Läßt man in einem Zimmer vor einem offenen Klavier eine ~a~-Saite

schwingen, so versetzt der Rhythmus dieser 435 Wellen in der Sekunde

von allen Saiten des Klaviers natürlich nur jene in Schwingungen,

die ebenfalls 435 mal in der Sekunde schwingen kann, also die Saite

~a~. An den Schwingungen der Saite ~a~ im Klavier kann man, ohne

die tönende Saite zu sehen oder zu hören, erkennen, daß hier am

Entstehungsort der Luftwellen eine ~a~-Saite schwingt. Genau dasselbe

geschieht mit den Ätherwellen im Prisma. Glüht das Element Natrium,

und man läßt die Ätherwellen durch ein Prisma gehen, so tritt im

Spektrum in der Klaviatur der Farben an dem Teilstrich 505 der Skala

eine gelbe Linie auf, die nur das Natrium aussendet. Erscheint also

in einem Spektrum an dieser Stelle eine gelbe Linie, so kann man mit

absoluter Sicherheit sagen, diese Lichtwellen gehen von glühendem

Natrium aus. Erscheinen an einem ganz bestimmten Platz zwei rote

Linien, so weiß man, daß hier das Element Kalium glüht, denn keine

andere Atomart entsendet diesen Doppelton des Lichts. Jedes Element

erzeugt im Spektrum ganz bestimmte unveränderliche helle Linien, an

deren Farbe, Stellung, Zahl und Verteilung man dieses Element erkennen

kann. Glüht Sauerstoff, so erscheinen zwei Linien im Rot bei 392 und

433 (Billionen Ätherwellen), leuchtet Wasserstoff, so erscheinen

drei Linien bei 454 im Gelb, 613 im Blaugrün und 694 im Violett usw.

Der Anblick eines Spektrums gibt uns also genau Auskunft über die

chemische Natur der Stoffe, die in der Lichtquelle glühen. Man nennt

diese Methode, aus dem Spektrum die chemische Natur der glühenden

Stoffe zu erkennen, die +Spektralanalyse+. In der Praxis ist die

Spektralanalyse ein äußerst schwieriges Verfahren. Neben den erwähnten

Hauptlinien erscheinen nämlich noch Nebenlinien, die das Bild eines

Spektrums bis zur Unkenntlichkeit verwirren. Die Zahl dieser Linien

steigt im allgemeinen mit der Höhe des Atomgewichts, also mit der

Größe des Atoms, mit der Zahl der Elektronen, die ein Atom aufbauen.

Die Linienzahl beträgt bei den leichten Elementen Natrium 8, Chlor 11,

Kohlenstoff 13, Kalium 27, Stickstoff 89; bei den schweren Elementen

Silber 372, Eisen 1517, Thorium 2070, Uran 5270. Im ganzen sind bis

heute ungefähr 50000 Spektrallinien bestimmt worden. Aber für die

Schwierigkeit entschädigt die Feinheit der Methode im vollsten Maß.

Die Genauigkeit des spektroskopischen Nachweises übertrifft nämlich

nicht nur alle übrigen Verfahren, sondern überhaupt jede menschliche

Vorstellung. Man kann mit dem Spektroskop von dem Element Natrium noch

den 3 Milliardstel Teil eines Gramms = 1/3000000000 ~g~ nachweisen.

Wo uns nur ein Lichtpünktchen entgegenstrahlt, stark genug, daß wir

es zum Bande auseinanderziehen können, daß wir die Linien erkennen,

die in seinem Streifen leuchten, da gibt dieses Lichttelegramm uns

Kunde von den Stoffen, die in Sternweiten auf fremden Sonnen glühen.

In Flammenlettern, die niemals trügen, spricht das Universum zu uns.

Und was hat es uns gekündet? Kurz und bündig wie ein Telegramm ist das

Spektrum eines Sternes. Wie ein Depeschenstreifen entrollt es sich,

und wie Morsezeichen stehen die Linien auf dem Band. Aber wie ein

Telegrammstreif dem Kundigen in Strichen und Punkten Schlachtberichte

und Liebesgrüße, Freudenbotschaft und Hiobsposten kündet, so erzählt

das Lichttelegramm dem Wissenden die ganze Lebensgeschichte des

Weltalls.

Die spektralanalytische Untersuchung von über 10000 Sternen erwies,

daß auf allen Sternen die gleichen chemischen Elemente glühen, die

wir in unserer Sonne leuchten sehen und die sich am Aufbau der Erde

beteiligen. Wenn es auch noch nicht gelungen ist, all die Tausende von

Spektrallinien restlos zu entziffern, +so hat uns die Spektralanalyse

dennoch schon heute die stoffliche Einheit des Milchstraßensystems in

geradezu grandioser Beweisführung dargelegt+. Die spektroskopische

Erforschung des Weltalls ist einer der größten Triumphe des

Menschengeists und das Diadem in der Kette der Beweise für die Einheit

des Milchstraßensystems.

Aber hinter diesen telegraphisch kurzen Flammenlinien der

Lichtdepeschen bergen sich tiefere Geheimnisse.

Wenn in einem Raum 10 verschiedene Saiten frei nebeneinander schwingen,

so sendet jede ihre Wellenart aus, und im Nebenraum zittern am offenen

Klavier die 10 entsprechenden Saiten mit und belehren uns über die

Natur der im Nachbarzimmer schwingenden Saiten, ohne daß wir sie zu

sehen oder zu hören brauchen. Wenn 10 verschiedene Atomarten frei

schwingen, erscheinen 10 verschiedene Liniensysteme im Spektrum, und

wir erkennen die Natur der 10 glühenden Elemente. Saiten können nur

frei vibrieren, wenn ihnen genügend Platz zur Verfügung steht, Atome

nur frei schwingen, wenn ihnen Raum dazu gegeben ist. Dies ist nur der

Fall, wenn sie sich in jenem fein verteilten Zustand befinden, den wir

als den »gasförmigen Zustand« bezeichnen. Sind dagegen die 10 Saiten

zusammengespannt oder zu Bündeln gefaßt, so können sie beim Anschlagen

nicht frei schwingen, stören sich gegenseitig und erzeugen keine

reinen 10 Töne, sondern zittern unregelmäßig und rufen ein Geräusch

hervor, in dem alle möglichen Wellenarten durcheinander schwirren. In

diesem Geräusch sind alle Töne, alle Wellenarten neben-, durch- und

nacheinander enthalten, und so schwingen am offenen Klavier nicht die

10 entsprechenden Saiten mit, sondern +alle+ Saiten vibrieren. Man kann

also die Natur der schwingenden Saiten nicht erkennen, weiß nicht,

welche 10 Saiten schwingen, wohl aber, daß sie eng zusammengepackt sein

müssen. Glühen 10 Elemente nicht in freier Gasform, sondern in festem

oder flüssigem Zustand, so sind die Atome so zusammengedrängt, daß

sie ihre Schwingungen nicht frei ausführen können, sich gegenseitig

stören und alle möglichen Arten von Ätherwellen aussenden. Folglich

erscheinen im Farbenklavier des Spektrums nicht die 10 Einzelsysteme

von Linien, sondern alle Linien, alle Farben treten auf, so dicht

aneinandergedrängt, daß sie zusammenfließen zu breiten Farben+bändern+.

Der Regenbogen, das Spektrum hinter den Prismen der Kronleuchter

sind solche Farbenbänder. Aus der Art des Spektrums kann man also

auf den Zustand der glühenden Materie Schlüsse ziehen. Erscheint ein

zusammenhängendes Bänderspektrum, wie es der Regenbogen darstellt, so

befindet sich der leuchtende Stoff in festem oder flüssigem Zustand;

erscheinen im Spektrum einzelne scharfe Linien, so befindet sich der

leuchtende Stoff in gasförmigem Zustand.

Wir schlagen im Nebenzimmer 10 verschiedene Saiten an, von denen eine

eine ~a~-Saite ist. Am offenen Klavier zittern die 10 entsprechenden

Saiten, und wir erkennen, welche Saiten drüben schwingen. Jetzt

schließen wir die beiden Zimmer schalldicht voneinander ab und lassen

nur eine kleine Öffnung in der Zwischenwand, durch die die Schallwellen

hindurchdringen. In diese Öffnung spannen wir eine ~a~-Saite. Schlagen

wir jetzt drüben die 10 Saiten an, so dringen alle Wellen ungehindert

durch die Öffnung. Die Wellen der ~a~-Saite dagegen werden, da sie

genau die Länge und Häufigkeit der ~a~-Saitenschwingung besitzen,

die in der Wandöffnung eingespannte ~a~-Saite in Bewegung setzen und

hierbei ihre Kraft einbüßen. Sie werden bei der Ankunft am Klavier

fehlen. Die ~a~-Saite bleibt stumm. Spannen wir nun die 10 Saiten zu

einem Bündel zusammen und lassen dieses schwingen, so entsteht ein

Geräusch, und +alle+ Saiten des Klaviers erzittern, nur die ~a~-Saite

ruht, da eine ~a~-Saite in der Öffnung eingespannt ist, die von allen

Wellenarten nur die ~a~-Wellen auffängt. An dem Ruhen der ~a~-Saite

erkennen wir die Existenz einer ~a~-Saite +zwischen+ der Tonquelle und

dem Klavier.

Wir ahmen dieses Experiment mit den Lichtwellen und dem Spektrum

nach. Wir bringen in die Wandöffnung statt der ~a~-Saite ein Gefäß

mit Natriumdampf. Dann lassen wir ein Lichtbündel, das von den

verschiedensten glühenden Elementen in flüssigem Zustand ausgeht,

durch diese Öffnung laufen, fangen es drüben mit dem Prisma auf und

beobachten das Spektrum. Alle Lichtwellen laufen ungehindert durch den

Natriumdampf, das ganze Spektrum leuchtet als Farbenband auf. Nur die

Natriumwellen fehlen. Sie haben beim Passieren des Natriumdampfes die

Natriumatome in Schwingungen versetzt, hierbei ihre Kraft verloren

und fehlen im Spektrum. Wo sie sonst stehen, an der Zahl 505 der

Skala, ist eine dunkle Lücke im Spektrum, tritt im farbigen Band eine

schwarze Linie auf (Abb. 15). Das Auftreten von dunklen Linien im

Spektrum beweist, daß das Licht dieses Spektrums durch eine Dampfhülle

hindurchgegangen ist, in der jene Elemente sich befinden, deren Linien

im Farbenband fehlen.

Nehmen wir an, die Erde würde in ihrem heutigen Zustand leuchten

und wir fingen ihre Strahlen im Weltraum mit einem Prisma auf. Die

Lichtwellen müßten dann die Lufthülle, in der sich Stickstoff und

Sauerstoff befinden, durchlaufen. Die Strahlen aller irdischen Elemente

würden diese Atmosphäre ungehindert passieren, nur die Stickstoff-

und Sauerstoffwellen würden in der Atmosphäre dadurch, daß sie die

Stickstoff- und Sauerstoffatome in Schwingungen versetzen, ihre

Kraft verlieren und würden fehlen. An dem Fehlen der Stickstoff- und

Sauerstofflinien im Spektrum würden wir erkennen: die Erde besteht aus

einem festen, leuchtenden Kern, der von einer Atmosphäre umgeben ist,

in der sich Stickstoff und Sauerstoff befinden.

Das Spektrum der Sterne zeigt ein Farbenband, in dem nicht eine, nicht

10 dunkle Linien, sondern viele Hunderte und Tausende von verschiedener

Stellung und Stärke stehen (Abb. 14). Diese viellinigen Farbenbänder

beweisen uns, daß Sonne und Sterne aus einem feuerflüssigen oder

festgasigen leuchtenden Kern bestehen, der von einer Gashülle, einer

Dampfatmosphäre umgeben ist, in der jene Elemente sich befinden, deren

Linien mit den dunklen Lücken im Spektrum übereinstimmen.

[Illustration: Abb. 15. Die Auslöschung der hellen Natriumlinie (unten)

beim Durchgang von Licht durch Natriumdampf.]

Diese Erklärung der Sternspektren, die uns jetzt so einfach, fast

selbstverständlich erscheint, war ein Jahrhundert hindurch eines

der schwersten Probleme der Naturwissenschaft. Man versetze sich

in die Lage der ersten Beobachter. Sie sehen hinter dem Prisma,

das das Sternenlicht ablenkt, ein Farbenband erscheinen, durch das

Tausende dunkler Linien ziehen, bald weiter auseinanderstehend,

bald dicht aneinandergedrängt, bald einzeln, bald zu Gruppen sich

findend. Was konnten diese Linien bedeuten? Man denke sich, wir

senden den Marsbewohnern ein Morsetelegramm aus Strichen und Punkten

zusammengesetzt; wie sollen sie es entzaubern? Ein stummer Streifen,

aus nichts als Linien und Punkten zusammengesetzt! Geht es uns anders?

Die Sterne senden uns Lichttelegramme, bunte Bänder, und in den

Farben Linien, Linien, nichts als Linien! Assyrische Hieroglyphen zu

entziffern, ist ein Kinderspiel gegenüber der Aufgabe, ein Spektrum zu

lösen. 30 Zeichen hat die Sprache der Tonscherben, jedes von anderer

Gestalt; 30000 hat die Sprache der Sonnen, eines wie das andere eine

Linie. Um dieses Riesenalphabet des Weltalls zu erfassen, mußte ein

Genie geboren werden.

Dieses Genie war +Joseph Fraunhofer+. Als Sohn eines armen Glasers

geboren, hatte er als Schleiferlehrling das Unglück oder vielmehr

Glück, von einem stürzenden Spiegel schwer verletzt zu werden. Für

die 18 Dukaten Schmerzensgeld nämlich, die ihm der König von Bayern

zahlen ließ, kaufte er sich Bücher und Instrumente und wurde einer

der größten Optiker und scharfsinnigsten Naturforscher, die je gelebt

haben. Er entdeckte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts im Spektrum

der Sonne die nach ihm benannten +Fraunhoferschen Linien+. Ehe er sie

zu erklären vermochte, starb er im frühen Alter von 39 Jahren zum

unersetzlichen Schaden der Wissenschaft. Sein vorzeitiger Tod hielt

den Fortschritt der Himmelskunde um ein halbes Jahrhundert auf. Denn

50 Jahre währte es, bis Männer von ihm ebenbürtigem Genie das Spektrum

erforschten und das Wesen der dunklen Linien erkannten. Diese beiden

Männer waren +Kirchhoff+ und +Bunsen+, deren spektralanalytische

Gesetze das Fundament dieser einzigartigen Wissenschaft bilden, die

uns die chemische Einheit des Weltalls bewies. Wie einfach in ihren

Mitteln, wie großartig in ihren Resultaten ist diese Spektralanalyse!

Ein gläsernes Prisma lehrt uns die Stoffe, den Zustand, die Temperatur,

den Kern und die Hülle fernster Sonnen erkennen! Ein Glassplitter wird

unter den Händen vernunftgemäß handelnder Menschen zum Diamant, der

alle Brillantgeschmeide der Welt überstrahlt. Was haben die Diamanten

aus den Gruben Afrikas der Menschheit genützt? Steingewordene Tränen

sind sie, und das Gold, das sie umrahmt, ist geschmolzene Blut. Kriege

wurden um sie geführt, ganze Völker in Amerika ihretwegen ausgerottet,

und tagtäglich zerstören Menschen um diesen Flitterglanz, an dem

alles hängt und zu dem alles drängt, Frieden und Glück ihres Lebens

und Hauses. Aber der einfache Dreikant aus Glas wurde in der Hand

forschender Geister zum Schlüssel der Himmelspforte und hat uns den

Glanz der Himmelsherrlichkeit schöner erschauen lassen, als es die

Vergangenheit selbst in ihren kühnsten Hoffnungen je erwarten konnte.

Den Abschluß und die Krone der spektralanalytischen Forschung bildet

die Enthüllung des +Entwicklungsprinzips im Weltall+. Im System der

Milchstraße herrschen nicht nur jene äußeren Bewegungsformen, die wir

als Planetenumläufe, als Trabantenbahn und Sternenflug erkundet haben,

in ihm herrscht das weltbewegende und weltenfördernde Prinzip der

Entwicklung in dem gleichen Sinn, in dem es Darwin für die irdische

Welt uns enthüllte. Sterne werden geboren, entwickeln sich, entfalten

Kraft und Glanz, altern und sterben wie Mensch, Tier und Pflanze. +Ein+

Prinzip ist es, das die Sonnen oben in den Himmeln leitet und den Wurm

im Sande lenkt, durch dessen Macht im Gras die Blumen blühen und im

Raum Kometen glühen, das den Stein am Grunde formt und den Stern im

Nebel ballt -- +Entwicklung+.

[Illustration: Abb. 16. ~a~ Spektrum eine Nebelflecks, ~b~ Spektrum

eines Sternes 1. Klasse (Deneb im Schwan), ~c~ Spektrum eines Sternes

2. Klasse (Sonne), ~d~ Spektrum eines Sternes 3. Klasse (roter Stern).]

Sterne entstehen aus Nebel. Wenn das Fernrohr das Milchstraßensystem

durchstreift, entdeckt es eine Fülle von Nebeln kugeliger Gestalt.

Tausende sind bekannt, Hunderttausende existieren. Diese Nebel

erscheinen im Fernrohr als matte Scheiben wie Planeten, weswegen

man ihnen den schlechten Namen planetarische Nebel gegeben hat,

obwohl sie mit Planeten und unserem Planetensystem nichts gemein

haben. Sie sind Gaskugeln, von denen die kleinsten vielleicht unser

Sonnensystem bis zur Neptunbahn ausfüllen würden, während die größeren

tausend- und hunderttausendmal größer sein müssen (Abb. 18~a~).

Diese Gaskugeln schweben zwischen den Sternen der Milchstraße in

außerordentlichen Entfernungen von uns und bewegen sich wie diese

mit Geschwindigkeiten zwischen 5 und 50 ~km~ in der Sekunde in der

allgemeinen Milchstraßenebene. Das Spektrum dieser Kugelnebel beweist

uns, daß wir leuchtende Materie im gasigen Zustand vor uns sehen. Es

erscheinen in ihm drei helle Linien auf dunklem Grund, eine im Blau,

die dem Wasserstoffgas entspricht, und zwei im Grün, von denen eine

höchstwahrscheinlich dem Stickstoff angehört, während die andere noch

nicht gedeutet ist (Abbildung 16~a~). Offenbar befindet sich die

Materie in einem solchen kosmischen Gasball in einem Urzustand, wie

wir ihn auf der chemisch hochentwickelten Erde nicht mehr finden, und

wahrscheinlich sehen wir hier die Elemente in Vorstufen, vielleicht

sogar in ihrer gemeinsamen Mutterform als jenes Urelement vor uns, aus

dem sich alle übrigen entwickeln. Seitdem man durch die Radiumforschung

die Wandlungsfähigkeit der Elemente experimentell bewiesen hat,

gewinnt die Ansicht, daß alle Elemente sich aus einem Urelement

allmählich entwickeln, immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Wenn alles

sich entwickelt, kann dann die Materie selbst, aus der sich dieses

alles bildet, ohne Entwicklung bleiben? Ist nicht alle Entwicklung von

Stein, Pflanze, Tier eigentlich nichts anderes als Entwicklung der

Materie, der Elektronen, Atome und Moleküle? Auch die Elemente, die

wir als die Grundstoffe aller Dinge anzusehen gewöhnt sind, stellen

schon hohe Stufen der Weltentwicklung, der Materiebildung dar, die in

jenen Gasnebeln noch nicht erreicht sind. Offenbar entwickeln sich

aus dieser Urmaterie nach- und nebeneinander die einzelnen Elemente,

und zwar scheinen sich zuerst die leichten Atomarten Wasserstoff und

Stickstoff, die ja noch heute auf unserer Erde die verbreitetsten

und grundlegendsten Elemente sind, zu bilden, während die übrigen

in gesetzmäßiger Reihenfolge nacheinander auftreten, wie in der

Entwicklungsgeschichte der Tierwelt in geordneter Folge Urtiere,

Würmer, Fische, Lurche, Säuger erscheinen.

Die weitverstreuten Atome des Gasnebels ziehen sich gegenseitig

an, nähern sich, wodurch der ganze Nebelball sich verdichtet und

geraten dadurch in immer schnellere Schwingung: es entsteht Wärme.

(Abb. 18~b~). Durch die Zusammendrängung der Materie im Zentrum der

Kugel entsteht ein glühender Kern, um den der Nebel eine ungeheure

Gashülle bildet, -- der Nebel ist zum Stern geworden. Infolge der

Zusammenziehung ist seine ehemals gewaltige scheibenförmige Ausdehnung

auf die Punktgröße aller Sterne gesunken, und nur das Spektroskop gibt

uns durch die Spektral+linien+ Kunde von der Nebelnatur dieser jüngsten

Sterne. Man bezeichnet diese jungen weitausgedehnten dünngasigen Sterne

als +Nebelstern+ (Abb. 18~c~).

[Illustration: Abb. 17. Die Plejaden.]

Aus diesen kugeligen Nebeln entstehen nicht nur einzelne Sterne,

sondern bei genügender Anhäufung von Materie ganze Sternhaufen. Wie

sich die Tropfen in einem dampferfüllten Zimmer an den kalten Wänden

und Scheiben niederschlagen, treten aus dem Dunst des Nebelballs

infolge der Abkühlung durch die Weltraumkälte Sonnen hervor. Man kennt

solche Gaskugeln im Stadium der Sternhaufenbildung. Im Herkules sieht

man solch einen entstehenden Sternhaufen*, in dem 3000 Sonnen sich aus

Nebelmaterie bilden. In der Mitte dieses Systems stehen die Sonnen so

dicht, daß sich ihre Nebelatmosphären berühren, an den Rändern stehen

sie weit voneinander und bilden isolierte freischwebende Sonnensysteme

(vgl. Abb. 3 S. 19). Ein vorgeschrittenes Stadium der gruppenweisen

Sternbildung aus Nebelmaterie stellen die Plejaden* dar, die schönste

aller Sterngruppen des nördlichen Sternhimmels. Diese Gruppe ist,

wie die Photographie enthüllt hat, von ungeheuren Nebeln durchzogen

und umwoben, von Sonne zu Sonne ziehen sich Nebelbrücken durch das

ganze System, und weit über die Grenzen der Gruppe hinaus kann man die

verwehenden Reste des chaotischen Nebels verfolgen (Abb. 17).

Auf dieser Stufe der Entwicklung, auf der die Sterne eben aus Nebeln

hervortreten, erreichen sie ihren größten Glanz und ihre höchste

Temperatur, die man auf 20000 Grad schätzt. In ihrer weiten Atmosphäre

glüht neben dem Wasserstoff vor allem das Helium in so herrschendem

Maß, daß man diese heißesten Sterne auch +Heliumsterne+ nennt. Kühlt

sich die Atmosphäre dieser Sterne ab, so daß ihr eigenes Licht

schwächer wird als das des inneren Kernes, so fängt die Gashülle in der

beschriebenen Weise die einzelnen Wellen des Kernlichtes ab, und es

erscheinen die dunklen Fraunhoferschen Linien im Spektralband. Zuerst

wenig und schwach und fast nur Wasserstofflinien (Abb. 16~b~). Dem

Auge erscheint ihr Licht strahlend weiß. Sirius, Wega in der Leier,

Deneb im Schwan, Atair im Adler, Regulus im Löwen, Prokyon im Kleinen

Hund gehören dieser nach dem Vorschlag des verstorbenen Potsdamer

Astronomen +Vogel+ als 1. Spektralklasse zusammengefaßten Gruppe an,

die man nach ihrem glänzendsten Vertreter als Klasse der +Siriussterne+

bezeichnet. (Abb. 18~d~). Fast alle jene zahllosen kleinen Sterne,

die den Nebelschimmer der Milchstraße erzeugen, sind heiße Sonnen der

ersten Spektralklasse, vielleicht darum in der Milchstraße so zahlreich

erscheinend, weil sie hier wirklich in der Überzahl sind, vielleicht

auch nur darum, weil aus jenen Fernen nur ihr strahlendes Licht, aber

nicht mehr das der schwächeren kälteren Sterne zu uns dringt. Die

Temperatur dieser Siriussterne in Weißglut beträgt ungefähr 12000 Grad.

[Illustration:

~a~ Planetarischer Nebel

~b~ Verdichteter Nebel

~c~ Nebelstern

~d~ Siriusstern

~e~ Sonnenstern

~f~ Roter Stern

~g~ Veränderlicher Stern

~h~ Erloschener Stern

Abb. 18. Entwicklungsgeschichte der Sterne.]

Die zunehmende Verdichtung und hierdurch bedingte Wärmeerzeugung der

Sterne vermag der Abkühlung durch die Weltraumkälte nicht die Wagschale

zu halten. Die Sonnen kühlen sich unaufhaltsam ab (Abb. 18~e~). Ist

die Temperatur eines weißen Sternes der ersten Klasse um abermals

ungefähr die Hälfte auf 6000 Grad gefallen, so treten neue Elemente

in der glühenden Atmosphäre auf. Neben dem noch immer überwiegenden

Wasserstoff erscheint vor allem das Kalzium, dessen Verbindungen als

Kalk am Aufbau der Weltkörper großen Anteil haben, daneben durch

Tausende schwarzer Spektrallinien sich ankündend Eisen, Nickel,

Kobalt, Titan, Mangan, Chrom, Kohle, Magnesium, Natrium, Silizium,

Aluminium, Strontium, Baryum, Kupfer, Zink, Silber, Zinn, Blei, Kalium

und andere Metalle. Das Spektrum dieser Sterne, die nicht mehr weiß,

sondern schon blasser in gelbem Lichtton leuchten, stimmt so völlig

mit dem unserer ebenfalls gelben Sonne überein, daß man sie als 2.

Spektralklasse oder +Sonnensterne+ bezeichnet (Abb. 16~c~). Während die

heißen weißen Sterne der ersten Klasse vornehmlich in dem weiten Bogen

der Milchstraße angehäuft scheinen, stehen die gelben kühleren Sterne

in ihrer Mehrzahl uns näher. Arktur, Aldebaran, der Mittelstern im

Perseus, Pollux sind Sonnensterne; das Spektrum der Kapella im Fuhrmann

gleicht sogar bis in die feinsten Einzelheiten seiner 20000 dunklen

Linien so vollkommen dem unseres Zentralgestirns, daß man die Kapella

geradezu als Bruderstern unserer Sonne bezeichnen muß, und kaum ein

Zweifel an der innigsten Verwandtschaft dieser beiden Sterne bestehen

kann. Wahrscheinlich ging unser Sonnensystem unter denselben Umständen

aus der gleichen Nebelmaterie hervor wie die Welt der Kapella, die

wir als unsere Schwesterwelt im All verehren können, wenngleich ihr

entgegengesetzter Lauf sie von uns um die Weite von 40 Lichtjahren

entfernte. Offenbar bilden die gelben Sonnensterne im Gegensatz zu den

weißen Milchstraßensternen jenen großen Haufen, in dessen Mitte sich

unsere Sonne mit ungefähr 400 Nachbarwelten befindet. Aus großer Ferne

betrachtet, würden wir unsere Sonne wahrscheinlich inmitten dieses

Sternenhaufens sehen, dessen Glieder Kapella, Arktur, Aldebaran, Pollux

und viele andere wären, und in dem die Sterne sich ebenso an Größe,

Alter und Beschaffenheit gleichen, wie die Sterne der Plejaden und der

Hyaden oder des Sternenhaufens im Herkules und im Centaurn.

[Illustration: Abb. 19. Entstehung des Lichtwechsels des Sternes Mira

Ceti nach Zoellner.]

Wie das Eisen, das weißglühend aus dem Feuer geholt wird, zuerst in

Gelbglut übergeht und dann rot und röter glüht und verglüht, wie die

Sonne, wenn sie sich dem Untergange nähert, im Dunst der Atmosphäre

immer blasser, gelber, röter strahlt und schließlich als glutroter

Sonnenball den Horizont berührt, so verglühen die Sonnen im All auf

ihrer Lebensbahn. Rot ist die Farbe des Sternenalters. Schon der

rötliche Arktur ist älter, kälter als die Sonne, sein Spektrum ist

linienreicher, verwaschener. Der rötliche Stern Beteigeuze* in der

linken oberen Ecke des Orionbildes ist der auffallendste Vertreter

dieser Klasse der alternden +roten Sterne+. (Abb. 16~d~ u. 18~f~).

Höchst bemerkenswert ist, daß man in der Gashülle dieser roten Sterne

nicht nur freie Elemente, sondern sogar die Verbindungen dieser

Elemente und unter diesen Kohlenstoffverbindungen nachgewiesen hat,

dieselben Kohlenstoffverbindungen, aus denen bei weiterer Entwicklung

auf unserer Erde das Leben, die höchste Form des uns bekannten

kosmischen Daseins, entstanden ist.

Die Milchstraße · 第 5 / 8 段