Blechlöffel aus dem Schrankfach. Nein, rechts. Ja, da, danke.«
Sie hatte mit beiden Händen die heiße Schüssel zu halten. Als er den Löffel
hineinlegte, wuschelte sie für einen Moment ihren Kopf an seinen Arm und
küßte seinen Rockärmel.
»Nachher gießen wir das Feuer zusammen aus, ja?« bat sie.
Hatte er je auf Erden solche leuchtenden Augen gesehen?
»Ja, Frida! Komm bald zurück!«
Er blieb an der Feuerstelle allein. Über dem Herd war ein mächtiger
Rauchfang, unter dem stand er und sah in die Flammen. Er war nichts als der
selige Bursche, der am Herd hockt und auf seine kleine Dirn wartet.
Ach, was hat das Leben doch für süße Stunden!
Drinnen hörte er hin und wieder ihr Stimmchen, den goldenen Klang.
Es stand mitten in der Küche ein dicker, blaugetünchter Pfeiler, der die
Decke stützte. An ihm hingen allerlei Feuerhaken, Zangen und sonstige
Geräte. Der lange schwarze Schatten von Gregor, den er vor der Flamme
stehend, warf, fiel auf diesen Pfeiler. Das war's, was Fritzchen zuerst
sah, als sie zurückkam.
Da kam der tolle Übermut ihres Glückes über sie.
»Der da ist mein Bundesgenosse, viel länger schon als Du!« sagte sie.
»Wer?«
»Der da, der sich bewegt.«
»Mein Schatten?«
»Den hab' ich heimlich geküßt, in Rummelshof, als ich noch klein war.«
»Damals warst Du nicht Du und ich nicht ich«, sagte Gregor. Er war beinah
eifersüchtig auf den Schatten früherer Zeiten.
Draußen auf der Diele entstand ein Gepolter, die Schulkinder kamen
heraus. Als der Küster die Küche betrat, fand er den Herrn Pastor und
das Schloßfräulein einig und eifrig bemüht, das Feuer auf seinem Herde
auszugießen.
Er tat aufs äußerste erstaunt, aber er war ein alter, heller Kopf. Er
dachte: Hier gießt ihr es aus, und anderswo werdet ihr es euch anstecken.
Na, mög' es euch viel Glück bringen!
Elftes Kapitel.
Sie traten beide zusammen auf die Dorfstraße. Es war hier draußen noch
vollkommen hell. Hinten um eine Scheunenecke herum schneeballierten sich
die letzten der Schulkinder, unterm Arm ihren zerplieserten Katechismus und
ihre Rechenbücher.
»Kommst Du mit nach oben?« fragte Fritzchen.
Über den alten Kirchhof, der mitten im Dorf lag und nicht mehr benutzt
wurde, mit seinen eingefallenen Holzkreuzen, versunkenen Gräbern und
der bröckligen Mauer, auf der das junge Geschlecht Haschen und Anschlag
spielte, ging jetzt der Blick durch kahle Bäume auf den Hügel mit dem
Herrenhaus. Es lag still und grau unter seiner Schneekappe, trotzig und
häßlich in seiner nüchternen Einfachheit.
Da stand der Mensch, der große Gaben hatte und eine kleine Kraft, der
viele Kräfte hatte und eine matte Hand, und es packte ihn wieder sein alter
verfluchter Zweifel. Der Zauber der schummrigen Küche, des Feuers im Herd,
des Feuers im Herzen sank herab.
»Geh mit mir durchs Steintor und dann kehr um«, sagte Fritzchen. Sie wollte
noch nicht Papa und Gisela und tausenderlei Geschwätz da mit hinein haben,
aber sie wollte durchs Steintor mit ihm gehen, wie schon einmal.
Sie war in einem schottischen Kleid mit einem hellgrauen Tüchelchen um die
Schultern. So lief sie oft, wenn sie es eilig hatte, vom Schloß ins Dorf.
Ihr Gesicht war so schön in seiner Freiheit und Kühnheit wie je, ihr Mund
so weich, ihre Stimme so ganz voll von Klang -- aber es berückte ihn nicht
mehr. Er erschrak vor sich selbst, als er das leise pressende Gefühl von
Überlast und Abwehr in sich empfand.
Wenn er aber jetzt nicht wollte noch mochte wie sie, so war er ihr doch
kein ebenbürtiger Gegner. Was sollte er ihr sagen, daß er sie nicht ans
Steintor bringen wollte? Was sollte er ihr dafür anführen, daß sie ihn noch
nicht -- oder gar nicht -- Du nennen dürfe?
Es war schon einmal so, daß ich mich verspielte -- dachte er in dumpfer
Not. Bin ich denn ein Narr, so wollte ich lieber ein ganzer sein, dem seine
Narrheit süß bleibt bis ans Ende.
»So wollen wir gehen«, sagte er.
Fritzchen fühlte seine plötzliche Verstimmung, die sie sich nicht erklären
konnte. Sie wollte ihn fragen, aber es war ein eisiger und abweisender
Ausdruck in seinem Gesicht, der ihr jählings die ganze Furcht und Scheu
ihrer Kinderzeit zurückbrachte. Sie lachte selbst darüber. »Wie bin ich
dumm!« Leicht schüttelte sie das dunkle Grauen von sich ab und fing an, ihm
zu erzählen, wie sie heute früh über die weißen Schneefelder gelaufen war
und am See gestanden hatte, mit Leda.
Sie sagte nicht, daß dies ihre Brautfeier gewesen sei, aber er fühlte es.
Trotzdem -- denn das lächerliche Menschenherz hat immer neue Schutzmittel
für sich selbst und das liebe Wohl bereit -- empfand er dafür kein
quälendes Mitleid mit ihr, sondern eher eine Art Unwillen und Haß gegen
ihre frohe, stolze, klare Sicherheit.
Hinter ihnen knirschte der Schnee, an einem hervorspringenden Stein klang
es, das Schnauben eines Pferdes ertönte. Es war ein Reiter, der auf der
Mitte der Fahrstraße in raschem Tempo dahersetzte. Sie traten beiseite, ihn
vorüber zu lassen, da war er auch schon vom Pferde.
Hans Henning in Joppe und hohen Stiefeln, frisch und warm vom scharfen Ritt
in der Winterluft.
»Na, Junge, wo kommst Du her?«
»Ja, ja, für Weihnachten noch ein bißchen früh, was?« Er begrüßte Fritzchen
voller Freude. »Daß ich Sie aber auch gleich hier mit meinem Bruder treffen
muß! Ich wollte Dir nämlich unversehens ins Haus brechen, Gregor.«
»Aber wie kommt das?«
»Ach, ein kleines liebenswürdiges Malheur. Da, sieh, meine linke Hand ist
neulich beim Reiten verknaxelt. Habe dafür vier Wochen Urlaubszeit. Muß
alle Tage zum Doktor und massieren lassen. Scheußliche Geduldsprobe, aber
im übrigen bin ich gar nicht böse. Wo kommt Ihr denn her und wo wollt Ihr
hin?«
Sie gaben beide keine rechte Antwort. Fritzchen dachte: Ich will ihm alles
sagen! Sie öffnete schon den Mund, aber plötzlich durchfuhr sie ein neuer
seltsamer Gedanke.
Diese Sache gehörte nicht ihr allein. Gregor mußte es auch wollen. Und
Gregor --
Sie sah ihn an. Es war noch immer das wunderlich fremde Gesicht, das er
hatte, als ob er eine Maske trüge.
Eine Angst überfiel sie. Was war das mit ihm? Wo war er? Was dachte er?
Sie schloß den Mund wieder. Sie fror, und ein unbestimmtes Bangen
schüttelte sie.
»Wir waren bei der kranken Küsterfrau«, sagte Gregor endlich, als das
Schweigen anfing, auffallend zu werden. »Ich habe auch noch andere
Krankenbesuche vor. Willst Du auf mich warten, Hans. In einer guten halben
Stunde bin ich da.«
»Natürlich, gern. Unterdes begleite ich Fräulein v. Dörfflin, wenn ich
darf.«
So kam es nun. Gregor ging nun doch nicht mit bis zum Steintor. Er küßte
die kleine kalte Mädchenhand, die in der Kälte rot wurde und nicht einmal
einen Handschuh anhatte.
Hans Henning und das Pferd kamen mit.
»Tut Ihre Hand weh?« fragte Fritzchen. Aber ihre Stimme war so beschwert,
als könne sie den eigenen Klang nicht tragen. Nach all dem Jubel rang ihr
ein Weinen in der Brust.
»Nun ja, das geht an«, sagte der junge Mensch und sah mit schiefem Mund auf
das umwickelte Bündel, das er in einer schwarzen Binde trug. »Es ist nur
gut, daß Sie nicht sahen, wie plumpsackmäßig ich vom Pferde kam. Es
sollte schnell gehen, ehe Sie sich umkehrten, und wurde dafür ein schöner
Kladderadatsch!«
»Ja, ich erinnere mich, daß ich umsah, weil es so plumpste«, sagte
Fritzchen, aber in ihrem Lächeln war ein Schatten, der dem Hans auffiel,
wie ihm, seit er die beiden getroffen, eigentlich alles auffiel.
Es war zuviel, daß er sie gleich getroffen hatte. Nur ihr Haus zu sehen,
hatte er heute gedacht, oder, bei großem Glück, irgendwo einen Schimmer von
ihr. Nun war sie da und war sonderbar verändert. Ihm kam vor, als ob sie
noch gewachsen wäre, oder ihre Augen waren größer oder ihr Mund oder ihre
Stirn anders. Jedenfalls etwas war geschehen, etwas Großes und Starkes.
Im Dorfe sprachen sie gar nicht mehr miteinander, aber als sie den
ansteigenden Weg hinaufschritten, an einer ganz bestimmten Stelle, an
einem Heckbusch, den das Pferd streifte und der eine Last von Schnee leise
rutschend abgleiten ließ, überfiel ihn plötzlich ein Gedanke, so jäh und
leuchtend, daß ihm für einen Moment der Atem aussetzte und er stehen blieb.
Ein Sommerabend zog im Fluge an ihm vorbei. Da hatte er mit zentnerschwerem
Herzen sein Glücksköfferchen wieder eingepackt.
»Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen --«
Sehen vielleicht so -- die aufgeblühten Rosen aus?
Warum noch dies ewige Zagen und Beben? Ein Kind geht nicht und blickt
nicht, wie sie es tut! Jetzt ab und los! Jetzt frage ich nicht mehr herum
bei Mutter und großen Brüdern. Hei, wie der Schnee voll Blumen steht! Seht
Ihr's nicht? Fitzliputzli, mein Brauner, mein braver Junge -- was? Das war
ein Reiten heut! Du weißt von den Blumen auf dem Schnee, ja?
Er hatte die Zügel durch den lahmen Arm gezogen. Mit der rechten Hand griff
er sich jetzt, weil er kaum wußte, wohin mit seinen Gliedern, so grundlos
und wildfroh an den Kopf, daß sich die Mütze ihm verschob und er ein
lächerlich lustiges und verwegenes Aussehen bekam.
»Fräulein Fritzchen, kennen Sie noch meinen Fitzliputzli?«
So fängt man gewöhnlich keine Liebeserklärungen an, aber es kommt manchmal
nicht auf den Anfang an, wenn der Schluß nur taugt. Aber hier war der
Schluß noch schlechter wie der Anfang.
»Ja«, sagte sie, »den kenn' ich natürlich noch. Er hat sich doch immer mit
Möt gebissen, als wir zusammen ritten.«
»Hat er das? Ja, richtig! Dann ist er ein ganz dummer Affe. Ein Pferd muß
seines Herrn Gefühle nachfühlen. Das vergeb' ich ihm nie. Ich werde von
nun an auf Frithjof reiten, den hat Gregor früher gehabt, der ist
feinfühliger.«
Warum ist sie so still geworden, das wilde Ding? dachte er.
»Wenn Sie wissen wollen, an was ich die ganze Zeit gedacht habe, als
ich fort war, auch als ich mir das Handgelenk verknaxte, auch wenn der
Schinderhannes, der Doktor, mich massiert -- dann will ich es Ihnen sagen.«
»An was denn?« fragte Fritzchen.
»An mein Liebstes auf der Welt, und ob mein Wunsch in Erfüllung geht!«
sagte der schöne, freie Junge. Er stand und sah sie an, so stolz und selig,
wie kein König seine Krone ansehen kann.
»An mich --?« sagte sie.
Er sah den Weg hinan, hinab, er lag leer und still in der fallenden
Dämmerung.
»Sie haben es geraten --«, sagte er leise.
Er hatte sie Du nennen wollen, und wagte es doch noch nicht.
Sie dünkte ihn so heilig wie lieb.
Sie aber stand und starrte. Vielleicht hätte sie ihn noch vor kurzem nicht
so schnell verstanden, wie sie nun tat.
»Was soll das?« rief sie aus. »Ich gehöre ja Gregor.«
»Gregor --?«
Er sprach es nach, noch ehe er es gefaßt hatte.
»Ja«, sagte sie.
An dieser Stelle des Weges begann rechts die Mauer des Herrengartens. Sie
hatte der Löcher und Lücken viel, dürres Gras hing aus den Ritzen, und wo
es nur irgend ging, hatte sich der Schnee eingenistet.
Fritzchen, wie im Traum, fuhr mit der Hand über die Mauer, spielte mit dem
Schnee, formte Kügelchen daraus und wußte dabei nicht, was sie tat.
Hans Henning fühlte plötzlich, als ob sich alles um ihn drehe. Damit er
einen Halt habe, lehnte er sich an das Pferd. Er sah es, und es brannte
sich in sein Herz ein, als das grausigste Bild seines Lebens: Fritzchen
an der Mauer stehend und die kleinen Schneebällchen formend, die sie dann
wieder an die Mauer zurückwarf. Er folgte jeder Bewegung und wußte schon
immer im voraus, wie jeder neue kleine Ball aussehen würde.
Dann kam jäh ein rasender Sturm über ihn. Blutrot färbte sich sein
Gesicht. Er stürzte vor, so ruckhaft, daß das Pferd, aufgeschreckt, einen
Seitensprung machte und an dem Zügel riß, der um den lahmen Arm geschlungen
war. Ein wilder körperlicher Schmerz raste durch das kranke Handgelenk,
aber er fühlte es nur so fernab, wie in der Narkose. Er packte Fritzchens
Hand, die wieder eine der verfluchten Schneekügelchen zwischen den
Fingern hatte, schüttelte sie so heftig, als käme es darauf an, den Schnee
herauszuschütteln, als sei der die Ursache des ganzen Entsetzens.
»Laß los! Laß los!«
»Laß Du los!« sagte Fritzchen in großem Zorn. Sie nannten sich Du, es kam
von selbst, wie sie sich früher genannt hatten. »Was willst Du von mir?«
Der Schnee war heraus -- was nun noch? Hans Henning gab ihre Hand nicht
frei.
»Das ist ja Unsinn, das ist ja Wahnsinn! Wie kommst Du zu Gregor? Was will
er von Dir? Er weiß es ja! Er weiß es ja!«
Sie sah sein entstelltes, wild gerötetes Gesicht, die Augen, den
knirschenden Mund, im nächsten Moment konnte der Tobende sie an die Mauer
werfen und erwürgen -- sie sah das ganz klar, aber sie hatte gar keine
Angst, keine Spur von Angst um ihr Leben.
Das war also damit gemeint! dachte sie klar und ganz überlegt.
Sie meinte damit ihr schönes, einsames Traumleben, ihr plötzliches Glück,
die Betrübnis heute und das Ende hier am Bergweg, an der Gartenmauer.
Es erschien ihr alles so außerordentlich folgerichtig und gut. Beinahe
verwunderlich, daß sie das nicht schon vorher gewußt hatte, daß so ihr Weg
und dessen Ende sein würde.
Aber es war dann doch die Täuschung einer über das Maß hinaus gespannten
Gehirnerregung. Der Wilde, in dessen Hand sie war, war kein Tier, das
Blut vergießt, um sich Erleichterung zu schaffen, es war nur ein gequälter
Mensch, dessen Herz in seiner Not wohl einen Moment lauter schrie, als
zur guten Manier gehört, der aber schließlich doch noch Du und ich
unterscheiden konnte.
Er ließ sie los. Es wäre für ihn schöner gewesen, jetzt einfach das Letzte
zu tun und mitsamt seinem lieben Mädchen hier am Weg rasch und wild zu
sterben. Er war ein allzu konzentrierter Junge. Es war für ihn jetzt nicht
mehr viel wert, was nun noch kommen konnte.
Er hatte auch das Fragen vergessen nach Wann, Warum und Wie. Es stand ja
auch nichts mehr in Frage, es war eine zu müde Sache, jetzt noch den Mund
aufzutun. Er ließ sie los, ordnete mechanisch etwas am Reitzeug, fühlte
wieder, etwas bewußter, wie in seinem Arm tobende Schmerzen wüteten,
schnallte den Zaum los, nahm ihn in die rechte Hand und ging gerade vor
sich den Weg hinab.
Das Pferd stieß an einen Stein, es gab einen klingenden Ton. Unten am Wege
stand wieder der Heckbusch, von dem vorhin der Schnee abgerutscht war. Hans
Henning faßte das Pferd kürzer, damit es nicht noch einmal daran streife,
denn es war noch einiger Schnee auf dem Busche, der auch noch hätte
abgleiten können. Das wäre schrecklich gewesen. Weiter wußte er nichts.
Unten ging er gerade vor sich hin weiter, wie er heruntergegangen war. Die
Dorfstraße entlang bis an den Pfarrgarten. Da wandte er sich rechts und
stand vor seines Bruders Hause.
* * *
Justine stand vor der Haustür und lugte aus, denn ihr guter Kaffee konnte
das Warten nicht vertragen. Da kam Hans Henning um die Ecke, den Arm in der
Binde, das Pferd zerrend wie ein abgeworfener, maroder Reiter.
»Herrjeh, der Herr Baron! Nein, aber so 'ne Überraschung! Der Herr Pastor
ist noch im Dorfe, aber er kommt gewiß sogleich.«
»Ich werde warten«, sagte Baron Hans.
»Ja, natürlich. O Gott, wird er sich freuen!«
Sie kam herunter, ihm das Pferd abzunehmen und ihn hereinzulassen. Aber sie
hatte seine Meinung nicht verstanden.
»Ich will hier warten«, sagte Hans Henning.
»Aber doch man nicht draußen, im Schnee.«
»Ja. Es ist gut, Justine, lassen Sie nur.«
Man sieht nicht gern das Trübe, wenn man selber froh gestimmt ist, darum
kostete es der Justine erst einen kleinen inneren Ruck, ehe sie sagen
konnte: »Aber, Herr Baron sehen so anders aus -- ist was passiert?« Jetzt
sah sie auch den verbundenen Arm.
Der Hans machte eine so wütend ungeduldige Schulterbewegung, daß ihr jedes
weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie öffnete zwar noch einmal den Mund,
sie wollte doch noch etwas sagen vom Arm und dem Pferde oder dem Kaffee
und sonst etwas Tüchtiges und Richtiges, aber sie war im Dienst alt genug
geworden, um Herrenlaunen zu kennen, sie klappte den Mund wieder zu und
schlich bedrückt hinein. Doch dann ging drinnen ein wildes Kaffeemahlen
los, an dem sie sich tröstete und erhob.
Hans Henning stand draußen und dachte nur das eine: Ich muß Gregor
sprechen. Aber danach war alles stumpf und dumpf in ihm. Nur sein Arm und
Gelenk wütete wie wahnsinnig.
Er streifte den Zügel über eine Zaunlatte an der hölzernen Pforte und
strich und drückte leise an dem Arm, um die Schmerzen etwas zu mäßigen. Es
half nicht viel, es schien sogar immer grimmiger zu werden. Er hatte eine
Anwandlung von Ohnmacht und lehnte sich gegen die Mauer.
Gregor kam, ihm war zu unruhig zumute, um lange in Krankenstuben
auszuhalten. Da fand er seinen jungen Bruder an der Gartenmauer, er regte
sich nicht, als er näher kam. Er hatte den Kopf etwas hintenüber angelehnt
wie ein halb Ohnmächtiger, und Gregor sah trotz der Dämmerung, daß das
Gesicht totenähnlich blaß war.
»Hans! Warum stehst Du hier draußen? Ist Dir schlecht, Junge?«
Hans Henning öffnete die Augen, mit einer großen Willensanstrengung
sammelte er sich. Das große Schmerzgefühl innen und außen verzog seinen
Mund, so daß er wunderlich fremd für den Bruder aussah.
»Hans, ist Deine Hand so schlimm? Komm herein!«
»Laß das!«
Mit einer Kraft, die in gar keinem Verhältnis zu der hilflosen Stellung
war, in der Gregor ihn gefunden hatte, stieß er mit der gesunden Faust den
Bruder zurück, der ihn anfassen wollte, um ihn zu geleiten.
»Denkst Du, ich gehe in Dein Haus?«
Er stand jetzt ganz aufrecht, und sein Gesicht fing an, wie im Fieber zu
glühen.
»Rühr' mich nicht an! Viel haben wir nicht mehr miteinander zu tun. Weißt
Du noch, im Sommer auf der Veranda? Herrgott, Mensch, da hast Du Dir wohl
selbst den Weg freihalten wollen? _So_ bist Du? _So_ bist Du? Und ich
Schaf, ich Esel, ich Narr! Natürlich -- wenn der Hofprediger kommt -- mehr
als ich hast Du ja immer gegolten. Meinetwegen, nehmt doch dem Hans seine
Blume weg, was braucht er eine Blume! -- Du! Weißt Du, was heute passiert
ist? Zwei Menschen hab' ich verloren, die mir die liebsten waren. Na, man
immer zu, was macht das auch aus --«
Er ging zur Seite, wo das Pferd stand. Der körperliche Schmerz ließ ihn
einen Augenblick taumeln, dann hielt er sich am Pferderücken und versuchte
aufzusteigen.
Gregor hatte wie erstarrt gestanden, jetzt stürzte er ihm nach. »Hans, Du
bist ja von Sinnen. Du darfst so nicht fort. Um Gotteswillen, Dir passiert
ein Unglück, mein Junge. Sei doch nicht so außer Dir, laß uns über die
Sache reden. Steige nicht auf, Hans, ich lasse Dich so nicht fort --«
»Du läßt mich nicht?« hohnlachte der andere. »Von jetzt ab wirst Du mir
wohl nichts mehr zu lassen oder nicht zu lassen haben. Das ist vorbei,
Bruder Pfaff!«
Die Wut spannte seine Sehnen. Er, der noch eben halb bewußtlos an der Mauer
gelehnt hatte, flog mit einem einzigen Schwung in den Sattel. Dabei hatte
er sich ohne Besinnen auf die linke Hand gestemmt. Ein wilder Fluch und
Aufschrei entfuhr ihm, er riß den Zügel so heftig von der Latte, daß das
Leder zerriß, das Pferd setzte in die Höhe und im Galopp flog es mit seinem
verzweifelten Reiter davon. Noch von fern, auf der Dorfstraße hörte man hin
und wieder einen kurzen, klingenden Ton vom Hufschlag.
Da stand der andere! Da stand er in seiner ganzen Herrlichkeit!
»Hans!« rief er noch einmal in die leere Luft.
Leer, still, tot. Tiefe, regungslose Winterstille hier, wo noch eben die
wilden Worte brausten. War das noch einmal ein Hufschlag? Vorbei -- --
jetzt mußte er schon zum Dorfe hinaus sein.
Der wahnsinnige Junge! Es muß ihn jemand aufhalten! Wie sah er denn aus?
Er stürzt ja. Aber wer will diesem Sturmritt nach? Nur für den Fall, daß er
gestürzt ist und irgendwo liegt --
»He, Michael Krauthammer!«
Da hinten, wo die Dorfstraße weiter läuft, guckt ein altes Bäuerlein über
den Zaun. Es ist taub und versteht nicht. Gregor winkt wie ein Rasender, da
klettert es über die Latten und kommt gelaufen, daß der lockere Schnee an
der Oberfläche in kleinen Ballen hinter ihm auffliegt.
»Michael, ist Dein Schimmel im Stalle?« Er muß mit voller Lunge schreien,
sonst kann er es sechzehnmal sagen.
»Jawohl, Herr Pastuhr. Jawohl, jawohl.«
»Willst Du mich fahren, in dieser Minute nach Rummelshof?«
»Nach Rummelshof? Jawohl. Morgen früh, Herr Pastuhr?«
»Rasender Unsinn! Jetzt! Sofort, auf die Minute. Jetzt!«
»Jetzt? Aber -- nun ja --«, er wiegt das graue Köpfchen. »Nu ja, Herr
Pastuhr, zu gern will ich das. Nur mein' Kaffig erst austrinken, der steht
in der Röhre.«
Ja ja, laß Deinen Führer nur erst seinen Kaffig noch austrinken. So
schnell, wie Dein wilder Bruder kommst Du doch nicht fort. Nur sachte,
kühler Gregor, es ziemt sich nicht für Dich, überzukochen. Fahr Du sachte
der wilden Spur nach, lies die zerbrochenen Leute auf, das ist ja ein
heiliges Amt. Oder ist das vielleicht noch heiliger, die Leute erst zu
zerbrechen?
Er stand im Stall, im Mist und legte selbst dem Schimmel das Geschirr auf.
Das Bäuerchen weinte beinahe, weil es so schnell fertig sein sollte. Aber
den Kaffig wenigstens, den ließ es sich doch nicht nehmen.
Wenn ich aufs Gut ginge, bekäme ich schneller ein Fuhrwerk, dachte Gregor.
Aber ich gehe nicht da hin, und mittlerweile ist's ja auch hier so weit.
Er saß auf dem Strohsacke des Leiterschlittens, und als eben das gemütliche
Getrotte losgehen sollte, riß er dem Alten die Leine fort. »Es handelt sich
um Tod und Leben!« schrie er ihn an, »hier heißt's Galopp.«
»O je, o je!« schluchzte das Männchen. »Dat end't jawoll nich gaud!«
Der Schimmel bekam die Peitsche, er dachte, das wäre ein Mißverständnis,
aber es war keins. Sie sauste wieder und wieder. Da wurde ihm so
himmelangst wie seinem alten Herrn, und der Schlitten flog durchs Dorf und
draußen über den höckrigen Weg.
Auf freiem Felde war es noch wieder ein Stückchen heller als im Dorfe.
Gregor spähte den flachen Weg entlang übers Moor. Jawohl, es flogen Krähen
auf, wenn er nach denen suchte. Da tanzten in der Luft auch schon wieder
Schneeflocken.
»Dat ward jawoll 'n Gestiewe«, klagte Michael Krauthammer besorgt. »Am End'
finden wir unsern Weg noaher nich wedder.«
Gregor antwortete nicht. Die freie Luft hier draußen auf der raschen Fahrt
tat ihm gut. Ihm wurde klarer im Kopfe.
Sie hat dem tollen Jungen unsere Sache verraten! dachte er voll wilden
Zornes. Was fällt ihr ein? Wer gab ihr das Recht? Ja, so ist sie: mit
dem Kopf durch alle Wände, unbekümmert, rücksichtslos. Was macht ihr mein
Wunsch und Wille aus? Was macht ihr das Unheil aus, das sie stiftet? Sollte
ich mein Lebelang mich mit dem Löschen abgeben, wo sie Feuer angelegt
hat? --
Eintönig klapperten ein paar klanglose Schellen am Sielengeschirr des
Schimmels. Hin und wieder flog der Schlitten über eine Unebenheit des Weges
heftig zur Seite, daß die Männer sich an dem Leitergerüst halten mußten.
»Wi smieten üm, Herr Pastuhr!« gellte das Männchen.
»Und wenn auch, das macht nicht viel aus«, sagte Gregor unwirsch.
»Höchstens hält's uns auf.«
Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen. Der Weg war so überweht vom
Schnee, daß man seine Tücken nicht sehen konnte. Dazu schneite es immer
heftiger und wurde rasch Nacht.
»Sind da nicht Tappen vom Pferd? Ja, da ist er geritten. Aber wer kann's
erkennen. Eine Laterne hast Du wohl natürlich nicht mit?«
»Wat sall ick hem?«
Schafskopf! dachte Gregor, aber er sagte es nicht laut, weil das nicht die
geistliche Amtssprache ist.
Je weiter der Weg und näher das Ziel, um so steinerner und kälter wurde das
Herz in ihm. Die rasch aufgefahrene Angst um den Bruder, die ihm wie
mit eisernen Händen das Herz gepackt hatte, ließ nach, je mehr die
Wahrscheinlichkeit eines Unglücksfalles sank. Er hörte auf, das Pferd zu
peitschen und zu jagen. Als er durch das Schneetreiben die Lichter von
Rummelshof sah, erwog er schon, ob er nicht umkehren solle. Was er
wollte, hatte er ja getan: dem Hans auf die Spuren gesehen, ob ihm nichts
zugestoßen sei.
Dennoch war die Beruhigung zu unsicher. Er konnte auf einem anderen Wege
übers Moor geritten sein. So fuhr er weiter.
Es war nicht tot zu machen, daß er vor einer Stunde mit einer wahnsinnigen
Angst im Herzen im Pferdestall des alten Krauthammer gestanden hatte.
Gregor v. Zülchow hatte nicht viele Stunden wie diese gehabt, sie zuckte
ihm noch im Blute.
Aber wer wenig Perlen hat, stellt sich um die, die er hat, auch ganz
besonders gefährlich an. Gregor setzte den wilden Herzschlag, die tolle
Fahrt, die Not dieser Stunde dem Bruder Hans dick unterstrichen aufs Konto.
Da! das zahle Du mir erst mal wieder heraus!
So klapperte er auf seinem Bauernschlitten auf den Hof seiner Väter ein.
Er fuhr auf den Laternenschein zu, der durch entlaubtes Gebüsch von den
Stallgebäuden her kam. Da stand ein Knecht und rieb Hans Hennings Pferd ab.
»Na also --«, sagte Gregor nur. Er tat keine weitere Frage und wandte den
Schlitten wieder um.
»Herr Pastuhr, Sei führen ja wedder rut!«
Laß das Bäuerchen schreien, so viel es will. Es hat hier wohl auf einen
heißen Grog gehofft.
»Da, Michel, nun kannst Du auch wieder fahren.«
»O je, o je -- nee, de Geschicht' begriep ick mien Läwdag nich --«
»Ich habe Dich nicht umgeschmissen, nun schmeiß Du mich auch nicht um«,
sagte Gregor. Er hatte nicht Lust, um diese Sache nun noch naß zu werden.
Wenn der dumme Junge zur Ruhe gekommen ist, wird sich schon alles
arrangieren, dachte er.
* * *
Danach kam der Dienstag Morgen. Die Sonne schien wieder, aber blaß aus
blassem, nichtssagendem Himmel. Der Ostwind strich scharf durch die kahlen
Bäume, in der Nacht war der Schnee von gestern abend festgefroren.
Gregor hatte einen schweren Kopf. Er saß am Schreibtisch, um eine
wissenschaftliche Arbeit für eines der theologischen Blätter zu beenden,
für die er hin und wieder schrieb. Aber er konnte heute nicht. Man räumt
auch erst bei sich zu Hause auf, ehe man anderen Leuten die Stühle und
Tische für dieses Lebens Gebrauch zurechtstellt.
Aber er hatte von dieser unpersönlichen Arbeit Klärung und Beruhigung
erwartet, die blieb nun völlig aus.
Daß ich mich mit dem Kinde nicht verbinden kann, ist mir jetzt ohne
Zweifel, dachte er. Es ist meine Schmach und Erniedrigung, daß ich dies
für ein paar tolle Viertelstunden vergaß. Ein boshaftes Geschick oder eine
absonderliche Schwäche meiner Nerven ließ mich zweimal in derselben Sache
einen so argen Fehlgriff tun. Bei der kleinen Durchlaucht war es vielleicht
schlechter, berechnender. Ich hätte schon ihr Gemahl werden wollen, was tat
mir ihr süßes Schmachten zu Leide? Bei diesem Kinde -- ach, da kann ich
nur bitten: Erscheine mir nicht! Bleib fern, damit ich so stark und kühl
bleibe, wie ich muß.
Die Sache ist nicht am Ende. O, wäre sie es! Was steht noch alles bevor!
Ich kann es nicht vermeiden, was nun kommt. Sie glaubt an mich. Sie kennt
keine Schwäche und keine Kälte. Sie ist in jeder Stunde das, was sie
wirklich ist, nicht nur ein abgeblitzter Funke ihrer selbst.
Was noch bevorsteht, ist dieses: Ich muß sie an die Hand nehmen -- ich
sie! und das ist mein Büßen -- und sie durch das dunkle Tal menschlicher
Kompliziertheiten führen, das sie noch nie gesehen hat. Ich muß das Grauen
und die Verachtung in ihren Augen wecken. Das muß ich tun. Sie muß mich
als Schwächling und Egoisten sehen. Wenn sie weniger unwissend, stark und
einfach wäre, könnte sie auch die feineren Fäden sehen. So wird sie es
nicht, und es ist nicht meine Sache, es sie zu lehren. Ich kann an ihrer
Verachtung und ihrem Grauen nichts ändern.
Hans Henning -- das ist Art von ihrer Art. -- Warum soll das nicht werden?
Er stand auf, ging durchs Zimmer und setzte sich wieder. Am blassen Himmel
war die Sonne fortgegangen, man sah kaum wohin, so gleichförmig fade und
weißgrau legten sich die Wolkenstreifen darüber.
Warum soll das nicht werden?
So laß sie beide doch -- und gib der Vernunft Raum und sei kein Narr, der
eine schlechte Tat auf die andere häuft.
Ja ja, so ist es gut. Keiner braucht sich dabei das Genick zu brechen.
Aber ich, der ich nur die Hand zu öffnen brauche, wo andere kämpfen und
ringen, ich soll als der einzig Hungrige vom Tische aufstehen? --
Ich _will_ es ja so! Ich _will_ den Wein nicht. Warum kann man ihn nicht
umstoßen, daß auch andere nicht zu trinken brauchen? Das Königlichste auf
Erden ist Verschwendung.
Was ist das? Bewegt sich da etwas in der Ofenecke hinter dem Schlot? Diener
der Kirche, kennst Du denn nicht die grinsende Fratze?
»Was wäre es gewesen, wenn jemand gestern vom Pferde gefallen wäre -- --?«
Weg Satanas! Du hast gesprochen, nicht ich!
Satanas -- ja kommst Du jetzt da herum? Bist licht und schön und frei von
Gang und hast ein rotbraunes Struwwelköpfchen?
Geist, zerrinne wieder! O Du mein liebes Gesicht -- erscheine mir nicht!
Erscheine mir nicht!
Die Gartenpforte klinkt. Der Schnee knirscht unter den Tritten.
Jag sie doch hinaus, wenn Du Angst hast!
Nein, nein. Die Entscheidung soll kommen.
Fritzchen, ja -- so etwas wagst Du wieder? Das tut keine sittsame Jungfrau,
Du wildes, unbedachtes Kind!
O Gregor, das starke Herz, das Männerherz! Reiße es rasch heraus, in den
Winkel damit, sonst -- -- rasch!
Da klopft es schon.
Da steht sie in der Tür. Wie ist sie blaß geworden in dieser einen
schlimmen Nacht!
»Gregor«, sagte sie leise, »ich suche Dich.« Es war ein krankes, bittendes
Lächeln um ihren Mund, das machte sie für ihn noch schöner, als sie je
zuvor in ihrer lachenden Kraft gewesen war.
Er stand ihr gegenüber -- ihr Sklave.
»Nein!! Es kommt die Reue!« rief er jählings so wild, daß sie
zusammenschrak. Er hatte es nur sich sagen wollen, nun hatte er es auch ihr
gesagt.
»Die Reue?« fragte sie zitternd und bange.
»Du bist ein Kind und weißt nichts von mir und Dir!« rief er in demselben
wilden, starken Tone. »Geh hinaus von hier, geh! Es kommt nichts wie
Unglück hierbei heraus. Ich weiß das, ich wußte das immer, aber ich hatte
es in einer törichten Stunde vergessen.«
Damit war sein hoher, starker Ton erschöpft. Er sah, wie sie fahl bleich
geworden war. Sie bot einen solchen Anblick, daß er glaubte, sie werde im
nächsten Moment umsinken. Er eilte herbei, ihr einen Stuhl zu geben.
»Nein, danke«, sagte sie, stützte sich aber doch auf die Lehne und sah ihn
mit den Augen an, die übergroß in dem blassen Gesichtchen standen.
»Du hast mich also nicht lieb?« fragte sie in einem seltsam hohen, wie
fragend klingenden Tonfall.
Er spielte jetzt wahrlich nicht. Es war eine Schmerzüberwindung, wie dieser
Mensch sie in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht vollbracht hatte.
Er gab der Wahrheit, die über Ja und Nein steht, die Ehre und sagte hart
und stark wie klingender Stahl:
»Nein.«
Ihre Blicke verwirrten sich einen Moment und wurden völlig leer, so daß
ihn ein kurzes Grausen und gleich darauf ein unendliches Mitleid faßte. Er
griff nach ihrer Hand und zog sie sanft an sich.
Die Versuchung für ihn war überwunden.
»Es war eine sehr süße und holde Täuschung«, sagte er. »Wir kommen beide
wohl darüber fort.«
Was hatte er ihr doch erklären wollen von der komplizierten Maschinerie
seines Seelenlebens? Ach, vor diesen Augen versagen noch ganz andere
und viel einfachere Erklärungen. Da steht der schlichte, große, starke
Menschenjammer vor dem ganzen Prunk der analytischen Erklärungskunst, und
die Kunst fällt zusammen und wird zum Häuflein Schmutz.
Das Leben aber wendet sich und geht hinaus.
»Adieu, Gregor.«
Sie geht hinaus. Es sind nur Minuten verstrichen, wieder klinkt das
Gartentor. Sie trägt den Kopf geneigt, wie ein freier Vogel, den man
angeschossen hat, sie schleppt ihre Füße.
Ach ja, das wird ein saurer Gang.
Er, der Pfarrer, steht in seinem Zimmer. Er ist nicht zum Sklaven und zum
Verräter der eigenen Kraft geworden. Er hat gebüßt, was zu büßen war.
Jetzt schließt er seinen ehrlichen Bund mit der Einsamkeit und mit der
Kälte.
Zwölftes Kapitel.
Was ist geschehen? Verstehst Du es, Herz? Verstehst Du es, Kopf?
Sie kommt in ihrem Schloßhof oben an. Da steht der alte klobige Turm mit
seinen vielen Fenstern.
Ein Entsetzen packt sie. Da hinein? Da sitzen wie gestern und alle Tage?
Einfach weiterleben hinter diesen Mauern?
Es zuckt ihr in den Füßen. Fort, ins Feld hinaus, weit weg. Nur nicht
wieder hier hinein!
Ins Feld? Ja, da ist Weg und Steg und jeder Stein noch wie er immer war.
Übers Moor? Oder an den See?
An den See? Weißt Du noch?
Mit einer wilden, hilflosen Bewegung drückt sie die beiden Fäuste vor die
Augen. Schwarz -- schwarz -- schwarz --
Ins Dunkle! Verkriechen! Das ist das beste!
Hinein.
Wie die Haustür knarrt mit dem altbekannten Ton! Da ist Jakob auf der
Treppe.
Jakob? Gibt es denn noch Menschen?
»Was gibt's heut' wohl zu Mittag, gnädiges Fräulein?« sagt Jakob, der alte
Schelm.
Sie steht in der Schulstube und weiß nicht, wie sie hereinkam. Es ist
eiskalt hier, sie graut sich vor den acht Fenstern.