»Junge, fehlt Dir etwas? Wie Deine Hände heiß sind! Warum kamst Du nicht
mit herein?«
»Ich -- weiß nicht. Ich habe mich wohl hier verträumt.«
»Hans -- sag mir mal die Wahrheit. Du bist wohl verliebt?«
Sie standen jetzt beide beieinander. Es war zu dunkel, als daß sie ihre
Gesichter sehen konnten. Wie stark der Wind gewachsen war! Es war ein
Sausen und Brausen in den Bäumen des Gartens.
»Ich bin Dein Bruder, mein Junge«, sagte Gregor. »Du kannst Dich mir
vertrauen.«
»Ja!« rief Hans Henning aus. Es war ein Ton des lautersten Frohlockens.
»Gregor -- ich -- siehst Du --«
Nein, es ging doch nicht. Hans sah verzweifelt zur Seite. Wie macht man es
denn, daß man so etwas sagt?
»Es ist wohl Frida Dörfflin, um die es sich handelt«, sagte Gregor in
völliger Gelassenheit.
Hans Henning antwortete nicht, das Herz schlug ihm bis zum Halse. Wie hatte
die Nennung dieses Namens ihn durchschnitten! Wie konnte es nur so unsinnig
weh tun, den Namen so kühl wie geschäftsmäßig nennen zu hören.
Gregor genügte wohl diese stumme Antwort. Er schwieg einen Moment.
»Das Kind!« sagte er dann in wegwerfendem Ton.
Hans Henning schoß das Blut wild ins Gesicht.
»Was meinst Du damit? Ich lasse nicht an ihr rühren.«
»Wer tut denn das?« sagte Gregor nachlässig. »Meinst Du etwa, sie sei kein
Kind mehr? Verstehst Du Dich so wenig auf Menschenaugen? Bei diesem Mädchen
ist alles noch Klarheit, Harmlosigkeit und ein vollständiges Spielen dem
Leben gegenüber. Ich spreche das nicht als Tadel aus, sondern nenne es
einen Vorzug.«
»Ich habe das auch schon gedacht«, murmelte Hans. Da stand er ja mit einem
Male mitten in Frage und Antwort, Bitte und Rat, wie er es sich noch vorhin
so sehr gewünscht hatte. Nur daß es nicht die Mutter war. Aber vielleicht
wußte Gregor noch mehr von diesen Dingen.
»Ich dachte sonst -- ich wollte morgen, vor der Abreise --«, stotterte der
große Junge. »Ich will ja auch gar nichts an ihr zerstören, Gregor. Ich
will ihr gar nicht viel von Liebe vorschwatzen. Nur wissen -- ob sie mein
Kamerad sein will -- diese Ungewißheit, Gregor, die ist ja zu gräßlich --«
Gregor wandte sich ab und ging mit starken Schritten zweimal die Veranda
auf und nieder. Dann blieb er vor Hans stehen, und als er sprach, klang
seine Stimme wie geschliffener Stahl.
»Ihr seid beide noch Kinder. Durchbrich diesen Zustand nicht aus Übermut.
Du schadest ihr und Eurem ganzen Verhältnis, Du veranlassest sie, sich zu
verschenken, ehe sie sich kennt. Glaubst Du nicht, Hans, daß das eine Sünde
an ihrem Geist und Wesen ist? Lerne warten, mein Junge, überlaß diese Sache
der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen.«
»Ist das so --?« stotterte Hans.
»Ja, Hans Henning, das ist so!« sagte Gregor.
Sein Ton legte sich wie eine eiskalte Hand dem Jüngling aufs Herz. -- Hatte
er vielleicht doch nur nach Hilfe verlangt, um die Antwort zu hören, die er
wünschte?
Oder ahnte sein erwachtes Herz das Schwert in des Bruders weisem und
wohlbegründetem Rat? Seine Lippen bebten, als er sagte: »Ich danke Dir. Ich
will jetzt schlafen gehen!«
Er ging. Die Sporen klirrten leise. In dem erleuchteten Zimmer sah er im
Spiegel sein Bild vorübergleiten. -- »Überlaß es der Zeit --«
Vielleicht hat er recht, und ich handle verrucht, seine Worte zu verachten.
Vielleicht bin ich ein Narr, wenn ich es nicht tue. Ich bin nicht weiter
als zuvor.
Überlaß es der Zeit!
Ja, Du kaltes Herz, Dir steht es wohl an, so zu sprechen. -- Aber hat ein
heißes Herz mehr Recht und weiteren Blick?
Das wird heute eine friedvolle Nacht!
Gregor stand noch draußen. Das Gewitter hatte sich verzogen oder war
landeinwärts niedergegangen. Es blitzte nicht mehr. Nur ein leichter Regen,
durch den Wind hin- und hergetrieben, sprühte durch die Bogenöffnung der
Veranda und tanzte oben auf dem Glasdach. Die Luft war stark abgekühlt.
Er stand eine kurze Weile und sah hinaus. Noch lagen seine eigenen
klingenden Worte ihm im Ohr. »Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von
selber aufbrechen.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Als er nach oben kam, fand er die Verbindungstür nach Hans Hennings
Schlafzimmer geschlossen. Der Knabe grollt, dachte er, weil ich ihm sein
Spielzeug fortnahm. Aber es ist nun einmal so. Ich tat recht, den Fuß
darauf zu setzen. Das alles muß erst werden, und die Zeit ist mächtig.
Gute Nacht, mein trotziger Junge, es kann sein, daß wir uns noch einmal an
dieser Stelle treffen.
Vielleicht! Wer weiß es?
Er legte noch die letzte Hand an seinen Koffer. Den Rock, den er heute
getragen hatte, zog er aus und packte ihn dazu. Dabei nahm er seine
Brieftasche heraus und öffnete sie. Nur eine Kerze brannte auf dem Tische.
An die Fenster trieb der Regen und die seitwärts geschlossenen Läden
klapperten im Wind.
Gregor trat an das Licht und sah auf das Mädchenbild nieder, das er in
Händen hielt. Es war ein feines Gesicht mit nervösem Mund und großen Augen:
Prinzessin Maria, sie hatte es ihm selber geschenkt.
Nun beginnt das wieder! dachte der junge Pfarrer. Ja, die Erde ist weit,
und wir haben Zeit zu vielen Dingen. Aber sie sollen mir alle dem größesten
dienen!
* * *
Hans Henning hatte nicht aus Groll und Trotz die Verbindungstür zugemacht.
Aber er empfand ein unklares, quälendes Gefühl der Furcht dem Bruder
gegenüber, ein eisiges Widerstreben und Ablehnen, das er früher nie gekannt
hatte. Eine Art Mißtrauen, das er sich dennoch nicht erklären konnte.
Es wäre ihm fürchterlich gewesen, ihn heute noch sehen oder sprechen zu
müssen.
Aber was nun weiter? Er hat gesprochen wie einer, der die Menschen und
Dinge kennt. Ach ja, er wußte immer von jeher Bescheid.
Tue ab diesen miserablen Wust eigenen Wünschens und Parteinahme für Dich
selbst! sagte Hans Henning zu sich und drückte die heiße Stirn an die
beregnete Fensterscheibe. Mach's gefällig ein bißchen klar in Dir, oder Du
bist ein Hund! Es kommt hierbei doch auf das Wohl, das Glück und die Seele
meines kleinen Fritz an -- sonst auf nichts. Und warum wollte ich sie
fragen? Um mich zu beruhigen!
Also gut. Gregor hat recht. Gregor hat recht. Ganz egal, wie's mir eingeht
oder einleuchtet, Gregor und die Vernunft haben recht.
Ach ja. Man muß auch manchmal Steine auf der Brust haben, das wird wohl
nicht anders gehen.
Ich reite also morgen früh nicht. Nein -- nicht. Laß es doch brennen.
Nein, jetzt nicht wieder anders denken. Ruhe!! Ich reite nicht.
Aber eins kann ich doch noch.
Er ging an einen alten Sekretär, schloß ihn auf, und aus dem
hintersten Geheimfach, das wohl sonst schon Gott mochte wissen, welchen
Familiengeheimnissen gedient hatte, holte er ein altes, verblichenes
Kinderbildchen hervor. So hatte der Fritz ausgesehen, als er ihn zum ersten
Male sah.
Hans hatte das Bild in einer Rumpelkammer auf Hohen-Leucken gefunden und
ohne Gewissensbisse gestohlen. Wie zärtlich er es liebte! Es war sein
kostbarster Schatz.
Die Augen sahen etwas trotzig und düster drein. Es war dem kleinen Kopf wie
eine arge Zumutung erschienen, sich so dem Photographen hinzustellen.
Sogar der süße Kindermund schien leise zu zucken. Das Hälschen, die runden
kleinen Arme waren bloß, ein einfaches schottisches Kleidchen hing bis auf
die Knie nieder.
»Damals hast Du die Tasse auch schon übergeschwappt, Fritz!« sagte Hans
Henning.
Er küßte das liebe kleine Bild.
»Leb wohl, mein Liebling. Du mußt noch ein bißchen wachsen. Hörst Du,
Unband, wachse schnell. Sonst halte ich das Warten doch nicht aus.«
Tür an Tür waren sie miteinander, und jeder hielt ein Bild. Der Hans mit
seiner einzigen armen, starken jungen Liebe, dieser Hans, der nicht warten
konnte, der mit seiner wilden, herrlichen Ungeduld rang wie mit einem
durchgehenden Pferde -- und der andere, der durch Blumenbeete ging und zu
den Knospen sagte: Blüht nur erst auf, dann werden wir sehen. Es ist Zeit
da zu vielen Dingen -- --
Achtes Kapitel.
-- -- -- -- Fritzchen saß bei der schwarzen Hede Marusch im Dorf, die im
Bett lag und die Auszehrung hatte. Vor zehn Jahren und mehr hatte sie auf
dem Schlosse gedient, Fritzchens schmutzige Kleider gewaschen und den Boden
auch nicht reinmachen wollen. Sie war gerade so brav und nichtsnutzig,
geschäftig und faul gewesen, wie die anderen Mägde auf Hohen-Leucken auch.
Jetzt hatte sie einen Hofgänger geheiratet, hatte vier lebendige und
zwei tote Kinder, und ging mit eiligen Schritten, als könne sie es kaum
abwarten, dem Sterben zu. Sie hustete sich die arme Lunge heraus, und
Fritzchen hatte Gelegenheit, in ein Bild des Jammers zu sehen, das von
keinem freudigen Strahl erhellt wurde.
Sie kannte aus ihrem trübseligen Dorf diese Bilder von Jugend auf. Da
liefen diese Mädchen und Frauen herum, arbeiteten sich ab, fingen an zu
husten, und dann sahen sie mit heißen, starren, verzweifelten Augen aus
ihren bunten Federkissen heraus.
Solange noch Lebenshoffnung glimmte, waren sie untertänig und voll
schmeichelnder Dankbarkeit gegen ihr junges Fräulein, das sie zu besuchen
und ihnen Erfrischungen zu bringen kam. Alte Frauen erzählten ihr geläufig
von der Engelsgüte ihrer seligen Mutter. Aber wenn die Hoffnung erlosch,
hörte dies alles auf. Dann sah der nackte Menschheitsjammer, dem hoch und
niedrig zu leeren Lauten werden, ihr unverhüllt in das junge Gesicht.
»Wissen Sie noch, Fräulein«, sagte Hede Marusch, »als man mir meinen
lütten Auta begrub? Da habe ich immerfort gebarmt, ich wollt mit. Nee, nee,
Fräulein, man soll sich das nicht wünschen. Das Grab ist kalt, und all die
Leute, die hier schon unter die Erde gebracht sind, machen es nicht warm.
Und gucken Sie mal, die da --« sie wies auf zwei Kinder, die unten am Bett
standen. »Wenn's mir auch noch so warm wäre, davon will ich ja gar nichts
sagen -- aber darum kriegen sie doch eine Stiefmutter -- und es geht ihnen
so, wie der Mine Schulzen ihren Kindern -- --«
Sie brachte die Worte vor lautem Weinen kaum heraus.
Das Fritzchen war einer harten Wirklichkeit gegenüber aufgewachsen, in der
Krankheit, Tod, Verlassenheit, Stiefmutterschaft und alles Elend unserer
armen Erde in dichtgedrängter Fülle saß. Da verlernt man es, oder gewöhnt
es sich gar nicht erst an, schöne Worte zu machen. Man könnte sie ja billig
haben, wenn man sie wollte, und würde sich selbst wahrscheinlich recht
getröstet von dannen heben. Aber Fritzchen war dafür verloren. Sie kannte
hier die Leute, ihr Leben und ihre Leiden zu genau, um nicht zu wissen,
daß Hede Marusch, und ob sie ihr jetzt die süßesten Worte sagte, doch starr
daran festhalten würde, daß ihr Mann sich eine andere Frau nehme, und ihre
Kinder in der Armeleutshütte, in der das Elend die Menschen hart machte,
eine schlechte Stiefmutter und boshafte Stiefgeschwister bekommen würden.
»Arme Hede!« sagte sie. Sie kniete am Bett nieder und streichelte die
magere, weiß-gelbe Hand. »Du hast es schwer auf dieser Erde!«
»Ja, da haben gnädiges Fräulein wohl recht«, klagte die arme Person. »Was
ist's mit uns und unserm Leben? Arbeit und Schläge, wenn wir noch lütt
sind. Arbeit und Sorgen, wenn wir groß sind und Hunger und Krankheit noch
obendrein. Gnädiges Fräulein brauchen nicht weinen, die können wohl lachen.
Da oben im Schloß tanzen und lachen sie, und zu essen ist noch alle Tage
da, und dann haben sie auch nicht den Husten und die Beklemmung, und daß
die lütten Jören dableiben müssen, wenn's nu alle ist. O Gott, o Gott, wenn
ich nur einmal könnte aufstehen, ich wollte arbeiten wie nie! Aber sehen,
gnädiges Fräulein, wie's damit ist: Gebetet hab' ich Tag und Nacht zum
lieben Gott. Aber der hört nicht zu, der hört bloß auf die Reichen.«
Fritzchen kannte das alles: die Bitterkeit, die Anklage, die verstockte
Verzweiflung. Man schifft nicht immer auf Wolken, man kriecht auch ganz
unten und hört das Stöhnen der ärmsten Kreatur. Sie nahm Pastor Baumann
nicht sein Amt ab, Ergebung zu predigen, oder stand ihm dabei zur Seite.
Ergebung! Nein, danach stand ihr bei Gott nicht der Sinn. Es mochte wohl
ein weiches Kissen sein, auf das man sich hinlegt, und die Schmerzen und
Stöße und den Jammer um die eignen kleinen Kinder besser erträgt. Es mochte
wohl ein Helfer sein, der dies Kissen unterschob, der die wilden Klagen zu
bändigen verstand.
Dafür war der Pastor Baumann allezeit gut. Er war selber schon alt und
schwach, und wenn sein Leben auch arm an Ereignissen und großen Eindrücken
gewesen war, so hatte es ihn doch reich und reif gemacht. Da legt man der
armen Kreatur seine Hand auf und sagt: »Glaube nur und ergib Dich. Die
Liebe ist größer als alle Not.«
Für Fritzchen Dörfflin aber war diese erste und letzte Weisheit nichts. Der
alte Pastor war vor einer Stunde hier gewesen, er hatte anders geredet
und gehandelt als das törichte, wilde Kind. Ein Gefäß mit Balsam hatte er
stehen lassen, aber sie warf es mit trotziger Hand um.
»Ja, Hede Marusch, es ist ein verzweifelter Jammer um Dich und
Deinesgleichen! Ich will ja ein Auge auf die Kinder haben, wenn Du tot
bist, aber wieviel hilft das? Ich bin nicht allmächtig und allgegenwärtig,
und ich habe auch nicht viel Geld. Es ist ja auch noch viel andere Not im
Dorf, nicht Deine allein. Was ist das für eine Ordnung in dieser Welt.«
»O Gott, gnädiges Fräulein«, sagte die alte Maruschen, die herangehumpelt
kam. »Machen Sie doch man die Hede nicht wieder aufsätzig. Heute abend soll
sie noch das Abendmahl kriegen. Ach Gott, ach Gott, war haben's ja sauer,
aber wir sollen uns doch man ergeben. Was hilft das Murren? Und stirbt sie
unbußfertig, so fährt sie in die Hölle. Gnädiges Fräulein sind noch jung
und schön, aber wir Alten müssen das bedenken.«
»Das ist feige!« sagte das herrische, junge Menschenkind und richtete
sich mit blitzenden Augen auf. »Aus Angst sich vor dem Mächtigen ducken!
Maruschen, ich sag' Euch: Ich möchte lieber in die Hölle, als mich schlagen
lassen und noch dazu Demut heucheln!«
»O Gott, gnädiges Fräulein!«
»Jawohl, Mutter, Fräulein Fritzchen hat am End' wohl recht! Ich will auch
nicht heucheln und schön tun. Schick zum Pastor, bestell' ihn ab. Ich will
lieber zur Hölle, ich will's nicht gut haben, wenn Wilhelm und Mariek und
die beiden Lütten es schlecht kriegen --«
Sie saß hochauf, ihr fieberisches Gesicht stand in Flammen, die schwarzen
Haare hingen ihr wirr um Kopf und Schultern, die schwarzen Augen brannten.
Sie war von einer schauerlichen, jung-hexenhaften Schönheit. Fritzchen
stand und sah auf ihr Werk, ein Beben durchglitt sie. Sie sagte nichts.
Aber die Alte jammerte: »Hede! Hede!« und die beiden Kinder fingen laut zu
heulen an.
»Heult nicht!« sagte Frida v. Dörfflin mit starker Stimme.
Sie sah sich in dem niedrigen bedrückten Raum um, in dem einem das Atmen
verging, und in dem das Elend hauste. Es würde noch viel nackter hausen,
wenn der fiebernde Leib dort hinten an der Wand starr und kalt sein würde.
Gebt mir erst eine Auflösung zu diesen grausigen Rätseln, und ich will Euch
auch Ergebung predigen! dachte das trotzige Herz.
Sie hat recht, daß sie unter diesen Bedingungen nicht in den Himmel will!
Frida kam wieder dicht an das Bett. »Hede«, sagte sie, »ich habe Achtung
vor Dir, Du arme Seele! Andre Leute werden sagen, Du frevelst, aber ich
sage, Du hast einen großen Mut. Dicht vor dem Tode Rebellion zu machen,
das ist tapfer! Wie es Dir bezahlt werden wird, weiß ich nicht. Vielleicht
bekommst Du wieder Angst, das ist wohl nicht zu vermeiden. Aber das soll
nichts daran ändern, daß ich Dir hier die Hand gegeben habe, Hede.«
Die Kranke faßte mit beiden Händen nach der Mädchenhand, die sich ihr bot.
Ihr abgezehrtes Gesicht glühte unheimlich.
»Ich krieg' keine Angst, Fräulein Fritzchen. Nun ist alles gut. Ich glaub'
auch, daß nach dem Tod alles aus ist. Otto sagt's auch immer. Es wird mir
schon nichts passieren. Mir ist so leicht, daß ich nu nicht immer mehr
beten brauch', während die Lütten doch in Jammer geraten.«
»O Gott, Hede, Hede, besinn' Dich!« jammerte die alte Frau. »Es geht zu
Ende mit Dir! O Gott, gnädiges Fräulein, erbarmen Sie sich!«
»Ich kann mich nicht erbarmen«, sagte Fritzchen.
Draußen fuhr eine Kutsche vorüber, man erkannte sie nicht durch die
beschlagenen Scheiben. Ein regenschwerer Oktobertag war es. Sonst stürzte
alt und jung an die Fenster, wenn ein fremder Wagen vorüberfuhr, heute
wendete kaum das Jüngste der Kinder halb mechanisch das verweinte Gesicht.
»Fräulein Fritzchen, verlassen Sie mich nicht«, schrie Hede qualvoll auf,
als das Mädchen eine Bewegung machte. »Nee, nee, allein bleiben kann ich
nicht! Ich muß die Hand von Fräulein haben, sonst fall' ich. Nee, nee,
hierbleiben müssen Sie --«
Das waren ihre letzten bewußten Worte, von da ab verfiel sie ins Delirium.
Das Schloßkind vom Lande hatte schon vieles sterben sehen, Mensch und Tier,
und manches davon hatte sie sehr lieb gehabt. Keine sorgende Mutter hatte
hinter ihr gestanden, und sie von den schreckensvollen und traurigen
Bildern des Lebens ferngehalten. Aber noch nie hatte sie gesessen wie
heute, mit ihrem kindischen Trotz, mit ihrem tollen Wagemut, der gegen das
Ewige, Unerfaßliche anrennt, als einziger Halt und Hort der geängstigten
fliehenden Seele.
Die heißen feuchten Finger der Sterbenden krallten sich in ihre Hand. Wirre
Worte von Teufeln, Höllenfeuer, von Spuk und Entsetzen schwirrten durch
den Raum. Die Alte lag am Boden und betete, bald zu Gott, bald zu dem
Schloßfräulein.
»Ach, süßestes, gnädigstes Fräulein, helfen Sie ihr doch -- helfen Sie ihr
doch -- erbarmen Sie sich.«
Fritzchen legte der Irren die Hand auf die Stirn, sprach auf sie ein, aber
das Delirium ging weiter, die verkrallten, heißen Finger ließen sie los,
Hede Marusch wußte von ihrer Gegenwart nichts mehr.
Da stand Fritzchen auf. »Ich will Euch zum Trost den Pastor holen«,
sagte sie. »Er kann vielleicht auch der Hede noch helfen. Er hat ein paar
Beruhigungsmittel in seiner Apotheke.«
»Lebe wohl, meine arme Hede!«
Sie stolperte durch den halbdunklen, lehmgestampften Hausflur, in dem Kraut
und Kartoffeln lagen, und stand draußen. Es regnete jetzt nicht. Still,
tot und feuchtschwer war die Luft. Auf der Dorfstraße lag das letzte nasse
Laub.
Fritzchen trug einen kurzen Rock, in dem sie gewöhnlich zu Pferde saß, ein
rundes Mützchen und eine alte braune Jacke. Ihre Wangen glühten, ihr war,
als habe sie mit dem Gott da droben um eine arme Seele gerungen und habe
obgesiegt.
»Was nun aus ihr wird? Gleichviel. In den Himmel wäre sie sowieso nicht
gekommen mit ihrer elenden Heuchelei.«
Sie ging die öde Straße entlang zwischen den kleinen Häusern und bog um die
Gartenecke, hinter der das Pfarrhaus lag. Hier hörte der holprige Steindamm
auf. Im aufgeweichten Wege vor dem Gattertor hielt eine Kutsche. Sie mußte
erst zweimal hinsehen, ehe sie begriff: es war Rummelshöfer Livree, es
waren die Rummelshöfer Rappen.
Sie erblaßte vor Schreck. Wer war hier? Jetzt, zu dieser Jahreszeit, und
bei dem Pastor? -- Der Kutscher grüßte sie, sie brachte die Frage nicht
heraus, die ihr in der Kehle würgte. Einen Moment riß es an ihr, umzukehren
und davonzulaufen, sie fühlte sich plötzlich so unfähig, ein Gesicht
und vielleicht gar das eine, aus diesem Hause zu sehen. Ihre ganze am
Sterbebett gerüttelte und durchglühte Stimmung paßte jetzt nicht zu solchem
neuen Eindruck.
In einem Gefühl der Schwäche und Abwehr lehnte sie sich an die Gartenmauer.
Von den Zweigen fielen ein paar naßkalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie dachte
an Hede Marusch. »Ich muß die Arznei holen«, sie straffte sich, öffnete das
Holzpförtchen, ging durch den kleinen zerzausten Vorgarten und ins Haus.
Seit einiger Zeit hatte Pastor Baumann die große Kuhschelle, die an der
Haustür hing und ohrenzerreißend gellte, sobald jemand die Schwelle betrat,
abnehmen lassen. Er war hinfälliger geworden und konnte den Lärm nicht mehr
vertragen. Fritzchen wußte das noch nicht. Als der Lärm ausblieb, wurde ihr
unheimlich, fast gespensterhaft zu Mute. Sie fürchtete sich vor dem Hall
der eigenen Schritte. Auf Fußspitzen schlich sie und klopfte an.
»Noch nicht«, sagte des Pastors Stimme drinnen. »Setz' Dich auf einen Stuhl
und warte ein Weilchen.« Er glaubte wohl, es sei ein Gemeindekind.
Aber dem Schloßfräulein kam diese Verwechslung recht. Sie setzte sich auf
einen Brettstuhl, unweit der Tür, strich das nasse, wirre Haar glatt und
wartete.
Drin klangen Stimmen. Die eine, das war die von Herrn Gregor.
Es berührte sie kaum. Ihr war, als habe sie das erwartet, als könne es
auf der Welt überhaupt nicht anders sein, als daß draußen die Rummelshöfer
Kutsche stände, sie hier auf dem Brettstuhl säße und drinnen Gregor sprach.
Wie lange? Ja, wer konnte das wissen. Frida Dörfflin wenigstens hatte jeden
Maßstab für die Zeit verloren. Es war ja das Schönste im ganzen Leben so:
still dazusitzen, müde, halb im Traum und dem Hall der Stimme zu lauschen,
die die herrlichste auf der ganzen Erde war. -- --
Irgendwo klappte eine Tür, des Pastors Mamsell stand plötzlich da. Eine
Frau hatte er schon längst nicht mehr. Sie blieb mit offenem Munde stehen,
als sie Frida sah.
»Herr Gott, das Fräulein vom Schloß! Und hier im Flur! Und so kalt!
Herrjeh, weiß denn der Pastor das?«
»Still, Reuter! Es ist jemand drin.«
»Und wenn auch! Und wenn auch der Kaiser! Das gnädige Fräulein darf hier
nicht so sitzen. Drüben ist man bloß nicht geheizt. Nee, das geht aber ganz
und gar nicht.«
Sie war schon an der Tür, mit Eisenfäusten schlug sie daran. »Herr Pastor!
Fräulein v. Dörfflin sitzt hier draußen und wartet. Im Flur! Machen Sie
doch man bloß auf!«
Fritzchen war empört zugesprungen, aber es war schon zu spät. Alles war
jetzt das Werk eines Augenblicks. Ein »Ach!« von innen, ein eilfertiges
Heranschlurfen, Aufriegeln, Aufstoßen der Tür. -- »Aber Fritzchen, daß Du
es bist, ahnte ich ja nicht --« Das Auftauchen eines Gesichts, eine Gestalt
im Hintergrund, vom Sofatisch her -- --
»Das ist die Schuld von der Reuter«, sagte Fritzchen in trotzigem Ton. »Ich
kann und will noch warten --«
»Meinetwegen auf keinen Fall«, sagte Gregor v. Zülchow und stand auf. »Wir
sind ohnedies fertig. Es tut mir außerordentlich leid, gnädiges Fräulein.«
»Komm herein, liebes Fritzchen«, sagte der alte Herr.
Es war eine seltsame Stimmung im Raum. Gregors Gesicht war bleich und hatte
einen finstern Ausdruck. Der Pastor sah rot und sehr erregt aus.
»Was wolltest Du von mir?« fragte er.
»Geben Sie mir beruhigende Tropfen für Hede Marusch mit«, sagte Fritzchen,
immer noch in demselben, etwas steifnackigen Ton, in dem sie angefangen
hatte, zu sprechen. »Sie ist jetzt ohne Besinnung und wird wohl sterben!«
»Ach, Kind, warst Du bei ihr? Das ist gut von Dir. So schnell geht es mit
ihr zu Ende? Ich wollte ihr heute noch das Abendmahl geben, dann will ich
doch lieber gleich --«
»Sie will es nicht mehr, selbst wenn sie bei Bewußtsein wäre«, sagte
Fritzchen mit klingender Stimme. »Vielleicht fordert sie es sich noch in
der Angst, aber was hat das für Wert! Was hat dies Ducken, Betteln und
Winseln überhaupt für Wert!«
»Frida!« rief der alte Herr in großer Bekümmernis. »Ich will nicht glauben,
daß Du so zu ihr gesprochen hast.«
»Doch!« rief das wilde Kind. Ihre roten Lippen zuckten vor Kriegslust.
»Das hast Du getan? Und gerade bei der? Meine ganze schwere Arbeit wieder
zerstört? O Kind, Gott vergebe Dir Deine Unwissenheit und Deinen Trotz
und Deine fürchterliche Vermessenheit. -- O sieh, mir fehlen die Worte für
Dich! Und das unglückliche Geschöpf, das Du in die Verdammnis getrieben
hast, und das Dich verklagen wird vor Gottes Richterstuhl --«
»So sagen Sie mir das eine!« rief Frida in ausbrechender Heftigkeit, »warum
Gott sich immer nur Sklaven wünscht und lieber eine geheuchelte Demut will
als eine gerade und offene Rebellion?«
Ihre Worte klangen und verhallten, dann wurde es seltsam stumm im Raum. Der
alte Pastor griff hinter sich an eine Stuhllehne, als müsse er sich halten,
und tappte sich mühsam bis zu dem Rohrsessel vor seinem alten gelben
Schreibtisch. Er kehrte sein Gesicht Herrn v. Zülchow zu, der stumm dem
wunderlichen Auftritte zugesehen hatte.
»Das ist es, was ich hinterlasse --«, sagte er in gebrochenem Ton. »Das
habe ich als Resultat meines ganzen Lebens erreicht. Jetzt seh' ich's:
ich war immer ein unnützer Knecht. Sie werden mehr erreichen mit Gottes
Hilfe --«
Er bedeckte das Gesicht mit der Hand, und es schien, als ob er schluchze.
Gregor v. Zülchow sah das Kind an, das den Jammer dieses Greises
verschuldet hatte. Wie es dastand, war es zugleich schön und wild, ein Bild
des rücksichtslosen Lebens.
»Seien Sie doch nicht betrübt«, sagte sie. »Sie haben hier das ganze Reich
erobert und Gott zu Füßen gelegt. Die Kirche ist immer voll, die Leute
beten und glauben Ihnen alles aufs Wort. Was tut da ein schwarzes Schaf!
Verdammen Sie es, aber seien Sie nicht plötzlich so verzweifelt. Herr
v. Zülchow, helfen Sie ihm!«
»Das ist das Ende. So ist das Ende --« murmelte Pastor Baumann.
»Seit wann wollen wir denn glänzende Früchte sehen?« sagte der junge
Hofprediger. Es war ein herber Ton in seinen Worten. »Kampf ist unser
Weg, und auch das Ende ist kein Friede. Wollte ich ein vollkommenes Erbe
antreten, ein geglättetes Reich? Legen Sie ruhig Ihr Handwerkszeug aus den
Händen, Sie haben getan, was Sie konnten, und ich werde tun, was ich kann.«
»Ja -- ja -- ich danke Ihnen --«, sagte der alte Pastor. Er strich sich
über Stirn und Augen, dann griff er in ein Fach zur linken Hand. »Hier,
Frida. Die alte Marusch soll der Hede davon jede Viertelstunde sechs
Tropfen geben. Jede Viertelstunde sechs Tropfen. Aber gib's nur ab, halte
Dich dort nicht mehr auf. Es ist nicht gut, ich verbiete es Dir. Ich will
mir nur Stiefel und den Talar anziehen, dann komme ich hin. Sag' den Leuten
das. Nun geh. -- Versprichst Du mir, so zu tun?«
»Ja.«
Er hielt ihre Hand fest, die sich nach dem Fläschchen streckte. »Lebe wohl,
Fritzchen. Armes Kind. Du hast keine Mutter gehabt. So wild aufgewachsen
wie ein Füllen, nicht wie eine kostbare Seele, die behütet werden muß. Lebe
wohl, ich kann Dir jetzt nichts mehr sein. Ein andrer wird mir diese Sorge
abnehmen. Nun geh. Die Zeit drängt, sie drängt, sie drängt --«
»Ich werde mitgehen«, sagte Gregor. »Für heute leben Sie wohl, Herr
Pfarrer, und vielen herzlichen Dank. Auf Wiedersehen, es ist ja noch
manches zu erledigen.«
»Auf Wiedersehen!« sagte der alte Mann.
Draußen im Vorgarten sagte Gregor: »Wollen wir hinauf fahren? Ich muß noch
zu Ihrem Herrn Vater. Oder gehen Sie lieber?«
»Ich gehe lieber«, sagte Fritzchen. »Ich muß Luft haben.«
»Wo wohnt die Kranke, von der Sie sprachen?«
»Bald um die Ecke herum, das fünfte Haus.«
»Tragen Sie öfter die Fackel der Empörung in die Sterbestuben?« fragte er
spöttisch.
»Es war das erste Mal, aber vielleicht nicht das letzte.«
Er blieb einen Augenblick stehen und sah sie an. Das rotbraune Haar hing
ihr schon wieder über die Schläfen und über die Ohren. Die Wangen blühten,
das ganze Bild in der braunen Jacke, dem kurzen Rock, den derben Stiefeln,
blühte.
Du bist bizarr und rebellisch, dachte er, aber Du bist voller Kraft und
Leben wie der Sturmvogel über dem toten Moor!
»Wenn es wieder geschieht, werden Sie einen anderen Feind finden, als den
guten alten Herrn da hinten im Schlafrock.«
»Wen denn?« fragte sie mit einer aufblitzenden Ahnung im Gesicht.
»Mich -- wenn Ihr Vater nicht nein dazu sagt.«
»Wie kann das geschehen?«
In der Stube des Pastors war es dämmerig gewesen, hier sah sie im fahlen
Tagesschein ihm zum ersten Male ins Gesicht. Es war verändert in den kurzen
Monaten seit dem Sommer, es sah schärfer und älter aus mit harten Linien.
»Was ist geschehen?« rief sie mit plötzlicher Angst.
Er lächelte flüchtig. Dir, Du wildes Kind, soll ich hier auf der Dorfstraße
erzählen, was mir geschehen ist? dachte er. -- Aber bei Gott, ich glaube,
ich erzähle es Dir früher als all den anderen Leuten, die mir mit dem
verbrieften Recht auf Vertrauen zu Leibe gehen.
»Hier wohnt die Hede Marusch«, sagte Fritzchen.
»Ich will Posten stehen, damit Sie gleich wieder herauskommen«, sagte er
lächelnd.
Im Hausflur hörte sie schon das wüste Schreien der armen Hede. Sie stand
in der Stubentür und sah einige Augenblicke den Todeskampf mit an. Wie eine
starke Woge stürzte sich alles über ihr Herz. Der Tod hier drinnen und das
Leben da draußen --
Sie kam wie schwindelnd heraus.
Der junge Geistliche bot ihr seinen Arm. »Wollen wir nicht lieber doch
fahren? Es geht ja nun gleich so stark bergan.«
»Nein, nicht in die Kutsche, das ist so eng.«
Ja, Du brauchst viel Raum, Du unbändiger Vogel! dachte er. -- Aber siehe,
ich brauche ihn auch und muß und kann ihn doch entbehren. --
So führte Gregor v. Zülchow das Fritzchen Dörfflin am Arm durch das
Steintor in ihres Vaters Hause.
* * *
Die Kutsche fuhr fort. Herr v. Dörfflin ging ins Wohnzimmer, fand dort
niemand, fragte nach Gisela und Fritzchen. Die eine sollte in ihrem Zimmer
sein, das nach dem Garten lag, die andere hatte man in die Turmstube gehen
sehen. »Holt sie her.« Gisela kam, Fritzchen nicht. »Warum nicht, Jakob?«
»Sie will nicht«, sagte Jakob. Er war immer für das Prägnante und alt
genug, sich das zu leisten.
»Was willst Du uns denn sagen, Papa?« drängte Gisela. Sie hatte in einem
ganz entlegenen Winkel des weitläufigen Hauses gesessen und von dem
aufregenden Besuch erst eben durch Jakob gehört.
»Nein, Fritzchen muß dabei sein«, beharrte Herr v. Dörfflin mit seinem
rötesten und eigensinnigsten Gesicht.
Herr Gott im Himmel! dachte Gisela, plötzlich wie entgeistert. Was kann das
sein -- hat Gregor Zülchow vielleicht wegen Fritzchen --
Ihr wich das Blut aus dem Gesicht.
»Na --«, sagte Herr v. Dörfflin mürrisch -- »dann will ich mal nach oben
klappern und dem dummen Balg meine Meinung sagen. Das sind mir ja neue
Moden! Kinder müssen gehorchen, und wenn's durch Feuer und Wasser geht. Na
-- ich werd's ihr schon einfüllen!«
Eine mühselige Steigerei über die enge krumme Treppe. Alle Augenblicke
blieb er stehen und pustete. Donner, und hier war er doch in früheren
Jahren wie ein Jagdhund auf und ab gerannt. Ja, ja, man wird immer älter
und dicker und jedes Jahr geht's schwerer und hat weniger Zweck.
Als er ganz oben war, war's gar zu Ende mit seinem Selbstgefühl. Er hatte
vergessen, daß er dem Fritzchen das vierte Gebot einpauken wollte.
Ach Gott, dies bißchen kümmerliche Leben! Wozu schleppt man nur diesen
ungefügen Ballen, der nicht einmal die Turmstiege hinauf kam, noch immer
durch die Welt?
Fritzchen hatte das Pusten und Poltern gehört, sie stand schon in der
offenen Tür ihres Schlafstübchens, zu dem noch eine weitere Stiege über die
Schulstube hinaus führte.
»Papa, Du kommst hier herauf?«
»Na, was soll ich denn sonst. Laß mich doch die Stiege steigen, denkst
wohl, ich kann's nicht mehr. Wollt Euch nur sagen -- puh --«
»Setz' Dich doch, Papa.«
»Ach was. Wollt Euch sagen, der Zülchow -- der war eben hier -- komische
Geschichte -- will hier -- hier im Dorf Pfarrer werden -- na meinetwegen
mag er, wenn Baumann einpacken will --«
»Papa!« Gisela war im Ernst besorgt um seinen Verstand. »Du machst doch nur
Spaß. Der Freiherr v. Zülchow ist Hofprediger -- Du weißt doch --«
»Was geht's mich an. Weiß der Kuckuck, was da für Geschichten brodeln. Er
will hier Hals über Kopf Pastor werden. Nee, nee, Gisela, ich bin nicht
verrückt, wenn Du mich auch so anguckst. Er mag's vielleicht sein. Na,
meinetwegen, ich geh doch nicht in die Kirche, ist mir zu feucht, hab'
ohnedies das Reißen. So -- das war's. Nun kann ich ja wieder 'runter.«
Neuntes Kapitel.
Die Kutsche fuhr in die Rummelshöfer Einfahrt. Der alte Brunswig, der
Diener, stand draußen. »Der Herr Baron möchten doch gleich zur Frau Baronin
kommen.«
»Ja, ja, ich weiß.«
Er war erst heute morgen nach nächtlicher Eisenbahnfahrt hier angekommen
und hatte sich dann gleich den Wagen nach Hohen-Leucken bestellt.
Nun kam wieder eine bittere Pille, die Aussprache mit der Mutter. Ihm
graute davor.
In ihrem Zimmer, das von hundert Erinnerungen und leisen Huldigungen für
ihren vergötterten Sohn voll war, erwartete sie ihn. Auf dem Schreibtisch
lag -- vielleicht absichtlich? -- noch die Depesche, in der er vor etwa
acht Wochen ihr seine Ernennung zum Hofprediger mitgeteilt hatte.
Unfähig, auf einem Sitz zu verharren, mit verkrampften Händen, nach Luft
ringend, ging Frau v. Zülchow auf und ab, ein entsetzlicher, elender
Anblick.
»Gregor! sitze da nicht wie ein Stein. Gib mir Auskunft, Du bist es mir
schuldig. Sage mir, warum dies alles, und wie es kam?«
»Laß es Dir von der Welt erzählen, Mutter. Sie weiß es vielleicht besser
als ich.«
Da blieb sie stehen, flammenden Gesichts. »O Du! Von der Welt erzählen!
Jawohl, an die hast Du mich oft genug verwiesen! Von der Welt und ihrem
Geschwätz mußte ich mir Kunde holen über Dich und Dein Leben. Gregor --
es war oft zum Wahnsinnigwerden, aber ich habe es getragen. Ich habe
meine Liebe nicht anfechten lassen von Bitterkeit und fortwährenden
Entsagungsschmerzen. Ich wußte Dich glücklich und nahm still das geringe
Teil, das Du für mich abfallen ließest. -- Aber das war zur Zeit Deines
Glücks und Hochgangs. Jetzt -- da plötzlich alles zusammenbricht, da
Du kommst und mir sagst: Mit dem Glanz ist es aus, ich werde Pfarrer im
Moordorf da drüben -- da selbst schiebst Du mich, Deine Mutter, beiseite.
Frage die Welt! Gregor, das ist empörend! Hier, ich, ich habe Dich geboren
und aufgezogen mit unendlicher Liebe, ich habe Dich auf Händen getragen,
verwöhnt, überschüttet -- ich habe --«
»Laß das, ich weiß es alles«, sagte Gregor und stand auf. Es war ein
gequälter Zug in seinem Gesicht. »Glaubst Du, ich habe nie gesehen, daß ich
Dein Schoßkind war? Wir, Deine Söhne, wir wissen es alle beide. Ob es recht
oder falsch war, kann und mag ich nicht untersuchen. Darauf kommt es jetzt
auch gar nicht an. Hast Du meine Zurückhaltung zu Zeiten meines Glückes
ertragen, so sollte doch der Wechsel der Tatsachen nichts daran ändern. Was
daran zu wissen ist, weiß alle Welt, wozu es noch erörtern, es macht mich
überdrüssig und krank. War in Deiner Liebe ein so fester Grund, daß Du mir
vertraust, auch hier meinen und unseren Namen reingehalten zu haben, so
wirst Du die guten und die schlechten Gerüchte von selber auseinander
halten können. Wenn nicht, so ist diese Liebe ein schwankender Grund und
keines Rühmens wert.«
Sonst hatte die Kälte seines Wesens sie bezaubert, trotz des Leidens, das
sie ihr auflud. Heute reizte sie sie nur.
»Genug der Worte!« rief sie außer sich. »Ich will keine Predigt von Dir,
wenigstens heute nicht. Du bist mir schuldig, mir Rede zu stehen. Bei
Deiner Kindespflicht und Mannesehre rufe ich Dich an. Ich stehe auch im
Namen Deines Vaters hier. Ja -- überdrüssig mag es Dir wohl sein, aber ich
kann Dir diesen Überdruß nicht ersparen, mein Sohn!«
Sie war so schön und hatte eine solche große, stolze Gestalt, daß auch
dieser Zorn- und Grollausbruch einen majestätischen Anflug hatte. Aber um
Gregors Mund ging ein leises, böses Zucken. Innerlich lachte er verächtlich
über das, was er als Komödie empfand, um eine mütterliche Neugier,
Eifersucht und Empfindlichkeit zu bemänteln.
Er lehnte sich an das Fensterbrett und kreuzte die Arme. »Gut, Mama, wenn
Du es so wichtig nimmst, will ich Dir antworten. Was wolltest Du erfahren?
Ohne Zweifel weißt Du schon das meiste.«
»Ich weiß nichts«, sagte sie und setzte sich in einen Lehnstuhl. Mit einem
Tüchlein trocknete sie das brennende Gesicht, kühlte die heißen Augen. »Es
handelt sich um die Prinzessin Maria, nicht wahr, Gregor?«
»Ich denke«, sagte er kühl.
»Ihr wart -- viel zusammen --? Ihr -- hattet miteinander ein -- ein -- eine
Verständigung?«
»Ich weiß nicht, was Du damit meinst. Sie ist ein kluges und feines
Mädchen, wir haben über des Lebens größeste Fragen miteinander gesprochen.
Dann kam auf ihrer Seite das Persönliche. Sie war ein verwöhntes Kind.«
Er schwieg wieder. Seine Mutter sah nicht, daß sie ihn quälte. Auch ihm war
unter diesen Trümmern ein Reich begraben worden, das wohl größer war, als
sie je ermessen konnte. Aber sie stieß und zerrte ihn weiter.
»Hast Du ihr -- Gregor -- hast Du ihr von Liebe gesprochen? Ging es
soweit?«
»Mutter --«, sagte er mit eiskalten Augen. »Dieses sind Fragen, deren
Beantwortung Du in besserer Stunde selbst verurteilen würdest. -- Verzeih
mir, aber ich würde Dich und mich erniedrigen, wenn ich über den Inhalt
jener Stunde plaudern könnte. Wenn Du noch weiteres willst, so ist es dies:
die Prinzessin hat ihrem Vater selber Mitteilung gemacht. Nicht als Buße,
sondern in einer törichten Hoffnung. Dann kam ein Sturm, der sehr kurz und
stark vorüberbrauste. -- -- Es haben oft in einem Konflikt alle recht, aber
einer muß die Zeche bezahlen. Das ist nun einmal so.«
»Und der eine mußtest Du sein!«
»Gewiß. Übrigens trägt hier doch jeder seinen Teil.«
»Und jetzt gehst Du als armseliger Dorfpastor unter das Patronat dieses
Dörfflin? Gregor, Du warst nie unüberlegt, aber dies ist unermeßlich
überstürzt. War es Dir so schnell um eine andere Stelle zu tun?«
»Ja!« sagte er.
Eine bange, schwere Pause trat ein, sie sah ihn an und erschauerte.
Du, mein Sohn -- dachte sie -- jetzt habe ich an Dir gerissen, wie nur
eine verzweifelte Mutter es vermag. Was hat es genützt? Tropfen hast Du in
meinen leeren Becher fallen lassen: Da stehst Du und siehst an mir vorbei
ins Leere. War es die Wahrheit, was Du sagtest? Oder ein Teil der Wahrheit
-- oder vielleicht nur ihr Schein?
Und muß ich mich hier vor Dir winden im irren Fragen, Forschen, Verzweifeln
und hoffnungslos in Dein Gesicht sehen?
Bin ich dazu Mutter geworden?
* * *
Die Dinge nahmen ihren schleunigen Lauf. Pastor Baumann verabschiedete
sich von seiner Gemeinde. »Es ist gut, Kinder, daß ich gehe. Einen zweiten
Winter auf Eurem windigen Kirchhof überstände ich wohl nicht mehr. Und ich
muß noch ein Weilchen leben bleiben mit meiner Pension und meinen Kindern
aushelfen. Es ist ganz gut so. Ihr kriegt einen vornehmen, gelehrten
Pfarrherrn. Nehmt Euch die Ehre nur recht zu Herzen und gebt ihm keinen
Anlaß zum Tadeln. Die arme Hede Marusch wird wohl die Letzte gewesen sein,
die ich unserem allbarmherzigen Vater in die Arme gelegt habe.«
Ihm zitterte die Stimme und das rauhstopplige Kinn nun aber doch, wenn er
von Haus zu Haus ging und Abschied nahm. Ein paarmal sah er sich um und
schüttelte den Kopf, wie einer, der nicht begreift. Durch diese niedrigen
Türen soll der gehen?
»O nee, o nee --« sagten die Leute, »dat ward jawoll nu all verkiehrt!« Sie
kamen sich vor wie verraten und verkauft. Mit tausend Tränen ward dem guten
alten Pastor, der schon die bejahrten Leute bei ihnen eingesegnet hatte und
jedes Leben ein- und ausgeleitet hatte, das Lebewohl gegeben.
Nun war das altvertraute Pfarrhaus unter den entblätterten Ahornen und
Lindenbäumen leer. All der klapprige liebe alte Hausrat war auf ein paar
Leiterwagen zum Dorf hinausgefahren. Herr v. Dörfflin schickte Maler,
Tapezierer, Glaser, viel beflissene Hände, die sich Pastor Baumann in
seiner langen Amtszeit auch wohl manch liebes Mal gewünscht hätte. Hier das
Loch in der Diele, über das man immer stolperte, dort das schadhafte Dach,
in das Regen und Schnee trieb, die abgerissenen Tapeten, die rauchenden
Öfen, die schiefe Gartentüre, das zerbrochene Fensterglas im Schlafzimmer,
alles ward gründlich repariert. Die verblichenen und abgetretenen Farben
wurden erneuert, es roch bis auf die Straße hinaus nach Lack, Terpentin und
vielen hoffnungsvollen Dingen. Bis in die tiefe Abenddunkelheit hinein
ging das Klopfen, Hämmern und all das vielfältige Geräusch neu aufbauenden
Lebens.
Dann kam das Fräulein vom Schloß, Fräulein Fritzchen, und ging durch alle
Stuben, in Boden und Keller. Sie trug den kurzen Reitrock, ihr rundes
Mützchen und ihre alte braune Jacke. Wie ein Feldherr ging sie von Raum zu
Raum, übersah, was noch mangelte, gab knappe Befehle, und alles an ihr war
Licht und Klang.
»Paß up!« sagte ein Maurer zum andern. Sie sahen ihr nach und blinzelten
sich zu.
-- -- Nun aber war es schon November geworden, und der erste Schnee war
gefallen. Es waren Gregors Möbel gekommen in einem großen geschlossenen
Möbelwagen aus der Residenz. Die ganze Dorfbewohnerschaft hatte
sie staunend umstanden. Dann war in der Kutsche die Baronin Zülchow
vorgefahren, hatte auf die respektvollen Grüße nicht gedankt, nicht
gelächelt, einen alten Diener hatte sie bei sich, dem sie in Eile angab,
wie sie die Möbel gestellt wünschte, er schrieb beständig auf, während
sie sprach. Dazwischen hatte sie sich stumm, mit verbissener Lippe in den
Räumen umgesehen. Dann war sie wieder gefahren, und die Aufstellung hatte
begonnen. Es war auch ein Dienstmädchen eingetroffen, eine ältere, tüchtige
Person, Frau v. Zülchows bestes »Stück.« Wenn es nach ihr gegangen wäre,
hätte sie ihrem Sohn einen ganzen Stab von Dienerschaft mitgegeben, aber es
ging nicht nach ihr.
Am Ende November, als der Abend fiel, kam der neue Pfarrherr im offenen
Wägelchen. Sein eigenes ehemaliges Reitpferd war davorgespannt. Die wenigen
Leute, die dies beobachteten (denn der dichte Schnee machte das Geräusch
der Räder fast unhörbar), dachten, er würde das Gespann behalten, es
war Stallung genug da von einer, früher mit der Pfarre verbundenen
Ackerwirtschaft her. Aber der Wagen kehrte gleich um und fuhr wieder
zurück.
Gregor stand auf der Schwelle der Gartentür, und mit einem langen
Blick umfaßte er das graugelbe Häuschen, den kahlen Garten, in dem eine
Schneedecke lag, die schweren Wolkenschichten, die sich darüber türmten.
Alle Fenster waren dunkel, kalt und unwirtlich sah ihn seine neue Heimat
an. Nur hinter der einen Scheibe zur rechten Hand glühte es, wie ein
kleiner Feuerschein im Innern.
Er stand lange still, obwohl ihn fröstelte. Dann schüttelte er die
Schultern, als schüttle er etwas ab, und trat ins Haus.
Dunkel und kalt. Er hatte es ja nicht anders gewollt, nicht einmal dem
Dienstmädchen seine Ankunft gemeldet. Nicht mit Pomp sollte dies neue Leben
wieder anfangen, davon war viel und zuviel dagewesen.
»Hier rechts die Amtsstube, sie wird erwärmt sein.« Er klinkte die Tür auf.
Im Ofen bullerte wirklich das Feuer, das Eisentürchen stand auf, eine junge
Gestalt im runden Mützchen kniete davor und stocherte in den Flammen.
»Justine, nun brennt's«, sagte sie. »In einer halben Stunde schrauben Sie
zu, dann wird es hier warm.«
»Ich danke Ihnen, Fräulein v. Dörfflin«, sagte der Pfarrer.
Sie fuhr herum. »Sie sind's? Ja, wie kommt denn das? Heute schon? Und alles
ist noch kalt!«
Sie war aufgesprungen. -- Das ist nun doch ein Willkommen geworden! dachte
er.
»Ich habe Sie auch gar nicht kommen hören«, sagte sie.
»Das macht der Schnee«, gab er zur Antwort.
»Ich begrüße Sie hier!« sagte sie mit einer schönen Feierlichkeit, und
reichte ihm die Hand, die noch ganz heiß vom Ofenfeuer war.
»Danke, Fräulein v. Dörfflin.« Er fühlte, wie das stürmische Leben bis in
die Fingerspitzen hinein in seiner kalten Hand glühte.
»Aber warum bemühen Sie sich um meinen Ofen?« fragte er in demselben herben
Ton, den sie schon einmal von ihm gehört hatte.
»Weil es mir Freude macht«, sagte sie einfach.
Du freies Seelchen! dachte er staunend.
»Jetzt soll Justine mit der Lampe kommen und den Tisch decken!« rief sie
voller Eifer. »Es ist noch nicht alles so, wie es müßte, aber es wird schon
gehen. Ich freue mich so, daß ich heute schon auf den Gedanken kam, zu
heizen, sonst wäre hier alles finster und eisig gewesen.«
»Ja, das hatte ich mir eigentlich so ausgesucht«, entgegnete er. »Aber es
geht auch so!«
Sie konnte seine Züge nicht mehr erkennen, aber in seiner Stimme lachte es,
das machte sie selig.
»Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Ich sage es im Vorbeigehen der Justine.«
Ihm schwebte es auf den Lippen, ihr zu sagen, ihm bei dem Abendessen
Gesellschaft zu leisten. Sie war ja doch der freie Vogel hier im Schloß und
Dorf -- sie war keine Prinzessin mit einem Krönchen im Haar, das ja
nicht verschoben werden durfte. Sie hatte ihm den Ofen geheizt und weder
gezittert, noch sich geschämt, als er sie ertappte.
Solch ein frischklares junges Kind, das tat gut nach all den wirren
schwülen Tagen.
Warum sollte sie nicht mit an seinem Tisch sitzen, dieses freie Herz?
Ja, der Vogel war wohl frei, aber der Jäger nicht.