und Runzeln auf ihrem strahlenden Antlitz, das sind die Sonnenflecken.
Sonnenflecke sind dunkle, in ihrem Wesen noch keineswegs aufgeklärte
Stellen der Sonnenoberfläche, an denen wir jedenfalls, wie die
Spektralanalyse beweist, die Sonnenmaterie in einem vorgeschritteneren
Zustand der Abkühlung vor uns sehen. Das Spektrum der roten Sterne
stimmt mit dem der Sonnenflecken so vollkommen überein, daß man diese
geradezu als Sonnenfleckensterne bezeichnen kann. Unter zunehmender
Erkaltung der Sonne und Ausbreitung der Flecken müssen schließlich
ungeheure Schollen die Oberfläche solcher Sterne bedecken, ganze
Kontinente erkalteter Materie müssen auf den glühenden Feuermeeren
dieser Sonnen schwimmen (Abb. 18~g~). Sind diese Massen unregelmäßig
verteilt wie Meere und Festländer auf unserer Erde, und dreht sich
solch ein Stern wie unsere Sonne um seine Achse, so wenden sich
uns bald die leuchtenden Meere, bald die dunklen Schollen zu, die
Helligkeit dieses Sternes wird also wechseln. Dieser Lichtwechsel wird
zwar auch gemäß der Umdrehungszeit des Sternes in ziemlich regelmäßigen
Zeitabständen eintreten, aber je nach der Form der Schlackenkontinente
in unregelmäßiger Folge und keineswegs in jener mathematischen Kurve
wie bei den Algolsternen ablaufen, die von Planeten verfinstert werden.
Tatsächlich finden sich auffallend viele unregelmäßig veränderliche
Sterne gerade unter den roten Sternen. Seit Jahrhunderten berühmt
ist die Mira Ceti*, der Wunderstern im Walfisch, dessen Helligkeit
in einer Periode von ungefähr 11 Monaten zwischen 2. und 9. Größe in
unregelmäßiger Kurve schwankt (Abb. 19).
Schließlich ist die ganze Sonnenoberfläche von Flecken überdeckt,
verdunkelt, erkaltet, -- der Stern ist erloschen; als dunkler toter
Körper kreist er durch das All (Abb. 18~h~). Da man als sicher annehmen
muß, daß der Glutzustand im Leben eines Sternes, so wie die Jugend im
Menschendasein, nur den kürzeren Teil seiner Entwicklung darstellt, so
treiben gewiß mehr erloschene Sonnen als leuchtende im Raum. Wenn sich
uns 100 Millionen strahlende Sterne durch ihren Glanz offenbaren, so
mögen Milliarden nichtleuchtender Sonnen das All bevölkern, unsichtbar
für Menschenblicke, unerforschbar für die Wissenschaft, bis der Fleiß
der Astronomen auch diese durch Zahl und Formel aus dem Dunkel hebt,
so wie Adams und Leverrier den unentdeckten Neptun, wie Bessel und
Peters die unsichtbaren Trabanten des Sirius und Prokyon, wie Vogel und
Scheiner die dunkle Dreiwelt des Algol, ohne daß ein Menschenauge sie
gesehen, nach Größe, Zahl, Gewicht und Bahn berechnet haben.
[Illustration: Abb. 20. Photographie der Nebelspiralen um den neuen
Stern im Perseus 1901 von Ritchey.]
Jahrtausende, Jahrmillionen treiben diese erloschenen Sonnen durch
den Äther mit ihrem Anhang von erkalteten Planeten und verglühten
Kometen. Alles Leben ist auf ihnen erstorben, die Kultur, die auf
diesen Erden blühte, ist in Nacht und Eis versunken. Das ganze System
ein gewaltiger Friedhof. Wie ein Wrack mit seinen leeren Kabinen,
seinen verrosteten Maschinen, seinen verwesten Leichnamen über das
Weltmeer treibt, so wandert solch ein erstorbenes Sonnensystem als
unheimliches Gespensterschiff durch das Äthermeer des Weltalls. Äonen
mag es gefahrlos durch die Räume treiben, denn die Weltkörper sind
ja so spärlich verteilt, als wenn man ein Dutzend Erbsen über den
Atlantischen Ozean verstreute und sie treiben ließe. Selbst wenn
sich die Sonnen, was nicht der Fall ist, in geraden Linien regellos
durcheinander bewegten, und wenn es hundertmal mehr erloschene Sonnen
gäbe, als wir wahrnehmen können, so träfe die Wahrscheinlichkeit
eines Sternzusammenstoßes je einmal in 1000000 mal 1000000 Jahren
ein. Aber sind im All nicht tausend Jahre wie ein Tag? Gibt es in
der Ewigkeit Jahrhunderte und Jahrmillionen? Schließlich kommt auch
für jedes erloschene System die Zeit des völligen Unterganges -- und
der Wiedergeburt. Die tote Sonnenwelt gerät in das Anziehungsbereich
einer anderen Sonne, die beiden Weltkörper lenken sich ab von ihrer
Bahn, umkreisen sich in weiten, dann in immer engeren Spiralen
als Doppelstern, näher und näher, schneller und schneller sich
umschwingend, bis sie in rasender Spiraldrehung zusammenprallen;
oder das dunkle System gerät auf seiner Fahrt in eine jener weit
verbreiteten Nebelwolken, die den leeren Raum erfüllen; oder es saust
in einen Hagel kosmischen Staubes, in eine Meteorwolke -- wie die
Sternschnuppe, die in unsere Atmosphäre jagt, durch die Reibung an der
Luft aufglüht und zerstiebt, so entflammt der erstarrte Sonnenkörper
bei dieser Katastrophe und verdampft wie ein gewaltiges Meteor. In
Spiralen, die durch die Kreisnatur aller kosmischen Bewegung entstehen,
verflüchtet sich der glühende Nebel in Nacht und Raum. Am 21. Februar
1901 genossen wir das Schauspiel eines solchen Sonnenunterganges. In
der Milchstraßenebene im Bilde des Perseus leuchtete innerhalb 30
Stunden ein bis dahin unsichtbarer Stern zu solcher Helligkeit auf,
daß er nur vom Sirius an Glanz übertroffen wurde. Das Spektroskop
zeigte, daß das Licht von zwei Massen ausging, von denen die eine die
normale Geschwindigkeit von 20 ~km~ besaß, die andere dagegen fast 50
mal schneller auf diese zustürzte. Ihre Bewegungen waren gegeneinander
gerichtet. Die Entfernung des Katastrophenortes betrug ungefähr 200
Lichtjahre, so daß der Zusammenstoß in Wahrheit um das Jahr 1700
erfolgt sein mußte. Die Materie der zusammengeprallten Welten --
oder vielleicht auch jener einen Welt, die hier in eine Meteorwolke
geraten war, -- verdampfte. Man sah die glühenden Gase in Spiralen mit
Lichtgeschwindigkeit hinauseilen in den Weltraum -- zwei tote Sonnen,
die sich einst aus Nebel geballt, geleuchtet hatten und erloschen
waren, kehrten hier zurück in die Urform des Sterndaseins, in den
Urzustand aller Materie, in den Nebel (Abb. 21).
[Illustration: Abb. 21. Der Kreislauf der Sternmaterie vom Spiralnebel
zum Doppelstern über die Sternenkatastrophe zurück zum Spiralnebel.]
Der Kreislauf ist vollendet. Von Nebel zu Sonne, von Sonne zu Nebel,
das ist der Kreislauf im Leben der Sterne. Staub bist du und Staub
wirst du sein! ruft man dem Erdensohn an seinem Grabe nach, Nebel warst
du und Nebel wirst du sein! kann man den Sternen in ihrer flammenden
Todesnacht entgegenrufen.
Da nicht nur die Sonnen innerhalb ihres Haufens einsam durch ihre
Bezirke wandern, sondern ganze Sterngruppen, ganze Sternhaufen
dahinziehen wie die Hyaden, die Bärenfamilie, der Sternhaufen im
Perseus, so gehen nicht nur einzelne Sonnen, sondern ganze Sonnenhaufen
unter. Dann muß sich ein Weltbrand von überwältigender Größe und Tragik
abspielen. Während wir Untergang und Wiedergeburt von Einzelsternen
schon mehrere hundert Male sahen und jetzt mit der photographischen
und spektroskopischen Methode alljährlich beobachten, wurde solch ein
Schauspiel, das sich in sichtbarer Nähe vielleicht in Trillionen Jahren
einmal zutragen mag, von Menschenaugen nicht erschaut. Aber wir sehen
einen gewaltigen Nebel, der möglicherweise durch den Untergang eines
Sternhaufens entstanden ist, und in dessen wilddurchwühltem Chaos sich
nun die Sonnengeburt neuer Weltsysteme vollzieht: den Orionnebel*.
[Illustration: Abb. 22. Photographie des Orionnebels. (Phot. Wolf.)]
Die Entfernung dieses größten aller Himmelsnebel, den selbst ein
ungeübtes Auge mühelos unter den drei Sternen des Jakobstabes schimmern
sieht, schätzt man auf 500 Lichtjahre. Wenn man auch seit den 30 Jahren
der Himmelsphotographie noch keine Veränderung wahrgenommen hat, so
ist doch alles an ihm untrüglich in Wallen und Wogen begriffen wie in
Sturmeswolken, die der Orkan zerfetzt. Welche Fülle phantastischer
Bilder zaubert der Anblick dieses Nebels nicht in uns hervor!
Phantasien ohne Ende, ohne Schranken, aber auch ohne Halt und Beweis.
Daher wollen wir uns bescheiden mit dem, was die Photographie uns als
Tatsache von dieser Urwelt offenbarte: während in den Außenbezirken die
Nebel in weiten Bögen und Zügen zehnmal weiter sichtbar, als dieses
Bild hier reicht, sich im Raum verlieren, bilden sich im Kern schon
neue Sonnen, neue Welten -- aus der Asche steigt verjüngt der Phönix
des Alls empor.
Und wir? Unsere Sonne leuchtet nicht mehr in Weißglut, Sonnenflecken,
die Runzeln des Alters auf dem Antlitz der Sterne, trüben schon
den Glanz ihrer Oberfläche, die äußersten Planeten, einst die
Lieblingskinder der Mutter Sonne, sind erkaltet, erstorben, sind tote
Felsenkugeln, auf denen selbst die Luft zu Eis gefror. Mag es noch
Millionen und Millionen Jahre dauern, einst wird auch unsere Sonne in
Rotglut verglühen und dann -- auf Erden ist längst alles Leben erstarrt
-- treiben wir hin durch den Raum, ein Totenschiff im weiten Ozean des
Alls, hin in jene Gegend, in der das Bild des Schwanes glänzt. Eine
alte Sage erzählt, daß die Milchstraße den Schwalben den Weg zeige auf
ihrem Flug, und daß sie dem Schwan am Himmel folgten. Die Legende des
Volkes wird im Gewand der Wissenschaft zur Wahrheit. Fliegen wir nicht
dahin wie ein Schwarm von Vögeln, wir Planeten und Monde, geschart um
unsere Führerin im glänzenden Gefieder, um unsere Mutter Sonne, fliegen
und fliegen, bis sich an uns das tragisch-schöne Dichterwort erfüllt:
»Einst wird vom raschen Flug ihr strahlend Heer,
ein müdes Schwalbenvolk, heruntersinken«?
Mit diesem Flammentod der Sterne findet nicht nur ihre
Entwicklungsgeschichte, sondern auch unser Wissen über die Sonnen,
die das Milchstraßensystem zusammensetzen, einen natürlichen
Abschluß. Wir haben von der Zusammensetzung, von den Einzelgliedern
der Milchstraße ein zwar in fast allen Einzelheiten unsicheres, in
seinen Grundzügen aber gewißlich zutreffendes Bild gewonnen. Was
alle hervorragenden Weltbetrachter seit Demokrit vermutet haben,
ist nunmehr wissenschaftlich bewiesen: die Milchstraße ist ein
ungeheures Sternsystem. Ihr gürtelförmiger Anblick entsteht durch
unsere Stellung inmitten dieser Weltinsel. Alle Sterne, die wir am
Himmel erblicken, gehören diesem System an. Die helleren von ihnen
sind uns verhältnismäßig nah und bilden mit unserer Sonne einen
Sternhaufen, wie wir deren im Centaurn, im Herkules, im Tukan und an
vielen anderen Stellen sehen. Die Zahl der Sterne, die das ganze System
vereinigt, schätzt man auf 50--200 Millionen leuchtende und vielleicht
hundertmal mehr nichtleuchtende Weltkörper. Der Abstand der Sterne
voneinander ist unvorstellbar groß: das Licht braucht Jahre, um ihn
zu überbrücken. Nichtsdestoweniger bildet das Milchstraßensystem eine
geschlossene Einheit. Alle seine Sterne werden durch die Schwerkraft
zusammengehalten. Jeder Stern ist eine Sonne von ähnlicher Größe und
Beschaffenheit wie unsere Sonne, alle Sonnen sind aus den gleichen
Elementen aufgebaut; alle entstehen in gleicher Weise aus Nebelkugeln
durch Abkühlung und Zusammenziehung der gasigen Materie, leuchten
zuerst weiß, dann gelb und verglühen schließlich in Rotglut; viele,
wahrscheinlich alle werden von dunklen Planeten umkreist, die sich
genau wie unsere Planeten nach den Keplerschen Gesetzen in Ellipsen
um ihr Zentralgestirn bewegen und wie diese auf einem gewissen
Stadium der Abkühlung nach allen Voraussetzungen der Vernunft und
Wahrscheinlichkeit als bewohnbar und bewohnt anzusehen sind; alle
diese Sonnensysteme bewegen sich mit ungefähr gleicher Geschwindigkeit
von durchschnittlich 30 ~km~ in der Sekunde in ihren Sternhaufen
und diese wieder durch das Milchstraßensystem; diese Bewegung ist
nicht regellos, sondern erfolgt einerseits in Gruppen (Plejaden,
Hyaden), andererseits in bestimmten Strömen, den sog. Heerstraßen der
Sterne; auf ihrer Sonnenfahrt geraten die Sterne früher oder später
in das Anziehungsbereich eines Nachbarsterns, bilden mit ihm ein
Doppelsystem, indem sie sich in immer engeren Spiralen umkreisen, bis
sie nach unvorstellbar langem Lebenslauf, meist längst erloschen,
zusammenprallen und wieder zu Nebel verdampfen, womit der Kreislauf der
Weltmaterie von neuem beginnt.
An der Existenz des Milchstraßensystems und seiner Einheit in Kraft,
Stoff, Gesetz, Form und Entwicklungsgang kann somit kein Zweifel mehr
bestehen. Das Milchstraßensystem existiert. Aber nun erst tauchen die
großen Schlußfragen nach Gestalt, Größe und Mechanik des Gesamtsystems
in ihrer ganzen Inhaltsschwere vor uns auf.
Die ersten mehr philosophierenden als forschenden
Milchstraßenbetrachter hielten sie für ein einfaches linsenförmiges
System, in dem die Sterne gleichmäßig verteilt sind. Nach ihrer Ansicht
ist die Milchstraße nicht etwa, wie es uns scheint, als ein Ring von
Sternen um uns vorhanden, sondern tritt nur dadurch in Erscheinung,
daß wir in der Richtung der Linsenfläche außerordentlich viel weiter
durch die gleichmäßig verteilten Sterne hindurchsehen müssen als in der
Richtung der kurzen Linsenachse.
Allein von dieser Annahme einer gleichmäßigen Verteilung der Sterne
kam schon Herschel durch seine Sterneichungen ab. Er erkannte, daß die
Sterne in der Milchstraßenebene viel dichter zusammengedrängt stehen
als außerhalb dieser Fläche, daß also die Milchstraße keine einfache
optische Erscheinung infolge der Linsengestalt des Systems, sondern
das Innenbild einer tatsächlich existierenden +Sternebene+ ist. Von
dieser Ansicht, daß die Mehrzahl der Sonnen des Milchstraßensystems
in einer Hauptebene zusammengedrängt sind, ist kein späterer Forscher
mehr abgewichen. Schon Kant bekennt sich zu ihr und vergleicht in
tiefdenkerischer Betrachtung die Sonnenebene der Milchstraße mit jener
Ebene, in der sich die Planeten des Sonnensystems bewegen (Ekliptik).
Um jenen Spalt, der den Milchstraßengürtel auf ein Drittel seines
Umfangs in zwei Ströme teilt, zu erklären, nehmen Herschel und Kant
nicht eine, sondern zwei Hauptebenen im System an, die gegeneinander
leicht geneigt sind und sich kreuzen wie die Bahnebenen der Planeten,
und deren Auseinanderweichen uns als Stromspalt erscheint.
Aber die genauere Durchforschung der Milchstraße mit Fernrohr und
vor allem mit der photographischen Platte hat eine solche Fülle
von Einzelheiten und so viele Spuren feinerer Struktur in ihr
zutage gefördert, daß auch diese Hypothesen nicht zur Erklärung der
tatsächlichen Erscheinungen ausreichen. Schon die verschiedenen
Seitenarme, die von der Milchstraße ausgehen und entweder scharf im
Dunkel des Raumes abbrechen oder sich allmählich in den Weiten des
Universums verlieren, widerstehen der Annahme einer Linsengestalt des
Systems, auch wenn man diesem System zwei sich kreuzende Hauptebenen
zuspricht. Einer dieser Seitenäste trennt sich im Bild der Kassiopeia
vom Hauptstrom und verliert sich zwischen Hyaden und Plejaden. Ein
anderer Nebenast geht von der Teilungsstelle bei Alpha Centauri ab und
verliert sich im Sternbild des Wolfs. Ein dritter scharf abbrechender
Ausläufer ist im südlichen Bilde des Schiffes wahrzunehmen. Außerdem
bemerkt schon das unbewaffnete Auge, daß die Milchstraße keineswegs
in gleichmäßigem Lichte schimmert, daß sie also nicht aus gleichmäßig
verteilten Sternen besteht, sondern daß die Sterne in Haufen, Wolken
und Zügen angeordnet sind. Nicht Myriaden einzelner Sterne, sondern
hunderttausend Sternhaufen, deren jeder einige Hundert oder Tausend
Sonnen vereinigt, setzen das System zusammen. Wie die Wolken über uns
in einzelnen Ballen und Haufen ziehen, wie ein Heer nicht aus einzelnen
Soldaten, sondern aus Regimentern und Bataillonen zusammengesetzt
ist, so schweben die Sonnen in der Milchstraße in Gruppen, Scharen
und Heereszügen. Die auffallendste der leicht wahrnehmbaren Wolken
ist die berühmte Lichtwolke im Schwan.* Bei ihrem Anblick kann man
sich des Gefühls nicht erwehren, daß hier Teile der Milchstraße uns
bedeutend näher stehen als die übrigen lichtschwächeren Partien.
Neben solchen Lichtwolken und Sternanhäufungen findet man wieder,
wie ebenfalls schon erwähnt wurde, auffallend stern- und nebelarme
Stellen, ja direkte Lücken, Risse, Spalten, Kanäle und Löcher. Die
größte Milchstraßenöffnung liegt gerade dicht neben der Lichtwolke
im Schwan und wurde von Oehl die dunkle Weltwolke genannt, von den
späteren Forschern dagegen mit dem jetzt üblichen Namen »nördlicher
Kohlensack«* bezeichnet. Der große südliche Kohlensack liegt im
Kreuz. Der hervorragende Milchstraßenforscher Easton, der 10 Jahre
seines Lebens von 1882 bis 1892 dem Studium der Milchstraße widmete,
führt in einem besonderen Katalog 164 helle und dunkle Flecke in ihrem
Gürtel an. Von diesen geben uns die prachtvollen Photographien der
Milchstraße, wie sie uns namentlich Wolf, Barnard, Gill, geliefert
haben, eine anschauliche Vorstellung.
[Illustration: Abb. 23. Photographie eines Teiles der Milchstraße.]
Welch eine Macht strahlt uns von diesen Bildern! Kann ein Abendmahl
von Leonardo, eine Madonna von Raffael, eine Toteninsel von Böcklin
tiefer auf uns wirken als diese schwarze Fläche besprenkelt mit Punkten
und Pünktchen? Jeder Punkt eine Welt! Wir selbst, unsere große weite
Erde, ja unsere ganze Sonnenwelt bis zum 4000 Millionen ~km~ entfernten
Neptun, nichts als ein kleiner leuchtender Punkt! Gibt es einen
Gedanken, der einerseits gewaltiger und erhabener ist, andererseits uns
zu tieferer Demut führen kann als ein solches Bild der Milchstraße?
Verwirklicht sich in diesen Photographien nicht geradezu jene Vision,
die den jugendlichen Schiller angesichts des Himmels begeisterte zu der
Hymne von der Größe der Welt:
»Anzufeuern den Flug weiter zum Reich des Nichts,
Steur' ich mutig fort, nehme den Flug des Lichts,
Neblicht trüber
Himmel an mir vorüber,
Weltsysteme, Fluten im Bach,
Strudeln dem Sonnenwanderer nach.«
Gewinnt nicht das Goethesche Wort »Seele des Menschen, wie gleichst
du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind«
angesichts dieser Offenbarungen des Himmels einen geradezu kosmischen
Inhalt? Wehen diese Sonnen nicht dahin im All wie Sand im Winde?
Bezeugt uns nicht jedes dieser Pünktchen, daß nicht nur das Leben des
einzelnen Menschen, sondern das Leben unseres ganzen Geschlechts, der
ganzen Erde, unserer ganzen immensen Sonnenwelt nur eine Welle ist im
großen Ozean der Welt, emportaucht als eine Welle aus dem Chaos des
Urnebels, um nach kurzen Rhythmen zu verrinnen im großen Strom der
Sonnen? Aber zu der Demut, im Ring der Milchstraße mit all unserem
Können, Wissen und Wollen, mit unserer ganzen heiß errungenen Kultur
und Kulturgeschichte nur ein Staubkorn in der Nähe eines solchen
leuchtenden Pünktchens zu sein, fügt sich der Stolz, von diesem
Sonnenstäubchen Erde dieses Bild der Welt erfaßt zu haben kraft des
Geistes, der uns beseelt, kraft der moralischen Idee, die uns befiehlt,
das Erforschliche zu erforschen und das Unerforschliche zu verehren,
und die Kant, der große bahnbrechende Milchstraßenforscher, der Macht
des Himmels als einzig würdig gegenüber gestellt in seinem berühmten
Satz: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische
Gesetz in mir.«
[Illustration: Abb. 24. Milchstraßensystem nach Proktor.]
Um alle Einzelheiten des Milchstraßenanblicks durch eine einheitliche
Hypothese zu erklären, nahm +Proktor+ an, sie sei ein Ringsystem von
Sternen, wie es uns der berühmte Ringnebel in der Leier vor Augen führt
(Abb. 25). Entweder sei sie ein offener aufgerollter Ring, dessen eines
Drittel sich nahe an uns vorbei winde und so erstens die Lichthelle
der Schwanwolke, zweitens infolge des Durchblicks die Stromspaltung
und drittens durch seine Öffnung den Kohlensack neben der Schwanwolke
erkläre (Abb. 24~a~). Oder aber, und das schien ihm wahrscheinlicher,
die Milchstraße sei ein Doppelringsystem mit leicht spiralischer
Aufrollung, das aus einem inneren kleineren Ring besteht, in dem sich
die Sonne befindet und dem die hellen Milchstraßenteile angehören,
und einem entfernteren größeren Ring, dem die matten Teile des Gürtels
entsprechen. Durch die Lage der Bänder, durch Unregelmäßigkeiten,
Unterbrechungen und Schlingen ließen sich die Einzelheiten des
Milchstraßenbildes erklären (Abb. 24~b~).
Die Milchstraßenhypothese von Proktor ist als ein großer Fortschritt
gegenüber den Kant-Herschelschen Ideen zu bezeichnen, da sie wenigstens
die Haupterscheinungen zu erklären sucht. Aber abgesehen davon, daß
sie in vieler Hinsicht einer tieferen Kritik nicht standhält, ist
ihre Hauptstütze, nämlich der Hinweis auf das Vorhandensein ähnlicher
ringförmiger Sternsysteme am Himmel, hinfällig geworden. Alle
Ringnebel sind, wie die Spektralanalyse bewiesen hat, echte Gasnebel
in verhältnismäßig geringer Entfernung, stehen unzweifelhaft innerhalb
der Milchstraße und sind keine entfernten nebelig erscheinenden
Sternsysteme. Der Ringnebel in der Leier* ist nur ungefähr 32
Lichtjahre von uns entfernt, also eines der uns allernächsten
Himmelsobjekte und dementsprechend kein gewaltiges Sternsystem, sondern
nur etwa 100- bis 1000fach größer als unser Sonnensystem. Der Ring, der
schon einzelne Lichtknoten zeigt und offenbar kurz vor seinem Zerfall
in einzelne Weltkörper steht, umläuft sein schon stark verdichtetes
Zentrum in schätzungsweise 10000 Jahren.
Dagegen hat ein anderer Forscher, +Easton+, mit größerem Glück
versucht, die Milchstraße gewissen Nebelgebilden gleichzusetzen,
die wir am Himmel erblicken, nämlich den +Spiralnebeln+. Um nämlich
von einem Nebel sagen zu können, er sei ein sehr fernes als Nebel
erscheinendes Milchstraßensystem, muß man von ihm beweisen oder
wenigstens wahrscheinlich machen können, daß er nicht innerhalb
unserer Milchstraße, sondern weit außerhalb derselben im freien
Allraum schwebt. Wenn es uns auch bis heute noch nicht gelungen ist,
von irgendeinem Nebel eine sichere zahlenmäßige Bestimmung seiner
Entfernung auszuführen, so kann man doch von den meisten aus ihrer
Stellung ihre Zugehörigkeit zum Milchstraßensystem erkennen. Die
planetarischen Nebel, aus deren Gaskugeln sich durch Verdichtung
die Sonnen bilden, und die eigentlich nichts anderes vorstellen als
Sonnen und Sonnenhaufen in jugendlichem Zustand, finden sich fast
ausschließlich in der schmalen Zone der Milchstraße und hier in solcher
Fülle, daß ihre Zugehörigkeit zur Milchstraße nicht angezweifelt werden
kann. Ebenso schließen sich die ihnen verwandten Ringnebel, wie
jener in der Leier, eng an die Milchstraße an. Die Sternhaufen, die
aus diesen Kugel- und Ringnebeln entstehen, und deren Entfernung wir
ebenfalls nicht genau bestimmen können, sind in der Milchstraßenebene
so dicht zusammengedrängt, daß sie geradezu eine Kette bilden, die
mit der Milchstraße zusammen den Himmel umschließt. Zeichnet man in
eine Sternkarte unter Fortlassung der Milchstraße alle bekannten
Sternhaufen ein, so erhält man ein Sternhaufenband, das genau dem Laufe
der Milchstraße entspricht und das man die Milchstraße der Sternhaufen
nennen könnte.
[Illustration: Abb. 25. Ringnebel in der Leier (Phot. Ritchey.)]