Das Prisma ist das Gegenteil der Linse. Die Linse ist rund, glatt und

strebt nach Breite und Wölbung. Das Prisma ist eben, eckig und strebt

nach Kante und Spitze. Die Linse sammelt das Licht zu einem Punkt,

das Prisma breitet es aus zu einem Band. Wenn man den Lichtstrahl

mit einem Zentimeterband vergleicht, so kann man sagen: die Linse

rollt dieses Band zusammen, das Prisma rollt es auseinander. Diese

Fähigkeit des Prismas, Lichtbündel bandartig zu entfalten, ist den

Organismen fremd. Wenn es Menschen gäbe, die Fernrohrlinsen in den

Augen und photographische Platten als Netzhaut trügen, so würden

sie die Welt genau so sehen wie wir. Wenn es aber Menschen gäbe mit

Prismen statt Linsen im Auge, so würden sie ein völlig neues Bild der

Welt erhalten. Sie würden alle Dinge statt verkleinert und zu Bildern

zusammengedrängt, auseinandergezerrt und zu bunten Bändern entfächert

sehen. Welch anderes und doch auch wiederum naturgetreue Bild würden

jene Wesen mit Prismenaugen von der Welt erhalten! Wie anders würden

sie die Welt erforschen und beurteilen!

Da wir von Natur aus nicht gewohnt sind, mit Prismen statt mit Linsen

zu sehen, so sind uns seine Eigenschaften nicht so vertraut und ohne

gewisse Vorkenntnisse über die Natur des Lichtes nicht verständlich.

Das Licht fassen wir als eine Wellenbewegung des Weltäthers auf.

Der Weltäther ist ein unendlich feiner Stoff mit einzigartigen

Eigenschaften, der das ganze Weltall von den kleinsten Zwischenräumen

zwischen den einzelnen Atomen bis zu den Räumen zwischen den Sternen

ausfüllt. Entsprechend seiner Feinheit -- er soll 15 Trillionen mal

leichter sein als die Luft, -- pflanzen sich die Wellen dieses Äthers

unvorstellbar schnell fort, und zwar mit der Geschwindigkeit von

300000 ~km~ in der Sekunde. Aber nicht alle Lichtwellen sind gleich

lang. So wie ein großer Dampfer größere Wasserwellen von sich wirft

als ein kleiner, wie eine Kanone größere Luftwellen aussendet als

eine Pistole, so senden die schwingenden Moleküle und Atome je nach

ihrer Größe Ätherwellen von verschiedener Länge aus. Die Röntgenröhre

erzeugt Ätherwellen von ein Zehnmilliontstel ~mm~, die Röntgenstrahlen,

die infolge ihrer Kleinheit die meisten Stoffe durchdringen. Der

Telefunkenapparat entsendet Ätherwellen von 5 ~km~ Länge, die infolge

ihrer Größe über den ganzen Erdball schwingen. Da alle Ätherwellen

unabhängig von ihrer Länge in der Sekunde 300000 ~km~ zurücklegen,

schwingen die langen in der Sekunde nicht so häufig wie die kurzen,

so wie ein Mensch mit langen Beinen nicht so viel Schritte zu machen

braucht wie ein ebenso schnell laufender mit kurzen Beinen. Es folgen

sich in der Sekunde nur 60000 telegraphische Wellen, dagegen viele

Tausend Billionen Röntgenwellen. Wir können nur einen ganz bestimmten

Teil von Ätherwellen direkt wahrnehmen. Wir empfinden nur Ätherwellen

zwischen 100 und 1000 Billionen Schwingungen in der Sekunde, die erste

Hälfte davon als Wärme, die zweite Hälfte davon als Licht, und zwar als

rot Äther- von 700 million- ~mm~ Länge mit 450 Billionen Wellen

wellen stel

orange " " 600 " " " " 500 " "

gelb " " 550 " " " " 550 " "

grün " " 500 " " " " 600 " "

blau " " 475 " " " " 650 " "

indigo " " 425 " " " " 700 " "

violett " " 400 " " " " 775 " "

Diese Ätherwellen werden von den schwingenden Atomen und Molekülen der

leuchtenden Körper erzeugt. Die schwingenden Atome eines glühenden

Sternes schlagen den Weltäther, wie Mühlräder oder Schiffsschaufeln

Wasser in Wellen von sich schlagen. Diese Wellen pflanzen sich im

Weltäther des Weltraumes fort, gelangen in unsere Atmosphäre, und

wir empfinden sie als das Licht des Sternes. Von der Geschwindigkeit

der Atomumdrehungen, von der Zahl und Länge der Wellen hängt die

Farbe eines Körpers ab. Schwingt eine Atomart z. B. das Natriumatom

allein in ungestörtem Rhythmus, so erzeugt sie eine Ätherwellenart

von bestimmter Größe und Zahl und zwar 550 Billionen in der Sekunde,

also gelb erscheinende Wellen. Natriumlicht ist gelb. Die Ätherwelle

der Kaliumatome erscheint rot, der Indiumatome blau usf. Schwingen

dagegen die Atome verschiedener Stoffe mit verschiedenem Rhythmus

durcheinander, so laufen diese verschiedenen Ätherwellen neben- und

durcheinander her, und es entsteht kein reiner Rhythmus, keine reine

Farbe, sondern ein Gemisch von verschiedenen Farben: weiß. Das weiße

Licht ist gemischtes Licht und verhält sich zu den einzelnen Farben wie

ein vielstimmiges Geräusch zu den einzelnen Tönen. Die Sterne senden

gemischtes Licht aus. Treffen Ätherwellen nun ein Prisma, so werden

sie von diesem abgelenkt, weil das Glas des Prismas für Ätherwellen

ein ähnliches Hindernis bildet wie etwa ein Wehr für Wasserwellen oder

ein Sandhaufen für einen Fußgänger. Aber das Prisma hält nicht alle

Ätherwellen gleichmäßig auf, sondern lenkt natürlich die großen und

kräftigen Ätherwellen weniger ab als die kleinen und schwachen, wie

eine Klippe im Meer die großen Wellen weniger stört als die kleinen.

Kommt also ein schmales Bündel Sternenlicht, das alle Wellenarten

enthält, durch ein Prisma, so lenkt dieses die einzelnen Wellenarten

nach ihrer Länge geordnet, die längsten roten am wenigsten, die

kürzesten violetten am stärksten von ihrem Wege ab und breitet so das

weiße Lichtbündel, in dem alle diese Strahlen zusammenlaufen zu einem

Band auseinander, in dem die einzelnen Wellenarten, d. h. Farben nach

Wellenlänge sortiert nebeneinander erscheinen. Solch ein Farbenband,

das die Farben rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett

nebeneinander enthält, nennt man Spektrum (Abb. 13). Über einem solchen

Spektrum, das jedermann vom Anblick des Regenbogens kennt, kann man

eine Skala anbringen, die die Anzahl der Ätherwellen an den einzelnen

Punkten des Spektrums anzeigt. Am roten Ende steht dann die Zahl 450

(Billionen), über dem orange 500, an der Grenze zwischen grün und blau

600, am violetten Ende die Zahl 800. Man weiß dann, an dem Teilstrich

800 des Spektrums treffen in der Sekunde 800 Billionen Ätherwellen

ein, die die Farbenempfindung violett in uns hervorrufen, an dem

Teilstrich 500 500 Billionen Wellen, die orangefarben erscheinen.

[Illustration: Abb. 13. Entstehung eines Spektrums bei Durchgang eines

Lichtbündels durch ein Prisma.]

Bewegt sich nun eine Lichtquelle mit großer Geschwindigkeit auf uns zu,

so treffen uns natürlich in der Sekunde mehr Ätherwellen, entfernt sie

sich von uns, so nimmt die Zahl der Wellen in der Sekunde ab. Steht ein

Stern im Raum still, und entrollen wir durch ein Prisma sein Licht zu

einem Spektrum, so werden an dem Teilstrich 600 unserer Skala in der

Sekunde 600 Billionen Wellen in der Sekunde eintreffen. Es wird hier

die Grenze zwischen grün und blau liegen. Nähert sich uns dieser Stern

mit einer gewissen Geschwindigkeit, so treffen statt 600 Billionen 650

Billionen Ätherwellen ein, diese Stelle des Spektrums erscheint blau.

Entfernt sich dieser Stern, so kommen nur 550 Billionen Ätherwellen in

der Sekunde an und diese Stelle erscheint grün. Genau so ändert sich

natürlich das Spektrum in allen seinen anderen Teilen. Bei Annäherung

der Lichtquelle wandelt sich das Rot in Orange, das Gelb in Grün, das

Blau in Indigo und dieses in Violett um. Bei Annäherung der Lichtquelle

verschiebt sich das ganze Spektrum im Vergleich zum Farbenband eines

ruhenden Körpers nach der Seite des Violett, bei Entfernung der

Lichtquelle verschiebt es sich umgekehrt nach dem roten Ende. Aus der

Größe dieser Verschiebung, die in Wahrheit natürlich nur mikroskopisch

wahrnehmbar ist, läßt sich die Geschwindigkeit selbst der fernsten

Sterne bis auf ½ ~km~ Genauigkeit für die Sekundenbewegung in der

Blickrichtung bestimmen (Abb. 14).

Die Anwendung dieser einfach erscheinenden Methode ist in der Praxis

äußerst kompliziert. Das Prisma wird in einen Apparat eingebaut, den

man Spektroskop nennt. Dieser wird an ein Fernrohr angeschlossen. Um

das winzige Spektrum breit auseinanderzuziehen, schaltet man eine ganze

Reihe von Prismen hintereinander, von denen jedes folgende das Spektrum

des vorhergehenden wieder verbreitert. In neuester Zeit verwendet man

an Stelle der Prismen die wirkungsvolleren Beugungsgitter, Spiegel mit

feinsten eingeschliffenen Querstrichen, die so eng zusammenstehen, daß

600 von ihnen zwischen 2 Millimeterstrichen nebeneinander laufen. Diese

Rowlandschen Konkavgitter stellen sozusagen Tausende kleinster Prismen

nebeneinander vor. Das Spektrum wird nicht mit dem Auge betrachtet,

sondern photographiert. Das photographische Spektroskop nennt man

Spektrograph. Die Photographie wird mit besonders eingerichteten

Mikroskopen durchmustert. Neben der Genauigkeit und Arbeitsersparnis

deckt die Photographie, da das Bromsilber für die unsichtbaren

ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist, noch jene ultravioletten

Teile des Spektrums jenseits des violetten Endes auf, die das Auge

nicht mehr wahrnimmt. Dagegen ist die photographische Platte für die

langwelligen unsichtbaren ultraroten Strahlen jenseits des roten

Spektralendes nicht empfindlich. Aber diese Strahlen erzeugen weit über

die Grenze der Sichtbarkeit hinaus noch Wärme. Diese Wärme wird mit

einem thermoelektrischen Apparat des Amerikaners Langley gemessen, dem

Bolometer. Dieser Apparat registriert Temperaturunterschiede von ein

Zehnmillionstel Grad Celsius. Also während ein gewöhnliches Thermometer

um einen einzigen Grad ohne Zwischenstufe steigt, kann das Bolometer

auf dieser Strecke an 10 Millionen verschiedenen Punkten haltmachen.

Ja, selbst Schwankungen von ein Hundertmillionstel Grad ergeben am

Bolometer noch einen nachweisbaren Ausschlag des Zeigers. Das Bolometer

hat »im dunklen Reich des Lichts« Entdeckungen gemacht, wie sie in

ähnlicher Feinheit selbst Auge und Photographie im sichtbaren Teile

des Spektrums nicht erreichen können. Mit dem Bolometer erwies sich

der unsichtbare Teil des Spektrums jenseits des Rot um 20mal länger

als der sichtbare! Mit Hilfe dieser »Spektroskopie« kann man die

Bewegungsgeschwindigkeit der Sterne auf uns zu und von uns weg aufs

genaueste berechnen. Die Fehlergröße beträgt selbst bei Sternen, die

100 Lichtjahre von uns entfernt sind, noch nicht 1 ~km~. Man bedenke:

wir sehen über uns am Himmelsgrund kleine Pünktchen, die sich selbst im

größten Fernrohr nicht verändern. Seit Menschengedenken stehen diese

Pünktchen angeheftet an ihrem Himmelsplatz wie aufgehängte Lampen.

Wir wissen nun nicht nur, daß diese Pünktchen Sonnen sind wie unsere

Sonne, daß sie 100 Lichtjahre von uns entfernt sind, von Planeten

umkreist werden wie unsere Sonne, nein, wir richten unser Rohr auf

solch einen Punkt, stellen einen Prismenapparat an sein Okular und

schrauben an das untere Ende eine photographische Kamera. Wir öffnen

den Lichtschlitz, schließen ihn nach einer Weile wieder, gehen mit

einer verschlossenen Kassette in ein Dunkelzimmer, tauchen eine gelbe

Glasplatte in ein Bad, legen sie unter ein Mikroskop und sagen: diese

Sonne in 100 Lichtjahren Entfernung bewegt sich auf uns zu mit einer

Sekundengeschwindigkeit von 23 ~km~. Wir sind bereit zu schwören, daß

es nicht 30 und nicht 20 sind, sondern 23. Ist der Mensch nicht auch

ein Wunder, den größten Wundern des Weltalls ebenbürtig?

[Illustration: Abb. 14. Verschiebung der Spektrallinien eines Sternes

bei (oben) 38, (unten) 72 ~km~ Entfernung in der Sekunde. Man erkennt

deutlich, wie die Linien gegen das Spektrum des ruhenden Eisens (die

weißen Linien an den Rändern) nach rechts verschoben sind.]

Die spektroskopischen Untersuchungen haben auch bei diesen

Sternbewegungen die Einheit des Milchstraßensystem glänzend bewiesen.

Sämtliche Sterngeschwindigkeiten schwanken innerhalb kleiner Grenzen.

Es gibt im System der Milchstraße keine gesetzlosen Ausnahmen.

Phantastische Sonnengeschwindigkeiten, die etwa der Lichteile

gleichkommen, sind in ihm ebensowenig zu finden wie Stillstand, größere

Abweichungen vom Mittelwert als das Zehnfache werden kaum gefunden. Im

allgemeinen bewegen sich die Sterne mit denselben Schnelligkeiten, die

wir an den Welten unseres Planetensystems bemerken. Die Geschwindigkeit

des Erdlaufes um die Sonne, 30 ~km~ in der Sekunde oder 100000 ~km~ in

der Stunde, ist geradezu ein Mittelwert für die Bewegungen der Sterne

innerhalb der Milchstraße. Von den bekannten Sternen

entfernen sich von uns:

Pollux Sek.-Geschwindigkeit 3 ~km~

Bellatrix " 9 "

Rigel " 17 "

Beteigeuze " 17 "

Sterne d. Jakobstabes

der linke " 18 "

der rechte " 23 "

Kapella " 24 "

Die Hyaden " 40 "

Aldebaran " 51 "

nähern sich uns:

Kastor Sek.-Geschwindigkeit 1 ~km~

Deneb " 2 "

Algol " 4 "

Arktur " 5 "

Bärenfamilie " 6 "

Prokyon " 6,5 "

Sirius " 7,5 "

Regulus " 9 "

Wega " 13 "

Polarstern " 13 "

Mizar " 31 "

Atair " 38 "

Der Gedanke, daß eine gewaltige Sonne wie der Sirius sich uns in jeder

Stunde um 25000 ~km~ nähert, übt zuerst einen eigenartig unheimlichen

Eindruck aus. In der Phantasie sieht man diesen glühenden Weltball

größer und größer werden, zur Scheibe anschwellen, unsere Nacht zum

Tag erleuchten, uns mit Wärme überfluten, schließlich das Firmament

mit seiner gewaltigen Sonnensphäre füllen und eines Tages, nachdem

gewaltige Störungen das ganze Planetensystem ins Schwanken gebracht

haben, zerschellt unsere Welt an dem Koloß, und in einem feurigen

Rachen versinkt die ganze Herrlichkeit unseres Daseins! Weit gefehlt!

Nur der Mensch in seiner eingeborenen Beschränktheit kann sich einem

solchen Trugbild hingeben. Selbst der nahe Sirius braucht fast eine

Million Jahre, ehe er unseren jetzigen Standpunkt im Weltall erreicht.

Aber wenn alles kreist und alles sich bewegt, kann dann die Sonne

stille stehen? Ist sie der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, das

»Herz des Universums«, wie es Kepler glaubte? Nein, die Sonne ist ein

Stern unter Sternen, schwebt dahin mit ihrem ganzen Anhang von Planeten

wie alle Sterne:

»Die Sonne tönt in alter Weise

in Brudersphären Wettgesang,

und ihre vorgeschriebene Reise

vollendet sie mit Donnergang.«

Die Sonne bewegt sich mit einer Sekundengeschwindigkeit von ungefähr 29

~km~ durch den Weltraum, und wenn der Sirius in 1 Million Jahren jene

Stelle passiert, an der wir uns jetzt befinden, ist die Sonne um 600

Billionen ~km~, um 60 Lichtjahre von ihrem heutigen Standort entfernt.

Unser Sonnensystem fliegt durch den Weltraum! Während wir uns auf der

Erdkugel um die Erdachse bewegen und durch diese Drehung im Lauf von

24 Stunden aus der Sonnenseite in die Schattenhälfte herumrollen (Tag

und Nacht), und während wir mit einer Sekundengeschwindigkeit von 30

~km~ in gewaltiger Bahn um die Sonne kreisen und durch die Jahreszeiten

Frühling, Sommer, Herbst und Winter rollen, fliegt unser ganzes System

von der Sonne bis zum Neptun mit all seinem Inhalt durch den Weltraum.

Wir stehen im Sonnenschein auf dem Deck eines Schiffes und spielen

mit einem Kreisel. Dieser Kreisel ist die Erde. Er dreht sich rasch

um seine eigene Achse, jeder Punkt seiner Oberfläche läuft bei jeder

Drehung zur Hälfte über die Sonnenseite, zur Hälfte über die abgekehrte

Schattenseite. Dies ist das Spiel von Tag und Nacht. Der Kreisel steht

aber nicht still an seinem Fleck. In langsamem Lauf beschreibt er große

Kreise über den Boden des Decks. Diese Kreise sind der Jahreslauf der

Erde um die Sonne. Außerdem fährt das ganze Schiff über das Weltmeer.

Das Schiff ist das Sonnensystem, das Weltmeer ist das Weltall. Wie

dieses Schiff, so steuert auch das Sonnensystem nicht ziellos durch den

Weltraum. Es bewegt sich um das Schwerkraftzentrum des Sternenhaufens,

in dessen Innern es sich befindet, gemeinsam mit allen helleren

Sternen des Himmels, die diesem Haufen angehören. Die Sonne läuft auf

einer Linie, die ungefähr vom Sirius* zur Wega* in der Leier oder dem

benachbarten Stern Deneb* im Schwan führt. Welch wundersames Empfinden

muß den denkenden Menschen überschleichen, wenn er den hellen Stern

Wega betrachtet. Zu ihm ist unsere Sonnenfahrt gerichtet. In jeder

Sekunde, da wir ihn anschauen, nähern wir uns ihm um 30 ~km~. Ehe

wir diese Seite hinabgelesen haben, sind wir ihm schon um 1000 ~km~

nähergerückt, und wenn wir ihn heute abend betrachtet haben, uns

niederlegen, morgen unser kurzes Tagewerk verrichten und ihn des Abends

wieder anschauen, so sind wir ihm in diesen 24 Stunden um 2 Millionen

~km~ näher gekommen. Tag für Tag zwei Millionen Kilometer, und dabei

steht sein Bild seit Jahrtausenden unverrückt, als gäbe es keine

Bewegung im All! Täglich 2 Millionen ~km~! Das sind die Pendelschläge

der großen Weltuhr, auf der die Tage Sekunden, die Jahre Minuten,

Jahrhunderte die Stunden und Jahrtausende die Tage sind. Empfand nicht

schon der biblische Sänger diesen Rhythmus des Weltenlaufs, als er die

Worte sprach: »Und tausend Jahre sind vor ihm als wie ein Tag«?

Die Ansicht der älteren Astronomen, daß die Sternbewegungen regellos

seien, ist im Hinblick auf die wunderbare Harmonie der Weltbewegungen

geradezu unbegreiflich. Wie könnte in einem so entwickelten System, wie

es die Milchstraße darstellt, irgendwo Gesetzlosigkeit und Anarchie

herrschen? Die neueren Forschungen haben sogar über die erwähnten

Gruppenbewegungen hinaus eine Gesetzmäßigkeit der Sternbewegungen

aufgedeckt, die geradezu an den Kreislauf des Blutes im tierischen

Körper erinnert und so abermals in die Harmonie des Weltganzen einen

neuen vollen Akkord hineinträgt. Die Mehrzahl der untersuchten Sterne

bewegt sich nämlich in gewissen Sternströmen, in zwei »Heerstraßen«,

die in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeilaufen wie zwei sich

begegnende Eisenbahnzüge, oder, noch richtiger, sich wahrscheinlich

in Kreislinien aneinander vorbeibewegen, wie die beiden Ringe mancher

modernen Karussels, von denen der innere Ring sich links herum, der

äußere rechts herum im Kreise dreht. Der eine Sternstrom ist gegen das

Bild des Orion zum Stern Beteigeuze gerichtet.* In ihm fliegen die

Hyaden. Der andere entgegengesetzte Strom, dem unsere Sonne angehört,

strebt in die Gegend zwischen Adler, Schwan und Leier.* In ihm fliegen

die Sterne des Großen Bären, die »Bärenfamilie«. Beide Ströme liegen

in der Ebene der Milchstraße. Als man 1924 Sterne auf ihr Verhalten zu

diesen beiden Heerstraßen untersuchte, fand man, daß sich unzweifelhaft

1023 in dem einen Strom, 574 in dem anderen bewegten. Bei 207 Sternen

ist die Zugehörigkeit noch zweifelhaft, während nur 110 Sterne, also

ungefähr 5% sich abweichend von den Heerstraßen bewegen.

Es ist nicht zu entscheiden, ob diese Heerstraßen den allgemeinen

großen Sternzügen in der Milchstraße angehören oder ob sie nur

die Bahnen der Sterne in unserem Sonnensternhaufen darstellen.

Höchstwahrscheinlich ist letzteres der Fall. Unsere Sonne kreist

mit allen ihr benachbarten Sternen in diesen Heerstraßen innerhalb

ihres Sternhaufens um einen gemeinsamen Schwerpunkt, und während

diese Sonnen auf ihren beiden aneinander vorbeifließenden Heerstraßen

diesen abgeschlossenen Sternhaufen wahrscheinlich in steigenden und

fallenden Spiralbahnen durchwandern, fliegt die ganze kreisende

Sterngruppe auf einer weiteren Bahn durch das große allgemeine System

der Milchstraße. Wie dem auch sei, auf jeden Fall enthüllt diese

Entdeckung der entgegenlaufenden Heerstraßen, daß die Sternbewegungen

zwar keineswegs plan- und gesetzlos sind, daß aber andererseits in den

Sternhaufen und wahrscheinlich ebenso in der Milchstraße nicht jene

einfach einheitliche Bewegungsmechanik herrscht wie im Planetensystem,

in dem sich alle Sterne in einer Richtung und einer Ebene bewegen. +Die

Entdeckung der Heerstraßen beweist die Einheit und Gesetzmäßigkeit der

Sternbewegungen im Milchstraßensystem.+

So wichtig und grundlegend die Entdeckung der Heerstraßen auch ist,

so hat sie uns doch nur über die Existenz geordneter Sonnenströme,

nicht über die Natur und Bahn der Sternbewegungen innerhalb der

Milchstraße aufgeklärt. Kommende Geschlechter, die die begonnene Arbeit

unserer zeitgenössischen Astronomen fortsetzen, werden erst die Pfade

entschleiern, auf denen die Sonnen im System kreisen.

Die Kraft, die diese Sterne in die Bahnen geordneter Heerstraßen

bannt, kann entweder eine Explosivkraft sein, die die Sonnen wie die

Funken einer explodierenden Rakete in Wirbeln durch den Weltraum

treibt oder eine Schwerkraft, die von Massen ausgeht. Die älteren

Astronomen, an der Spitze Lambert und Kant, suchten nach einer riesigen

Zentralsonne, die im Mittelpunkt des Systems stehend die Sterne um sich

kreisen läßt wie die Sonne die Planeten. Lambert hielt den Orionnebel,

Kant den Sirius, Mädler später den Hauptstern der Plejadengruppe

Alkyone für die Zentralsonne, und diese Vorstellung einer gewaltigen

Allweltssonne erfüllte sie und ihre Zeitgenossen so tief, daß sie

selbst in den Dichtern Widerhall fand. Schillers Lied an die Freude ist

ein Hymnus über die Organisation des Weltalls. Klopstock sang:

»Um Erden wandeln Monde,

Erden um Sonnen;

Aller Sonnen Heere wandeln

Um eine große Sonne.«

Die moderne Astronomie hat diese Idee einer Zentralsonne aufgegeben.

Eine Sonne, die durch ihre Anziehungskraft eine solche Unzahl von

Sternen um sich bewegt, müßte durch ihre phantastische Größe nicht nur

alle Grenzen der Wahrscheinlichkeit überschreiten, sondern auch mit

den Gesetzen der Physik und Chemie in Widerspruch stehen. Heute weiß

man, daß ein System ein Schwerkraftszentrum besitzen kann ohne eine

Masse im Mittelpunkt. Es gibt keine Zentralsonne im Milchstraßensystem.

Die Milchstraße ist im Gegensatz zum monarchischen Sonnensystem, in

dem die übermächtige Herrscherin Sonne im Mittelpunkt steht, ein

republikanisches Sternsystem, in dem sich alle Sterne gegenseitig

anziehen und im Gleichgewicht halten. Sucht man das ideale Zentrum

der uns bekannten Sternbewegungen, so findet man als Achsenpunkt der

beiden Heerstraßen eine Stelle im Schwan, die genau mit dem von Easton

berechneten Mittelpunkt des gesamten Milchstraßensystems übereinstimmt.

Aber der gläserne Zauberstab des Astronomen, das Prisma, hat uns mehr

gelehrt als die Einheit der Sternbewegungen. Es hat uns die letzte

größte und grundlegendste Einheit des Milchstraßensystems bewiesen,

+die Einheit des Stoffes und seiner Entwicklung+.

Das Licht ist eine Schwingung des Weltäthers, wie der Schall eine

Schwingung der Luft ist. Diese Ätherwellen werden von den schwingenden

Atomen der Elemente erzeugt wie die Luftwellen von schwingenden Saiten.

Wie es verschiedene Arten von Saiten gibt, so gibt es verschiedene

Atomarten, die wir als einzelne Elemente bezeichnen. Eisen, Gold,

Wasserstoff, Stickstoff, Natrium, Kalzium, Titan sind Elemente. Wie

jede Saitenart eine ganz bestimmte Luftschwingung, einen bestimmten

Ton hervorbringt, so erzeugt jede Atomart bei ihren Schwingungen

eine bestimmte Art von Lichtwellen. Die ~a~-Saite sendet immer 435

Luftwellen aus, den Ton ~a~, eine ~c~-Saite 530 Wellen, die wir als

den Ton ~c~ empfinden. Die Atome des Elements Natrium senden immer 505

Billionen Ätherwellen aus, die als gelbe Farbe erscheinen, das Element

Kalzium 750 Billionen Wellen, die als Violett empfunden werden.

Die Milchstraße · 第 4 / 8 段