Milchstraßenzug gruppiert sind, bekunden die unregelmäßig gestalteten
Gasnebel ihre Zugehörigkeit zum System gerade durch ihre Stellung
außerhalb der Milchstraßenzone und durch ihre Anhäufung an den Polen
der Milchstraße, also an jenen Stellen, die von dieser am weitesten
entfernt sind. Der nördliche Pol* der Milchstraße liegt im Haar
der Berenice, nicht weit vom Arktur. Hier sind die Nebel so dicht
zusammengedrängt, daß sie ganze Ketten und Gruppen bilden, die man
»Nebelnester« nennt. Der erfolgreiche Milchstraßenforscher Max Wolf in
Heidelberg, dem wir die meisten unserer Nebelphotographien verdanken,
entdeckte hier auf einer einzigen photographischen Platte 1528 einzelne
Nebel! In gleicher Fülle sind am entgegengesetzten Südpol, der jedoch
bei weitem noch nicht so genau erforscht ist, Tausende von Gasnebeln
aufs engste zusammengeschart. Aber auch zwischen Milchstraßenpol und
Äquator ist der ganze Himmel mit Nebeln aller Art geradezu übersät.
Die photographische Durchforschung des Himmels, die bisher schon
Zehntausende entdeckt hat, wird diese Zahl auf 100000 vermehren.
Trotz der Überfülle der Nebel, die den ganzen Raum um uns allseitig
bevölkern, scheinen auch hier gewisse Verteilungsgesetze zu wirken.
So zieht ein besonders dichter Zug vom Milchstraßenpol über das Bild
des Großen Bären, kreuzt die Milchstraße im ~W~ der Kassiopeia und
läuft durch die Andromeda zum Südhimmel hinüber, wo er sich offenbar
fortsetzt, um sich wieder zum vollständigen Kreis zu schließen. Dieser
Nebelstrang, den man »die Milchstraße der Nebelflecke«* genannt
hat, läuft also senkrecht zur Milchstraßenebene von Pol zu Pol, so
wie die Erdachse senkrecht zur Äquatorebene von Nordpol zu Südpol
läuft. Für die weitere Erklärung der Milchstraßenmechanik wird diese
Nebelstraße von großer Bedeutung sein. Jedenfalls verrät die Stellung
der planetarischen Nebel und der aus ihnen hervorgehenden Sternhaufen
in der Milchstraßenebene und der unregelmäßigen Nebel in der Nähe und
in der Verbindungslinie der Milchstraßenpole einen Gegensatz, der gewiß
nicht seiner tieferen Ursachen entbehrt und in jedem Erklärungsversuch
des Milchstraßensystems unbedingt weitgehendste Berücksichtigung
erfahren muß.
[Illustration: Abb. 26. Photographie des Heringsnebels (nach Wolf).]
Von diesen unzweifelhaft systematisch verteilten und dem
Milchstraßensystem angehörenden echten Gasnebeln sind jene Nebelflecke
streng zu trennen, die nicht aus leuchtenden Gasen, sondern aus
einzelnen Weltkörpern zusammengesetzt sind. Im Fernrohr sind sie von
jenen nicht zu unterscheiden und wurden -- und werden noch leider
allzuhäufig -- mit ihnen ohne Unterschied zusammengestellt und zusammen
behandelt, als seien es dieselben Gebilde. Während sich aber alle
echten Gasnebel durch ihr helliniges Spektrum als leuchtende Urmaterie
zu erkennen geben und einzig darum so hell und plastisch erscheinen
können, weil sie uns verhältnismäßig nahe stehen, enthüllen uns die
nun zu besprechenden Nebelgebilde ein von dunklen Linien durchzogenes
schwaches Bänderspektrum, wie es die Sonne und die Sterne zeigen,
und charakterisieren sich uns damit als tausendmal weiter entfernte
gewaltige Sternsysteme, als Weltinseln, als Milchstraßen, die von uns
so fern sind, daß ihr ganzer Glanz zu einem blassen Nebelschimmer
verschwimmt, den kein Auge, kein Fernrohr, sondern nur noch das
Spektroskop und die photographische Platte als Sonnenwelt erkennen. Wem
ist es nicht schon zugestoßen, daß er eine Wolke, die im Abendglühen
über seinem Hause schwebte, für eine Alpenlandschaft ansah, in der er
Berge und Täler, Firne und Gletscher, Nebel und Himmel und dahinter
ein weites blaues Meer zu sehen vermeinte? Und wer sah nicht schon
ein Gebirge in der Ferne am Horizont aus dem Dunst der Atmosphäre
emportauchen mit echten Bergen und Tälern, Firnen und Gletschern, so
weit und so entfernt, daß es wie eine Wolke erschien, die am Firmamente
hängt? Wie die nahe Wolke so umschweben uns in Sternennähe jene
Nebel aus leuchtenden Gasen. Aber wie das wolkenartig schattenhaft
erscheinende Gebirge, so schimmern aus Unendlichkeitsfernen jenseits
unserer Milchstraßenwelt uns die fremden Sternsysteme entgegen, Wolken
scheinend, doch in Wahrheit Sonnenwelten, Milchstraßen.
[Illustration: Abb. 27. Photographie des Nebels ~H. V.~ 24 (nach Wolf).]
Diese Milchstraßensysteme besitzen ausnahmslos Spiralgestalt, die sich
je nach der Lage des Systems mehr oder minder deutlich zu erkennen
gibt. Im Haar der Berenice entdeckte Wolf den Nebel der Abb. 26,
den die Astronomen den »Hering« nennen. Aber dieser Hering ist ein
Weltsystem von unerkennbar vielen Sonnen, ist eine Milchstraße von
der Kante gesehen. Wenn uns eine Macht in jene Fernen des Weltalls
führte, in denen dieser Heringsnebel schwebt, und uns in sein Inneres
versetzte, so weitete sich dieses Wölkchen vor und um uns zum
Milchstraßengürtel, der unseren Himmel umringte, unsere Milchstraße
hinter uns aber schrumpfte und schrumpfte, bis sie in der Ferne
entschwände, verdämmernd zu einem Heringsstreif.
Dicht daneben fand Wolf den Nebel der Abb. 27, der zu den schönsten
Erscheinungen des Himmels gehört. Er unterscheidet sich vom Hering
durch seinen deutlich hervortretenden Kern, wodurch er auffällig
an den ringsumkreisten Saturn erinnert. Aber dieser Nebel ist kein
naheschwebender Planet im frühen Zustand seines Werdens, auch er ist
ein Weltsystem von Sonnen wie unsere Milchstraße, das durch seine
ungeheure Entfernung, -- Wolf schätzt sie auf 500000 Lichtjahre -- als
zierlicher Nebel erscheint. Schon an diesem flach gesehenen Nebel kann
man besonders in der oberen Hälfte deutlich die Spiralen erkennen, in
denen die Sonnen um das Zentrum des Systems kreisen.
Erheben wir uns mit unserem Blick noch mehr über die Fläche einer
solchen Sonnenwelt, so erscheint sie uns in der entrollten Schönheit
des großen Andromedanebels*, den das unbewaffnete Auge in klaren
Nächten rechts neben dem oberen Leitstern im Bilde der Andromeda
als verwaschenes Fleckchen erkennt (Abb. 28). Linse, Prisma und
photographische Platte haben sich erfolgreich wie in keinem anderen
Fall zur Enträtselung dieses Nebelpünktchens verbündet und unter der
Feldherrnführung scharfsinniger Astronomen einen der schönsten Triumphe
der entdeckenden Himmelsforschung erstritten. Kein Himmelsgebilde
jenseits unseres Planetensystems ist mit dem gleichen Aufwand von Fleiß
und Ausdauer erforscht worden wie dieser Nebel. Der Astronom +Bohlin+
allein soll den Andromedanebel über 40000 mal eingestellt haben. Aber
wie überall, wo sich Können und Wollen zur Tat vereinigten, ist auch
hier die Mühe belohnt worden, denn über keine Erscheinung ähnlicher Art
sind wir annähernd so gut unterrichtet wie über den Andromedanebel.
Auch hier glühen uns nicht, wie es den Anschein hat, leuchtende Gase
in chaotischer Glut entgegen, sondern Sonnen: der Andromedanebel ist
ein fernes Sternsystem und zwar von allen das unserer Milchstraße nach
Bau, Entwicklungsstand und Form ähnlichste. Wie in unserer Milchstraße
sind in ihm echte Sonnen und verstreute Nebelmaterie gemischt. Diese
Sonnen, die wir einzeln nicht erkennen, sondern nur mit Hilfe der
Spektralanalyse durch die Natur ihres Gesamtlichts erforschen können,
bestehen wie die Sonnen unserer Milchstraßen aus einem feuerflüssigen
oder festgasigen Kern und einer leuchtenden Gasatmosphäre. In diesen
Sonnen des Andromedanebels glühen dieselben Stoffe Wasserstoff, Helium,
Eisen, Kohlenstoff, Titan unter denselben Bedingungen wie in unserer
Milchstraße. Die Welt ist eines, einzig und einig!
Während aber in unserer Milchstraße die jungen heißen Siriussonnen
der ersten Spektralklasse weitaus überwiegen und die kälteren Sterne
von der Art unserer Sonne in der Minderzahl sind, setzt sich das
Andromedasystem aus vorwiegend gelbleuchtenden Sternen der zweiten
Spektralklasse zusammen. Das Andromedasystem ist älter als unsere
Milchstraße. Ganz unverkennbar ist die Spiralnatur dieser Welt. Von
einer gewaltigen Sternanhäufung im Mittelpunkt laufen die Sonnenströme
in drei großen Spiralwindungen um das Zentrum. Die einzelnen Spiralen
sind durch sternleere Spalten getrennt. An den Umbiegungsstellen
der Spiralen scheinen die Sonnen dichter zusammenzustehen als in
den Längsseiten. Die Entfernung des Systems schätzt Wolf auf 32000,
Scheiner sogar auf 500000 Lichtjahre. Seine Eigenbewegung im Raum
nähert es uns in jeder Sekunde um 300 ~km~.
[Illustration: Abb. 28. Photographie des Andromedanebels.]
Wer kann von nun an ohne tieferes Gefühl zu diesem Wolkenpünktchen
am Himmel aufschauen? Der Andromedanebel ein Weltsystem wie unsere
Milchstraße! 100 Millionen Sonnen kreisen in ihm wie in unserer
Milchstraße, jede einer Schar von Planeten und Monden Licht und
Wärme spendend, Planeten, auf denen Wesen wohnen wie auf unserer
Erde oder gewohnt haben wie auf Neptun und Uranus oder einst wohnen
werden, wie vielleicht auf Jupiter und Venus! Auf wieviel Myriaden
sonnenbeschienener Planeten dieses Weltsystems mögen Wesen wohnen auf
der gleichen Stufe der geistigen und körperlichen Entwicklung wie
auf unserem Erdball, auf wievielen mögen naive Wesen hinausschauen
in die Nacht und Märchen und Legenden spinnen über die leuchtende
Pracht zu ihren Häupten, wie es unsere Vorfahren getan. Auf wieviel
anderen mögen forschende Wesen ansässig sein, die mit Instrumenten,
mit Fernrohrlinsen, Prismenapparaten ins Universum lugen und
unsere Milchstraßenwelt als ein Wölkchen am Firmament erblicken,
unseren großen himmelfüllenden Sonnenkranz, unsere weltumspannende
Milchstraßenherrlichkeit -- ein Wölkchen in dunkler Nacht!
Der Andromedanebel ist das einzige Gebilde, von dem man mit einer
Wahrscheinlichkeit, die fast an Gewißheit grenzt, behaupten kann, daß
es ein fernes Milchstraßensystem darstellt. Hier müßte alles trügen,
wenn wir nicht eine Milchstraßenwelt vor uns sehen. Weit weniger
sicher erscheint uns die Milchstraßennatur des Spiralnebels im Großen
Bären, der ebenfalls aus Sonnen und Nebeln zusammengesetzt ist und
unzweifelhaft jenes Bild darbietet, das eine Milchstraßenspirale in
voller Flächenansicht uns vor Augen führen würde (Abb. 29).
Von einem Nebelzentrum laufen sternbesäte Spiralen in harmonischen
Windungen nach allen Seiten aus wie die Feuerarme einer kreisenden
Rakete, bis sie in immer schwächeren Läufen sich in Nacht und
Nichts verlieren. Aber im Gegensatz zu dem dämmerig schimmernden
Andromedanebel, in dem alle Teile der breiten Spiralen in gleichmäßiger
Mattheit verschwimmen, ist dieser Nebel so plastisch reich an
Einzelheiten, an scharfen Kontrasten zwischen Lichtknoten und
dunklen Stellen, an Übergängen und Ausläufern, Nebelschweifen und
Wolkenbrücken, daß man sich des Gefühls -- nur das Gefühl vermag
hier zu entscheiden -- nicht erwehren kann, dieses Gebilde ist uns
unverhältnismäßig näher als der Andromedanebel, schwebt innerhalb
unserer Milchstraße und ist kein Weltsystem, sondern ein Sternnebel,
aus dem sich die Sonnen eines engen Haufens aus Nebelchaos ringen. Mag
er nur 370, oder, wie Wolf schätzt, 370000 Lichtjahre von uns entfernt
sein, mag er ein wahres Schwestersystem unserer Milchstraße sein oder
nur ein Sternhaufen in ihr und uns nur lehren, daß im Kosmos auch das
kleinere Einzelsystem ein treues Spiegelbild des großen Ganzen ist, auf
jeden Fall gibt uns dieser Spiralnebel eine anschauliche Vorstellung
von dem Anblick einer Sternspirale in ihrer ganzen Flächenausbreitung.
[Illustration: Abb. 29. Photographie des Spiralnebels im Großen Bären
(nach Wolf).]
Die Reihenübersicht über die Spiralgebilde vom Kantenbild des Herings
über die Schrägansicht des Andromedanebels zur Flächenbetrachtung des
Sternsystems im Großen Bären wird vervollständigt durch die Erscheinung
-- der Milchstraße. +Die Milchstraße ist nach der Hypothese von
Easton das Innenbild einer großen Weltspirale.+ Wir leben im Innern
eines Spiralsystems, wie wir es als Andromedanebel in weiter Ferne
erblicken. Von ihrer genaueren Gestalt entwarf Easton folgendes Bild.
Von einem Zentralkern, der von uns aus betrachtet in der Richtung des
Schwans gelegen ist, und den wir als Lichtwolke im Schwan leuchten
sehen, laufen die Sternzüge in drei breiten Hauptspiralen aus. Der
erste uns nächste Arm umkreist uns direkt und läuft -- immer in der
scheinbaren Projektion auf die uns nahen Sternbilder gesehen --
vom Schwan über den Adler um den ganzen südlichen Himmel, bis er
sich an der Gegenseite in der Nähe des Sirius verläuft. Der zweite
Hauptarm liegt von uns aus betrachtet hinter dem ersten, ist uns also
ferner und daher lichtschwächer. Indem er sich dicht hinter seiner
Ursprungsstelle vom ersten Arm trennt und bald darauf wieder mit
ihm vereinigt, entsteht nahe der Lichtwolke im Schwan der nördliche
Kohlensack, durch den wir zwischen den beiden Armen in den dunklen
Raum hinausschauen. Nach seiner Trennung vom ersten Arm umkreist er
das ganze System und hat den Hauptanteil an der Gürtelerscheinung der
südlichen Milchstraße. Der dritte kurze kräftige Hauptarm läuft in
entgegengesetzter Richtung nach Norden ins Bild des Perseus, wo er
ziemlich scharf und unvermittelt abbricht. Zwischen seinem und des
ersten Armes Ende bleibt eine Lücke im Milchstraßenring, jene dunkle
Gasse, die wir zwischen dem Fuhrmann und dem Perseus erkennen. Diese
drei Spiralarme liegen nicht genau in einer Ebene, sondern weichen
ähnlich wie die Planetenbahnen im Sonnensystem etwas vom idealen
Äquator des Systems ab. Da außerdem zwischen ihnen ebenso wie zwischen
den Armen des Andromedasystems sternfreie Spalten bleiben, so sehen
wir zwischen den beiden Hauptspiralen hindurch in den dunklen Weltraum
hinaus -- die Milchstraße erscheint uns in einem Drittel ihres Laufes
durch einen dunklen Spalt in zwei Ströme geteilt. Dieser oft erwähnte
Milchstraßenspalt entspricht also genau den dunklen Spalten, die wir
zwischen den Spiralwindungen des Andromedanebels erkennen.
Die wahre Größe dieser Spirale kann man natürlich nur schätzungsweise
bestimmen. Die Milchstraße ist offenbar wie der Andromedanebel
ungefähr halb so breit wie lang und von geringer Höhe, so daß man an
die Linsengestalt des Systems, wie sie Kant und Herschel vorschwebte,
festhalten kann. Aus der Entfernung der äußersten Sterne hat man die
Längsachse des Systems auf 15000--50000 Lichtjahre, die Querachse auf
5000--20000 Lichtjahre geschätzt, Grenzwerte, die zwar in ihren Zahlen
stark voneinander abweichen, aber übereinstimmen in einem, in ihrer
Unfaßlichkeit für menschliche Begriffe.
[Illustration: Abb. 30. Milchstraßensystem nach Easton (unter Benutzung
einer Zeichnung von Riem).]
Mit größerer Sicherheit läßt sich die Stellung unserer Sonne in diesem
Spiralsystem bestimmen. Da uns der Milchstraßengürtel von Einzelheiten
abgesehen allseitig fast gleich breit und hell erscheint, müssen wir
uns im zentralen Teil des Systems befinden. Stände die Sonne genau in
der Äquatorebene der Milchstraße, so müßte ihr Ring den Himmel in zwei
genau gleiche Hälften teilen, sie müßte, wie der technische Ausdruck
lautet, einen größten Kreis am Himmel beschreiben. Dies ist aber nicht
der Fall. Die Milchstraße schneidet den Himmel in zwei Teile, die sich
wie 7:8 verhalten. Da der nördliche Teil der größere ist, steht unsere
Sonne etwas nördlich von der Mittelebene des Systems. Sie schwebt aber
nicht etwa isoliert außerhalb der allgemeinen Ebene, sondern inmitten
eines kugeligen, leicht abgeplatteten Haufens, dem fast alle helleren
Sterne des uns sichtbaren Himmels angehören, und dessen Mittelebene
gegen die Milchstraße um 20 Grad geneigt ist. Der Mittelpunkt dieses
Haufens, gegen den sich die Sterne ebenso verdichten wie in dem S. 19
abgebildeten Haufen im Centaurn, liegt im Sternbild Norma (auf dem
südlichen Himmel nicht weit von Alpha Centauri). In diesem Sternhaufen,
dessen Sterne fast sämtlich der 2. Spektralklasse, dem Sonnentyp,
angehören, stehen wir ziemlich weit in der Richtung auf den Perseus vom
Zentrum entfernt. Unsere Sonne bildet hier mit den 6 Sternen Kapella,
Beteigeuze, Wega, Atair, Theta im Großen Bären und dem berühmten
Doppelstern 61 im Schwan, an dem Bessel die erste Fixsternentfernung
bestimmte, eine engere Gruppe nach Art der Plejaden, die durch eine
gemeinsame Gruppenbewegung auch äußerlich charakterisiert ist.
Vielleicht gehören diesem Siebengestirn, dessen Entdeckung wir dem
verdienstvollen Fixsternforscher Kobold in Kiel verdanken, noch die
drei Sterne Antares im Skorpion, Aldebaran und Etha in der Kassiopeia
an. Die beiden fernsten Sterne dieser Gruppe, Beteigeuze und Antares,
stehen 150 Lichtjahre, also fünfmal weiter auseinander als die beiden
äußersten Sterne der Bärenfamilie Merak und Mizar. Rings um den großen
Sternhaufen, in dem dieses Siebengestirn eine kleine Gruppe bildet,
liegt eine sternarme Zone wie um den Haufen im Centaurn. Aber auch
dieser große Haufen ist keineswegs vom allgemeinen Spiralzug der
Milchstraßensterne getrennt. Es scheint vielmehr, als ob von ihm aus
zwei kleinere Sternströme ins Milchstraßeninnere führen, einer direkt
zum Knotenpunkt im Schwan, der andere in die Gegend des Fuhrmanns
laufend, so daß uns in diesen beiden Richtungen die Sterne mittlerer
Größe, also jene Sterne, die uns näher stehen als die eigentlichen
Milchstraßensterne aber ferner als die Sterne unseres Haufens, dichter
und zahlreicher erscheinen als in den übrigen Teilen des Himmels. Die
Entfernung unseres Sonnensternhaufens von der Lichtwolke im Schwan, dem
Knotenpunkt der Milchstraßenspirale, beträgt ungefähr 1300 Lichtjahre.
So sind wir im Rahmen einer großzügigen Hypothese über die Gestalt
des Milchstraßensystem und über unsere Stellung in ihm gut
unterrichtet. Bedeutend haltloser ist unser Wissen über den Ursprung,
die Entwicklung und den Bewegungsmechanismus dieser Sterninsel. Daß
unsere Milchstraßenwelt keine tote Schöpfung, kein starr glitzerndes
Naturgemälde, sondern eine treibende Weltmaschine ist, bedarf
keines Beweises mehr. Wenn es uns die Tatsachen der allgemeinen
Sternbewegungen, das Aufleuchten neuer Sterne, das Dahinstieben
dampfender Nebel und der Reichtum der Übergänge von heißen Nebelsternen
bis zu halberloschenen Sonnenkörpern nicht untrüglich verraten hätten,
so würde es uns ebenso der Anblick der fremden Weltnebel auf allen
Stadien der Entwicklung und Bewegung wie die Umschau in der Milchstraße
selbst bezeugen. Die Spiralsysteme des Himmels sind sprühende
Weltraketen und jeder Funke ist eine Sonne! +Wir+ sehen diese Bewegung
nicht, sehen nicht das Sprühen und Glühen, Drehen und Wehen, wir
nicht, wir staubgeborenen Erdensöhne. Denn wenn eine einzige Umdrehung
dieser Weltraketen nach der Schätzung der Astronomen 20 Millionen
Jahre dauert, und wenn, wie wir erfahren haben, diese Sonnenräder so
weit von uns entfernt sind, daß die ganze Milchstraßenpracht zu einem
Nebelpünktchen verblaßt, wie sollten Menschen, die 70 Jahre leben, auch
nur die Hälfte, ein Viertel, ja ein Hundertstel oder Zehntausendstel
solcher Umdrehung sehen? Wir stehen vor diesen Welten wie ein Mensch,
dem man in finsterer Nacht eine hunderträdrige Maschine während
eines kurzen Blitzes schauen läßt. Die Maschine dreht sich, aber
die Blitzsekunde ist zu kurz, um auch nur +einen+ Radlauf, +einen+
Kolbengang, +einen+ Hebelschwung zu sehen -- die kreisende Maschine
steht vor seinem Auge still. Kann man erwarten, daß dieser Mensch den
Mechanismus der Maschine in diesem Bruchteil der Sekunde begreift?
[Illustration: Abb. 31. Der Kokon-Nebel im Schwan. (Phot. Wolf.)]
Unbeweglich starr und stumm steht die Milchstraße in allen ihren
Teilen vor uns. Aber selbst in ihrer Starrheit gibt uns jeder Punkt
und jedes Wölkchen Kunde von dem großen πάντα ῥεῖ, dem »alles fließt«
im Sternenstrom der Welt. Wohin wir das Fernrohr richten, überall
sehen wir neben dem ruhigen Fluß der großen Milchstraßenspiralen die
Spuren gewaltiger katastrophaler Bewegungen. Allenthalben entdeckt das
Fernrohr Nebelströme, Wolkenzüge, vom Weltsturm zerfetzte Streifen,
vom Strom der Sonnen durchflutete Kanäle; bald kreuzen sich die Züge,
bald spalten sich die Straßen; hier lodern Nebel wie Weltenfackeln,
dort stieben Sonnen auseinander wie Granatensplitter; feurige Kugeln
bahnen sich durch kosmisches Gewölk ihren Flammenweg, alles verheerend,
was sich ihnen entgegenstellt, beiseite schiebend, was ihnen ihren
Sonnenflug versperrt. Wie eine Kartätsche durch Wolkenfetzen schlägt,
so bahnt sich jener Feuerball, den wir als den sog. Kokonnebel im
Bild des Schwans erblicken, seinen Weg durch die Weltwolken der
Milchstraße, weit hinter sich durch eine dunkle Gasse die Spuren seines
Pfades verratend. (Abb. 31). Wieviel Trillionen Meilen mag sich diese
Weltgranate durch den Sternenstrom geschlagen haben, seit wieviel Äonen
von Jahren mag sie schon auf ihrer Fahrt begriffen sein? Wieviel
Myriaden von Welten mag sie auf ihrer Flammenbahn zermalmt, versengt,
vernichtet haben?
Im Schlangenträger sehen wir einen Kranz von glühenden Welten wie
Fackeln in neblichter Nacht schwelen (Abb. 32). Leuchten hier die
Totenfackeln einer Sternengruppe, ähnlich den Plejaden unserer
Nachbarschaft, Totenfackeln, die uns an die Vergänglichkeit +aller+
Dinge dieser Welt, auch an den Tod der Sterne mahnen?
[Illustration: Abb. 32. Photographie der Milchstraße im
Schlangenträger. (Phot. der Yerkes-Sternwarte.)]
Im Bilde des Schwans, jener Himmelsstelle, an der uns die Milchstraße
durch ihre wahrscheinliche Nähe die größte Zahl von Wundern
offenbart, fand Wolf auf photographischem Weg einen Nebel, von dem
selbst das stärkste Fernrohr keine Spur entdecken ließ, weil er in
ultraviolettem Lichte leuchtet. Er nannte diesen Nebel wegen seiner
Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Kontinent den Amerikanebel. (Abb.
33). Wir sehen diese Nebelwolke nur in der Fläche. Man muß sie sich
aber als plastischen Körper denken, von der Gestalt eines Kreisels,
wahrscheinlich sogar hohl wie ein Trichter. Dieser Nebeltrichter
sprudelt offenbar in rasender Wirbelbewegung mit seiner abwärts
gerichteten Spitze nach vorn durch den Raum, alle Welten, denen er
sich naht, in seinen feurigen Wirbel reißend, so daß er rings von
einer sternarmen Hülle, von einer verödeten Himmelszone umrändert
ist. Wo gibt es eine Phantasie, die sich die Wirklichkeit, die hinter
diesem wallenden Nebel sich verschleiert, auszumalen imstande wäre,
wo einen Geist, der diese Welttragödie, deren Aktschluß wir hier in
Flammenschrift geschrieben sehen, in Gedanken zu umspannen vermöchte?
So überzeugend diese Bilder für die Bewegungen im Milchstraßensystem
sprechen, so wenig klären sie uns über die Natur und die Gesetze dieser
Bewegung auf. Nur eines können wir unmittelbar aus dem Überblick
über die Richtungen der Nebelzüge, Brücken und Kanäle wahrnehmen.
+Die allgemeine Drehrichtung des Milchstraßensystems ist eine
einheitliche+ und zwar ebenso wie die unseres Planetensystems und die
der Doppelsterne eine linksläufige, dem Uhrzeiger entgegengesetzt. Die
Einheitlichkeit der Gesamtbewegung des Systems erhellt auch aus der
Spiralgestalt, die nur durch eine gesetzmäßige Drehung zustande kommen
kann. Es ist unentschieden, ob diese Spirale durch den Zusammenstoß
zweier sich bewegender Systeme entstand, wie wir es von den Gasnebeln,
z. B. dem Orionnebel annehmen müssen, oder ob sie sich, was
wahrscheinlicher ist, als natürliche Folge einfacher Systemdrehungen
einstellt. Da sich nämlich in jedem kreisenden System die inneren
Massen schneller bewegen als die äußeren, so bleiben diese hinter jenen
zurück, wodurch das System allmählich Spiralgestalt annimmt (Abb. 34).
[Illustration: Abb. 33. Photographie des Amerikanebels (nach Wolf).]