Auf allen Lippen schwebt an dieser Stelle eine Frage: sind diese Welten

auch bewohnt wie unsere? Wir wissen es nicht. Wie könnten wir auch aus

diesen Weiten, in denen ganze Welten Punkte werden, ein Lebenszeichen

erwarten? Aber es gibt ein höheres als das verstandesmäßige Wissen, das

uns Instrument und Zahlenreihe vermitteln, das ist der Gedankenschluß

der Vernunft. Dieselbe Vernunft, die Demokrit und Giordano Bruno,

Wright, Kant und Lambert geleitet und ihrem Seherauge die Welt in

jenem Lichte offenbarte, in dem sie sich Jahrhunderte später unseren

Instrumenten enthüllte, dieselbe Vernunft läßt uns mit Giordano Bruno

schwören, daß es unzählige bewohnte Welten gibt. Anzunehmen, daß

unsere Erde, dieses dunkle unsichtbare Sonnenstäubchen, dieses Nichts

im System der Milchstraße einzig und allein belebt sei, während jene

100 Millionen andere Sonnensysteme, jene Milliarden andere Planeten

der Milchstraße, die alle aus den gleichen Stoffen und in den gleichen

Größen wie unsere Welt gebaut sind, von denselben Kräften und denselben

Gesetzen gelenkt werden wie diese, unter den gleichen Bedingungen sich

entwickeln, daß alle diese tot und öde wären, zu nichts und abernichts

kreisten, als allein um unsere Nacht zu schmücken, dieses anzunehmen,

verlangte einen Mut, den man nur als Hochmut bezeichnen kann. Der

Schimmelpilz, der in einem dunklen Honigtopfe wuchert und sich für das

einzig lebende Wesen auf der Erde erklärt, ist weniger anmaßend als

der Mensch, der sich zum Alleinbewohner des Universums proklamiert.

Was nützen uns alle Wissenschaften, was alle Zahlen mit 10 Nullen,

alle Teleskope mit ihren Schrauben und Hebeln, alle Kenntnisse des

Weltenbaues, wenn wir nichts +lernen+!? Kopernikus und Kepler, Newton

und Herschel hätten umsonst gelebt, wenn wir uns in dieser höchsten

aller Fragen, in der Lebensfrage zurückbegäben auf den geistigen

Standpunkt des Ptolemäus, der das Weltall um die Erde kreisen läßt.

Hüten wir uns, daß wir nicht groß sind in Taten und klein in Gedanken.

Kühn wie das Fernrohr und zielsicher wie die Rechnung des Astronomen

sei unser Geist und füge sich den Wundern, die die Wissenschaft

entdeckt: wenn die Sonne ein Stern ist unter Legionen von Sternen

gleicher Art, unser System eine Welt unter ungezählten Schwesterwelten,

die Erde ein Planet unter Milliarden ähnlicher Planeten, dann sind auch

wir ein Volk unter Völkern, eine Blüte am großen Stamm des Lebens, der

sich durch den Sonnengarten des Universums rankt.

»Aus allewigem Grün des Frühlings steigt der Lebensbaum empor;

Milchstraß' und Plejaden reichen diesem Baum zur Leiter nicht.«

Wenn die Milchstraße wirklich ein großes Sternsystem darstellt, in

dem die Schwerkraft wirkt, müssen sich alle Glieder dieses Systems

gegenseitig anziehen -- und bewegen. Dann können die Gestirne keine

Fixsterne, Haftsterne sein, angeheftet an das Himmelsdach wie die

Glühbirnen an die Decken unserer Zimmer, sondern müssen Sonnen sein,

die im Raume schweben wie die unsere und der Schwerkraft unterliegen,

sich in Bahnen bewegen wie Planeten, Planeten jenes einzig wahren

großen Sonnensystems, dessen Sternenfülle uns als Milchstraßengürtel

nächtlich umschimmert.

[Illustration: Abb. 9. Der große Wagen vor 50000 Jahren, heute und in

50000 Jahren.]

Als im Jahre 1718 der berühmte Kometenberechner Halley die Sternkarten

seiner Zeit mit denen des Altertums verglich, bemerkte er, daß

der Stern Aldebaran sich um ⅕, Arktur um 1½ und Sirius sogar um 2

Vollmondbreiten von ihrem Standpunkt vor ungefähr 2000 Jahren entfernt

haben müßten. Diese erste Bemerkung von Sternortsveränderungen

wurde später durch mehrere Forscher bestätigt. Die Sterne sind kein

»festgenagelt unbeweglich Heer«, sondern bewegen sich. Natürlich

ist diese Sternbewegung nicht unmittelbar zu verfolgen. Die kurze

Spanne eines Menschenlebens von 70 Jahren reicht nicht aus, die

Ortsveränderungen eines Sternes zu bemerken, so wenig 70 Sekunden

genügen, um die Bewegung eines Schiffes am Horizont festzustellen,

selbst wenn es in voller Fahrt dahinsegelt. Wenn Aristoteles aus seinem

Todesschlaf erstünde und den Himmel anschaute, würde er an seinem

falschen Lehrsatz von der ewigen Unveränderlichkeit des Himmels

festhalten. Das Bild des Orion, die Plejaden und der Große Bär würden

ihm in derselben Stellung erscheinen, die er vor 20 Jahrhunderten sich

einprägte. Würde er dagegen den Himmel nach 20 Jahrtausenden wieder

erblicken, so böte sich ihm ein völlig verändertes Bild, und der große

Forscher des Altertums würde des Satzes belehrt, den wir mit unseren

Instrumenten als unwiderlegliche Tatsache erkannt haben: +alle Sterne

bewegen sich+. Der große Himmelswagen konnte ebensowenig vor 50000

Jahren in der Urzeit als ein Wagen gelten wie nach 50000 Jahren in

der Zukunft, denn seine Sterne streben gruppenweise in verschiedener

Richtung auseinander (Abb. 9). Der Sirius bewegt sich in je 1500

Jahren um eine scheinbare Vollmondsbreite von seinem Standort und

würde demnach in 1 Million Jahren den ganzen Himmel umkreist haben.

Die größte im Bild festgehaltene Sternverschiebung zeigt der Stern

1830, der sich zwischen den Jahren 1800 und 1900 um ¼ Vollmondsbreite

gegen das benachbarte Sternenpaar verschoben hat (Abb. 10). Als man

die Sterne in der Umgebung dieses Objektes untersuchte, stellte man

eine auffallend ähnlich starke Eigenbewegung an den beiden benachbarten

Sternen 21258 und 21185 fest. Man verfolgte die Richtungen, aus denen

diese drei schnellfliegenden Sterne kommen, und fand zur großen

Überraschung, daß sie von einem gemeinsamen Punkt nach verschiedenen

Seiten auseinanderstreben wie die Splitter einer explodierten Granate.

Sind sie vielleicht Weltensplitter einer Sonnenexplosion?

[Illustration: Abb. 10. Ortsverschiebung des Sternes 1830 zwischen den

Jahren 1800 und 1900.]

Wir wissen es nicht. Aber wir sehen hier drei Weltkörper in einer

Bewegung, die mit größter Wahrscheinlichkeit +eine+ treibende

Ursache besitzt. Wir sehen hier drei Sterne in einer offenbaren

+Gruppenbewegung+. Diese Beobachtungen regten die Forscher an, auch

die Sonnen der großen Sterngruppen Plejaden*, Hyaden*, Haar der

Berenice* auf ihre Eigenbewegung zu untersuchen. Wie erstaunt war

man, als man in der Tat an diesen großen Sterngruppen einheitliche

Bewegungen entdeckte! Die fünf mittleren Hauptsterne des Großen Bären

bilden nicht nur eine scheinbare, sondern tatsächlich zusammengehörige

»Bärenfamilie«. Ihre durchschnittliche Entfernung von uns beträgt 6

Millionen Sonnenweiten = 100 Lichtjahre. Auch untereinander ist ihr

Abstand trotz ihrer Zusammengehörigkeit noch gewaltig. Der äußerste

Stern Merak in der rechten unteren Ecke des Vierecks ist von Mizar in

der Deichsel viermal weiter als der Sirius von uns entfernt, und das

Licht braucht zum Durcheilen dieser Strecke 30 Jahre. Trotzdem verraten

diese Sterne durch Übereinstimmung ihrer Entfernung, Größe, Farbe,

Temperatur, stofflichen Beschaffenheit und Bewegung ihre unzweifelhafte

Zusammengehörigkeit. Sie bewegen sich sämtlich mit der gleichen

Geschwindigkeit in der Richtung auf den Stern Wega* in der Leier und

legen auf diesem Sonnenlauf jährlich 600 Millionen Kilometer zurück.

Weniger schwer als bei dieser ausgedehnten Sternfamilie läßt sich die

Zusammengehörigkeit jener eng gedrängten Sonnen verstehen, die wir

als die bekannten Sternhaufen Plejaden, Krippe und Hyaden am Himmel

erblicken. 45 von den 150 helleren Sternen der Plejaden* besitzen neben

gemeinsamer Entfernung, Größe, Temperatur und Stoffbeschaffenheit

eine gemeinsame Eigenbewegung, an der sich von den mit bloßem Auge

sichtbaren Sternen Elektra, Atlas und das Alkyonesystem beteiligen.

Fast noch auffälliger ist die gemeinsame Bewegung der benachbarten

Hyadengruppe im Stier rings um den Hauptstern Aldebaran. Ihre

Entfernung von uns beträgt ungefähr 120 Lichtjahre. Zeichnet man die

Bewegung dieser Sterne auf, so laufen alle Richtungslinien in einem

Punkt des Fuhrmanns zusammen (Abb. 11). Eilen diese Sterne unaufhaltsam

einer Katastrophe entgegen? Werden sie eines Tages an diesem Punkt

zusammenprallen und das Firmament durch einen ungeheuren Weltbrand

entflammen? Nein. Diese Sterne entfernen sich von uns und laufen auf

diesem Wege parallel nebeneinander her wie die Gleise einer Eisenbahn,

und wie die Schienen scheinbar in der Ferne zusammenlaufen, während

sie in Wahrheit in immer gleichem Abstand bleiben, so scheinen die

Hyaden auf ihrem Lauf in die Himmelstiefe zusammenzuströmen, während

sie in der Tat nur in einer Richtung nebeneinander eilen. Um 40 ~km~

entfernen sie sich in jeder Sekunde von uns, enger und enger für

unsere Blicke zusammenströmend wie die roten Lichter eines enteilenden

Zuges. In 50000 Jahren haben sie sich um die Länge der eingezeichneten

Pfeile bewegt, in 50 Millionen Jahren ist die ausgedehnte Gruppe

für uns in der Weltraumferne zusammengeschrumpft zu einem winzigen

Haufen, in dem nur das Fernrohr kleinste Sterne 10. Größe wahrnimmt --

für immer verschwunden wie ein Zug von Vögeln, der sich im Blau der

Ferne als Punkt verliert. Nicht sehr fern von den Hyaden steht eine

Sterngruppe, Praesepe oder Krippe* genannt. Zehn Sterne dieser Gruppe

stimmen in der Richtung ihrer Bewegung, in ihrer Schnelligkeit, ihrer

physischen Beschaffenheit, Temperatur und Größe so vollkommen mit den

Hyadensternen überein, daß an einer inneren Verwandtschaft zwischen

den Sternen dieser beiden Gruppen wohl kaum ein Zweifel bestehen kann.

Leider gestattet die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse uns heute

noch nicht einmal eine Wahrscheinlichkeitshypothese über das Wesen der

Verwandtschaft zwischen diesen beiden hervorragenden Sternfamilien.

[Illustration: Abb. 11. Gruppenbewegung der Hyaden. Die Länge der

Pfeile gibt die Ortsveränderung in 50000 Jahren an.]

Diese Gruppenbewegungen der Sterne offenbaren uns ein neues

Prinzip in der Mechanik der Milchstraße: +es herrscht Ordnung im

Milchstraßensystem und in den Bewegungen seiner Sonnen+. Die Sterne

sind nicht regellos wie der Sand am Meer verstreut, die Schwerkraft

treibt sie nicht wahllos durch den weiten Plan. Sie sind geordnet

zu Paaren und Familien, sie bewegen sich in Gruppen und Zügen, wie

Zugvögel fliegen sie durch das All. Angesichts dieser Gruppenbewegungen

fühlen wir das Wirken sonnenordnender Mächte und weltbeherrschender

Gesetze, uns durchweht ein Ahnen vom »Kosmos«, vom großen Schmuck

des Alls, von der Weltenordnung des Universums. Aber die Grenzen

dieses Wissens und Gefühls sind beschränkt. Alle jene Sterne, deren

Gruppenbewegung wir verfolgt, sind unsere Nachbarwelten, sind

Glieder jenes kleinen im Ring der Milchstraße verschwindend kleinen

Haufens, in dessen Mitte unsere Sonne sich befindet. Was wir über

die Bewegung dieser helleren Sterne erfahren, betrifft immer nur das

Leben dieser kleinen Sternenfamilie von einigen hundert Sternen und

nicht den großen millionenzähligen Sonnenstrom der Milchstraße. Um

die allgemeine Sternbewegung im System der Milchstraße zu ergründen,

müßten wir die Ortsverschiebung all jener unzähligen kleinsten und

feinsten Lichtpünktchen, deren Herschel Tausende auf dem Raum einer

Vollmondscheibe zählte, erforschen, müßten wir den Sternort jedes

dieser Sonnenfünkchen, deren Gesamtlicht uns als Milchschimmer

entgegendämmert, aufs genaueste bestimmen. Ein aussichtsloses

Unternehmen! Welcher Menschenfleiß könnte diese Scharen bannen? Eine

Armee von Astronomen müßte dieser Riesenarbeit ihr Leben opfern. Ganze

Batterien von Teleskopen müßten gegen die Milchstraße aufgefahren

werden. Und auch dann wäre es unmöglich, sich mit Menschensinnen ohne

Irren zurechtzufinden in dem Lichtgeflimmer dieser dichtgedrängten

Legionen. Wer kann die Tropfen zählen, die aus Wolken fallen, wer die

Flocken berechnen, die im Schneegestöber wirbeln? Der Mensch hätte

bedingungslos auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten müssen,

wenn es ihm nicht gelungen wäre, der Erfindung des Fernrohrs, das ihm

diese Wunder enthüllte, eine zweite hinzuzufügen, die ihm diese Wunder

festhielt: die +Photographie+.

Die photographische Kamera kann man das dritte Auge der Menschheit

nennen. Sie ist ein echtes Auge. Sie besteht aus einem Augenkasten,

der wie der menschliche Augapfel schwarz ausgekleidet ist, einer Linse

wie die menschliche Linse und einer lichtempfindlichen Tapete wie die

Netzhaut unseres Augenhintergrundes. Genau wie das menschliche Auge

stellt sich dieses dritte Auge ein auf nah und fern. Aber es übertrifft

das Menschenauge in der verschiedensten Weise. Das menschliche Auge

besitzt nur einen Momentverschluß. Es nimmt nur Augenblicksbilder von

jedem Punkt auf. Bei scharfer Einstellung auf einen Punkt ermüdet es

nach wenigen Augenblicken und liefert nunmehr nur noch verschwommene

Bilder. Das photographische Auge arbeitet mit Zeitaufnahmen. Es sieht

10 Minuten, 10 Stunden. Je länger es offen steht, desto mehr sieht

es. Es blickt 5 Tausendstel Sekunden hin und sieht die 20 hellsten

Sterne erster Größe. Es blickt 10 Tausendstel Sekunden und sieht die

50 Sterne 2. Größe. Es schaut 30 Tausendstel Sekunden und erblickt 200

Sterne 3. Größe. Es öffnet sich 1 Zehntel Sekunde und bannt 600 Sterne

4. Größe auf seine künstliche Netzhaut. Nach 2 Zehntel Sekunden gibt

es uns das Bild von 1200 Sternen 5. Größe und nach 5 Zehntel Sekunden

das von 4000 Sternen 6. Größe. Wir sind an die Grenze dessen gelangt,

was das menschliche Auge unbewaffnet sieht. Eine Sekunde braucht das

photographische Auge, um die Sterne 7. Größe, 3 Sekunden, um die der

8. Größe, 8 Sekunden, um die der 9., 20 Sekunden, um die Sterne 10.

und 30 Sekunden, um die Sterne 11. Größe, die in der Entfernung von

1000 Lichtjahren leuchten, festzuhalten. Nach 2 Minuten sieht es alle

Sterne der 12., nach 5 Minuten alle Sonnen 13. Klasse. In 13 Minuten

hat es 44 Millionen Sterne 14. Klasse erfaßt, in 33 Minuten 134

Millionen 15. und in 80 Minuten 400 Millionen Sterne 16. Größe. Die

drei Bilder der Abb. 12 illustrieren die Sehkraft des photographischen

Auges. Das unbewaffnete Auge sieht an dieser Stelle nur den Stern

Deneb*. Im Fernrohr nimmt es noch die Sterne des oberen Feldes wahr,

die photographische Platte erblickt in vier Stunden die Sterne des

mittleren und in 13 Stunden die Sterne des unteren Feldes.

Da die photographische Platte außerdem im Gegensatz zum menschlichen

Auge für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist,

sieht die Camera obscura Tausende von Sternen ultravioletter Farbe, die

das Menschenauge selbst in phantastisch großen Teleskopen nie erblicken

könnte.

Das photographische Auge sieht also mehr. Es sieht aber auch ohne

Fehler. Es fälscht nicht wie der menschliche Sehapparat. Wenn ein

Astronom einen Sternort bestimmt, muß er das Bild von seiner Netzhaut

in die Sehsphäre des Großhirns, von hier ins Muskelerregungszentrum

leiten, von hier durch die Nervenbahnen des Rückenmarks in die

Handmuskeln schicken, die das Bild des Sternes in ein vorgedrucktes

Netz eintragen. Wieviel Fehler können und müssen sich auf diesem

mehrfachen Schaltweg einschleichen? Das photographische Auge kennt

keine Umschaltung. Es vereinigt auf seiner Netzhaut Sehen, Erfassen und

Zeichnen. Was es sieht, hat es schon erfaßt, und was es erfaßt hat, ist

schon in seinem Bilde eingezeichnet. Es hält das Bild da fest, wo es

physikalisch in Wirklichkeit erscheint. Jedes Pünktchen, und sei es das

kleinste, steht an seiner Stelle und keinen Deut daneben.

Das photographische Auge arbeitet schneller. In einer Stunde entwirft

es eine Himmelskarte, zu deren Anfertigung ein Astronom ein Jahr

gebraucht. Während nämlich das menschliche Auge zu einer Zeit nur

eine Stelle scharf erkennen kann, das menschliche Hirn nur eine

Ortsbestimmung übernehmen, die menschliche Hand nur eine Sternzeichnung

ausführen kann, sieht das photographische Auge zu gleicher Zeit

1000 Sterne und zeichnet alle 1000 in Sekunden auf die Platte ein.

Jedes Bromsilberkörnchen in der Gelatineschicht einer Platte ist

ein Auge, ein Hirn, eine Hand für sich, ist ein Mensch, der für uns

sieht, denkt und zeichnet, und eine einzige unscheinbare gelbe Platte

ersetzt die Arbeitskraft einer ganzen Warte. Die Photographie hat

durch den automatisch technischen Betrieb das Maschinentempo in die

Himmelsforschung eingeführt.

Das photographische Auge besitzt eine grenzenlose Erinnerung. Während

der Eindruck eines Bildes auf der menschlichen Netzhaut verblaßt,

sobald der Lidverschluß sich senkt, und von nun an immer mehr

verwischt, so daß ein Bild, das nicht sofort übertragen wird, schon

nach Minuten für alle Zeit verloren ist, bewahrt die photographische

Platte den Eindruck des Moments für alle Zukunft. Was es in der Nacht

gesehen, enthüllt das photographische Auge am Tage, was es in den

Tropen erschaut, erzählt es ohne einen Schattenhauch zu lügen nach

einem Jahr in London und Paris. Ehedem mußte der Astronom in Nacht und

Kälte an dem Fernrohr sitzen, Stern für Stern aufsuchen, einstellen,

ausmessen, berechnen und einzeichnen. An einem anderen Abend mußte er

diese Arbeit genau so wiederholen, um die Ergebnisse zu kontrollieren

und bei Entdeckung von Fehlern zum dritten Male ausführen. Und heute?

Am hellen Tage bei Wolkenhimmel und Nebelatmosphäre werden alle

Vorbereitungen für eine Sternphotographie erledigt. Man erwartet die

Nacht, prüft den Stand des Rohres, ein Hebeldruck, das photographische

Auge öffnet sich, blickt stumm in Finsternis, die Menschenaugen nichts

enthüllt, stumm schließt es sich -- tausend Sterne sind fixiert.

[Illustration: Abb. 12. Die Gegend des Sternes Deneb, wie sie sich 1.

dem Auge. 2. der photographischen Platte nach vier Stunden, 3. nach 13

Stunden offenbart.]

Nur dem photographischen Auge verdanken wir die Erfüllung eines

Wunsches, der vor 100 Jahren einem Herschel und selbst vor 50 noch

einem Argelander als märchenhafter Traum erscheinen mußte und für

die Milchstraßenforschung ein Ereignis ersten Ranges bedeutet: die

Anfertigung einer Himmelskarte, in der alle Sterne bis zu den kleinsten

hinab aufs genaueste eingezeichnet sind. Im Jahre 1887 trat in Paris

ein internationaler Astronomenkongreß zusammen, der die Ausführung

einer photographischen Himmelskarte beschloß. Die Aufgabe, nach

festgelegten Grundsätzen mit einem bestimmten Instrument den ganzen

Himmel photographisch aufzunehmen, wurde verteilt unter die Sternwarten

Greenwich, Oxford, Helsingfors, Potsdam, Paris, San Fernando, Tacubaya,

Perth, Kapstadt, Sidney, Melbourne, Santiago, Hyderabad, Kordoba und La

Plata. Jede Sternwarte hatte eine Himmelszone zu photographieren und

zwar in zwei Serien. Sie hat 1200 Aufnahmen von 5 Minuten und 1200 von

50 Minuten Belichtungsdauer anzufertigen. Die kurzen Aufnahmen, die

400000 Sterne bis zur 11. Größe festhalten, werden zu einem Katalog

vereinigt, die langen Aufnahmen, die über 3 Millionen Sterne fixieren,

sind für einen Himmelsatlas bestimmt. Jede Platte umfaßt den 10313.

Teil des Himmels. Dadurch, daß die Ecke jeder folgenden Platte mit dem

Mittelpunkt der vorhergehenden zusammenfällt, ist jeder Stern auf zwei

verschiedenen Platten aufzufinden, wodurch vorkommende Plattenfehler

aufgedeckt und ausgeschaltet werden. Im ganzen werden 40000 Platten

angefertigt, die in Paris gesammelt und mit besonderen Meßapparaten

ausgemessen werden.

Gerade in unseren Tagen geht dieses Gigantenwerk seiner Vollendung

entgegen. Nicht das Werk eines Mannes, nicht die Tat eines Volkes,

nicht die Leistung eines Kontinents, hier wird ein Menschheitswerk

vollbracht. Länder überbrücken ihre Grenzen, Völker reichen sich die

Hände, Antipoden grüßen sich. Über den Dächern von Paris, in den Ebenen

Schottlands, an Spaniens südlichster Küste, am Kap der guten Hoffnung,

am Abhang des südamerikanischen Hochgebirges, auf den Mauern indischer

Festen, an den Küsten des 5. Erdteils in der Südsee -- überall richten

sich die Rohre gegen den Himmel, öffnen sich die stummen Augen der

Camera obscura, und ihr Blick bannt auf die gläserne Netzhaut für

alle Zeit das Bild der Sterne, wie es sich der Menschheit um die

Wende des 20. Jahrhunderts darbot. Schon der Geist, der über diesem

internationalen Friedenswerke liegt, ist erhebend, und um seinetwillen

ist es die Mühe wert. Menschen, die sich nie gesehen, nie voneinander

gehört, ihre Sprache nicht verstehen, einen sich zu gemeinsamem Tun,

dienen einer Idee; widmen ihre Arbeitskraft, ihre Lebensideale einem

Werk, an das sich nie der Name derer knüpft, die es verwirklicht,

von dem die Schaffer nicht einmal den Lohn genießen werden. Denn die

photographische Himmelskarte ist ein Werk der Zukunft. Die Astronomen,

die heute den Himmel photographieren, handeln selbstlos wie jener

Greis, der Bäume pflanzte, damit die Enkel Schatten und Früchte

genießen. Sie selbst pflücken nicht die Früchte ihrer Arbeit. Aber die

Saat, die sie ausstreuen, verheißt den Enkeln eine reiche Ernte. In 50

Jahren nämlich wird man die photographische Himmelskarte wiederholen,

und dann wird jede noch so geringe Verschiebung auch der kleinsten

und letzten Sternchen aufs genaueste festgestellt werden. Nach der

Neuauflage der internationalen Himmelskarte in einem halben Jahrhundert

wird man die Eigenbewegungen nicht von hundert, sondern von 100000

Sternen feststellen können, und einen, wenn auch infolge der kurzen

Zeitspanne nur allgemeinen, so doch umfassenden Einblick in das Wesen

der Sternbewegungen innerhalb der Milchstraße gewinnen.

Bei aller Großartigkeit gibt uns die photographische Maßmethode

doch nur ein einseitiges Bild von den Bewegungen im Weltall. Sie

unterrichtet uns nur über die seitlichen Verschiebungen der Sterne

in der Bildfläche, über die Sternbewegungen in der Bildtiefe, in der

Blickrichtung gibt sie uns keinen Aufschluß. Der einfache Verstand

kann sich keine einzige Methode ausdenken, die uns über die Annäherung

oder die Entfernung der Sterne Aufschluß zu geben vermöchte. Jeder

dieser Sterne ist ein Pünktchen, seit Jahrtausenden unverändert,

und er müßte um ein Zehntel, um ein Viertel, um die Hälfte seines

ungeheuren Abstandes näher oder weiter rücken, müßte also in viel

tausend Jahren phantastisch große Strecken zurücklegen, ehe wir an

der Zu- oder Abnahme seiner Helligkeit die Richtung seiner Bewegung

erkennen könnten. Und wenn wir selbst durch irgendeinen wunderbaren

Apparat die Richtung dieser Bewegung in kurzer Zeit feststellen,

könnten wir jemals hoffen, die Geschwindigkeit dieser Bewegung zu

erfahren? Könnten wir nicht eher glauben, daß die Träume Jules Vernes

von der Mondfahrt und der Reise ins Zentrum der Erde Wahrheit würden,

als daß wir sagen können, der Sirius nähert sich uns in jeder Sekunde

um 7 ~km~, Aldebaran dagegen entfernt sich von der Erde mit einer

Sekundeneile von 50 ~km~? Müßten dazu nicht Märchen Wahrheit werden?

Diese Märchen sind Wahrheit geworden. Zwar kümmert sich die große

Welt nicht um diese Wunder, weiß nichts von ihnen. Seit jeher war

es so der Lauf der Dinge, daß Marktgeschrei und Tagessensation die

Menschen locken. Vor einem neuen Gauklertrick jauchzt das Parterre, vor

einem neuen Lichteffekt staut sich die Menge, ein neuer Sportrekord

begeistert das Publikum, und das Wunder sucht man in Bühnenromantik

und am Spiritistentisch. Einen altrömischen König nicht zu kennen, die

Jahreszahl eines Kreuzzuges nicht zu wissen, den Roman des neuesten

Tagesdichters nicht gelesen zu haben, schämt sich der »Gebildete«. Aber

am wahren Wissen, an den wahren Wundern geht die Welt vorüber. Denn die

wahren Wunder sind stumm und bescheiden.

Das Fernrohr ist die künstliche Linse, die photographische Platte

die künstliche Netzhaut der Menschheit. Sie sind nichts anderes als

Verbesserungen unseres natürlichen Sehapparates. Sie erschließen

uns nichts neues, unbekanntes, sondern verstärken nur die beiden

Grundfähigkeiten unseres Auges: mit der Linse Licht zu sammeln und

ein Bild zu entwerfen, mit der Netzhaut dieses Bild aufzunehmen und

festzuhalten. Das dritte Instrument des Astronomen aber bereichert

uns um eine ganz neue Anschauungsmöglichkeit, es schenkt uns ein

neues Organ, gleichsam einen sechsten Sinn. Es eröffnet uns eine

ganz neue Welt, sozusagen eine vierte Dimension. Dieses neue

Weltbetrachtungsorgan ist das +Prisma+.

Jeder kennt das Prisma oder den Dreikant. Zu Dutzenden hängt es an den

alten Kronleuchtern und hat uns schon als Kind Freude gemacht durch

die Buntheit seiner Lichter. Jede geschliffene Spiegelkante ist ein

Prisma. Der Kristallschliff unserer Vasen und Schalen zerlegt die

glatte Glasfläche in lauter kleine Prismen. Jeder Diamant ist in seinem

Schliff ein vielfaches Prisma.

Die Milchstraße · 第 3 / 8 段